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8) Calvinismus und Regierungsvertretung

Obgleich es keine organische Verbindung zwischen der zivilen und der Religionsfreiheit gibt, üben sie dennoch einen starken Zug aufeinander aus; wo die eine Freiheit fehlt, verschwindet bald auch die andere. Die Geschichte gibt genugsam Zeugnis davon, wie sehr die Freiheit von der Religion eines Volkes abhängt, daher ist es auch so immens wichtig, auf welchen Lehren ein System aufgebaut ist, welchen Prinzipien man folgt — diese Dinge sind die Basis, auf der Leben und Regierung der Bürger fußt. Der Calvinismus war revolutionär. Er predigte die Gleichheit der Menschen; seine wesentliche Tendenz ging darauf aus, alle Unterschiede von Rang und Anspruch einzuebnen, die sich etwa auf Wohlstand oder Adel gründen wollten. Die freiheitsliebende Seele des Calvinisten hat ihn zu einem Kreuzritter gegen diese künstlichen Rangunterschiede gemacht, die einige Menschen über andere erheben.

Politisch gesehen ist der Calvinismus wohl die Hauptquelle moderner Volksregierung. Calvinismus und Republikanismus beziehen sich aufeinander wie Ursache und Wirkung; ist ein Volk von dem einen bestimmt, entwickelt es früher oder später den anderen. Calvin war davon überzeugt, dass eine Kirche unter Gott eine geistliche Republik darstellt; er selbst war theoretisch gesehen ein Republikaner. James I. wusste sehr wohl um die Auswirkungen des Calvinismus, als er sagte:

»Der Presbyterianismus stimmt der Monarchie so sehr zu wie Gott dem Teufel.«

Bancroft spricht vom

»politischen Charakter des Calvinismus, den die Monarchen jener Zeit instinktiv und einstimmig fürchteten wie den Republikanismus.«342342     Quelle nicht angegeben.

Ein anderer amerikanischer Historiker, John Fiske, hat geschrieben:

»Man darf keinesfalls unterschätzen, was die Menschheit Calvin verdankt. Der geistliche Vater Colignys, Williams des Schweigers und Cromwells nimmt eine Vorrangstellung unter den Meistern moderner Demokratie ein. … Die Verkündigung dieser Theologie war einer der größten Schritte, die die Menschheit in Richtung persönlicher Freiheit je unternommen hat.«343343     John Fiske, Beginnings of New England, S. 58.

Emilio Castelar, der Anführer der spanischen Liberalen, hat gesagt, die

»angelsächsische Demokratie ist das Produkt einer ernsten Theologie, die aus den Städten Hollands und der Schweiz stammt.«

Buckle wiederum sagt in seiner Kulturgeschichte:

»Der Calvinismus ist von seinem Wesen her demokratisch.«344344     Henry Thomas Buckle, History of Civilization in England, 2 Bde., J. W. Parker & Son: London 1857-1861, Bd. 1, S. 699.

Und de Tocqueville, jener fähige Autor in politicis, nennt ihn »eine demokratische und republikanische Religion.«345345     Alexis Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika.

Der Calvinismus hat seine Anhänger nicht nur mit dem Geist der Freiheit durchdrungen, sondern trainierte sie geradezu auf die Rechte und Pflichten des freien Mannes. Es war jeder Versammlung selbst überlassen, sich ihre eigenen Aufseher zu erwählen und die eigenen Angelegenheiten zu regeln. Fiske nannte den Calvinismus

»eine der effektivsten Lehren, die den Menschen in Sachen örtlicher Selbstbestimmung zu Hilfe kamen.«346346     The Beginnings of New England, S. 59.

Geistige Freiheit ist die Quelle der Kraft aller anderen Freiheiten, daher ist es nicht verwunderlich, wenn jene Freiheit, die in kirchlichen Kreisen herrschte, hernach auch zur politischen Freiheit geführt hat. Man entschied sich instinktiv für die Regierungsvertretung und wehrte sich hartnäckig gegen jeden ungerechten Führer. Wenn der religiöse Despotismus überwunden ist, kann sich auch der zivile nicht lange halten.

Man kann sagen, dass die geistliche Republik, die Calvin geschaffen hatte, auf vier Prinzipien beruhte. Der wichtige Staatsmann Sir James Stephen hat sie folgendermaßen zusammengefasst:

»Erstens: Der Wille des Volkes ist die einzige Legitimation eines Herrschers. Zweitens: Die Macht geht vom Volk aus, dessen Herrscher gewählt sind. Jeder erwachsene Mann ist wahlberechtigt. Drittens: Was die Kirchenleitung betrifft, teilen sich Geistliche und Laien die Autorität. Viertens: Zwischen Kirche und Staat besteht keinerlei Allianz oder gegenseitige Abhängigkeit oder auch nur sonst eine Beziehung, weder notwendigerweise noch gerechterweise.«347347     James Stephen, Lectures on the History of France, S. 415.

Das Prinzip der absoluten Herrschaft Gottes erweist sich als äußerst wichtig, wenn es auf Regierungsangelegenheiten angewendet wird. Gott ist als absoluter Herrscher mit Souveränität bekleidet; welche Herrschergewalt auch immer ein Mensch erlangt — sie ist ihm gnädigerweise von Gott verliehen. Die Heilige Schrift war letztgültige Autorität, da sie die ewigen Prinzipien enthält, die allen Zeiten und allen Völkern gelten. Die Heilige Schrift erklärt den Staat zu einer Institution, wie Gott selbst sie aufgestellt hat:

»Ein jeder soll sich der obrigkeitlichen Gewalt unterordnen! Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; die da bestehen, sind von Gott angeordnet. Wer sich daher gegen die staatliche Gewalt auflehnt, lehnt sich gegen die Anordnung Gottes auf; wer sich aber gegen diese auflehnt, zieht sich das Gericht zu. Denn die Regierenden sind nicht ein Schrecken für gute, sondern für schlimme Taten. Willst du vor der Staatsgewalt ohne Furcht sein, so tue das Gute, und du wirst Anerkennung bei ihr finden. Sie ist ja Gottes Dienerin zu deinem Besten. Tust du aber Böses, so fürchte sie; denn sie trägt nicht umsonst das Schwert. Denn Gottes Dienerin ist sie, Rächerin zum Zorngericht für den, der Böses tut. Deshalb ist es nötig, sich ihr unterzuordnen, nicht nur um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Aus diesem Grund entrichtet ihr ja auch Steuern. Sie sind Gottes Diener, die ständig auf dieses bedacht sind. So gebt jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, wem Steuer, Zoll, wem Zoll, Furcht, wem Furcht, Achtung, wem Achtung gebührt« (Röm 13,1-7).

Von keinem Regierungssystem, egal ob Demokratie, Republik oder Monarchie, glaubte man, dass es für eine bestimmte Zeit oder ein bestimmtes Volk verordnet war, obgleich der Calvinismus den republikanischen Typ bevorzugt hat. So sagt Meeter:

»Egal, welche Regierungsform, ob Monarchie, ob Demokratie oder auch eine andere Form: in jedem Fall sollte der Herrscher (oder die Herrscher) als Gottes Abgeordneter oder Vertreter handeln und alle Regierungsangelegenheiten in Übereinstimmung mit Gottes Gesetz bringen. Dieser fundamentale Grundsatz war gleichzeitig der höchste Anreiz für Recht und Ordnung unter den Bürgern. Die Bürger sollten sich um Gottes Willen den Obrigkeiten unterordnen, welche immer das auch waren. So sorgte der Calvinismus stets für ein stabiles Regierungssystem. … Andererseits diente die Lehre von der Souveränität Gottes als mächtige Verteidigungsfront für die Freiheit des Einzelnen gegen die Willkürherrschaft eines Tyrannen. Immer, wenn ein Herrscher den Willen Gottes ignorierte und tyrannisch die Rechte der Bürger mit Füßen trat, war es das Privileg und die Pflicht des Volkes, in Anbetracht der noch größeren Verantwortung vor dem höchsten Gott, dem Herrscher den Gehorsam zu verweigern und diesen Herrscher nötigenfalls abzusetzen, denn Gott hat die Regierung dazu eingesetzt, dass sie die Rechte der Bürger schützen soll.«348348     H. H. Meeter, The Fundamental Principles of Calvinism, S. 92.

Der calvinistische Ansatz bezüglich Regierung und Herrscher ist von J. C. Monsma im folgenden erhellenden Artikel sehr geschickt dargestellt:

»Gott institutionalisiert die Regierung mit Hilfe des ganzen Volkes. Kein Kaiser oder Präsident hat seine Macht oder Souveränität aufgrund seiner Identität, welche Macht auch immer er besitzen oder ausüben mag, sondern alle Macht bezieht er von der allerhöchsten Macht über ihm. Nicht Macht, sondern Recht entspringt der ewigen Quelle der Gerechtigkeit. Dem Calvinisten fällt der Gehorsam gegenüber den Gesetzen und Anordnungen der Regierung nicht schwer. Wenn die Regierung sich einzig aus Menschen zusammensetzte, die sich darum kümmerten, die Wünsche der Mehrheit umzusetzen, so käme seine friedliebende Seele in Aufruhr. So aber steht für ihn hinter jeder Regierung immer noch Gott, vor dem er in größter Hochachtung seine Knie beugt. Diesem Umstand verdankt sich auch die tiefe, ja beinahe fanatische — und politische — Freiheitsliebe des Calvinisten; sie war immer schon kennzeichnendes Merkmal eines echten Calvinisten. Die Regierung ist Gottes Diener. Als Menschen stehen alle Regierungsmitglieder auf einer Stufe mit den Bürgern; sie haben keinerlei Vorzug, und aus genau diesem Grund zieht der Calvinismus auch die republikanische Form der Regierung jeder anderen Regierungsform vor. In keiner anderen Regierungsform findet die Souveränität Gottes, die davon abgeleitete Regierungsform und die Gleichheit der Menschen untereinander einen klareren und eloquenteren Ausdruck.«349349     John Clover Monsma, What Calvinism Has Done for America, S. 6.

Die calvinistische Theologie verherrlicht nur einen einzigen Souverän; alle anderen Herrscher müssen sich dessen gewaltiger Majestät beugen. Ein göttliches-königliches Gebot oder etwa unfehlbare Beschlüsse von Päpsten konnten sich unter einem Volk, das Gott allein die Souveränität zuschreibt, nicht lange halten. Doch während diese Theologie Gott als den allmächtigen und unumschränkten Herrscher über Himmel und Erde betont und alle Menschen sich vor diesem Herrscher beugen lässt, richtet sie gleichzeitig die Würde des Menschen auf und lehrt ihn, dass alle Menschen gleich seien.350350     Gemeint ist die Gleichheit des Rechts (A. d. Ü.). Der Calvinist fürchtete Gott, und das bedeutete: er fürchtete sonst niemand. Er wusste sich von Ewigkeit her erwählt und für die Herrlichkeit des Himmels bestimmt; er hatte etwas, was sein Gefühl für Huldigung gegenüber dem Menschen nach und nach verblassen ließ und das das Licht menschlicher Herrlichkeit stark dämpfte. Wenn auch eine stolze Aristokratie ihren Stammbaum über Generationen auf hohe Abstammung zurückführte, so wies der Calvinist mit edlem Stolz auf seine noch viel höhere Herkunft hin: auf das Buch des Lebens, in dessen Seiten sein Name von Ewigkeit her vom König aller Könige eingeschrieben steht. Als Gottes Söhne und Priester waren sie des Himmels Adel, der über jede irdische Abkunft weit hinausgeht; sie waren Miterben Christi, Könige und Gottes Priester, und dies durch einen göttlichen Segen und die Heiligung. Pflanze die Wahrheit der Souveränität in das Herz eines Menschen, so stählst du sein Blut. Der reformierte Glaube hat dem Menschen einen überaus großen Dienst erwiesen, als er ihm seine Rechte erklärte.

In auffallendem Kontrast zu den demokratischen und republikanischen Tendenzen, wie sie einem reformierten Glauben innewohnen, sehen wir im Arminianismus eine betont aristokratische Tendenz. In der Presbyterianischen Kirche als auch in der Reformierten Kirche zählen die Stimmen der Ältesten bei der Wahl zum Presbyterium, einer Synode oder einer Generalversammlung soviel wie die Stimme des Pastors, doch in arminianischen Kirchen befindet sich die Macht hauptsächlich in den Händen der Geistlichen; die Laien haben wenig Autorität. Bischofsämter verlangen strenge Hierarchie. Der Arminianismus und der römische Katholizismus (ein praktizierter Arminianismus) gedeihen in Monarchien; in einer solchen Umgebung fühlt sich der Calvinismus eingeengt. Auf der anderen Seite gedeiht der römische Katholizismus in einer Demokratie nur wenig, wogegen sich der Calvinismus dort zu Hause fühlt. Aristokratische Avancen innerhalb der Kirchenhierarchie begünstigen eine Monarchie; ein republikanisches Kirchenverständnis dagegen die Demokratie. So sagt McFetridge:

»Der Arminianismus ist der bürgerlichen Freiheit so wenig förderlich wie der Calvinismus der Despotie. Die Despoten der Vergangenheit haben scharf über diese Voraussetzungen gewacht; sie verlangten die göttlichen Rechte eines Königs und fürchteten den Calvinismus so sehr wie den Republikanismus.«351351     McFetridge, Calvinism in History, S. 21.


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