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9) Calvinismus und Erziehung

Die Geschichte beweist wiederholt, dass Calvinismus und Erziehung eng zusammenhängen: Überall wo der Calvinismus seine Schulen unterhielt, drängte er nach allgemeiner Schulbildung. Der Calvinismus ist ein Lehrgebäude, das den Verstand erwachsen werden lassen will. Es darf gesagt werden, dass die Existenz des Calvinismus wesentlich mit der Bildung eines Volkes verknüpft ist. Es ist schon einiges an Verständnis nötig, um das Lehrgebäude zu verstehen und um zu begreifen, was dieses System mit sich bringt. Es fordert die menschliche Vernunft auf das Höchste heraus und betont den Umstand, dass der Mensch Gott nicht nur von ganzer Seele lieben muss, sondern auch mit ganzem Verstand. Calvin stand dafür ein, dass

»ein wahrer Glaube auch ein intelligenter Glaube sein muss«;

die Erfahrung hat gezeigt, dass Frömmigkeit ohne Bildung genauso gefährlich ist wie Bildung ohne Frömmigkeit. Er sah ganz klar, dass die Annahme und Verbreitung seines Entwurfs nicht nur auf der Ausbildung derer beruhte, die das System anderen erklären sollten, sondern auch von der Intelligenz all derer, denen es beigebracht werden sollte. Calvin krönte sein Werk mit der Gründung der Genfer Akademie. Tausende Schüler aus dem europäischen Kontinent und den britischen Inseln saßen zu seinen Füßen und trugen seine Lehre in jede Ecke des Christentums. Knox kehrte aus Genf mit der Überzeugung zurück, dass die Bildung der Massen nicht nur das stärkste Bollwerk des Protestantismus sei, sondern auch das sicherste Fundament des Staates. »Mit dem römischen Katholizismus kommt der Priester, mit dem Calvinismus der Lehrer« — dies ist das alte Sprichwort, dessen Wahrheit von keinem Kenner der Fakten geleugnet werden wird.

Die calvinistische Vorliebe zum Studium, die den Verstand höher ansetzt als das Geld, hat zahllose Familien Schottlands, Englands, Hollands und Amerikas inspiriert, sich das Letzte abzufordern, ihre Kinder ausbilden zu lassen. Das berühmte Diktum Carlyles:

»Dass auch nur ein Mensch, der die Möglichkeit zum Wissen besitzt, unwissend stirbt, nenne ich eine Tragödie«

verleiht einer Idee Ausdruck, die bis in den Kern calvinistisch ist. Wo immer der Calvinismus auftauchte, ermutigte er Wissen und Studium und brachte handfeste Denker hervor. Die Calvinisten mögen keine Erbauer großer Kathedralen sein, doch sie gründeten Schulen, Kollegs und Universitäten. Die Puritaner Englands, die Covenanters Schottlands, die Reformierten Hollands und Deutschlands brachten nicht nur Bibel und Westminster-Bekenntnis nach Amerika mit, sondern auch die Schule. Das ist auch der Grund, weshalb unser amerikanischer Calvinismus niemals die mickrigen Hände der Skeptiker fürchtete, wenn neben seiner Schule der Kirchturm aufragt, noch sich vor den verblendeten Ansichten ängstigt, wenn neben seiner Kirche eine Schule steht.352352     Im Original in Gedichtform: »Dreads the skeptic‘s puny hands, / While near her school the church spire stands, / Nor fears the blinded bigot‘s rule, / While near her church spire stands a school« (A. d. Ü.).

Die drei historisch wichtigsten Universitäten Amerikas, Harvard, Yale und Princeton, wurden ursprünglich von Calvinisten als Schulen mit stark calvinistischer Prägung gegründet. Sie waren dazu da, ihren Studenten eine gesunde Basis der Theologie und anderen Disziplinen zu vermitteln. Harvard, gegründet 1636, war ursprünglich eine Pfarrerschule; mehr als die Hälfte der Graduierten wurden Geistliche. Yale, manchmal auch »die Mutter der Hochschulen« genannt, war für einen beachtlichen Zeitabschnitt eine puritanische Institution. Princeton, das von schottischen Presbyterianern gegründet worden war, hatte eine calvinistische Basis.

Bancroft notiert:

»Wir rühmen uns unserer allgemeinen Schulen; Calvin war der Vater der allgemeinen Schulbildung — der Erfinder des freien Schulsystems.«353353     Bancroft, Miscellanies, S. 406.

An einer anderen Stelle schreibt er:

»Wo immer der Calvinismus herrschte, beschwor er die Intelligenz für das Volk; in jeder Gemeinde war er bemüht, eine Schule zu errichten.«354354     Bancroft, Hist. Of U. S., II., S. 463.

»Unser vielgerühmtes Schulsystem verdankt seine Existenz dem Einfluss vom Genf Calvins — durch Schottland und Holland ist es nach Amerika gelangt. Die ersten beiden Jahrhunderte unserer Geschichte lang war beinahe jede Hochschule und jedes Seminar, jede Akademie und jede Schule von Calvinisten erbaut und unterhalten worden.«355355     Smith, The Creed of Presbyterians, S. 148.

Die enge Beziehung zwischen Calvinismus und Bildung hat Prof. H. H. Meeter vom Calvin-College geschildert:

»Wissenschaft und Kunst sind Gaben der Gnade Gottes und müssen als solche erkannt und entwickelt werden. Die Natur ist die Handwerkskunst Gottes, die Verkörperung seiner Gedanken und die Reflexion seiner Wirksamkeit in ihrer reinsten Form. Gott ist der große, einigende Gedanke hinter aller Wissenschaft, denn alles ist Teil seines Plans. Neben dieser theoretischen Betrachtung gibt es ganz praktische Gründe für das Interesse des Calvinismus an der Bildung, weswegen nicht nur Grundschulen, sondern alle Arten von Lehranstalten dort entstanden, wo der Calvinismus seine Kirche baute. Dies ist es auch, weshalb der Calvinismus eine solche Vorreiterrolle im modernen allgemeinem Interesse an der Bildung einnimmt. Diese praktischen Gründe gehen Hand in Hand mit seinen Glaubensüberzeugungen. Die römisch-katholische Kirche mag ganz bequem ohne Erziehung der Massen auskommen. Für sie entscheidet der Klerus, nicht der Laie über Fragen der Kirchenleitung und der Lehre. Ein solches Verfahren braucht keine gebildeten Massen. Alles was der Laie dort nötig hatte, war, dem zuzustimmen, was seine Kirche lehrte. Es war nicht vonnöten, dass der Einzelne die Lehren verstand, die seinem Glauben zugrunde lagen. Während des Gottesdienstes waren nicht die Predigten, sondern die Sakramente die Beförderer des Heilssegens; die Predigt war von nur geringem Wert. Die Verleihung eines Sakraments aber bedurfte keines Verstehens, denn es wirkte aus sich heraus (ex opere operato). Im Calvinismus funktioniert das aber genau umgekehrt. Die Kirchenleitung liegt in den Händen von Laien-Ältesten. Diese entschieden über Angelegenheiten der Leitung und über die Wichtigkeit der Lehre. Darüber hinaus war es die schwerwiegende Pflicht des Laien, sein eigenes Heil ohne priesterlichen Auftrag selbst zu bewirken — die Übereinstimmung mit dem, was seine Kirche glaubt, ist dem Calvinisten entschieden zu wenig. Er muss seine Bibel selbst lesen, sein Glaubensbekenntnis selbst kennen. Dieser Umstand war sehr bedeutsam. Sogar für die Lutheraner nahm die allgemeine Bildung nicht den Stellenwert ein, den sie im Calvinismus hat. Zwar: auch das Luthertum hielt jedem einzelnen Menschen seine persönliche Verantwortung vor, für sein eigenes Heil zu sorgen. Doch war der Laie in lutherischen Kreisen ebenso von der Kirchenleitung ausgeschlossen und hatte in Bezug auf die Lehre nichts zu sagen. Aus diesen Betrachtungen wird klar, weshalb der Calvinist ein solch ergebener Verfechter der Bildung sein musste. Wenn Gott auf der einen Seite die Wissenschaften beherrscht und wenn das calvinistische Lehrsystem die Bildung der Massen braucht, um überhaupt existieren zu können, dann sollte es nicht verwundern, dass der Calvinist alles daran setzte, so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen. Bildung ist eine Voraussetzung für die Existenz des Calvinismus.«356356     H. Henry Meeter, The Fundamental Principles of Calvinism, S. 96-99.

Die traditionell hohen Maßstäbe der Presbyterianischen und Reformierten Kirchen, was die Ausbildung zum Geistlichen betrifft, sind bemerkenswert. Während viele andere Kirchen Männer zum geistlichen Dienst ordinieren oder Missionare aussenden und ihnen erlauben, ohne viel Bildung zu predigen, bestehen die Presbyterianischen und Reformierten Kirchen darauf, dass der Anwärter auf ein geistliches Amt einen Studienabschluss hat und mindestens zwei Jahre lang unter einem anerkannten Professor der Theologie studiert hat (Form of Government, Ch . XIV, sec . III & VI). Dadurch ist die Mehrzahl nachmals auch in die Lage versetzt worden, die Angelegenheiten der einflussreicheren Kirchen in den Städten zu regeln. Das führt vielleicht zu einer geringeren Anzahl der Geistlichen, aber es bedeutet auch bessere Vorbereitung und Bezahlung der Einzelnen.


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