__________________________________________________________________ Title: Sokrates und die alte Kirke: Rede beim Antritt des Rectorates gehalten in de Aula der Koeniglichen Friedrich-Wilhelms-Universitaet. Creator(s): Harnack, Adolf (1851-1930) Language: German CCEL Subjects: All; __________________________________________________________________ Sokrates und die alte Kirche. Rede beim Antritt des Rectorates gehalten in der Aula der Koenglichen Friedrich-Wilhelms-Universitaet am 15. October 1900 von Adolf Harnack. Berlin 1900. Buchdruckerei von Gustav Schade (Otto Francke) in Berlin N. __________________________________________________________________ Collegen! Commilitonen! Hochansehnliche Versammlung! Die akademische Sitte weist den Rector an, das neue Studienjahr mit der Betrachtung eines wissenschaftlichen Problems von allgemeiner Bedeutung zu eroeffnen. Indem ich dieser Sitte folge, lade ich Sie ein, sich mit mir in ein entferntes Zeitalter zu begeben. Fuerchten Sie aber nicht, dass ich Sie aus dem hellem Tag, der uns strahlt, in ein unfreundliches Dunkel fuehre. Nur die Geschichte, die noch nicht vergangen ist, die ein Theil unserer Gegenwart ist und bleibt, hat Anspruch darauf, von Allen gekannt zu werden, und fuer eine Episode aus dieser Geschichte erbitte ich mir Ihre Theilnahme. Wie sich die christliche Religion und die griechische Philosophie, oder dass ich besser sage: die griechische Cultur, gefunden und mit welchen Augen sie sich betrachtet haben in dem Momente, als eine der anderen zuerst aufleuchtete, wie sie dann ihre Schaetze verglichen haben und Einiges nun in doppeltem Lichte strahlte, Anderes aber erlosch -- das ist ein Schauspiel, das zurueckzurufen der Betrachtende nie muede werden kann. Aber nicht nur wie ein Schauspiel steht es vor seinen Augen. Die Werthe, die ihn bewegen in Gefuehl und That, in der tiefsten Empfindung und in der hoechsten Anspannung des Eigenlebens, und wiederum in Familie und Beruf, in Kirche und Staat -- alle die Werthe, die den eigentlichen Sinn des Lebens ausmachen, sind gepraegt worden in jenem widerspruchsvollen Bunde, der in dem zweiten und dritten Jahrhundert zwischen Griechenthum und Christenthum geschlossen worden ist. In der That eine Concordia discors, denn von beiden Seiten empfand man Gemeinsames und bemerkte doch Trennendes. Das Gemeinsame waren Gueter, aus dem Trennenden entwickelten sich Aufgaben: so sind die Spannungen nicht minder wirksam und segensreich geworden als der doppelt versicherte Besitz. Dort wie hier aber war es je eine Persoenlichkeit, in der alles Hobe zusammengefasst, begruendet und verwirklicht erschien. Fuer das Christenthum ist das ohne Weiteres klar: in der Person Christi wurde das neue Leben mit allen seinen Guetern angeschaut. Aber auch das Griechenthum, sofern es sich als Erhebung ueber das sinnliche Leben, als ideale Weltanschauung und ernste Sittlichkeit darstellte, besass einen fuehrenden Heros. War er auch nicht so ausschliesslich der Fuehrer wie Jesus Christus, so war er doch die Groesse, vor der bald jeder Grieche sich beugte und die er als den Begruender eines hoeheren Lebens verehrte -- Sokrates. Jesus Christus und Sokrates: die beiden Namen bezeichnen die hoechsten Erinnerungen, welche die Menschheit besitzt. Zwar war es Sokrates nicht beschieden, wie Philo, Josephus und Virgil, eine Stelle unter den Kirchenvaetern zu erhalten, aber etwas viel Groesseres hat die Geschichte ihm gespendet. Sie hat seinen Namen, wenn auch in weitem Abstande, mit dem Jesu Christi verbunden. Vom zweiten Jahrhundert ab steht diese Verbindung vor den Augen der einpfindenden und denkenden Menschheit als Consonanz und als Dissonanz, vor Allem als ein wundervolles Problem, an dem sich jedes Jahrhundert hat versuchen muessen. Denn es giebt Probleme in der Geschichte, die niemals erledigt werden und die jede Generation neu anfassen muss. Zugleich aber laesst sich hier mit Haenden greifen, dass es in der Geschichte der Gedanken die Personen sind, welche die Geschichte machen. Gewiss, sie kamen, weil die Zeit erfuellt war, aber die Weisheit, welche lehrt, dass sie kommen mussten, steht auf der Hoehe der Einsicht, dass ueberhaupt Alles so gekommen ist, wie es kommen musste. Christus und Sokrates -- unter diesem Titel kann man ein grosses Stueck der Geistes- und Religionsgeschichte von zwei Jahrtausenden beschreiben. Wie ernsthaft hat sich noch das vorige Jahrhundert um dies Problem bemueht -- seine Dichter, seine Philosophen und seine Aufklaerer! Hamann's Tiefsinn, Mendelssohn's und Eberhard's klare Verstaendigkeit, Matthias Claudius' bewegliche Mitempfindung, Wieland's weltmaennischer Blick, Klopstock's Begeisterung haben sich an dem Probleme versucht. Einst war Portia's, der Gattin des Pilatus, Traum, in welchem ihr Sokrates erschien, allen gebildeten Deutschen bekannt, und der Dichter des Messias ist um dieser ergreifenden Episode willen aufs hoechste gepriesen worden. Aber auch noch in unserem Jahrhundert, in welchem Weltanschauung, Wissenschaft und Dichtung immer mehr auseinandergetreten sind und der Poet, ja selbst der Philosoph, selten mehr um die hoechste Palme ringt, ist das Problem nicht ganz vergessen. Mau braucht auch kein Prophet zu sein, um verkuendigen zu duerfen, dass es uns in den naechsten Jahrzehnten wieder mit ganzer Macht beschaeftigen wird. Aber nicht die lange Kette jener Bemuehungen gedenke ich Ihnen vorzufuehren, sondern, zum Anfang zurueckkehrend, moechte ich Ihre Theilnahme fuer die Frage erwecken, wie von den Christen im vorkonstantinischen Zeitalter Sokrates empfunden und betrachtet worden ist. Darf ich Sie zunaechst an einige Hauptzuege des grossen Philosophen erinnern? Bei Griechen und Roemern lebte er fort ausschliesslich in dem Bilde, welches Plato von ihm gezeichnet hatte. Dieses Bild hatte nicht nur seine Verklaerung und Weibe, sondern auch seinen wesentlichen Inhalt durch den Tod empfangen. Sieht man von diesem ab, so erscheint Sokrates als ein Sophist im hoeheren Sinn des Worts, der es verstand, seine Gegner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Wie sie beseitigte er die objective Speculation; wie sie hatte er nur fuer das Individuum in seinem intellectuellen und moralischen Zustande Interesse; wie sie lehnte er es ab, aus der Sitte und Ueberlieferung die Entscheidung ueber das Pflichtmaessige zu treffen; endlich wie bei ihnen fuehrte auch bei Sokrates die vernuenftige Ueberlegung noch nicht zu einem systematischen und geschlossenen Wissen, sondern das begriffliche Denken war ihm nur ein Princip von Fall zu Fall. Aber freilich, an einem entscheidenden Punkte unterschied er sich von deli Sophisten: die vernuenftige Ueberlegung fuehrte ihn nicht auf den jedesmaligen eigenen Vortheil des Individuums, sondern letztlich auf etwas Allgemeines, Bleibendes, eine Art von kategorischem Imperativ. In diesem Sinn schloss sich doch bei ihm das Denken zu einer Einheit, einer Art von Weltanschauung zusammen, deren Ausgangspunkt das Innenleben war und die von einem idealen und ethischen Gedanken beherrscht wurde. Aber wie wenig war diese Lehre an und fair sich noch im Stande, wie ein Evangelium zu wirken und epochemachend einzugreifen! Das wesentliche Element fuegte Sokrates ihr erst durch seinen Tod hinzu. Der Kerker and der Schierlingsbecher sind die eigentlichen Mittel seiner Philosophie gewesen; denn durch sie hob er seine Lehre aus dem Gebiet der dialektischen Kunst und blosser Worte auf die Hoehe der That und verlieh dem ideellen Gedanken schlechthin Autoritaet und Objectivitaet. So ist es von Plato, so von den Tausenden nach ihm empfunden worden. In die griechische Welt, in diese heitere Welt der Sinnenfreudigkeit und des Genusses, hat Sokrates die Gewissheit und den Ernst eines hoeheren Lebens gebracht -- der sterbende Sokrates, nicht der lehrende, oder der lehrende nur insofern, als er in der Todesstunde lehrte. Die Anklage, um deren willen er verurtheilt worden war, erhielt hierdurch einen gam neuen. Sinn. Verurtheilt worden war er, weil er neue Goetter lehrte und weil er die Jugend zum Ungehorsam gegen die Eltern und Staatsgesetze verfuehrte: so behauptete die demokratische Reaktion, deren politisches Opfer er geworden war. Seine Schueler und Verehrer mussten umgekehrt ueberzeugt sein, dass eben das das Gerechte und Gute sei, um dessen willen man ihn verurtheilt hatte. Eine vollstaendige Umwerthung der Werthe war damit gegeben: unbekuemmert um den. Staat, um Sitte und Gewohnheit sich lediglich von persoenlicher Ueberzeugung und freier Selbstentscheidung leiten zu lassen, der sittlichen Pruefung nach den hoechsten Maassstaeben und der innern Stimme allein zu folgen, das ist das Gute. Und noch etwas -- Leiden, Entbehrung, Verfolgung, der Tod sind keine. Uebel, sondern koennen in Quellen der Kraft verwandelt werden; das irdische Leben ist der Gueter hoechstes nicht, denn es hat ein hoeheres Leben in sich und ueber, sich; endlich, selbst die Staatsgoetter, die olympischen Goetter alle, verblassen an Macht und Autoritaet vor dem Gott, der tief das innerste erregt. Das sind die Empfindungen und Ueberzeugungen, die Sokrates durch seinen Tod in der Antike entbunden hat. und die die Grundpfeiler einer neuen Weltanschauung iu Griechenland geworden sind. Es bedarf nicht vieler Worte, damit man erkenne, wie verwandt das alles die Christen beruehren musste. Je einfacher und reiner sie ihren eigenen Besitz empfanden, um so deutlicher musste ihnen die Uebereinstimmung sein. Aber andererseits -- wie gross war doch wiederum der Unterschied! Dieser Sokrates verlegte alle hoeheren Gueter in das Gebiet der Erkenntniss; sie, die Christen, aber waren angewiesen, alle menschliche Erkenntniss misstrauisch zu betrachten. Er rief zum Wissen, sie aber zum Glauben. Er liess die Goetter gelten; sie aber betrachteten sie als Daemonen. Er zeigte den Weg zur Selbsterloesung; sie kannten einen Erloeser und hofften auf ihn. Wie koennen so viele Gegensaetze bestehen bei soviel Gemeinschaft? Ein Jahrhundert lang hoeren wir in christlichen Kreisen nichts von Sokrates, nicht einmal den Namen. Paulus schweigt ueber ihn, obschon er von griechischer Philosophie nicht ganz unberuehrt geblieben ist. Auch im Gefaengniss erinnert er sich nicht an den verhafteten Philosophen. Nicht einmal die Legende hat es gewagt, dem Apostel ein Uriheil ueber Sokrates in den Mund zu legen, obschon sie ihn mit Seneca zusammenbringt. "Wenn unsere Bekenner etwas Toedtliches trinken, wird es ihnen nicht schaden", bezeugen die Christen; aber Sokrates erwaehnen sie nicht. Erst um dis Mitte des zweiten Jahrhunderts wird sein Name in unseren Quellen zum ersten Mal genannt, und von nun an verschwindet er nicht mehr. Es sind die christlichen Apologeten gewesen, die ihn aufgenommen haben, jene Maenner, die das Christenthum auf den Boden der griechischen Philosophie, ja ueberhaupt des Griechenthums, hinueber pflanzten. Und -- dass ich es gleich sage -- der Erste, der dies mit ungemeiner Energie gethan hat, ist zugleich derjenige, der Christus und Sokrates einander am naechsten gerueckt hat, der Apologet Justin. Um das Jahr 150 hat er eine umfangreiche Vertheidigungsschrift fuer das Christenthum an die Kaiser Antoninus Pius und Marc Aurel, an den Senat und das ganze roemische Volk gerichtet. In dieser Schrift streift er nicht nur Sokrates und seine Lehre, sondern die Beziehung auf sie bildet vorn ersten bis zum letzten Blatt ein Hauptmittel der Vertheidigung und des Beweises. Er weiss, dass seine kaiserlichen Adressaten Sokrates ueber Alles schaetzen; deshalb hat er seine Schrift durchflochten mit platonischen Citaten und mit Anspielungen auf die letzten Reden des Philosophen. Aber er selbst ist als Christ ein Verehrer des Sokrates geblieben, und darum argumentirt er zuversichtlich und unbefangen von ihm aus fuer die Christen und fur Christus. Wir Christen alle erleiden heute das, was Sokrates erlitten hat, weil wir wie er denken und handeln; wir sind mit ihm ungerecht verurtheilt; wir sind mit ihm im Kerker; wir werden mit ihm getoedtet und -- wir sind mit ihm unverwundbar; denn Anytus und Meletus koennen uns wohl toedten, aber schaden koennen sie uns nicht. Das ist keine Rhetorik, das ist auch nicht zufaellige Uebereinstimmung, nein --Justin ist tief davon durchdrungen, dass sich in der Verurtheilung der Christen die Verurtheilung des Sokrates wirklich fortsetze. Diese Ueberzeugung muss er beweisen, und er beweist sie; denn so lauten seine Worte: "Als Sokrates die Menschen von den Daemonen abzuwenden versuchte, da haben es diese dahin gebracht, dass er als ein Gottesleugner und Frevler sterben musste; denn sie liessen die Behauptung verbreiten, er fuehre neue Gottheiten ein. Dasselbe thus sie heute uns gegenueber; denn nicht nur bei den Griechen hat der Logos die falsche Religion durch Sokrates widerlegt, sondern auch bei den Barbaren ist dies geschehen. Dort aber ist er persoenlich erschienen und hat als Jesus Christus die Daemonen ueberwunden." Und an einer anderen Stelle: "Alle die mit dem Logos gelebt haben, die waren Christen, wenn sie auch als Gottesleugner galten, wie unter den Griechen Sokrates." Und an einer dritten: "Unter allen Philosophen ist Sokrates der beste gewesen; denn er hat Homer und die Goetter der Dichter verschmaeht, dagegen die Menschen angewiesen, den unbekannten Gott mittelst des Logos zu suchen und zu erkennen; er selbst hat Christus zum Theil erkannt; denn Christus ist die persoenliche Erscheinung des Logos, der jedem Menschen inne wohnt." Sokrates und Christus gehoeren also zusammen und werden von Justin der griechischen Religion eutgegengesetzt. Sie gehoeren aber zusammen, weil ein und derselbe Logos in Beiden gewaltet hat. Enger kann man die Verbindung nicht fassen; aber Justin ist dabei nicht blind gegenueber dem Unterschied. Dieser Unterschied ist ihm ein gewaltiger; denn, so fuhrt er aus: Sokrates war nur ein Werkzeug des Logos, in Christus aber ist dieser selbst erschienen; weiter, Sokrates hat die Wahrheit nicht vollstaendig und rein erkannt, denn er besass nicht den ganzen Logos; endlich "dem Sokrates hat Niemand solchen Glauben geschenkt, dass er fuer seine Lehre gestorben waere, fuer Christus aber gehen nicht nur Philosophen, sondern auch Handwerker und ganz ungebildete Leute in den Tod". Diese letzte Wendung ist ganz besonders lehrreich: Justin vermeidet es, die so nahe liegende Parallele zwischen dem Tod des Sokrates und dem Tod Christi zu ziehen. Dagegen stellt er das Verhalten der Juenger Beider in einen Gegensatz und erschliesst aus ihm die einzigartige Kraft der Predigt Jesu. In Hinsicht auf Reinheit, Universalitaet, Fasslichkeit und Ueberzeugungskraft also steht dem Justin das Christenthum hoch ueber der sokratischen Lehre; aber kein Zweifel -- Sokrates und seine Philosophie gehoeren auf die Seite der Wahrheit und nicht auf die Seite des Irrthums, darum zu Christus und nicht zum Heidenthum. Aehnlich wie Justin haben auch die uebrigen griechischen Apologeten geurtheilt, die etwas spaeter geschrieben haben. Sie streifen die Person des Sokrates zwar nur, und er steht ihnen nicht im Mittelpunkt des Interesses, aber sie verehren ihn. Tatian schildert das ganze Griechenthum mitsammt seinen Philosophen in den duestersten Farben, aber Sokrates nimmt er aus: "Es giebt nur einen Sokrates." Athenagoras stellt wie Justin die Christen mit dem athenischen Philosophen zusammen: "Wie dieser durch die oeffentliche Meinung nichts von seiner Vortrefflichkeit einbuessen konnte, so vermag auch uns Christen die grundlose Verleumdung in Bezug auf die Reinheit unseres Lebens nicht zu schaden." Der Philosoph Apollonius erinnert seine Richter, die roemischen Senatoren, an die beruehmte Stelle aus Plato, wo dieser von dem wahrhaft Gerechten weissagt, er werde gegeisselt, gefoltert, geblendet und zuletzt aufgepfaehlt werden. Dann faehrt er fort: "So wie die athenischen Anklaeger ueber Sokrates ein ungerechtes Todesurtheil abgegeben haben, so haben die Gottlosen auch ueber unseren Meister und Erloeser das Verdammungsurtheil gefaellt; denn die Gerechten sind den Gottlosen stets verhasst." Nur einen alten griechischen Apologeten giebt es, der hier eine Ausnahme macht und Sokrates einfach in das blinde Heidenthum einrechnet. Es ist gewiss nicht zufaellig, dass dieser Eine zugleich ein Bischof gewesen ist -- Theophilus von Antiochien. Er stoesst sich daran, dass Sokrates, wie die Ueberlieferung sagt, bei dem Hunde und der Platane zu schwoeren pflegte, und schloss daraus, dass er nichts von der Wahrheit erkannt habe, und dass daher auch sein Tod sinn- und zwecklos gewesen sei. Jene Schwuere des Sokrates mussten freilich seinen christlichen Verehrern sehr unangenehm und bedenklich sein, aber sie wussten sich mit ihnen abzufinden. Lediglich um die Athener und ihren Glauben zu verspotten, meinten sie, habe Sokrates solche Schwurformeln gebraucht. So gewiss waren sie, dass der Mann, der, wie die christlichen Bekenner, fur seine Lehre gestorben war, unmoeglich im Goetzendienst stecken geblieben sei. Er war fuer seine Lehre gestorben und die Christen starben fuer ihre Lehre -- diese Uebereinstimmung hat selbst die gebildeten Gegner des Christenthums stutzig gemacht,. und noch andere Ver wandtschaften fielen ihnen auf. Celsus, der aelteste und tuechtigste litterarische Bestreiter des Christenthums, hat in der Einleitung zu seiner Schrift die gefaehrdete Lage der Christen mit der des Sokrates verglichen. Leider kennen wir an dieser Stelle den Wortlaut seiner Ausfuehrungen nicht mehr und wissen daher nicht, wie er sich aus dein fur seinen eigenen Standpunkt toedtlichen Vergleich herausgezogen hat. Eben derselbe Celsus behauptet auch, dass die Christen das Gebot, nicht Boeses mit Boesem zu vergelten, einer Anweisung des Sokrates entnommen haetten, und dass auch ihre Unterscheidung einer menschlichen und einer goettlichen Weisheit dieser Quelle entstamme. Der Heide Caecilius raeth den Christen, wenn sie denn durchaus philosophiren wollten, Sokrates nachzuahmen und jene Zurueckhaltung in Bezug auf die himmlischen Dinge zu ueben, der er sich befleissigt habe. Lucian, der Spoetter, behauptet, die Christen haetten einen ihrer hervorragenden Lehrer "den neuen Sokrates" genannt. Galen gesteht einzelnen Christen zu, dass sie wie wahre Philosophen, also wie Sokrates, die sinnlichen Genuesse und den Tod verachten. Umgekehrt sucht Marc Aurel zu zeigen, dass die Uebereinstimmung des Sokrates und der Christen in der Todesbereitschaft nur eine scheinbare sei; denn jene sei selbstbewusst und voll keuschen Ernstes gewesen, diese aber unbesonnen und prahlsuechtig. Man erkennt deutlich -- auch fuer die Gegner lag hier ein Problem. Nicht nur die Christen nahmen Sollrates fair sich in Anspruch; auch ihre Feinde fanden hier Uebereinstimmungen, die sie in Verwunderung setzten und fuer die sie nach Erklaerungen suchen mussten. Gegenseitig bezichtigte man sich des Plagiats: Sokraetes hat die heilige Schrift gepluendert; nein -- Christus oder die Christen haben die griechische Philosophie bestohlen. So sehr empfand man das Gemeinsame, und so unfaehig war man, es zue erklaeren! Aber -- kann man einwenden --ist hier nicht Alles herueber und hinueber nur dialektisch-apologetische Kunst gewesen? War es den christlichen Philosophen wirklich Ernst mit ihrer Verehrung des Sokrates? Bei Justin kann darueber kein Zweifel sein und ebensowenig bei der Gruppe von Theologen, die sich unmittelbar ihm anschliesst, den alexandrinischen christlichen Gelehrten. Clemens, Origenes und ihre Schueler haben mit der gleichen Hochachtung von Sokrates gesprochen, wenn sie fuer Christen und wenn sie fuer das grosse Publikum geschrieben haben. Der Ausdruck "Hochachtung" ist noch viel zu schwach: Sokrates war ihnen ein Zeuge der Wahrheit, ja der Zeuge innerhalb der griechischen Geschichte. Noech mehr: Clemens Alexandrinus hat die ganze Geschichte der griechischen Philosophie von Sokrates ab nicht im Contraste zum Christenthum betrachtet, sondern als Vorhalle desselben wie das alte Testament, und auch Origenes und seine Schiller beurtheilten sie aehnlich. Wie war ihnen das moeglich, da sie doch ueberzeugte kirchliche Christen waren und der Bedeutung der Person Christi nichts abzogen? Nun, moeglich, ja selbstverstaendlich war es ihnen, weil sie in der christlichen Religion nicht ein e Religion sahen, sei es auch die wahre, sondern weil sie sie als die Religion erkannten, auf welche die religioese Anlage aller Menschen hinweise und die sich in der Menschheitsgeschichte vorbereitet habe. Diese Erkenntniss machte sie nicht tolerant, sondern wahrhaft liberal, d. h. sie wussten das Gute, wo immer es sich zeigte, zu finden und zu schaetzen und brachten es mit der christlichen Predigt in Verbindung. Dass die Tugenden der Heiden nur glaenzende Laster, ihre Erkenntnisse sammt und sonders Irrthuemer seien --von diesem trueben Gedanken waren sie noch weit entfernt. Freilich entfernten sie sich auch von jener Auffassung des Boesen und der Suende, welche Paulus verkuendigt hatte; aber man kann nicht sagen, dass sie die einzige ist, die sich mit dem Evangelium vereinigen laesst. Wie sehr Clemens und Origenes Sokrates geschaetzt haben, erkennen wir am besten an der vollkommenen Unbefangenheit, mit der sie seine Aussprueche als anerkannte Wahrheiten citiren; ja Clemens verbindet sie sogar mit Bibelspruechen. Origenes thut das nicht mehr; die Bibel steht ihm zu hoch, aber Sokrates ist auch ihm ueber jeder Kritik erhaben. "Er hat", sagt er, "im Gefaengniss mit vollkommener Furchtlosigkeit und mit aller Seelenruhe so viele und so erhabene Gedanken ausgesprochen, dass ihm kaum die zu folgen vermochten, die vollstaendig gefasst waren und von keiner drohenden Gefahr beaengstigt wurden." Nur einmal erscheint seine unbedingte Verehrung erschuettert, wo er sich erinnern muss, dass Sokrates doch auch den Goetzen geopfert hat. Aber mit Clemens ist er der Ueberzeugung, dass das Daeinonium des Sokrates kein boeser Geist gewesen ist, sondern ein Geist des Schutzes und der Wahrheit. Das ist die staerkste Probe ihres Glaubens an den Philosophen; denn es war fuer jeden Christen ein hartes Stueck, dieses Daemonium anzuerkennen. Schon der blosse Name musste abschrecken. Am lehrreichsten aber ist es, zu sehen, wie Origenes in seinem grossen Werke gegen Celsus den Uebereinstimmungen zwischen Sokrates einerseits und Christus und den Christen andererseits nachgeht. Tausend Jahre spaeter haben die Schueler des heiligen Franciskus "Conformitates" zwischen ihrem Meister und Jesus aufgesucht und zusammengestellt. Dasselbe hat bereits Origenes gethan; nur einige seien angefuhrt: Jesus ist eines schmaehlichen Todes gestorben, Sokrates auch; Jesus hat gelehrt, den. Tod nicht fur ein Unglueck zu achten und ihm gegenueber furchtlos zu bleiben, Sokrates auch; Jesus hat die Sunder zu sich gerufen, Sokrates hat den Phaedon aus einem schlechten Hause herausgenommen und ihn der Philosophie zugefuehrt, von Jesus werden hoechst wunderbare und anscheinend unglaubwuerdige Geschichten berichtet, von Sokrates auch; Jesu Sprueche und Gleichnisse beduerfen der allegorischen Erklaerung, Sokrates' Mythenerzaehlungen ebenfalls; aus Jesu Verkuendigung endlich hauen sich verschiedene Secten und Schulen entwickelt, nicht anders aus der Lehre des Sokrates. Diese Hochschaetzung des athenischen Philosophen hat Origenes auf seine Schueler uebertragen. In der Lobrede, die Gregorius Thaumaturgus seinem Meister gehalten hat, weiss er ihm kein hoeheres Lob zu spenden als in den Worten: "Wie Sokrates hat mich Origenes gezuegelt und geleitet." Ebenderselbe Gregorius bezeichnet das sokratische Wort "Erkenne dich selbst" als das Gebot der tiefsten Weisheit. Ein anderer christlicher Philosoph, Methodius, eignet sich die Auffassung vollkommen an, die Sokrates ueber den Tod ausgesprochen hat. In die Weltchronik des Eusebius ist Sokrates als der "Philosophos kathartikos", der Philosoph "der Reinigung", aufgenommen, der durch "den Wahnsinn" der Athener den Tod erlitten hat. Damit erschien das christliche Uriheil ueber Sokrates fuer alle kommenden Zeiten in einem maassgebenden Werke festgelegt. Aber auch mitten im bewegten Leben und in der Todesstunde haben christliche Maertyrer des 3. Jahrhunderts noch immer des Sokrates gedacht und sich auf ihn berufen, so Pionius und Phileas. "Ich opfere nicht; denn ich wache eifersuechtig ueber meine Seele. Nicht nur wir Christen than so, sondern auch Heiden; nimm Dir den Sokrates als Beispiel: da er zum Tode gefuehrt wurde und seine Gattin und Kinder neben ihm standen, kehrte er nicht um, sondern nahm bereitwillig den Tod auf sich." Aus dem ganzen Gebiet des G r i e c h e u t h ums s ist mir in der Zeit vor Konstantin neben Theophilus von Antiochien, den ich bereits erwaehnt habe, nur noch ein Christ bekannt, der sich abschaetzig ueber Sokrates geaeussert hat. Dieser Eine -- es ist der Verfasser der clementinischen Homilien, und er beschuldigt SOkrates grober Unsittlichkeit --ist aber nur seiner Sprache nach ein Grieche; in Wahrheit ist er ein juedisch-syrischer Christ. Der griechische Geist liess sich seinen Sokrates nicht rauben, auch dann nicht, als er sich dem Evangelium unterworfen hatte. Aber wer kann behaupten, dass sich diese Verbindung der Lehre des Sokrates und Christi auf eine vollstaendige und tiefe Einsicht in die Eigenthuemlichkeit Beider gruendete? Man darf wohl sagen: sie kam zu frueh, und sie floss mehr aus der sittlichen Stimmung, dem Willen und der Verehrung als aus gesicherter Erkenntniss. That man nicht Beiden Gewalt an, indem man sie einander so nahe rueckte, und gab man nicht wesentliche Gedanken des Christenthums preis, wenn man hier nur Uebereinstimmungen sehen wollte? Die abendlaendischen Theologen sind es gewesen, die dies erkannt haben, die Lateiner, die durch kein urspruengliches Band mit Sokrates und dem Griechenthum verbunden waren. Sie haben den Unterschied und Gegensatz znm Ausdruck gebracht. Aber indem sie das thaten, wurden sie in der Negative ungerecht; denn eine relative und wahrhaft geschichtliche Betrachtung gab es ueberhaupt noch nicht. Doch haben es nur zwei unter ihnen, Minucius Felix und Novatian, ueber sich gebracht, den grossen Philosophen als verfuehrten und verfuehrenden Irrgeist, ja als "attischen Schalksnarren" einfach bei Seite zu schieben. Die beiden einflussreichsten abendlaendischen Apologeten, Tertullian und Lactantius, haben ein widerspruchvolles Bild des Sokrates entworfen, in welchem aber die unguenstigen Zuege weit ueberwiegen. Tertullian raeumt in seiner grossen Vertheidigungsschrift fill. das Christenthum ein, dass Sokrates die falschen Goetter verworfen habe und dass er deshalb verurtheilt worden sei. Daher laesst er ihm den Titel des Weisesten der Griechen. "Er erkannte etwas von der Wahrheit", sagt er, "und ein gewisser Anhauch derselben hat ihn den Goettern Trotz bieten lassen." "In ihm ist die Wahrheit im Voraus verdammt worden, und sein Tod ist das grosse Beispiel, dass sie zu allen Zeiten den Menschen verhasst gewesen ist." Auch die Schwurformeln des Sokrates "beim Hunde und dem Holze" will Tertullian so deuten, dass die Goetzen dadurch verspottet werden sollten. In allen diesen Uriheilen, nur nicht in dem letzten, stimmt Lactantius mit ihm ueberein; er rechnet es aber Sokrates ausserdem noch zu hohem Lobe, dass er sich fuer das Nicht-Wissen entschieden und die ganze Philosophie in Ethik verwandelt habe. Aeber damit ist auch das Lob des Philosophen bei beiden Apologeten erschoepft, und tiefe Schatten verdunkeln es: dieser Sokrates ist doch ein falscher, ja letztlich ein unsittlicher Philosoph gewesen; den christlichen Haeretikern, nicht der Kirche, hat er Stoff fuer ihre Lehren gegeben; er hat die Wahrheit nicht besessen, sondern sie nur gesucht, ja nicht einmal ernsthaft -- mit dem Wunsche sie zu finden -- gesucht; von einem boesen Daemon. hat er sich leiten lassen; die Jugend hat er zu abscheulichen Lastern verfuehrt, die Weibergemeinschaft hat er empfohlen; im Grunde war er irreligoes, denn er verkuendete, dass das, was ueber uns ist, uns nichts angehe, und endlich -- auch jenen Anhauch von Wahrheit, der ihn die falschen Goetter verachten lehrte, hat er in der Todesstunde eingebuesst; denn er liess dem Aeskulap einen Hahn schlachten! In dem letzten Urtheil haben Tertullian und Lactaentius die heiligste Erinnerung der Antike, gleichsam ihr Evangelium, anzutasten gewagt -- den sterbenden Sokrates. Die Seelenstaerke, die er in der Todesstunde bewiesen, seine letzten Reden, das Zeugniss, das er in Wort und That fuer den Adel und die Unsterblichkeit der Seele abgelegt, hatten ihn zum Heiligen des Alterthums gemacht. Alles Uebrige von ihm und seiner Lehre war verblasst und vergessen; Niemand achtete darauf; um so heller strahlte, der Confessor und der Maertyrer. Diesen wagte Tertullian anzugreifen und in den Staub zu ziehen, und weshalb? Weil er in der Todesstunde befohlen hatte, dem Aeskulap einen Hahn zu schlachten! Alle griechischen Apologeten sind schweigend ueber diesen dunklen und peinlichen Punkt hinweggegangen; aber auch Tertullian selbst hat gefuehlt, dass er die wundervolle Groesse des sterbenden Sokrates nicht durch den ein en Hinweis auf das Hahnenopfer niederreissen koenne. Wollte er das Evangelium der Antike vernichten in der Ueberzeugung, dass nicht wahrhaft gross, nicht rein und heilig gewesen sein koenne, wer der Offenbarung entbehrte und den Daemonen noch geopfert hat, so musste er Zug um Zug all das Herrliche vernichten, was Plato im Phaedon und sonst von dem sterbenden Sokrates berichtet hatte. Lange ist er selbst vor dieser furchtbaren Aufgabe zurueckgeschreckt; erst in einem seiner letzten Werke hat er sie vollzogen. Die grosse Untersuchung Tiber .das Wresen und die Unsterblichkeit der Seele, die wissenschaftlich bedeutendste Arbeit, die wir aus seiner Feder besitzen, noethigte ihn, sich mit Sokrates auseinanderzusetzen. Wer ueber dieses Thema schrieb, musste zu Plato's Phaedon Stellung nehmen, das war selbstverstaendlich; aber Tertulliau musste das erst recht, da er im Grunde dasselbe ueber die Unsterblichkeit der Seele zu sagen hatte, was der sterbende Sokrates gelehrt. Wie wird er ihn also ins Unrecht setzen koennen? Hoeren wir seine Ausfuehrungen; mit Bedacht sind sie bereits im Prologe entwickelt, eroeffnen also das Werk: "Im Kerker des Sokrates wurde ueber den Zustand der, Seele verhandelt. Wenn auch auf den Ort nichts ankommt, so ist mir doch Allem zuvor zweifelhaft, ob die Zeit fuer den, der hier Belehrungen ertheilt hat, eine gelegene war. Denn was sollte wohl die Seele des Sokrates in jenem Augenblick noch mit Evidenz erkannt haben, da das heilige Schifflein schon vom Lande abgestossen, der Schierlingsbecher bereits getrunken und die Seele, wenn es nach der Ordnung der Natur ging, durch die Naehe des Todes nothwendig in eine gewisse Erregung versetzt war? Wie heiter und ruhig sie auch gewesen sein mag, wie wenig sie sich auch unter die weichen Gefuehle der Natur beugen liess, sie war doch in Unruhe durch die Anstrengung, nicht unruhig zu werden, sie war in ihrer Standhaftigkeit erschuettert durch die krampfhafte Niederzwingung. der Schwaeche. Weiter, wofuer wird ein zu Unrecht Verurtheilter sonst noch Sinn haben als Trostgruende aufzusuchen in Bezug auf die Unbill? Zumal der Philosoph, dieses vom Ruhm lebende Geschoepf! So gratulirte sich denn Sokrates selbst zu seinem Tode, weil es besser sei, ungerecht als gerecht verurtheilt zu werden, und, um seinen Anklaegern ihren Triumph zu rauben, demonstrirte er die Unsterblichkeit der Seele. Also stammte die ganze damalige Weisheit des Sokrates aus den Anstrengungen eines tendenzioesen Gleichmuttis, nicht aus der Zuversicht der erlebten Wahrheit. Denn wer kann der Wahrheit inne werden ohne Gott? wer Gott erkennen ohne Christus? wer Christum finden ohne den heiligen Geist? Naeher liegt es gewiss, bei Sokrates einen ganz anderen Geist anzunehmen; denn man sagt ja, dass ihn von Kindheit an ein Daemon begleitet habe. Indess, wenn selbst dieser Sokrates, den der pythische Daemon als den Weisesten bezeichnet, die Unsterblichkeit der Seele bezeugt hat, um wie viel mehr Gewicht hat das Zeugniss der christlichen Weisheit, bei deren Anhauch die ganze Macht der Daemonen zurueckweicht! Sie ist die Weisheit aus der Schule des Himmels; sie leugnet kuehn die Goetter dieser Welt; sie erweist sich nicht als zweideutig durch den Befehl, dem Aeskulap einen Hahn zu opfern; sie fuhrt keine neuen Daemonen ein; sie verfuhrt die Jugend nicht, sondern lehrt sie Alles, was keusch und zuechtig ist. Weil sie so ist, darum hat sie die ungerechte Verurtheilung nicht bloss von Seiten einer Stadt, sondern des ganzen Erdkreises fur die Wahrheit zu ertragen, fuer die Wahrheit, die um so verhasster ist, je vollkommener sie erscheint. Sie schluerft auch nicht den Tod in heiterem Feierkleid aus einem Becher, sondern muss ihn nebst allen Erfindungen der Grausamkeit am Kreuz und auf dem Scheiterhaufen durchkosten, und sie stellt in dem viel finstereren Kerker dieser Welt ihre Untersuchungen ueber die Seele mit ihren Phaedonen nach den Anweisungen Gottes an. Der wahre Lehrmeister der Seele ist ihr Schoepfer. Von ihm allein sollst du lernen, und wenn nicht von ihm, dann von keinem Anderen; denn wer kann enthuellen, was er bedeckt hat? Dort soll man fragen, wo man, auch ohne Antwort zu erhalten, am sichersten geht. Es ist besser, etwas durch Gott nicht zu wissen, weil er es nicht geoffenbart hat, als durch einen Menschen zu wissen, weil er ueber werthlose Muthmaassungen doch nicht hinauskommt." "Wehe, wehe, du hast sie zerstoert, die schoene Welt" -- so muss man ausrufen. Und mit welchen Mitteln zerstoert! Wie kreuzt sich in diesen Ausfuehrungen die Ueberzeugung von der unerreichten Hoehe des Evangeliums mit abscheulicher Sophistik! Hat Tertullian selbst an diese pfaeffischen Ausfuehrungen geglaubt, war es ihm Ernst mit dieser Kritik des sterbenden Sokrates? Ja und nein! Ernst war es ihm mit seiner Theorie, mit dem Glauben, dass die Wahrheit ausschliesslich in der biblischen Offenbarung zu finden sei; aber er hat wider sein Wissen und sein Gewissen gezeugt, wenn er dieser Theorie zu Liebe die Thatsachen beugte und den Sokrates in den Staub zog. Laesst sich doch unschwer bemerken, dass bei Tertullian hinter der ungerechten Verurtheilung noch immer eine scheue Anerkennung unueberwindlich ruht. Der Mann, der einst das herrliche Biichlein "De testimonio animae naturaliter Christianae" geschrieben hat, vermochte es doch nicht ueber sich zu bringen, dein Sokrates zum zweiten Mal den Schierlingsbecher zu reichen. Ein Funke griechischer Auffassung lebte auch noch in ihm, jener Ueber zeugung von der Einheit der geistigen und der religioesen Function. Aber -- wenn bereits Sokrates fur die Wahrheit gestorben war, was blieb fuer Jesus Christus uebrig. Mit Recht empfand Tertullian, dass hier etwas viel Hoeheres in die Geschichte eingetreten sei, aber er vermochte dieser Empfindung nur auf Kosten des Sokrates Ausdruck zu geben. Doch -- den letzten Schritt hat erst Augustin Bethau, und zwar durch seine furchtbare Theorie, dass alle Tugenden der Heiden nur glaenzende Laster gewesen seien. Erst diese Lehre tauchte Alles in dunkle Nacht, was das Alterthum Erhabenes und Grosses hervorgebracht hat. Aber -- wie so oft in der Geschichte -- eben wenn eine einseitige Betrachtung bis zur letzten Spitze durchgefuehrt ist, stellt sich der Umschlag und der Fortschritt in der Methode der Erkenntniss ein. Man kann die augustinische Theorie auch als den Anfang der Einsicht fassen, dass Religion etwas Anderes ist als ein Wissen, dass griechische Philosophie und Christenthum zwei specifisch verschiedene Groessen sind, dass daher jede fuer sich zu betrachten und nach verschiedenen Maass staeben zu wuerdigen ist. Das ist der volle Gegensatz zu der Meinung der griechischen Apologeten, beide gehoerten einfach zusammen und die eine liesse sich aus der anderen deuten und erklaeren. Wohl giebt es eine letzte Betrachtung, nach welcher diese Auffassung ein Recht hat, aber zunaechst bildete sie ein starkes Hemmniss fuer das Verstaeudniss beider Groessen. Der, welcher sie auseinander gerissen hat, hat damit, ohne es zu wissen und zu wollen, der Erkenntnis einen Dienst geleistet. Auf dem abendlaendischen Boden, nicht auf dem griechischen, ist, freilich erst nach Generationen die zutreffendere Erkenntnis des Christenthums und auch des Sokrates erwachsen, und heute wissen wir besser als es irgend Jemand im zweiten Jahrhundert gewusst hat, was sie trennt und was sie verbindet. Wir nehmen Christus nicht mehr fuer die Philosophie in Anspruch und Sokrates nicht mehr fuer das Christenthum: wir erkennen, dass an die Hoehe des Evangeliums nichts heranreicht: aber doch bezeugen wir mit Justin, dass auch in Sokrates der Logos gewaltet hat. Ich bin am Schlusse, aber ein Doppeltes moechte ich Ihnen, meine Herren Commilitonen, noch ans Herz legen: erstlich, was Sie auch studiren moegen, vernachlaessigen Sie die Geschichte sucht, die grosse Geschichte und die Ihrer Wissenschaft. Glauben Sie nicht, dass Sie Erkenntnisse einsammeln koennen. ohne sich mit den Persoenlichkeiten innerlich zu heriihren, denen man sie verdankt, und ohne den Weg zu kennen. auf dein sie gefunden worden sind. Keine hoehere wissenschaftliche Erkenntniss ist eine blosse Thatcher eine pede ist einmal erlebt worden. und an dem Erlebniss haftet ihr Bildungswerth. Wer sich damit begnuegt, nur die Resultate sieh anzueignen. gleicht dem Gaertner. der seinen Garten mit abgeschnittenen Blumen bepflanzt. Sodann aber --erkennen Sie an der Geschichte des Sokrates, was den wahrhaft grossen Mann macht und was von ihn bleibt. Nur der Theil seiner Philosophie ist geblieben, den er durch die That besiegelt hat, alles Andere ist vergessen. Auch an Sie stellt die Wissenschaft, zu der Sie berufen sind, nicht nur die Anforderung zu forschen und zu lernen, sondern lebendige Zeugen des Wahren und Guten zu werden, Maenner, die da bereit sind, um dieser Gueter willen jedes Opfer zu bringen. Der Dienst der Wahrheit ist Gottesdienst, und in diesem Sinne sollen Sie ihn treiben. __________________________________________________________________ Nachweise. Justin, Apol. I, 2. 5. 18. 46; II, 3. 7. 10. Tatian, Orat. 3. Athenagoras, Suppl. 31. Theophilus Antioch., Ad Autolycum III, 2. Die Christen bei Lucian, Peregr. Prot. 11 f. Isidor, der Sohn des Basilides, bei Clemens Alex., Strom. VI, 6. 53. Die Acten des roemischen Maertyrers Apollonius 19. 38 ff. Tertullian, Apol. 14. 22. 39. 46. Ad nat. I, 4. 10. De anima 1. Hippolyt, Refut. I (Prooem.) 17. 18; VIII, 4. Clemens Alexandrinus, Strom. I, 17, 83; I, 21, 133; II, 20, 120; II, 22, 131; IV, 3, 10; IV, 7, 52; IV, 12, 80; V, 14, 91. 95. 97. 108; VI, 2, 5. Origenes, Contra Celsum I, 3. 17. 25. 64; II, 17. 41; III, 13. 25. 66. 67; IV, 39. 59. 62. 67. 68. 89. 97; V, 20. 21; VI, 8; VII, 6. 56; VIII, 8. Minucius Felix, Octavius 26, 9; 38, 5. Pseudo-Cyprian (Novatian), Quod idola dii non lint 6. Pseudo-Clemens Rom., Homilien V, 18. Dionysius Alex., De natura (Fragm. bei Routh, Reliq.^2 IV p. 417). Gregorius Thaumaturgus, Lobrede auf Origenes 7. 11. Die Acten des Maertyrers Pionius 16f. (herausgeg. von v. Gebhardt). Die Acten des Maertyrers Phileas (bei Ruinart p. 519 des Regensburger Nachdrucks). Methodius, De resurr. I, 62. Arnobius, Adv. nationes I, 40; V, 38. Lactantius. Divin. instit. II, 3. 14; III, 3. 4. 6. 13. 17. 19. 20. 21. 28. 30; V, 14; VI, 17; VII, 2; Instit. Epitome 23. 26. 32. 35. De ira dei 1. 11. Eusebius, Chronic. zu Olymp. 86, 3 u. 95, 2. __________________________________________________________________ Celsus bei Orig. c. Cels. I, 3; VI, 12; VII, 58. Caecilius bei Minucius Felix, Octay. 5. 12; 13. 1. Galen bei Abulfeda, Hist. Anteislamit. (p. 109 herausgeg. von Fleischer). Marc Aurel, Meditat. XI, 3. __________________________________________________________________ Vgl. F. Ch. Baur, Sokrates und Christus (Abhandl. herausgeg. v. Zeller 1876). W. Windelband, Platon 1899. E. Brenning, Die Gestalt des Sokrates in der Litteratur des vorigen Jahrhunderts (Bremer Festschrift zur 45. Versammlung deutscher Philologen und Schulmaenner) 1899, S. 421 bis 481. __________________________________________________________________ Indexes __________________________________________________________________ Index of Pages of the Print Edition [1]1 [2]2 [3]3 [4]4 [5]5 [6]6 [7]7 [8]8 [9]9 [10]10 [11]11 [12]12 [13]13 [14]14 [15]15 [16]16 [17]17 [18]18 [19]19 [20]20 [21]21 [22]22 [23]23 [24]24 __________________________________________________________________ This document is from the Christian Classics Ethereal Library at Calvin College, http://www.ccel.org, generated on demand from ThML source. References 1. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#i-Page_1 2. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#i-Page_2 3. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#i-Page_3 4. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_4 5. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_5 6. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_6 7. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_7 8. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_8 9. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_9 10. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_10 11. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_11 12. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_12 13. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_13 14. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_14 15. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_15 16. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_16 17. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_17 18. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_18 19. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_19 20. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_20 21. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_21 22. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_22 23. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#ii-Page_23 24. file://localhost/ccel/h/harnack/sokrates/cache/sokrates.html3#iii-Page_24