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Die Vorsehung Gottes

»Gottes Ratschlüsse sind die weisen, freien und heiligen Beschlüsse des Rates seines Willens, wodurch er von aller Ewigkeit her zu seiner eignen Ehre unabänderlich alles vorausverordnet hat, was sich in der Zeit ereignet, besonders in Hinsicht auf die Engel und die Menschen«3333     Kleiner Westminster-Katechismus, Art. 11.

Die Schrift lehrt klar, dass alle Dinge außerhalb Gottes nicht nur ihre Existenz Seinem Willen verdanken, sondern auch ihr Fortbestehen in all ihren Eigenschaften und Kräften. Er hält alle Dinge aufrecht durch das Wort seiner Macht (Heb. 1,3). Er ist vor allen Dingen, in ihm sind alle Dinge zu einem Ganzen verbunden (Kol. 1,17). »Du bist Gott, nur du allein; du hast die Himmel und die Himmel der Himmel gemacht mit all ihrem Herr, die Erde und alles, was darin ist, das Meer und alles, was darin ist; du erhältst sie alle« (Neh. 9,6). »In ihm leben, weben und sind wir«. (Apg . 17, 28) Er ist »über allem und durch alles und in allen« (Eph 4,6).

Der Faden zieht sich durch die ganze Bibel: Die Naturgesetze, der Lauf der Geschichte, die veränderlichen Schicksale der Individuen — alles hängt von Gottes Vorsehung ab. Alles, vom Seraph bis zum kleinsten Atom fügt sich in diese unfehlbare Ordnung ein. Gottes Nähe zur Schöpfung kann einen unvorsichtigen Leser leicht in die Nähe des Pantheismus bringen. Individualität und Zweitursachen3434     „Die ,Zweitursachen‘ stellen den menschlichen Erfahrungshorizont dar, der alle Ereignisse den Umständen entsprechend als zwangsläufig (z.B. Abfolge, Reaktionen), frei (z.B. Appell an den Willen) oder zufällig‘ geschehen einstuft. In diesen begrenzten Rahmen hinein hat sich Gott durch sein Wort offenbart, sodass jeder Mensch von seiner Warte aus die Möglichkeit hat, sich dem Evangelium zu verschließen oder sich von der Liebe Christi überwinden zu lassen, wenn er die frohe Botschaft der Vergebung Gottes hört.“ (Pfr. Reinhold Widter in seiner Erklärung zu Art. 5.2 des Westminster-Bekenntnisses; A. d. Ü.). werden hier zwar durchaus zugegeben, aber nicht unabhängig von Gott gedacht, sondern als zu seinem Plan gehörend. Zusammen mit der Lehre, dass Gott den Dingen [gewissermaßen] innewohnt [Immanenz], lehren uns die Schreiber der Bibel die verwandte Lehre seiner Erhabenheit [Transzendenz], die besagt, dass Gott vollkommen von seinen Geschöpfen und seiner Schöpfung verschieden ist.

Was Gottes Vorsehung betrifft, so müssen wir verstehen, dass er zu allen menschlichen Angelegenheiten und zur Natur in engstem Bezug steht. Dr. Charles Hodge sagt einmal:

»Anzunehmen, es gäbe etwas, das zu groß wäre, als dass es unter der Kontrolle Gottes stehen könnte oder dass etwas seiner Aufmerksamkeit entgehen könnte oder dass gar die Vielzahl der Dinge seine Aufmerksamkeit stören könnte, würde bedeuten, dass man vergessen hat, dass Gott unendlich ist … Das Licht der Sonne trifft auf jeden Punkt gleich. Genauso ist Gott überall so gegenwärtig, wie er es wäre, wenn er sich nur an einem einzigen Ort befände.«

Er fügt hinzu:

»Er ist in jedem Grashalm und lenkt doch die Bahn Arkturs, er befiehlt den Sternen wie einem Heer und nennt sie bei ihrem Namen; er wohnt der Seele jedes Menschen ein und macht sie verständig, begabt sie, bewirkt Wollen und Tun. Das menschliche Herz ist in seiner Hand, er lenkt seine Gedanken, wie er die Wasserbäche lenkt.«3535     Charles Hodge, „Systematic Theology“ Bd. II, S. 583 bzw. 585.

Es wird fast allgemein zugegeben: Gott bestimmt, wann, wo und unter welchen Umständen jeder Mensch geboren wird, lebt und stirbt, ob Mann oder Frau, weiß oder schwarz, klug oder dumm. Gottes Souveränität wird durch diese Bestimmungen nicht geschmälert. Er behandelt sein Eigentum nach seinem Willen. Manchen gibt er Reichtum, anderen Ehre, anderen wiederum Gesundheit, andere begabt er musikalisch, rhetorisch, künstlerisch, wirtschaftlich, politisch usw. Andere sind arm, unwissend, werden in Unehre geboren, sind Opfer von Krankheiten und leben ein elendes Leben. Manche werden in christliche Länder hineingeboren, wo sie alle Errungenschaften des Evangeliums genießen dürfen; andere leben und sterben in der Dunkelheit des Heidentums. Manche führt Gottes Gnade zum Evangelium, andere werden gelassen, um im Unglauben zu sterben. Zu einem sehr großen Teil bestimmen diese »Äußerlichkeiten« unabhängig von der Wahl des Menschen sein gesamtes Leben und auch seine ewige Bestimmung. Sowohl Bibel als auch tägliche Erfahrung lehren uns: Gott gibt den einen, was er den anderen vorenthält. Wäre die Frage nach dem Weshalb dieser ungleichen Verteilung erlaubt oder dürfte man fragen, weshalb Gott die einen Menschen errettet, die anderen dagegen nicht, dann gäbe es darauf nur die Antwort Jesu: »Ja, Vater, denn so hat es dir wohlgefallen.« Um dies einigermaßen zu verstehen, bedürfen wir der biblischen Lehre vom Sündenfall und von der Erlösung.

Es muss daran erinnert werden: Alle Gaben, ob geistlicher oder zeitlicher Natur, sind samt und sonders Gnadengeschenke. Was ist mit denen, denen solche Gaben fehlen? Hätte Gott ihnen solche Gaben geben müssen? Ist er denn etwa dazu verpflichtet? So sind Nationen und auch die einzelnen Menschen in der Hand Gottes, der ihnen ihre Grenze setzt und ihr Schicksal in Händen hält. Seine Macht ist absolut. Er hat ihr Schicksal in Seiner Hand wie ein Mann einen Stab. Sie sind in seiner Hand und er benützt sie für seine Zwecke. Er zerbricht sie wie ein Töpfer den Ton, oder er erhöht sie, ganz so wie es ihm gefällt. Er gibt Frieden und ertragreiche Ernte, Eigentum und Fröhlichkeit, oder er schickt Verwüstung, Krieg, Hungersnot, Trockenheit und Pest. Alle Dinge gehen von ihm aus und dienen seinen höchsten Zielen unter seiner allumfassenden Vorsehung. Gott hat das Universum nicht geschaffen, um zuzusehen, wie sich die Dinge entwickeln; er ist vielmehr überall und selbst höchst aktiv. Er begründet alles und ist die allesbeherrschende Macht.

Der Wert eines Spatzen ist gering, sein Flug ist ausgelassen und scheint zufällig zu sein, und doch fällt er nicht zu Boden, ohne dass es unser Vater weiß.

»Seine allweise Vorsehung hat vorherbestimmt, auf welchem Ast er sich niederlässt, welches Korn er aufpickt, wo er seinen Brutplatz baut und wo er nistet, wovon er lebt und wann er stirbt.«3636     Augustus Toplady, „The Doctrine Of Absolute Predestination“, S. 14.

Jeder Regentropfen und jede Schneeflocke, die aus den Wolken fällt, jedes Insekt, das kriecht, jede wachsende Pflanze, jedes Staubkörnchen, das durch die Luft fliegt — all dies hat ganz bestimmte Ursachen und wird ganz bestimmte Wirkungen zeitigen. Jedes ist ein Glied in einer Kette von Ereignissen; viele bedeutende Ereignisse beruhen auf diesen scheinbar unbedeutenden Ursachen. Der Verlauf der Ereignisse schreitet fort bis zu seinem festgesetzten Ziel. Dr. Warfield hat sehr schön gesagt:

»Es war kein Zufall, der Rebekka zum Brunnen führte, um Abrahams Diener willkommen zu heißen (1 Mo 24); es war auch kein Zufall, der Joseph nach Ägypten sandte (1 Mo 45,8; 50,20; ›Gott gedachte es gut zu machen‹3737     Darin liegt keinesfalls der gut gemeinte Euphemismus: Wir alle machen Mist, und Gott macht Dünger draus — als reagiere er nur auf menschliches Tun. Vielmehr ist das menschliche Tun Reaktion oder Aktion des menschlichen Seins, das gerade nicht in und aus sich selbst besteht (A. d. Ü.). ); es war kein Zufall, der Pharaos Tochter zum Körbchen im Schilf führte (2 Mo 2); es war kein Zufall, der jenen Mühlstein auf Abimelechs Kopf lenkte (Richter 9,53) oder den Pfeil in die Lücke des königlichen Panzer eindringen ließ (1 .Könige 22,34). Jedes geschichtliche Ereignis ist Teil des tieferliegenden göttlichen Plans. Der Geschichtsschreiber steht in dem Bewusstsein der Gegenwart Gottes, der sogar dem Blitz weist, wo er einschlagen muss (Hiob 36,32).«3838     B. B. Warfield, „Biblical Doctrines“, S. 14.

Dr. Clarence E. Macartney sagt einmal:

»Auf großen Bahnhöfen kann man einen Metallstift sehen, der in großen Lettern jeweils Abfahrt und Ankunft der Züge auf die Tafel schreibt. Der Stift scheint von selbst zu schreiben, aber freilich wissen wir, dass irgendwo ein Beamter sitzt, der den Stift lenkt. So ist es auch in unserem Leben: wir bemerken unsere eigenen Überlegungen, Wahlmöglichkeiten und Entscheidungen, und doch scheint es im Gefüge unseres Schicksals einen Handlungsfaden zu geben, den nicht wir selbst weben. Ganz offensichtlich spielen oberflächliche Ereignisse eine Rolle in größeren Angelegenheiten.«3939     Nach einer Predigt über die Vorherbestimmung vor der Generalversammlung der Presbyterianischen Kirche der Vereinigten Staaten (1924).

Des Menschen moralischer Sinn für Verantwortlichkeit und Abhängigkeit und seine instinktive Frage nach Gott in Zeiten der Not zeigen, wie universal und angeboren die Gewissheit ist, dass Gott das Schicksal von Mensch und Welt völlig in seiner Hand hat. Obgleich die Bibel lehrt, dass Gottes Herrschaft unumschränkt ist, dass sie mächtig, weise und heilig ist, versucht sie uns an keiner Stelle zu zeigen, wie diese Herrschaft mit der Verantwortlichkeit des Menschen ineins zu bringen ist. Alles, was wir wissen müssen, ist, dass Gott seine Geschöpfe beherrscht, und zwar so, dass diese Herrschaft ihn nicht gegen ihre Natur zwingt.4040     Auch der Mensch manipuliert andere Menschen gegen deren grundsätzlichen Willen und ohne jeglichen Zwang. Er bringt ihn dazu, Dinge zu tun, die er wohl sonst nicht täte, und zwar mit dessen vollem Einverständnis. Es ist ein Leichtes, den Menschen etwa mit seinem Willen gegen seinen Willen dazu zu bringen, Dinge zu kaufen, die er sonst nie kaufen würde. Die Allgegenwart der medialen Werbung erreicht ihr Ziel —  sie stiftet dem Konsumenten ein Bedürfnis ein. Das Bedürfnis wird zum Wunsch und zum Willen —  der Konsument hat sich mit seinem Willen gegen seinen Willen manipulieren lassen (A. d. Ü.). Vielleicht kann die Beziehung zwischen göttlicher Souveränität und menschlicher Freiheit am besten mit folgenden Worten zusammengefasst werden: Gott veranlasst äußere Anreize so, dass der Mensch ganz gemäß seiner Natur darauf reagiert, ganz so, wie Gott es für ihn geplant hat.4141     Das ist eine vereinfachte Darstellung, die die arminianische Angst vorm »Marionettenbewusstsein« steigert. Gott erscheint hier als „großer Lockvogel“, der unsere Triebnatur motiviert, um seine Ziele zu verwirklichen. So aber ist es gerade nicht, denn Gott lässt den Menschen nach menschlicher Würde handeln, so zwar, dass der Mensch, der Gottes Willen zu tun vermeint, selbst noch in Zweifel bleibt, ob er nach Gottes Willen handelt. Gott ist so nahe, dass wir zwar in ihm leben, weben und sind; dennoch ist Er der Verborgene, der transzendente Gott, der sich zu seinen Geschöpfen mittelbar verhält. Es wäre nicht möglich, konsistent zu zeigen, wie ein Mensch genau den Plan Gottes erfüllt, ob er das nun selber zu tun vermeint oder nicht; der Mensch verbleibt in seiner Handlungsfreiheit, handelt aber gemäß seiner Natur und seinem Willen —  dies ist nichts als alltägliche Erfahrung (A. d. Ü.).

Ich werde auf diese Thematik näher im Kapitel über die Handlungsfreiheit eingehen.


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