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7) Amerika

Wenn wir nun dazu übergehen, den Einfluss des Calvinismus als politischer Kraft in den Vereinigten Staaten zu studieren, öffnen wir eines der schillerndsten Kapitel calvinistischer Geschichte. Der Calvinismus betrat Amerika von der Mayflower aus; Bancroft, der großartigste amerikanische Historiker, nannte die Pilgerväter »dem Glauben nach Calvinisten der geradlinigsten Art.«320320     Hist. U. S., Bd. 1., S. 463.

John Endicott, der erste Gouverneur der »Massachusetts Bay Colony«; John Davenport, der Gründer der »New Haven Colony« und Roger Williams, der Gründer der Kolonie Rhode Island — sie alle waren Calvinisten. William Penn war ein hugenottischer Jünger. Es wird geschätzt, dass zur Zeit der amerikanischen Revolution von 3 Millionen Menschen 900.000 schottischen oder schottisch-irischen Ursprungs waren, 600.000 englische Puritaner und ca. 400.000 Deutsche oder holländisch-reformierte. Dazu hatten die Episkopalisten mit ihren neununddreißig Artikeln ein calvinistisches Bekenntnis; auch viele Hugenotten waren aus Frankreich nach Amerika gekommen. Etwa zwei Drittel der kolonialen Bevölkerung waren in der Schule Calvins gebildet worden. Die Gründung einer Nation wie dieser und noch dazu von solchen Leuten ist in der Geschichte der Menschheit einzigartig. Diese Leute kamen nicht vorrangig aus wirtschaftlichen Gründen hierher, sondern  ihrer tiefen religiösen Überzeugungen wegen. Es scheint, als habe die religiös motivierte Verfolgung in vielen Ländern Europas dazu geführt, die fortschrittlichsten und erleuchtetsten Köpfe zur Kolonisation Amerikas auszusondern. Es wird auf jeden Fall zugegeben werden, dass die Engländer, Schotten, Deutschen und Holländer die hellsten Köpfe des damaligen Europa gewesen sind. An dieser Stelle muss man sich daran erinnern, dass die Puritaner, die die größte Masse bei der Besiedelung Neuenglands ausmachten, einen calvinistischen Protestantismus mit sich brachten. Sie waren den Lehren der großen Reformatoren voll und ganz ergeben. Jedem Formalismus abhold, hatten sie eine Aversion gegen jegliche Unterdrückung von Seiten der Kirche und des Staates. Die ganze Periode der Kolonisation hindurch war der Calvinismus die dominierende Glaubensrichtung. Vor diesem Hintergrund kann es nicht überraschen, dass der Presbyterianismus einen wichtigen Anteil an der Amerikanischen Revolution hatte. Der US-amerikanische Historiker Bancroft sagt:

»Die Revolution von 1776, sofern sie vom Glauben beeinflusst war, war eine Maßnahme der Presbyterianer. Sie war die Frucht dessen, was die Presbyterianer der Alten Welt in ihre Söhne gepflanzt hatten, die Puritaner Englands, die Covenanters aus Schottland, die Hugenotten Frankreichs, die holländischen Calvinisten und die Presbyterianer von Ulster.«321321     Quelle nicht angegeben.

Die Presbyterianer waren in ihrem Eifer nach Freiheit dermaßen strebsam, durchgängig und aggressiv, dass man in England schon von einer »Presbyterianischen Revolution« sprach. Ein leidenschaftlicher Anhänger der Kolonialisten unter König George III schrieb nach Hause:

»Es ist eine unerhörte Schande, was hier mit den Protestanten vor sich geht. Sie sind die Hauptursache all dieser brennenden Unruhen. Ständig bieten sie ihren monarchiefeindlichen Geist auf, um gegen die Regierung zu opponieren. Dieser Geist zeichnet sie überall aus.«322322     Presbyterians and the Revolution, S. 49.

Als die Neuigkeiten dieses »außergewöhnlichen Vorgehens« England erreichten, sagte der Premierminister Horace Walpole im Parlament:

»Unsere Nichte Amerika ist mit einem presbyterianischen Pastoren durchgebrannt.«323323     Quelle nicht angegeben.

»Dr. John Witherspoon, gebürtiger Schotte und direkter Nachkomme von John Knox war zur Revolutionszeit der Präsident des Princeton College. Er war das einzige geistliche Mitglied im Revolutionskongress. Wie man erwarten darf, unterstützte er eloquent und mit großem Ernst jede Maßnahme, die der Kongress zur Sicherung der Unabhängigkeit verabschiedete. Als der große Moment zur Unterzeichnung der Erklärung kam und einige Mitglieder noch zögerten, ihre Namen unter das Dokument zu setzen, beschwerte er sich redegewandt: ›Dieses ehrbare Dokument auf Ihrem Tisch, das seinen Autor unsterblich machen wird, muss von jedem unterschrieben werden, der hier anwesend ist. Wer diesem Dokument nicht in vollem Umfang zustimmt und nicht mit aller erdenklichen Kraft seine Ziele zu verfolgen sucht, ist es nicht wert, ein freier Mann zu heißen. Ich habe zwar mehr Ruf als Land. Dieser Ruf steht hier am Spiel; der Besitz des Landes hingegen hängt von unserer Entscheidung ab. Und wenn auch mein grauhaariger Kopf bald in sein Grab sinken wird, wäre es mir lieber, ihn mir von einem öffentlichen Henker abschlagen zu lassen, als mein Land in dieser heiligen Sache zu verraten.‹«324324     Scotch and Irish Seeds in American Soil, S. 334.

Die Geschichte ist, was die Geburt der amerikanischen Demokratie aus dem Christentum betrifft, sehr beredt; dieses Christentum jedoch war der Calvinismus. Der große revolutionäre Konflikt, der den amerikanischen Staat hervorgebracht hat, wurde in der Hauptsache von Calvinisten ausgefochten. Dieses Land ist ihr Geschenk an alle freiheitsliebenden Menschen. So sagt Schaff:

»Die Grundlagen der Republik der Vereinigten Staaten können irgendwo zwischen Puritanismus und Calvinismus gefunden werden und fungierten als wichtigstes Erziehungsmittel zur Beförderung moderner Freiheit.«325325     Philip Schaff, Creeds of Christendom, S. 219.

Das Zeugnis Emilio Castelars, jenes berühmten Staatsmannes, Redners und Gelehrten, ist es wert, betrachtet zu werden. Castelar war Professor der Philosophie auf der Universität Madrid, bevor er in die Politik einstieg. Er wurde Präsident der ersten Republik, die von den Liberalen 1873 errichtet wurde. Als römischer Katholik hasste er Calvin und den Calvinismus. Er sagte einmal:

»Die republikanische Bewegung hat eine strengere Moral nötig, als sie ein Luther aufstellte, und zwar eine Moral, wie sie ein Calvin formulierte, und eine Kirche, die demokratischer ist als die deutsche, eine Kirche wie die in Genf. Die angelsächsische Demokratie leitet sich vom Buch einer ganz einfachen Gesellschaftsschicht her — der Bibel. Sie ist das Ergebnis der strengen Theologie einiger christlicher Flüchtlinge, wie sie sich in den düsteren Städten der Schweiz und Hollands fanden, wo sich der missmutige Schatten Calvins noch immer herumtreibt. … Ihrer [der Demokratie] Herrlichkeit eignet Heiterkeit; es entstammt ihr der Menschheit würdevollste, moralischste und erleuchtetste Teil.326326     Harper‘s Monthly, June and July, 1872.

Wie aus einer solch bitteren Quelle solch süße Wasser fließen können — diese seine Frage können wir ihm nachfühlen!

Motley merkt an:

»Die Saat der Freiheit in England, in den Calvinismus eingehüllt und viele Jahre treu bewahrt, war jetzt dazu bestimmt, über Land und See zu strömen und die größte Ernte maßvoller Freiheit und großen Wohlstand zu gewährleisten. … Die Calvinisten haben den Wohlstand Englands, Hollands und Amerikas begründet. … Mehr als allen anderen verdankt sich die politische Freiheit Englands, Hollands und Amerikas den Calvinisten.«327327     Motley, The United Netherlands, Bd. 3, S. 121; Bd 4., S. 548, 547.

Ein anderer berühmter Historiker, der Franzose Taine, der sich selbst als areligiös bezeichnete, hat zum Calvinismus folgendes zu sagen:

»Diese Männer waren die wahren Helden Englands. Sie begründeten England trotz Korruption der Stuarts durch die Ausübung ihrer Pflichten, durch Gerechtigkeit, durch hartnäckiges Schuften, durch Verteidigung allen Rechts und Widerstands gegen Unterdrückung, durch Eroberung der Freiheit und der Ablehnung allen Lasters. Sie haben Schottland gegründet und auch die Vereinigten Staaten, und in diesen Tagen gründen sie Australien und kolonisieren die Welt.«328328     English Literature, Bd. 2., S. 472.

E. W. Smith fragt in seinem Buch „The Creed of Presbyterians“ bezüglich der amerikanischen Kolonisten:

»Woher hatten sie diese unsterblichen Prinzipien der Menschenrechte, der Freiheit, der Gleichheit und der Selbstbeherrschung, auf der ihre Republik basiert, die heute den charakteristischen Ruhm der amerikanischen Kultur bildet? Aus der Schule Calvins haben sie sie gelernt. Dort hat sie die gesamte moderne Welt gelernt, so lehrt uns die Geschichte« (S . 121).

Wir wenden uns nun dem Einfluss der Presbyterianischen Kirche zu. Diese Kirche war maßgeblich am Aufbau der Republik beteiligt. So sagt Dr. W. H. Roberts vor der Generalversammlung:

»Die Presbyterianische Kirche war für beinahe ein ganzes Jahrhundert lang die einzige Kirche auf diesem Kontinent. Zu dieser Zeit hat sich auch die republikanische329329     Gemeint ist die demokratisch-republikanische Partei Thomas Jeffersons, aus der später die heutige, demokratische
   Partei hervorging (A. d. Ü.).
Regierung dieser Nation gebildet. … Von 1706 bis zum Beginn der Revolution war die einzige Körperschaft, die sich um unsere gegenwärtige politische Organisation gekümmert hat, die Generalsynode der amerikanischen Presbyterianischen Kirche. Unter kirchlichen und kolonialpolitischen Einrichtungen übte sie in Übereinstimmung mit den Kolonialisten auf alle neuen Bevölkerungsgruppen zwischen Neuengland und Georgia allein Autorität aus. Obgleich die Kolonien des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts von Großbritannien abhingen, wie man sich vor Augen halten muss, waren sie doch voneinander unabhängig. Einen Korpus wie den Kontinentalkongress gab es erst 1774. Die religiöse Verfassung des Landes ähnelte der politischen: die Kongregationalisten Neuenglands waren mit den anderen nicht verbunden und standen durchwegs unter Selbstverwaltung. Die Episkopalisten etwa waren in den Kolonien gar nicht organisiert, sondern hingen, was Unterstützung und Dienst anbelangte, noch ganz von der Kirche Englands ab; ihre Loyalität galt immer noch der britischen Krone. Die Reformierte Holländische Kirche wurde erst 1771 zu einer effizienten und unabhängigen Organisation; auch die Deutsche Reformierte Kirche erreichte diesen Zustand erst 1793. Die Baptisten waren vorerst ein loser Haufen, die Methodisten praktisch unbekannt. Die Quäker waren durchwegs Pazifisten.«

Jedes Jahr trafen sich Delegierte in der Generalsynode, wie uns Dr. Roberts berichtet. Die Kirche avancierte

»zu einem Unionsverband für die Korrespondenz zwischen großen Teilen der verschiedenen Kolonien.«

Er fügt hinzu:

»Ist es da verwunderlich, wenn unter diesem förderlichen Einfluss das Gewissen echter Freiheit groß wurde und wenn die Lehren eines gesunden Evangeliums im ganzen Gebiet von Long Island bis South Carolina gepredigt wurden? Langsam, aber sicher begann sich ein Gefühl der Einheit unter den Kolonien zu entwickeln. Man kann gar nicht genug betonen, welch immensen Einfluss die Kirche auf die Entstehung der Nation hatte, eine Kirche, die von 1706 bis 1774 als einzige am ganzen Kontinent die Aufgaben wahrgenommen hatte, bundesstaatliche Institutionen zu entwickeln. Die Vereinigten Staaten von Amerika schulden dieser ältesten amerikanischen Republik, der Presbyterianischen Kirche, sehr viel.«330330     Aus einer Ansprache: The Westminster Standards and the Formation of the American Republic.

Freilich ist damit nicht gesagt, dass die Presbyterianische Kirche die einzige Institution war, auf deren Grundsätzen die Republik erbaut worden war, es wird jedoch behauptet, dass die Prinzipien von Westminster das Fundament des neuen Staatenverbundes waren und

»dass es die Presbyterianische Kirche war, die in Übereinstimmung mit der organisierten Republik als erste in diesem Land diese Regierungsform nicht nur gelehrt und praktiziert, sondern auch für deren Erhaltung gesorgt hat.« (Roberts)

Zu Beginn der Revolution fanden sich die Presbyterianischen Geistlichen und Gemeinden ganz in den Reihen der Kolonisten; Bancroft schreibt ihnen den ersten unerschrockenen Schritt in Richtung Unabhängigkeit zu.331331     Bancroft, A History of the United States, Bd. 10., S. 77.

Die Synode von Philadelphia 1775 war der erste kirchliche Verbund, der öffentlich für eine Trennung von England plädierte. Sie forderte ihre Leute auf, alles Notwendige zur Erreichung dieses Zieles zu unternehmen. Sie bat sie, vereint für den Kongress zu beten, der zu dieser Zeit tagte. Die Episkopalisten waren noch mit der Kirche Englands verbunden; sie stellten sich einer Revolution entgegen. Eine beträchtliche Anzahl der Mitglieder jedoch war stark an der Unabhängigkeit interessiert und verwendete Wohlstand und Einfluss darauf, sie sicherzustellen. Immerhin stammte der Oberbefehlshaber des politischen Verbundes, der »Vater unseres Landes«, aus ihren Reihen. Washington selbst schloss sich ihnen an und befahl seinen Männern, sich seinen Geistlichen anzuschließen, die aus den verschiedenen Kirchen kamen. Mit vierzigtausend Dollar gründete er ein presbyterianisches College in seinem Geburtsstaat. Washington wurde wegen dieser Spende geehrt: man nannte die neue Einrichtung »Washington College«.

N. S. McFetridge hat noch auf eine andere wichtige Entwicklung der Revolutionszeit hingewiesen. Der Genauigkeit und Vollständigkeit halben nehme ich mir die Freiheit, ihn etwas ausführlicher zu zitieren:

»Einen anderen wichtiger Faktor der Unabhängigkeitsbestrebungen stellte die ›Mecklenburg-Deklaration‹ dar. Sie stammt von den Schottisch-Irischen Presbyterianern North Carolinas. Sie datiert sich auf den 20. Mai 1775, etwas mehr als ein Jahr vor der Unabhängigkeitserklärung des Kongresses. Sie stellte einen frischen, herzlichen Gruß der Schotten und Iren an ihre kämpfenden Brüder im Norden und damit eine entschiedene Herausforderung an die Krone Englands dar. Diese hatten den Verlauf der Kämpfe zwischen den Kolonien und der Krone scharf beobachtet, und als sie davon hörten, dass der Kongress dem König von England die Unabhängigkeit der Kolonien erklärt hatte, erachteten sie es an der Zeit, ihren Patriotismus gebührend zum Ausdruck zu bringen. In Charlotte (North Carolina) beriefen sie einige Volksvertreter, die mit einhelligem Beschluss die Unabhängigkeit des Volkes verkündeten und alle Gesetze und Beschlüsse der englischen Krone als null und nichtig erklärten. In ihrer Erklärung fanden sich Resolutionen wie diese: ›Hiermit lösen wir die politischen Bande, die uns mit unserem Mutterland verbinden und verweigern künftig jegliche Gefolgschaft gegenüber der Britischen Krone. … Hiermit erklären wir uns als freies und unabhängiges Volk, und damit erklären wir auch unsere politische Selbstbestimmung, die fürderhin keiner anderen Macht und Kontrolle untersteht als der unseres Gottes und der Generalversammlung des Kongresses: Zur Erhaltung versprechen wir einander die gegenseitige Unterstützung mit Einsatz unseres Lebens, unseres Glücks und unserer heiligsten Ehre‹. … Diese Versammlung bestand aus 27 gestandenen Calvinisten; ein drittel diese Leute waren Aufseher in der Presbyterianischen Kirche, darunter der Präsident und der Sekretär und auch ein Presbyterianischer Geistlicher. Der Sekretär der Volksvertreter, der dieses berühmte Dokument aufgesetzt hatte, war Ephraim Brevard, ein leitender Ältester der Presbytrianischen Kirche und Absolvent des Princeton Colleges. Bancroft berichtet über diese Deklaration, sie sei ›praktisch nicht nur Erklärung, sondern Regierungsprogramm‹ gewesen.332332     Ebd., Bd. 8, S. 40.

Ein spezieller Bote überbrachte sie [die Deklaration] dem Kongress nach Philadelphia. Sie wurde im »Cape Fear Mercury« veröffentlicht und wurde auf diese Weise im ganzen Land schnell bekannt. Sehr rasch gelangte sie auch nach England; dort sorgte sie für große Aufregung.

»Die gedankliche Einheit des Ausdrucks dieser Erklärung mitsamt jener, die Jefferson verfasst hatte, konnte dem Auge der Geschichte nicht verborgen bleiben. Tucker sagte in seinem Buch ›The Life of Thomas Jefferson‹: ›Jedermann war überzeugt, dass eine Deklaration von der anderen abgeschrieben war.‹ Nun kann Brevard nicht von Jefferson abgeschrieben haben, denn er hatte das Dokument ja einige Jahre vorher verfasst. Daher muss nach Jeffersons Biographen dieser von Brevard ›kopiert‹ haben. Welch glücklichen Umstand stellt dieses Plagiat aber dar — die Welt vergibt ihm gerne. An wenigen Stellen kann man noch sehen, wie Jefferson den Wortlaut seines ersten Entwurfes ausgebessert hat — zugunsten des Wortlautes der Mecklenburg-Deklaration. Niemand kann daran zweifeln, dass Jefferson Brevards Resolutionen vor sich liegen hatte, als er die unsterbliche Unabhängigkeitserklärung verfasste.«333333     McFetridge, Calvinism in History, S. 85-88.

Die auffallende Ähnlichkeit der Prinzipien der Presbyterianischen Kirche und der Verfassung der Vereinigten Staaten hat viel Echo bewirkt. Dr. E. W. Smith schreibt:

»Als die Väter unserer Republik sich zusammensetzten, um ein Regierungssystem auszuarbeiten, das sich auf Volk und Volksvertreter stützt, haben sie sich bei weitem nicht so schwer getan, wie einige geglaubt haben. Sie hatten ja bereits ein probates Modell vorliegen.«334334     Smith, The Creed of Presbyterians, S. 142.

»Wenn man den durchschnittlichen Amerikaner fragte, wer Amerika eigentlich gegründet hat, wer der eigentliche Kopf hinter unserer großartigen Republik sei, dann wird er über diese Frage einigermaßen verblüfft sein. Wir können uns leicht vorstellen, wie verwundert er wäre, wenn er die Antwort von einem der berühmtesten deutschen Historiker, Ranke, hörte, der sagte: ›Der eigentliche Gründer Amerikas ist Johannes Calvin‹«335335     Ebd., S. 119.

D’Aubigne, dessen Geschichte der Reformation als Klassiker gilt, schreibt:

»Calvin war der Gründer der großartigsten aller Republiken. Die Pilger, die ihr Land unter der Herrschaft James. I verließen, um am unfruchtbaren Boden Neuenglands anzukommen, haben einwohnerstarke und mächtige Kolonien gegründet. Sie waren Calvins rechtmäßige Nachkommen; die amerikanische Nation, die wir so schnell haben wachsen sehen, rühmt sich ihres Vaters, des bescheidenen Reformators von der Küste des Genfersees.«336336     Jean Henri Merle D'Aubigne, Reformation in the Time of Calvin, Bd. 1., S. 5.

Dr. E. W. Smith schreibt:

»Die revolutionären Prinzipien republikanischer Freiheit und Selbstbestimmung, wie sie im System Calvins verkörpert sind und gelehrt wurden, sind nach Amerika gekommen, und welche Hände haben diese Saat in das neue Land gebracht, das eine solch große Ernte hervorgebracht hat? — Es waren die Hände der Calvinisten. Die lebendige Beziehung Calvins und seines Lehrgebäudes zur Gründung jenes freien Amerika ist trotz der verblüffenden Aussage Rankes von Historikern aller Länder und Glaubensrichtungen zugegeben und bestätigt worden.«337337     Smith, The Creed of Presbyterians, S. 132.

Die geschilderten Tatsachen hat auch ein so philosophischer Historiker wie Bancroft durchaus verstanden und freimütig anerkannt; Bancrofts Überzeugungen standen dem Calvinismus nicht nahe, trotzdem nannte er Calvin »den Vater Amerikas«. Er fügte hinzu:

»Wer den Einfluss Calvins auf die Gründung Amerikas nicht erkennt und schätzt, der weiß wohl nur wenig über den Ursprung der amerikanischen Freiheit.«338338     Quelle nicht angegeben.

Wenn wir uns daran erinnern, dass zwei Drittel der Bevölkerung zur Zeit der Revolution in der Schule Calvins erzogen worden waren; wenn wir bedenken, mit welcher Einmütigkeit und mit welchem Enthusiasmus sich die Calvinisten für die Unabhängigkeit eingesetzt hatten, dann erkennen wir die Wahrheit der angeführten Zitate. Der Methodismus existierte zur Zeit der amerikanischen Revolution noch gar nicht, und selbst in England organisierte sich die Methodistenkirche erst um 1784, drei Jahre nach der Beendigung der Revolution in Amerika. Selbst John Wesley, dieser großartige Mann, war ein Tory339339     Die Tories waren entweder Mitglieder der konservativen Partei des britischen Parlaments oder zumindest Anhänger oder Sympathisanten. Sie setzten sich für die Rechte der Krone und der anglikanischen Kirche ein. Der Name Tory leitet sich vom irischen tóraidhe, Räuber, her, da sich die Anhänger der anglikanischen Kirche zeitweise in den Sümpfen Irlands verstecken mussten, weil man sie enteignet hatte. Dort beraubten sie Durchreisende. Letzteres trifft freilich nicht auf John Wesley zu (A. d. Ü.). und vertrat die Politik Englands. Er schrieb gegen die amerikanische »Rebellion« an, begrüßte aber deren Resultate. McFetridge berichtet uns:

»Als die Kriege begannen, hatten die Methodisten kaum Wurzeln in den Kolonien geschlagen. 1773 zählten sie etwa einhundertsechzig Mitglieder. Ihre Geistlichen kamen beinahe alle aus England; sie waren ergebene Diener der Krone und Gegner der amerikanischen Unabhängigkeit. Als der Krieg ausbrach, waren sie gezwungen, zu fliehen. Ihre politischen Ansichten stimmten naturgemäß mit denen ihres großen Führers, John Wesley, überein, der die ganze Kraft seiner Eloquenz und all seinen Einfluss darauf verwandte, gegen die Unabhängigkeit der Kolonien zu wettern (Bancroft, Hist. U.S., Bd. 7, S. 261.). Er sah nicht voraus, dass gerade das unabhängige Amerika das Feld werden würde, das seiner Glaubensgemeinschaft die größte Ernte einbringen würde und dass gerade jene Erklärung340340     Gemeint ist die Unabhängigkeitserklärung (A. d. Ü.). , die er so ernsthaft bekämpfte, die Freiheit seiner Anhänger erst garantierte.«341341     McFetridge, Calvinism in History, S. 74.

Die großen Kämpfe Englands und Amerikas um zivile und religiöse Freiheit wurden vom Calvinismus begonnen, inspiriert und hauptsächlich auch von Calvinisten ausgefochten. Weil die große Mehrheit der Historiker die Geschichte des Calvinismus vernachlässigt hat, hat sie uns auch nicht zeigen können, welch großen Einfluss der Calvinismus auf jene Länder gehabt hat. Das Licht geschichtlicher Forschung wird nötig sein, uns zu zeigen, wie sehr unsere Vorväter an den Calvinismus geglaubt hatten und auch von ihm bestimmt worden sind. Heutzutage ist beinahe vergessen, was die Gründung dieses Landes dem Calvinismus verdankt, und es fällt schwer, von diesem Thema zu sprechen, ohne den Calvinismus dabei zu preisen. Wir tun gut daran, jenes Glaubenssystem zu ehren, das solch süße Früchte hervorgebracht hat und dem Amerika so viel schuldet!


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