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Auswirkungen

Diese Wahrheiten machen den Menschen nicht faul und sorglos, sondern stimulieren und motivieren ihn, seine Anstrengungen zu verdoppeln. Helden und Eroberer wie Cäsar und Napoleon sind oft von der Gewissheit einer Schicksalsnotwendigkeit erfüllt gewesen, als sie suchten, ihre Ziele zu erreichen. Ein solcher Sinn stählt einem den Mut, verdoppelt die Tapferkeit und lässt einen sein Ziel mit eisernem Willen anpeilen. Große und schwierige Ziele erreicht nur, wer beherzt ist und keinen Hindernissen erlaubt, ihn zu entmutigen.

»Wenn man diese Idee des Schicksals einmal verstanden hat, dann tut dieses Verständnis sein Eigenes dazu, die Kräfte zu beflügeln. Wenn jemand erkennt, dass er zu Großem berufen ist, dann arbeitet er mit doppeltem Eifer darauf hin und bringt alle Kraft auf, sein Ziel zu erreichen. Er lässt sich von seinen Zweifeln nicht abbringen oder von Ängsten schwächen; er glaubt, dass er sein Ziel erreichen wird, und genau dieser Glaube ist auch die größte Kraft zur Erreichung dieses Zieles. Das Wissen um sein Schicksal ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung … Dies betrifft nicht nur den moralischen und geistlich orientierten, sondern auch den natürlichen Menschen. Es betrifft religiöse Ziele und Zwecke genauso wie solche, die mit nichts als menschlicher Ehre zu tun haben.«196196     James Bowling Mozley, A Treatise On The Augustinian Doctrine Of Predestination, S. 41.

E. W. Smith sagt in seinem wertvollen Büchlein „The Creed of Presbyterians“:

»Was dem Glauben den größten Trost und Adel verleiht, verleiht dem Glauben auch die größte Kraft. Es ist ein Gemeinplatz, dass die trostlos-düstere Karikatur der Prädestinationslehre, nämlich der Fatalismus, den Herzen seiner Gläubigen eine Kraft verliehen hat, die zu den unglaublichsten und schrecklichsten Taten geführt hat. Der frühe und überwältigende Aufmarsch des Islam, der den Osten überschwemmt und beinahe auch den Westen überrannt hat, ist gerade auf die Überzeugung seiner Anhänger zurückzuführen; sie führten nichts als die Beschlüsse Allahs aus. Attila der Hunne war auf seinem brutalen Kurs der Zerstörung überzeugt davon, eine ›Geißel Gottes‹ zu sein. Die Energie und die Verwegenheit, die einen Napoleon scheinbar unüberwindliche Hindernisse nehmen ließ, wurde von seiner Überzeugung genährt, ein ›Mann des Schicksals‹ zu sein. Der Fatalismus hat wahre Titanen hervorgebracht, deren Energie nur deshalb so übermenschlich war, weil sie selbst davon überzeugt waren, die Instrumente einer übernatürlichen Macht zu sein. Wenn schon die grauenvolle Karikatur der Prädestinationslehre solche Energien mobilisieren kann, zu wie viel mehr Erhabenheit sollte da die Prädestinationslehre inspirieren; wo der Fatalismus, diese blinde Schicksalsgottheit, nichts als eine unpersönliche Macht vermutet, ersetzen wir diese Macht durch einen weisen, beschließenden Gott. Wenn ich fühlen kann, dass ich bei jeder Pflicht, bei jeder nötigen Verbesserung nichts als den ewigen Beschluss Gottes befolge, wenn ich in jedem Kampf um das Recht die unendlichen Heere hinter mir weiß, dann bin ich über jede Menschenfurcht oder über die Angst schließlichen Versagens erhaben.«197197     Ethelbert W. Smith, The Creed of Presbyterians, S. 180.

Die englische Zeitung »The Daily Express« vom 18. April 1929 bringt über den Truppenkommandant Earl Haig (einem schottischen Calvinisten der presbyterianischen Kirche) der britischen Arme im Ersten Weltkrieg folgenden Bericht:

»Bemerkenswert an der Persönlichkeit Haigs ist, dass dieser kühle, reservierte und formelle Mann sich zu einem profunden Glauben bekennt: Mitten in der schlimmsten Krise erwartet er Hilfe von oben; er sieht sich selbst als von Gott auserwählter Cromwell, der allein seine Feinde besiegen kann. Er zeigt sich davon überzeugt, das er und nur er allein diesen Platz in der britischen Armee ausfüllen kann — er sollte sich nicht getäuscht haben: Wer sonst hätte sowenig Neigung zur Selbstüberschätzung seines Wertes oder seiner Kräfte? Seine Entscheidungen basieren allein auf der Kenntnis aller Faktoren. Er betrachtet sich selbst mit beinahe calvinistischem Glauben als das vorherbestimmte Werkzeug der Vorsehung, der britischen Armee den Sieg zu erringen. Sein reichliches Selbstvertrauen gründet in seiner Überzeugung, ein Kind des Schicksals zu sein.«

Wie gesagt: Diese Wahrheit führt nicht zu Faulheit und Sorglosigkeit; sie soll den Menschen nicht schläfrig machen noch ihn in den Schoß der Einbildung oder diesseitiger Sicherheit wiegen, sondern ihm Kraft verleihen und sein Vertrauen stärken. Beide, Vernunft und Erfahrung, lehren uns, dass mit der Hoffnung auch der Antrieb steigt. Jemand, der sich anhand der Wahl seiner mittel seines Erfolges sicher ist, hat die stärksten Anreize, sein Ziel zu verfolgen; wo wenig Hoffnung vorhanden ist, da strengt man sich auch wenig an, wo keine Hoffnung ist, bleibt jede Anstrengung aus.

Der Christ, der die eindeutigen Gebote Gottes kennt, der sich auf das Versprechen verlässt, dass Gott denjenigen segnet, der in Ehrfurcht und Gehorsam die ihm zugeteilten Möglichkeiten ergreift, der hat auch die höchstmöglichen Beweggründe für seine Anstrengungen. Darüber hinaus wird er von der festen Überzeugung gestützt und inspiriert, dass ihn eine himmlische Krone erwartet. Wer hat je die Lehre von der Erwählung deutlicher und in kräftigerer Sprache formuliert als der Apostel Paulus? Wer wandte mehr Eifer und Unermüdlichkeit darauf als er? Diese Lehre erst hat ihn zum Missionar gemacht und ihn dazu getrieben, die Verbreitung des Christentums zu seinem höchsten und triumphierenden Ziel zu machen. Welche Aufmunterung und Ermutigung müssen ihm die Worte über Korinth gewesen sein: »Denn ich bin mit dir, und niemand wird dich antasten, um dir ein Leid zuzufügen; denn ich habe viel Volk in dieser Stadt!« (Apg 18,10). Welch größeren Anreiz hätte er haben können als die Versicherung, dass seine Predigt das vorherbestimmte Mittel für die Bekehrung vieler Menschen sein würde? Man bedenke: Gott hat ihm nicht gesagt, wie viele Menschen es sein werden oder wer dazu gehören wird. Der Diener des Evangeliums kann voller Zuversicht und frohen Mutes seinen Dienst versehen, da er weiß, dass Gott genau durch das Mittel der Predigt eine riesige Schar aus der Familie der Menschheit für sich beansprucht, und das in jedem Zeitalter. Tatsächlich ist einer der stärksten Gründe für die Mission derjenige, dass Gott die Evangelisation der ganzen Welt will. Nur wer die Souveränität Gottes in allen Bereichen des Lebens anerkennt, kann die tiefste Leidenschaft für Gottes Ehre teilen.

Es ist die Erfahrung aller Zeitalter der Gemeinde, dass diese Lehre weder zu Pflichtvergessenheit noch zu phlegmatischer Unbekümmertheit noch zu rebellischem Verhalten gegenüber Gott geführt hat, sondern direkt ins Vertrauen in die göttliche Macht. Das Versprechen, das Jakob bezüglich seiner riesigen Nachkommenschaft erhalten hatte, hatte ihn keineswegs davon abgehalten, nicht mit allen erdenklichen Mitteln gegen den anrückenden Esau Vorsorge zu treffen. Daniel begann ernsthaft zu beten, als er erkannte, dass die von Jeremia vorhergesagte Zeit der Wiederherstellung Israels im Anbrechen war (Dan 9,2f). Sofort nachdem David offenbart worden war, dass Gott ihm ein Haus bauen wolle, betete er ernsthaft dafür (2. Sam. 7,27—29). Obgleich Christus gewusst hat, was auf sein Volk zukommt, hat er für es um Bewahrung gebetet (Joh 17). Und Obgleich Paulus erfahren hatte, dass er nach Rom gehen würde, um dort Zeugnis zu geben, nahm er das nicht zum Anlass, seinen Lebensstil der Sorglosigkeit hinzugeben. Er unternahm jede Vorsichtsmaßnahme, um sich selbst gegen den Anschlag zu sichern, der vom Jerusalemer Mob ausging. Auch warnte er vor Fehlern auf der Schiffsreise (Apg 23,11; 25,10f.; 27,9f.). Zwar: Der Beschluss Gottes dekretierte die Rettung aller Schiffbrüchigen, doch ganz klar unter Einbeziehung aller Kräfte der Matrosen und Schiffsleute. Deren Freiheit und Verantwortlichkeit waren nicht im Mindesten außer Kraft gesetzt! Die praktische Auswirkung dieser Lehre hat die Menschen immer zu anhaltendem und inbrünstigem Gebet geführt, da sie wussten: Ihre Zeit steht ganz in Gottes Hand; jedes Detail ihres Lebens ist Teil seiner Anordnungen.

Man wird sagen dürfen: Solange der Sünder seines Verlorenseins und seiner Hilflosigkeit nicht eingedenk wird, lebt er in einer gewissen Fahrlässigkeit. Vielleicht gibt es keinen einzigen sorglosen Sünder in der Welt, der nicht glaubt, aus eigener Kraft sich Gott zuwenden zu können, wenn er denn will. Genau das könnte auch der Grund sein, weshalb er es ablehnt, zu bereuen — mit der vollen Absicht, es zu einer passenderen Zeit noch einmal zu bedenken. Mit dem Ausmaß des Vertrauens in seine eigene Fähigkeit steigt auch seine Sorglosigkeit, und diese lullt ihn am schrecklichen Abgrund ewigen Verderbens in den Schlaf.198198     Diese Worte werden von Jonathan Edwards bestätigt, der einmal sagte: »Je länger ich lebe und je mehr ich in meinem Dienst mit den Seelen der Menschen zu tun habe, desto mehr bekomme ich davon zu sehen: Vorstellungen dieser Art gehören zu den Haupthindernissen zum Erfolg in der Verkündigung des Wortes … Was die Selbstbeschwichtigungen und die Anmaßungen des Sünders betrifft, lässt sich nichts denken, dass solches stärker förderte, als die Vorstellung einer jederzeit verfügbaren Freiheit, kraft der ein jeder es in seiner eigenen Hand habe, zu entscheiden, wann und ob er sich zu Gott bekehren wolle. Was könnte den Sünder wirksamer in seiner Gleichgültigkeit belassen und bestärken, in der Sünde fortzufahren, als die Anmaßung, jederzeit über die eigene Errettung verfügen zu können?« (Werke, Bd. I, clxxii). zitiert aus: Benedikt Peters, George Whitefield, S.475f. (A. d. Ü.). Nur dann, wenn er seine eigene Hilflosigkeit erkennt und versteht, dass er einzig von der souveränen Gnade Gottes abhängt, sucht er die Hilfe dort, wo sie allein gefunden werden kann.


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