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2) Liebe und Hingabe ist die stärkste Basis für ethisches Handeln

Es wird eingewandt, dass auch die Gläubigen insgesamt unfähig sind, sich um ihrer feststehenden Sicherheit und ihres ewigen Heiles anderer Motive als der Selbstsucht bedienen zu können. Es handelt sich bei den Gläubigen immer noch um solche, die durch die Allmacht Gottes vom Tod zum Leben, von Sünde zu Heiligkeit gebracht worden sind und die die Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, schon geschmeckt haben. Aber dieser Einwand sagt eigentlich nichts anderes — und Cuninngham hat das sehr gut ausgedrückt — als dies:

»Erstens, dass jeder erste Anschein von Sittlichkeit, den ihr Verhalten zeigt, immer nur auf die Angst vor der Hölle zurückzuführen ist und dass sie um der ewigen Sicherung vor Strafen immer noch viel lieber tun möchten, was des Teufels ist, und nicht das, was Gottes ist. Das Wissen um das im Diesseits schon gewährte ewige Heil, auf das sie sich solcherart verlassen, kann daher niemals dazu führen, dass sie Gott irgendwelche Dankbarkeit entgegenbringen.210210     Cunningham, Historical Theology, Bd. 2., S. 279.

McFetridge hat den Kontrast sehr gut herausgearbeitet, der zwischen der moralischen Basis calvinistischer und arminianischer Theologie besteht:

»Die zwei großen Quellen, die die Menschen bewegen, sind auf der einen Seite Überzeugung und Idee, auf der anderen Gefühl und Empfindung; der Charakter des Menschen wird geprägt von der Beeinflussung durch diese Art von Quellen. Derjenige, der sich von Überzeugung und Idee lenken lässt, gewinnt an Stabilität; um ihn umzustimmen, müsste sein Gewissen verändert werden. Derjenige dagegen, der sich von Gefühl und Empfindung lenken lässt, geht dem Wankelmut entgegen. Der Ansatz des Arminianismus basiert hauptsächlich auf Empfindungen. Er hält den Menschen für fähig, moralisch freiwillig tätig werden zu können und damit jederzeit sein ewiges Schicksal umstimmen zu können. Damit ist er seinen Empfindungen verpflichtet. Was immer seine Gefühle auf rechtmäßigem Wege anspornt, hält er für angebracht. Daher ist es vor allem vonnöten, dass Verstand und Gefühl angeregt werden. Der Arminianer ist aus diesen Gründen ein einfühlsamer Mensch, der konsequenterweise je von dem angesprochen wird, was er sieht und hört. Seine Moral hängt hauptsächlich von dem ab, was er fühlt und bleibt daher stets dem Wellenkamm der Veränderung ausgesetzt, der ihn nach oben oder auch nach unten trägt. Der Calvinismus dagegen ist ein Gedankengebäude, das sich nicht nach dem Gefühl, sondern nach dem Denken, nicht nach Empfinden, sondern am Gewissen orientiert. Aus seiner Sicht liegen alle Dinge geordnet in einem vollkommenen System göttlicher Gesetze, die unabhängig von dem gelten, was wir empfinden und denen auch bei Gefahr der Seele gehorcht werden muss. … Sein Denken beruht nicht auf Empfindungen, sondern auf Überzeugungen. … Die Stimme Gottes im Gewissen wird zum Führer eigenen Verhaltens. Sie versucht den Menschen zu überzeugen, nicht ihn mit vorübergehenden Gefühlen aufzuwirbeln. Ein tiefes Pflichtbewusstsein ist dem Calvinisten daher das Größte in Fragen der Moral. Seine erste und letzte Frage ist: Handle ich richtig? Dies muss er vor allem erkennen. Das Gewissen geht seinen Handlungen daher stets voraus. … Aus calvinistischer Sicht hat Gott den Weg bereits abgesteckt, den der Mensch gehen soll — es ist ein Weg, den Er nicht verändern wird. Der Mensch hat die Pflicht, auf diesem Wege zu gehen, und zwar unabhängig von Freudigkeit oder Sorge und unabhängig von seinem Wohlgefallen. Der Calvinist zeichnet sich nicht durch Beweisgier aus, sondern durch Gedankenfülle; seine Moral — mag sie sonst sein, was sie will — ist stets charakterisiert von Stabilität und Stärke, die allerdings einige gerne als Starrsinn und Härte hinstellen.«211211     Nathanael S. McFetridge, Calvinism in History, S. 107f.

Unsere Liebe zu Gott wäre im besten Fall lauwarm, wenn wir glaubten, seine Liebe zu uns hänge von unserem richtigen und guten Verhalten ab. Seine Liebe ist eine gigantische Sonne, die ohne Anfang und Ende scheint, während unsere Liebe zu Ihm bestenfalls als kleines Flämmchen gelten darf. Erst daraus resultiert die Sicherheit, dass Gott jene, die er liebt, niemals abfallen lässt. Liebe, die in Eigeninteresse gründet, wird allgemein nicht als besonders moralisch gesehen; der Calvinismus ist allerdings das einzige Glaubenssystem, das ein völlig selbstloses Motiv anführen kann, nämlich die Überzeugung, dass es einzig die freie Gnade und unverdiente Liebe Gottes unter Ausschluss jeglichen menschlichen Handelns ist, was den Menschen errettet. Wenn der Christ sich erinnert, dass er einzig durch das stellvertretende Leiden und Sterben Christi erlöst ist, dann überströmen Liebe und Dankbarkeit sein Herz und er fühlt wie Paulus: Alles, was er anbieten kann, ist: sein Leben in den liebenden Dienst zu stellen. Er sieht sich allein aus Gottes Gnade gerettet, daher lernt er, Gott um Seinetwillen zu lieben — es wird ihm zur Freude des Lebens, ihm von ganzem Herzen zu dienen. Aus Gehorsamspflicht wird ihm ein höchstes Gut. Was die Heiligen hier auf Erden antreibt, ist das selbe Prinzip, das auch die vervollkommneten Heiligen im Himmel antreibt: Sie haben ihre Freude daran, Gott unausgesetzt mit ganzem Herzen zu dienen und ihn allerorts zu verherrlichen und ihr Leben ganz zu seiner Ehre zu leben.

»Ein Entzücken an Seiner Güte treibt sie dazu, ihre vervollkommneten Geister das Lob und die Ehre beschreiben zu lassen, das dem gebührt, der sie aus tiefstem Verderben erlöst hat und der ihnen eine himmlische Behausung geschenkt hat, in der sie Ruhe, Entzücken, Wohlbehagen und völlig unverdiente Ehre genießen dürfen.«212212     William Walmsley, Gelegenheitsschrift Nr. 173 der Souvereign Grace Union, S. 67.

Reine Liebe und Dankbarkeit gegenüber Gott, nicht selbstische Furcht ist der Treibstoff annehmbaren Gehorsams, und aus diesen beiden allein fließt alles, was sich etwa Reinheit der Moral nennen darf. Jesus befürchtete nicht, dass die Aussicht auf das Himmelreich Liederlichkeit in seinen Jüngern bewirken könnte, denn er sagte zu ihnen: »Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.« Die Erwählten haben also die gewichtigsten Gründe, die ein Geschöpf nur haben kann, Gott zu lieben und ihn zu ehren, und es ist nichts als schiere Verleumdung, wenn man sagt, die Prädestinationslehre führe zu Nachlässigkeit und sei für die Moral nur wenig tauglich.


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