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7) Viele sind erwählt

Wird die Lehre von der Erwählung erwähnt, glauben die meisten sofort, sie betreffe nur eine kleine Schar, während die große Mehrheit der Menschheit verlorenginge. Aber weshalb sollte man so etwas glauben? Kann Gott nicht frei wählen, wen und wie viele er erretten möchte? Ich glaube, dass der unendlich gnädige, wohlwollende und heilige Gott die große Mehrheit der Menschheit zu ewigem Leben erwählt hat. Es gibt wirklich keinen guten Grund, weshalb er nur einige wenige erretten sollte. Wir wissen, dass Christus die Überlegenheit in allem hat, folglich glauben wir auch nicht, dass der Teufel, was die Zahl der Verlorenen betrifft, siegen wird. Dr. W. G. T. Shedd hat unsere Ansicht treffend vorgezeichnet:

»Wir müssen bedenken, dass die Frage nach dem Zahlenverhältnis der Erwählten und der Verworfenen nichts mit der Frage zu tun hat, ob Gott überhaupt Sünder erwählt oder verwirft. Wenn es Seiner Gerechtigkeit entspricht, Sünder zu erwählen und zu retten oder Menschen zu verwerfen, die sich übrigens durch eigene Schuld in diesen sündigen und ruinösen Zustand gebracht haben, lässt sich diese Gerechtigkeit ja nicht vom Zahlenverhältnis ablesen, und umgekehrt, falls die freie Wahl seiner Gerechtigkeit widerspräche, so wäre auch hier das Zahlenverhältnis ohne Belang. Es besteht keine innere Notwendigkeit, dass die Anzahl der Erwählten im Vergleich zu den Verlorenen klein sein müsste oder umgekehrt. Wer erwählt ist und wer nicht, und auch die Anzahl der beiden Gruppen — all dies liegt allein im Ermessen der Souveränität Gottes. Zur gleichen Zeit werden Ernst und Schrecken der Verwerfungslehre gelockert, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die Schrift selbst sagt, die Zahl der Auserwählten sei viel größer als die der Nichterwählten: Die Schrift lässt das Königreich des Erlösers dieser gefallenen Welt stets größer sein als das Reich Satans. Die Schrift sagt, das Werk der Gnade sei größer als das Werk der Sünde. ›Wo aber die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden.‹ Von den Erwählten wird gesagt, sie seien ›Schar, die niemand zählen kann‹; die Verworfenen werden nicht so betont.«114114     William G. T. Shedd, Calvinism, Pure and Mixed, S. 84.

Es ist eine weit verbreitete Praxis unter Autoren, die sich dem Armininanismus zuzählen, den Calvinismus so darzustellen, als wolleer eine möglichst große Zahl an Menschen in die Hölle schicken, denen sie selbst den Himmel geöffnet hätten. Doch das ist nichts als eine Karikatur des Calvinismus. Man stellt ihn so dar, als lehre er, die Erlösten seien nur eine kleine Schar; wie ein paar Zweige, die rasch noch von einem brennenden Baum herunter gerissen werden. Wenn der Calvinismus auf der Erwählungslehre besteht, dann deshalb, weil er Gott mit jedem einzelnen Menschen handeln sieht und nicht einfach, weil er meint, Gott handle mit der Menschheit als Ganzer. Das alles hat aber gar nichts damit zu tun, wie viele Auserwählte und wie viele Verworfene es geben wird. Denen, die geneigt sind zu sagen: »Nach dieser Lehre ist Gott allein für die Rettung einer Seele verantwortlich; nur wenige werden errettet«, wollen wir antworten, dass sie genauso gut sagen könnten: »Da Gott alleine Sterne erschaffen kann, kann es auch nur wenige Sterne geben.« Der Einwand ist nichtig. Die Erwählungslehre alleine kann uns keine Antwort auf diese Frage geben. Es gibt nur diese eine Begrenzung, dass eben nicht alle Menschen errettet werden.

Insofern es die Prinzipien der Souveränität und der persönlichen Erwählung betrifft, gibt es keinen Grund, weshalb der Calvinismus nicht der Auffassung sein sollte, dass schließlich und endlich alle Menschen errettet werden, und tatsächlich haben manche Calvinisten genau das geglaubt. So schrieb W. P. Patterson von der Universität Edinburgh:

»Der Calvinismus ist das einzige Gedankengebäude, dessen Prinzipien (Erwählungslehre und vollwirksame Gnade) es erlauben, eine glaubwürdige Theorie der Allversöhnung aufzustellen.«

Ähnlich Dr. S. G. Craig, der Herausgeber der Zeitschrift Christianity Today, ein bedeutender Mann in der Presbyterianischen Gemeinde seiner Zeit:

»Zweifellos sind sowohl Calvinisten als auch andere Christen der Auffassung, ihrem Schriftverständnis zufolge zu glauben, dass nur wenige Menschen gerettet werden. Es gibt aber keinen Grund, weshalb Calvinisten nicht genauso gut glauben sollten, dass letztlich die Anzahl der Geretteten den wesentlich größeren Teil der Menschheit ausmachen werden. Jedenfalls war dies die Auffassung unserer bedeutendsten Theologen wie Charles Hodge, Robert L. Dabney, W. G. T. Shedd und B. B. Warfield.«115115     Quelle nicht angegeben.

Wie Patterson gesagt hat, ist der Calvinismus mit der Betonung auf der persönlichen Beziehung zwischen Gott und jedem einzelnen Menschen das einzige Lehrgebäude, das eine logische Basis für die Allversöhnung böte, wenn sie nicht ganz klar der Schrift widerspräche. Muss nicht der Arminianismus seinerseits zugeben, dass seine Theologie nur wenigen Menschen ermöglicht, gerettet zu werden? Er wird jedenfalls zugeben müssen, dass doch geschichtlich gesehen die große Mehrheit der Erwachsenen, sogar in christlichen Ländern, Menschen mit »freiem Willen« und »gnädig wiederhergestellter Fähigkeit« gestorben sind, ohne Christus angenommen zu haben. Und wenn nicht Gott selbst die Welt an ihr bestimmtes Ziel führt — welche Gründe gäbe es, anzunehmen, dass sich das je ändern sollte, solange die menschliche Natur bleibt, wie sie ist, auch wenn die Welt noch eine Milliarde Jahre weiterbestünde?


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