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4) Allgemeine Überlegungen

Die prophetische Einladung: »Auf, all ihr Dürstenden, kommt zum Wasser!« (Jes 55,1) und andere ähnliche Parallelstellen widersprechen dieser Sicht nicht, denn der Großteil der Menschen ist nicht durstig, sondern tot, tot in Sünden, hoffnungslos willige Diener Satans, die in keiner Weise nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten. Die gnadenvolle Einladung, zu Christus zu kommen, wird nicht deshalb abgelehnt, weil äußere Umstände jemanden dazu bringen, sondern weil der Annahme des Evangeliums immer schon die vom Heiligen Geist gewirkte Neugeburt vorangehen muss, ohne welche niemals Verlangen danach bestünde. Gott ist es, der den Willen gibt und denen das Verlangen weckt, die zum ewigen Leben vorherbestimmt sind (Röm 11,7f; 9,18). Wer will, darf kommen, doch ein in tiefstes Heidentum getauchter Mensch hat erst gar nicht einmal eine Chance, das Evangelium überhaupt zu hören und kann daher gar nicht kommen. »Der Glaube kommt aus der Predigt«, und wo der Glaube fehlt, gibt es auch keine Erlösung. Genauso wenig aber kann derjenige zum Glauben kommen, der das Evangelium zwar hört, der aber immer noch von Prinzipien beherrscht wird, das Evangelium zu hassen. Er ist Sklave der Sünde und handelt dementsprechend. Wer will, kann ein brennendes Gebäude über die Stiege verlassen, solange die Stiege noch hält, doch der Schlafende oder der, der die Gefahr nicht sieht, hat gar nicht den Willen zu fliehen und muss in den Flammen sterben. Clark sagt einmal:

»Arminianer zitieren gerne Stellen wie ›wer da will, der komme‹ oder ›Wer da glaubt …‹ und glauben, dass Glaube und Entscheidung ganz vom Menschen ausgehende Handlungen seien und das Gegenstück zur Erwählung darstellten. So wahr diese Stellen auch sind, so behandeln sie gar nicht diese Thematik. Der springende Punkt liegt ja viel tiefer: Woher bekommt denn der Mensch diesen Willen? Der Wollende kann freilich wählen, doch die sündige Natur, die gegen Gott rebelliert, muss erst willens gemacht werden — durch Gottes Wort, durch Gottes Gnade, durch Gottes Geist — oder durch göttliche Intervention.«226226     Syllabus of Systematic Theology, S. 208.

Genau gesprochen sind diese göttlichen Angebote keineswegs jedermann zugänglich, sondern nur dem auserwählten (geistlichen) Volk; dass auch andere diese Botschaft hören, ist ein Nebeneffekt.

Für Arminianer sagt 1 Tim 2,4, dass Gottes Wille entweder enttäuscht wird oder letztlich alle Menschen doch gerettet werden. Eine Lehre, die Gott aber enttäuscht sein lassen kann, widerspricht jenen Schriftstellen, die seine Allherrschaft bestätigen. Sein Wille bleibt sich durch die Jahrhunderte in dieser Hinsicht gleich. Hätte Gott auch die Heiden der Antike retten wollen, weshalb hat er den Weg zur Erlösung dann nur einem so vergleichsweise kleinem Volk wie den Juden bekannt gemacht? Es wird ja wohl niemand bestreiten wollen, dass Gott sein Evangelium mit Leichtigkeit den Heiden ebenso bekannt gemacht haben könnte. Die Antwort Augustins, die er seinen Gegnern gab, als sie ihn mit diesem Einwand konfrontierten, ist bemerkenswert:

»Wenn unser Herr sich beklagt, dass er Jerusalem zu sich sammeln wollte wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel versammelt, Jerusalem227227     Anm. d. Übers.: Bei genauerer Lektüre der Stelle Mt 23 zeigt sich, dass Jesus hier nicht mit Jerusalem (also dem Volk) spricht, sondern mit den Pharisäern; sie waren es ja, die das Volk daran gehindert hat, Jesus anzunehmen. aber nicht gewollt habe, sollen wir dann daraus schließen, dass der Wille Gottes von ein paar schwachen Menschen hat überwunden werden können, so dass Er, der Allmächtige, nicht zu seinem Ziel gelangen konnte? Was ist dann aus seiner Allmacht geworden, mit der er bisher alles bewirkt hat, was ihm im Himmel und auf Erden gefallen hatte? Wer wird darüber hinaus so unvernünftig sein zu behaupten, Gott könne die bösen Willen der Menschen nicht zum Guten kehren: welche er will, wann er will und wie er will? Wenn er es aber tut, dann tut er es aus lauter Gnade, und wenn er es nicht tut, überlässt er die Menschen dem Gericht.«

Verse wie 1 Tim 2,4 versteht man besser nicht dahingehend, dass sie jedes einzelne Individuum auf unserem Planeten betreffen, sondern im Lichte der Tatsache, dass Gott wohlwollend ist und keine Freude am Leid und Verderben seiner Geschöpfe empfindet. Wenn die Schriftstellen, die sich angeblich auf alle Menschen beziehen sollen, noch frohe Botschaft genannt werden sollen und nach arminianischer Tradition auf alle Menschen Anwendung finden sollen, dann wären sie auch ein Beweis für die Allversöhnung — der die Schrift aber dezidiert widerspricht und die nicht einmal vom Arminianismus zugegeben wird.

Wie im Kapitel über die begrenzte Sühne dargelegt worden ist, war der Tod Christi sehr wohl für alle Menschen von Bedeutung. Die Erlösung macht keinen Unterschied des Landes, des Alters, des Charakters oder sonstiger Bedingungen. Die menschliche Familie ist in Adam gefallen und wird in kollektivem Sinn von Christus erlöst. Das Werk Christi hielt das menschlich verschuldete, sofortige Inkrafttreten der Strafe zurück. Sein Werk bringt der Menschheit auch viele zeitliche und natürliche Segnungen und legt all denen den Grund zur Verkündigung des Evangeliums, die es hören wollen. Dass das Werk Christi derlei Resultate zeitigt, wird gerne zugegeben. Doch das bedeutet nicht, dass Jesus für jeden einzelnen Menschen im gleichen Sinn gestorben ist. Es ist wahr: einige Verse ergeben für sich betrachtet die arminianische Sichtweise, doch die führt dazu, dass sich die Bibel an vielen Stellen widerspricht, denn viele andere Stellen, die die Prädestination, die Unfähigkeit des Menschen, die Erwählung, das Beharren usw. behandeln, können mit dieser arminianischen Sichtweise nicht versöhnt werden, daher müssen diese Stellen immer im Licht der ganzen Schrift interpretiert werden. Da die Bibel das Wort Gottes ist, kann sie sich nicht widersprechen. Wenn wir also eine Stelle haben, die auf zwei verschiedene Arten interpretiert werden kann, so ist es unsere Pflicht, derjenigen Interpretation recht zu geben, die der gesamten Lehre der Heiligen Schrift entspricht.

Es ist ein anerkanntes Auslegungsprinzip, schwierigere Passagen immer im Licht einfacherer, klarerer Stellen zu interpretieren, nicht umgekehrt. Wir haben gezeigt, dass die Beweise, die wir gegen den Arminianismus vorgebracht haben und die auf den ersten Blick schon plausibel sind, zurecht so ausgelegt werden können, dass sie mit der calvinistischen Ansicht harmonieren. Im Blick auf die vielen calvinistischen Stellen und die Abwesenheit echt arminianischer Schriftstellen zögern wir nicht zu sagen, dass das calvinistische Lehrgebäude die Wahrheit trifft. Dies ist der Universalismus der Schrift: die generelle Christianisierung der Welt und die totale Vernichtung der Kräfte, die von geistlichem Übel ausgehen. Das bedeutet freilich nicht, dass jeder Mensch gerettet wird, denn fraglos werden viele verlorengehen. Wie auch der einzelne Errettete in seinem Dienst für Christus Mängel hat und wie es auch immer noch zugelassen wird, dass Sünde geschieht, solange er noch nicht vervollkommnet ist, so verhält es sich auch mit der ganzen Welt. Eine beträchtliche Anzahl wird verlorengehen, doch der Fortschritt der Errettung wird in einem großen Triumph enden, und unsere Augen werden das herrliche Schauspiel einer geretteten Welt sehen. Es passt genau hierher, was Dr. Warfield sagt:

»Die Menschheit wird das Ziel erreichen, für das sie geschaffen worden ist; die Sünde wird sie nicht aus Gottes Hand entführen. Gottes erste Absicht ist erfüllt. Die Menschheit wird einst, obgleich sie in Sünde gefallen ist, Gott wieder ›ent-fremdet‹ werden, um ihre ursprüngliche Bestimmung zu erfüllen.«228228     B. B. Warfield, The Plan of Salvation, S. 131.

Während der Arminianismus also einen fadenscheinigen Universalismus predigt, der bestenfalls eine Möglichkeit darstellt, verspricht der Calvinismus den wahren Universalismus der Erlösung der ganzen Menschheit.

Nur der Calvinismus mit seinen Lehren von der souveränen Erwählung und der vollwirksamen Gnade kann der Zukunft vertrauensvoll entgegensehen, denn er erwartet eine erlöste Welt.


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