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6) Infralapsarier und Supralapsarier110110     Supralapsarismus (supra = oben, vorher; Lapsus = Fall): Es geht um die Beschlüsse, die Gott vor Grundlegung der Welt fasste: 1. Gott beschloss, einige Menschen zu erwählen und die anderen zu verwerfen. 2. Dann beschloss er, sowohl die, die erwählt werden sollen, als auch die, die verworfen werden sollen, zu schaffen. 3. Gott beschloss, den Sündenfall zuzulassen. 4. Der Beschluss, durch Christus nur für die Erlösung der Erwählten zu sorgen. Infralapsarismus (infra = unten, nachher; auch „Sublapsarismus“. Sub = unten): 1. Gott beschloss zu schaffen. 2. Gott beschloss, den Sündenfall zuzulassen. 3. Gott beschloss, einige zu erwählen. 4. Gott beschloss, durch Christus für die Erlösung der Erwählten zu sorgen. Beide Ansichten setzen die »Fünf Punkte« des Calvinismus voraus (A. d. Ü.).

Die Calvinisten unterscheiden sich in bezug auf die Reihenfolge in Gottes Plan. Es handelt sich dabei um die Frage, wann der Beschluss der Erwählung und der Verwerfung feststand: Traf Gott diesen Beschluss, als der die Menschheit als gefallene betrachtete, oder traf Gott diesen Beschluss, bevor er diese Gefallenheit sah? Setzt die Lehre die Menschheit bereits als gefallen voraus oder wollte Gott sie überhaupt schon so erschaffen? Nach der Ansicht der Infralapsarier ist die Ordnung der Dinge folgende: Gott beschloss (1) zu erschaffen; (2) den Sündenfall zu erlauben; (3) eine große Schar aus der Masse der gefallenen Menschen heraus zu erwählen und zu ewigem und gesegnetem Leben zu bringen und den Rest, genau wie den Teufel und die gefallenen Engel, zu übergehen, so dass diese die gerechte Strafe für ihre Sünden erleiden müssen; (4) seinen Sohn, Jesus Christus, für seine Erwählten zu opfern und (5) den Heiligen Geist zu senden, um den Erwählten diese Erlösung einzustiften.

Der Supralapsarismus sieht die Reihenfolge so: Gott beschloss, (1) einige Menschen zu erwählen, die erst noch zu erschaffen seien, andere dagegen zu ewiger Verdammnis zu verurteilen; (2) die Schöpfung; (3) den Sündenfall zu erlauben; (4) Christus zu senden, um die Erwählten zu erlösen und (5) den Heiligen Geist zu senden, um den Erwählten die Erlösung einzustiften. Der springende Punkt ist der Zeitpunkt der Erwählung: Traf Gott diesen Beschluss, bevor der den Sündenfall bedachte, oder erst danach?

Einer der Hauptgründe für den Supralapsarismus ist die Betonung auf die Unterschiedlichkeit, mit der Gott den Menschen offensichtlich behandelt. Ich glaube aber, dass der Supralapsarismus diese Idee überbewertet. Der Natur der Sache nach kann diese Idee nicht konsequent durchgeführt werden, schon gar nicht in der Schöpfung  Mehr noch gilt das für den Sündenfall: Gott hat ja nicht nur Nichterwählte geschaffen, sondern alle Menschen, und so auch die ganze Schöpfung. Es sind ja auch nicht nur einige gefallen, sondern die ganze Schöpfung. Wie der Universalismus ins eine Extrem geht, so der Supralapsarismus ins andere. Die infralapsarische Ansicht ist in sich logisch und teilt diese Logik auch mit den Tatsachen. Diesen Unterschied betreffend sagt Dr. Warfield:

»Die Formulierung der Frage allein impliziert schon ihre Antwort: Beide Teile der Menschheit sind sündenbehaftet; wenn wir von Erwählung oder Verwerfung sprechen, darf dieser Aspekt nicht außer Acht gelassen werden. Dass der Mensch sündigen wird, dieser Gedanke geht dem Beschluss, ihn dennoch zu erschaffen, voraus, aber nicht in dem Sinne, dass Gott unterschiedliche Arten von Menschen erschaffen wollte, so dass schon zum Voraus feststünde, wer als Erwählter und wer als Verworfener erschaffen wird. Der Beschluss der Erwählung setzt das Wissen um die menschliche Sündhaftigkeit immer schon voraus, und ebenso der Beschluss zur Verwerfung. Wir dürfen uns den Beschluss nicht so vorstellen, als sei der Mensch schon zum Heil oder zu ewiger Sünde erschaffen worden, sondern hier gilt: Das Wissen um die Gefallenheit des Menschen kommt logisch immer zuerst.«111111     B. B. Warfield, The Plan of Salvation, S. 28.

Zum gleichen Ergebnis kommt auch Dr. Charles Hodge:

»Das biblische Prinzip ist klar enthüllt: wo keine Sünde ist, da gibt es auch keine Verdammnis … ER übt Gnade an dem einen und verwirft den anderen, alles nach Seinem Wohlgefallen, denn alle sind gleich unwert und schuldig. … Überall (wie in Röm 1,24.26.28) wird die Verwerfung als gerecht erklärt und basiert auf der Sündhaftigkeit dessen, der verworfen ist, sonst könnte die Verwerfung keine Manifestation der Gerechtigkeit Gottes sein.«112112     Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 2, S. 318.

Es harmoniert nicht mit den Aussagen der Schrift über Gott, dass unschuldige Menschen zu ewiger Verdammnis, zu Elend und Tod vorherbestimmt seien. Der Beschluss, die Erwählten und die Verworfenen betreffend, darf nicht als abstrakte Idee missverstanden werden, die einzig auf der Willkürherrschaft Gottes basiert. Gott ist zwar unumschränkter Herrscher, aber diese Souveränität hat nichts mit Willkürherrschaft zu tun. Vielmehr harmoniert seine Souveränität mit seinen anderen Eigenschaften, insbesondere mit seiner Gerechtigkeit, seiner Heiligkeit und seiner Weisheit. Gott kann nicht sündigen; man kann zwar sagen: dies kann er nicht; doch wäre es angemessener zu sagen, dass gerade diese Unfähigkeit zur Sünde Teil seiner Vollkommenheit ist. Freilich haben sowohl Infralapsarismus als auch Supralapsarismus immer noch ihre Geheimnisse; der Supralapsarismus scheint sich in Bezug auf diese Geheimnisse aber eher in Widersprüche zu verwickeln. Die Schrift lehrt praktischen Infralapsarismus — es wird ja gesagt, Christen sind »aus der Welt« auserwählt (Joh 15,19). Der Töpfer hat das Recht, »aus derselben Tonmasse« Gefäße zur Ehre wie zur Unehre zu formen (Röm 9,21). Der Erwählte und der Verworfene werden zunächst im gemeinsamen Zustand der Verlorenheit gesehen. Leiden und Tod werden gleichermaßen als Lohn für die Sünde betrachtet. Der Infralapsarismus empfiehlt sich uns natürlicherweise als dasjenige Schema, das mit unseren Ideen von Gerechtigkeit und Gnade am besten korrespondiert. Er ist wenigstens hier gegen das arminianische Argument gefeit, dass Gott Menschen erschaffen habe, nur um sie zu verdammen. Die Hauptvertreter der Erwählungslehre seit Augustin waren durchaus Infralapsarier, glaubten also, dass aus der großen Masse der gefallenen Menschheit heraus einige zu ewigem Leben bestimmt worden sind, während die Übrigen zu ewigem Tode verurteilt sind. Kein reformiertes Bekenntnis lehrt den Supralapsarismus, dagegen lehrt eine beträchtliche Anzahl dieser Bekenntnisse sehr wohl die infralapsarische Sicht, aus der sich die typische Sicht des Calvinismus entwickelte. Man kann sagen, dass bis zum heutigen Tag nur einer aus hundert den Supralapsarismus vertritt. Wir sind zwar konsequente Calvinisten, aber keine »SupraCalvinisten«. Unter »SupraCalvinismus« verstehe ich die Sicht des Supralapsarismus.

Es stimmt freilich: In beiden Systemen kennt man den Grund für Gottes Auswahl nicht; die Errettung bleibt als Ganzes einzig das Werk Gottes. Gegner bekämpfen für gewöhnlich den Supralapsarismus, da dieser unbestritten den menschlichen Empfindungen und Eindrücken wesentlich stärker widerspricht. Es stimmt auch, dass es da einiges gibt, was man nicht mit zeitlichem Verstand erfassen kann — all diese Ereignisse denkt Gott ja anders als der Mensch; alle Akte der Vorherbestimmung müssen bei Gott ineins gedacht werden. Gott sieht seinen Plan als Einheit; jeder einzelne Teil ist mit den andern verbunden und muss, wenn isoliert gedacht, auf die Gesamtintention Gottes zurückgeführt werden. All seine Beschlüsse sind ewig. Sie haben untereinander eine logische, wenn auch nicht chronologische Beziehung. Das Nachdenken über diese Beziehungen freilich erfordert, dass wir sie in ein System bringen. Es ist ja auch nur natürlich, wenn wir die Gaben Christi, etwa Heiligung und Verherrlichung, dem Beschluss der Schöpfung und des Sündenfalles zeitlich nachordnen.

Zum Westminster-Bekenntnis sagt Dr . Charles Hodge in diesem Punkt folgendes:

»Twiss, der Sprecher dieser ehrwürdigen Versammlung (die Westminster-Assembly), war ein brennender Supralapsarier, die große Mehrzahl der Versammlung dagegen nicht. Die Formulierungen der Versammlung, obgleich sie ganz klar den Infralapsarismus meinen, waren doch sorgsam so gewählt worden, dass sich diejenigen, die sich dem Supralapsarismus zugewandt hatten, nicht angegriffen fühlen mussten. Das Westminster-Bekenntnis sagt, Gott hat die Erwählten zu ewigem Leben bestimmt und den Rest der Menschheit — nach seinem Wohlgefallen und nach dem unausforschlichen Rat seines Willens, wonach er seine Gnade gewährt oder verweigert, wem er will, zur Herrlichkeit seiner unumschränkten Herrschaft über seine Schöpfung — übergeht und sie zu Unehre und zum Zorn ihrer Sünde wegen bestimmt, alles aber zum Preise seiner herrlichen Gerechtigkeit: Hier wird gelehrt, dass jene, die Gott übergeht, den Rest der Menschheit ausmachen; nicht den Rest einer gedachten oder möglichen Menschheit wohlgemerkt, sondern einer bestehenden, vorhergesehenen Menschheit. Zweitens sagt das Bekenntnis an der erwähnten Stelle, dass die Nichterwählten wegen ihrer Sünden übergangen und zum Zorn bestimmt werden. Das heißt aber, dass sie vor der Vorherbestimmung zum Gericht bereits als sündig gesehen sind. Auf den Infralapsarismus wird im ›kleineren Katechismus‹ des 19. u. 20. Jahrhunderts näher eingegangen. Dort wird auch gelehrt, dass die gesamte Menschheit die Gemeinschaft mit Gott verloren hat und unter seinem Zorn und Fluch steht, und dass Gott aus reiner Gnade nach seinem Wohlgefallen einige (die genauso unter seinem Zorn und Fluch stehen) zu ewigem Leben erwählt. Nichts anderes war die Lehre der großen Schar der Anhänger Augustins seit Augustin bis heute.«113113     Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 2, S. 317.


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