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3) Gott gibt den einen, was er anderen vorenthält

Dass Gottes Vorsehung den Menschen nicht gleich behandelt, ist nun wirklich nicht abzuleugnen, sondern triviale Tatsache der Erfahrung. Die Ungleichheit in dieser Welt tritt ja aufs Schreiendste zutage. Nicht nur die Bibel sagt uns das, sondern es zeigt uns auch die tägliche Erfahrung: Die Verteilung der Güter ist höchst unterschiedlich, und dies ganz zurecht, da die Güter ausnahmslos nicht verdient sind, sondern Gnadengeschenke sind. Der Calvinismus hält sich hier ganz an die Faktizität der Ungleichverteilung. Es kann nicht bezweifelt werden, dass sich der Mensch in dieser Welt ungleich behandelt sieht, sowohl was die äußeren Umstände anlangt als auch in Bezug auf seine inneren Neigungen. Das eine Kind wird gesund in eine Familie hineingeboren, kann sich des Wohlstands erfreuen und noch dazu weiser und gütiger Eltern, die es von Kindheit auf lehren, Gott zu fürchten und die jede Gelegenheit nützen, ihm die Wahrheit der Heiligen Schrift zu zeigen. Ein zweites Kind wird in bittere Armut hinein geboren, erleidet Schande, Krankheit und unterliegt dem Fluch ausschweifender und verderbter Eltern, die das Evangelium ablehnen und dem Christentum spotten und alles dazu tun, das Kind vor jeglichem Einfluss des Evangeliums fernzuhalten. Manche Menschen werden mit empfindsamem Gewissen geboren, das sie ein Leben der Unbescholtenheit führen lässt. Andere kommen schon mit der Neigung zu Gewalt auf die Welt, ja sogar mit ganz bestimmter Tendenz zum Bösen, einer vererbten und scheinbar unbesiegbaren Tendenz zum Bösen. Manche sind von Natur aus Frohnaturen, manche Miesmacher. Manche werden in christliche und zivilisierte Länder hinein geboren, wo sie gut behütet und sorgsam erzogen aufwachsen. Andere werden in völlig heidnische Dunkelheit hinein geboren.

Generell kann man sagen: Ein Kind, das unter angemessenem christlichen Einfluss aufwächst, lebt ein aufrichtiges Leben des Dienstes am Mitmenschen, während ein anderes, dessen Charakter unter der defekten »Obhut« verdrehter Eltern als Vorbilder aufwächst, ein Leben der Ungerechtigkeit und Unbußfertigkeit führen wird. Das eine wird gerettet, das andere geht verloren. Wer will denn bestreiten, dass der göttliche Einfluss rettender Gnade auf ein Individuum hier ungleich wirkt? Wer wird denn nicht zugeben, dass wenn die beiden Individuen die Plätze tauschen könnten, sich wahrscheinlich auch ihre Charaktere ganz unterschiedlich entwickeln würden? Müsste der Sohn gottesfürchtiger Eltern im Hause von Ungläubigen aufwachsen und würde all jenem schlechten Einfluss ausgesetzt, würde er denn nicht sehr wahrscheinlich auch in seinen Sünden sterben?

Die unverstehbare Vorsehung Gottes hat die Menschen unter höchst verschiedene Einflüsse gestellt, und so weichen auch die Ergebnisse sehr voneinander ab. Gott hat diese verschiedenen Ergebnisse selbstverständlich vorhergesehen, noch bevor die einzelnen Menschen geboren worden waren. Das alles sind Fakten, die kein Mensch leugnen kann. Wenn wir glauben, das Universum wird von einem persönlichen und intelligenten Wesen regiert, dann müssen wir auch glauben, dass diese Ungleichheit nicht dem Zufall überlassen bleibt, sondern Teil des Plans ist. Das Los jedes einzelnen Menschen ist auf die Souveränität und das Wohlgefallen Gottes allein zurückzuführen. N. L. Rice sagt:

»Sogar Arminianer werden zugeben müssen, dass Gott große Unterschiede in der Familie der Menschheit macht. Nicht nur wird zeitlicher Segen unterschiedlich verteilt, sondern auch geistliche Gaben — ein Unterschied, der sie eigentlich dazu zwingen sollte, die Lehre von der Erwählung anzuerkennen, wenn sie logisch konsequent blieben … Wenn das vom göttlichen Einfluss begleitete und an ein Volk gesandte Evangelium nicht zur persönlichen Erwählung zählen darf, dann wird die Zurückhaltung dieser Gnaden von einem Volk jedenfalls zu genereller Verwerfung führen.«200200     N. L. Rice, God Souvereign and Man Free, S. 136, 139.

Der Calvinismus geht davon aus, dass Gott seine Gnade ähnlich gewährt wie die anderen Gaben. Wäre die Verteilung der geistlichen Gaben ungerecht, so ist es die Verteilung zeitlicher Güter nicht minder. Tatsache ist aber einmal, dass Gottes Souveränität schon von Geburt an die größten Unterschiede zwischen Menschen macht, ganz unabhängig von persönlichen Verdiensten. Sowohl zeitliche Güter als die notwendigen Umstände, überhaupt zum Heil zu gelangen, werden ungeachtet menschlicher Verdienste gewährt. Daher heißt es auch, der Heilige Geist teilt jedem zu, wie er will (1 Kor 12,11). Nirgendwo in der Schrift heißt es, dass Gott seine Gnade »unvoreingenommen« oder »vorurteilslos« gewähre. Schon alleine was die Nationen anlangt, sehen wir, dass Gott ganz offensichtlich einige davon bevorzugt hat: In ältester Zeit Israel, heute etwa Europa und Amerika, während der Orient und Afrika in Dunkelheit liegen und dem Fluch falscher Religionen unterworfen ist. All diese Tatsachen muss jedermann zugeben. Obgleich die Juden ein kleines und ungehorsames Volk waren, hat Gott ihnen Vorteile gewährt, die er anderen Nationen vorenthalten hatte. »Euch allein habe ich aus allen Völkern der Erde erkannt« (Am. 3,2). »So hat keinem anderen Volk er getan, noch sie gelehrt seine Rechte« (Ps 147,20). »Was haben dann die Juden noch voraus? Was nützt die Beschneidung? In jeder Hinsicht viel. Vor allem sind ihnen die Verheißungen Gottes anvertraut worden« (Röm 3,1f). Keine dieser Gunstbezeugungen haben die Juden je verdient, denn immer wieder wird ihnen gesagt, dass sie ein »halsstarriges und rebellisches Volk sind.« In Mt 11,25f. sagt Jesus: »Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geoffenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen.« Hier dankt Jesus seinem Vater für genau das, was der Arminianismus als ungerecht und parteiisch bezeichnet.

Auf die Frage, weshalb Gott nicht allen Menschen den gleichen Segen gewährt, können wir nur antworten, dass uns das nicht offenbart worden ist. Wir sehen, dass schon das jetzige Leben gravierende Unterschiede macht: Nicht alle werden gleich behandelt. Aus Gründen, die Ihm allein bekannt sind, hat er einigen Menschen Segnungen zuteil werden lassen, auf die sie keinerlei Recht haben; dagegen besteht große Verpflichtung zur Dankbarkeit, da sie große Schuldner der göttlichen Gnade geworden sind. Anderen hat er diesen Segen nicht erteilt; er unterliegt allerdings auch keiner Verpflichtung, dies je zu tun.

Tatsächlich wird kein einziges Glied der Menschheit von seinem Schöpfer schlechter behandelt, als es das verdient hätte. Die Gnade, die Gott einzelnen Menschen gewährt, gewährt er aus keinerlei Verpflichtung heraus, daher kann er nach seiner Wahl so viel Gnade gewähren, wie immer ihm beliebt, dem einen mehr, dem anderen weniger. W. G. T. Shedd merkt an:

»Wenn Gott den Nichterwählten dennoch eine allgemeine Gnade gewährt, dann bedeutet das, dass er sie generell vom Königreich des Himmels ausschließt, denn diese allgemeine Gnade ist nicht nur eine Einladung zu glauben und zu bereuen, sondern will auch die Hilfestellung dazu geben. Diese Hilfe wird nur durch den Widerstand der Nichterwählten zunichte gemacht, nicht durch eine Eigenschaft jener allgemeinen Gnade oder gar durch Gottes Handeln. Die Erfolglosigkeit der allgemeinen Gnade, den Sünder zu erlösen, ist einzig dem Sünder selbst zuzuschreiben; er hat kein Recht, sich zu beschweren, dass er ja nichts dafür könne, er hat nicht das Recht, zu argumentieren, dass Gott ihm gerade wegen dieser seiner Ablehnung die Gnade gewähren müsse.201201     William G. T. Shedd, Calvinism, Pure and Mixed, S. 59.

Wird eingewendet, dass Gott doch jedem Menschen die Möglichkeit geben müsse, errettet zu werden, dann antworten wir, dass schon das Vernehmen des Evangeliums für den, der hören kann, eine solche Möglichkeit darstellt. Die Botschaft lautet ganz einfach: »Glaube an den Herrn Jesus und du wirst errettet.« Das ist eine Möglichkeit, errettet zu werden, und nichts hindert den Menschen, daran zu glauben, außer er sich selbst. Shedd hat diesen Gedanken sehr schön in den folgenden Worten ausgedrückt:

»Ein Bettler, der fünf Dollar aus den Händen eines wohlwollenden Menschen ablehnt, kann ihn dafür nicht des Geizes anklagen, nur weil er ihm nach der Ablehnung der fünf Dollar nicht sofort zehn Dollar anbietet. Jeder Sünder, der Gott anklagt, ihm nicht jene wesensverändernde Gnade gewährt zu haben, die zu ewigem Leben führt, trotzdem er die allgemeine Gnade missbraucht hat, der sagt im Prinzip zum Höchsten und Heiligen: ›Du hast einmal versucht, mich zu bekehren, versuche es noch einmal, gibt dir allerdings etwas mehr Mühe!‹«202202     Ebd., S. 51.

Ein starkes Argument gegen den arminianischen Einwand, diese unsere Lehre mache Gott zum ungerechten Parteigänger, besteht in dem Hinweis, dass Gott seine rettende Gnade nur für gefallene Menschen, nicht aber für den Teufel und seine Engel bestimmt hat. Wenn es sich also mit der unendlichen Güte und Gerechtigkeit Gottes verträgt, die ganze Schar der gefallenen Engel in Bezug auf das Heil außer Acht zu lassen und sie ihrem Schicksal der Strafe für ihre Sünden zu überlassen, dann gilt das auch für Teile der gefallenen Menschheit. Wenn der Arminianismus zugibt, dass Christus nicht für die gefallenen Engel gestorben ist, dann glaubt er selbst schon im Prinzip an die »begrenzte Sühne« und bildet einen ähnlichen Unterschied zum Calvinismus, der sagt, dass Christus nur für die Auserwählten gestorben ist.203203     In einem Brief an John Wesley auf dessen Predigt über die „freie Gnade“ schreibt George Whitfield, der große Erweckungsprediger des achtzehnten Jahrhunderts: „Ferner will ich darauf verweisen, dass Ihr die Lehre der Verwerfung zu Unrecht gotteslästerlich nennt. Umgekehrt ist die Lehre der universalen Erlösung, wie Ihr sie darlegt, der größte Anwurf auf die Würde des Sohnes Gottes und auf den Wert seines Blutes. Bedenkt daher, ob es nicht viel eher Gotteslästerung sei, zu sagen, wie Ihr in Paragraph 20 tut: ,Christus starb nicht allein für jene, die gerettet werden, sondern auch für jene, die verlorengehen.‘“ Das Absurde einer solchen Behauptung tritt hier ganz klar zutage (A. d. Ü.).

Wie darf der Mensch mit seinem fehlerhaften Wissen und seinen Missverständnissen sich anmaßen, Gottes Gnadenwahl zu kritisieren? Das wäre so, als bezichtigte er Gott der Ungerechtigkeit, weil er die Menschen nicht gleich als Engel erschaffen hat — die Macht dazu hat er ja gehabt; so sei er also ungerecht, weil er auf diese Weise doch alle Menschen errettet haben könnte. Das Verhältnis von irdischer Sünde und ewiger Strafe ist für uns genauso schwer zu verstehen wie der Umstand, dass Gott einige Menschen errettet, andere dagegen nicht. Ganz offensichtlich errettet er manche Menschen nicht, obgleich er es könnte. Wenn jene, die an Gottes Vorsehung glauben, einwenden, er habe weise Gründe dafür, weshalb er so viele Menschen verlorengehen lässt, dann antworten wir darauf: Diejenigen, die an Gottes Souveränität glauben, können sagen, er hat weise Gründe, weshalb er einige errettet, andere dagegen nicht. Mit gutem Grund könnte man sagen, da Gott einige Menschen bestraft, sollte er eigentlich alle Menschen bestrafen, aber niemand wird soweit gehen. Vom menschlichen Standpunkt aus gesehen scheint es wesentlich plausibler und Gott wesentlich angemessener, wenn er der Sünde erst gar nicht erlaubt hätte, in unser Universum einzudringen, oder dass er zumindest nach dem Eindringen der Sünde Vorkehrungen getroffen haben sollte, die Sünde wieder zu eliminieren, damit letztlich alle Geschöpfe das ewige Heil erlangen. Aber der Pläne wäre kein Ende, wenn sich jedes Geschöpf anmaßte, die göttlichen Handlungen mit seiner eigenen Sichtweise zu versöhnen. Wir haben uns in Bezug auf die Vorsehung mit den offenbarten Fakten aus der Bibel zu begnügen, und es scheint, als sei allein der Calvinismus in der Lage, diese Frage richtig zu beantworten.


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