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5) Frankreich

Auch Frankreich erglühte zu dieser Zeit im freien, gebündelten und rastlosen Geist des Calvinismus.

»Die Calvinisten Frankreichs hießen Hugenotten. Ihr Charakter ist allgemein bekannt. Ihre hochstehende Moral und ihre Heldenhaftigkeit unter Verfolgung zuhause und in der Fremde ist von Freunden und Feinden gleichermaßen bewundert worden.«309309     Smith, The Creed of Presbyterians, S. 83.

Die Enzyclopaedia Britannica merkt an:

»Ihre Geschichte ist ein einziges Wunder, das von Ausdauer, Kraft und starker religiöser Überzeugung handelt. Ihre Ausdauer zählt zum Respektabelsten und Heldenhaftesten, das die Geschichte der Religion zu bieten hat.«

Die Hugenotten stellten die fleißigsten Kunsthandwerker Frankreichs; »ehrbar wie ein Hugenotte« zu sein wurde zum Sprichwort für den höchsten Grad an Integrität.

Am Sonntag, dem 24. August 1572 wurden in Paris große Scharen an Protestanten heimtückisch ermordet. Dieses grausame Schicksal sollte sich in den darauffolgenden Tagen in verschiedenen Teilen Frankreichs wiederholen. Die Zahl derer, die zu St. Bartholomäus ermordet worden waren, wird zwischen 10.000 und 50.000 geschätzt. Diese lodernde Verfolgung vertrieb hunderttausende Protestanten aus Frankreich nach Holland, nach Deutschland, England und Amerika. Der Verlust war für Frankreich unersetzlich. Der englische Historiker Macaulay schreibt über die nach England geflüchteten Exulanten:

»Sogar die bescheidensten Flüchtlinge waren dem Durchschnittsbürger aller Königreiche an Moral und Verstand überlegen.«310310     Quelle nicht angegeben.

Lecky, der große Historiker und eiskalter Realist, schrieb einmal:

»Die Vernichtung der Hugenotten durch die Aufhebung des Ediktes von Nantes bedeutete die Vernichtung des solidesten, bescheidensten, tugendhaftesten und umfassend erleuchtetsten Elements der französischen Nation. Sie war wegbereitend für die unausweichliche Degeneration des Nationalcharakters; das letzte ernstzunehmende Bollwerk, das den mächtigen Strom des Skeptizismus und der Lasterhaftigkeit noch hätte aufhalten können, wurde weggerissen. So lagen ein Jahrhundert später als Folge davon Altar und Thron in Trümmern.«311311     Eng. Hist. Eighteenth Century, Bd. 1., S. 264, 265

»Wenn man ihre Geschichte gelesen hat«, sagt Warburton, »weiß man, welch grauenvollen Verfolgungen die Hugenotten ausgesetzt gewesen waren. Frankreichs kostbarstes Blut wurde auf den Schlachtfeldern vergossen, die besten Geister, die Frankreich je besessen, wurden gejagt wie die wilden Tiere des Waldes; sie wurden ohne jedes Mitleid ausgelöscht. … Die Hugenotten waren ihren Landsleuten in jeder Hinsicht überlegen. Die ernste Schlichtheit ihres Lebens, die Reinheit ihrer Moral, ihr Fleiß und die völlige Abkehr von der faulen Sinnenlust, die die ganze Nation zu dieser Zeit ergriffen hatte, waren ihren Feinden ein Dorn im Auge und wurden ihnen zum Verhängnis.«312312     Warburton, Calvinism, S. 84, 92.

Die Ausschweifung der Könige hatte sich durch den Adel abwärts zum gemeinen Volk gefressen; die Religion war verseucht von Korruption, zu der die Grausamkeit passte; aus den Klöstern waren Brutstätten des Bösen geworden. Das Zölibat war zur faulen Quelle der Unreinheit und Unzucht geworden; Unmoral, Liederlichkeit, Despotie und Erpressung in Kirche und Staat waren unbeschreiblich. Die Vergebung der Sünde konnte man sich kaufen, der schändliche Ablasshandel war vom Papst selbst sanktioniert worden. Manche Päpste wahren wahre Monster der Abscheulichkeit; es herrschte tiefste Unwissenheit. Die Erziehung blieb dem Klerus und dem Adel vorbehalten, sogar viele Priester konnten weder lesen noch schreiben. Die Gesellschaft war auseinander gebrochen.

Das ist zwar eine einseitige, doch nicht übertriebene Beschreibung der Zustände. Man muss ihr noch eine andere, hellere Seite zugestehen: Viele ehrbare Katholiken waren ernsthaft um Reformen innerhalb der Kirche bemüht. Die Kirche befand sich aber in einem nicht mehr reformierbaren Zustand. Jede Änderung, wenn es denn eine gegeben hat, musste jetzt von außen kommen. Keine Reformation, die sich nicht Rom in den Weg stellte.

Langsam ließ der Protestantismus von Frankreich seine Ideen nach Deutschland wandern. Calvin hatte sein Werk in Paris begonnen und galt sehr schnell als einer der Führer der Bewegung in Frankreich. Sein Eifer zog ihm bald den Ärger kirchlicher Autoritäten zu, und so wurde es notwendig, zu fliehen, um sein Leben zu retten. Obgleich Calvin niemals wieder nach Frankreich zurückkehrte, nachdem er in Genf sesshaft geworden war, blieb er der Anführer der französischen Reformation. Sein Rat war immer gefragt. Er war es, der den Hugenotten ihr Credo und auch die Kirchenform gegeben hatte. Dem einhelligen Zeugnis der Geschichte zufolge war es diese ganze Zeit hindurch der Calvinismus, der die französischen Protestanten in ihrem Kampf mit dem Papsttum und seinen königlichen Helfershelfern zugrunde lag.

Was die Puritaner in England, das waren die Covenanters in Schottland und die Hugenotten in Frankreich. Es kann als bemerkenswerter Beweis gelten, dass der Calvnismus in allen Ländern den gleichen Typus Mensch hervorgebracht hat, was seine Kraft, aber auch die Charakterform betrifft.

Der Calvinismus verbreitete sich in Frankreich dermaßen schnell, dass Fisher in seiner Geschichte der Reformation sagt, 1561 machten die Calvinisten schon ein Viertel der Gesamtbevölkerung aus. McFetridge setzte die Zahl sogar noch höher an. Er sagt:

»In weniger als einem halben Jahrhundert hatte dieses so genannte strenge Glaubenssystem jeden Teil des Landes erreicht. Beinahe die Hälfte der Einwohner hatte diese Normen schon akzeptiert. Dazu gehörten fast alle großen Geister der Nation. Seine Anhänger waren so zahlreich und mächtig geworden, dass es kurz danach aussah, als werde ganz Frankreich calvinistisch.«313313     McFetridge, Calvinism in History, S. 144.

In seinem Buch „Huguenots in France“ schreibt Smiles:

»Es wäre interessant, darüber nachzudenken, was der Einfluss der Religion des Franzosen Calvin auf die Geschichte Frankreichs wie auf die einzelnen Bürger hätte ausrichten können, hätte das Gleichgewicht der Kräfte zugunsten des Protestantismus ausgeschlagen, wie es im auslaufenden sechzehnten Jahrhundert beinahe geschehen wäre« (S. 100).

Die Geschichte Frankreichs wäre wohl anders verlaufen.


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