« Prev 6) Das arminianische Gnadenverständnis Next »

6) Das arminianische Gnadenverständnis

Allgemeinheit — dieses Wort wird im Arminianismus groß geschrieben. Ein typisches Beispiel dafür findet man in der Behauptung Prof. Henry C. Sheldons, der einige Jahre an der Universität in Boston gelehrt hat. Er sagt:

»Wir kämpfen für die Allgemeinheit des Erlösungsangebotes und gegen irgend eine exklusive und unbedingte Wahl einiger Menschen zum ewigen Leben.«154154     Henry Clay Sheldon, System of Christian Doctrine, S. 417.

Hieran erkennen wir nicht nur erstens die charakteristische, arminianische Betonung des allgemeinen Angebotes, sondern zweitens auch die Bestätigung, dass letztlich gesehen alles, was Gott tut, keinen einzigen Menschen wirklich rettet, sondern nur einen Weg eröffnet, den der Mensch zu seiner Errettung gehen kann — damit befinden wir uns praktisch gesehen auf der gleichen Ebene wie der Naturalismus!

Das vielleicht stärkste Argument der arminianischen Konstruktion kann man im Glaubensbekenntnis der Evangelischen Union finden, den so genannten Morisonianismus, dessen Hauptzweck es war, gegen die unbedingte Erwählung zu streiten. Eine Zusammenfassung seiner »Drei Allgemeinheiten« lautet etwa so:

»Die Liebe Gottes, des Vaters, die sich in dem Geschenk und Opfer Jesus Christi zeigt, die allen Menschen ohne Ansehen der Person und ohne Ausnahme zuteil wird; die Liebe des Gott-Sohnes im Opfer seiner selbst durch die Versöhnung der ganzen Welt; die Liebe des Gott-Geistes in seinem persönlichen und stetigen Wirken sucht die Vorsehung der göttlichen Gnade auf alle Menschen anzuwenden.«155155     Henry F. Henderson, The Religious Controversies of Scotland, S. 187.

Wenn Gott alle Menschen gleich liebte und Christus für alle Menschen gestorben wäre, wenn der Heilige Geist die Nutzanwendung dieser Erlösung allen Menschen schenken wollte, dann gäbe es nur zwei Auswege: Erstens: alle Menschen werden gerettet (doch dies steht im Widerspruch zur Heiligen Schrift), oder zweitens: Alles, was Gott für den Menschen tut, errettet ihn nicht, sondern überlässt es ihm selbst! Was aber macht das aus unserem Evangelium, das doch im Grunde sagt,  Gott alleine rettet Sünder? Wenn wir behaupten, dass Gott dieses Werk von der »Akzeptanz« oder der Ablehnung des Menschen abhängen lässt, so hat der Mensch ein Vetorecht gegen das Werk des allmächtigen Gottes, und die Errettung liegt letztlich in der Hand des Menschen. In diesem System ist es dann egal, wie groß der Anteil Gottes am Erlösungswerk ist, da der Mensch die Entscheidung trifft! Der Mensch, der die Errettung auf diese Weise erlangte, hätte auch ein gewisses Verdienst, ein gewisses Recht, sich gegenüber denen zu rühmen, die verlorengehen. Er dürfte verächtlich seinen Finger heben und sagen: »Du hast die gleiche Chance gehabt wie ich. Ich habe angenommen, du hast abgelehnt, und darum verdienst du deine Strafe.« Wie anders klingen da aber die Worte des Paulus in Eph 2,9 und 1 Kor 1,31: » … nicht aus Werken, damit sich kein Mensch rühme« und »wer sich rühmen will, der rühme sich des Herrn!«

Die Tendenz aller Systeme, die auf Allgemeinheit drängen und in denen der Mensch es ist, wer das Ruder ergreift und sich selbst zum Meister seines Schicksals aufschwingt, erniedrigt das Christentum zu einer Werkreligion. Genau dies hatte Luther im Blick, als er den Moralisten seiner Zeit satirisch vorwarf:

»An dieser Stelle möchten wir den Spieß umdrehen und dem armen Mann, unseren Herrn Gott, Gutes tun wollen, gerade Ihm, von dem wir es vielmehr bekommen.«156156     Quelle nicht angegeben.

Zanchius hat gesagt, der Arminianismus flüstere dem Menschen sanft ins Ohr, dass er auch in seinem gefallenen Zustand noch beides besitze: den Willen und die Kraft, zu tun, was vor Gott gut und annehmbar ist. Gott habe Christi Tod als Sühne für alle Menschen angenommen, damit jeder, wenn er will, sich selbst durch seinen eigenen freien Willen und durch gute Werke erlösen könne; mit der natürlichen Kraft könnten wir dann sogar bis hin zur Sündlosigkeit schon hier auf Erden gelangen. Dr. Warfield sagt dazu:

»Das ist in der Tat ein fundamentales Thema, und es steht uns klar vor Augen. Ist Gott der Herr, der uns errettet, oder tun wir das selbst? Rettet uns Gott, der Herr, oder eröffnet er uns nur einen Weg dahin und überlässt den Rest unserer Wahl? Die Trennung dieser beiden Wege ist die alte Wegscheide zwischen Christentum und Selbsterlösung. Es kann sich nur derjenige ›evangelisch‹ nenne, der sich in dieser Sache mit vollem Bewusstsein einzig und allein und völlig auf Gott als seinen Retter verlässt.«157157     B. B. Warfield, The Plan of Salvation, S. 108.

»Not the labors of my hands

Can fulfill Thy law’s commands;

Could my zeal no respite know,

Could my tears forever flow,

All for sin could not atone —

Thou must save, and Thou alone.

Nothing in my hands I bring —

Simply to Thy cross I cling;

Naked come to Thee for dress—

Foul, I to thy fountain fly—

Wash me, Saviour, or I die!«158158     Augustus Toplady, „Rock of Ages“.


« Prev 6) Das arminianische Gnadenverständnis Next »





Advertisements



| Define | Popups: Login | Register | Prev Next | Help |