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8) Allgemeine Gnade

Neben der rettenden Gnade existiert noch eine andere, eine allgemeinere, die dem Einfluss des Heiligen Geistes zuzuschreiben ist und mehr oder weniger allen Menschen gewährt wird. Gott lässt die Sonne über Gute und Böse scheinen und gibt den Regen den Gerechten und den Ungerechten. Fruchtbarkeit und andere Segnungen sind es, was den Menschen gegeben wird. Unter den größten Segnungen ist die Gesundheit zu nennen, aber auch materieller Ertrag, Intelligenz, Begabungen der Kunst, Musik, Rednergabe, Literatur, Architektur, Wirtschaft, Erfindung etc. sind Teil jener allgemeinen Gnade. In vielen Fällen bekommen die Nichterwählten noch mehr von jenen Gaben als die Erwählten, denn oft ist es so, dass die »Söhne der Welt« geschickter und klüger sind als die »Söhne des Lichts«. Auch die Ordnung ist der allgemeinen Gnade zuzuschreiben, die Entwicklung und Veredelungskunst von Gegenständen, die Kultur, die Sitten usw., die weltweit vorherrschen; die moralische Kraft der Wahrheit stärkt das allgemeine Denken und Gewissen, so dass die bösen Neigungen der Menschen eingeschränkt werden. Diese Gnade führt nicht zur Erlösung, ist aber der Grund, weshalb diese Erde noch nicht zur Hölle geworden ist. Sie ist der Grund, weshalb die Sünde nicht zu vollem Ausbruch gelangt, genauso wie der Mensch gelernt hat, wilde Tiere zu zähmen. Sie verhindert die Sünde, sich in all ihrer Bosheit zu entfalten; sie verhindert, dass die Flammen noch aus dem Rauch herausschlagen. Gleich wie der Druck der Atmosphäre waltet diese Gnade überall, ohne dass man sie spüren kann. Diese allgemeine Gnade zerstört aber nicht den Kern der Sünde, und daher ist sie nicht dazu angetan, alle Menschen zu bekehren. Der Menschenverstand, jenes große Licht, aber auch das Gewissen und nicht zuletzt die äußerliche Verkündigung des Evangeliums zeigt dem Menschen, was er tun soll, wenn er allein auch die Kraft dazu noch nicht hat, all dies zu tun. Diesen Gnadenwirkungen des Heiligen Geistes kann man sehr wohl widerstehen. Die Schrift lehrt wiederholt, dass das Evangelium nur wirksam wird, wenn es durch den erhellenden Geist einen Menschen erleuchtet; ohne diese Kraft ist es »den Juden ein Stolperstein und den Heiden ein Ärgernis«. Der natürliche Mensch kann Gott daher nur in einer sehr begrenzten, äußerlichen Art und Weise kennen. Daher wird auch die äußerliche Gerechtigkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten als völliges Fehlen der Gerechtigkeit genannt. Jesus sagte zu seinen Jüngern, dass die Welt den Geist der Wahrheit nicht empfangen kann, »denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht«, doch er fährt in einem Atemzug fort: »Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein« (Joh 14,17). Die Lehre des Arminianismus verwischt die Grenzen zwischen der vollwirksamen Gnade zur Errettung und der allgemeinen Gnade oder macht die wirksame Gnade zur Errettung zu einer Hilfe, ohne die die Errettung nicht möglich ist, während der Calvinismus sie zu einer Hilfe macht, die die Erlösung sicher bewirkt.

Was die Erneuerungen betrifft, die die allgemeine Gnade auslöst, sagt Dr. Charles Hodge:

»Es geschieht nicht selten, dass unmoralische Menschen ihr ganzes Leben ändern. Sie legen ein korrektes Benehmen an den Tag, scheinen maßvoll, ehrbar, rein und wohlwollend zu sein. Und das ist auch eine begrüßenswerte Sache. Der Betreffende profitiert am meisten selbst davon, danach auch all jene, die mit ihm leben. Eine solche Veränderung kann von verschiedenen Ursachen ausgehen, etwa von der Macht des Gewissens oder auch von Gott selbst und aus der Angst vor Seiner Missbilligung — oder auch, weil man vor Menschen gut dastehen will. Vielleicht ist sie auch nur darauf zurückzuführen, dass man eingesehen hat, dass ein guter Lebenswandel an sich gut für einen selbst ist. Was aber auch immer die Besserung sein mag — Heiligung ist das noch lange nicht. Diese beiden Dinge sind ihrer Natur nach nämlich so verschieden wie ein reines Herz und ein sauberes Kleid. Solche selbst gemachten Veränderungen lassen das Herz so, wie es war: in Gottes Augen ungenügend. Es bleibt kalt gegenüber Gott, gegenüber dem Glauben an Christus und gegenüber allen heiligen Dingen.«160160     Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 3, S. 214.

Ähnliches sagt Dr. Hewlitt:

»Kann auch der Leichnam mit der verlockendsten Musik, die je erfunden wurde, aus dem Grabe gespielt werden oder auch vom lautesten Donner, den man sich denken kann, geweckt werden? Genauso wenig kann ein Sünder — tot in Übertretung und Sünde — vom Donner des Gesetzes oder von der Melodie des Evangeliums geweckt werden. Kann ein Mohr seine Haut verwandeln, ein Leopard seine Flecken? Dann könntet auch ihr Gutes tun, die ihr an Bösestun gewöhnt seid! (Jer 13,23161161     Hewlitt, Sound Doctrine, S. 21.

Nachfolgende Aussage von Dr. S. G. Craig zeigt die Grenzen der allgemeinen Gnade sehr gut auf:

»Das Christentum zeigt, dass jede Entwicklung und jede Kultivierung des Charakters, die Jesus Christus aus ihren Überlegungen ausschließt, zwar durchaus zu Klugheit, Perfektion und Brillanz führen mag, jedoch eines nicht kann: den Charakter ändern. Die Veränderung ist nur äußerlich. Wer sein Vertrauen in Erziehung und Kultivierung setzt, gleicht dem, der einen wilden Olivenbaum durch Beschneidung und die Verwendung von Pestiziden in einen guten Olivenbaum verwandeln will, anstatt einen Ableger des wilden in den guten Baum einzupfropfen. Bevor das geschehen ist, ist alle andere Arbeit umsonst. Wir unterschätzen keineswegs den Wert von Erziehung und Kultivierung, aber man soll nicht meinen, dass man einem Fluss durch Verschönerung seiner Ufer zur Trinkwasserqualität verhelfen könne, und nichts anderes auch wäre der Versuch, den Charakter durch Erziehung und Kultivierung ändern zu wollen … Es ist, wie ein alter jüdischer Spruch sagt: ›Nimm eine Bittermandel und pflanze sie in den Garten Eden. Soll sie immerhin dort Wasser ziehen, ja soll selbst der Engel Gabriel der Gärtner sein — ihre Früchte bleiben bitter.‹«162162     Samuel G. Craig, Jesus as He Was and Is, S. 191, 199.


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