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6) Die Güte und die Strenge Gottes

Ein Überblick über den Sündenfall und dessen Ausmaß ist keine erfreuliche Sache. Er beweist dem Menschen, dass all seine Versuche, gut zu sein, vergeblich sind, und dass all seine Hoffnung allein in der Gnade des allmächtigen Gottes liegt. Die »gnädig wiederhergestellte Fähigkeit«, die die Arminianer behaupten, passt keineswegs zu den Tatsachen. Die Bibel, die Geschichte und die Erfahrung des Christen stützen in keiner Weise diese günstige Ansicht des arminianischen Systems, demzufolge der moralische Zustand des Menschen eine solche Fähigkeit hat, in keiner Weise. Im Gegenteil werden wir eines sehr düsteren Bildes gewahr, wenn wir die furchtbare Verderbtheit und die allumfassende Neigung des Menschen zum Bösen betrachten, die einzig und allein durch göttliche Gnade überwunden werden kann. Der Calvinismus lehrt einen wesentlich ernsteren Sündenfall — und damit eine leuchtendere und herrlichere Manifestation der Gnade Gottes. Aus diesem Ernst heraus lernt der Christ, völlig an sich zu verzweifeln und sich bedingungslos in die Arme Gottes zu werfen und sich auf die unverdiente Gnade zu verlassen, die allein ihn retten kann.

Wir müssen Gottes Gnade und seine Strenge im geistlichen und im natürlichen Bereich zusammenschauen. Das Leben ist voll schrecklicher Tatsachen, vor denen man, so unangenehm das ist, nicht die Augen verschließen darf. Ihre Existenz kann nicht geleugnet werden. Die ganze Schrift hindurch, und speziell in den Worten Christi selbst, finden wir Beschreibungen der entsetzlichen Qualen, die den Bösen widerfahren werden. In Matthäus allein finden sie sich: 5,29f; 7,19; 10,28; 11,21—24; 13,30.41.42.49.50; 18,8f.34; 21,41; 22,14; 24,15; 25,12.30.41 und 26,24. Eine Lehre, die dermaßen starke Bedeutung aus den Worten Christi selbst erhält, darf nicht unerwähnt bleiben, so Abscheuliches sie auch mitteilen mag! Im nächsten Leben werden alle Bösen, all ihrer Hemmnisse entkleidet, direkt ihren Neigungen folgen und weitersündigen. Gott weiterhin lästernd und fluchend, werden sie verabscheuungswürdiger und boshafter und sinken so tiefer und tiefer in den bodenlosen Abgrund. Ewige Bestrafung ist die Strafe für endloses Sündigen. Darüber hinaus eignet es der Ehre und Herrlichkeit Gottes gleichermaßen, die Bösen zu bestrafen wie die Gerechten zu belohnen. Viel von der Lauheit unter den Christen heute ist auf die Fehler der christlichen Leiter zurückzuführen, diese Lehren, die Christus so oft wiederholt hat, zu wenig zu betonen.

In unserer natürlichen Welt sehen wir Gottes Strenge in Kriegen, Hungersnöten, Überflutungen, Katastrophen, Krankheiten, Leiden, Todesfällen und Verbrechen, die Ungerechte und Gerechte gleichermaßen treffen. All dies findet in einer Welt statt, die vollkommen unter der Kontrolle eines unendlich vollkommenen Gottes steht. »So sieh nun die Güte und Strenge Gottes« (Röm 11,22). Der Naturalismus wird weder dem einen noch dem anderen gerecht. Der Arminianismus preist das eine und verleugnet das andere. Der Calvinismus ist das einzige Lehrgebäude, das beiden Teilen gerecht wird. Er allein entwickelt aus diesen Gegebenheiten ein angemessenes Lehrgebäude, das die ewige und unendliche Liebe Gottes berücksichtigt, die seinem Volk eine Erlösung errungen hat, und zwar auf Kosten seines einzigen Sohnes, den er damit ans Kreuz schicken musste; er berücksichtigt aber auch den unüberwindbaren und schrecklichen Abgrund, der den Menschen vom heiligen Gott trennt. Es ist wahr: Gott ist Liebe, aber zusammen mit dieser Tatsache muss die andere erwähnt werden: »Gott ist ein verzehrendes Feuer« (Heb. 12,29). Jedes Lehrgebäude, das eine dieser Tatsachen ignoriert oder auch nur weniger betont als die andere, ist ein verstümmeltes Lehrgebäude, ganz egal, wie plausibel es sonst klingen mag.

Diese Lehre von der totalen Unfähigkeit des Menschen ist streng und ernst und scheint sich zu verbitten. Wir müssen uns aber daran erinnern, dass wir keine Erlaubnis haben, uns ein Lehrgebäude nach unserem Geschmack zu entwerfen. Wir müssen die Tatsachen nehmen, wie wir sie vorfinden. Solche Beschreibungen des wahren Zustands des Menschen werden Nichtchristen freilich sehr verletzend finden, und viele haben den Versuch unternommen, ein System zu entwerfen, das dem Menschen etwas schmackhafter erscheint. Der Zustand des gefallenen Menschen ist so schlimm, dass er willig und freudig allen Theorien lauscht, die ihn auf irgendeine Weise von Gott unabhängig sein lassen; er will der Herr seines eigenen Schicksals, er will der Kapitän seines Lebens sein. Der verlorene, zerstörte und hilflose Zustand des Sünders muss ihm ständig vorgehalten werden, denn bevor er das nicht verstanden hat, sucht er niemals die Hilfe einzig und alleine dort, wo er sie finden kann. Armer Mensch! Ganz fleischlich unter die Sünde verkauft, ohne jede Kraft und ohne jede Neigung, sich von sich selbst aus Gott zuzuwenden, und was noch schlimmer ist: Er ist ein anmaßender Rebell und lästerlicher Rivale des großen Jahwe.

Ich habe dieser Lehre von der totalen Unfähigkeit oder der Erbsünde einen etwas längeren Abschnitt widmen müssen, um das Fundament legen zu können, auf welchem die Prädestinationslehre ruht. Diese Seite des Bildes ist dunkel, sehr dunkel sogar, seine Beigabe jedoch ist die Ehre und Herrlichkeit Gottes in der Erlösung. Jede dieser Wahrheiten muss in ihrem wahren Licht gesehen werden, bevor die anderen verstanden werden können.

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