__________________________________________________________________ Title: Die reformierte Lehre von der Vorherbestimmung Creator(s): Boettner, Loraine (1901-1990) Rights: Copyright Ivo Carobbio. Used by permission. CCEL Subjects: All; History; __________________________________________________________________ Die reformierte Lehre von der Vorherbestimmung Loraine Boettner Translated by Ivo Carobbio Copyright Ivo Carobbio. Used by permission. __________________________________________________________________ Kapitel I __________________________________________________________________ Einleitung Es ist nicht Zweck dieses Buches, ein neues systematisch-theologisches Gedankengebaeude zu errichten, sondern jenes grosse Lehrgebaeude neu zu formulieren, das als >>Reformierte Lehre<< oder Calvinismus bekannt ist. Es wird zeigen, dass diese Lehre ohne jeden Zweifel biblisch und in sich logisch ist. Der Praedestinationslehre kommt heute vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zu. Sie wird auch oft von ihren Bekennern nur wenig verstanden. Es ist eine Lehre, die sich in den Glaubensbekenntnissen der meisten protestantischen Kirchen findet und die auf Kirche und Staat bemerkenswerten Einfluss gehabt hat. Die offiziellen Normen der Presbyterianischen und Reformierten Kirchen in Europa und Amerika sind durch und durch calvinistisch. Obgleich Baptisten und Kongregationalisten kein eigenes Glaubensbekenntnis formuliert haben, sind sie -- soweit wir das aus den Schriften ihrer massgeblichen Theologen beurteilen koennen -- der calvinistischen Lehre durchwegs treu geblieben. Die "Grosse Freie Kirche Hollands" und auch die meisten Kirchen Schottlands sind calvinistisch. Die >>Established Church of England<< und deren Tochter, die >>Episcopal Church of America<<, formulieren in ihren 39 Artikeln ein calvinistisches Bekenntnis. Der Whitefield-Fluegel der Methodisten in Wales traegt bis heute den Namen >>Calvinistische Methodisten<<. Unter den Vertretern des Calvinismus von gestern und heute befinden sich einige der groessten und weisesten Maenner der Kirchengeschichte. Dazu zaehlen Maenner wie Calvin, Luther, Zwingli, Melanchthon (obgleich sich Melanchthon spaeter zum Semi-Pelagianismus bekannte), Bullinger, Bucer und einige weitere beruehmte Fuehrer der Reformation. Waren sie in manchen Punkten verschiedener Meinung -- bei der Praedestination stimmten sie alle ueberein und lehrten sie mit grossem Nachdruck. Luthers Hauptschrift >>Vom unfreien Willen<< zeigt, dass er sich mit dieser Lehre mindestens ebenso auseinandersetzte wie Calvin selber. Luther demonstrierte sie sogar mit noch groesserem Nachdruck als Calvin; er verteidigte sie wesentlich ausfuehrlicher als er. Was die Konkordienformel anlangt, bekennt sich auch die Lutherische Kirche von heute noch zu einer aehnlichen Form der Praedestination. Die englischen Puritaner, die ersten Siedler Amerikas, die Convenanters in Schottland und die Hugenotten in Frankreich -- sie alle waren durchwegs Calvinisten; es gebuehrt der Geschichtsschreibung kein Lob, dass sie diese Tatsache hat weitgehend unerwaehnt lassen. Sogar die roemisch-katholische Kirche hat eine Zeitlang an die Praedestination geglaubt; zu keiner Zeit [1] hat sie sich oeffentlich davon distanziert. Augustinus' Lehre von der Praedestination brachte alle halbherzigen Elemente der Kirche gegen ihn auf und machte ihm viele Feinde unter denen, die auf die Schmaelerung der Souveraenitaet Gottes aus waren. Augustinus sollte den Sieg davontragen, und so wurde die Praedestinationslehre von der Kirche anerkannt. Die meisten Bekenntnisse der Kirche enthalten die Lehren von der Erwaehlung, der Praedestination und des Beharrens der Heiligen [2] , wie jeder, der sich auch nur oberflaechlichem Studium dieser Sache hingibt, bestaetigt finden wird. Jahrhundertelang fristete die Irrlehre des Arminianismus [3] ihr Dasein nur in den Aussenbezirken des wahren Glaubens. Erst im Jahre 1784 wurde er erstmalig von einer christlichen Organisation verfochten. Der Arminianismus wurde dem Lehrsystem der Methodisten Englands einverleibt. Die grossen Theologen der Geschichte: Augustinus, Wycliff, Luther, Calvin, Zwingli, Zanchius, Owen, Whitefield, Toplady und in letzter Zeit Hodge, Dabney, Cunningham, Smith, Shedd, Warfield und Kuyper haben sich fuer die Praedestinationslehre stark gemacht. Dass diese Lehrer die Lichter und Glanzpunkte des reinsten Christentums waren, wird unter Protestanten nicht bestritten. Auch wenn wir ausser Acht lassen, dass Nichtchristen wie die vielen Millionen Moslems an die eine oder andere Form der Vorherbestimmung glauben und so dem Fatalismus in vielen Laendern den Weg bereiteten; dass mechanistische und deterministische Philosophien grossen Einfluss auf England, Deutschland und Amerika ausgeuebt haben -- diese Lehre ist einer eingehenden Betrachtung wert. Von der Zeit der Reformation bis etwa 1830 hat die grosse Mehrheit der protestantischen Lehrer die Lehren [der Reformation] verfochten. Heute trifft man fast nur mehr auf andere Lehrgebaeude. Einen rueckhaltlosen Calvinismus trifft man heutzutage nur noch selten an. Es passt, was Toplady ueber die >>Church of England<< gesagt hat: >>Es gab eine Zeit, in welcher die calvinistische Lehre als Palladium unserer >Established Church< angesehen und verteidigt worden ist: Bischoefe und Geistliche, Universitaeten und das ganze Korpus der Anwaelte haben sie vertreten. Waehrend der Regierung Edwards VI, Koenigin Elisabeths, James' I. und waehrend der meisten Zeit Charles' I. war es ebenso schwer, einen Geistlichen zu treffen, der diese Lehren der Kirche Englands nicht vertreten haette, wie es heute schwer ist, jemanden zu treffen, der es noch tut. Wir haben die Prinzipien der Reformation verlassen, und seither steht >Ikabod< oder >Die Herrlichkeit ist gegangen< auf den meisten unserer Kanzeln und Kirchentueren geschrieben.<< [4] Unser aufgeklaertes Zeitalter tendiert dazu, den Calvinismus als abgetragenes und veraltetes Kleid zu betrachten. Zu Beginn seines ausgezeichneten Artikels >>Der reformierte Glaube in der modernen Welt<< sagt Prof. F. E. Hamilton: >>Die grosse Mehrzahl der Mitglieder der Presbyterianischen Kirche scheint heute stillschweigend anzunehmen, der Calvinismus sei aus den christlichen Kreisen verschwunden. Tatsaechlich betrachten das durchschnittliche Gemeindemitglied wie auch der Verkuender des Evangeliums jeden, der sich zu der Lehre der Praedestination bekennt, mit gutmuetig-laechelnder Toleranz. Es scheint ihnen seltsam und unglaubwuerdig, dass es heute noch, in aufgeklaerter Zeit, solche Geisteskuriositaeten wie den echten Calvinismus geben koenne. Die Argumente der Calvinisten genau zu ueberpruefen, kommt ihnen nicht in den Sinn. Der Calvinismus wird fuer etwas Veraltetes gehalten wie die Inquisition oder die Schoepfungsgeschichte. Man reiht ihn unter die seltsamen Gedankengebaeude ein, an die man vor dem Zeitalter der Wissenschaft geglaubt hatte. Wegen dieser Haltung zum Calvinismus und wegen der voelligen Unwissenheit ueber die Lehren der Reformation halte ich das Thema dieses Buches fuer ueberaus wichtig.<< Die logische und durchdachte Ausarbeitung dieser Lehren geht auf Calvin zurueck und traegt deshalb seinen Namen. Calvin war zwar keineswegs der Begruender des Calvinismus; er bemuehte sich aber, das in Worte zu fassen, was ihm als klare und helle Lehre der heiligen Schrift galt. Das Wesen dieses Systems hatte schon Augustinus gelehrt, mehr als tausend Jahre vor Calvins Geburt, und die Gesamtheit der Fuehrer der Reformation teilte die Ansicht ueber diese Lehre. Es war Calvin und seiner profunden Kenntnis der Heiligen Schrift vorbehalten, mit scharfem Verstand und systematischem Geist diese Wahrheiten aufzurichten und zu verteidigen, wie es vor ihm noch niemand gelungen war. Wir nennen dieses Lehrgebaeude >>Calvinismus<< und verstehen diesen Titel als Ehrennamen; Woerter jedoch sind hier nur Bequemlichkeiten. Warburton sagte einmal: >>Wir koennten genauso passend die Gravitation >Newtonismus< nennen, weil es der grosse Wissenschaftler Newton war, der die Prinzipien der Schwerkraft das erste Mal demonstriert hat. Die Menschen waren schon lange vor Newton mit der Schwerkraft vertraut gewesen. Die Schwerkraft existiert seit der Schoepfung und ist eines der grundlegenden Naturgesetze, die Gott zur Aufrechterhaltung unseres Universums eingesetzt hat. Die Prinzipien der Schwerkraft waren bis dato noch nicht erforscht; es blieb einem Sir Isaac Newton vorbehalten, die weitreichenden Auswirkungen dieser Kraft und ihres Einflusses zu zeigen. Genauso erging es dem Calvinismus: Die Prinzipien dieser Lehre existierten lange vor Calvin. Sie galten seit der Schoepfung als offensichtliche Gegebenheiten. Erst Calvin fasste diese Prinzipien in ein mehr oder weniger komplettes System oder Glaubensbekenntnis; und so bekam diese Lehre ihren Namen.<< [5] Ich fuege hinzu: die Bezeichnungen >>Calvinisten<<, >>Lutheraner<<, >>Puritaner<<, >>Pilgervaeter<<, >>Methodisten<<, >>Baptisten<<, ja sogar der Name >>Christen<< -- das waren urspruenglich Spottnamen. Der Gebrauch hat die Gueltigkeit festgelegt, und man versteht heute genau, was die einzelnen Bezeichnungen meinen. Der Grund fuer die grosse Kraft der Verkuendigung Calvins war seine Naehe zur Heiligen Schrift als inspiriertem und normativem Buch. Man hielt ihn fuer den hervorragendsten Theologen seiner Zeit. Wo immer die Bibel hinzeigte, folgte er nach, und wo die Bibel Einwaende erhob, liess er sich zuegeln. Die Ablehnung, weiter zu gehen, als die Schrift es erlaubte, zusammen mit der Bereitschaft, ihr in allem zu folgen, gab seinen Lehraussagen einen Hauch von Letztgueltigkeit und Hartnaeckigkeit, die seine Gegner zur Offensive reizte. Wegen seiner scharfsinnigen Einsichten und wegen seiner Faehigkeit zur logischen Gedankenfuehrung ist er oft als theologischer Theoretiker beachtet worden. Es kann freilich nicht geleugnet werden, dass er ein spekulativer Genius war; seine Feinde fuerchteten die Waffe seiner logischen Analysen. Aber nicht diese Gaben waren es, die ihn sein theologisches Gedankensystem entwickeln liessen. Calvins reger und scharfsinniger Verstand liess ihn alles, was er untersuchte, aufs Gruendlichste ausloten. In seiner Untersuchung ueber Gott und dessen Heilsplan ging er so weit, dass die Tiefe der Untersuchung dem durchschnittlichen Christen gewiss nicht leichtfaellt. Er brachte Seiten der Schrift ans Licht, die bis dahin eher im Dunkeln geblieben waren und draengte zur Betrachtung tiefer Wahrheiten, die im Vorfeld der Reformation der Kirche weitgehend unbeachtet geblieben waren. Er brachte vergessene Lehren Paulus' zu Tage und staerkte sie in ihrem Vollsinn in einem grossen Teil der Kirche. Die Praedestinationslehre hat von allen Lehren der Heiligen Schrift den vielleicht groessten Sturm des Widerstands hervorgerufen, und wohl kaum eine Lehre ist so sehr missverstanden und karikiert worden wie sie. Warburton sagt: >>Sie vor manchen Leuten auch nur zu erwaehnen, ist, wie wenn man die sprichwoertliche rote Flagge vor einem wild gewordenen Stier zu schwenken beginnt. Sie erregt die feurigsten Leidenschaften der Natur und muendet in einen Sturzbach von Missbrauch und Verleumdung. Aber der Umstand, dass sie bekaempft, gehasst oder missverstanden wird, birgt keinen vernuenftigen oder logischen Grund, weshalb wir diese Lehre vergessen oder gar verwerfen sollten. Die richtige, ja, ueberaus wichtige Frage ist nicht: Wie wird diese Lehre aufgenommen oder verstanden, sondern: Entspricht sie der Wahrheit?<< [6] Ein Grund, weshalb auch viele gebildete Leute diese Lehre sofort verwerfen, besteht ganz einfach in dem Umstand, dass sie keine Ahnung haben, was diese Lehre genau besagt und was die Bibel dazu lehrt. Dieser Umstand ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, wie nachlaessig das heutige Bibelstudium geworden ist. Ein sorgfaeltiges Studium der Bibel wuerde viele Menschen davon ueberzeugen, dass dieses Buch ganz anderer Natur ist, als sie es bisher eingeschaetzt haben. Der gewaltige Einfluss, den diese Lehre in der Geschichte Englands und Amerikas gehabt hat, sollte ihr eine respektvolle Zuhoererschaft sichern. Weiter urteilen wir: Niemand ist berechtigt, die Wahrheit dieser Lehre zu verwerfen, bevor er nicht vorurteilsfrei und genau die Zeugen und Belege auf beiden Seiten studiert hat. Diese Lehre behandelt einige der wichtigsten Wahrheiten, wie sie die Heilige Schrift offenbart; ihr ausgiebiges Studium wird sich jedem Christen reichlich bezahlt machen. Wer sie verwirft, ohne vorher genauestens untersucht zu haben, was diese Lehre behauptet, der sollte wenigstens nicht vergessen, dass sie den festen Glauben unzaehliger der weisesten und kluegsten Maenner, die je gelebt haben, geleitet hat, und dass diese Maenner daher feste Gruende gehabt haben muessen, an sie zu glauben. An dieser Stelle sind einige vorsichtige Worte angebracht: Obwohl diese Lehre eine grossartige und gesegnete biblische Wahrheit und grundlegende Lehre vieler Denominationen ist, darf sie nicht als Summe und Substanz des reformierten Glaubens angesehen werden. Dr. Kuyper hat gesagt: >>Es ist falsch, den spezifischen Charakter des Calvinismus in der Praedestinationslehre oder in der Autoritaet der Schrift sehen zu wollen. Diese Dinge sind nicht Ausgangsposition, sondern nur logische Konsequenz. Es ist das Blattwerk, was von luxurioeser Groesse zeugt, nicht die Wurzel, der es entspriesst. Wenn die Lehre von ihrer natuerlichen Verbindung mit anderen Wahrheiten geloest und ohne diese Wahrheiten praesentiert wird, wirkt sie uebersteigert und uebertrieben. So wirkt das System verzerrt und wird missverstanden. Jede Darstellung eines Systems muss in seiner Ordnung praesentiert werden; die anderen Grundaussagen desselben Systems muessen mit dieser Darstellung uebereinstimmen, sonst kann ihr Wahrheitsgehalt nicht richtig erkannt werden. Das Westminster-Bekenntnis bietet eine ausgewogene Darstellung des gesamten Systems; es zeigt die rechtmaessige Bedeutung auch der anderen Lehrpunkte, so etwa der Lehre von der Trinitaet, von der Goettlichkeit Christi, der Personalitaet des Heiligen Geistes, der Inspiration der heiligen Schrift, der Wunder, der Erloesung, der Auferstehung, der Wiederkunft Christi usw. Wir verleugnen auch an keiner Stelle, dass der Arminianismus viele und wichtige Wahrheiten lehrt. Aber wir behaupten: eine vollstaendige systematische Darstellung des christlichen Glaubens kann nur auf der Basis der Wahrheit, wie sie der Calvinismus darstellt, gegeben werden.<< Viele Leute glauben, Praedestination und Calvinismus seien austauschbare Begriffe. Das ist indes unrichtig; auch die zu enge Verknuepfung der beiden Begriffe hat zweifellos viel zum Vorurteil beigetragen, mit dem viele Menschen dem Calvinismus begegnen. Das trifft auch auf die zu enge Verquickung des Calvinismus mit den >>Fuenf Punkten<< zu, was spaeter noch zu zeigen sein wird. Waehrend Praedestination und >>Fuenf Punkte<< wesentliche Elemente des Calvinismus sind, machen sie keineswegs das ganze System aus. Die Praedestinationslehre ist Thema unzaehliger Kontroversen geworden, zugegebenermassen meistens zu dem Zweck, sie abzuschwaechen oder gar wegzuerklaeren. So sagt Cunningham: >>Die Betrachtung dieser grossartigen Lehre laeuft auf das Hintergruendigste und Unerreichbarste hinaus, ueber das der Mensch nachdenken kann -- ueber die Natur, die Eigenschaften, die Zwecke und Handlungsweisen des unendlichen und verborgenen Jahwe, gesehen unter dem Blickwinkel des ewigen Schicksals Seiner vernunftbegabten Geschoepfe. Die Eigenart dieser Lehre verlangt aus gutem Grund, dass man sich ihr in aller gebotenen Demut, Ehrfurcht und Behutsamkeit naehert, da sie uns mit einer Sache in Kontakt bringt, die entsetzlich und ueberwaeltigend ist: mit dem ewigen Elend einer unzaehlbaren Schar unserer Mitmenschen. Viele Maenner haben dieses Thema auch in diesem Geiste disputiert, viele andere jedoch haben sich in ehrfurchtsloser Weise vielerlei Vermutungen und respektlosen Spekulationen hingegeben. Vielleicht gibt es kein Thema, das verstaendige Menschen aller Zeiten so sehr in Beschlag genommen hat wie dieses. Es ist in aller Hinsicht ausfuehrlich diskutiert worden: in philosophischer, theologischer und auch in praktischer Hinsicht, und wenn es eine Sache gibt, von der wir sicher behaupten koennen, sie sei erschoepfend behandelt worden, dann diese. Zumindest einige der Themen, die unter diese Ueberschrift fallen, sind von allen einigermassen bekannten Philosophen der Antike bis zur Gegenwart betrachtet worden. Aller Einfallsreichtum, alle Faehigkeit und jegliche Feinsinnigkeit sind in Anschlag gebracht worden, diese Sache zu diskutieren; die Schwierigkeiten allerdings, die damit einhergehen, sind freilich niemals ganz geloest worden. Wir koennen mit Sicherheit behaupten, dass dies auch niemals erreicht werden kann, wenn uns Gott nicht entweder mehr davon offenbart oder unser Verstaendnis erweitert, aber vielleicht ist es richtiger zu sagen: Ein endlicher Geist wird dieses Phaenomen niemals ganz begreifen, da es in der Natur der Sache liegt; koennte er das naemlich, dann hiesse das nichts anderes, als dass er den unendlichen Geist selbst begriffen haette.<< [7] Dieses Buch macht Gebrauch von vielen anderen Buechern, so dass darin die Quintessenz dessen zusammengetragen ist, was die besten Autoren ueber dieses Thema geschrieben haben. Es finden sich hier viele Argumente von Maennern, die groesseren Geistes waren als der Schreiber dieser Zeilen. Tatsaechlich ist er geneigt, mit einem bekannten franzoesischen Schriftsteller zu sagen: >>Ich habe einen Strauss verschiedenster Blumen aus vielerlei Gaerten gebunden; ich selbst habe nur den Bindfaden angebracht.<< Und doch habe ich vieles selbst verfasst, etwa die Organisation und das ganze Arrangement der zusammengetragenen Materialien. Das ganze Buch hindurch werden die Bezeichnungen >>Praedestination<< und >>Vorherbestimmung<< synonym gebraucht; wann der eine Begriff verwendet wird und wann der andere, bestimmt allein der Geschmack des Verfassers. Wenn man eine Unterscheidung will, dann koennte man sagen: Das Wort >>Vorherbestimmung<< wird immer dann verwendet, wenn es die Geschichte oder die Natur bezeichnet, waehrend die Bezeichnung >>Praedestination<< immer dann gebraucht wird, wenn es um das ewige Schicksal der Menschen geht. Folgenden Personen wuenscht der Autor zu danken: Dr. Samuel G. Craig, dem Herausgeber von >>Christianity Today<<, Dr. Frank H. Stevenson, dem Praesidenten des >>Board of Trustees of Westminster Theological Seminary<<, Dr. Cornelius Van Til, Professor fuer Apologetik am Wesminster Theological Seminar, Dr. Charles W. Hodge, Professor fuer systematische Theologie am Princeton Theological Seminary -- unter seiner Aufsicht war dieses Material urspruenglich in Kurzfassung verfuegbar. Weiters danke ich Pfr. Henry Atherton, Generalsekretaer der Souvereign Grace Union in London (England) fuer seine taetige Mithilfe. Ich moechte noch einmal darauf hinweisen: Dieses Buch soll dazu dienen, den reformierten Glauben, der unter dem Namen >>Calvinismus<< bekannt ist, darzustellen und zu verteidigen. Das Buch richtet sich nicht gegen irgendeine Denomination, sehr wohl aber gegen den Arminianismus im Allgemeinen. Ich bin Mitglied der Presbyterianischen Kirche in den USA und weiss wohl Bescheid ueber den radikalen Bruch dieser Glaubensrichtung von ihrem Bekenntnis. Das Buch ist in der Hoffnung verfasst worden, all jenen, die sich an die Lehren der Reformation halten, ein besseres Verstaendnis fuer die grossen Wahrheiten dieses Glaubens zu vermitteln und ihnen ihr Erbe wertvoller zu machen. Denen, die dieses Glaubenssystem nicht kennen oder es gar bekaempfen, will es diese Wahrheit naeher bringen und dazu fuehren, dass sie es lieben lernen. Die Frage, die uns zunaechst beschaeftigen muss, ist folgende: Hat Gott von aller Ewigkeit den Weltlauf vorherbestimmt? Und wenn dem so ist: Welche Beweise haben wir hierfuer? Wie ist die menschliche Handlungsfreiheit mit der Vollkommenheit Gottes zu vereinbaren? __________________________________________________________________ [1] Diese Schrift ist 1932 entstanden; A. d. Ue [2] Der Ausdruck >>Beharren der Heiligen<< bedeutet, dass echte Kinder Gottes nicht wieder verlorengehen koennen; A. d. Ue. [3] Die Grundlehren des Arminianismus, die heute vielfach in die gaengige evangelikale Theologie eingedrungen sind, lassen sich in etwa so zusammenfassen: Bedingte Erwaehlung: Gott hat beschlossen, durch Jesus Christus diejenigen aus der suendigen Menschheit zu erretten, die durch die Gnade des heiligen Geistes an Christus glauben, aber Gott laesst die Unbelehrbaren und die Unglaeubigen in der Suende. Heilsuniversalismus: Christus ist fuer alle Menschen gestorben, aber Gott erwaehlt nur diejenigen, die an Christus glauben. Freier Wille trotz Erbsuende: Freier Wille ist der natuerliche Zustand des Menschen, kein geistiges Geschenk -- der freie Wille ist durch die Erbsuende nicht verlorengegangen. Die Gnade Christi arbeitet in allen Menschen, um sie zum Guten zu beeinflussen. Aber nur diejenigen, die mit der Gnade durch Glaube und Reue einverstanden sind, bekommen neue geistliche Kraft, um das Gute zu verwirklichen, welches sie anderenfalls nur beabsichtigen, nicht aber verwirklichen koennten. Ablehnbare Gnade: Die Gnade Gottes wirkt fuer das Gute in allen Menschen und schafft Erneuerung des Lebens durch den Glauben. Aber die Gnade kann abgelehnt werden, sogar von denen, die zu einem neuen Leben im Glauben gelangt sind. Verlierbarkeit des Heils: Diejenigen, die durch den wahren Glauben mit Christus vereinigt sind, haben durch die Gnade des Heiligen Geistes zwar die Kraft, im Glauben bestaendig zu bleiben. Der Glaeubige kann aber -- wenngleich dies auch nicht so ohne weiteres geschehen moechte -- wieder abfallen. [4] Aus dem Vorwort von Zanchius' "Predestination", S. 16 [5] Warburton, "Calvinism", S. 2 [6] Warburton, "Calvinism", S. 23 [7] Cunningham, Historical Theology, Bd. 2, S. 418-419. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel II __________________________________________________________________ Formulierung der Lehre Das Westminster-Bekenntnis formuliert die Lehre der Reformation und der Presbyterianischen Kirche. Es ist damit die genaueste Formulierung der reformierten Glaubensgrundsaetze. Hier lesen wir: >>Gott hat von aller Ewigkeit her nach dem hoechst weisen und heiligen Ratschluss seines eigenen Willens frei und unabaenderlich alles angeordnet, was auch immer sich ereignet; jedoch so, dass dadurch weder Gott der Urheber der Suende ist, noch dem Willen der Geschoepfe Gewalt angetan wird, noch die Freiheit oder Zufaelligkeit der zweiten Ursachen aufgehoben, sondern diese vielmehr in Kraft gesetzt werden.<< Und weiter: >>Obwohl Gott alles weiss, was unter allen vorauszusetzenden Bedingungen geschehen kann und mag, hat er doch nichts deshalb beschlossen, [nur] weil er es als zukuenftig oder als etwas, das sich unter solchen Bedingungen ereignen wuerde, vorausgesehen hat.<< [8] Diese Lehre von der Vorherbestimmung zeigt uns Gottes Absicht als absolute, bedingungslose und unabhaengig von seiner Schoepfung bestehende Absicht, die einzig und allein in seinem souveraenen Willen begruendet ist. Sie sieht Gott als maechtigen und grossen Koenig, der den Weg seiner Schoepfung und auch den Weg der Geschichte selbst bis ins kleinste Detail vorgezeichnet hat. [9] Sein Beschluss ist ewig, unveraenderlich, heilig, weise und souveraen. Er erstreckt sich nicht nur auf jedes Detail der physischen Welt, sondern auch auf jedes Detail der Geschichte von der Schoepfung bis zum Gericht und umfasst alle Aktivitaet der Heiligen und der Engel im Himmel wie auch der Verdammten und Daemonen in der Hoelle. Dieser Beschluss umfasst auch den ganzen Bereich der kreatuerlichen Existenz durch Zeit und Ewigkeit und alle Dinge der Vergangenheit und Zukunft in allen Faellen, Bedingungen, Reihenfolgen und Beziehungen. Alles, was nicht Gott ist, ist in diesem Ratschluss inbegriffen: alle geschaffenen Wesen haben ihre Existenz allein aus seiner schoepferischen und erhaltenden Kraft. Dieser Ratschluss bewirkt, dass alle Ereignisse diesem Beschluss folgen. Das laeuft auf ein einziges, fernabliegendes goettliches Ereignis hinaus, das den gesamten Lauf der Schoepfung dirigiert. Da die endliche Schoepfung in ihrer Gesamtheit existiert, um Gottes Ehre zu manifestieren und da sie vollkommen von Ihm abhaengt, kann sie nicht selbst irgendwelche Bedingungen erzeugen, die die Ehre Gottes schmaelern koennten. Was Gott tut, das hat er von aller Ewigkeit her beschlossen zu tun. Er ist der souveraene Herrscher des Universums, und >>er verfaehrt mit dem Heer des Himmels und mit denen, die auf Erden wohnen, wie er will, und es gibt niemand, der seiner Hand wehren oder zu ihm sagen duerfte: Was machst du?<< (Dan 4, 32). Da das Universum seinen Ursprung in Gott hat und sein Fortbestehen allein von ihm abhaengt, muss es so sein, dass es in allen Teilen und zu allen Zeiten voellig unter seiner Kontrolle steht. Nichts koennte geschehen, das sich gegen diesen ausdruecklichen Beschluss oder Seine Erlaubnis richtete. So praesentiert sich uns dieser Beschluss als ewige Vorherbestimmung oder Praedestination, die von keinerlei Bedingungen in den Zeitlaeufen abhaengig waere. Auf dieser Grundlage beruht das Vorherwissen Gottes aller Dinge, und nicht etwa darauf, dass er irgendwelche Bedingungen und Ereignisse in der Zeit vorhersieht, die von seinen Geschoepfen in Gang gesetzt werden. Die reformierten Theologen haben diese grossen Prinzipien logisch und folgerichtig auf die Schoepfung und die Vorsehung angewandt, die spaeter in den Westminster-Schriften ausformuliert worden sind. In jedem Ereignis der menschlichen Geschichte sahen sie die Hand Gottes, auch in allem, was in der Natur geschah: die Welt war die Realisierung eines ewigen Ideals. Sie wurde als Ganzes und in allen Teilen, Bewegungen und Veraenderungen unter die Regierung und unter das alles durchdringende, alles harmonisierende Handeln des goettlichen Willens gebracht zu dem Zweck, Gottes Herrlichkeit zu zeigen. Die Auffassung der reformierten Theologen war die goettliche Ordnung der gesamten Geschichte bis ins kleinste Detail mit besonderer Beruecksichtigung des menschlichen Heilswegs. Calvin, der brillante Systematiker der Reformation, hat das so ausgedrueckt: >>Unter >Vorbestimmung< verstehen wir Gottes ewige Anordnung, vermoege deren er bei sich beschloss, was nach seinem Willen aus jedem einzelnen Menschen werden sollte! Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet. Wie also nun der einzelne zu dem einen oder anderen Zweck geschaffen ist, so sagen wir, ist er zum Leben oder zum Tode >vorbestimmt<<<. Melanchthon, Calvins enger Freund und Mitarbeiter, sagte einmal: >>Alle Dinge erweisen sich als von Gott vorherbestimmt, nicht nur die Werke, die wir aeusserlich tun, sondern auch unsere innersten Gedanken.<< Weiter sagte er: >>So etwas wie Zufall oder Glueck gibt es nicht, auch gibt es keinen besseren Weg, zur Gottesfurcht zu gelangen und unser ganzes Vertrauen in ihn zu setzen, als wenn man die Vorherbestimmung ganz verstanden hat.<< [10] Die Ordnung ist des Himmels vornehmstes Gesetz. Vom goettlichen Standpunkt aus bleibt die Ordnung intakt -- vom Anfang der Schoepfung bis zum Ende der Welt und dem Anbruch der Herrschaft des Himmels in seiner ganzen Herrlichkeit. Der goettliche Plan wird nie und nirgends auf irgendwelche Weise unterbrochen oder gestoert. Was fuer uns wie eine Niederlage dieses Plans aussehen mag, ist nur Schein, denn unsere endliche und unvollkommene Natur erlaubt es uns nicht, das Ganze in den Teilen oder alle Teile des Ganzen zu sehen. Wenn wir nur einen Augenblick das maechtige Naturschauspiel und das komplexe Drama der menschlichen Geschichte in seiner Gesamtheit sehen koennten, dann saehen wir nichts als eine harmonische Einheit, die die Herrlichkeit des Herrn widerspiegelt. >>Obgleich die Welt aussieht, als regierte sie der Zufall<<, sagt Bishop, >>und obwohl es so aussieht, als seien die Umstaende in wilder Unordnung zusammengewuerfelt, sieht Gott doch die genauen Zusammenhaenge aller Ursachen und Wirkungen und schafft mit diesen scheinbaren Misstoenen und Missakkorden die schoenste Ordnung. Es ist hoechst notwendig, unsere Gedanken fest und unerschuetterlich auf diese Wahrheit zu richten, so dass wir in jedem Fall, ob gut oder boese, Gottes maechtige Hand als letzten Grund dahinter erblicken koennen. Fuer Gott gibt es keine Zufaelle und Ungewissheiten in der Welt. Wenn etwa ein Meister seinen Diener an einen bestimmten Ort schickt und ihn auffordert, dort zu warten, um ihm dann ohne dessen Wissen einen anderen Diener nachzusenden, so mag dieses Treffen in den Augen der Diener zwar zufaellig scheinen, und doch ist es nichtsdestoweniger vom Meister vorherbestimmt. Uns erschiene ihr Zusammentreffen zufaellig, nicht aber Gott. Er bestimmt die Wechselfaelle des Lebens und sieht sie voraus.<< [11] Der Psalmist sagt: >>Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde!<< (Ps 8,2). Und der Prediger sagt: >>Er hat alles vortrefflich gemacht zu seiner Zeit<< (Pred 3,11). In der Vision, die der Prophet Jesaja sah, sangen die Seraphim: >>Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen, die ganze Erde ist erfuellt von seiner Herrlichkeit!<< (Jes 6,3). Wenn dies alles vom Blickwinkel Gottes aus betrachtet werden koennte, so wuerde man sehen, dass jedes Ereignis in der Geschichte der Menschheit zu allen Zeiten und in allen Nationen, ganz egal wie unscheinbar ein Ereignis auch scheinen mag, seinen exakten Platz in der Entwicklung seines ewigen Plans hat. Die Ursachen der Geschichte ueben einen zunehmenden Einfluss auf die Natur aus. Die Geschichte ist zur Schoepfung in ganz bestimmte Beziehung gesetzt und traegt ihren eigenen Teil zum perfekten Gleichklang der Weltordnung bei. Viele Beispiele koennte man aufzaehlen, deren grosse Wirkung auf >>zufaellige<< und unbedeutende Kleinigkeiten zurueckgeht, die von ihrer eigenen Zeit als Trivialitaeten angesehen worden waren. Der Zusammenhang aller Ursachen und Wirkungen ist derart, dass das Fehlen auch nur einer einzigen Ursache alles Nachfolgende veraenderte oder gar verhinderte. Daraus folgt die Gewissheit: Die goettliche Regierung beruht auf der Vorherbestimmung, sie erstreckt sich auf alle Dinge, ob gross oder klein. Genau gesagt, ist kein einziges Ding klein; jedes hat seinen exakten Platz im goettlichen Plan, nur erscheint das eine groesser zu sein als das andere. Der Lauf der Geschichte ist freilich unendlich komplex, und doch ist er aus Gottes Sicht nichts weniger als eine Einheit. Diese Wahrheit mit all ihren Begruendungen ist wunderschoen und wird im Kleinen [Westminster-]Katechismus dargelegt: >>Die Ratschluesse Gottes sind seine ewige Absicht entsprechend dem Rat seines Willens, wodurch er zu seiner eigenen Ehre vorherbestimmt hat, was immer passieren soll.<< [12] Dr . Abraham Kuyper, einer der herausragendsten calvinistischen Theologen der letzten Jahre, hat uns mit folgender Aussage einen wertvollen Gedanken vermittelt: >>Die Existenzbestimmung aller existierenden Dinge, die geschaffen werden sollten: Was zur Kamelie wird, was Butterblume, Nachtigall oder Kraehe, Hirsch oder Schwein, und genauso unter den Menschen, die Vorherbestimmung, was wir sein werden: Junge oder Maedchen, reich oder arm, dumm oder klug, weiss oder schwarz, ja, sogar ob Abel oder Kain -- diese Vorherbestimmung ist das gewaltigste Anschauungsbeispiel im Himmel und auf Erden, das man sich denken kann; wir koennen diese Dinge jeden Tag sehen, wir sind selbst dieser Vorherbestimmung in all unseren persoenlichen Eigenheiten unterworfen; unsere gesamte Existenz, unsere ganze Natur, ja, unser ganzes Leben haengt von ihr ab. Diese allumfassende Praedestination, so lehrt der Calvinismus, liegt nicht in den Haenden der Menschen und noch weniger in den Naturkraeften begruendet, sondern in der Hand des allmaechtigen Gottes, des souveraenen Schoepfers und Eigentuemers Himmels und der Erde. Anhand des Beispiels von Toepfer und Ton hat die Schrift uns diese alles beherrschende Bestimmung schon zur Zeit der Propheten verkuendet. Es ist Erwaehlung in Schoepfung, in Vorsehung und auch in Bezug auf das ewige Leben; es ist Erwaehlung im Reich der Gnade und im Reich der Natur.<< [13] Wir koennen diese Weltordnung nicht angemessen wuerdigen, wenn wir sie nicht als ein durchgaengiges und maechtiges System sehen, durch welches Gott seine Plaene verwirklicht. Calvins klarer und logischer Theismus gab ihm einen scharfen Sinn fuer die unendliche Majestaet des Allmaechtigen, in dessen Haenden alle Dinge liegen. Sie haben ihn zu einem ausgepraegten Vertreter der Praedestinationslehre gemacht. Erst die Lehre von den unbedingten und ewigen Zwecken des allwissenden und allmaechtigen Gottes liess ihn den Lauf der Geschichte vom Suendenfall und der Erloesung der menschlichen Rasse verstehen. Mutig, aber ehrerbietig wagte er sich an jenen Abgrund der Spekulation heran, wo alles menschliche Wissen sich in Mysterium und Anbetung verlieren muss. Der reformierte Glaube zeigt uns daher einen grossartigen Gott, der wirklich der souveraene Herrscher des Universums ist. [14] >>Das gewaltige Prinzip dieses Glaubens<<, sagt Bayne, >>ist die Betrachtung des Universums, wie es Gott in Christus offenbart hat. An jedem Ort und zu jeder Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit sieht der Calvinismus Gott.<< [15] Unser Zeitalter mit seiner Betonung auf der Demokratie findet wenig Gefallen an dieser Sichtweise, und vielleicht fand kein anderes Zeitalter weniger Gefallen daran als dieses. Man tendiert heute dazu, den Menschen zu erhoehen; Gott bleibt nur mehr, eine subalterne Rolle in den Wechselfaellen dieser Welt zu spielen. Es ist, wie Dr. A. A. Hodge gesagt hat: >>Die neue Theologie, die uns versichert, wie begrenzt doch die >alte< sei, verwirft die Vorherbestimmung Jahwes als eine abgegriffene Phantasievorstellung der Universitaeten, die von der fortschrittlichen Kultur unserer Zeit ueberholt ist. Das ist nicht das erste Mal, dass die Eulen eine voruebergehende Verfinsterung fuer das natuerliche Licht halten und wie die unreifen Adler schreien, weil sie davon ueberzeugt sind: Was wir nicht sehen koennen, das existiert auch nicht.<< [16] Dies ist im Allgemeinen die grobe Konzeption der Praedestination, wie sie die namhaften Theologen der Presbyterianischen Kirche und der Reformation geglaubt haben. Die Schrift aeussert sich nachdruecklich zur Vorherbestimmung: Apg 4,27f: Ja, wahrhaftig, gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, haben sich Herodes und Pontius Pilatus versammelt zusammen mit den Heiden und dem Volk Israel, um zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss vorher bestimmt hatte, dass es geschehen sollte. Eph 1,5: Er hat uns vorherbestimmt zur Sohnschaft fuer sich selbst durch Jesus Christus, nach dem Wohlgefallen seines Willens. Eph 1,11: ... in ihm, in welchem wir auch ein Erbteil erlangt haben, die wir vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens ... Roem 8,29f: Denn die er vorher ersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Ebenbild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Bruedern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, die er aber berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt, die er aber gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht. 1 Kor 2,7: ... sondern wir reden Gottes Weisheit im Geheimnis, die verborgene, die Gott vor den Weltzeiten zu unserer Herrlichkeit vorherbestimmt hat. Apg 2,23: ... diesen, der nach Gottes festgesetztem Ratschluss und Vorsehung dahingegeben worden war, habt ihr genommen und durch die Haende der Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und getoetet. Apg 13,48: Als die Heiden das hoerten, wurden sie froh und priesen das Wort des Herrn, und es wurden alle die glaeubig, die zum ewigen Leben bestimmt waren. Eph 2,10: Den wir sind seine Schoepfung, erschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir sie ausfuehren sollen. Roem 9,23: ... damit er auch den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefaessen der Barmherzigkeit erzeige, die er vorher zur Herrlichkeit bereitet hat. Psalm 139,16: Deine Augen sahen mich schon als ungeformten Keim, und in dein Buch waren geschrieben alle Tage, die noch werden sollten, als noch keiner von ihnen war. __________________________________________________________________ [8] Artikel 3.1 u. 3.2. [9] Dass Gott in der Lage ist, dies zu tun, muss der Arminianismus stets anzweifeln, weil er der Meinung ist, die Natur der Sache schliesse eine solche Vorherbestimmung per se aus. Tatsaechlich in der Natur der Sache liegt aber ganz im Gegenteil, dass die >>Willensfreiheit<< (im Sinne eines zufaelligen, >>arbitraeren<< und von nichts abhaengenden Willens) nicht mit Gottes Souveraenitaet zu vereinen ist (A. d. Ue.). [10] keine Quellenangabe. [11] Zitiert aus Topladys Uebersetzung von Zanchius' "Predestination". [12] Kleiner Westminster-Katechismus, Frage 7. [13] Abraham Kuyper, Lectures on Calvinism", S. 272. [14] Ein Gott, der erst noch auf den >>freien<< (besser: neutralen) Willen seiner Geschoepfe Ruecksicht nehmen muesste, waere kein souveraener Herrscher. Staendig muesste er in ein System milliardenfacher Interventionen seiner Geschoepfe eingreifen, um die Welt nicht entgleisen zu lassen, da er jedes mal auf jede >>freie<< Willenshandlung reagieren muesste -- wahrlich eine seltsame Vorstellung (A. d. Ue.). [15] keine Quellenangabe. [16] keine Quellenangabe. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel III __________________________________________________________________ Gottes Plan Es ist undenkbar, dass ein unendlich weiser und maechtiger Gott eine Welt erschaffen habe, ohne einen genauen Plan fuer sie zu haben. Da Gott unendlich ist, muss sich sein Plan auf jedes Detail erstrecken. Koennten wir die Welt in ihrem innersten Zusammenhang sehen, also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, dann wuerden wir auch sehen: Sie folgt einem mit exakter Praezision vorgezeichneten Kurs. Wir koennen die Schoepfung bis ins Kleinste und bis ins Groesste untersuchen -- ueberall werden wir Ordnung finden. Groessere Koerper sind aus kleineren zusammengesetzt; diese aus noch kleineren, und soweit wir das aus heutiger Sicht feststellen koennen, geht das bis ins Unendliche. Selbst der Mensch, dieses vergaengliche Wesen, das allerlei Irrtuemern unterworfen ist, legt seinem Handeln Plaene zugrunde; wer ohne jeden Plan handelt, gilt als toericht. Bevor wir eine Reise antreten oder ein Werkstueck anfertigen, setzen wir uns ein Ziel. Dann gehen wir daran, dieses Ziel, soweit wir dazu in der Lage sind, zu erreichen. Unabhaengig davon, dass manche Menschen die Praedestination als Lehre bestreiten, leben wir im Alltag nach demselben Schema. Es ist, wie E. W. Smith gesagt hat: Ein kluger Mann >>denkt zuerst nach, welches Ziel er erreichen will und dann darueber, wie dieses Ziel am besten zu erreichen ist. Bevor der Architekt ein Gebaeude errichtet, zeichnet er einen Plan, und diesen aeusserst genau. In seinem Kopf steht das Gebaeude schon fertig da, noch bevor ein einziger Stein gelegt ist. Genauso verhaelt es sich mit dem Haendler, mit dem Anwalt, dem Bauern und allen vernuenftigen und verstaendigen Menschen. Sie folgen funktionierenden Mustern, die sich in ihrer Vergangenheit bewaehrt haben. Wenn sie ihr Ziel erreicht haben, dann nach einem Plan, den sie schon davor gehabt hatten.<< [17] Je groesser unser Vorhaben, desto wichtiger ist es, dass wir einen Plan haben; all unser Bemuehen muesste sonst im Sand verlaufen. Jeder, der versuchte, ein Schiff zu bauen, das auf Schienen faehrt, wuerde fuer verrueckt gehalten werden, genauso jeder, der eine ganze Nation regieren will, ohne Ahnung davon zu haben. Wir lernen, dass Napoleon die Russland-Invasion nach einem detaillierten Plan ausgefuehrt hat: Jede Division hatte ihre eigene Marschroute; sie wusste, wann sie wo sein musste, welche Ausstattung sie brauchte und wie viel Lebensmittel sie dabei haben musste etc. Wenn im Plan etwas nicht beruecksichtigt war, dann war das auf die Unvollkommenheit menschlicher Klugheit und Faehigkeit zurueckzufuehren. Waere Napoleons Einschaetzung fehlerlos gewesen und seine Kontrolle der Ereignisse absolut, so duerften wir mit Fug und Recht behaupten, dass alle Aktionen jedes einzelnen Soldaten auf diesem Marsch geplant, oder, wie wir jetzt sagen koennen, >vorherbestimmt< gewesen waeren. Wenn das schon vom Menschen gilt, wie viel mehr wird das dann auf Gott zutreffen! >>Ein Universum ohne planende Vorsehung<<, sagt A. J. Gordon [18] , >>waere so irrational und schrecklich wie ein Expresszug ohne Fahrer, der in der Dunkelheit auf einen Abgrund zuraste.<< Eine Vorstellung von Gott, der ein Universum geschaffen habe, in dem er nicht alles genau geplant haette, ist undenkbar. Wenn die Schrift sagt, dass Gottes Vorsehung jedes Ereignis bis in das kleinste Detail beherrscht, dann lehrt sie damit auch, dass sein Plan allumfassend ist. Es gehoert zu seiner Vollkommenheit, den bestmoeglichen Plan entworfen zu haben. Er leitet den Verlauf der Geschichte an ihr festgesetztes Ende. Zu behaupten, dass Gott einen Plan hat, dem er folgt, bedeutet nichts anderes, als die Vorherbestimmung zu postulieren. Gottes Plan, so wie er sich uns offenbart, ist einheitlich, sagt Dabney [19] : >>Die Ursache zeitigt die Wirkung, und diese Wirkung wird wieder zur Ursache; die Ereignisse beeinflussen einander gegenseitig und muenden in neue Ereignisse -- das ganze, gigantische Ergebnis davon betrifft jedes kleinste Detail. Wie die Astronomen vermuten, wuerde die Vernichtung eines einzigen Planeten die Orbitalbahnen aller anderen Himmelskoerper unseres Sonnensystems veraendern; wuerde auch nur ein Detail der Geschichte ungeschehen gemacht werden koennen, so haette dies Auswirkungen auf alles, was >danach< geschehen ist.<< [20] Haette Gott den Ablauf der Geschichte nicht vorherbestimmt, sondern muesste je noch auf die Erfuellung gewisser Bedingungen warten, dann waeren seine Beschluesse weder ewig noch unveraenderlich. Wir wissen aber, dass er keinen Fehler machen kann; er kann nicht von irgendwelchen unvorhergesehenen Gegebenheiten ueberrascht werden. Er ist Koenig im Himmel und regiert das All. Sein Plan muss daher jedes einzelne Ereignis in diesem Universum erfassen, jedes Detail dieser Geschichte. Es ist leicht einzusehen, dass aufgrund dieser Gegebenheiten selbst das kleinste Detail seinen Platz in diesem Plan finden muss. Wir erinnern uns alle an gewisse >>zufaellige Ereignisse<<, die unser Leben in der einen oder anderen Weise veraendert haben. Diese Veraenderungen wirken sich nachhaltig auf die weitere Geschichte aus und erzeugen neuerliche >>zufaellige Ereignisse<<. Es heisst, dass das Geschnatter von Gaensen einst Rom gerettet habe. Ob das nun historisch stimmt oder nicht, ist fuer die Veranschaulichung des Gesagten irrelevant. Haetten die Gaense die Wachen nicht gewarnt und damit die Soldaten zur Verteidigung veranlasst, waere Rom vielleicht untergegangen -- die Geschichte waere vielleicht ganz anders verlaufen. [21] Haetten die Gaense geschwiegen -- wer koennte schon wissen, welche Machtkonstellationen den Planeten heute praegten oder wo die Kulturzentren heute laegen? Nur wenige Zentimeter verfehlt die Kugel einen General waehrend der Schlacht: Sein Leben ist verschont, er kommandiert weiterhin seine Truppen, gewinnt eine entscheidende Schlacht und George Washington bleibt viele Jahre der erste Praesident der USA. Wie anders waere die Geschichte aber verlaufen, haette der Soldat sein Ziel nicht verfehlt? Oder das grosse Feuer in Chicago 1871, das mehr als die halbe Stadt in Schutt und Asche gelegt hatte: Es heisst, es brach aus, weil eine Kuh eine Laterne umgestossen hatte. Die Geschichte Chicagos waere anders verlaufen, wenn die Kuh diese kleine Bewegung unterlassen haette! >>Die Herrschaft des Groessten schliesst die Herrschaft des Kleinsten mit ein, denn es ist nicht nur so, dass grosse Ereignisse aus kleineren bestehen, nein; die Geschichte selbst zeigt: Die unwichtigsten Bagatellen beweisen, dass sie Dreh- und Angelpunkte fuer grosse Abweichungen im Geschichtsverlauf sein koennen. Der Ausdauer einer Spinne ist es zuzuschreiben, welche die Anstrengungen eines verzweifelten Mannes anspornten, der die Geschichte seiner Nation wesentlich beeinflusste. Der Gott, der den Gang der Geschichte Schottlands vorherbestimmte, hat selbst dieses kleine Insekt gelenkt, das Robert Bruce vor der Verzweiflung bewahren sollte.<< [22] Derlei Geschehnisse koennten freilich viele aufgezaehlt werden. Der Pelagianismus [23] bestreitet, dass Gott einen solchen Plan ueberhaupt hat; der Arminianer sieht eine Art >>Generalplan<<, der aber weitgehend unspezifisch bleibt; einzig der Calvinist behauptet einen allesumfassenden und allgegenwaertigen Plan Gottes. Er erkennt: Der ewige Gott hat einen ewigen Plan, in welchem jedes einzelne Ereignis vorgezeichnet ist; er laesst Gottes Eigenschaften stehen und leugnet jegliche menschliche Beeinflussung. Die Heilige Schrift zeigt uns Gott als eine Person, die anderen Personen insofern aehnlich ist, als er nach Zwecken handelt; unaehnlich dagegen, als die Ausfuehrung seiner Plaene von Allweisheit und Allmacht getragen ist. Der Calvinist sieht das Universum als Ergebnis seiner schoepferischen Macht und als eine Praesentation seiner herrlichen Vollkommenheit. Alles, was geschieht, muss deshalb mit Seinen Zwecken exakt uebereinstimmen. In einem inspirierenden Artikel ueber die Praedestination sagt Dr. Benjamin Breckinridge Warfield -- ich halte ihn fuer den bedeutendsten Theologen seit Johannes Calvin --, die Schreiber der Heiligen Schrift sahen den goettlichen Plan als >>gross genug, das ganze Universum zu umfassen und als minutioes genug, auch das kleinste Detail zu beruecksichtigen; dieser Plan verwirklicht sich mit unausweichlicher Gewissheit in allem, was geschieht. ... Der unendlichen Weisheit des Herrn dieser Erde gemaess faellt jedes Ereignis praezise in den Rahmen, der ihm in diesem Plan zugedacht ist; nichts, wie klein oder seltsam es auch erscheinen mag, geschieht ohne Gottes Beschluss oder ohne Passgenauigkeit hinsichtlich seiner Bestimmung in diesem goettlichen Plan. Das Ziel dieses Plans ist die Verherrlichung Gottes und der Hoehepunkt seines Lobes. Die Philosophie des Alten Testamentes (und auch des Neuen Testamentes) in bezug auf das Universum gruendet in der Ansicht eines absoluten Plans oder Zwecks; alles, was geplant ist, entfaltet sich zu seiner Zeit.<< [24] Die Existenz eines goettlichen Plans konstituiert das innerste Wesen eines folgerichtigen Theismus. Gott weiss, was seine Geschoepfe tun werden, noch bevor er beschlossen hatte, sie zu erschaffen; insofern hat er die absolute Herrschaft ueber das ganze System. Haette er nur bestimmte einzelne Ereignisse vorherbestimmt, so haette dies in der Natur und in menschlichen Angelegenheiten zur Unordnung gefuehrt. Gott muesste staendig reorganisieren, damit er sein Ziel erreicht. Seine Weltregierung waere ein launisches Flickwerk immer neuer Mittel; er verfolgte dann eine Art Generalplan, muesste ueber den Ausgang vieler Dinge jedoch zwangslaeufig im Ungewissen bleiben. Niemand, der sich Gott einigermassen richtig vorstellt, wird behaupten, Gott muesse seine Meinung ueber gewisse Dinge alle paar Tage aendern, damit er auf Unverhofftes richtig reagieren kann, das so urspruenglich nicht eingeplant gewesen war. Wenn die Abgeschlossenheit des goettlichen Plans geleugnet wird, hat man keinen Fixpunkt vor der Gefahr des Atheismus. Zunaechst sei gesagt: Gott musste dieses Universum nicht aus einer Notwendigkeit heraus erschaffen. Seine Handlungen sind vollkommen frei, und aus dieser Freiheit heraus erschuf er das Universum. Er hat aus einer Unzahl an Moeglichkeiten den besten Plan ausgewaehlt. Tatsaechlich hat er sich entschieden, die Welt genauso zu erschaffen, wie sie ist. Da er jedes Ereignis bis ins kleinste Detail voherweiss und kennt, hat er damit auch beschlossen, also eben vorherbestimmt, was genau geschehen soll. Seine Wahl, dass die Dinge genau so geschehen, wie sie geschehen, nennen wir Vorherbestimmung oder Praedestination. Dieser Plan umfasst allerdings auch die Suenden der Menschen. Sie sind vorhergesehen, zugelassen und haben ihren exakten Platz. Sie sind aber kontrolliert und werden in Hinsicht auf Gottes Ehre ueberstimmt. Die Kreuzigung Christi, das schlimmste Verbrechen der Menschheit, hat nach der Schrift ihren exakten Platz im Plan Gottes (Apg 2,23; 4,28). Diese spezielle Art der Erloesung ist kein Schritt, zu dem sich Gott entschlossen hat, nachdem er gesehen hat, was der Mensch angerichtet hatte. Vielmehr geschieht sie >>nach ewiger Vorherbestimmung, die Gott in Christus Jesus festgesetzt hat<< (Eph 3,11). Petrus sagt, dass Christus als Opfer fuer Suende >>vorherersehen [war] vor Grundlegung der Welt<< (1 Petr 1,20). Die Glaeubigen >>sind ... auserwaehlt vor Grundlegung der Welt<< (oder von Ewigkeit her, Eph 1,4). Wir sind gerettet, aber nicht aufgrund persoenlicher Taten, >>sondern aufgrund seines eigenen Vorsatzes und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gewaehrt wurde<< (2 Tim 1,9). Wenn die Kreuzigung Christi oder seine Selbstaufopferung fuer die Suende Bestandteil des ewigen Plans ist, dann auch der Suendenfall und alle anderen Suenden, fuer welche dieses Opfer noetig war, ganz abgesehen davon, wie hassenswert manche Einzelheiten dieses Plans auch sein moegen. Die Geschichte ist bis ins kleinste Detail die Entfaltung jenes ewigen Plans Gottes. Seine Beschluesse werden nicht nach ploetzlich eintretenden Gegebenheiten gefasst, sondern sind alle Teil jenes allumfassenden Plans; wir koennen uns nicht vorstellen, dass Gott ploetzlich einen neuen Plan ausarbeitet, dessen Inhalt ihm nicht schon immer bekannt war. Die Tatsache, dass die Heilige Schrift sagt, ein Zweck Gottes sei von einem anderen abhaengig oder auch davon, was immer Menschen tun, ist kein Einwand gegen diese Lehre. Die Heilige Schrift ist in der Alltagssprache des Menschen verfasst, und hier spricht man oft, wie die Dinge erscheinen, nicht wie sie wirklich sind. Die Bibel spricht von den >>vier Enden der Erde<<, (Jes 12,12) und von >>der Gruendung der Erde<< (Ps 104,5). Niemand denkt deswegen, die Erde sei eine Scheibe oder ruhe auf einem buchstaeblichen Fundament. Wir sprechen von der auf- und untergehenden Sonne und meinen das nicht woertlich, sondern beschreiben einfach, was wir mit eigenen Augen sehen. Genauso spricht Gott auch davon, dass er etwas bereut, und dennoch meint niemand mit der rechten Vorstellung von Gott, dass er einen Irrtum bereue. Es bedeutet einfach, dass seine Handlungen menschlich interpretiert werden. Gott bereut aus dieser Sicht, wie ein Mensch es tut. An anderen Stellen spricht die Schrift von den Haenden, Armen oder Augen Gottes. Diese Beschreibungen nennen wir >>Anthropomorphismen<<, Beispiele, in denen Gott dem Menschen aehnlich gezeichnet wird. Wird das Wort >>bereuen<< im wahren Sinn gebraucht, so wird gesagt, dass Gott niemals bereut: >>Gott ist kein Mensch, dass er luege oder der Sohn eines Menschen, dass er etwas bereuen muesste<< (4 Mo 23,19). An einer anderen Stelle steht: >>Israels Staerke luegt nicht, es reut ihn auch nicht; denn er ist kein Mensch, dass er etwas bereuen muesste<< (1 Sam 15,29). Die Betrachtung dieses grossartigen Plans muss zum Preise seiner unerforschlichen Weisheit ausschlagen und zu seiner ungeschmaelerten Macht; er, der solches beschliesst, fuehrt es auch aus. Was kann einem Christen mehr Zufriedenheit und Freude schenken als die Gewissheit: Die Welt verlaeuft nach den genauen Plaenen des himmlischen Koenigreiches und nach der Erscheinung der goettlichen Herrlichkeit; er ist derjenige, dem unendliche Liebe gebuehrt, in ihm findet man Barmherzigkeit! __________________________________________________________________ [17] Egbert Watson Smith, "The creed of Presbyterians", S. 159. [18] Adoniram Judson Gordon (1836-1895), amerikanischer Baptistenprediger und Gruender des Gordon-College (A. d. Ue.). [19] Robert Lewis Dabney (1820-1898), amerikanischer Theologe (A. d. Ue.). [20] Dabney, Systematic Theology, S. 214. [21] Nach Livius haben die heiligen Gaense der Juno Rom 387 v. Chr. mit ihrem naechtlichen Geschnatter vor einer Invasion der Gallier bewahrt (A. d. Ue.). [22] Egbert Watson Smith, "The Creed of Presbyterians", S. 160. [23] Eine Lehre, die auf den britischen Moench Pelagius (360-420) zurueckgeht. Pelagius lehrte, die menschliche Natur sei durch die Erbsuende nicht verdorben worden. Die menschliche Natur, von Gott geschaffen, sei keineswegs als boese anzusehen, denn dies widerspraeche der guten Schoepfung Gottes. Der Mensch verfuege demnach ueber die Macht und Faehigkeit, von sich aus das Gute zu tun und suendlos zu bleiben, sei daher also grundsaetzlich in der Lage, sich durch gute Werke selbst zu erloesen (A. d. Ue.). [24] Benjamin Breckinridge Warfield, "Biblical Doctrines", S. 13 u. 22. __________________________________________________________________ Belegstellen aus der Schrift 1) Gottes Plan ist ewig: 2 Tim 1,9: Er hat uns ja errettet und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht aufgrund unserer Werke, sondern aufgrund seines eigenen Vorsatzes und der Gnade, die uns in Christus Jesus vor ewigen Zeiten gegeben wurde. Ps 33,11: Der Ratschluss des Herrn bleibt ewig bestehen, die Gedanken seines Herzens von Geschlecht zu Geschlecht. Jes 37,26: Hast du aber nicht gehoert, dass ich dies laengst vorbereitet und seit den Tagen der Vorzeit beschlossen habe? Nun aber habe ich es kommen lassen, dass du feste Staedte zu oeden Steinhaufen verwuestet hast. Jes 46,9--10: Gedenkt an die Anfaenge von der Urzeit her, dass ich Gott bin und keiner sonst; ein Gott, dem keiner zu vergleichen ist. Ich verkuendige von Anfang an das Ende, und von der Vorzeit her, was noch nicht geschehen ist. Ich sage: Mein Ratschluss soll zustande kommen, und alles, was mir gefaellt, werde ich vollbringen. 2 Thess 2,13: Wir aber sind es Gott schuldig, allezeit fuer euch zu danken, vom Herrn geliebte Brueder, dass Gott euch von Anfang an zur Errettung erwaehlt hat in der Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit. Mt 25,34: Dann wird der Koenig denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, und erbt das Reich, das euch bereitet ist seit Grundlegung der Welt! 1 Petr 1,20: Er war vorherbestimmt vor Grundlegung der Welt, aber wurde offenbar gemacht in den letzten Zeiten um euretwillen. Jer 31,3: Von ferne her ist mir der Herr erschienen: Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Gnade. Apg 15,18: Gott sind alle seine Werke von Ewigkeit her ueberblickbar. Ps 139,16: Deine Augen sahen mich schon als ungeformten Keim, und in dein Buch waren geschrieben alle Tage, die noch werden sollten, als noch keiner von ihnen war. 2) Gottes Plan ist unveraenderlich: Jak. 1,17: Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter, bei dem keine Veraenderung ist, noch ein Schatten infolge von Wechsel. Jes 14,24: Der Herr der Heerscharen hat geschworen und gesagt: Fuerwahr, es soll geschehen, wie ich es mir vorgenommen habe, und es soll zustande kommen, wie ich es beschlossen habe. Jes 46,10--11: Ich verkuendige von Anfang an das Ende, und von der Vorzeit her, was noch nicht geschehen ist. Ich sage: Mein Ratschluss soll zustande kommen, und alles, was mir gefaellt, werde ich vollbringen. Ich berufe von Osten her einen Adler und aus fernen Laendern den Mann meines Ratschlusses. Ja, ich habe es gesagt, ich fuehre es auch herbei; ich habe es geplant, und ich vollbringe es auch. 4 Mo 23,19: Gott ist nicht ein Mensch, dass er luege, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereuen wuerde. Was er gesagt hat, sollte er es nicht tun? Was er geredet hat, sollte er es nicht ausfuehren? Mal 3,6: Denn ich, der Herr, veraendere mich nicht; deshalb seid ihr, die Kinder Jakobs, nicht zugrunde gegangen. 3) Der goettliche Plan enthaelt alles Handeln des Menschen: Dan 2,28: ... aber es gibt einen Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart; der hat den Koenig Nebukadnezar wissen lassen, was am Ende der Tage geschehen soll. Joh 6,64: Aber es sind etliche unter euch, die nicht glauben. Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten wuerde. Mt 20,18--19: Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den obersten Priestern und Schriftgelehrten ausgeliefert werden, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und werden ihn den Heiden ausliefern, damit diese ihn verspotten und geisseln und kreuzigen; und am dritten Tag wird er auferstehen. Alle Prophezeiungen, die die Zukunft betreffen, fallen unter diese Rubrik. Vergleiche besonders: Mi 5,2; Mt 2,5f. und Lk 2,1-7; Ps 22,18, Joh 19,24; Ps 69,21; Joh 19,29; Sach 12,10, Joh 19,37; Mk 14,30; Sach 11,12f.; Mt 27,9f.; Ps 34,19f.; Joh 19,33.36. 1. Der goettliche Plan enthaelt auch alle >>Zufaelle<< Spr 16,33: Im Gewandbausch wird das Los geworfen, aber jeder seiner Entscheide kommt von dem Herrn. Jona 1,7: Und sie sprachen einer zum anderen: Kommt, wir wollen Lose werfen, damit wir erfahren, um wessen willen uns dieses Unglueck getroffen hat! Und sie warfen Lose, und das Los fiel auf Jona. Apg 1,24.26: Und sie beteten und sprachen: Herr, du Kenner aller Herzen, zeige an, welchen von diesen beiden du erwaehlt hast ... Und sie warfen das Los ueber sie, und das Los fiel auf Matthias, und er wurde zu den elf Aposteln hinzugezaehlt. Hiob 36,32: Seine Haende umhuellt er mit dem Blitzstrahl und gebietet ihm, zu treffen. 1 Koen 22,28.34: Micha aber sprach: Wenn du in Frieden wiederkommst, dann hat der Herr nicht durch mich geredet! Und dann sagte er: Hoert es, ihr Voelker alle! ... Ein Mann aber spannte den Bogen aufs Geratewohl und traf den Koenig von Israel zwischen den Tragbaendern des Panzers und dem Panzer. Da sprach er zu seinem Wagenlenker: Wende um und bringe mich aus dem Heer, denn ich bin verwundet! Hiob 5,6: Denn Unglueck waechst nicht aus dem Staub hervor, und Unheil sprosst nicht aus der Erde. Mk 14,30: Und Jesus spricht zu ihm [Petrus]: Wahrlich, ich sage dir: Heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kraeht, wirst du mich dreimal verleugnen! (vgl. 1 Mo 37,28 und 45,5; 1 Sam 9,15.16 u. 9,5-10). 1. Manche Ereignisse werden als fix oder unveraenderlich geschildert: Lk 22,22: Und der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie es bestimmt ist; aber wehe dem Menschen, durch den er verraten wird! Joh 8,20: Diese Worte redete Jesus bei dem Opferkasten, als er im Tempel lehrte; und niemand ergriff ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen. Mt 24,36: Um jenen Tag aber und die Stunde weiss niemand, auch die Engel im Himmel nicht, sondern allein mein Vater. 1 Mo 41,32: Dass aber der Pharao den Traum zweimal hatte, das bedeutet, dass die Sache bei Gott fest beschlossen ist, und dass Gott es rasch ausfuehren wird. Hab 2,3: Denn die Offenbarung wartet noch auf die bestimmte Zeit, und doch eilt sie auf das Ende zu und wird nicht truegen. Wenn sie sich verzoegert, so warte auf sie, denn sie wird gewiss eintreffen und nicht ausbleiben. Lk 21,24: Und sie werden fallen durch die Schaerfe des Schwerts und gefangen weggefuehrt werden unter alle Heiden. Und Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis die Zeiten der Heiden erfuellt sind. Jer 15,2: Und wenn sie zu dir sagen: Wo sollen wir hingehen? so sage du ihnen: So spricht der Herr: Wer dem Tod verfallen ist, der gehe in den Tod, wer dem Schwert, zum Schwert; wer dem Hunger [verfallen ist], [der gehe] zum Hunger, wer der Gefangenschaft, in die Gefangenschaft. Hiob 14,5: Wenn doch seine Tage bestimmt sind, die Zahl seiner Monate bei dir [festgelegt] ist und du ihm ein Ziel gesetzt hast, das er nicht ueberschreiten kann ... Jer 27,7: ... und alle Voelker sollen ihm und seinem Sohn und seinem Enkel dienen, bis auch die Zeit fuer sein Land kommt und viele Voelker und maechtige Koenige es unterjochen werden. 6) Sogar die Suenden sind Bestandteil des Plans, werden aber zugunsten des Guten ueberstimmt: 1 Mo 50,20: Ihr gedachtet mir zwar Boeses zu tun; aber Gott gedachte es gut zu machen, um es so hinauszufuehren, wie es jetzt zutage liegt, um ein zahlreiches Volk am Leben zu erhalten. Jes 45,7: ... der ich das Licht mache und die Finsternis schaffe; der ich Frieden gebe und Unheil schaffe. Ich, der Herr, vollbringe dies alles. Amos 3,6: Kann man in das Horn stossen in der Stadt, ohne dass das Volk erschrickt? Geschieht auch ein Unglueck in der Stadt, das nicht der Herr gewirkt hat? Apg 3,18: Gott aber hat das, was er durch den Mund aller seiner Propheten vorher verkuendigte, dass naemlich der Christus leiden muesse, auf diese Weise erfuellt. Mt 21,42: Jesus spricht zu ihnen: Habt ihr noch nie in den Schriften gelesen: >>Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen, und es ist wunderbar in unseren Augen<>dem alle Dinge moeglich sind<< (Mt 19,26; Mk 10,27). Das bedeutet aber freilich nicht, dass Gott in der Lage ist, gegen sein Wesen zu handeln oder etwas zu tun, was in sich widerspruechlich ist. Gott kann nicht luegen oder etwas gegen sein eigenes Gesetz tun. Er kann nicht bewirken, dass zwei und zwei fuenf geben oder dass sich ein Rad dreht, waehrend es stillsteht. Seine Allmacht garantiert den willensgemaessen Ablauf der Welt, so wie seine Heiligkeit garantiert, dass all sein Tun rechtens ist. Die Lehre von der Souveraenitaet Gottes findet sich durchgaengig im AT wie auch im NT. Dr. Warfield schreibt dazu: >>Dem allmaechtigen Schoepfer kann nicht widerstanden werden in allem, was Er tut; Jahwe sitzt als Koenig fuer immer (Ps 29,10). Er zeigt, dass die Schreiber der Heiligen Schrift selten Aussagen machen wie >es regnet<, nein, sie sprechen davon, dass Gott den Regen sendet usw. Die Moeglichkeit von Zufaellen wird ausgeschaltet; sogar das Los war ein anerkanntes Mittel, die Entscheidung Gottes sichtbar zu machen (Jos 7,16; 14,2; 18,6; 1 Sam 10,19; Jona 1,7). Alles ohne jede Ausnahme verfuegt Er, und Sein Wille steht hinter allem, was sein kann. Himmel und Erde und alles, was sie enthalten, sind Mittel, durch welche Er sein Ziel erreicht. Die Natur, die Voelker und auch die Schicksale der Individuen sind gleicherweise und in all ihren Veraenderungen das Sichtbarwerden seiner Absicht. Winde macht Er zu seinen Boten, Feuer zu Seinen Dienern: Jedes Naturereignis ist Sein Handeln; Wohlstand ist eines seiner Geschenke, und wenn jemandem ein Unglueck widerfaehrt, so ist es Gott, der es gesandt hat (Amos 3,5.6 [26] ; Klgl 3,33--38 [27] ; Jes 47,7 [28] ; Pred. 7,14 [29] ; Jes 54,16 [30] ). Er lenkt die Schritte der Menschen, ob sie es wollen oder nicht; Er ist es, der hochkommen und zu Fall kommen laesst, der Herzen oeffnet oder verstockt, Er laesst die Gedanken und Absichten der Seele hervorkommen.<< [31] Sollen wir daran zweifeln, dass Gott einen Suender bekehrt, wenn es ihm so gefaellt? Kann denn der Allmaechtige, der allmaechtige Beherrscher des Universum nicht auch den Charakter seiner Geschoepfe aendern? Er hat in Kana Wasser in Wein verwandelt und Saulus auf der Strasse nach Damaskus verwandelt. Der Aussaetzige sagte: >>Herr, wenn du es willst, kannst du mich reinigen<<. Durch ein einziges Wort Jesu wurde er dann auch rein. Gott kann Seele und Koerper reinigen, und wir glauben: Wenn er sich entschliesst, das zu tun, dann koennte er eine solche Anzahl an Missionaren, Geistlichen und christlichen Arbeitern jeglicher Couleur auf den Plan rufen, dass sich die Erde in kuerzester Zeit bekehren wuerde. Wenn es wirklich seinen Zielen entspraeche, alle Menschen zu erretten, koennte er Heerscharen an Engeln senden, die auf uebernatuerliche Art und Weise auf Erden taetig wuerden. Er koennte auf wundervolle Weise die Herzen der Menschen so veraendern, dass niemand mehr verlorenginge. Da das Boese nur mit Seiner Erlaubnis geschieht, koennte er es auch vollkommen vernichten. Diese seine Macht war sichtbar, als der Engel des Herrn in einer Nacht alle erstgeborenen Aegypter erschlug (2 Mo 12,29), in einem anderen Fall die 185.000 Mann starke assyrische Arme (2 Koen 19,35). Seine Macht zeigte sich, als sich die Erde oeffnete und den Korah samt den rebellischen Anhaengern verschlang (4 Mo 16,31--33). Ananias und Saphira sind geschlagen worden (Apg 5,1--11); Herodes wurde geschlagen und starb eines schrecklichen Todes (Apg 12,23). Gott hat nichts von seiner Macht eingebuesst, und es verunehrt ihn, wenn man glaubt, jetzt kaempfe er um die menschliche Rasse, koenne aber mit den meisten Menschen sein Ziel doch nicht erreichen. Obwohl Gottes Souveraenitaet universal und absolut ist, ist sie keine Souveraenitaet einer blinden Macht. Sie ist gepaart mit unendlicher Weisheit, Heiligkeit und Liebe. Wenn diese Lehre richtig verstanden wird, traegt sie sehr viel zu Geborgenheit und Trost bei. Wer wuerde nicht vorziehen, sein Schicksal in den Haenden eines allmaechtigen, weisen, heiligen und liebenden Gottes zu wissen, statt es blindem Naturglauben, dem Schicksal, den Naturgesetzen oder gar seinem kurzsichtigen und pervertierten Selbst zu ueberlassen? Die, die Gottes Souveraenitaet ablehnen, sollten die Alternative bedenken! Der Lauf des Universums wird also gelenkt und kontrolliert, aber wie? >>Nach dem Vorsatz dessen, der alle Dinge nach dem Ratschluss seines Willens lenkt<< (Eph 1,11). Heute tendiert man dazu, die Lehre von der goettlichen Souveraenitaet und der Praedestination zu missachten, damit man die Selbstbestimmung des Menschen an diese Stelle setzen kann. Menschlicher Stolz und Einbildung auf der einen Seite, auf der anderen Seite seine Unwissenheit und Verderbtheit -- das bringt ihn dazu, Gott auszuschliessen und sich selbst zu erhoehen; diese beiden Tendenzen haben wesentlich dazu beigetragen, den groessten Teil der Menschen vom Calvinismus abzubringen. Die arminianische Sichtweise nimmt an, die ehrlichen Absichten Gottes in gewisser Weise zunichte machen zu koennen; dass der Mensch, der nicht nur Schoepfung ist, sondern suendige Kreatur, eine Art Vetorecht gegen die Plaene des allmaechtigen Gottes haben koenne. [32] Dies aber widerspricht der Lehre der Schrift, die Gott ueber alle Schwachheit der Menschen erhaben sein laesst. Dass der Mensch sein Ziel nicht immer erreicht, liegt ganz einfach daran, dass ihm dazu oft die Macht fehlt oder auch die Einsicht, wie er sein Ziel erreichen koenne. Gott dagegen kennt solche Unzulaenglichkeiten nicht; nichts Unvorhergesehenes kann ihm begegnen, und Zufaelle sind ganz ausgeschlossen. Wenn man nun annimmt, er kaempfe manchmal vergeblich und erreiche seinen Plan nicht, so reduziert man ihn auf die Ebene seiner Geschoepfe! __________________________________________________________________ [25] Der Gegensatz dieser beiden Sichtweisen laesst sich ueberspitzt so formulieren: Der Arminianismus haelt Gott tatsaechlich "nur" fuer potentiell allmaechtig: "Gott kann", so koennte man sagen. Er kann "eingreifen", wenn er will. Der Calvinismus dagegen sieht im Verwehen des kleinsten Staubkoernchens noch Gott in actu. Gott kann nicht nur "eingreifen"; alles ist sein "Eingreifen", da nichts geschehen hat, was er nicht bestimmt hat. Logisch zu Ende gedacht fuehrt der Arminianismus -- ohne dass das seinen Verfechtern bewusst sein muesste -- zwangslaeufig zur Kontingenz, zur Moeglichkeit des Zufalls. Dass der Arminianismus dabei expressis verbis die Moeglichkeit von Zufaellen bestreitet, tut dem keinen Eintrag (A. d. Ue.). [26] >>Geraet auch ein Vogel in die Falle am Boden, wenn ihm kein Koeder gelegt worden ist? Schnellt wohl die Falle vom Erdboden empor, obwohl sie gar nichts gefangen hat? Kann man in das Horn stossen in der Stadt, ohne dass das Volk erschrickt? Geschieht auch ein Unglueck in der Stadt, das nicht der Herr gewirkt hat?<< [27] >> ... denn nicht aus Lust plagt und betruebt Er die Menschenkinder. Wenn alle Gefangenen eines Landes mit Fuessen getreten werden, wenn das Recht eines Mannes gebeugt wird vor dem Angesicht des Hoechsten, wenn die Rechtssache eines Menschen verdreht wird -- sollte der Herr es nicht beachten? Wer hat je etwas gesagt und es ist geschehen, ohne dass der Herr es befahl? Geht nicht aus dem Munde des Hoechsten hervor das Boese und das Gute?<< [28] >>Wie sollte es aber ruhen? Hat doch der Herr es beordert, gegen Askalon und gegen die Meereskueste, dorthin hat er es bestellt.<< [29] >>Am guten Tag sei guter Dinge, und am boesen Tag bedenke: Auch diesen hat Gott gemacht gleichwie jenen -- wie ja der Mensch auch gar nicht herausfinden kann, was nach ihm kommt.<< [30] >>Siehe, ich habe den Schmied gemacht, der das Kohlenfeuer anblaest und eine Waffe hervorbringt nach seinem Handwerk; und ich habe auch den Zerstoerer gemacht, um zu vernichten.<< [31] B. B. Warfield, "Biblical Doctrines, Art. Predestination", S. 9. [32] Dies ist tatsaechlich die Ansicht der meisten Arminianer: Gott will zwar, dass alle Menschen errettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen sollen, kann das aber nicht erreichen, weil der >>freie Wille<< (ich moechte lieber sagen: der neutrale Wille) des Menschen diesem Ziel entgegenstehe. An diesem >>freien Willen<< muss der allmaechtige Wille Gottes letztlich scheitern, der er den >>freien Willen<< des Menschen mehr achte als seinen eigenen, demnach er will, dass alle Menschen errettet werden. Auch wenn der Arminianismus dies niemals mit diesen Worten sagt (in der Tat gibt es eine Vielzahl von ausweichenden Formulierungen), trifft das seine Ansicht der Sache nach ganz genau. Ich selbst war lange Zeit eifriger Anhaenger der arminianischen Lehre, kenne die Ansicht also quasi >>von innen<< (A. d. Ue.). __________________________________________________________________ Belegstellen aus der Schrift Dan 4, 31b--32: Da lobte ich den Hoechsten und pries und verherrlichte den, der ewig lebt, dessen Herrschaft eine ewige Herrschaft ist und dessen Reich von Geschlecht zu Geschlecht waehrt; gegen welchen alle, die auf Erden wohnen, wie nichts zu rechnen sind; er verfaehrt mit dem Heer des Himmels und mit denen, die auf Erden wohnen, wie er will, und es gibt niemand, der seiner Hand wehren oder zu ihm sagen duerfte: Was machst du? Jer 32,17: Ach, Herr, Herr, siehe, du hast den Himmel und die Erde gemacht mit deiner grossen Kraft und mit deinem ausgestreckten Arm; dir ist nichts unmoeglich! Mt 28,18: Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Eph 1,22: ... und er hat alles seinen Fuessen unterworfen und ihn als Haupt ueber alles der Gemeinde gegeben ... Eph 1,11: ... in ihm, in welchem wir auch ein Erbteil erlangt haben, die wir vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens. Jes 14, 24.27: Der Herr der Heerscharen hat geschworen und gesagt: Fuerwahr, es soll geschehen, wie ich es mir vorgenommen habe, und es soll zustande kommen, wie ich es beschlossen habe: ... Denn der Herr der Heerscharen hat es beschlossen -- wer will es vereiteln? Seine Hand ist ausgestreckt -- wer will sie abwenden? Jes 46,9--11: Gedenkt an die Anfaenge von der Urzeit her, dass Ich Gott bin uns keiner sonst; ein Gott, dem keiner zu vergleichen ist. Ich verkuendige von Anfang an das Ende, und von der Vorzeit her, was noch nicht geschehen ist. Ich sage: Mein Ratschluss soll zustande kommen, und alles, was mir gefaellt, werde ich vollbringen. Ich berufe von Osten her einen Adler und aus fernen Laendern den Mann meines Ratschlusses. Ja, ich habe es gesagt, ich fuehre es auch herbei; ich habe es geplant, und ich vollbringe es auch. 1 Mo 18,14: Sollte denn dem Herrn etwas zu wunderbar sein? Hiob 42,2: Ich erkenne, dass du alles vermagst, und dass kein Vorhaben dir verwehrt werden kann. Ps 115,3: Aber unser Gott ist im Himmel; er tut alles, was ihm wohl gefaellt. Ps 135,6: Alles, was dem Herrn wohl gefaellt, das tut er, im Himmel und auf Erden, in den Meeren und in allen Tiefen. Jes 55,11: ... genau so soll auch mein Wort sein, das aus meinem Mund hervorgeht: es wird nicht leer zu mir zurueckkehren, sondern es wird ausrichten, was mir gefaellt, und durchfuehren, wozu ich es gesandt habe. Roem 9,20f: Ja, o Mensch, wer bist denn du, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch das Gebilde zu dem, der es geformt hat: Warum hast du mich so gemacht? Oder hat nicht der Toepfer Macht ueber den Ton, aus derselben Masse das eine Gefaess zur Ehre, das andere zur Unehre zu machen? __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel V __________________________________________________________________ Die Vorsehung Gottes >>Gottes Ratschluesse sind die weisen, freien und heiligen Beschluesse des Rates seines Willens, wodurch er von aller Ewigkeit her zu seiner eignen Ehre unabaenderlich alles vorausverordnet hat, was sich in der Zeit ereignet, besonders in Hinsicht auf die Engel und die Menschen<< [33] Die Schrift lehrt klar, dass alle Dinge ausserhalb Gottes nicht nur ihre Existenz Seinem Willen verdanken, sondern auch ihr Fortbestehen in all ihren Eigenschaften und Kraeften. Er haelt alle Dinge aufrecht durch das Wort seiner Macht (Heb. 1,3). Er ist vor allen Dingen, in ihm sind alle Dinge zu einem Ganzen verbunden (Kol. 1,17). >>Du bist Gott, nur du allein; du hast die Himmel und die Himmel der Himmel gemacht mit all ihrem Herr, die Erde und alles, was darin ist, das Meer und alles, was darin ist; du erhaeltst sie alle<< (Neh. 9,6). >>In ihm leben, weben und sind wir<<. (Apg . 17, 28) Er ist >>ueber allem und durch alles und in allen<< (Eph 4,6). Der Faden zieht sich durch die ganze Bibel: Die Naturgesetze, der Lauf der Geschichte, die veraenderlichen Schicksale der Individuen -- alles haengt von Gottes Vorsehung ab. Alles, vom Seraph bis zum kleinsten Atom fuegt sich in diese unfehlbare Ordnung ein. Gottes Naehe zur Schoepfung kann einen unvorsichtigen Leser leicht in die Naehe des Pantheismus bringen. Individualitaet und Zweitursachen [34] werden hier zwar durchaus zugegeben, aber nicht unabhaengig von Gott gedacht, sondern als zu seinem Plan gehoerend. Zusammen mit der Lehre, dass Gott den Dingen [gewissermassen] innewohnt [Immanenz], lehren uns die Schreiber der Bibel die verwandte Lehre seiner Erhabenheit [Transzendenz], die besagt, dass Gott vollkommen von seinen Geschoepfen und seiner Schoepfung verschieden ist. Was Gottes Vorsehung betrifft, so muessen wir verstehen, dass er zu allen menschlichen Angelegenheiten und zur Natur in engstem Bezug steht. Dr. Charles Hodge sagt einmal: >>Anzunehmen, es gaebe etwas, das zu gross waere, als dass es unter der Kontrolle Gottes stehen koennte oder dass etwas seiner Aufmerksamkeit entgehen koennte oder dass gar die Vielzahl der Dinge seine Aufmerksamkeit stoeren koennte, wuerde bedeuten, dass man vergessen hat, dass Gott unendlich ist ... Das Licht der Sonne trifft auf jeden Punkt gleich. Genauso ist Gott ueberall so gegenwaertig, wie er es waere, wenn er sich nur an einem einzigen Ort befaende.<< Er fuegt hinzu: >>Er ist in jedem Grashalm und lenkt doch die Bahn Arkturs, er befiehlt den Sternen wie einem Heer und nennt sie bei ihrem Namen; er wohnt der Seele jedes Menschen ein und macht sie verstaendig, begabt sie, bewirkt Wollen und Tun. Das menschliche Herz ist in seiner Hand, er lenkt seine Gedanken, wie er die Wasserbaeche lenkt.<< [35] Es wird fast allgemein zugegeben: Gott bestimmt, wann, wo und unter welchen Umstaenden jeder Mensch geboren wird, lebt und stirbt, ob Mann oder Frau, weiss oder schwarz, klug oder dumm. Gottes Souveraenitaet wird durch diese Bestimmungen nicht geschmaelert. Er behandelt sein Eigentum nach seinem Willen. Manchen gibt er Reichtum, anderen Ehre, anderen wiederum Gesundheit, andere begabt er musikalisch, rhetorisch, kuenstlerisch, wirtschaftlich, politisch usw. Andere sind arm, unwissend, werden in Unehre geboren, sind Opfer von Krankheiten und leben ein elendes Leben. Manche werden in christliche Laender hineingeboren, wo sie alle Errungenschaften des Evangeliums geniessen duerfen; andere leben und sterben in der Dunkelheit des Heidentums. Manche fuehrt Gottes Gnade zum Evangelium, andere werden gelassen, um im Unglauben zu sterben. Zu einem sehr grossen Teil bestimmen diese >>Aeusserlichkeiten<< unabhaengig von der Wahl des Menschen sein gesamtes Leben und auch seine ewige Bestimmung. Sowohl Bibel als auch taegliche Erfahrung lehren uns: Gott gibt den einen, was er den anderen vorenthaelt. Waere die Frage nach dem Weshalb dieser ungleichen Verteilung erlaubt oder duerfte man fragen, weshalb Gott die einen Menschen errettet, die anderen dagegen nicht, dann gaebe es darauf nur die Antwort Jesu: >>Ja, Vater, denn so hat es dir wohlgefallen.<< Um dies einigermassen zu verstehen, beduerfen wir der biblischen Lehre vom Suendenfall und von der Erloesung. Es muss daran erinnert werden: Alle Gaben, ob geistlicher oder zeitlicher Natur, sind samt und sonders Gnadengeschenke. Was ist mit denen, denen solche Gaben fehlen? Haette Gott ihnen solche Gaben geben muessen? Ist er denn etwa dazu verpflichtet? So sind Nationen und auch die einzelnen Menschen in der Hand Gottes, der ihnen ihre Grenze setzt und ihr Schicksal in Haenden haelt. Seine Macht ist absolut. Er hat ihr Schicksal in Seiner Hand wie ein Mann einen Stab. Sie sind in seiner Hand und er benuetzt sie fuer seine Zwecke. Er zerbricht sie wie ein Toepfer den Ton, oder er erhoeht sie, ganz so wie es ihm gefaellt. Er gibt Frieden und ertragreiche Ernte, Eigentum und Froehlichkeit, oder er schickt Verwuestung, Krieg, Hungersnot, Trockenheit und Pest. Alle Dinge gehen von ihm aus und dienen seinen hoechsten Zielen unter seiner allumfassenden Vorsehung. Gott hat das Universum nicht geschaffen, um zuzusehen, wie sich die Dinge entwickeln; er ist vielmehr ueberall und selbst hoechst aktiv. Er begruendet alles und ist die allesbeherrschende Macht. Der Wert eines Spatzen ist gering, sein Flug ist ausgelassen und scheint zufaellig zu sein, und doch faellt er nicht zu Boden, ohne dass es unser Vater weiss. >>Seine allweise Vorsehung hat vorherbestimmt, auf welchem Ast er sich niederlaesst, welches Korn er aufpickt, wo er seinen Brutplatz baut und wo er nistet, wovon er lebt und wann er stirbt.<< [36] Jeder Regentropfen und jede Schneeflocke, die aus den Wolken faellt, jedes Insekt, das kriecht, jede wachsende Pflanze, jedes Staubkoernchen, das durch die Luft fliegt -- all dies hat ganz bestimmte Ursachen und wird ganz bestimmte Wirkungen zeitigen. Jedes ist ein Glied in einer Kette von Ereignissen; viele bedeutende Ereignisse beruhen auf diesen scheinbar unbedeutenden Ursachen. Der Verlauf der Ereignisse schreitet fort bis zu seinem festgesetzten Ziel. Dr. Warfield hat sehr schoen gesagt: >>Es war kein Zufall, der Rebekka zum Brunnen fuehrte, um Abrahams Diener willkommen zu heissen (1 Mo 24); es war auch kein Zufall, der Joseph nach Aegypten sandte (1 Mo 45,8; 50,20; >Gott gedachte es gut zu machen< [37] ); es war kein Zufall, der Pharaos Tochter zum Koerbchen im Schilf fuehrte (2 Mo 2); es war kein Zufall, der jenen Muehlstein auf Abimelechs Kopf lenkte (Richter 9,53) oder den Pfeil in die Luecke des koeniglichen Panzer eindringen liess (1 .Koenige 22,34). Jedes geschichtliche Ereignis ist Teil des tieferliegenden goettlichen Plans. Der Geschichtsschreiber steht in dem Bewusstsein der Gegenwart Gottes, der sogar dem Blitz weist, wo er einschlagen muss (Hiob 36,32).<< [38] Dr. Clarence E. Macartney sagt einmal: >>Auf grossen Bahnhoefen kann man einen Metallstift sehen, der in grossen Lettern jeweils Abfahrt und Ankunft der Zuege auf die Tafel schreibt. Der Stift scheint von selbst zu schreiben, aber freilich wissen wir, dass irgendwo ein Beamter sitzt, der den Stift lenkt. So ist es auch in unserem Leben: wir bemerken unsere eigenen Ueberlegungen, Wahlmoeglichkeiten und Entscheidungen, und doch scheint es im Gefuege unseres Schicksals einen Handlungsfaden zu geben, den nicht wir selbst weben. Ganz offensichtlich spielen oberflaechliche Ereignisse eine Rolle in groesseren Angelegenheiten.<< [39] Des Menschen moralischer Sinn fuer Verantwortlichkeit und Abhaengigkeit und seine instinktive Frage nach Gott in Zeiten der Not zeigen, wie universal und angeboren die Gewissheit ist, dass Gott das Schicksal von Mensch und Welt voellig in seiner Hand hat. Obgleich die Bibel lehrt, dass Gottes Herrschaft unumschraenkt ist, dass sie maechtig, weise und heilig ist, versucht sie uns an keiner Stelle zu zeigen, wie diese Herrschaft mit der Verantwortlichkeit des Menschen ineins zu bringen ist. Alles, was wir wissen muessen, ist, dass Gott seine Geschoepfe beherrscht, und zwar so, dass diese Herrschaft ihn nicht gegen ihre Natur zwingt. [40] Vielleicht kann die Beziehung zwischen goettlicher Souveraenitaet und menschlicher Freiheit am besten mit folgenden Worten zusammengefasst werden: Gott veranlasst aeussere Anreize so, dass der Mensch ganz gemaess seiner Natur darauf reagiert, ganz so, wie Gott es fuer ihn geplant hat. [41] Ich werde auf diese Thematik naeher im Kapitel ueber die Handlungsfreiheit eingehen. __________________________________________________________________ [33] Kleiner Westminster-Katechismus, Art. 11. [34] "Die ,Zweitursachen stellen den menschlichen Erfahrungshorizont dar, der alle Ereignisse den Umstaenden entsprechend als zwangslaeufig (z.B. Abfolge, Reaktionen), frei (z.B. Appell an den Willen) oder zufaellig geschehen einstuft. In diesen begrenzten Rahmen hinein hat sich Gott durch sein Wort offenbart, sodass jeder Mensch von seiner Warte aus die Moeglichkeit hat, sich dem Evangelium zu verschliessen oder sich von der Liebe Christi ueberwinden zu lassen, wenn er die frohe Botschaft der Vergebung Gottes hoert." (Pfr. Reinhold Widter in seiner Erklaerung zu Art. 5.2 des Westminster-Bekenntnisses; A. d. Ue.). [35] Charles Hodge, "Systematic Theology" Bd. II, S. 583 bzw. 585. [36] Augustus Toplady, "The Doctrine Of Absolute Predestination", S. 14. [37] Darin liegt keinesfalls der gut gemeinte Euphemismus: Wir alle machen Mist, und Gott macht Duenger draus -- als reagiere er nur auf menschliches Tun. Vielmehr ist das menschliche Tun Reaktion oder Aktion des menschlichen Seins, das gerade nicht in und aus sich selbst besteht (A. d. Ue.). [38] B. B. Warfield, "Biblical Doctrines", S. 14. [39] Nach einer Predigt ueber die Vorherbestimmung vor der Generalversammlung der Presbyterianischen Kirche der Vereinigten Staaten (1924). [40] Auch der Mensch manipuliert andere Menschen gegen deren grundsaetzlichen Willen und ohne jeglichen Zwang. Er bringt ihn dazu, Dinge zu tun, die er wohl sonst nicht taete, und zwar mit dessen vollem Einverstaendnis. Es ist ein Leichtes, den Menschen etwa mit seinem Willen gegen seinen Willen dazu zu bringen, Dinge zu kaufen, die er sonst nie kaufen wuerde. Die Allgegenwart der medialen Werbung erreicht ihr Ziel -- sie stiftet dem Konsumenten ein Beduerfnis ein. Das Beduerfnis wird zum Wunsch und zum Willen -- der Konsument hat sich mit seinem Willen gegen seinen Willen manipulieren lassen (A. d. Ue.). [41] Das ist eine vereinfachte Darstellung, die die arminianische Angst vorm >>Marionettenbewusstsein<< steigert. Gott erscheint hier als "grosser Lockvogel", der unsere Triebnatur motiviert, um seine Ziele zu verwirklichen. So aber ist es gerade nicht, denn Gott laesst den Menschen nach menschlicher Wuerde handeln, so zwar, dass der Mensch, der Gottes Willen zu tun vermeint, selbst noch in Zweifel bleibt, ob er nach Gottes Willen handelt. Gott ist so nahe, dass wir zwar in ihm leben, weben und sind; dennoch ist Er der Verborgene, der transzendente Gott, der sich zu seinen Geschoepfen mittelbar verhaelt. Es waere nicht moeglich, konsistent zu zeigen, wie ein Mensch genau den Plan Gottes erfuellt, ob er das nun selber zu tun vermeint oder nicht; der Mensch verbleibt in seiner Handlungsfreiheit, handelt aber gemaess seiner Natur und seinem Willen -- dies ist nichts als alltaegliche Erfahrung (A. d. Ue.). __________________________________________________________________ Belegstellen aus der Schrift Diese Art Vorsehung ist Lehre der Schrift; dies ist so klar, dass viele dies zugeben, deren philosophische Sicht sie diese Lehre dennoch ablehnen laesst. Ich fuehre hier eine Zusammenstellung von Belegen aus der Schrift an, um zu zeigen, dass alle Ereignisse ihren bestimmten Platz und Zweck haben, dass Gottes Vorsehung allumfassend ist und dass er genau damit die minutioese Erfuellung seines Plans erreicht. Gottes Vorsehung ersteckt sich auf: 1. die Natur, oder die physische Welt: Nah. 1,3: Der Weg des Herrn ist im Sturmwind und im Ungewitter, und Gewoelk ist der Staub seiner Fuesse. 2 Mo 9,26: Nur im Land Gosen, wo die Kinder Israels waren, hagelte es nicht. Mt 5,45: Denn er laesst seine Sonne aufgehen ueber Boese und Gute und laesst es regnen ueber Gerechte und Ungerechte. 1 Mo 41,32: (Die Hungersnot in Aegypten sah fuer die Menschen so aus, als sei sie nichts als ein Naturereignis, doch Joseph konnte sagen:) ... dass die Sache bei Gott fest beschlossen ist, und dass Gott es rasch ausfuehren wird. Amos 4,7: So habe ich euch auch den Regen vorenthalten bis drei Monate vor der Ernte, und ich liess es regnen auf die eine Stadt, waehrend ich es auf die andere Stadt nicht regnen liess; ein Feld wurde beregnet, und ein anderes, auf das es nicht regnete, verdorrte. Apg 14,17: ... und doch hat er sich selbst nicht unbezeugt gelassen; er hat uns Gutes getan, uns vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben und unsere Herzen erfuellt mit Speise und Freude. Jes 40,12: Wer hat die Wasser mit der hohlen Hand gemessen? Wer hat den Himmel mit der Spanne abgegrenzt und den Staub der Erde in ein Mass gefasst? Wer hat die Berge mit der Waage gewogen und die Huegel mit Waagschalen? 1. die Fauna: Mt 10,29: Verkauft man nicht zwei Sperlinge um einen Groschen? Und doch faellt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Mt 6,26: Seht die Voegel des Himmels an: Sie saeen nicht und ernten nicht, sie sammeln auch nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernaehrt sie doch. Dan 6,23: Mein Gott hat seinen Engel gesandt und den Rachen der Loewen verschlossen, dass sie mir kein Leid zufuegten. Ps 104,21: Die jungen Loewen bruellen nach Raub und suchen ihre Nahrung von Gott. 1 Mo 31,9: So hat Gott eurem Vater [Laban] die Herde genommen und sie mir [Jakob] gegeben. 1. die Nationen: Dan 4,14: (Nebukadnezar wurde gedemuetigt) ... damit die Lebenden erkennen, dass der Hoechste ueber das Koenigtum der Menschen herrscht und es gibt, wem er will, und den Niedrigsten der Menschen darueber setzt. Jes 40,15: Siehe, die Voelker sind wie ein Tropfen am Eimer; wie ein Staeubchen in den Waagschalen sind sie geachtet; siehe, er hebt die Inseln auf wie ein Staubkoernchen. 1. Chr. 16,31: Es freue sich der Himmel, und die Erde frohlocke, und unter den Heiden soll man sagen: Der Herr regiert als Koenig! Ps 47,7: Denn Gott ist Koenig der ganzen Erde! Dan 2,21: Er fuehrt andere Zeiten und Stunden herbei; er setzt Koenige ab und setzt Koenige ein; er gibt den Weisen die Weisheit und den Verstaendigen den Verstand. Ps 33,10: Der Herr macht den Ratschluss der Heiden zunichte, er vereitelt die Gedanken der Voelker. Jos 21,44: Und der Herr verschaffte ihnen Ruhe ... der Herr gab alle ihre Feinde in ihre Hand. Ri. 6,1: Und die Kinder Israels taten [wieder], was boese war in den Augen des Herrn; da gab sie der Herr in die Hand der Midianiter, sieben Jahre lang. Amos 3,6: Geschieht auch ein Unglueck in der Stadt, das nicht der Herr gewirkt hat? Hab 1,6: Denn siehe, ich erwecke die Chaldaeer, ein bitterboeses und ungestuemes Volk, das die Weiten der Erde durchzieht, um Wohnsitze zu erobern, die ihm nicht gehoeren. 1. einzelne Menschen: Spr 21,1: Gleich Wasserbaechen ist das Herz des Koenigs in der Hand des Herrn; er leitet es, wohin immer er will. Ps 37,23: Vom Herrn werden die Schritte des Mannes bestaetigt, wenn Ihm sein Weg gefaellt. Spr 16,9: Das Herz des Menschen denkt sich seinen Weg aus, aber der Herr lenkt seine Schritte. Jak. 4,15: Statt dessen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will und wir leben, wollen wir dies oder das tun. Roem 11,36: Denn von ihm und durch ihn und fuer ihn sind alle Dinge. 1 Kor 4,7: Denn wer gibt dir den Vorzug? Und was besitzt du, das du nicht geschenkt bekommen hast? Wenn du es aber geschenkt bekommen hast, was ruehmst du dich, als haettest du es dir selbst verdient? Ps 34,8: Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fuerchten, und er rettet sie. Dan 3,17: Wenn es so sein soll -- unser Gott, dem wir dienen, kann uns aus dem gluehenden Feuerofen erretten, und er wird uns bestimmt aus deiner Hand erretten, o Koenig! Ps 118,6: Der Herr ist fuer mich, ich fuerchte mich nicht; was kann ein Mensch mir antun? Jes 64,7: Nun aber bist du, Herr, unser Vater; wir sind der Ton, und du bist unser Toepfer; wir alle sind das Werk deiner Haende. Esra 8,31: ... und die Hand unseres Gottes war ueber uns, und er errettete uns [die zurueckkehrenden Exilanten] vor der Hand des Feindes und des Wegelagerers. Neh. 4,14: Unser Gott wird fuer uns kaempfen. 2 Mo 11,7: Aber bei allen Kindern Israels soll kein Hund die Zunge regen, weder gegen Menschen noch gegen das Vieh, damit ihr erkennt, dass der Herr einen Unterschied macht zwischen Aegypten und Israel. Apg 18,9: Und der Herr sprach durch ein Gesicht in der Nacht zu Paulus: Fuerchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! 1. Handlungsfreiheit des Menschen: Phil. 2,13: ... denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt nach seinem Wohlgefallen. 2 Mo 12,36: Dazu gab der Herr dem Volk bei den Aegyptern Gunst, dass sie ihr Begehren erfuellten. Esra 7,6: ... weil die Hand des Herrn, seines Gottes, ueber ihm war. Esra 6,22: ... denn der Herr hatte sie froehlich gemacht und das Herz des Koenigs von Assyrien ihnen zugewandt, so dass ihre Haende gestaerkt wurden in dem Werk am Haus Gottes [Aufbau des Tempels], des Gottes Israels. Ez 36,27: Ja, ich will meinen Geist in euer Inneres legen und werde bewirken, dass ihr meine Satzungen und meine Rechtsbestimmungen befolgt und tut. 1. die suendhaften Handlungen der Menschen: Apg 4,27f: Ja, wahrhaftig, gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, haben sich Herodes und Pontius Pilatus versammelt zusammen mit den Heiden und dem Volk Israel, um zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss vorher bestimmt hatte, dass es geschehen sollte. Joh 19,11: Jesus antwortete: Du haettest gar keine Vollmacht ueber mich, wenn sie dir nicht von oben her gegeben waere. 2. Sam. 16,10: (David, der Abisai wegen Simei zurueckwies) Lass ihn doch fluchen! Wenn der Herr zu ihm gesagt hat: Fluche dem David! -- wer will dann sagen: Warum tust du dies? Ps 76,11: Denn der Zorn des Menschen muss dich preisen, mit dem Rest der Zornesflammen guertest du dich. 2 Mo 14,17: Ich aber, siehe, ich will das Herz der Aegypter verstocken, dass sie ihnen nachziehen; dann will ich mich verherrlichen an dem Pharao und an seiner ganzen Heeresmacht, an seinen Streitwagen und seinen Reitern. 1. Zufaelle: Siehe Kap. III __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel VI __________________________________________________________________ Das Vorherwissen Gottes Der Einwand der Arminianer gegen die Vorherbestimmung richtet sich mit gleicher Kraft gegen das Vorherwissen Gottes: Was Gott im Voraus weiss -- und das liegt schon in der Natur der Sache! -- muss so sicher eintreffen wie das, was Gott vorherbestimmt hat; die Vorherbestimmung behauptet die Gewissheit der Ereignisse; das (blosse) Vorherwissen setzt diese Gewissheit aber unbewusst voraus. Wenn Gott die Dinge vorausweiss, dann koennen sie sich nicht auch anders entwickeln. Wenn der Ablauf der Geschichte vorhergesehen werden kann, dann verlaeuft der Kurs der Geschichte wie eine Lokomotive auf Schienen von New York nach Chicago. Die arminianische Lehre, die die Vorherbestimmung leugnet, leugnet damit nichts weniger als genau dieses logische Axiom. Der gesunde Menschenverstand sagt uns aber, dass nichts vorausgewusst werden kann, sei es physischer oder geistiger Natur, wenn es nicht vorher auf die eine oder andere Weise vorherbestimmt war. Mit >Vorherbestimmung< bezeichnen wir zweierlei: Entweder die Vorherbestimmung des weisen und barmherzigen, himmlischen Vaters, oder den Zwang des blinden Schicksals. Die Sozinianer und Unitarier werden kaum dem evangelikalen Glauben zuzuzaehlen sein [42] wie die Arminianer, waren aber in Bezug auf unser Thema konsequenter, denn als sie die Vorherbestimmung leugneten, leugneten sie damit auch, dass Gott die Handlungen der freien Menschen vorhersehen koenne. Es laege in der Natur der Sache, so meinten sie, dass man nicht wissen koenne, wie eine Person handeln werde, solange dieser Zeitpunkt noch nicht gekommen ist und jene Person sich zu einer Handlungsweise entschieden hat. Eine solche Sicht degradiert freilich die biblischen Prophezeiungen zu Vermutungen und greift damit auf zerstoererische Weise die Lehre von der Unfehlbarkeit und Inspiration der Heiligen Schrift an. Diese Sicht wurde daher im Lauf der Geschichte von allen anerkannten Kirchen verworfen. Einige Sozinianer und Unitarier waren unerschrocken und aufrichtig genug, zuzugeben, dass der Grund fuer ihr Leugnen des goettlichen Vorherwissens menschlicher Akte darin bestehe, dass sie die calvinistische Lehre von der Praedestination nicht widerlegen koennten, wenn sie dieses goettliche Vorherwissen nicht leugneten. Viele Arminianer spuerten die Staerke dieses Arguments, und Obgleich sie den Unitariern in der Leugnung des goettlichen Vorherwissens nicht gefolgt sind, haben sie doch klar gemacht, dass sie sie leugnen wuerden, wenn sie das koennten, oder es zumindest wagen wuerden. Manche haben von dieser Lehre sehr abschaetzig gesprochen und zu verstehen gegeben, dass es nicht wichtig sei, daran zu glauben oder nicht. Manche gehen so weit, uns klarzumachen, es sei besser, auch das Vorherwissen Gottes zu leugnen als an die Vorherbestimmung zu glauben. Andere haben vorgeschlagen, Gott verzichte freiwillig auf sein Vorherwissen, damit die Handlungen der Menschen frei blieben; ein solcher Verzicht jedoch negiert die Allwissenheit Gottes! Wieder andere haben gemeint, der Umstand, dass Gott allwissend ist, besage bloss eine Moeglichkeit, ganz wie er seine Allmacht ja auch nur da ausuebe, wo er es wolle. Aber dieser Vergleich haelt nicht, denn die Gewissheit der Handlungen sind keine Moeglichkeit, sondern Realitaet, wenngleich noch Zukunft; Gott ueber diese Dinge Unwissenheit zuzuschreiben spricht ihm die Eigenschaft der Allwissenheit ab. Wir haetten einen Gott, der, obgleich allwissend, eben doch nicht alles wissen wuerde. Wenn der Arminianer mit dem Argument des Vorherwissens Gottes konfrontiert wird, muss er zugeben: Das Zukuenftige ist gewiss. Geht es jedoch um die freien Handlungen von Menschen, dann will er zugestanden haben, dass einzelne Handlungen immer noch ungewiss bleiben muessten, da sie ja von der jeweiligen Person abhingen. Das ist aber ein Widerspruch: Wer behauptet, die Handlungsfreiheit der Menschen sei ungewiss, opfert die Souveraenitaet Gottes der Freiheit des Menschen. Wenn die Handlungen des freien Menschen in sich selbst unsicher waeren, dann muesste Gott stets auf die Manifestation dieser Handlung warten, bevor er das Ergebnis in seine Plaene einbauen kann. Wollte Gott demnach jemanden bekehren, muesste man sich ihn vorstellen wie Napoleon, von dem gesagt wird, er habe jedes mal, wenn er in eine Schlacht zog sei, drei oder vier Plaene im Gedaechtnis gehabt, so dass er im Falle des Fehlschlagens des ersten Plans auf den zweiten zurueckgreifen konnte usw. Ein solcher Gott widerspraeche seiner eigenen Natur! Das Meiste der Zukunft muesste ihm da verborgen bleiben; taeglich muesste er erneut riesiges Wissen anhaeufen. Seine Weltregierung waere in der Tat eine ziemlich unsichere Sache -- jedes mal davon abhaengig, wie sich die Menschen entscheiden werden. Gottes vollkommenes Vorauswissen und Unveraenderlichkeit zu leugnen macht ihn zu einer enttaeuschten und ungluecklichen Figur, die von seiner eigenen Kreatur staendig besiegt und schachmatt gesetzt wird. Wer kann sich vorstellen, dass Gott, der Herr, angesichts des Menschen sitzen und warten und sich fragen muss: >>Was wird er tun?<<. Abgesehen davon, dass Arminianer das Vorauswissen Gottes leugnen, stehen sie damit ohne Argument gegen die logische Konsistenz des Calvinismus da, denn Vorauswissen impliziert Gewissheit, und Gewissheit impliziert Vorherbestimmung. Mit den Worten Jesajas gesprochen, der den Herrn sagen laesst: >>Ich verkuendige von Anfang an das Ende, und von der Vorzeit her, was noch nicht geschehen ist. Ich sage: Mein Ratschluss soll zustande kommen, und alles, was mir gefaellt, werde ich vollbringen<< (Jes 46,10). >>Ich sitze oder stehe auf, so weisst du es; du verstehst meine Gedanken von ferne<<, sagt der Psalmist in Ps 139,2. Er >>kennt das Herz<<, Apg 15,8. >>Kein Geschoepf ist vor ihm verborgen, sondern alles ist enthuellt und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft zu geben haben<< (Heb. 4,13). Vieles von der Schwierigkeit in Bezug auf die Vorherbestimmung resultiert aus der Unvollkommenheit unseres Verstandes, der jeweils nur einige Details ergreifen kann und der auch die Beziehung zwischen den Teilen nur unvollstaendig versteht. Wir sind Geschoepfe der Zeit und vergessen oft den Umstand, dass Gott keinerlei Begrenzungen unterliegt. Was uns vergangen, gegenwaertig und zukuenftig erscheint, ist seinem Geiste stets gegenwaertig. Er lebt im ewigen >>Jetzt<<. Er ist >>der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt und dessen Name 'Der Heilige ist<< (Jes 57,15). >>Denn tausend Jahre sind vor dir wie der gestrige Tag, der vergangen ist<< (Ps 90,4). Was wir geschehen sehen, ist nichts anderes als das, was Er von Ewigkeit verordnet hat, dass es geschehen soll. Zeit ist eine Eigenschaft, die zur Schoepfung gehoert; fuer Gott ist sie jedoch >>Gegenstand<<. Er steht ueber ihr und sieht sie, ist ihr aber nicht unterworfen. Er ist auch dem Raum nicht unterworfen, der ebenso eine Eigenschaft der Schoepfung ist. Genauso wie er die ganze Strasse von New York nach San Francisco auf einmal sehen kann, waehrend wir immer nur das kleine Stueckchen sehen, auf dem wir gerade fahren, so sieht er alle Ereignisse der Geschichte auf einmal: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wenn wir uns vergegenwaertigen, dass die ganze Geschichte als ein ewiges >>Jetzt<< vor ihm steht und er der Schoepfer aller endlichen Existenz ist, dann wird der Gedanke an die Vorherbestimmung wesentlich einfacher. In den ewigen Zeitaltern vor der Schoepfung kann es so etwas wie Gewissheit der zukuenftigen Geschehnisse nicht gegeben haben, und zwar genau so lange nicht, als Gott seinen Plan gefasst hatte. Der Weg von der Kategorie der Moeglichkeit zur Kategorie der Gewissheit geht nur ueber die Beschluesse Gottes. Diese Gewissheit kann ihren Grund nicht ausserhalb Gottes haben, denn unabhaengig von Gott existiert in alle Ewigkeit nichts. Dr . R . L . Dabney sagt ganz treffend: >>Der einzige Weg, auf welchem etwas auf irgend eine Weise aus dem Dunkel der Moeglichkeit in das Licht der Wirklichkeit treten kann, ist der, dass Gott seine Moeglichkeit zulaesst; sei es, indem er selbst diese Moeglichkeit Wirklichkeit werden laesst oder eines seiner Geschoepfe veranlasst, die Sache Wirklichkeit werden zu lassen. All dies kann nicht ohne Gottes Wissen und Wollen geschehen. Das sieht man an den Tatsachen: Moegliches kann nur wirklich werden, insofern es eine zureichende Ursache hat. Wenn Gott nach vorne blickt und alles sieht, was geschehen wird, dann ist eines klar: Er selbst ist die erste Ursache all dieses Geschehens. Jede Ursache samt ihrer Wirkung muss letztlich auf Ihn zurueckgefuehrt werden. Wenn Gottes unendliches Vorherwissen jede Wirkung umgreift, die seine Geschoepfe zeitigen, dann bedeutet der Umstand, dass er diese Geschoepfe existieren laesst, nichts anderes, als dass Er selbst jene Wirkungen beabsichtigt hat.<< [43] Zum gleichen Ergebnis kommt auch der baptistische Theologe Dr. A. B. Strong. Strong war einige Jahre Praesident und Professor am Rochester Theological Seminary. Er schreibt: >>In der Ewigkeit kann es keine Ursache fuer die Existenz des Universums gegeben haben, welche ausserhalb des Handlungsbezirks Gottes gewesen waere, da ohne Wissen und Wollen Gottes nichts existieren kann. Gott hat aber in Ewigkeit vorhergesehen, dass die Schoepfung der Welt und ihrer Naturgesetze alles, was geschehen wird, auf eine gewisse und bestimmte unveraenderliche Art festlegen, und zwar bis ins unbedeutendste Detail. Dennoch hat Gott beschlossen, diese Welt zu erschaffen -- und damit ihre Gesetze. Damit hat er aber nichts anderes getan, als das Feststehende zu beschliessen, und das bedeutet: Der Beschluss, diese Welt zu erschaffen impliziert die Gewissheit alles dessen, was innerhalb dieser Schoepfung geschehen wird. [44] Vorherwissen darf nicht verwechselt werden mit Vorherbestimmung! Vorherwissen setzt Vorherbestimmung voraus, ist ihr aber nicht gleichzusetzen. Die Handlungen freier Menschen finden nicht statt, weil sie vorhergesehen werden; sie werden vorhergesehen, weil gewiss ist, dass sie stattfinden werden. Daher sagt Strong: >>Der Beschluss geht dem Vorherwissen logischerweise -- wenn auch nicht chronologisch -- voraus. Wenn ich sage: >Ich weiss, was ich tun werde<, ist klar, dass ich vorherbestimmt habe, was ich tun will und dass mein Wissen um das, was ich vorhabe, dieser Bestimmung keineswegs vorangeht, sondern ihr folgt und erst darin gruendet.<< [45] Da Gottes Vorherwissen alles umfasst, kennt er auch das Schicksal jeder einzelnen Person nicht nur bevor diese Person ihre eigenen Entscheidungen getroffen hat, sondern von Ewigkeit her! Und da er das Schicksal jedes Menschen kennt, noch bevor er geschaffen ist, ihn aber dennoch ins Dasein ruft, ist klar, dass sowohl Errettete als auch Verlorene seinen Plan erfuellen; denn wenn er nicht geplant haette, dass irgend jemand verloren gehe, haette er diese Person ja auch nicht zu erschaffen brauchen. Wir muessen also daraus schliessen, dass die christliche Lehre vom Vorherwissen Gottes die Praedestination voraussetzt. Diese Dinge koennen einzig und allein deshalb vorhergesehen werden, weil sie gewiss sind, und nichts und niemand kann diese Dinge gewiss machen als das Wohlgefallen Gottes, dieser "ersten grossen Ursache", welche frei und unveraenderlich verordnet, was kommen muss. Die ganze Schwierigkeit liegt darin, zu zeigen, wie denn die menschlichen Handlungen jetzt noch >>frei<< genannt werden koennen. Eines muss man zugeben: Dass etwas in Zukunft gewiss geschehen wird, dieser Gedanke ist die Grundlage jeglichen Vorherwissens und wird von der Vorherbestimmung erst moeglich gemacht. Der Arminianismus muesste beides widerlegen -- Vorherwissen und Vorherbestimmung, wollte er konsequent sein. Da er damit aber zu viel >>be- wiese<<, muessen wir daraus schliessen, dass er gar nichts beweist. Soviel zu A . B . Strong. __________________________________________________________________ [42] Zur Unterscheidung der Begriffe evangelisch und evangelikal: Das englische "evangelical" bedeutet heute sowohl evangelisch wie auch evangelikal. Der Begriff "evangelikal" ist eine Rueckuebersetzung des englischen "evangelical". Heute wird er im deutschen Sprachraum fuer jene Christen verwendet, die sich von den liberalen Ansichten der evangelischen Kirche abgrenzen und sich zur Bibeltreue bekennen. Da sich auch Boettners Theologie deutlich von der liberalen Theologie der evangelischen Landeskirche abgrenzt und der Begriff "evangelisch" (= sich auf das Evangelium berufend) schon besetzt ist, habe ich zur Unterscheidung manchmal den Begriff "evangelikal" verwendet. Leider verliert der Begriff >>evangelikal<< heute immer mehr an urspruenglicher Aussagekraft (A. d. Ue.). [43] Robert L. Dabney, "Systematic Theology", S. 212. [44] A. B. Strong, "Systematic Theology", S. 356. [45] Ebd., S. 357. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel VII __________________________________________________________________ Grundriss der Systeme Es gibt nur drei Gedankengebaeude, die behaupten, einen Weg zur Errettung des Menschen durch Christus darlegen zu koennen: 1. Der Heilsuniversalismus lehrt, Christus sei fuer alle Menschen gestorben und es werden letztlich auch alle Menschen gerettet werden, entweder in diesem Leben oder auch in einer zukuenftigen Zeit der Bewaehrung. Diese Sichtweise mag uns am sympathischsten sein, ist aber unbiblisch und wurde niemals von irgend einer anerkannten Kirche vertreten. 2. Der Arminianismus lehrt, dass Christus unterschiedslos fuer alle Menschen gestorben sei -- auch fuer jene, die schliesslich verlorengehen; Erwaehlung sei kein ewiger und unbedingter Akt Gottes; die rettende Gnade werde jedem Menschen angeboten, und diese Gnade koenne er annehmen oder ablehnen. Weiter behauptet der Arminianismus, ein Mensch koenne der erneuernden Gnade des Heiligen Geistes widerstehen, wenn es ihm beliebe. Der errettenden Gnade koenne widerstanden werden; jene, die Gott geliebt hat, die Christus errettet hat und die der Heilige Geist wiedergeboren hat -- das moege Gott freilich verhindern! -- koennen wieder abfallen und ewig verlorengehen. [46] In seiner radikalen und entwickelteren Form ist der Arminianismus wesentlich nichts anderes als der Pelagianismus -- eine Art der Selbsterloesung. Tatsaechlich koennen die Wurzeln des Arminianismus bis zum Pelagianismus zurueckverfolgt werden, genauso wie die Wurzeln des Calvinismus auf Augustinus zurueckgefuehrt werden koennen. Vielleicht sollte er sogar mit mehr Recht >>Pelagianismus<< genannt werden, da seine Prinzipien schon etwa 1200 Jahre vor Arminius festgestanden haben. Der Pelagianismus leugnet die menschliche Verderbtheit und in Folge die Notwendigkeit der wirksamen Gnade und hebt damit den menschlichen Willen ueber den Willen Gottes. >>Seine Lehren schmecken dem natuerlichen Menschen besser, der ganz natuerlicherweise die Lehre von der totalen Verderbtheit des Menschen hasst. Der Mensch kann demnach heilig werden, ja sogar suendlos; er kann sich Gottes Gnade sichern und die Errettung aus eigenem Willen annehmen -- diese Lehre hat viele angezogen, und sie tut es auch heute noch vielfach. [47] Im besten Fall ist der Arminianismus der etwas vage und unbestimmte Versuch einer Versoehnung; er schwebt irgendwo zwischen den scharf abgegrenzten Gedankengebaeude des Pelagius und Augustins. Er glaettet die Kanten beider Systeme und neigt einmal mehr zu diesem, das andere mal mehr zum anderen. Dr. A. A. Hodge spricht in diesem Zusammenhang von einem >>mannigfaltigen und elastischem System von Kompromissen<<. Das Leitmotiv dabei ist, dass die goettliche Gnade mit dem menschlichen Willen zusammen sowohl Bekehrung als auch Heiligung bewirke; der Mensch allerdings behalte das souveraene Recht, anzunehmen oder abzulehnen. Der Arminianismus gibt die Schwaeche des Menschen als Folge des Suendenfalls wohl zu, er leugnet aber, dass dem Menschen dadurch jegliche Faehigkeit verloren gegangen ist, sich Gott zuzuwenden. Der Mensch brauche also nur etwas goettliche Gnade, die seinen eigenen Bemuehungen zu Hilfe kommen muesse. Anders gesagt: Der Mensch ist krank, aber nicht tot, er kann sich zwar nicht selbst helfen, kann aber die Hilfe eines Mediziners in Anspruch nehmen und die angebotene Hilfe annehmen oder ablehnen. Somit hat er die Macht der Kooperation, wenn denn Gottes Gnade ihm zu Hilfe kommt. Diese Sichtweise erhoeht den Willen des Menschen auf Kosten der Souveraenitaet Gottes. Sie fusst auf einigen scheinbaren (aber falsch interpretierten) Stuetzbelegen aus der Schrift und widerspricht ganz klar anderen Teilen der Heiligen Schrift. Die Geschichte zeigt klar: Der Arminianismus neigt zum Kompromiss; er verliert allmaehlich die evangelische Basis. [48] Bis heute existiert konsequenterweise kein logisch in sich geschlossenes Lehrmodell der arminianischen Theologie. Zwar hat die Methodistische Kirche ein kurzes, informatives Bekenntnis mit ca. 25 Artikeln; der Kontrast zwischen dieser Erklaerung und dem sorgfaeltig ausgearbeiteten Westminster-Bekenntnis tritt jedoch klar zutage. 1. Das dritte Lehrgebaeude, das die Errettung durch Christus darlegt, ist der Calvinismus. Der Calvinismus lehrt, dass aufgrund des Suendenfalles alle Menschen schuldig, verderbt und hoffnungslos verloren sind. Aus dieser gefallenen Menschheit erwaehlt der souveraene Gott einige Menschen, die er durch Christus erretten will, waehrend er die anderen uebergeht. Christus ist gesandt, Sein Volk zu erretten, und zwar mit einem rein stellvertretendem Opfer. Der Heilige Geist stiftet den Erwaehlten diese Errettung wirksam ein. Alle Erwaehlten gelangen sicher zur ewigen Errettung. [49] Diese Sicht allein deckt sich mit der Schrift und mit unserer Erfahrung. Der Calvinismus behauptet, der Fall des Menschen lasse den Menschen ohne jede Faehigkeit, etwas zu seinem Heil beizutragen; er ist vollkommen abhaengig von der Gnade Gottes, die das Inkrafttreten und die Entwicklung des geistlichen Lebens bewirkt. Der Hauptfehler des Arminianismus ist, dass er Gottes Handeln bei der Errettung nicht genuegend erkennt. Er liebt es, die Wuerde und Kraft des Menschen zu bewundern. Der Calvinismus dagegen verliert sich in der Anbetung der Gnade und Allmacht Gottes. Er unterwirft den Menschen zuerst einmal der uebernatuerlichen Macht. Der Arminianismus schmeichelt dem natuerlichen Stolz; der Calvinismus ist ein Evangelium fuer schuldige Suender. Das, was den Menschen aus seiner eigenen Sicht erhebt und seine Einbildungskraft kitzelt, ist dem natuerlichen Herzen lieber als das, was ihn herabsetzt, und deshalb ist der Arminianismus heute wesentlich populaerer. Doch der Calvinismus ist naeher an den Tatsachen, so rau und unbegreiflich diese Fakten auch sein moegen. >>Die heilende Medizin ist nicht immer die schmackhafteste schmackhafteste. Die Erfahrung des Apostels Johannes, dass das kleine Buch im Mund zwar suess schmeckt, im Bauch jedoch zwickt, kann jeden Tag gemacht werden. Der gekreuzigte Christus war den einen ein Stolperstein, den anderen Torheit; dennoch war und ist Er die Kraft Gottes gemaess Seiner Weisheit zum Heil allen, die an Ihn glauben.<< [50] Die Menschen betruegen sich staendig; sie setzen ihre eigenen Gefuehle und Meinungen als moralische Axiome voraus. Manchen ist es selbstverstaendlich, dass ein heiliger Gott Suende nicht erlauben kann; daraus schliessen sie: Gott existiert nicht. Anderen gilt es als ausgemacht, dass kein barmherziger Gott es zulassen koenne, dass ein Teil seiner Geschoepfe Oper ihrer Suenden und ihres Elend bleiben muessen, daher leugnen sie die Lehre der ewigen Verdammnis. Wieder andere unterstellen: Die Unschuldigen koennen nicht gerechterweise aufgrund der Suende eines anderen gerichtet werden, daher leugnen sie die stellvertretende Eigenschaft des Opfers Christi, das sie sonst in Anspruch zu nehmen haetten. Fuer wieder andere ist es ausgemachte Sache, dass die freien Handlungen freier Menschen nicht im Voraus feststehen koennen, daher leugnen sie die Vorherbestimmung oder sogar das Vorherwissen solcher menschlichen Akte. Wir sind jedoch nicht frei, ein System nach unserem Geschmack zu entwickeln. Daher sagt Dr. Charles Hodge, ein eifriger und kompromissloser Verfechter des Calvinismus: >>Die Frage, welches dieser Systeme der Wahrheit entspricht wird nicht im Hinblick auf unsere Gefuehle oder unser Verstaendnis beantwortet, sondern beruht einzig und allein auf den durchgaengigen Lehren der Bibel und den erfahrungsmaessigen Tatsachen. ... Es ist die Pflicht jedes Theologen, seine Theorien der Bibel unterzuordnen und nicht zu lehren, was ihm selbst wahr oder vernuenftig scheint, sondern genau das zu verkuenden, was die Bibel lehrt.<< An einer anderen Stelle sagt er: >>Die Kontroverse kaeme an kein Ende, liesse man persoenliche Ueberzeugungen einzelner Geister bestimmen, was wahr ist und was nicht und was die Bibel lehren darf und was nicht.<< [51] Die Bibel legt weder die Lehren des Calvinismus noch die aller anderen christlichen Systeme systematisch und in umfassender Weise dar. Die Bibel ist kein Buch der systematischen Theologie, sondern der Steinbruch, aus dem der Tempel Stein fuer Stein aufgebaut werden muss. Anstatt uns eine formalisierte Aussage ueber ein theologisches System zu geben, bietet sie uns massenweise Rohmaterial an, das organisiert, systematisiert [52] und nach zusammengehoerigen Relationen gegliedert werden muss. Wir finden zum Beispiel nirgends eine direkte Aussage der Lehre der Dreieinigkeit oder der Persoenlichkeit des Heiligen Geistes oder auch der Inspiration der gesamten Heiligen Schrift. Die Bibel berichtet uns ueber den Ursprung der hebraeischen Voelker und des Christentums; die Lehraussagen werden mit wenig Ruecksicht auf theologische Systeme verkuendet. Die Fakten muessen erst in ein logisches System eingebunden und klassifiziert werden, aus dem dann die einzelnen Theologien entstehen koennen. Der Umstand, dass das Material der Bibel nicht theologisch gegliedert ist, stimmt genau mit der Vorgehensweise Gottes in anderen Bereichen ueberein: Er hat uns auch kein voll entwickeltes System der Biologie, Astronomie oder der Politik gegeben. Wir finden zuerst einfach Fakten in der Natur und in der Erfahrung, aus denen wir dann nach bestem Wissen Systeme erstellen. Da wir die Lehraussagen der Schrift nicht als fertiges theologisches System antreffen, ist auch die Gefahr falscher Interpretation groesser. __________________________________________________________________ [46] Im deutschsprachigen Raum gibt es einige Mischformen; die Verlierbarkeit des Heils wird von vielen Evangelikalen bestritten. Ein reiner Arminianismus findet sich etwa bei den Siebenten-Tags-Adventisten und verschiedenen Heiligungsbewegungen (A. d. Ue.). [47] Ben A. Warburton, Calvinism, S. 11. [48] James Montgomery Boice und Philipp Graham Ryken haben in ihrem Buch "The Doctrines of Grace. Rediscovering the Evangelical Gospel" ausfuehrlich gezeigt, dass der Arminianismus oft ein Zwischenschritt vom evangelischen Glauben zum Atheismus (!) darstellt. Das Buch ist im Betanien-Verlag unter dem Titel "Die Lehren der Gnade" erschienen ([1]http://www.betanien.de; A. d. Ue.). [49] Das ist kein blinder Dynamismus `a la "Once Saved -- Ever Saved"; es ist keine statische, sondern eine dynamische Erloesung, wie John Piper in seinen ausgezeichneten Vortraegen ueber die calvinistischen Prinzipien darlegt ([2]http://www.desiringgod.org/Search/?search=TULIP&x=0&y=0; A. d. Ue.). [50] McFetridge, "Calvinism in History", S. 136. [51] Charles Hodge, "Systematic Theology", Bd. 2, S. 356, 559, 531. [52] Es ist mitunter dem aggressiven Antiintellektualismus zu verdanken, dass der Irrationalismus so grossen Einfluss auf unsere gaengige Theologie hat gewinnen koennen. Der durchschnittliche Christ streckt jeder Systematisierung abwehrend die Haende entgegen; er spricht vom "Herz" und nicht vom "Kopf" -- einer voellig unbiblischen Vorstellung uebrigens, da die Bibel den Menschen als Einheit sieht und im Gegensatz zum Durchschnittschristen keine klinisch-psychologische Trichotomie (Verstand/Wille/Emotion) voraussetzt (A. d. Ue.). __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel VIII __________________________________________________________________ Die Heilige Schrift ist die Autoritaet, anhand deren theologische Lehrgebaeude geprueft werden muessen Bei allen Streitfragen unter Christen zaehlt die Bibel als letzte Instanz. Sie ist sozusagen der >>oberste Gerichtshof<<. So war es von Anfang an. Wir glauben, dass sie ein harmonisches und hinlaenglich ausreichendes Lehrsystem umfasst; jeder ihrer Teile korrespondiert mit allen anderen. Es ist unsere Pflicht, diese Zusammenhaenge mittels sorgfaeltiger Untersuchungen hinsichtlich Bedeutung in den einzelnen Passagen aufzuzeigen. [53] Warburton sagt in Bezug auf diese Lehren: >>Das Wort Gottes ist das grosse und letzte Gericht, vor das alle Streitfragen gebracht werden muessen und in dem sie geprueft werden muessen. Ob eine Lehre richtig oder falsch ist, erweist sich am Grad der Uebereinstimmung mit den Aussagen der unfehlbaren und offenbarten Schrift, die uns Gott mit seinem inspirierten Wort gegeben hat. An diesem Kriterium muss der Calvinismus geprueft werden. An diesem Kriterium muessen auch Arminianismus und Pelagianismus geprueft werden. An diesem Kriterium -- und an ihm allein -- muss jede Art Glauben, sei er religioes oder wissenschaftlich, geprueft werden; wenn ein Lehrgebaeude mit diesem geoffenbarten Wort nicht uebereinstimmt, dann bedeutet es: es wohnt ihm kein Licht ein ... Wir glauben an die volle Verbalinspiration des Wortes Gottes. Wir behaupten, dass es in allen Fragen letzte Autoritaet ist und versichern, dass keine Lehre der Wahrheit entsprechen kann und auch nicht wesentlich ist, wenn sie nicht in Gottes Wort gefunden werden kann.<< [54] Es ist offensichtlich: Die Wahrheit oder der Irrtum der Praedestinationslehre kann nur auf der Basis goettlicher Offenbarung geprueft werden. Keine einzelne Person, welche nur aufgrund eigener Beobachtung und Urteile handelt, kann die Basisprinzipien des Plans ergruenden, den Gott verfolgt. Philosophische Mutmassungen und abstrakte Vernuenfteleien sollten in der Schwebe gehalten wer- den, bevor man nicht das genaue Zeugnis der Schrift vernommen hat. Wenn wir dieses Zeugnis nun in Betracht nehmen, so wollen wir uns auch demuetig darunter beugen. Wir wuenschten, es gaebe mehr Menschen mit der Einstellung jener Christen in Beroea, die taeglich in der Schrift forschten, ob sich alles so verhaelt, wie man es an sie herantraegt. Am Ende jener Lehre, die ich in diesem Buch erlaeutere, habe ich viele Zitate aus der Schrift zum direkten und indirekten Beweis der Lehre angefuehrt. Diese Beweise koennen nicht einfach wegerklaert werden; sie wiegen in Ausmass und Genauigkeit sehr schwer gegen jede andere Ansicht. Die Bibel entfaltet ein System des Heilswegs, der von Anfang bis zum Ende calvinistisch ist; diese Lehren werden mit einer unausweichlichen Klarheit vorgetragen, so dass sie alle die angehen, die die Bibel fuer das Wort Gottes halten. Diese Lehren werden in eindrucksvoller Manier dargelegt. Wenn uns jemand fragt, ob es Sterne am Himmel gibt? so antworten wir: Der Himmel ist voller Sterne! (Ps 8,4). Wenn uns jemand fragt, ob das Meer auch Fische birgt? so antworten wir: Das Meer ist voller Fische! (Ps 104,25.27). Wenn uns jemand fragt, ob es im Wald Baeume gibt? so antworten wir: Der Wald steht voller Baeume! In der gleichen Weise sollten wir auch die Frage nach der Praedestination beantworten: Die Bibel setzt sie auf jeder Seite voraus, vom ersten Mosebuch bis zur Offenbarung! Dass Lehren wie die der Dreieinigkeit, der Goettlichkeit Christi, der Persoenlichkeit des Heiligen Geistes, der Suendhaftigkeit des Menschen oder der Realitaet zukuenftiger Verdammnis der heiligen Schrift entnommen sind, wird auch von denen zugestanden, die nicht an diese Lehren glauben. Unter Rationalisten und in der so genannten "hoeheren Kritik" ist es ausgemachte Sache, dass die Apostel die evangelischen und calvinistischen Artikel gelehrt und geglaubt haben und dass die Aussagen keine andere Interpretation zulassen, wenn man die Regeln der Auslegung korrekt anwendet. Freilich -- der Autoritaet der Apostel sehen sie sich nicht unterworfen. Fuer sie ist der Glaube der Apostel an diese Lehren die irrige Idee eines kruden und unzivilisierten Zeitalters. Das entzieht jedoch ihrer Feststellung nicht den Wert, dass jene Passagen aus der Schrift, kritisch interpretiert, keinerlei andere Bedeutung haben koennen. Ich ziehe vor, die Rationalisten sagen zu lassen: Die Schriften lehren diese Lehren wohl, haben fuer uns jedoch keinerlei Autoritaet, als dass wir der Kraft der Argumente ausweichen und Akzeptanz heucheln muessten. Es wird zu zeigen sein, dass jene Stellen, die die Arminianer gegen unsere Auffassung anfuehren, ohne jeden Zwang und ohne jede Umdeutung erklaert werden koennen, es jedoch unmoeglich ist, ohne unverantwortliche Verbiegungen und Anstrengungen ihre Lehren mit den Passagen in Einklang zu bringen, die ich anfuehre. Ausserdem kann unser System nicht dadurch zum Einsturz gebracht werden, dass man Stellen anfuehrt, die dazu im Widerspruch stehen, denn dies wuerde die Bibel sich widersprechen lassen. [55] Im Licht moderner wissenschaftlicher Auslegung ist man sich einig, dass die Einwaende, die gegen die reformierte Theologie vorgebracht werden, eher emotionaler oder philosophischer als exegetischer Natur sind. Cunningham merkt an: >>Unsere Gegner sind in der Lage, einigermassen plausible Argumente vorzubringen, wenn es einzelne Schriftstellen oder eine bestimmte Art von Schriftstellen betrifft; sie lassen aber ausser Acht oder draengen in den Hintergrund, was die Schrift als Ganze zu diesem Thema sagt. Wenn wir die Zusammenschau, das ganze Korpus der Schrift betrachten, das darauf ausgelegt ist, uns die Natur, die Ursachen und die Konsequenzen des Todes Christi bekannt zu machen, und wenn wir gerecht beurteilen, was sie uns lehren wollen, dann gibt es keinen guten Grund, an den allgemeinen Schluessen zu zweifeln, die anzunehmen wir uns dann auch gezwungen fuehlen sollten.<< [56] Solange wir an dem reformierten Prinzip festhalten, dass die Schrift alleinige Autoritaet in Sachen Lehre hat, ist das calvinistische System das einzige, das angemessen ueber Gott, den Menschen und die Erloesung spricht. __________________________________________________________________ [53] Fuer die umfassendste Behandlung der Themen >>Offenbarung<< und >>Inspiration<< vgl. B. B. Warfield, "Revelation and Inspiration". [54] Warburton, "Calvinism", S. 21. [55] In der Tat werden fuer jene Stellen, die die Praedestination eindeutig postulieren, bemerkenswerte >>Erklaerungen<< gefunden; bei den weniger bedarften Lesern der Schrift hilft man sich bei jenen Stellen mit dem >>unausforschlichen Ratschluss<< Gottes und >>laesst diese Stellen lieber so stehen<<. Dabei hat man sich eines amuesanten Eklektizismus bedient, ohne sich dessen gewahr geworden zu sein: All die Stellen naemlich, die das arminianische System zu stuetzen scheinen, werden grosszuegig erklaert, waehrend jene wesentlich zahlreicheren Stellen, die von Vorherbestimmung und anderen spezifisch reformierten Gedanken reden, dem >>unausforschlichen Ratschluss Gottes<< ueberlassen werden (A. d. Ue.). [56] William Cunningham, "Historical Theology", Bd. 2, S. 298. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel IX __________________________________________________________________ Warnung vor ungebuehrlichen Spekulationen An diesem Punkt muss ich, was die vornehme Lehre der Praedestination betrifft, einige Worte gegen unzulaessige Spekulationen und falsche Neugier hersetzen. Am besten zitiere ich dazu Calvin selbst: >>Die Eroerterung ueber die Vorbestimmung ist zwar an sich schon einigermassen verzwickt; aber der Vorwitz der Menschen macht sie erst recht verwickelt und geradezu gefaehrlich. Er laesst sich durch keinerlei Riegel davon abbringen, sich auf verbotene Abwege zu verlaufen und ueber sich hinaus in die Hoehe zu dringen; wenn es moeglich ist, so laesst er Gott kein Geheimnis uebrig, das er nicht durchforscht und durchwuehlt. ... Zunaechst sollen sie sich daran erinnern, dass sie mit ihrem Forschen nach der Vorbestimmung in die heiligen Geheimnisse der goettlichen Weisheit eindringen; wer nun hier ohne Scheu und vermessen einbricht, der erlangt nichts, womit er seinen Vorwitz befriedigen koennte, und er tritt in einen Irrgarten, aus dem er keinen Ausgang finden wird! ... Wir werden dann naemlich wissen, dass unser Lauf, sobald wir die Grenzen des Wortes ueberschreiten, vom Wege abfuehrt und in der Finsternis verlaeuft und dass wir da notwendig in die Irre gehen, fallen und immer wieder anstossen muessen! Deshalb wollen wir uns zuerst vor Augen halten: Eine andere Erkenntnis der Vorbestimmung zu erstreben als die, welche uns im Worte Gottes entfaltet wird, das ist ebenso wahnwitzig, wie wenn einer weglos schreiten oder im Finstern sehen wollte. Auch sollen wir uns nicht schaemen, in einer solchen Sache etwas nicht zu wissen, in der es eine wohlgelehrte Unwissenheit (docta ignorantia) gibt!<< [57] Wir sind nicht aufgefordert, diese Wahrheiten zu >>erklaeren<<; wir sind nur aufgefordert, das zu lehren, was Gott in seinem Wort sagt und diese Aussagen gegen Missverstaendnisse und Einwaende zu verteidigen. Es liegt in der Natur dieser Sache, dass alles, was wir ueber diese Wahrheiten wissen koennen, vom Geist Gottes genau fuer die Offenbarung zugeschnitten ist, und wir vertrauen darauf, dass alles, was Gott offenbart hat, unzweifelhaft wahr ist und geglaubt werden muss, obgleich wir vieles mit unserem Verstand nicht zu durchdringen vermoegen. Wir kennen die inneren Zusammenhaenge seines Plans nicht und duerfen es also nicht wagen, Ihm zu raten. >>Deine Gerichte sind wie die grosse Flut<<, sagt der Psalmist (Ps 36,6). Genauso gut koennte sich jemand anschicken, den Ozean zu durchschwimmen, als Gottes Beschluesse auszuloten. Der Mensch weiss viel zu wenig, um sich bei dem Versuch rechtfertigen zu koennen, die Geheimnisse der Herrschaft Gottes zu ergruenden. Die Wichtigkeit dieses Themas sollte uns mit aeusserster Vorsicht und Ehrfurcht leiten, wenn wir fortfahren, darueber zu sprechen. Waehrend Geheimnisse sehr sorgfaeltig behandelt werden muessen und anmassende und ungebuehrliche Spekulationen vermieden werden muessen, aber dennoch das Evangelium in seiner Reinheit und Gaenze verkuendigen wollen, so muessen wir sorgsam darauf achten, dass wir den Glaeubigen nichts davon vorenthalten, was die Schrift ueber die Vorherbestimmung sagt. Dass einige dieser Wahrheiten von den Unglaeubigen verdreht und missbraucht werden, steht zu erwarten. Fuer den unerleuchteten Verstand spielt es keine Rolle, wie klar die Praedestinationslehre in der Schrift dargelegt ist: er findet diese Lehre absurd. Dass Gott in drei Personen existiert, die gesamte Geschichte im Voraus kennt oder einen ewigen Plan fuer jede Person hat, gilt ihm als Torheit. Wenn wir ueber die Praedestination nur das wissen koennen, was Gott uns zu erklaeren fuer gut geachtet hat, ist es auch wichtig, genau so viel zu wissen, denn sonst waere es nicht offenbart worden. Wohin die Schrift uns fuehrt, dorthin koennen wir getrost folgen. __________________________________________________________________ [57] Johannes Calvin, Unterricht in der Christlichen Religion; 3.21.1; Uebers.: Otto Weber, S. 61. __________________________________________________________________ Die "fuenf Punkte" des Calvinismus Das calvinistische Lehrgebaeude betont speziell fuenf verschiedene Lehren. Technisch sind sie unter dem Namen >>Die fuenf Punkte des Calvinismus<< bekannt; auf diesen Hauptpfeilern ruht das ganze Gebaeude. In diesem Abschnitt werde ich alle fuenf Punkte erklaeren, die Basis der Schrift angeben und die Argumente anfuehren, die sie stuetzen Danach beschaeftigen wir uns mit den gaengigsten Einwaenden. Ich werde zeigen, dass die Bibel eine Fuelle an Material enthaelt, aus dem jede dieser Lehren entwickelt werden kann. Diese Lehren sind weder isoliert noch unabhaengig, sondern so ineinander verwoben, dass sie ein einfaches, harmonisches, in sich logisches Gedankengebaeude darstellen. Die Art und Weise, wie sie als Teile des wohlgeordneten Ganzen zueinander passen, hat die Bewunderung denkender Menschen aller Glaubensrichtung errungen. [58] Ist eine dieser Lehren bewiesen, folgen alle anderen logisch und notwendig als Teile des ganzen Systems. Wird eine dieser Lehren erfolgreich widerlegt, muss das ganze System abgelehnt werden. Sie sind passgenau ineinander gefuegt und passen perfekt zueinander. Sie sind wie Glieder in der grossen Kette der Ursachen; kein einziges Glied kann weggelassen werden, ohne die frohe Botschaft des Heilsplans Christi zu ruinieren und zu zerruetten! Wir koennen nicht annehmen, dass das nur zufaellig so ist oder auch nur moeglich ist, wenn diese Lehren nicht wahr waeren. Wir muessen im Auge behalten, dass in diesem Buch nicht diskutiert wird, was in der evangelischen Christenheit ausser Frage steht, sondern das, was dem calvinistischen System eigentuemlich ist. Wenn man das vergisst, wird vieles von der Kraft und der Schoenheit des typischen Calvinismus verlorengehen und die so genannten >>Fuenf Punkte des Calvinismus<< -- die uebrigens historisch und real gesehen das Gegenstueck zu den so genannten >>Fuenf Punkten des Arminianismus<< ausmachen -- wuerden einen ungebuehrlichen Platz im System einnehmen. Der Leser sei also davor gewarnt, die Fuenf Punkte zu sehr mit dem Calvinismus zu identifizieren. Zwar: es sind wesentliche Elemente, doch enthaelt das Lehrgebaeude wesentlich mehr. Wie in der Einleitung erwaehnt, stellt das Westminster-Bekenntnis ein ausgewogenes Beispiel des reformierten Glaubens oder Calvinismus dar; es stellt ueberdies alle christliche Lehren in ihrer angemessenen Bedeutung dar. Die Fuenf Punkte kann man sich leicht mit dem Wort T-U-L-I-P merken: T -- Total Inability; U -- Unconditional Election; L -- Limited Atonement; I -- Irresistible [efficacious] Grace und P -- Perseverance of the Saints. [59] __________________________________________________________________ [58] Dr. mult. Thomas Schirrmacher schreibt in seiner Einleitung zum Westminster-Bekenntnis von 1647: >>Philipp Schaff, der die Theologie des Westminster-Bekenntnisses persoenlich ablehnte, schrieb in seiner bedeutenden und monumentalen Geschichte und Textausgabe der protestantischen Bekenntnisse dennoch: >Die Lehren des Bekenntnisses werden mit ungewoehnlicher Sorgfalt, logischer Praezision, Klarheit, Vorsicht, Umsicht und mit einem Auge auf alle verschiedenen Aspekte und moeglichen Verbindungen formuliert.<<< [Philipp Schaff. The Historical Creeds. Bd. 3, S 788] (A. d. Ue.). [59] 1) voellige Verderbtheit (gemeint ist, dass der Mensch aufgrund seiner auf den Suendenfall zurueckgehenden Verderbtheit sich nie von sich aus Gott zuwenden wuerde); 2) bedingungslose Erwaehlung; 3) begrenzte Suehne (Jesus starb nicht fuer alle Menschen ohne Unterschied, sondern nur fuer sein Volk); 4) unwiderstehliche (besser: vollwirksame) Gnade; 5) Beharren der Heiligen (A. d. Ue.). __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel X __________________________________________________________________ Voellige Unfaehigkeit (Verderbtheit) __________________________________________________________________ 1) Die voellige Verderbtheit (oder Unfaehigkeit) Im Westminster-Bekenntnis wird die Lehre der voelligen Unfaehigkeit folgendermassen formuliert: >>Der Mensch hat durch seinen Fall in den Stand der Suende alle Faehigkeit des Willens [60] zu irgend etwas geistlich Gutem, das mit dem Heil zusammenhaengt, voellig verloren, so dass er als natuerlicher Mensch, weil er von diesem Guten ganz und gar abgewandt und in Suenden tot ist, nicht in der Lage ist, sich durch seine eigene Kraft zu bekehren oder sich darauf vorzubereiten.<< [61] Paulus, Augustinus und Calvin beginnen mit der Tatsache, dass in Adam alle Menschen gesuendigt haben und dass alle Menschen >>ohne Entschuldigung<< sind (Roem 2,1). Wieder und wieder erklaert uns Paulus, dass wir tot sind in Suenden und Uebertretungen, von Gott entfremdet und hilflos. Im Epheserbrief fordert er die Christen auf, sich zu erinnern, dass sie (ihr) >>in jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen von der Buergerschaft Israels und fremd den Buendnissen der Verheissung; und ihr hattet keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt<< (Eph 2,12). Beachten wir die fuenffache Betonung, waehrend er Ausdruck fuer Ausdruck aufeinander schichtet, um diese Wahrheit zu bekraeftigen! __________________________________________________________________ [60] Diese >>Unfaehigkeit des Willens<< bezeichnet der Calvinismus als das Fehlen des >>freien Willens<<, also der Faehigkeit, die Absicht des Willens zu steuern. Ich kann zwar tun, was ich will (ich unterliege keinem Zwang von aussen), kann aber meinen Willen nicht dazu bestimmen, das Gute (im Sinne Gottes) zu wollen, denn ich bin als gefallener Mensch ist ein Sklave der Suende und daher nicht in der Lage, von mir aus zu wollen, was das Gesetz fordert (= das Gute, das vor Gott gilt). Insofern ist der Wille Sklave der Suende und damit nicht frei oder besser gesagt neutral (A. d. Ue.). [61] WB, Art. 9.3. __________________________________________________________________ 2) Ausmass und Wirksamkeit des Suendenfalles Die Lehre von der voelligen Unfaehigkeit (sie besagt, dass die Menschen in ihren Suenden tot sind) besagt keineswegs, dass alle Menschen gleich schlecht sind oder dass jeder Mensch so schlecht sei, wie er es sein koennte, noch auch dass jemandem die Tugend voellig fehle oder dass die menschliche Natur in sich schlecht sei. Auch besagt sie nicht, dass der menschliche Geist nicht arbeite und noch weniger, dass der Koerper tot sei. Was sie dagegen sagt, ist dies: Seit dem Suendenfall befindet sich der Mensch unter dem Fluch der Suende; er wird von falschen Prinzipien gelenkt und ist voellig unfaehig, Gott zu lieben oder irgendetwas zu seiner eigenen Errettung beizutragen. Seine Verderbtheit ist extensiv, nicht notwendigerweise intensiv. In diesem Sinne ist der Mensch voellig untauglich, unfaehig, dem Guten total abgewandt und vollkommen zu allem Boesen geneigt. Er besitzt die feststehende Neigung, gegen Gottes Willen zu handeln und entscheidet sich instinktiv und willentlich zum Boesen. Durch seine Geburt schon entfremdet, waehlt er die Suende. Diese Unfaehigkeit ist keine Unfaehigkeit, sich ueberhaupt willentlich zu entscheiden; es ist die Unfaehigkeit, sich willentlich fuer das Heilige zu entscheiden. Dieser Zustand brachte Luther dazu, zu sagen: >>Nachdem naemlich zugestanden und begriffen ist, dass der freie Wille, nachdem er die Freiheit verloren hat, unter die Knechtschaft der Suende gezwungen worden ist und gar nichts Gutes wollen koenne, so kann ich aus diesen Worten nichts anderes entnehmen, als dass der freie Wille ein leeres Woertchen ist, dessen Inhalt verloren ist.<< [62] Dies bedeutet fuer die Erloesung, dass der natuerliche, unbekehrte Mensch nicht zwischen Gut und Boese waehlen kann, sondern nur zwischen verschiedenen Graden des Boesen; dies aber ist mit >>Willensfreiheit<< nicht richtig ausgedrueckt. Die Tatsache, dass der gefallene Mensch immer in gewissem Sinne moralisch handeln kann, beweist nicht, dass er irgend etwas zu seiner Errettung beitragen kann, denn seine Motive koennen voellig falsch sein. Der Mensch handelt zwar frei, kann aber nicht aus sich selbst aus Gott lieben. Sein Wille ist frei in dem Sinne, dass er nicht gezwungen wird. Genau wie der Vogel mit gebrochenem Fluegel >>frei<< ist zu fliegen, es aber nicht kann, so ist der natuerliche Mensch >>frei<<, zu Gott zu kommen, kann es aber nicht. Wie kann er auch seine Suenden bereuen, die er doch liebt? Wie kann er zu Gott kommen, den er doch hasst? Es ist die Unfaehigkeit des Willens, mit welchem der Mensch handelt. Jesus hat gesagt: >>Darin aber besteht das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren boese<< (Joh 3,19). An einer anderen Stelle sagt er: >>Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu empfangen<< (Joh 5,40). Des Menschen Ruin liegt hauptsaechlich in der Perversion seines Willens. Er kann nicht kommen, weil er nicht kommen will. Es waere genug Hilfe da, wenn der Wille sie nur annehmen koennte. Paulus sagt: >> ... das Trachten des Fleisches ... ist Feindschaft gegen Gott; denn es ist dem Gesetz Gottes nicht untertan und kann es auch nicht<< (Roem 8,7). Anzunehmen, dass der Mensch Gott lieben koenne, weil er ueberhaupt lieben kann, ist genauso klug wie anzunehmen, dass das Wasser, weil es fliessen kann, auch bergauf fliessen kann oder dass ein Mensch, weil er in einen Abgrund stuerzen kann, auch wieder hinaufstuerzen koenne. Der gefallene Mensch sieht nichts Begehrenswertes in dem Einen, der ueber alles liebenswert ist, dem >>Schoensten unter Zehntausenden<<. Er kann Jesus wohl als Person bewundern, aber Gott will er ihn nicht sein lassen; er widersteht dem Einfluss des Heiligen Geistes mit all seiner Kraft. Sein natuerliches Element ist nicht die Gerechtigkeit, sondern die Suende -- daher hat er kein Beduerfnis nach Erloesung. Die gefallene Natur des Menschen gibt Anlass zur verstocktesten Blindheit, Unvernunft und Ablehnung all dessen, was Gott betrifft. Sein Wille wird von einer verdunkelten Vernunft gelenkt, die Suesses >>bitter<< nennt und Bitteres >>suess<<, die Boeses >>gut<< und Gutes >>boese<< nennt. Soweit es ihre Beziehung zu Gott betrifft, will diese Vernunft ausschliesslich das Boese, und das ganz freiwillig. Ungezwungenheit und Versklavung koexistieren auf diese Weise, mit anderen Worten: Der gefallene Mensch ist moralisch dermassen blind, dass er konstant das Boese dem Guten vorzieht, genau so wie die gefallenen Engel oder Daemonen. Wenn der Christ einst voellig geheiligt sein wird, wird er den heiligen Engeln gleich immer das Gute waehlen und tun. Beide Zustaende stimmen mit der Idee der Freiheit und der moralischen Verantwortung ueberein. Doch waehrend der gefallene Mensch dermassen handelt, wird er doch niemals zur Suende gezwungen, sondern er tut sie willig und freut sich an ihr. Seine Veranlagung und seine Wuensche neigen zum Boesen; er handelt wissentlich und willentlich voellig ungezwungen, eben seinen Gedanken entsprechend. Diese natuerliche Neigung oder der Appetit auf das Boese ist das charakteristische Merkmal seiner gefallenen und zerruetteten Natur, so dass, wie Hiob sagt, er >>Unrecht saeuft wie Wasser<< (Hiob 15, 6). Wir lesen, dass >>der natuerliche Mensch nicht annimmt, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss<< (1 Kor 2,14). Ich kann nicht verstehen, wie jemand den klaren Sinn dieser Stelle erfassen kann und immer noch behaupten kann, der Mensch koenne sich von sich aus Gott zuwenden! Der Mensch kann in seinem natuerlichen Zustand Gottes Reich nicht einmal sehen -- um wie viel weniger kann er dann erst hineingehen? Ein unkultivierter Mensch mag ein wunderschoenes Kunststueck betrachten, aber es fehlt ihm jeglicher Sinn, seine Vortrefflichkeit angemessen zu schaetzen. Er kann die Figuren einer komplexen, mathematischen Gleichung betrachten, aber sie bedeuten ihm nichts. Pferde und Kuehe sehen den gleichen, wunderschoenen Sonnenuntergang oder auch andere Phaenomene in der Natur, dem Zauber dieser Phaenomene gegenueber jedoch bleiben sie blind. So ist es auch mit der frohen Botschaft des Kreuzes, wenn sie dem Nichtwiedergeborenen entgegengebracht wird: Er kann sie wohl intellektuell verstehen, kann von den Tatsachen und Lehren der Bibel wissen, aber er kann sie nicht geistlich einschaetzen oder ihre Vortrefflichkeit erkennen; die Botschaft erfreut ihn nicht. Derselbe Christus ist dem einen ohne Anmut und Form -- weshalb sollte er ihn da begehren? Fuer den andern ist er der Fuerst des Lebens und der Retter der Welt, der Mensch gewordene Gott; ihm ist es unmoeglich, ihn nicht anzubeten, nicht zu lieben und ihm nicht zu gehorchen. Diese umfassende Unfaehigkeit gruendet allerdings nicht nur in der verkehrten moralischen Natur, sondern auch in Unwissenheit. Paulus schrieb, dass die Heiden >>leben in der Nichtigkeit ihres Sinnes, deren Verstand verfinstert ist und die entfremdet sind dem Leben Gottes, wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verhaertung ihres Herzens<< (Eph 4, 7f.). An einer anderen Stelle sagt er: >>Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verlorengehen, uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine Gotteskraft<< (1 Kor 1,18). Als er sagte: >>Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehoert und keinem Menschen ins Herz gekommen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben<<, dachte er nicht (wie manchmal angenommen wird) an die Herrlichkeiten des Himmels, sondern an die geistlichen Wirklichkeiten dieses Lebens, welches von Nichtwiedergeborenen nicht gesehen werden kann, wie der folgende Vers erklaert: >>Uns aber hat es Gott geoffenbart durch seinen Geist<< (1 Kor 2,9.10). Jesus sagt: >>Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater; und niemand erkennt den Vater als nur der Sohn und der, welchem der Sohn es offenbaren will<< (Mt 11,27). Hier wird uns klar gesagt, dass der Mensch in seiner alten, unerleuchteten Natur Gott in keinem Sinn des Wortes kennt und dass der Sohn souveraen waehlt, wem er die rettende Kenntnis Gottes anvertraut. Dem gefallenen Menschen fehlt die geistliche Unterscheidungsfaehigkeit. Sein Verstand ist blind, sein Geschmack und seine Gefuehle sind verdreht. Da dieser Zustand seines Geistes seiner Natur angeboren ist, liegt es ausserhalb jeglicher Willenskraft, ihn zu aendern. Vielmehr beherrscht dieser Zustand des Geistes die Affekte und Willensakte. Die Auswirkung der Wiedergeburt wird im Zusammenhang mit dem goettlichen Auftrag sichtbar, den Paulus bei seiner Bekehrung erhielt, als ihm gesagt wurde, dass er zu den Heiden gesandt werde, >>um ihnen die Augen zu oeffnen, damit sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Herrschaft des Satans zu Gott<< (Apg 26,18). Jesus lehrte dieselbe Wahrheit in anderer Gestalt, als er zu den Pharisaeern sagte: >>Warum versteht ihr meine Rede nicht? Weil ihr mein Wort nicht hoeren koennt. Ihr habt den Teufel zum Vater, und was euer Vater begehrt, wollt ihr tun<< (Joh 8,43f). Sie konnten nicht verstehen, ja sein Wort nicht einmal in einer verstaendlichen Art hoeren. Fuer sie waren seine Worte nichts als Torheiten und Verruecktheiten; sie klagten ihn daemonischer Besessenheit an (V. 48.52). Nur seine Juenger kannten die Wahrheit (V. 31.32); die Pharisaeer waren Kinder des Teufels (V. 42.44) und Sklaven der Suende (V. 34), obgleich sie sich selber davon frei glaubten (V. 33). Ein andermal lehrte Jesus, dass kein guter Baum schlechte Fruechte traegt noch ein schlechter Baum gute. Da dieses Gleichnis gute und boese Menschen veranschaulicht, was kann es da anderes meinen, als dass die einen von bestimmten Basisprinzipien geleitet werden, waehrend die anderen von ganz anderen Prinzipien geleitet werden? Die Fruechte dieser beiden Baumarten sind Taten, Worte, Gedanken, die, wenn sie gut sind, aus einer guten Natur stammen, und boese, wenn sie einer boesen Natur entstammen. Es kann nicht sein, dass eine Wurzel Fruechte verschiedener Art hervorbringt. Daher leugnen wir die Existenz einer Kraft im Menschen, die beides bewirkt; aus logischen Gruenden koennen nicht Tugend und Laster aus ein- und derselben moralischen Verfassung des Menschen hervorgehen. Wir behaupten dagegen, dass alle Handlungen gegenueber Gott entweder einer moralischen Verfassung entstammen, die notwendigerweise gute Taten hervorbringen muss, oder aber einer moralischen Verfassung, die notwendigerweise boese Handlungen zeitigen muss. >>Im Epheserbrief erklaert Paulus, dass vor der Erleuchtung durch den Heiligen Geist jede einzelne Seele in ihren Suenden und Uebertretungen tot ist. Es wird sicherlich zugegeben werden, dass tot zu sein, tot in Suenden, einen klaren und positiven Beweis fuer die voellig mangelnde Befaehigung oder Kraft zu geistlichen Handlungen darstellt. Man wird zugeben: Ein Toter kann nicht handeln; es fehlt ihm jede Moeglichkeit dazu. Eine Leiche kann in keiner Weise handeln, alle Lebensgeister, die es gekonnt haetten, sind ja von ihm gewichen. Ein geistlich Toter kann demzufolge offensichtlich auch keinerlei geistlichen Handlungen vollbringen. Daher ruht die Lehre von der moralischen Unfaehigkeit ganz und gar auf den Belegen der Schrift.<< [63] >>Nach dem Prinzip, nach dem nichts Reines von Unreinem kommen kann (Hiob 14,4), werden alle, die von der Frau geboren werden, 'abscheulich und verderbt genannt; sie werden ihrer Natur nach nur von der Ungerechtigkeit angezogen (Hiob 15,14--16). Demzufolge muss der Mensch nicht erst noch warten, bis er das Alter erreicht hat, in welchem er suendfaehig wird. Vielmehr ist er ein Gefallener von Mutterleib an und befindet sich von Geburt an auf dem Wege in die Verlorenheit (Ps 58,4); er ist sogar gemacht in dieser Ungerechtigkeit, und in Suenden empfangen (Ps 51,7). Das Trachten des menschlichen Herzens ist boese von Jugend an (1 Mo 8,21), und aus dem Herzen geht das Leben aus (Sprueche 4,23; 20,11). Die suendigen Handlungen sind daher nichts anderes als der Ausdruck unserer Natur, die ueberaus truegerisch und boshaft ist (Jer 17,9).<< [64] Hesekiel malt dieselbe Wahrheit in anderen Farben: Er zeichnet uns das Bild eines hilflosen Kindes, das blutig und zum Sterben zurueckgelassen ist, das aber der Herr fand und gnaedig umsorgte (Kap. 16). Diese Lehre von der Erbsuende setzt voraus, dass alle gefallen Menschen denselben Grad an Freiheit haben wie der Teufel und die Daemonen, was ihre suendigen Taten unter dem Einfluss ihrer verderbten Natur angeht; die Heiligen in Herrlichkeit und die heiligen Engel handeln ihrerseits ebenfalls genau gemaess ihrer Natur. Alles in allem handelt jeder gemaess seiner Natur. So wie die Heiligen und die Engel in ihrer Heiligkeit bestaetigt werden -- was bedeutet, ihre Natur laesst sie der Gerechtigkeit zu-, der Suende dagegen abgeneigt sein --, genauso ist die Natur des gefallenen Menschen und der Daemonen: Sie koennen nicht eine einzige Handlung vollbringen, die dem Willen Gottes entspricht. Daher entsteht die Notwendigkeit, dass Gott souveraen die Natur eines Menschen aendert, wenn er ihn zu neuem Leben wiedergebiert. Die alttestamentliche Zeremonie der Beschneidung neugeborener Jungen und das Reinigungszeremonial der Mutter sind verordnet worden, um zu lehren: Der Mensch kommt in Suenden zur Welt; seit dem Suendenfall ist die menschliche Natur von Anfang an verderbt. Paulus bekraeftigt diese Wahrheit in 2 Kor 4,3f: >>Wenn aber unser Evangelium verhuellt ist, so ist es bei denen verhuellt, die verlorengehen; bei den Unglaeubigen, denen der Gott dieser Welt [gemeint ist der Teufel] die Sinne verblendet hat, so dass ihnen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit des Christus nicht aufleuchtet, welcher Gottes Ebenbild ist.<< Mit einem Wort: Gefallene Menschen befinden sich komplett unter der Herrschaft Satans, wenn der Geist Gottes nicht interveniert. Sie werden gefangen gefuehrt nach seinem Willen (2 Tim 2,26). So lange, bis der >>starke Mann in seiner Ruestung<< nicht von jenem angegriffen wird, der >>staerker ist als er<<, haelt er sein eigenes Reich aufrecht und seine Gefangenen unter seinem Willen. Aber der >>Staerkere<< hat ihn schon besiegt, hat ihm seine Waffen entrissen und einen Teil seiner Gefangenen befreit (Luk. 11, 21f.). Gott uebt sein Recht aus, zu befreien, wen immer er will; alle wiedergeborenen Christen sind erloeste Suender aus jenem Koenigreich. Die Heilige Schrift erklaert, dass der gefallene Mensch ein Gefangener ist, ein williger Sklave der Suende und damit vollkommen unfaehig, sich aus dieser Gefangenschaft und Verderbtheit zu befreien. Er kann nicht verstehen, und noch weniger tun, was Gott gefaellt. Das ist, was wir >>Freiheit zur Sklaverei<< nennen koennen -- ein Zustand, in dem der Sklave frei ist, alles zu tun, was sein Herr will, und das ist in diesem Fall die Suende. Genau diesen Zustand hat Jesus gemeint, als er sagte: >>Jeder, der die Suende tut, ist der Sklave der Suende<< (Joh 8, 34). Die menschliche Verderbtheit hat keinerlei Moeglichkeit, sich selbst zu erloesen. Des Menschen einzige Hoffnung auf Aenderung des Lebens liegt in einer Aenderung seines Wesens, die aber nur die souveraene und erneuernde Macht des Heiligen Geistes zuwege bringen kann, und der tut das genau dann, wann es ihm gefaellt. Jemanden bessern zu wollen, ohne erst sein Wesen geaendert zu haben, ist, wie wenn man das Wasser aus einem Schiff pumpt, ohne das Leck zu stopfen. Genauso wenig koennte ein Aethiopier seine Hautfarbe aendern, der Leopard seine Sprenkel, und jemand, der an die Suende gewoehnt ist, ploetzlich Gutes tun. Die Veraenderung von >>geistlich tot<< zu >>geistlichem Leben<< nennen wir Wiedergeburt. In der Bibel tritt dieses Phaenomen unter verschiedenen Namen auf: >>Wiedergeburt<<, >>aufwecken<<, >>von der Dunkelheit ins Licht<<, >>Belebung<<, >>Erneuerung<<, die Wegnahme des steinernen Herzens zugunsten eines Herzens aus Fleisch etc. -- All dies kann nur der Heilige Geist bewirken. Das Ergebnis dieser Veraenderung ist, dass der Mensch die Wahrheit erkennt und sie gluecklich annimmt. Seine innersten Instinkte und Antriebe sind auf die Seite des Gesetzes verlegt, und dass er diese nun befolgen will, ist ungezwungener Ausdruck seiner neuen Natur. Eph 1,18--20 zeigt, dass die Kraft, mit dem ein Mensch wiedergeboren wird, dieselbe ist, die Gott ausgeuebt hat, als er Christus von den Toten aufgeweckt hatte. Der Mensch hat nicht die Macht, sich selbst zu erneuern; bevor diese gravierende Aenderung in seinem eigenen Leben nicht stattgefunden hat, kann er nicht von der Wahrheit des Evangeliums ueberzeugt sein, so sehr er auch Bekehrte ueber dieses Wunder reden hoert. >>Wenn sie Mose und die Propheten nicht hoeren, dann werden sie auch nicht glauben, wenn jemand von den Toten zurueckkehrt.<< __________________________________________________________________ [62] Martin Luther, De servo arbitrio ("Vom unfreien Willen"). [3]http://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Martin_Luther_unfreier_Wille n.htm. [63] Ben A. Warburton, Calvinism, S. 48. [64] B. B. Warfield, Biblical Doctrines, S. 440. __________________________________________________________________ 3) Die Schaeden der allgemeinen Moral Der nicht wiedergeborene Mensch liebt seine Familie und kann ein guter Buerger sein. Er kann Millionen an ein Krankenhaus ueberweisen, aber einem Juenger, der im Auftrag Jesu handelt, kann er [aus dem Grund, weil er im Auftrag Jesu handelt] kein Glas Wasser reichen. Ein Trinker kann aus gesundheitlichen Gruenden aufhoeren zu trinken, aus Liebe zu Gott jedoch kann er es nicht. All seine guten Taten oder Tugenden kranken daran, dass sie nicht aus dem richtigen Beweggrund geschehen -- eben Gott zu verherrlichen. Dieser Schaden ist so umfassend, dass er das, was da noch an Gutem bleibt, im Schatten stehen laesst. Es ist egal, wie gut all diese Dinge vor uns selbst dastehen: solange wir sie nicht aus der Harmonie mit Gott heraus tun, sind sie geistlich nicht annehmbar. Darueber hinaus haben jene guten Werke der Unglaeubigen keine stabile Grundlage, denn die Natur des Unglaeubigen bleibt unveraendert; ganz natuerlicherweise waelzt sich die Sau nach der Schwemme wieder im Dreck, und so wird auch der Unglaeubige frueher oder spaeter zu seinem unheiligen Lebenswandel zurueckkehren. Das Wesen der Moral laesst die Werke aus ihr hervorgehen, nicht umgekehrt. Jemand kann Engels- und allerlei Menschensprachen beherrschen; wenn er das innerliche Prinzip der Gottesliebe nicht kennt, ist er wie ein klingendes Stueck Metall, eine Zimbel, die irgendwer geschlagen hat. Er kann alle seine Habe den Armen geben oder seinen Koerper verbrennen lassen -- es bringt ihm ohne die Liebe Gottes alles gar nichts. Als Menschen wissen wir genau: Wenn uns einer unserer Feinde aus selbstsuechtigen Motiven heraus etwas Gutes tut, bekommt er unsere Liebe und Anerkennung nicht. Die Aussage der Schrift: >>Ohne Glauben ist es unmoeglich, Gott zu gefallen<< findet seine korrekte Anwendung darin, dass der Glaube erst die Grundlage aller anderen Tugenden ist; kommen sie nicht aus dieser Quelle, sind sie fuer Gott nicht annehmbar. Jede gute Tat wird an der Norm, Gott zu lieben, gemessen. Diese Liebe gegenueber Gott ist die Seele aller anderen Tugenden und wird uns ausschliesslich aus Gnaden zuteil. Augustinus leugnete nicht etwa die natuerlichen Tugenden wie Besonnenheit, Redlichkeit, Edelmut, die die Menschen durchaus achten und als Verdienst werten. Doch da ist ein grosser Unterschied: Hier muss eine Linie gezogen werden zwischen menschlicher Tugend und den speziellen christlichen Gnaden (Glaube, Liebe und Dankbarkeit gegenueber Gott usf.). Letztere allein sind >>gut<< im strikten Sinn des Wortes, und ihnen allein auch schreibt Gott Wert zu. Der Unterschied kann anhand eines sehr guten Beispiels gezeigt werden. Es stammt von W. D. Smith. Er sagt: >>Unter Piraten findet man viele Dinge, die an sich gut sind. Obgleich sie sich gegen die Gesetze der Regierung verschworen haben, haben sie ihre eigenen Gesetze und Regeln, die sie strikt einhalten. Unter ihnen finden sich Mut und Treue zusammen mit vielen anderen Dingen, die sie als Piraten auszeichnen. Sie moegen immer noch gewisse Gesetze der Regierung einhalten, aber das tun sie nicht deshalb, weil sie diese Gesetze als Gesetze der Regierung achten, sondern weil sie mit ihren eigenen Gesetzen zufaellig uebereinstimmen. Gebietet die Regierung, ehrlich zu sein, so koennen sie das sehr wohl auch untereinander. Sie teilen sich den Raub auf ehrliche Weise. Was aber die Regierung selbst anlangt und alle ihre Gesetze, so bleibt ihr ganzes Leben eine Unehrlichkeit. Nun ist es klar: Solange sie dieses Leben leben, koennen sie nicht erwarten, dass sie sich damit der Regierung als Buerger empfehlen koennen. Zuerst muessten sie ihre Rebellion aufgeben und der Regierung Loyalitaet schwoeren und um Gnade bitten. Auf diese Weise sind alle Menschen in ihrem natuerlichen Zustand Gottes Rebellen, und Obgleich sie hie und da Gottes Gesetz entsprechen und sehr menschlich handeln, geschieht all das nicht aus den richtigen Motiven; sie handeln Gott und seinen Gesetzen nicht konform. Stattdessen haben sie ihre eigenen Gesetze aufgestellt, die ihnen das Hoechste sind: Gesellschaft, die Achtung der Oeffentlichkeit, Eigeninteresse, ihr Image oder andere weltlich-boese Motive. Von diesen Gesetzen werden sie regiert und beherrscht; Gott, dem sie eigentlich gehoerten, haben sie vergessen, und wenn man gelegentlich seiner gedenkt, werden doch seine Ansprueche zurueckgewiesen und sein Rat verschmaeht; der Mensch lehnt den Gehorsam gegen Gott von ganzem Herzen ab.<< Es sollte klar geworden sein: Der Mensch, der in diesem Zustand bleibt, rebelliert gegen Gott und kann nichts tun, was ihn fuer Gott annehmbar machen koennte. Der erste Schritt waere, seine Rebellion aufzugeben, seine Suenden zu bereuen, sich Gott zuzuwenden und um Vergebung und Versoehnung durch den Erloeser zu bitten. Doch genau das will er ja nicht, solange er nicht erst willig gemacht wird. Er liebt seine Suenden und will sie weiterhin ausueben, so lange, bis er ein neues Herz bekommt. Smith faehrt fort: >>Die guten Taten Unglaeubiger sind nicht suendig in sich selbst, sondern sie sind suendig, weil etwas daran fehlt. Es fehlt ihnen das Grundprinzip, das sie vor Gott als gut rechtfertigt. Am Beispiel der Piraten sieht man ja: Alles, was sie tun, ist gesetzeswidrig. Als Piraten sind ihre Seglereien, Ausbesserungsarbeiten, ihre Schiffsarbeiten und sogar ihre Mahlzeiten und Trinkgelage vor der Regierung nichts als Rebellion, denn alles, was sie damit tun, tun sie, damit sie weiterhin Piraterie betreiben koennen. All diese Dinge sind immer nur Teil ihrer Rebellion. Genauso verhaelt es sich mit den Suendern. Solange ihr Wesen nicht stimmt, ist in Gottes Augen alles beeintraechtigt, was sie tun, selbst die einfachsten taeglichen Verrichtungen, denn die klare und unmissverstaendliche Stimme Gottes sagt: >Stolze Augen und aufgeblasene Herzen, das ist die Leuchte der Gottlosen -- doch es ist Suende<<< (Spr 21,4). [65] Unfaehigkeit ist's, was die Schrift meint, wenn sie sagt: >>Denn die im Fleisch sind, koennen Gott nicht gefallen<< (Roem 8,8). >>Alles, was nicht aus Glauben geschieht, ist Suende<< (Roem 14,34). >>Ohne Glauben ist es unmoeglich, Gott zu gefallen<< (Heb. 11,6). Sogar die guten Taten der Unglaeubigen sind also ausgerissene und verbluehende Blumen. Deswegen hat Jesus zu seinen Juengern gesagt: >>Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisaeer, werdet ihr keineswegs ins Himmelreich kommen.<< Da aber die Tugenden der Unglaeubigen gerade jener Natur sind, sind sie nur voruebergehend. Wer sie besitzt, gleicht jenem, bei dem der Samen auf das Steinige faellt und zwar sehr schnell aufgeht, aber dann verwelkt, wenn die Sonne kommt, weil er keine Wurzeln hat. Aus all diesem folgt nun genau das, was wir die Errettung einzig und allein aus Gnaden genannt haben. Es bleibt Gott ueberlassen, in Harmonie mit seiner unendlichen und vollkommenen Natur, ob er jemanden rettet, ob es einige, viele oder auch alle sind -- alles ganz nach seinem souveraenen Willen. Es folgt daraus auch: Die Errettung basiert nicht auf irgend einer menschlichen Beschaffenheit. Es haengt ganz allein von Gott und nicht vom Menschen ab, wem Er das ewige Leben gibt und wem nicht. Gott handelt voellig souveraen, wenn er einigen seine Gnade zuwendet, waehrend er die anderen dem ueberlasst, was sie rechtmaessig verdienen. Die Suender werden in ihrer Hilflosigkeit mit Toten verglichen, ja sogar mit vertrockneten Knochen. Darin sind sie sich alle gleich. Die Wahl des ewigen Lebens ist absolut: Es ist, als greife Christus in einzelne Graeber, um hier und da welche hervorzuholen und wiederzubeleben; der Grund, warum er diese und nicht andere erweckt, kann nur seinem Wohlgefallen zugeschrieben werden, nicht aber in den Toten gefunden werden. Daher auch die Aussage, dass wir vorherbestimmt sind nach dem Wohlgefallen seines Willens und nicht wegen eigener guter Taten; vorherbestimmt, um heilig zu sein, nicht weil wir es schon waren (Eph 1,4.5). >>Da alle Menschen ausnahmslos nur Gottes Zorn und Fluch verdient haben, ist die Opferung seines einzigen Sohnes anstelle der Suender als einzige Moeglichkeit zur Suehne die erstaunlichste Darstellung unverdienter Gnade und persoenlicher Liebe, die das Universum je gesehen hat.<< [66] __________________________________________________________________ [65] Egbert W. Smith, What is Calvinism?, S. 125-127. [66] A. A. Hodge, Flugschrift Presbyterian Doctrine, S. 23. __________________________________________________________________ 4) Der Suendenfall Der Fall der Menschheit in den Zustand der Suende und des Elends ist der Grund und die Basis fuer die Erloesung, wie sie uns in der Heiligen Schrift geschildert wird; auf diesem Grund und auf dieser Basis ruht unser Gedankengebaeude. Nur der Calvinismus nimmt die Lehre vom Suendenfall wirklich ernst. Die Bibel selbst erklaert von Anfang bis zum Ende den Bankrott -- den totalen Bankrott -- der menschlichen Verfassung: Der Mensch ist in einem Zustand der Suende und der Gefallenheit, aus dem er sich unmoeglich erloesen kann. Gott haette ihn gerechterweise dem Verderben ueberlassen koennen. Die Erzaehlung vom Suendenfall findet sich im AT in 1. Mose 3; das NT bezieht sich darauf in Roem 2,12--21; 1 Kor 15,22; 2 Kor 11,3; 1 Tim. 2,13f usf. Das Neue Testament betont nicht die Faktizitaet des Geschehenen, sondern den ethischen Aspekt des Gefallenseins. Die Schreiber des NT verstanden diesen Fall woertlich und haben ihre Theologie darauf gegruendet. Fuer Paulus war Adam genauso real wie Christus, der Suendenfall genauso wirklich wie die Erloesung. Es mag zwar eingewendet werden, die Apostel haetten sich geirrt; dass sie die Dinge aber so und nicht anders verstanden, kann hingegen nicht angezweifelt werden. Dr . A . A . Hodge hat diesen Umstand recht anschaulich dargestellt, daher fuehre ich seine Darstellung hier an: >>Da es in der Natur der Sache liegt, dass nicht jedermann dieselbe Chance wie Adam bekommen kann, wenn er auf die Welt kommt, hat Gott, der ueber die Menschheit zu ihrem Besten wacht, allen Menschen in Adam unter den allerbesten Voraussetzungen die stellvertretende Chance gegeben, sich zu entscheiden und damit fuer die ganze Menschheit zu entscheiden. Er hat ihm einen >>Bund der Werke und des Lebens<< gestiftet: Er hat ihm fortdauerndes Leben garantiert, sofern sich Adam (und in ihm alle Menschen) an diesen Bund haelt, ihm mithin gehorsam ist. Der geforderte Gehorsam war eine Pruefung auf Zeit: entweder andauernder Gehorsam oder Tod aufgrund von Ungehorsam. Der versprochene >>Lohn<< war das ewige Leben, eine Gnade, die viel mehr umfasste, als was Adam urspruenglich zugesagt war. Diese Zusage haette die Menschheit in einen Zustand unanfechtbarer Heiligkeit und unausgesetzten Glueckes erhoben. Die angedrohte 'Strafe war der Tod: 'An dem Tag, an dem du davon essen wirst, muss du sterben. Welcher Natur dieser Tod war, kann man nur anhand des Folgenden verstehen: Gottesferne und Entzug aller goettlichen Kommunikation, von der das Leben abhing. Daher die Entfremdung und der Fluch Gottes; Schuldgefuehle und Verderbtheit der menschlichen Natur, wiederholte Uebertretung von Gottes Gebot, das ganze Elend des Lebens, die Aufloesung der Koerper und die Hoellenstrafe.<< [67] Die Konsequenz der Suende Adams wird im weitesten Sinn >>Tod<< genannt. Paulus formuliert es so: >>Der Lohn der Suende ist der Tod.<< Die Totalzurechnung des Todes, die Adam erlitt, versteht man erst, wenn man alle Konsequenzen bedenkt, die der Mensch seither zu tragen hat. Der Anfang der Strafe war geistlicher Tod oder die Trennung von Gott; der physische Tod des Koerpers ist eine der ersten Fruechte dieser Strafe und eine vergleichsweise unbedeutende im Hinblick auf die viel groessere Strafe, die ihm folgt. Adam starb erst ungefaehr 930 Jahre nach dem Fall, aber er starb geistlich gesehen in dem Moment, als er gesuendigt hatte. Er starb so, wie ein Fisch zu sterben beginnt, wenn man ihn aus dem Wasser zieht oder wie eine Pflanze, die man entwurzelt. >>Allgemein pflegen wir eine falsche Auffassung vom Fall Adams. ... Adam ist nicht in direkter Weise von Satan versucht worden. ... Satan versuchte Eva, und Eva liess sich verfuehren. Dass Adam nicht verfuehrt worden ist, wissen wir aus 1 Tim 2,14. Er erlag keiner satanischen List, sondern tat das, was er getan hatte, willentlich und bewusst. In vollem Bewusstsein, was er tat, ist er darin absichtlich seiner Frau in ihre suendige Uebertretung gefolgt. Es ist dieses absichtsvolle Wollen des Menschen gewesen, was seinen nunmehr ruchlosen Charakter hervorgebracht hat. Waere er von Satan aufgrund einer Macht zum Nachgeben gezwungen worden, dann haetten wir zweifellos versucht, seinen Fall zu entschuldigen. Da er aber mit vollem Bewusstsein und Trotz gegen den Schoepfer gehandelt hatte, kann fuer seinen Fall keinerlei Entschuldigung gefunden werden. Seine Tat war willentlich, eine trotzige Rebellion, die ihn augenblicklich aus der Gefolgschaft Gottes in die Gefolgschaft Satans versetzte.<< [68] War das denn etwa kein Fall? Es war ein fuerchterlicher Fall! Je mehr wir in den menschlichen Abgrund suendigen Seins blicken, desto leichter faellt es uns, zu verstehen, was diese Erb-Suende bedeutet. Man betrachte diese Erde als Ganzes: all die Moerder, Raeuber, Trinker, Kriege, zerstoerte Familien und Verbrechen aller Art. All die ausgekluegelten Verbrechen und Laster, wie sie seit dem Bestehen der Menschheit ausgeuebt werden, erzaehlen uns eine beaengstigende Geschichte. Ein grosser Teil der Heiden -- sowohl vor Zeiten als auch heute -- wird in der Dunkelheit des Heidentums gelassen, hoffnungslos von Gott entfernt. Wie alle Arten der Ablehnung haelt der Modernismus Einzug -- auch in den Gemeinden. Auch die so genannte christliche Presse ist stark von Unglauben durchzogen. Man beachte die generelle Neigung, weniger zu beten oder in der Bibel zu lesen, ganz zu schweigen von geistlichen Dingen! Wie flieht der Mensch seit Adam alles, was goettlich ist! Er will nicht mit Gott reden, und sein Herz ist voller Feindschaft gegen seinen Schoepfer. Die Natur des Menschen ist zweifellos verkehrt. Die taeglichen Zeitungen berichten von Ereignissen -- auch in einem so erleuchteten Land wie Amerika -- die zeigen, wie suendig der Mensch, wie gottfern er ist und von unheiligen Prinzipien geleitet. Die einzig angemessene Erklaerung dafuer lautet, dass die Todesstrafe, die den Menschen vor seinem Fall bedrohte, jetzt auf der Menschheit liegt. Wir leben in einer verlorenen Welt, einer Welt, die, wenn sie sich ueberlassen bliebe, von Ewigkeit zu Ewigkeit schlimmer wuerde, einer Welt, die von Ungerechtigkeit und Gotteslaesterung nur so raucht. Die Auswirkungen des Suendenfalles neigen den menschlichen Willen ausschliesslich hin zu Suende und Torheit. Tatsaechlich erlaubt es Gott nicht, dass die Menschheit immer mehr verdirbt, wie es ohne diese goettliche Intervention zweifellos der Fall sein wuerde. Er uebt bremsende Einfluesse aus, bringt Menschen dazu, einander zu lieben, ehrlich, menschenfreundlich und aufeinander bedacht zu sein. Wenn Gott diese Einfluesse nicht ausuebte, steigerte sich die Gefallenheit des Menschen bis ins Allerschlechteste; es braechen alle sozialen Konventionen irgendwann zusammen und der Zenit der Gesetzlosigkeit waere bald erreicht. Die Erde waere in einem Zustand, in dem ein Leben als Auserwaehlter nicht mehr moeglich waere. __________________________________________________________________ [67] Ebd., S. 19-20. [68] Warburton, Calvinism, S. 34. __________________________________________________________________ 5) Das Prinzip der Stellvertretung Wir kennen die Idee der Stellvertretung sehr gut. In einem Land mit einem brauchbaren Praesidenten handelt das Volk durch seine Repraesentanten in der Legislative und kommt in den Genuss seiner Fruechte. Ein schlechter Praesident verursacht schlimme Konsequenzen. Eltern sind fuer die Kinder verantwortlich und bestimmen zu einem grossen Ausmass ihr Schicksal. Sind die Eltern weise, tugendhaft und sparsam, dann ernten die Kinder den Segen; sind sie dagegen faul und unmoralisch, dann muessen die Kinder darunter leiden. Das Wohlergehen Einzelner ist in tausenden Faellen von den Handlungen anderer Menschen abhaengig; dieses Prinzip illustriert die Verflochtenheit des menschlichen Lebens. Die biblische Lehre, dass Adam stellvertretend fuer die ganze Menschheit steht, ist eine Anwendung jenes Prinzips, das wir jeden Tag beobachten koennen. Dr . Charles Hodge hat diesen Umstand im folgenden Abschnitt sehr geschickt formuliert: >>Das Prinzip der Stellvertretung durchzieht die ganze Heilige Schrift. Die Anrechnung der Suende Adams auf seine Nachwelt ist kein singulaeres Ereignis. Es ist nur eine Illustration eines allgemeinen Prinzips, welches das Rechtsverhalten Gottes von Beginn an zeigt. Gott erklaert Mose, dass er die Schuld der Vaeter an den Kindern und den Kindeskindern bis ins dritte und vierte Geschlecht heimsucht (2 Mo 34,6f.). ... Der Fluch, der Kanaan [den Namensgeber; A. d. Ue.] traf, traf seine Nachkommenschaft. Mit dem Verkauf seines Erstgeburtsrechtes schloss Esau seine Nachkommenschaft vom Bund der Verheissungen aus. Die Kinder Moabs und Ammons wurden fuer alle Ewigkeit von der Versammlung des Herrn ausgeschlossen, weil ihre Vorfahren die Israeliten am Durchzug nach Aegypten hindern wollten. Sowohl ihre Frauen als auch ihre Kinder mussten sterben, weil Dathan und Abiram (und auch Achan) gesuendigt hatten. Gott teilte Eli mit, dass die Suende seines Hauses niemals und durch kein Opfer mehr ausgetilgt werden koenne. David wurde mitgeteilt: 'Das Schwert wird nicht mehr von deinem Hause weichen, weil du mich verachtet hast, indem du die Frau Urias des Hethiters zu deiner eigenen gemacht hast. Dem ungehorsamen Gehasi wurde gesagt: 'Der Aussatz Naemans soll fuer immer an dir und deinen Kindern haften. Die Suende Jerobeams und seiner Generation bestimmte das Schicksal der zehn Staemme fuer alle Zeiten. Die Selbstverwuenschung der Juden, als sie die Kreuzigung Christi gefordert hatten, wirkt sich immer noch auf das zerstreute Volk aus. ... Dieses Prinzip zieht sich durch die ganze Schrift. Der Bund Gottes mit Abraham war nicht auf ihn beschraenkt, sondern meinte auch seine Nachkommenschaft. Sie war an all die Bedingungen des Bundes geknuepft. Sie genossen die Versprechen und empfingen die Drohungen, und in hunderten von Faellen traf die Strafe fuer Ungehorsam auch jene, die persoenlich nicht ungehorsam waren. Die Kinder mussten in den Strafgerichten genauso leiden, war es nun Hungersnot, Pest oder Krieg, mit dem ihre Suenden bestraft wurden. ... Die Juden leiden heute immer noch unter der Strafe fuer die Ablehnung dessen, von dem Mose und die Propheten gesprochen hatten. Der ganze Heilsplan beruht auf diesem Prinzip. Christus ist der Repraesentant seines Volkes; auf dieser Basis wurde alle Schuld ihm angerechnet und seine Gerechtigkeit dem Volk. ... Niemand, der an die Bibel glaubt, kann seine Augen vor der Tatsache verschliessen, dass sie an jeder Stelle die Idee der Stellvertretung der Eltern gegenueber ihren Kindern lehrt und dass das Rechtshandeln Gottes von Beginn an auf der Basis beruht, dass Kinder unter den Suenden ihrer Vaeter zu leiden haben. Das ist einer der Gruende, weshalb Unglaeubige den goettlichen Ursprung der Heiligen Schrift leugnen. Aber Unglaube beweist nicht das Gegenteil, denn die Geschichte lehrt uns das Gleiche. Die Bestrafung des Verbrechers zieht immer auch seine Familie in Mitleidenschaft und Elend. Der Verschwender und Trinker zieht alle in sein Elend hinein, die mit ihm verbunden sind. Es gibt keine Nation auf Erden, deren Wohl oder Wehe nicht zum grossen Teil vom Charakter und Verhalten ihrer Vorfahren abhaengt. ... Die Idee der Schulduebertragung oder der stellvertretenden Strafe liegt allen Opfern im Alten Testament zugrunde, und ebenso dem grossen Suehnopfer des Neuen Testaments. Suenden zu tragen bedeutet in biblischer Sprache immer auch die Strafe fuer Suende tragen zu muessen. Das Opfer uebernahm die Suenden des Opfernden. Bevor das Opfer geschlachtet wurde, wurde dem Opfertier die Hand auf den Kopf gelegt, um die Schulduebertragung zu symbolisieren. Das Tier selbst musste fehlerlos sein, damit klar zutage trat: Sein Blut wird nicht wegen eigener Maengel vergossen, sondern aufgrund der Suende eines anderen (des Menschen). All das war Symbol und Typus. ... Das ist es, was die Schrift ueber das Opfer Christi lehrt. Er hat unsere Suenden getragen, er wurde fuer uns zum Fluch, er erlitt die Strafe des Gesetzes an unserer Stelle. All das ist nur moeglich, wenn es moeglich ist, die Suende des einen auf einen anderen gerechterweise zu uebertragen.<< [69] Die Bibel sagt uns, dass >>durch des einen Ungerechtigkeit die Vielen zu Suendern wurden<< (Roem 5,19). >>Durch einen Menschen ist die Suende in die Welt gekommen, und damit auch der Tod; und so ist der Tod zu allen Menschen gekommen [=sind alle gestorben; A. d. Ue.], denn es haben auch alle gesuendigt<< (Roem 5,12). >>Durch die Uebertretung eines Menschen ist die Verurteilung ueber alle gekommen<< (Roem 5,18). Es ist, als haette Gott gesagt: Wenn die Suende in die Welt kommt, dann durch einen Mann, so dass auch die Gerechtigkeit durch einen Mann verliehen wird. Adam war nicht nur der Vater, sondern auch der Repraesentant der gesamten Menschheit. Wenn wir die enge Beziehung zwischen ihm und der Menschheit richtig verstehen, dann verstehen wir auch, inwiefern seine Suende gerechterweise die ganze Menschheit betrifft. Adams Suende wird allen Menschen so zugerechnet, wie die Gerechtigkeit Christi allen zugerechnet wird, die an ihn glauben. Adams Nachkommen sind freilich nicht persoenlich schuld an seiner Suende -- genauso wenig haben sie in ihrem Glauben an Christi Gerechtigkeit etwas daran persoenlich verdient. Leiden und Tod werden zu Konsequenzen der Suende erklaert; der Grund, weshalb alle sterben, liegt darin, dass >>alle gesuendigt haben<<. Jetzt wissen wir aber, dass viele schon im Kleinkindalter leiden und sterben, noch bevor sie persoenlicher Suende schuldig geworden sind. Entweder ist Gott also ungerecht, wenn er die Unschuldigen bestraft, oder diese Kleinkinder sind in irgendeinem Sinne doch schuldig. Wenn aber schuldig, wie koennen sie gesuendigt haben? Es ist unmoeglich, ihnen irgendeine Schuld zuzuschreiben ausser die, dass sie als Nachkommen Adams gesuendigt haben (1 Kor 15,22; Roem 5,12.18); allerdings koennen sie in keiner anderen Art und Weise gesuendigt haben als eben durch jenes Prinzip der Stellvertretung. Obgleich wir nicht persoenlich an Adams Suende schuld sind, werden wir dennoch haftbar gemacht. So sagt Dr. A. A. Hodge: >>Die Schuld von Adams oeffentlicher Suende wird durch einen gerichtlichen Akt Gottes an jedermann sofort vollzogen, der auf die Welt kommt, und auch an all seine Nachkommen. Somit ist die Geburt eines jeden Menschen schon allem Einfluss des Heiligen Geistes beraubt, von dem doch sein moralisches und geistliches Leben abhaengt. ... Von Anfang an wohnt ihrer Natur die Tendenz zur Suende ein; diese Tendenz ist selber Suende und bestrafenswert. Die menschliche Natur behaelt seit dem Fall zwar die Faehigkeiten von Vernunft, Gewissen und Handlungsfreiheit und bleibt daher moralisch voll verantwortlich. Doch sie ist geistlich tot; sie ist in ihrer Aversion gegenueber allem, was in Beziehung auf Gott zu tun oder zu lassen waere, voellig unfaehig; sie kann ihre eigenen boesen Neigungen unter keinen Umstaenden aendern oder sich auch nur moralische Tendenzen aneignen oder zu einer solchen Aenderung hinneigen, sie kann letztlich nicht einmal mit dem Heiligen Geist kooperieren, der eine solche Aenderung herbeifuehren moechte.<< [70] Zu den gleichen Schlussfolgerungen kommt Dr . R . L . Dabney in seiner Systematik, jener bedeutende Theologe der Presbyterianischen Kirche: >>Die Erklaerung der Lehre der Schuldzurechnung wird von allen akzeptiert, ausser von den Pelagianern und Sozinianern [71] . Der Mensch ist geistlich tot und gehoert einer verdammten Rasse an (Eph 2,1--5 u. a.). Ganz offensichtlich steht er unter dem Fluch, und zwar von Anbeginn seines Lebens. Man beachte doch einmal die angeborene Verderbtheit von Kleinkindern; ihr Erbe ist Leid und Tod. Entweder wurde der Mensch im Repraesentanten Adam getestet und fiel mit ihm, oder er wird zu Unrecht verdammt. Entweder steht er unter dem Fluch der Suende Adams (und dies von Anbeginn seines Lebens), oder er ist ueberhaupt nicht schuldig. Richten Sie selbst, was Gottes eher wuerdig ist: Eine geheimnisvolle Lehre, die Gott die Menschheit mit seinem ersten Vertreter gerechterweise und nach hervorragenden Bedingungen testen laesst, oder eine Lehre, die den Menschen ohne Pruefung verdammt, noch bevor er geboren wird.<< [72] __________________________________________________________________ [69] Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 2, S. 198, 199, 201. [70] A. A. Hodge, Presbyterian Doctrine, S. 21. [71] Die Sozinianer leugneten die Dreieinigkeit, die Fleischwerdung und die Sakramente (A. d. Ue.). [72] Robert L. Dabney, Systematic Theology, S. 330. __________________________________________________________________ 6) Die Guete und die Strenge Gottes Ein Ueberblick ueber den Suendenfall und dessen Ausmass ist keine erfreuliche Sache. Er beweist dem Menschen, dass all seine Versuche, gut zu sein, vergeblich sind, und dass all seine Hoffnung allein in der Gnade des allmaechtigen Gottes liegt. Die >>gnaedig wiederhergestellte Faehigkeit<<, die die Arminianer behaupten, passt keineswegs zu den Tatsachen. Die Bibel, die Geschichte und die Erfahrung des Christen stuetzen in keiner Weise diese guenstige Ansicht des arminianischen Systems, demzufolge der moralische Zustand des Menschen eine solche Faehigkeit hat, in keiner Weise. Im Gegenteil werden wir eines sehr duesteren Bildes gewahr, wenn wir die furchtbare Verderbtheit und die allumfassende Neigung des Menschen zum Boesen betrachten, die einzig und allein durch goettliche Gnade ueberwunden werden kann. Der Calvinismus lehrt einen wesentlich ernsteren Suendenfall -- und damit eine leuchtendere und herrlichere Manifestation der Gnade Gottes. Aus diesem Ernst heraus lernt der Christ, voellig an sich zu verzweifeln und sich bedingungslos in die Arme Gottes zu werfen und sich auf die unverdiente Gnade zu verlassen, die allein ihn retten kann. Wir muessen Gottes Gnade und seine Strenge im geistlichen und im natuerlichen Bereich zusammenschauen. Das Leben ist voll schrecklicher Tatsachen, vor denen man, so unangenehm das ist, nicht die Augen verschliessen darf. Ihre Existenz kann nicht geleugnet werden. Die ganze Schrift hindurch, und speziell in den Worten Christi selbst, finden wir Beschreibungen der entsetzlichen Qualen, die den Boesen widerfahren werden. In Matthaeus allein finden sie sich: 5,29f; 7,19; 10,28; 11,21--24; 13,30.41.42.49.50; 18,8f.34; 21,41; 22,14; 24,15; 25,12.30.41 und 26,24. Eine Lehre, die dermassen starke Bedeutung aus den Worten Christi selbst erhaelt, darf nicht unerwaehnt bleiben, so Abscheuliches sie auch mitteilen mag! Im naechsten Leben werden alle Boesen, all ihrer Hemmnisse entkleidet, direkt ihren Neigungen folgen und weitersuendigen. Gott weiterhin laesternd und fluchend, werden sie verabscheuungswuerdiger und boshafter und sinken so tiefer und tiefer in den bodenlosen Abgrund. Ewige Bestrafung ist die Strafe fuer endloses Suendigen. Darueber hinaus eignet es der Ehre und Herrlichkeit Gottes gleichermassen, die Boesen zu bestrafen wie die Gerechten zu belohnen. Viel von der Lauheit unter den Christen heute ist auf die Fehler der christlichen Leiter zurueckzufuehren, diese Lehren, die Christus so oft wiederholt hat, zu wenig zu betonen. In unserer natuerlichen Welt sehen wir Gottes Strenge in Kriegen, Hungersnoeten, Ueberflutungen, Katastrophen, Krankheiten, Leiden, Todesfaellen und Verbrechen, die Ungerechte und Gerechte gleichermassen treffen. All dies findet in einer Welt statt, die vollkommen unter der Kontrolle eines unendlich vollkommenen Gottes steht. >>So sieh nun die Guete und Strenge Gottes<< (Roem 11,22). Der Naturalismus wird weder dem einen noch dem anderen gerecht. Der Arminianismus preist das eine und verleugnet das andere. Der Calvinismus ist das einzige Lehrgebaeude, das beiden Teilen gerecht wird. Er allein entwickelt aus diesen Gegebenheiten ein angemessenes Lehrgebaeude, das die ewige und unendliche Liebe Gottes beruecksichtigt, die seinem Volk eine Erloesung errungen hat, und zwar auf Kosten seines einzigen Sohnes, den er damit ans Kreuz schicken musste; er beruecksichtigt aber auch den unueberwindbaren und schrecklichen Abgrund, der den Menschen vom heiligen Gott trennt. Es ist wahr: Gott ist Liebe, aber zusammen mit dieser Tatsache muss die andere erwaehnt werden: >>Gott ist ein verzehrendes Feuer<< (Heb. 12,29). Jedes Lehrgebaeude, das eine dieser Tatsachen ignoriert oder auch nur weniger betont als die andere, ist ein verstuemmeltes Lehrgebaeude, ganz egal, wie plausibel es sonst klingen mag. Diese Lehre von der totalen Unfaehigkeit des Menschen ist streng und ernst und scheint sich zu verbitten. Wir muessen uns aber daran erinnern, dass wir keine Erlaubnis haben, uns ein Lehrgebaeude nach unserem Geschmack zu entwerfen. Wir muessen die Tatsachen nehmen, wie wir sie vorfinden. Solche Beschreibungen des wahren Zustands des Menschen werden Nichtchristen freilich sehr verletzend finden, und viele haben den Versuch unternommen, ein System zu entwerfen, das dem Menschen etwas schmackhafter erscheint. Der Zustand des gefallenen Menschen ist so schlimm, dass er willig und freudig allen Theorien lauscht, die ihn auf irgendeine Weise von Gott unabhaengig sein lassen; er will der Herr seines eigenen Schicksals, er will der Kapitaen seines Lebens sein. Der verlorene, zerstoerte und hilflose Zustand des Suenders muss ihm staendig vorgehalten werden, denn bevor er das nicht verstanden hat, sucht er niemals die Hilfe einzig und alleine dort, wo er sie finden kann. Armer Mensch! Ganz fleischlich unter die Suende verkauft, ohne jede Kraft und ohne jede Neigung, sich von sich selbst aus Gott zuzuwenden, und was noch schlimmer ist: Er ist ein anmassender Rebell und laesterlicher Rivale des grossen Jahwe. Ich habe dieser Lehre von der totalen Unfaehigkeit oder der Erbsuende einen etwas laengeren Abschnitt widmen muessen, um das Fundament legen zu koennen, auf welchem die Praedestinationslehre ruht. Diese Seite des Bildes ist dunkel, sehr dunkel sogar, seine Beigabe jedoch ist die Ehre und Herrlichkeit Gottes in der Erloesung. Jede dieser Wahrheiten muss in ihrem wahren Licht gesehen werden, bevor die anderen verstanden werden koennen. __________________________________________________________________ 7) Belege aus der Schrift 1 Kor 2,14: Der natuerliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss. 1 Mo 2,17: ... aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Boesen sollst du nicht essen; denn welchen Tages du davon isst, musst du unbedingt sterben! Roem 5,12: Darum, gleichwie durch einen Menschen die Suende in die Welt gekommen ist und durch die Suende der Tod, und so der Tod zu allen Menschen hindurchgedrungen ist, weil sie alle gesuendigt haben ... 2 Kor 1,9: Ja, wir hatten in uns selbst schon das Todesurteil, damit wir nicht auf uns selbst vertrauten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt. Eph 2,1--3: -- auch euch, die ihr tot wart durch Uebertretungen und Suenden, in denen ihr einst gelebt habt nach dem Lauf dieser Welt, gemaess dem Fuersten, der in der Luft herrscht, dem Geist, der jetzt in den Soehnen des Ungehorsams wirkt, unter denen auch wir alle einst unser Leben fuehrten in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten; und wir waren von Natur Kinder des Zorns, gleichwie die anderen. Eph 2,12: -- dass ihr in jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen von der Buergerschaft Israels und fremd den Buendnissen der Verheissung; und ihr hattet keine Hoffnung und wart ohne Gott in der Welt. Jer 13,23: Kann wohl ein Mohr seine Haut verwandeln, oder ein Leopard seine Flecken? Koennt ihr auch Gutes tun, die ihr gewohnt seid, Boeses zu tun? Ps 51,7: Siehe, ich bin in Schuld geboren, und meine Mutter hat mich in Suenden empfangen. Joh 3,3: Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reicht Gottes nicht sehen! Roem 3,10--12: ... wie geschrieben steht: Es ist keiner gerecht, auch nicht einer; es ist keiner, der verstaendig ist, der nach Gott fragt. Sie sind alle abgewichen, sie taugen alle zusammen nichts; da ist keiner, der Gutes tut, da ist auch nicht einer! Hiob 14,4: Gibt es einen Reinen unter den Unreinen? Keinen einzigen! 1 Kor 1,18: Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verlorengehen; uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine Kraft Gottes. Apg 13,41: Seht, ihr Veraechter, und verwundert euch und werdet zunichte, denn ich tue ein Werk in euren Tagen, ein Werk, das ihr nicht glauben werdet, wenn es euch jemand erzaehlt! Spr 30,12: ... ein Geschlecht, das rein ist in seinen eigenen Augen und doch von seinem Kot nicht gewaschen ist. Joh 5,21: Denn wie der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will. Joh 6,53: Darum sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch. Joh 8,19: Da sprachen sie zu ihm: Wo ist dein Vater? Jesus antwortete: Ihr kennt weder mich noch meinen Vater. Wenn ihr mich kennen wuerdet, so wuerdet ihr auch meinen Vater kennen. Mt 11,25: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmuendigen geoffenbart hast! 2 Kor 5,17: Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schoepfung; das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden! Joh 14,16f: Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Troester geben, dass er bei euch bleibt in Ewigkeit, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie beachtet ihn nicht und erkennt ihn nicht; ihr aber erkennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Joh 3,19: Darin aber besteht das Gericht: dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren boese. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XI __________________________________________________________________ Unbedingte Erwaehlung __________________________________________________________________ 1) Der Lehrsatz Die Lehre von der Erwaehlung muss als Teil der allgemeineren Lehre der Praedestination oder Vorbestimmung gesehen werden, insofern sie die Errettung von Suendern betrifft. Da die Schrift hauptsaechlich von der Errettung von Suendern handelt, kommt diese Lehre besondere Bedeutung zu. Sie hat eng mit der allgemeineren Lehre der Vorherbestimmung zu tun, die, da sie vom Tun eines unendlich vollkommenen Wesens handelt, als ewige, absolute, unwandelbare und in ihrer Wirkung unfehlbare Festlegung seines Willens verstanden werden muss. Hier geht es um jene Menschen, die Gott erretten will. Kein Aspekt dieser Wahl ist deutlicher als seine absolute Souveraenitaet. Der reformierte Glaube beruft sich auf die Existenz eines ewigen, goettlichen Beschlusses, der noch vor irgend einem Unterschied oder Verdienst der Menschen die Menschheit in zwei Gruppen teilt und den einen ewiges Leben bestimmt, den anderen den ewigen Tod. [73] Insofern dieser Beschluss sich auf Menschen bezieht, bestimmt er den Rat Gottes darin, dem Menschen in Adam eine faire Chance gegeben zu haben. Adam hat diese Chance vertan. Das Ergebnis des Suendenfalls war die Verderbnis und Schuld aller Menschen; all ihre Beweggruende sind falsch, so dass sie nichts zu ihrer Errettung beitragen koennen. Sie haben allen Anspruch auf Gottes Gnade verwirkt; es waere nichts Ungerechtes daran, muessten sie alle die gerechte Strafe fuer ihren Ungehorsam tragen wie die gefallenen Engel ohne Ausnahme. Statt dessen werden die Erwaehlten vom Zustand der Schuldigkeit und Suende erloest und in einen Zustand des Segens und der Heiligkeit versetzt. Die Nichterwaehlten werden einfach in dem Zustand gelassen, in dem sie sich ohnehin schon befinden, und damit wegen dieser ihrer Suenden verdammt. Sie erleiden keine unverdiente Strafe, denn Gott handelt mit ihnen nicht nur als Menschen, sondern auch als Suender. Das Westminster-Bekenntnis formuliert den Umstand so: >>Durch den Ratschluss Gottes sind zur Offenbarung seiner Ehre einige Menschen und Engel zum ewigen Leben vorherbestimmt und andere zum ewigen Tod verordnet.<< >>Diese so vorherbestimmten und vorausverordneten Engel und Menschen sind speziell und unabaenderlich bezeichnet, und ihre Zahl ist so sicher und begrenzt, dass sie weder vermehrt noch vermindert werden kann.<< >>Diejenigen, die aus der Menschheit zum Leben vorherbestimmt sind, hat Gott vor Grundlegung der Welt nach seinem ewigen und unabaenderlichen Vorsatz und dem verborgenen Rat und guten Wohlgefallen seines Willens in Christus zur ewigen Herrlichkeit erwaehlt, und zwar aus voellig freier Gnade und Liebe und nicht aus irgendeiner Voraussicht des Glaubens oder guter Werke oder des Beharrens in einem von beiden und ohne dass ihn sonst irgend etwas in dem Geschoepf als Vorbedingungen oder Ursachen dazu bewogen haetten, und das alles zum Preis seiner herrlichen Gnade.<< >>Wie Gott die Erwaehlten zur Herrlichkeit bestimmt hat, so hat er auch alle Mittel dazu durch den ewigen und voellig freien Vorsatz seines Willens vorherbestimmt. Deswegen sind die, die erwaehlt sind, nachdem sie in Adam gefallen sind, durch Christus erloest worden. Sie werden zum Glauben an Christus wirksam berufen durch seinen Geist, der zur rechten Zeit wirkt. Sie werden gerechtfertigt, als Kinder angenommen, geheiligt und durch seine Macht durch den Glauben zum Heil bewahrt. Keine anderen werden von Christus erloest, wirksam berufen, gerechtfertigt, als Kinder angenommen, geheiligt und gerettet, als allein die Erwaehlten.<< >>Es hat Gott gefallen, nach dem unerforschlichen Ratschluss seines eigenen Willens, aufgrund dessen er Barmherzigkeit erweist oder vorenthaelt, wie es ihm gefaellt, zur Ehre seiner unumschraenkten Macht ueber seine Geschoepfe, den Rest der Menschheit zu uebergehen und sie zur Unehre und zum Zorn ueber ihre Suende vorherzubestimmen, zum Preise seiner herrlichen Gerechtigkeit.<< [74] Es ist wichtig, dass wir die Lehre von der goettlichen Erwaehlung ganz klar verstehen, denn die Art, wie wir diese Lehre verstehen, bestimmt unsere Sicht von Gott, dem Menschen, der Welt und der Erloesung. Wie Calvin richtig sagte: >>Wir werden nie und nimmer so klar, wie es sein sollte, zu der Ueberzeugung gelangen, dass unser Heil aus dem Brunnquell der unverdienten Barmherzigkeit Gottes herfliesst, ehe uns nicht Gottes ewige Erwaehlung kundgeworden ist; denn diese verherrlicht Gottes Gnade durch die Ungleichheit, dass er ja nicht unterschiedslos alle Menschen zur Hoffnung auf die Seligkeit als Kinder annimmt, sondern den einen schenkt, was er den anderen verweigert. Wie sehr die Unkenntnis dieses Grundsatzes Gottes Ehre mindert und wie sehr sie der wahren Demut Abbruch tut, das liegt auf der Hand.<< [75] Calvin gibt zu, dass diese Lehre sehr perplexe Fragestellungen in manchen aufwirft: >>Wahrlich, wie es vielen scheint! eine verwickelte Frage: man meint, es sei doch nichts weniger sinnvoll, als dass aus der allgemeinen Schar der Menschen die einen zum Heil, die anderen aber zum Verderben vorbestimmt sein sollten!<< [76] Die Theologen der Reformation hatten dieses Prinzip konsequent auf die gegenwaertigen Erfahrungen geistlicher Phaenomene angewandt, die sie selbst fuehlten und an anderen gesehen hatten. Der goettliche Beschluss allein, mithin erst die Praedestination, konnte ihnen den Unterschied zwischen Gut und Boese zeigen, zwischen dem Heiligen und dem Suender. __________________________________________________________________ [73] Der Mensch ist des hoellischen Feuers schuldig, insofern er ein Suender ist, und insofern geht ausnahmslos jeder Mensch verloren. Die Erwaehlung Gottes ist nicht die Ursache, aufgrund deren ein Mensch gerettet wird; man koennte hier besser sagen: Ursache ist seine Bekehrung. Die Erwaehlung ist der Grund, weshalb er sich bekehrt. Ein Mensch wird nicht bekehrt, wenn er nicht schon von Ewigkeit her erwaehlt ist. Er geht aber nicht deshalb verloren, weil er nicht erwaehlt war, sondern weil er von Geburt an Suender ist. Durch den Suendenfall ist die gesamte Menschheit schon zum Tod >>bestimmt<<; was Gott tut, ist dies: Er wendet nach Kriterien, die uns vollkommen unbekannt sind, einigen Menschen, die das nicht verdient haben, seine Gnade zu. Der Einwand, jemand haette dann ja keine >>Chance<<, verkennt die verzweifelte Lage des Suenders. Er hat naemlich unter keinen Umstaenden irgend eine "Chance" -- darin besteht ja seine verzweifelte Lage: dass er selbst daran schuld ist, keine "Chance" zu haben. Der Einwand: >>Ein Nichterwaehlter koenne dann ja nichts dafuer<< ist die Ausrede des Suenders, der lieber Gott ungerecht nennt als sich selbst einen Suender. Er sieht nicht mehr, dass er zwar alles dafuer kann, aber gar nichts dagegen (A. d. Ue.). [74] WB, Art. 3.3-3.7. [75] Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion, Uebersetzung: Otto Weber (nach der letzten Ausgabe von 1559); Neukirchen-Vluyn: foedus-verlag, 2008, 3.21.1. [76] Ebd. __________________________________________________________________ 2) Schriftbeweise Die erste Frage, die wir uns stellen muessen, ist: Finden wir diese Lehre irgendwo in der Schrift? Gehen wir in den Epheserbrief. Dort lesen wir: >> ... wie er uns in ihm auserwaehlt hat vor Grundlegung der Welt, damit wir heilig und tadellos seien vor ihm. In Liebe hat er uns vorherbestimmt zur Sohnschaft fuer sich selbst durch Jesus Christus, nach dem Wohlgefallen seines Willens<< (Eph 1,4f.). In Roem 8,29f. lesen wir von der goldene Kette der Erloesung, die sich von der ewigen Vergangenheit bis in die ewige Zukunft erstreckt: >>Denn die er vorher ersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Ebenbild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Bruedern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, die er aber berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt, die er aber gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht.<< Vorher ersehen, berufen, gerechtfertigt, verherrlicht -- das bezieht sich immer auf dieselben Menschen; ist einer dieser Begriffe gesetzt, dann auch alle anderen mit ihm. Paulus hat den Vers in der Vergangenheitsform geschrieben, denn fuer Gott ist ein einmal gefasster Beschluss so gut wie ausgefuehrt, so sicher ist seine Erfuellung. Dr. Warfield sagt: >>Es sind dies fuenf goldenen Glieder unzerreissbaren Kette, so dass alle, die einen Platz in dieser seiner charakteristischen Sicht haben, von Seiner Gnade Schritt fuer Schritt zur grossen Vollendung gelangen, die sich verwirklicht, wenn sie dem Ebenbild des Sohnes Gottes gleichgemacht werden. Es ist >Erwaehlung<, was das alles zustande bringt, sehen Sie? >denn die er vorher ersehen hat ... die hat er auch verherrlicht.<<< [77] Die Schrift spricht von der Erwaehlung als von einer Entscheidung, die von uns aus gesehen in der Vergangenheit liegt, nichts mit persoenlichem Verdienst zu tun hat und vollkommen souveraen getroffen wurde. >> ... als die Kinder noch nicht geboren waren und weder Gutes noch Boeses getan hatten -- damit der gemaess der Erwaehlung gefasste Vorsatz Gottes bestehen bleibe, nicht aufgrund von Werken, sondern aufgrund des Berufenden -- wurde zu ihr gesagt: >Der Groessere wird dem Kleineren dienen<; wie auch geschrieben steht: >Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst<<< (Roem 9,11--13). Waere die Lehre von der Erwaehlung falsch, dann fragen wir uns, was die Worte des Apostels bedeuten sollen? >>Die Illustration der souveraenen Annahme Isaaks und Ablehnung Ismaels ist klar; ebenso die Auswahl Jakobs und nicht Esaus vor deren Geburt und damit, noch bevor sie Gutes oder Boeses haben tun koennen; hier wird uns ausdruecklich gezeigt, dass die Errettung nicht in jemandes Willen oder Laufen liegt, sondern allein an Gottes Gnade, und dass Gott Gnade erweist, an wem er will und auch verhaertet, wen er will. Es wird uns klar gezeigt, dass Gott der Toepfer ist, der bestimmt, welches Gefaess er daraus macht: eines zu seinem Wohlgefallen, das andere nicht. Die Sprache an diesen Stellen konnte nicht besser gewaehlt werden, um die Lehre der Praedestination in vollster Klarheit zu zeigen.<< [78] Selbst wenn wir keinerlei andere inspirierte Aussagen des Paulus zu diesem Thema haetten, waeren diese klar und eindeutig genug, um die Lehre der Erwaehlung als festen Bestandteil biblischer Lehre auszuweisen. Wenn wir uns die Belegstellen der Schrift ansehen, wie sie im Glaubensbekenntnis aufgefuehrt sind, so sehen wir: Diese Lehre wird von der ganzen Schrift gestuetzt. Wenn wir die Inspiration der Bibel zugeben, wenn wir zugeben: Die Schriften der Propheten und der Apostel sind vom Geist Gottes eingehaucht und damit unfehlbar, dann aber muss das, was wir darin finden, ausreichend sein; damit muessen wir auch das unabweisbare Zeugnis der Schrift hinsichtlich Erwaehlung und Praedestination als unwiderrufliche Wahrheit zugeben, zumindest, wenn wir den ganzen Ratschluss Gottes stehen lassen wollen. Jeder Christ muss in irgend einer Form an die Erwaehlung glauben, und Obgleich die Schrift einige Dinge hinsichtlich der Erwaehlungslehre unerklaert laesst, stellt sie doch die Tatsache der Erwaehlung selbst nicht in Frage. Christus hat seinen Juengern genau erklaert: >>Nicht ihr habt mich erwaehlt, sondern ich habe euch erwaehlt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt ... .<< (Joh 15,16). Damit erklaert er den Primat des Willens Gottes gegenueber der sekundaeren Wahl als einer Antwort auf diesen Primat. Der Arminianismus macht jedoch die Errettung von der Wahl des Menschen abhaengig; ihm zufolge kann der Mensch die angebotene Gnade entweder annehmen oder ablehnen; damit aber dreht er die Reihenfolge um und macht Gottes Wahl von der des Menschen abhaengig! Nirgends in der Schrift gibt es einen Beleg dafuer, dass Gott seine Wahl von einer menschlichen Entscheidung abhaengig macht, die der Mensch erst in der Zukunft trifft. Der goettliche Wille ist niemals abhaengig vom menschlichen Willen. Die goettliche Souveraenitaet dieser Wahl wird noch an einer anderen Stelle klar: wenn naemlich Paulus erklaert, dass Gott seine Liebe zu uns in Jesus Christus beweist, als wir noch Suender waren (Roem 5,8) und Christus fuer Gottlose gestorben ist (Roem 5,6). Daran sieht man, dass keinerlei menschliche Eigenschaften die Liebe Gottes erlangen. Wir haben diese Liebe vielmehr trotz unserer Schlechtigkeit erlangt! Gott waehlt die Person und bringt sie zur Umkehr (Ps 65,5). Der Arminianismus entreisst diese Wahl den Haenden Gottes und legt sie in die Haende des Menschen. Jedes System aber, das die goettliche Erwaehlung durch eine menschliche Wahl ersetzt, widerspricht hier der Heiligen Schrift. In den dunkelsten Zeiten des Abfalls Israels wie auch in allen anderen Zeitaltern war es das Prinzip der Erwaehlung, was die Menschen in zwei Gruppen teilte und was sicherstellte, dass ein Rest uebrigblieb. >>Ich will mir 7000 in Israel uebrig lassen, alle, die ihre Knie nicht vor Baal gebeugt haben und welcher Mund ihn nicht gekuesst hat<< 1. Koenige 19,18. Diese siebentausend (Israeliten) taten dies nicht aus eigener Kraft; es wird ausdruecklich gesagt, dass Gott sie fuer sich behaelt und dass sie ein Ueberrest sind. Gott regiert den Lauf der Geschichte um der Auserwaehlten willen (Mk 13,20): Sie sind >>das Salz der Erde<< und >>das Licht der Welt<<, und zumindest insofern sind sie die wenigen in der Weltgeschichte, durch die die Vielen gesegnet sind -- Gott segnete das Haus Potiphar auch um Josefs willen; haetten in Sodom auch nur zehn Gerechte gewohnt, Gott haette die Stadt nicht untergehen lassen. Die Erwaehlung enthaelt die Gelegenheit, das Evangelium zu hoeren und die Gnade zu empfangen; ohne diese Mittel waere die Erwaehlung nicht zu erreichen. Sie sind den Tatsachen nach erwaehlt, alles zu erlangen, was den Gedanken des ewigen Lebens umfasst. Neben dieser individuellen Erwaehlung gibt es auch die Erwaehlung ganzer Nationen, die Vorherbestimmung einer Nation oder Gesellschaft in Bezug auf das Evangelium und die Segnungen, die damit einhergehen. Gott wendet zweifellos einigen Nationen groessere geistliche und zeitliche Segnungen zu als anderen. Dies kann man beispielsweise am Volk Israel sehen, aber auch an bestimmten europaeischen Laendern und Gesellschaftskoerpern -- und auch an Amerika. Der Kontrast ist recht eindrucksvoll; man denke nur an Laender wie China, Japan, Indien etc. Die Juden sind ein auserwaehltes Volk; dies zieht sich durch das ganze Alte Testament. >>Euch allein habe ich aus allen Voelkern der Erde erkannt<< (Amos 3,2). >>So hat keinem anderen Volk er getan, noch sie gelehrt seine Rechte<< (Ps 147,20). >>Denn du bist ein Volk, das dem Herrn, deinem Gott, geweiht ist. Dich hat der Herr, dein Gott, aus allen Voelkern auf Erden auserwaehlt, damit du ein Volk seist, das nur ihm gehoert<< (5 Mo 7,6). Man sieht hier voellig klar: Gott sah keinerlei Verdienst oder Wuerde in diesem Volk, die ihn dazu bewogen haetten, gerade dieses Volk auszuwaehlen. >>Nicht weil ihr zahlreicher seid als alle anderen Voelker, wandte sich der Herr euch zu, erwaehlte er euch -- ihr seid ja das kleinste von allen Voelkern --, sondern, weil euch der Herr liebt und den Schwur haelt, den er euren Vaetern geschworen hat. Deshalb hat der Herr euch mit starker Hand weggefuehrt und euch aus dem Haus der Knechtschaft, aus der Gewalt des Pharaos, des Koenigs von Aegypten, befreit<< (5 Mo 7,7f.). >>Und doch hat der Herr sich euren Vaetern bei seiner Liebe gegen sie zugewandt und euch, ihre Nachkommen, vor allen Voelkern auserwaehlt, wie es heute der Fall ist<< (5 Mo 10,15). Hier wird sorgfaeltig erklaert, dass Israel im Gegensatz zu allen anderen Voelkern auf Erden mit der goettlichen Wahl geehrt wurde; die Wahl beruht auf der unverdienten Liebe Gottes und hat keinerlei Begruendung in Israel selbst. Als der Heilige Geist dem Paulus verbot, das Evangelium in der Provinz Asia zu verbreiten (er hatte eine Vision: ein Mann rief ueber die Wasser: >>Komm nach Mazedonien und hilf uns<<), wurde ein Teil der Welt souveraen vom Evangelium ausgeschlossen, waehrend ein anderer Teil dieses Privileg geniessen durfte. Waere der goettliche Ruf aus Indien gekommen, so waere Europa und Amerika heute vielleicht weniger zivilisiert als die Tibeter. Es war die souveraene Gnade Gottes, die das Evangelium den europaeischen Nationen und spaeter dann Amerika zukehrte, waehrend die Voelker des Ostens, des Nordens und des Suedens in Finsternis gelassen worden waren. Wir koennen keinen einzigen Grund nennen, weshalb gerade Abrahams und nicht Aegyptens oder der Assyrer Nachkommen waren, die ausgewaehlt worden wurden, oder auch weshalb Grossbritannien und Amerika, zwei Staaten, die zur Zeit Christi in voelliger Unwissenheit lebten, das Evangelium so reichlich besitzen und dieses grossartige Privileg verbreiten koennen. Die Unterschiede in Bezug auf Glaubensprivilegien in den verschiedenen Laendern sind nichts anderem zuzuschreiben als dem Wohlgefallen Gottes. Eine dritte Form der Erwaehlung, welche die Schrift lehrt, betrifft die Mitmenschen der Auserwaehlten: Auch sie profitieren von den Segnungen, die Gott ihnen der Auserwaehlten wegen zuwendet. Sie hoeren und lesen vom Evangelium und partizipieren an der Zivilisation, die der Einfluss des Evangeliums hervorgebracht hat. Niemand hat sich je seinen Geburtstag oder seinen Geburtsort aussuchen koennen; weder Rasse oder sonst was stand je in seiner Wahl. Das eine Kind wird gesund, ehrenhaft und in eine wohlhabende Familie geboren, in ein gutes Land, ein christliches Heim; das volle Licht des Evangeliums leuchtet ihm. Ein anderes wird in Unehre und Armut geboren, hat suendige und zuegellose Eltern und ermangelt jeden christlichen Einflusses. Alle diese Dinge werden souveraen fuer sie entschieden. Niemand wuerde behaupten, ein Kind, das in gute Umstaende geboren wird, haette es irgend verdient. Hat nicht Gott entschieden, uns zu schaffen, uns nach seinem Bild zu schaffen? Haetten wir vielleicht nicht ebenso gut Hunde, Rinder oder Pferde werden koennen? Koennte man sich etwa vorstellen, dass sich die Tiere bei Gott beschweren, dass er sie so unterschiedlich gemacht hat? All diese Dinge sind auf Gottes ueberstimmende Vorsehung zurueckzufuehren, nicht auf irgendeine menschliche Entscheidung. >>Die Arminianer haben tatsaechlich hart daran gearbeitet, all diese Dinge mit ihrer unzureichenden und irrigen Sicht von der Souveraenitaet Gottes und ihren unbiblischen Lehren von der universellen Gnade [79] und Erloesung in Uebereinstimmung zu bringen; sie konnten aber mit ihren Erklaerungen selbst nie zufrieden sein und konstatieren dann allgemein, es gebe eben Geheimnisse, die nicht erklaert werden koennen und somit Gottes Allmacht und seinem unausforschlichen Ratschluss ueberlassen werden.<< [80] Wir koennten vielleicht noch eine vierte Art von Erwaehlung erwaehnen, die Erwaehlung einiger Individuen zu ihrer speziellen Berufung: spezielle Begabungen, die einen tauglich machen zum Staatsmann, zum Arzt, zum Anwalt oder auch zum Bauern; musische Begabungen, kuenstlerische Begabungen, Anmut und Schoenheit, Intelligenz, ein sonniges Gemuet usf. Aber im Grunde genommen sind diese vier Arten der Erwaehlung gleich. Arminianer haben kein Problem, die zweite, dritte und vierte Art von Erwaehlung zuzugeben; die erste Art wird konsequent geleugnet. Jedenfalls gibt Gott dem einen, was er dem anderen vorenthaelt. Der Lauf der Welt, aber auch unsere eigenen, persoenlichen Erlebnisse zeigen uns, dass die Segnungen voellig souveraen und bedingungslos sind. Sie achten nicht irgendwelcher Verdienste oder Taten, die die Erwaehlung bedingten. Man kann sagen: Generell sind die aeusseren Umstaende schon bestimmend fuer jene, die das Evangelium niemals hoeren, so dass sie keine Moeglichkeit auf Errettung haben. Cunningham hat das sehr gut beschrieben: >>Gottes Herrschaft ueber diese Welt umfasst eine unveraenderliche Verbindung zwischen den erfreulichen aeusserlichen Umstaenden oder den Gnadenmitteln einerseits und dem Glauben und der Errettung andererseits. So kann man sagen: Fehlt es an ersterem, dann auch an zweiterem. Wir koennen aufgrund des ganzen Tenors der Schrift sagen: Insofern Gott in seiner uneingeschraenkten Macht jemandem die Gnadenmittel nicht schon selbst gewaehrt -- denn darin besteht ja erst der Vorteil, mit jener einzigen Moeglichkeit in Kontakt zu kommen, die einen errettet -- versagt er ihm durch eben jenes Vorenthalten auch die Moeglichkeit und Kraft des Glaubens und damit die Moeglichkeit der Errettung.<<11) Der Calvinismus haelt daran fest, dass Gott nicht nur mit der Menschheit insgesamt handelt, sondern auch mit den Einzelnen, die tatsaechlich errettet werden: Gewisse Personen hat er zum ewigen Leben ersehen und laesst ihnen in ihrem Leben folglich alles begegnen, damit sie Leben erlangen. Der Calvinismus gibt zu, dass einige Passagen in der Schrift, die von Erwaehlung sprechen, ueber die Erwaehlung von Nationen sprechen oder auch ueber die Vorbestimmung aeusserlicher Umstaende; andere Schriftstellen dagegen sprechen ganz unzweideutig von der Erwaehlung des Einzelnen zum ewigen Leben. Freilich hat es immer welche gegeben, die das ganze Thema der Erwaehlung komplett geleugnet haben. Sie gehen vom Hinweis aus, dieses Schreckgespenst habe seinen Ursprung im falschen Verstaendnis des Wortes, das man so noch nicht erlebt hat. Demgegenueber findet man im Neuen Testament die Worte >elektos<, >ekloga< und >eklego<, also >erwaehlen<, >Erwaehlung< und >Wahl< etwa achtundvierzig mal (Youngs Analytical Concordance for complete lists). Andere lassen das Wort in diesem Sinne zwar stehen, erklaeren aber die Sachlage ganz hinweg. Sie glauben an eine Art >>bedingter Erwaehlung<<, die auf vorhergesehenen Tatsachen basiert, etwa auf dem vorhergesehenen Glauben des Einzelnen. Dies aber zerstoert den Gedanken an eine Erwaehlung im besten Sinne des Wortes und macht ihn zu einem Konstrukt, das nur das Vorherwissen zukuenftiger Ereignisse bezeichnet, etwa dass eine bestimmte Person ueber bestimmte Qualitaeten verfuegen wird. Wie es einmal etwas zynisch formuliert worden ist, erwaehlt Gott sehr sorgfaeltig nur jene Personen, die sich aufgrund ihres Glaubensgehorsams selbst erwaehlt haben. Im Arminianismus verkommt der Begriff >>Erwaehlung<< zu einem blossen Wort, dessen Gebrauch zu nichts gut ist als zur Verschleierung und zur Verwirrung. Das Vorherwissen, dass sich Menschen bekehren werden, wuerde dann aber voellig falsch mit einem Wort wie Erwaehlung bezeichnet, denn dieses Vorherwissen bezeichnet genau gesagt ueberhaupt keine >>Erwaehlung<<. Manche Arminianer, die auf ihrer Lehre bestehen, dass der Mensch das Evangelium selbst entweder akzeptieren oder ablehnen muesse und so auch auch wieder verlorengehen koenne, beziehen das Wort der Erwaehlung auf den Zeitpunkt des Todes eines Menschen, weil ja erst dann sicher sein kann, ob jemand errettet ist oder nicht. Die Erwaehlung erstreckt sich nun aber nicht nur auf den Menschen, sondern auch auf Engel, denn auch sie sind Teil von Gottes Schoepfung und unterstehen seiner Herrschaft. Einige dieser Engel sind heilig und leben gluecklich, andere sind suendig und leben im Elend. Die gleichen Gruende, die uns an eine Praedestination des Menschen glauben machen, tun das auch in Bezug auf die Engel. Die Bibel bestaetigt das mit dem Hinweis auf die >>erwaehlten Engel<< (1 Tim 5,21) oder >>heiligen Engel<< (Mk 8,38), die in Kontrast zu den Engeln oder Daemonen gesetzt werden. Wir lesen, dass Gott >>die Engel nicht verschont hat, die gesuendigt haben, sondern sie in den Abgrund hinabgestuerzt und den Ketten der Finsternis uebergeben hat, um sie fuer das Gericht aufzubewahren<< (2 Petr 2,4). Wir lesen auch vom >>ewigen Feuer, das dem Teufel bereitet ist und seinen Engeln<< (Mt 25,41). Wir lesen, dass Gott >>die Engel, die ihre Herrscherwuerde nicht bewahrt, sondern ihre Wohnstaette verlassen haben, unten im Dunkel mit ewigen Fesseln fuer den grossen Gerichtstag verwahrt haelt.<< Und >>Michael und seine Engel stritten wider den Drachen, und der Drache und seine Engel fuehrten Krieg<< (Offb. 12,6). Das Studium dieser Passagen zeigt uns, wie Dabney sagt, dass >>da zwei Arten von Geistern dieser Art sind: heilige und suendige Engel, Diener Christi und Diener Satans; sie wurden in einem Zustand der Heiligkeit und der Seligkeit geschaffen und wohnen in einem Bereich, der ,Himmel genannt wird (Gottes Heiligkeit und Guete sind ein ausreichender Beweis, dass er sie nicht moeglicherweise anders geschaffen haben koennte); dass die gefallenen Engel freiwillig ihren Bereich verlassen haben, um zu suendigen und daher fuer ewig aus dem Himmel und der Heiligkeit verbannt worden sind und dass jene, die ihren Herrschaftsbereich nicht verlassen hatten, von Gott dazu erwaehlt worden sind und somit ihr Zustand der gesegneten Heiligkeit fuer immer sicher ist.<< [81] Paulus erklaert uns nicht, wie Gott denn gerecht sein koenne, wenn er denen, die er dazu erwaehlt hat, die Gnade gewaehrt, die er anderen vorenthaelt. Seine Antwort auf die Frage: >>Was verklagt er uns dann noch?<< (gemeint sind jene, die Gott nicht erwaehlt hat) ist der Hinweis auf die unumschraenkte Herrschaft Gottes: >>Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich also? Hat nicht ein Toepfer Macht, aus einem Klumpen zu machen ein Fass zu Ehren und das andere zu Unehren?<< (Roem 9,19--21). (Hier geht es nicht um verschiedene Arten von Ton, sondern um Ton vom gleichen Klumpen! Gott kann als Toepfer das eine Gefaess fuer einen unehrenhaften Gebrauch zubereiten und das andere zu ehrenhaftem!) Paulus zieht Gott nicht von seinem Thron herunter und stellt ihn vor den Richterstuhl menschlicher Vernunft, die das alles erst zu verarbeiten und zu begreifen haette. Das Geheimnis seines Rates, in das sogar die Engel hineinzublicken wuenschen, wird gerade nicht erklaert, ausser eben insofern, dass es Gott gefallen hat, so und nicht anders zu entscheiden. Nachdem Paulus dies gesagt hat, laesst er den Gegenstand fallen, so als wolle er uns damit verbieten, ueber das Gesagte hinauszugehen. Haette die arminianische Ansicht recht, dass naemlich allen Menschen genuegend >>Chancen<< (und damit Gnade) angeboten wird und jeder fuer seine Ablehnung oder Annahme des Evangeliums bestraft oder belohnt werden wird, haette es an dieser Stelle ueberhaupt kein Problem gegeben. __________________________________________________________________ [77] B. B. Warfield, Flugschrift ueber die Erwaehlung, S. 10. [78] B. B. Warfield, Biblical Doctrines, S. 50. [79] Gemeint ist die arminianische Auffassung, Jesus Christus sei fuer unterschiedslos alle Menschen gestorben und nicht vielmehr nur fuer sein Volk (A. d. Ue.). [80] Cunningham, Historical Theology, Bd. 2, S. 398. [81] Robert L. Dabney, Systematic Theology, S. 230. __________________________________________________________________ (Belegstellen aus der Schrift) 2 Thess 2,13: Wir aber sind euretwegen, vom Herrn geliebte Brueder, Gott zu stetem Dank verpflichtet, dafuer, dass Gott euch am Anfang zum Heil erwaehlt hat in der Heiligung des Geistes und durch den Glauben an die Wahrheit. Mt 24,24: Denn es werden falsche Messiasse und falsche Propheten auftreten und grosse Zeichen und Wunder wirken, um -- wenn moeglich -- selbst die Auserwaehlten irrezufuehren. Mt 24,31: Er wird seine Engel aussenden mit lautem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwaehlten von den vier Windrichtungen zusammenfuehren, von einem Ende des Himmels bis zum anderen. Mk 13,20: Haette der Herr die Tage nicht abgekuerzt, wuerde kein Mensch gerettet werden. Aber um der Auserwaehlten willen, die er erkoren, hat er die Tage abgekuerzt (dies bezieht sich auf die Zerstoerung Jerusalems). 1 Thess 1,4: Im Wissen, von Gott geliebte Brueder, um eure Erwaehlung ... Roem 11,7: Was nun? Was Israel anstrebte, hat es nicht erreicht. Nur die Auserwaehlten haben es erreicht. Die uebrigen aber wurden verstockt. 1 Tim 5,21: Ich beschwoere dich vor Gott, Christus Jesus und den auserwaehlten Engeln, dass du dies ohne Vorurteil befolgst und unparteiisch handelst. Roem 8,33: Wer soll gegen die Auserwaehlten Gottes Anklage erheben? Gott, der sie fuer gerecht erklaert? Roem 11,5: So ist auch in der jetzigen Zeit ein Rest geblieben, den die Gnade erwaehlt hat. 2 Tim 2,10: Deswegen ertrage ich alles um der Auserwaehlten willen, damit auch sie in Christus Jesus das Heil und ewige Herrlichkeit erlangen. Tit. 1,1: Paulus, Knecht Gottes und Apostel Jesu Christi nach dem Glauben der Auserwaehlten Gottes und der Erkenntnis der Wahrheit, die zur Froemmigkeit fuehrt. 1 Petr 1,1: Petrus, Apostel Jesu Christi, an die Fremdlinge in der Diaspora von Pontus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien, die auserwaehlt sind. 1 Petr 5,13: Es gruesst euch die mitauserwaehlte Gemeinde in Babylon und Markus, mein Sohn. 1 Petr 2,9: Ihr aber seid ein auserwaehltes Geschlecht, eine koenigliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, ein Volk, das Gott gehoert, damit ihr die herrlichen Taten dessen verkuendet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat. 1 Thess 5,9: Denn Gott hat uns nicht fuer das Zorngericht bestimmt, sondern fuer die Erlangung des Heils durch unseren Herrn Jesus Christus. Apg 13,48: Als die Heiden das hoerten, freuten sie sich und priesen das Wort des Herrn. Und alle, die zum ewigen Leben bestimmt waren, nahmen den Glauben an. Joh 17,9: Fuer sie bitte ich. Nicht fuer die Welt bitte ich, sondern fuer sie, die du mir gegeben hast. Sie sind ja dein. Joh 6,37: Jeder, den der Vater mir gibt, kommt zu mir, und wer zu mir kommt, den stosse ich nicht hinaus. Joh 6,65: Und er sagte: >>Darum habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist<<. Joh 13,18: Nicht von euch allen spreche ich. Ich weiss, wen ich mir erwaehlt habe. Allein die Schrift muss in Erfuellung gehen: Der mein Brot isst, hat seine Ferse gegen mich erhoben. Joh 15,16: Nicht ihr habt mich erwaehlt, sondern ich habe euch erwaehlt und euch dazu bestellt, dass ihr hingeht und Frucht bringt, bleibende Frucht! Dann wird der Vater euch alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. Ps 105,6: Ihr seines Dieners Abraham Stamm, ihr Jakobs, seines Erwaehlten, Soehne! Roem 9,23: Und wenn er an den Gefaessen des Erbarmens, die er fuer die Herrlichkeit vorausbestimmt hat, den Reichtum seiner Gnade zeigen will? Vgl. dazu Eph 1,4.5.11; Roem 9,11--13; 8, 29f. usf. __________________________________________________________________ 3) Vernunftbeweise Wird die Lehre von der voelligen Unfaehigkeit oder der Erbsuende anerkannt, so folgt logisch die Lehre der unbedingten Erwaehlung. Wenn sich alle Menschen ihrer Natur nach im einem Zustand von Schuld und Verderbtheit befinden, wie die Schrift sagt, von dem aus sie voellig unfaehig sind, sich selbst zu erloesen und auch keinerlei Anspruch erheben koennen, dass Gott sie daraus erloest, dann folgt daraus, dass alle, die errettet werden, von Gott dazu vorherbestimmt werden muessen. Seine Liebe gegenueber gefallenen Menschen erweist sich darin, dass er eine unzaehlbare Schar ausgewaehlt hat, in der Vorsehung eines Erloesers, der als deren koenigliches Oberhaupt und Repraesentant ihre Schuld auf sich genommen hat; der die Strafe bezahlt und ihre Errettung errungen hat. Der Beschluss zur Erwaehlung beruht immer auf der goettlichen Liebe, und die Schrift wird nicht muede, uns zu zeigen, was der wahre Beweggrund dieser Erwaehlung war: die goettliche Liebe. Die Lehre, dass Menschen ausschliesslich aufgrund dieser unverdienten Liebe und Gnade Gottes gerettet werden, findet vollen und redlichen Ausdruck nur in der Lehre des Calvinismus. Die gnadenvolle Eigenschaft der Errettung kann am besten betrachtet werden anhand der Erwaehlung Einzelner. Diejenigen, die behaupten, die Erloesung beruhe einzig und allein auf der Gnade Gottes, dabei aber die Lehre von der Gnadenwahl ablehnen, widersprechen sich damit selbst. Die inspirierten Schreiber lassen kein Mittel aus, uns zu zeigen, dass die Gnadenwahl voellig souveraen ist und einzig und allein auf Gottes Liebe beruht. Menschen und Engel sollen seine Gnade und rettende Barmherzigkeit sehen. Als Herrscher und Richter ist Gott frei, mit einer suendigen Welt nach seinem Wohlgefallen umzugehen. Er kann voellig gerechterweise einigen vergeben und andere verdammen; er kann seine Gnade zuwenden, wem immer er will und sie auch vorenthalten, wem immer er will. Es liegt nicht am Laufen oder Wollen, sondern an Gott, der Gnade erweist, und der Grund, weshalb es diese Errettung ueberhaupt gibt und weshalb der eine errettet wird und der andere nicht, kann einzig und allein im Wohlgefallen dessen gefunden werden, der alle Dinge nach dem Ratschluss seines Willens anordnet. Aus diesem Grund allein hat er all jene vor Grundlegung der Welt auserwaehlt, denen er seine freie Gnade zuwenden will und damit das Erbe ewigen Segens; die Schreiber der Bibel haben peinlich darauf geachtet, jedem einzelnen Glaeubigen unter all diesen unzaehligen Erloesten die Versicherung zuzusprechen, dass ihre Erloesung vor aller Ewigkeit beschlossene Sache ist und sich jetzt diese hohe Bestimmung erfuellt, die vor Grundlegung der Welt beschlossen worden war. [82] Die Lehre der ewigen und unbedingten Erwaehlung ist manchmal das Herzstueck des reformierten Glaubens genannt worden. Sie legt die Bedeutung auf die Souveraenitaet der Gnade Gottes in die Erloesung, waehrend die arminianische Sicht die Bedeutung auf das Werk des Glaubens und des Gehorsams legt, das derjenige erfuellt, der die angebotene Gnade annimmt. Der Calvinismus laesst Gott allein die Wahl treffen, wer des Himmels Erbe ist und mit wem Er die Reichtuemer seiner Herrlichkeit teilen will, waehrend der Arminianismus letztlich den Menschen entscheiden laesst -- ein Prinzip, dem es im besten Fall an Demut mangelt. Man mag fragen, weshalb denn Gott gerade diesen rettet und den anderen nicht? Aber das gehoert zu seinen geheimen Ratschluessen. Warum gerade der eine bekommt, was dem anderen vorenthalten wird, was beide nicht verdient haben, wird uns nicht gesagt. Dass es Gott gefallen hat, uns zu erwaehlen, muss fuer immer Sache anbetender Verehrung jenes Wunders bleiben. Da ist ganz sicher nichts in uns, weder eine Eigenschaft, noch eine Tat, die uns in irgendeiner Weise seine Gunst zuwendete, denn wir waren tot in Uebertretungen und Suenden und Kinder des Zorns wie die anderen (Eph 2,1--3). Wir koennen nur anbeten und bewundern und mit Paulus ausrufen: >>O Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Ratschluesse, wie unergruendlich seine Wege!<< Das Wunder der Wunder ist nicht, dass Gott in seiner unendlichen Liebe und Gerechtigkeit nicht alle Menschen erwaehlt hat, sondern dass Er einige Verlorene begnadigt hat. Wenn wir auf der einen Seite bedenken, welch abscheuliche Sache die Suende zusammen mit ihrer entsetzlichen Strafe ist, andererseits die Heiligkeit Gottes bedenken, die diese Suende hasst, dann ist es ein Wunder, dass Gottes Heiligkeit es ueberhaupt zugelassen hat, irgendeinen Menschen zu erretten. Dass Gott nicht alle Menschen zur Errettung bestimmt hat, sondern nur einige, kann nicht damit zu tun haben, dass er nicht alle erretten wollte, sondern dies koennen wir uns einfach nicht erklaeren; vielleicht vertraegt sich die Erwaehlung aller Menschen mit seiner vollkommenen Gerechtigkeit nicht. Niemand darf sagen, diese Sicht praesentierte uns Gott als einen Willkuergott, der ohne Gruende handle. Dies zu behaupten geht ueber jedermanns Wissen weit hinaus. Die Gruende, weshalb er einige errettet und andere uebergeht, sind uns nicht offenbart worden. >>Nach Seinem Willen tut er mit dem Heere des Himmels und mit den Bewohnern der Erde<< (Dan 4,32). Einige werden als Kinder bestimmt >>nach dem Wohlgefallen seines Willens<< (Eph 1,5) -- das bedeutet nicht, dass er keinen Grund fuer seine Wahl hat. Wenn ein Regiment fuer seinen Ungehorsam bestraft wird, so ist die Tatsache, dass etwa nur jeder zehnte getoetet wird, ebenso nicht ohne Grund; der Grund liegt jedoch nicht in den Menschen. Unzweifelhaft hat Gott die besten Gruende dafuer, den einen auszuwaehlen und den andern zu uebergehen, auch wenn er uns die Gruende nicht offengelegt hat. >>May not the Sovreign Lord on high Dispense His favors as He will;Choose some to life, while others die, And yet be just and gracious still?Shall man reply against the Lord, And call his Makers ways unjust? The thunder whose dread word Can crush a thousand worlds to dust. But, O my soul, if truths so bright Should dazzle and confound thy sight, Yet still His written will obey, And wait the great decisive day!<< [83] __________________________________________________________________ [82] Die Gefahr des Missverstaendnisses dieser Lehre besteht in der Auffassung, die Erwaehlung impliziere ein statisches Erloestsein, (das letztlich auch die Notwendigkeit von Mission ueberfluessig mache) -- ein typisches Missverstaendnis, das u. a. im amerikanischen Sprachraum unter der Bezeichnung >>Once saved, ever saved<< bekannt geworden ist. Dass das Beharren der Heiligen aber kein statisches "Dabeisein" ist, sondern durch den verordneten Kampf des Glaubens jenseits jeglicher Troedlersicherheit steht, hat die Geschichte des Calvinismus hinlaenglich bewiesen (Max Weber!). Die Lehre sagt auch nicht, die Erwaehlten seien sicher, egal was sie tun; sie sagt nicht, dass das Kind Gottes je schon errettet ist und bleibt (>>Once saved -- ever saved<<), sondern dass ein Erwaehlter den Kampf des Glaubens kaempfen wird, so dass er auf diesem Wege bewahrt bleibt. Dies wiederum impliziert gerade nicht die Moeglichkeit des Abfalles -- und genau darin besteht das Missverstaendnis des Arminianismus, der meint, das Heil koenne auch wieder verloren werden. Die kritischen Stellen des NT interpretiert er als Hinweis auf diesen Verlust, der Calvinismus sieht diese Stellen teilweise als Mittel, die Kinder Gottes vor diesem Verlust zu bewahren (Spurgeon), teilweise sieht er Menschen angesprochen, die zwar erleuchtet sind, in ihrem Herzen aber doch nicht wiedergeboren sind (z. B. Hebr. 6 + 10; vgl. Wayne Grudem, Systematic Theology). Die Ansicht, der Christ koenne wieder verlorengehen, setzt einen Gott voraus, der immer noch das Verdienst des Glaeubigen gegen sein Bewahren in Rechnung setzt. In eifrigem Heiligungsstreben hat er vergessen, dass es Gott ist, der heiligt, und dass der Ungehorsam eines seiner Kinder nicht mit dem Ausschluss vom Heil bestraft wird, sondern dass Gott es in Seiner Gnade versteht, das ungehorsame Kind zu zuechtigen und zu Seiner Herde zurueckzubringen (A. d. Ue.). [83] >>Darf nicht der allmaecht'ge Herr der Hoehe bezeugen Seine Gunst, wem immer er will; bestimmen die einen zum Leben, die anderen zum Tode, doch ganz gerecht und gnadenvoll? Darf der Mensch hier rebellieren, seines Herren Wege unrecht praedizieren? Der Donner, dessen schrecklich Wort zerschlagen kann zu Staub an tausend Welten. Doch meine Seele, ach, so leuchtend Wahrheit sollt' blenden und verblueffen dich. 'Doch immer noch geschieht sein Wille wartet auf den entscheidenden Tag!<< (Zitiert aus: Ness, Antidote Against Arminianism). __________________________________________________________________ 4) Glaube und Werke -- Fruechte als Beweise der Erwaehlung, nicht als deren Basis Weder die Praedestination im Allgemeinen noch die Erwaehlung zur Errettung im Besonderen basieren darauf, dass Gott irgend eine Handlung seiner Schoepfung vorhersieht. Dieses Dogma des reformierten Glaubens ist im Westminster-Bekenntnis angemessen formuliert. Wir lesen da: >>Obwohl Gott alles weiss, was unter allen gegebenen Umstaenden geschehen soll oder kann, so hat er doch nichts aus dem Grund beschlossen, weil er es als zukuenftig vorausgesehen hat, oder dass es unter bestimmten Umstaenden eintreffen wuerde.<< >>Diese guten Werke, getan im Gehorsam gegen Gottes Gebote, sind die Fruechte und sichtbaren Folgen eines wahren und lebendigen Glaubens. Durch sie bringen die Glaeubigen ihre Dankbarkeit zum Ausdruck, bekraeftigen ihre Gewissheit, foerdern ihre Brueder, zieren das Bekenntnis des Evangeliums, stopfen Gegnern den Mund und verherrlichen Gott; denn sie sind dessen Werkzeuge, dazu geschaffen in Christus Jesus, um als solche, die ihre Frucht in Heiligkeit bringen, zum Schluss das ewige Leben zu empfangen.<< >>Ihre Faehigkeit, Gutes zu tun, stammt keineswegs von ihnen selbst, sondern gaenzlich vom Geist Christi. Damit sie dazu befaehigt werden, ist neben den bereits empfangenen Gnadengaben ein direkter Einfluss desselben Heiligen Geistes erforderlich, um in ihnen das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen zu wirken. Doch duerfen sie dadurch nicht nachlaessig werden, als ob sie keinerlei Aufgaben zu erfuellen haetten, ausser auf ein besonderes Zeichen des Geistes hin; sondern sie sollen eifrig die Gnade Gottes entfachen, die in ihnen ist.<< [84] Sieht Gott den Glauben und die Guten Werke auch voraus, so sind sie niemals der Grund der goettlichen Erwaehlung. Sie sind die Frucht der Erwaehlung. Sie zeigen, dass eine Person erwaehlt und wiedergeboren ist. Sie zur Basis der Erwaehlung zu machen, bringt uns erneut in einen Bund der Werke und verlegt Gottes Absichten in die Zeit anstatt in die Ewigkeit. Das waere dann keine Vorher-Bestimmung, sondern eine Hernach-Bestimmung -- eine Verkehrung mithin der schriftlichen Belegstellen --, die den Glauben und die Heiligkeit zu Konsequenzen der Erwaehlung machen statt umgekehrt (Eph 1,4; Joh 15,16; Tit. 3,5). Die Aussage, dass wir in Christus erwaehlt sind >>vor Grundlegung der Welt<< schliesst jedes eigene Verdienst aus; die hebraeische Ausdrucksweise >>vor Grundlegung der Welt<< bedeutet, dass jene Sache in Ewigkeit festgelegt worden ist. Wenn der Arminianismus Paulus' Aussage >>nicht aus Werken, sondern durch Ihn, der beruft<< auf zukuenftige Werke bezogen sein laesst, widerspricht er den eigenen Worten des Apostels. Dass der Beschluss der Erwaehlung in irgendeiner Weise auf das Vorherwissen bezogen sein sollte, lehnt Paulus ab, wenn er sagt, es sei darum, >>dass wir heilig sein sollten<< (Eph 1,4). Er besteht darauf, dass die Errettung >>nicht aus Werken [ist], so dass sich niemand ruehme<<. In 2 Tim1,9 lesen wir, dass Gott es ist, >>der uns errettet hat und berufen mit heiligem Rufe, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem eigenen Vorsatz und der Gnade, die uns in Christo Jesu vor den Zeiten der Zeitalter gegeben ist.<< Daher haelt der Calvinismus daran fest, dass die Erwaehlung den guten Werken vorausgeht, nicht aber auf ihnen gruendet. Die Essenz dieser Lehre besteht darin, dass sich Gott in seiner Wahl nicht von Ueberlegungen zu Verdienst oder Guete der Erwaehlten hat leiten lassen. >>Weder am Laufenden, noch am Wollenden, sondern an Gottes Gnade haengt die Erloesung des Suenders -- dies ist das standfeste Zeugnis der gesamten heiligen Schrift, die unter bestaendiger Wiederholung und vielfaeltiger Verbindung zeigt, dass sich hinter der Erwaehlung keinerlei Ueberlegungen zu vorhergesehenem Charakter, Handlungen oder Umstaenden verbirgt, die sich etwa als Gruende fuer eine Erwaehlung erweisen koennten.<< [85] Vorherbestimmung kann ganz allgemein nicht auf Vorherwissen beruhen; denn nur, was gewiss geschehen wird, kann auch vorhergewusst werden, und gewiss geschehen kann nur, was vorherbestimmt ist. Der allmaechtige und souveraene Herrscher des Universums laesst sich nicht von Zukunftsvisionen bestimmen, die vielleicht -- vielleicht auch nicht -- eintreffen werden. Die ganze Schrift hindurch wird das goettliche Vorherwissen immer als vom goettlichen Ratschluss abhaengig gelehrt; Gott weiss die Dinge vorher, weil er sie vorherbestimmt. Sein Vorherwissen ist nichts als eine Art Kopie seines Willens, was in Zukunft geschehen soll; der Lauf der Geschichte unter seiner Vorsehung ist nichts als die Ausfuehrung seines allumfassenden Plans. Sein Vorherwissen dessen, was noch kommen soll -- betrifft es nun die Welt als Ganze oder auch den Einzelnen in jedem Detail seines Lebens -- beruht auf seinem vorherbestimmten Plan (Jer 1,5; Ps 139,14--16; Hi. 23,13.14; 28,26f.; Am. 3,7). Nun gibt es allerdings eine Schriftstelle, die zu besagen scheint, Erwaehlung und auch Vorherbestimmung basieren generell auf dem Vorherwissen. Dieser Schriftstelle wollen wir uns nun zuwenden. In Roem 8, 29f. lesen wir: >>Denn welche er vorhererkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichfoermig zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Bruedern. Welche er aber vorherbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und welche er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; welche er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.<< Das Wort >>erkannt<< wird zu oft in anderem Sinn gebraucht, als dass es nur die verstandesgemaesse Wahrnehmung des in Frage stehenden Dinges bezeichnet. Gelegentlich bedeutet es, dass eine >>erkannte<< Person in einem ganz speziellen und einzigartigen Sinn Gegenstand der Gunst Gottes sein kann, zum Beispiel, wenn von den Juden gesagt wird: >>Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt<< (Am. 3,2). Paulus schreibt: >>Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt<< (1. Kor 8,3). Von Jesus wird gesagt, dass er seine Schaffe >>kennt<< (Joh10,14.27); und zu den Boesen sagt Jesus: >>Ich habe euch nie gekannt<< (Mt 7,23). Im ersten Psalm lesen wir: >>Der Herr kennt den Weg der Gerechten, aber der Weg der Gottlosen fuehrt ins Verderben.<< In all diesen Passagen ist mehr als ein mentaler Akt des Wissens gemeint, denn in einem solchen Sinne >>kennt<< Gott ja sowohl die Gottlosen als auch die Gerechten. Es ist eine Form des Kennens, dessen Gegenstand nur die Erwaehlten sind und die immer mit Gottes Zuwendung, ja, mit seiner Liebe verbunden ist; es ist es diese Liebe, Gunst und Anerkennung. Roem 8,29 meint die vorher eingesetzten Erwaehlten, die Gegenstand seiner Gunst sind. Das zeigt sich etwas klarer in Roem 11,2--5, wo es heisst: >>Gott hat sein Volk nicht verstossen, das er vorhererkannt hat.<< Ein Vergleich mit Elia wird gemacht, wenn Gott sagt: >>Ich habe mir uebrigbleiben lassen siebentausend Mann, welche dem Baal das Knie nicht gebeugt haben.<< Im fuenften Vers setzt er hinzu: >>Also ist nun auch in der jetzigen Zeit ein Ueberrest nach Wahl der Gnade.<< Jene, die in Vers zwei vorhergewusst werden und jene aus der Erwaehlung -- das sind dieselben Menschen; daraus ergibt sich: sie sind vorhergewusst in dem Sinne, dass sie als Gegenstand seiner Gnade vorherbestimmt sind. Man beachte, dass Roem 8,29 nicht sagt, sie werden vorher erkannt, weil sie irgend welche gute Werke getan haetten, sondern sie sind Gott vorher bekannt als Einzelne, denen er die Gnade der Erwaehlung zuwenden will. Man beachte weiter, dass wenn Paulus den Ausdruck >>vorherersehen<< in dem Sinne verwendete, dass die Erwaehlung auf dieser Vorkenntnis erst basiere, dann widerspraeche er seinen Aussagen, mit der er die Erwaehlung sonst nur vom Wohlgefallen Gottes abhaengen laesst. Der Arminianismus entreisst die Erwaehlung den Haenden Gottes und legt sie in die Haende des Menschen. Das macht den Vorsatz Gottes abhaengig von den labilen Willensakten gefallener Menschen und laesst zeitliche Ereignisse seine ewigen Beschluesse bedingen. Das bedeutet: Er hat souveraene Menschen geschaffen, von denen nun sein Wille und seine Handlungen zu einem gewissen Ausmass abhaengig sind. So ist Gott aber hoechstens ein guter, alter Vater, der versucht, seine Kinder dazu zu bringen, richtig zu handeln, meistens aber wenig Glueck hat, weil der Wille des gefallenen Menschen zu verdreht ist; besser gesagt hat er sich zwar einen Plan ausgedacht, der aber die ganze Geschichte hindurch von den Menschen dermassen durchkreuzt wird, so dass letztlich die meisten Menschen zur Hoelle gehen als in den Himmel. Eine Lehre, die in solche Absurditaeten fuehrt, ist nicht nur unbiblisch, sondern auch unvernuenftig und beraubt Gott Seiner Ehre. Im Kontrast dazu zeigt uns der Calvinismus einen grossartigen Gott, der unendlich und perfekt ist, der Gnade und Gerechtigkeit nach Seinem besseren Wissen verleiht und der die Angelegenheiten der Menschen tatsaechlich in seiner Hand hat. Sowohl Schrift wie christliche Erfahrung lehren uns, dass der Glaube und die Umkehr, durch die wir gerettet werden, selber Gaben Gottes sind. >>Durch Gnade seid ihr errettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es<< (Eph 2,8). Die Christen in Achaia hatten >>geglaubt aus Gnaden<< (Apg 18,27). Ein Mensch wird nicht gerettet, weil er an Christus glaubt, sondern er glaubt an Christus, weil er gerettet ist. Sogar der Beginn des Glaubens, die Neigung also, nach Erloesung zu suchen, ist selbst schon Auswirkung jener Gnade und damit Geschenk Gottes. Paulus sagt oft, dass wir durch den Glauben gerettet sind (der Glaube ist hier die bewirkende Ursache), aber eines sagt er niemals: dass wir wegen unseres Glaubens gerettet sind (hier waere der Glaube selbst schon ein verdienstliches Werk). Im gleichen Sinn koennen wir sagen: Zwar werden die Erloesten etwa proportional zu ihren guten Werken belohnt, aber nicht aufgrund dieser guten Werke. Im gleichen Sinn sagt Augustinus: >>Die Erwaehlten Gottes sind von Ihm erwaehlt worden, damit sie seine Kinder sein sollen, damit sie zum Glauben gebracht werden sollten, nicht etwa, weil Er voraussah, dass sie einst glauben wuerden.<< Auch die Bekehrung, die Umkehr selbst ist schon ein Geschenk: >>Als sie aber dies gehoert hatten, beruhigten sie sich und verherrlichten Gott und sagten: Dann hat Gott also auch den Nationen die Busse gegeben zum Leben<< (Apg 11,18). >>Diesen hat Gott durch seine Rechte zum Fuehrer und Heiland erhoeht, um Israel Busse und Vergebung der Suenden zu geben<<. [86] (Apg . 5,31). Paulus wies jene zurueck, die nicht wahr haben wollten, dass es die Guete Gottes sei, was sie zur Busse leite (Roem 2,4). Jeremia schrie: >>Bringe mich heim, ich will mich bekehren! Du bist ja der Herr, mein Gott. Seit ich dich liess, bereute ich es. Als ich es einsah, schlug ich auf meine Huefte<< (Jer 31,18f.). [87] Womit haette der ungeborene Johannes im Mutterleib die Erfuellung mit Heiligem Geist erreicht (Lk 1,15)? Jesus sagte seinen Juengern, dass ihnen, nicht aber den anderen gegeben werde, die Geheimnisse des Koenigreichs zu verstehen (Mt 13,11). Wenn man die Erwaehlung von vorhergesehenem Glauben anhaengen laesst, dann behauptet man damit: Wir sind zum ewigen Leben erwaehlt, weil wir geglaubt haben. Die Schrift aber sagt das genaue Gegenteil: >> ... so viele ihrer zum ewigen Leben bestimmt waren<< (Apg 13,48). Unsere Erloesung ist >>nicht auf Grund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haetten, sondern nach Seinem Erbarmen: durch das Bad der Wiedergeburt und durch die Erneuerung im Heiligen Geist<< (Tit. 3,5). Wir werden ermutigt, unsere Erloesung mit Furcht und Zittern zu bewirken, weil Gott es ist, der in uns wirkt beides: das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen. Gerade weil Gott ins uns wirkt, bemuehen wir uns um Entwicklung und Bearbeitung unserer Erloesung (Phil. 2,12f.). Der Psalmist sagt uns, dass das Volk Gottes sich willentlich hingibt am Tag seiner Macht (Ps 110,3). Daher ist die Bekehrung ein einzigartiges und souveraenes Geschenk Gottes. Der Suender hat keinerlei Kraft in sich selbst, sich Gott zuzukehren, sondern er wird durch die goettliche Gnade erst erneuert und bekehrt, bevor er irgend etwas geistlich Gutes tun kann. In Uebereinstimmung damit lehrt Paulus, dass Liebe, Freude, Friede, Guete, Treue, Selbstbeherrschung etc. gerade nicht die Bedingungen der Erloesung sind, sondern diese Dinge sind erst >>die Fruechte des Geistes<< (Gal. 5, 22f.). Paulus selbst war auserwaehlt, den Willen Gottes zu erkennen und zu tun, aber nicht, weil das vorhergesehen worden war (Apg 22,14f.). . Augustin sagt: >>Die Gnade Gottes sucht sich keine passenden Menschen, um sie zu erwaehlen, sondern macht sie passend. ... Die goettliche Guete oeffnet denen nicht nur, die klopfen, sondern bringt sie dazu, anzuklopfen und zu bitten.<< [88] Luther hat die gleiche Wahrheit aehnlich ausgedrueckt: >>Gott allein wirket in uns Verdienst und Belohnung durch seinen Geist.<< [89] Johannes sagt: >>Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat<< (1. Joh 4,19). Diese Stellen lehren unmissverstaendlich, dass der Glaube und die guten Werke die Fruechte des Wirkens Gottes in uns sind. Wir sind nicht auserwaehlt, weil wir gerecht sind, sondern damit wir gerecht werden. Waehrend nun gute Werke nicht die Basis der Errettung sind, sind sie als Fruechte und Auswirkungen gesehen absolut notwendig. Der Glaube bringt sie hervor, genau wie der Weinstock die Weintrauben hervorbringt. Waehrend uns die guten Werke vor Gott nicht gerecht machen, sind sie doch mit dem Glauben so eng verbunden, dass echter Glaube nie ohne gute Werke sein kann. Gute Werke koennen strikt genommen nicht ausserhalb des Glaubens gefunden werden. Unsere Errettung ist nicht >>aus Werken<<, sondern >>fuer gute Werke<< (Eph 2,9f.), und der errettete Christ fuehlt sich nur dann in seinem natuerlichen Element, wenn er gute Werke vollbringt. Jakobus lehrt uns, dass ein fadenscheiniger und unechter Glaube der ist, welcher keinerlei Fruechte zeitigt. Es liegt dieser Aussage dasselbe Prinzip zugrunde wie bei der Veranschaulichung Jesu, dass man den Baum an den Fruechten erkennt und dass ein guter Baum keine schlechten Fruechte bringt. Gute Werke sind fuer den Christen der Normalfall. Es ist wie beim Atmen -- er atmet nicht, um Leben zu bekommen, sondern er atmet, weil er lebt, ja, aus diesem Grunde muss er atmen. Gute Werke ehren Gott, daher sagt Jesus: >>Lasst euer Licht vor den Menschen scheinen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel dafuer loben (und nicht euch)<<. Ihm allein gebuehrt die Ehre. Der Calvinismus ist die logische Konsequenz der biblischen Lehre, dass die Erloesung allein das Werk der Gnade ist. Alles andere fuehrt uns in ein aussichtsloses Chaos an verschiedenen Ansichten, die der Heiligen Schrift widersprechen. Freilich gibt es immer noch Geheimnisse, auch im Calvinismus, und ganz sicher waere der Mensch, haette er einen eigenen Plan aufstellen muessen, nicht auf diesen gekommen. Die Praedestination aber deswegen ueber Bord zu werfen, weil sie nicht zu unseren Vorurteilen und liebgewordenen Traditionen passt, ist schlicht und ergreifend dumm. So etwas zu tun bedeutet, Gott am menschlichen Verstand auszurichten und die Weisheit und Gerechtigkeit seines Handelns zu leugnen, weil wir sie nicht verstehen. Damit erklaeren wir stillschweigend seine eigene Offenbarung fuer falsch und irrefuehrend. >>Es ist gefaehrliche Einbildung, wenn der Mensch >mit ungewaschenen Haenden< unternimmt, die grossen Geheimnisse Gottes mit seiner menschlichen Vernunft loesen zu wollen, dort, wo der Apostel selbst erstaunt ausruft: ,O welche Tiefe, wie unerforschlich ... wer hat des Herrn Sinn erkannt? Haette Paulus die Sicht des Arminianismus gehabt, haette er geantwortet: Errettet ist, von dem vorausgesehen wird, dass er glauben und beharren wird! [90] Es waere kein Geheimnis, wenn die Errettung auf guten Werken beruhte. In unserem Gedankengebaeude ist aber jedes Ruehmen voellig ausgeschlossen. Hier ist die Erloesung in allen ihren Teilen das uneingeschraenkte Werk der ungetruebten Gnade; diese Gnade basiert nicht auf guten Werken, sondern bringt sie erst hervor. __________________________________________________________________ [84] WB, Art. 3.2; 16.2; 16.3. [85] B. B. Warfield, Biblical Doctrines, ueber die Praedestination, S. 63. [86] Man beachte, dass nirgends steht: >>die Moeglichkeit zur Busse gegeben<<, sondern: >>die Busse gegeben<<. Die anthropozentrische Theologie des Arminianismus laesst sich von der theozentrischen Theologie wahrscheinlich genauso schwer wieder vom Thron stossen, wie das Christentum den Humanismus schwerlich wieder vom Thron stossen wird, wenn nicht Gott ein goldenes Zeitalter des Christentums herauffuehrt, bevor unser Herr und Heiland auf die Erde zurueckkehrt (A. d. Ue.). [87] Die King James Version uebersetzt: >>Turn thou me and I shall be turned; for thou art Jahweh my God. Surely after that I was turned, I repented; and after that I was instructed<< (A. d. Ue.). [88] Quelle nicht angegeben. [89] Quelle nicht angegeben. [90] Christopher Ness, Antidote Against Arminianism, S. 31. __________________________________________________________________ 5) Verwerfung 1. Aussagen 2. Kommentare von Calvin, Luther und Warfield 3. Schriftbelege 4. Die Basis der Lehre -- die Erbsuende 5. Den Nichterwaehlten wird kein Unrecht getan 6. Der unerwaehlte Zustand der Heiden 7. Zweck der Lehre von der Verurteilung 8. Der Hauptangriff der Arminianer auf diese Lehre 9. Wir sind nicht verpflichtet, alles zu erklaeren 1. Aussagen Die Lehre von der Praedestination fuehrt es logischerweise mit sich, dass einige zum Tod vorherbestimmt sind. Die Begriffe >>erwaehlt<< und >>Erwaehlung<< implizieren die Begriffe >>nicht erwaehlt<< und >>verurteilt<<. Wenn einige auserwaehlt sind, sind es notwendig andere nicht. Die grossen Privilegien und die herrliche Bestimmung der Einen gilt den anderen nicht. Auch dies ist allein auf Gott zurueckzufuehren. Wir glauben, dass Gott von Ewigkeit her vorhatte, einige Nachkommen Adams in ihren Suenden zu lassen und dass der Grund fuer eine solche die Auswahl einzig und allein in Gottes Willen gefunden werden kann. Wie Mozley gesagt hat, war die gesamte Menschheit nach dem Fall >>eine einzige Masse der Verdammnis; es hat Gott in seiner souveraenen Gnade gefallen, einige zu retten und andere zu lassen, was sie sind; einige zur Herrlichkeit zu fuehren und ihnen die dafuer notwendige Gnade zuzuwenden, die anderen jedoch der ewigen Strafe zu ueberlassen, indem er ihnen diese Gnade vorenthielt.<< [91] Die Hauptschwierigkeit in der Lehre der Erwaehlung entsteht in bezug auf diejenigen, die verlorengehen; die Schrift hat uns keine genaue Auskunft ueber ihren Zustand gegeben. Da die Mission Jesu nicht war, die Welt zu richten, sondern sie zu retten, wird jenem Aspekt der Sache wenig Aufmerksamkeit geschenkt. In allen reformierten Bekenntnissen, in denen von der Verurteilung gehandelt wird, wird davon gesprochen, dass sie ein wesentlicher Bestandteil der Praedestinationslehre sei. Das Westminster-Bekenntnis sagt im Anschluss an den Artikel um die Erwaehlung: >>Nach dem unerforschlichen Ratschluss seines eigenen Willens -- aufgrund dessen er Barmherzigkeit walten laesst oder zurueckhaelt, wie es ihm gefaellt -- hat Gott beschlossen, die uebrige Menschheit zur Ehre seiner hoechsten Macht ueber seine Geschoepfe zu uebergehen und sie zum Lob seiner vollkommenen Gerechtigkeit wegen ihrer Suende zu Schmach und Zorn zu bestimmen.<< [92] Wer an die Erwaehlung glaubt, die Verurteilung (der Nichterwaehlten) aber leugnet, kann schwerlich auf die Logik seiner Aussage pochen. Ersterem zuzustimmen, waehrend man letzteres leugnet, bedeutet letztlich, dass man das Dekret der Praedestination zu einem unlogischen oder ungleichgewichtigen System erklaert. Das Bekenntnis, das zwar die Praedestination aufrecht haelt, die Verurteilung der Nichterwaehlten aber nicht Sache der Vorherbestimmung sein laesst, gleicht einem verwundeten Adler, der versucht, mit nur einem Fluegel zu fliegen. Man hat im >>gemaessigteren Calvinismus<< die Neigung entwickelt, die Lehre der Verurteilung aufzugeben, und dieser ach so milde Ausdruck hat sich wie ein Keil in den echten Calvinismus geschoben, der Tuer und Tor fuer allerlei gefaehrliche Angriffe geoeffnet hat. >>Gemaessigter Calvinismus<< ist ein Synonym fuer angekraenkelten Calvinismus; eine Krankheit aber, die nicht geheilt wird, ist der Beginn vom Ende. 1. Kommentare Calvins, Luthers und Warfields Calvin selbst hat nicht gezoegert, auch die Verurteilung der Verlorenen gleich der Erwaehlung der Geretteten auf den ewigen Plan Gottes zurueckzufuehren. Wir haben ihn bereits zu diesem Thema zitiert: >>Denn die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet. Wie also nun der einzelne zu dem einen oder anderen Zweck geschaffen ist, so -- sagen wir -- ist er zum Leben oder zum Tode >vorbestimmt<.<< [93] An einer anderen Stelle sagt er: >>Denn die Erwaehlung selbst haette ohne die ihr gegenueberstehende Verwerfung keinen Bestand.<< [94] Calvin selbst gab zu, dass letzteres zu Problemen fuehre, die nicht leicht zu loesen sind, beharrte aber darauf, dass es die einzig denkbare Alternative sei, die Schrift-Tatsachen zu erklaeren. Luther hat die ewige Verdammnis genauso klar auf den ewigen Plan Gottes zurueckgefuehrt wie die ewige Errettung der Gerechten: >>Das beleidigt unsere natuerliche Vernunft, dass Gott ganz vorurteilslos einige Menschen sich selbst ueberlassen, sie verhaerten und verdammen sollte, und dennoch gibt Er vielfach Zeugnis davon, dass es sich gerade so verhaelt. Die einzige Ursache der Errettung einiger und der Verdammnis anderer liegt darin, dass er die einen erloesen will, die anderen jedoch der Verdammnis ueberlassen will, ganz wie Paulus sagt: ,Er erbarmt sich, wessen er sich erbarmen will und verhaertet, wen er verhaerten will. ... Es scheint der menschlichen Weisheit absurd, dass Gott einige Menschen verhaerten, blenden und ihrem verderbten Sinn ueberlassen sollte, dass Er sie zuerst dem Boesen ueberlassen sollte, um sie nachher dafuer zu verurteilen. Der glaeubige, geistliche Mensch sieht in all dem keine Absurditaet, denn er weiss, dass Gottes Guete nicht geschmaelert wuerde, sollte er alle Menschen verdammen.<< [95] Er fuegt hinzu, dass darunter nicht verstanden werden darf, dass Gott die Menschen gut, weise, gehorsam vorfindet, um sie dann boese, toericht zu machen und zu verstocken; die Menschen sind bereits so gefallen und verderbt, dass jene, die nicht wiedergeboren werden, statt durch Gottes Gesetz und Einfluss besser zu werden, dagegen aufbegehren und schlechter werden. In Bezug auf Roem 9,10f. redet Luther >>von der ewigen Vorherbestimmung Gottes, woher es urspruenglich fliesst, wer glauben oder nicht glauben soll, wer von Suenden los oder nicht los werden kann, womit es ja ganz aus unsern Haenden genommen und allein in Gottes Hand gegeben sei, dass wir fromm werden. Und das ist auch aufs allerhoechste not. Denn wir sind so schwach und ungewiss, dass, wenn es bei uns stuende, freilich nicht ein Mensch selig wuerde, der Teufel wuerde sie gewisslich alle ueberwaeltigen. Aber nun Gott gewiss ist, dass ihm das, was er vorherbestimmt, nicht fehlgehet, noch jemand ihm wehren kann, haben wir noch Hoffnung wider die Suende.<< [96] Dr. Warfield sagt: >>Die Schreiber der Bibel sind weit davon entfernt, die Lehre der Erwaehlung zu verdunkeln, um nur ja jede falsche Schlussfolgerung zu vermeiden. Im Gegenteil, sie gehen auf diese falschen Argumente ein und machten sie zu einem fixen Bestandteil ihrer Lehre. Ihre Lehre von der Erwaehlung, von der sie uns ganz ungezwungen berichten, involviert ganz selbstverstaendlich auch den Aspekt des Vergangenen. Der genaue Ausdruck im NT, den sie verwenden, lautet >eklegomai<, (Eph 1,4). So sagt Meyer korrekt ueber diesen Ausdruck, er habe immer, und dies aus zwingend logischen Gruenden, einen Bezug zu einer andern Personengruppe, zu denen die Erwaehlten ohne die >ekloga< gehoerten. Dieser Ausdruck impliziert, dass die Erwaehlten immer schon aus einer Gruppe Verlorener herausgenommen sind. Die Lehre praesentiert die Erwaehlung als einen puren Akt der Gnade Gottes. Die Erwaehlten sind urspruenglich durchaus Verlorene wie alle anderen auch, auf die die Gnade Gottes keinerlei rettenden Einfluss genommen hat und die daher ohne Hoffnung in ihrer Suende belassen werden. Die gerechte Verdammung der Unbussfertigen wird explizit und in scharfem Kontrast zur rettenden Gnade gelehrt, die den Erwaehlten trotz ihrer Suende gewaehrt wird.<< [97] An einer anderen Stelle sagt er: >>Die Schwierigkeit, die einige mit dem Argument des Apostels (Roem 9,11f.) haben, hat -- so vermuten wir -- seine Wurzeln zum Teil darin, dass sie meinen, Gott treffe in Bezug auf Erwaehlung und Verdammnis Willkuerentscheidungen. Sicher bekraeftigt Paulus die Souveraenitaet von Gnade und auch von der Verwerfung, wenn man diese beiden Begriffe ueberhaupt voneinander trennen darf; wenn er etwa die Liebe Gottes zu Jakob erwaehnt, verschweigt er auch nicht, dass Gott Esau aus nicht bekannten Gruenden gehasst hat; wenn er sagt, Gott sei barmherzig, wem er will, dann bekraeftigt er auch, dass Gott auch diejenigen verhaertet, die er verhaerten will. Die Schwierigkeit, die einigen hier entsteht, hat zweifellos damit zu tun, dass man nicht bedenkt, auf welcher Basis der Apostel hier argumentiert: dass naemlich die ganze suendige Menschheit sich den Zorn Gottes zugezogen hat. Er redet von Gott vor dem Hintergrund einer verlorenen Menschheit, und aus dieser Menschheit baut er sich ein Koenigtum der Gnade. Es koennte immer noch eine souveraene Erwaehlung und auch Verwerfung geben, auch wenn nicht alle Menschen Suender waeren; die Verwerfung waere dann keine Verwerfung zur Strafe, zur Vertilgung, zu ewigem Tode, sondern sie wuerden einer anderen Bestimmung uebergeben, die mit jenem Zustand uebereinstimmte, in dem sich die Uebergangenen befaenden. Tatsaechlich ist die Nichterwaehlung einiger nicht auf ihren suendigen Zustand zurueckzufuehren; da die Erwaehlung ja eine freie Wahl ist, muss auch die Verwerfung gleich frei sein, jedoch werden die Verworfenen der Verdammnis ueberlassen, weil sie Suender sind. Nicht die allgemeine Erloesung, sondern die allgemeine Verdammnis ist die Basis, von der aus Paulus seine Theodizee entwickelt. Wenn alle den (ewigen) Tod verdienen, dann ist es ein reines Wunder, wenn irgendwer zum Leben gelangt; wer will leugnen, dass der, der solche Gnade erweist, nicht selbst bestimmen darf, wem er sie erweist und wem nicht? [98] 1. Schriftbelege Zugegeben: Das ist keine erspriessliche Lehre. Sie wird auch nicht gelehrt, um sich bei Menschen einzuschmeicheln, sondern ganz einfach deswegen, weil es biblische Lehre ist -- eben die Kehrseite der Erwaehlungslehre. Ich werde nun einige Schriftstellen anfuehren, die diese Lehre mit unmissverstaendlicher Klarheit untermauern. Sie sollten ausreichen, um jedermann zufrieden zu stellen, der die Bibel fuer Gottes Wort nimmt. Spr 16,4: Fuer seinen Zweck hat der Herr alles geschaffen, so auch den Gottlosen fuer den Tag des Ungluecks. 1 Petr 2,8: (Von Christus wird gesagt, er sei gegenueber den Gottlosen gemacht) zum Stein des Anstosses, zum Fels des Aergernisses. Sie stossen sich an ihm, wozu sie auch bestimmt sind, weil sie dem Wort nicht gehorchen. Jud. 4: Denn es haben sich gewisse Leute eingeschlichen, die laengst fuer das Gericht vorgemerkt sind, gottlose Menschen, die die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehren und unseren alleinigen Gebieter und Herrn Jesus Christus verleugnen. 2 Petr 2,12: Sie aber laestern, was sie nicht verstehen, und werden auch in ihrer Verdorbenheit vernichtet werden, wie unvernuenftige Tiere von Natur dazu bestimmt sind, eingefangen zu werden und zu verderben. Offb. 17,17: Denn Gott hat ihnen den Gedanken eingegeben, seinen Willen auszufuehren und einmuetig ihre Herrschaft so lange dem Tier zu uebertragen, bis Gottes Worte durchgefuehrt sind. Offb. 13,8: (Joh Vision des Tieres hat die Aussage:) Anbeten werden es alle Bewohner der Erde, deren Namen seit Grundlegung der Welt nicht eingetragen sind im Buch des Lebens des Lammes, das geschlachtet wurde. Jene Bewohner stehen in starkem Kontrast zu den Juengern, die Jesus zu frohlocken auffordert, weil ihre Namen im Himmel geschrieben stehen (Lk 10,20) und auch zu den Mitarbeitern Paulus', deren Namen im Buch des Lebens stehen (Phil. 4,3). Paulus erlaeutert, dass die >>Gefaesse des Zorns<<, die vom Herrn >>zum Verderben geweiht sind<<, mit >>Langmut ertragen worden sind<<, damit Er an ihnen >>seinen Zorn und seine Macht erzeige<<; er kontrastiert sie mit den >>Gefaessen des Erbarmens, die er fuer die Herrlichkeit vorausbestimmt hat<< (Roem 9,22f.). Roem 1,28: (Ueber die Heiden wird gesagt:) Gott hat sie dahingegeben in ihren verwerflichen Sinn, zu tun, was sich nicht ziemt. Roem 2,5: (Dem Gottlosen wird gesagt:) Aber mit deinem Starrsinn und deinem zur Umkehr nicht bereiten Herzen haeufst du dir Zorn auf fuer den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes. 2 Thess 2,11: (Ueber jene, die verlorengehen, sagt Paulus:) Deshalb schickt Gott ihnen die Kraft der Verfuehrung, dass sie der Luege Glauben schenken. Sie werden aufgerufen, diese Dinge aeusserlich zur Kenntnis zu nehmen, sich ueber sie zu wundern und in ihren Suenden zuschanden zu werden. Man beachte die Worte des Paulus in der Synagoge in Antiochien in Pisidien: >>Schaut, ihr Veraechter, staunt und vergeht! Ein Werk vollbringe ich in euren Tagen, ein Werk, das ihr nicht glauben wuerdet, wenn einer es euch erzaehlte.<< Nachdem Johannes berichtet hat, wie unglaeubig das Volk geblieben war, selbst nachdem Jesus derart viele Wunder getan hatte, fuegt er hinzu: >>Sie konnten nicht glauben; denn Jesaja hat weiter gesagt: >Er hat ihre Augen geblendet und ihr Herz verhaertet, damit sie mit den Augen nicht sehen und mit dem Herzen nicht verstehen und sich nicht bekehren, dass ich sie heile.<<< Der Befehl Christi den Gottlosen im juengsten Gericht gegenueber ist wohl der staerkste Beweis fuer die Lehre der Verwerfung: >>Hinweg von mir, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer, das fuer den Teufel und seine Engel bereitet ist!<< (Mt 25,41); es ist nicht von Belang, ob dieser Befehl in Zeit oder Ewigkeit ergeht. Was Gott richtig erscheint, im Zeitlauf zu tun, ist auch nicht falsch, wenn es bereits in seinem ewigen Plan enthalten ist. Einmal sagt Jesus: >>Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen: Die Blinden sollen sehend, die Sehenden blind werden<< (Joh 13,39). Ein andermal sagt er: >>Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geoffenbart hast<< (Mt 11,25). Es faellt der menschlichen Vernunft schwer, zuzugeben, dass gerade jener anbetungswuerdige Erloeser und einzige Erretter der Menschen fuer einige ein Stolperstein und ein Stein des Anstosses ist, und dennoch erklaert ihn die Schrift genau dazu. Noch vor seiner Inkarnation war er bestimmt zum Fall und zur Auferstehung vieler in Israel (Lk 2,34). Wenn er in seinem vermittelnden Gebet in Gethsemane gesagt hat: >>Fuer sie bitte ich, nicht fuer die Welt bitte ich, sondern nur fuer jene, die du mir gegeben hast<<, so wird man sagen muessen, dass die Lehre der vorherbestimmten Verwerfung doch sehr stark fundiert ist. Jesus selbst erklaerte, dass einer der Gruende, weshalb er in Gleichnissen rede, der sei, dass die Wahrheit denen verhuellt wird, fuer welche sie nicht bestimmt ist. Wir lassen die heilige Geschichte selbst fuer sich sprechen: >>Da kamen die Juenger und fragten ihn: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen. Jenen ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Ueberfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird noch weggenommen, was er hat. Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, hoeren und doch nicht hoeren und nicht verstehen. So erfuellt sich fuer sie die Weissagung Jesajas: Mit den Ohren sollt ihr hoeren und doch nicht verstehen; mit den Augen sollt ihr sehen und doch nicht erkennen. Denn verstockt ist das Herz dieses Volkes. Mit den Ohren hoert es schwer, seine Augen hat es geschlossen, damit es mit den Augen nicht sieht und mit den Ohren nicht hoert, mit dem Herzen nicht versteht und sich nicht bekehrt, dass ich es heile<< (Mt 13,10--15; Jes 6,9f.). In diesen Worten haben wir die Anwendung eines anderen Jesuswortes: >>Gebt das Heilige nicht den Hunden, und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor, damit sie sie nicht mit ihren Fuessen zertreten, sich umwenden und euch zerreissen<< (Mt 7,6). Jeder, der behauptet, dass Christus geplant hat, seine rettende Wahrheit jedem anzubieten, der widerspricht Christus selbst. Den Verworfenen bleibt die Bibel ein verschlossenes Buch, nur dem echten Christen ist es >>gegeben<<, die Dinge darin zu sehen und zu verstehen. Diese Wahrheit ist dermassen wichtig, dass es dem Heiligen Geist gefallen hat, die Jesajastelle im Neuen Testament sechsmal zu wiederholen (Mt 13, 14f.; Mk 4,12; Lk 8,10; Joh 12,40; Apg 28,27; Roem 11,9f.). Paulus teilt uns klipp und klar mit: Die Erwaehlten sind es aus Gnade; die Uebrigen werden verhaertet. Er fuegt hinzu: >>Gott gab ihnen einen Geist der Betaeubung, Augen, um nicht zu sehen, Ohren, um nicht zu hoeren, bis auf den heutigen Tag.<< Und David sagt: >>Ihr Tisch soll ihnen werden zum Strick und Strang, zum Verderben und zur Vergeltung. Ihre Augen sollen finster werden, dass sie nicht sehen; ihren Ruecken beuge allezeit!<< (Roem 11,8--10). Aus all diesen Gruenden traegt die evangelische Verkuendigung einigen gegenueber nicht zur Heilung, sondern zur Verstockung bei. Diese gleiche Lehre findet in zahlreichen anderen Stellen der Bibel die gleiche Anwendung. Mose sagte zu den Kindern Israel: >>Doch Sihon, der Koenig von Heschbon, wollte uns den Durchzug nicht gestatten. Denn der Herr, dein Gott, hatte seinen Sinn unbeugsam und sein Herz hart werden lassen, um ihn in deine Gewalt zu geben, wie es heute der Fall sein wird.<< Ueber die kanaanitischen Staemme, die Josua Widerstand leisteten, wird gesagt: >>Denn vom Herrn war es so gefuegt, dass er ihr Herz verhaertete, so dass sie gegen Israel stritten, damit ohne Gnade der Bann an ihnen vollstreckt werden koennte und sie ausgerottet wuerden, wie der Herr dem Mose geboten hatte<< (Jos11,20). Hophni und Pinhas, die Soehne Elis, >>hoerten nicht auf ihres Vaters Worte; denn der Herr hatte beschlossen, sie sterben zu lassen<< (1 Sam 2,25). Obgleich der Pharao gegenueber den Israeliten gottlos und arrogant gehandelt hatte, gibt Paulus keinen anderen Grund fuer seine Verwerfung an als den, dass er ein Verworfener sei, dessen Handlungen zum Guten ausschlagen muessen: >>Gerade dazu habe ich dich erweckt, um an dir meine Macht zu zeigen, damit mein Name auf der ganzen Erde verkuendet werde<< (2 Mo 9,16). All diese Verworfenen sind blind und verstockter Herzenshaertigkeit; wenn von jemandem wie dem Pharao gesagt wird, er sei von Gott verhaertet worden, dann koennen wir sicher sein, dass er in sich selber schon wert ist, dem Satan uebergeben zu werden. Die Herzen der Gottlosen werden freilich nicht auf direktem Wege von Gott verhaertet; er erlaubt es dem Menschen ganz einfach, den ureigensten inneren Impulsen seiner selbst zu folgen, so dass das Resultat der eigenen Wahl ihn tiefer und tiefer in seine unempfindliche Rebellion fuehrt. Wenn gesagt wird, Gott verhaerte das Herz Pharaos, so heisst das auch: er selber trotzte (2 Mo 8,15; 8,32; 9,34). Die eine Beschreibung ist vom goettlichen Standpunkt aus gesehen, die andere vom menschlichen aus. Gott ist der Letztverantwortliche, insofern er es dem menschlichen Herzen erlaubt, eigene Wege zu gehen; die inspirierten Schreiber haben das in anschaulichen Bildern geschildert, doch niemals duerfen wir meinen, dass Gott die unmittelbare oder direkte Ursache der Suende ist! Obgleich diese Lehre sehr unangenehm ist, ist sie nichtsdestoweniger biblisch. Da die Bibel sie so klar lehrt, koennen wir den Einwaenden, die ihr entgegengebracht werden, keinen anderen Grund zuweisen als voellige Unkenntnis und unreflektierte Vorurteile, wie sie Menschen gerne mitbringen, wenn sie das erste Mal mit dieser Lehre in Kontakt kommen. Wie passend ist hier, was Rice gesagt hat: >>Wie schoen waere es fuer Kirche und Welt, wenn die Diener Christi und sein gesamtes Volk damit zufrieden waeren, Juenger zu sein, eben >Lernende<; wenn sie doch ihre beschraenkten Faehigkeiten bedaechten, ihre Unwissenheit goettlichen Dingen gegenueber einsaehen und sich ihrer Fehlbarkeit erinnerten, da sie ja gefallene und vorurteilshafte Wesen sind; sie koennten dann zu Fuessen Jesu sitzen und von Ihm lernen. Die Kirche stand fast in jedem Zeitalter unter dem Fluch von Maennern, die sie mit dem Vertrauen auf ihre eigene Vernunft angesteckt hatten. Sie hatten es unternommen, ueber Vernunft oder Unvernunft von Lehren zu urteilen, die jenseits ihrer Vernunft stehen und einzig und allein Sache der Offenbarung sein koennen. Sie haben sich eingebildet, >die Tiefen Gottes< verstehen zu koennen; sie haben die Schriftstellen nicht nach der offenkundigen Bedeutung ausgelegt, sondern anhand ihrer endlichen Vernunft. ... Niemand hat je die Natur oder auch das Buch der Offenbarung studieren koennen, ohne sich von allen Seiten von Geheimnissen umgeben zu sehen, die er nicht loesen kann. Der Philosoph muss sich mit den Fakten begnuegen, der Theologe muss sich mit dem zufrieden geben, was Gott offenbart hat.<< [99] Es ist schon seltsam: Viele verteidigen die die Lehre der Dreieinigkeit mit dem Hinweis darauf, dass man sich hier von allen vorgefassten Meinungen freimachen muesse und dass man sich nicht auf den menschlichen Verstand verlassen duerfe, wenn man entscheidet, was rechtens ueber Gott ausgesagt werden darf. Sie bestehen darauf, dass auch hier die Schrift das letzte Wort haben muss. Wenn die Rede allerdings auf die Praedestinationslehre kommt, weigern sie sich, diese Prinzipien auf diese Lehre anzuwenden. 1. Die Basis der Lehre -- die Erbsuende 2. Den Nichterwaehlten wird kein Unrecht getan Offensichtlich stoert uns an der Praedestinationslehre der Teil, in dem behauptet wird, Gott habe aufgrund eines souveraenen und ewigen Beschlusses einen Teil der Menschheit zur Errettung bestimmt und damit den anderen Teil der Menschheit der Verdammnis ueberlassen. Das scheint unserem gewohnten Gedankengang ungerecht zu sein und bedarf demzufolge einer Erklaerung. Die Verteidigung der Lehre von der Verwerfung kann erst verstanden werden, wenn man die Idee der Erbsuende und der daraus resultierenden Unfaehigkeit des Menschen verstanden hat. Der Beschluss betrifft zunaechst die ganze Menschheit. Niemand hat Anspruch auf Gottes Gnade. Anstatt alle Menschen ihrer Bestrafung zu ueberlassen, wendet Gott einem Teil der Menschheit unverdiente Seligkeit zu -- ein Akt der puren Barmherzigkeit und Gnade, gegen den niemand Einspruch erheben kann --, die anderen bleiben unberuecksichtigt. Dadurch wird diesen Menschen nichts vor- enthalten, was zu beanspruchen sie irgend ein Recht haetten. Folglich hat auch niemand das Recht, diesen Teil des Beschlusses anzufechten. Handelte der Beschluss von Unschuldigen, so waere es in der Tat ungerecht, einen Teil der Verdammnis zu ueberlassen, aber da der Beschluss von einer suendigen Menschheit in einem durch und durch suendigen Zustand handelt, ist er mitnichten ungerecht. >>Die Auffassung, die Welt liegt im Argen und ist schon gerichtet (Joh 3, 18) -- auf jene, die nicht aus diesem ,Argen erloest werden, wird der Zorn Gottes nicht ausgegossen, sondern er bleibt vielmehr auf ihnen (Joh 3,36. 1. Joh 3,14) -- ist das Fundament der ganzen Vorstellung. Daher erklaert Jesus, dass er nicht gekommen sei, die Welt zu richten, sondern sie zu retten (Joh 3,17; 3,12; 9,5; 12,47; vgl. 4,42). Sein Ziel ist es, das Leben in die Welt zu bringen (Joh 6,33.51); eine Welt, die bereits verdammt ist, braucht keine weitere Verdammnis mehr, sondern Erloesung.<< [100] Der schuldige Mensch hat alle Rechte verloren und untersteht dem Willen Gottes. Er steht nun Gottes absoluter Souveraenitaet gegenueber, und wenn Gott in einigen Faellen Gnade erzeigt, dann koennen wir nicht wagen, seine Gerechtigkeit den Verworfenen gegenueber infrage zu stellen, ohne damit seine Herrschaft ueber das Universum ebenso zu hinterfragen. Wird der Beschluss der Praedestination in diesem Licht gesehen, dann trifft er auf eine grosse Masse Verlorener, laesst aber nur einen Teil dieser Menschen in ihrem Zustand. Wenn alle die Strafe schon von vornherein verdienen -- wie koennte es dann ungerecht sein, diese Strafe auch von vornherein festzulegen? Es waere ja die Ausfuehrung eines gerechten Urteils sonst selbst ungerecht. Dr. Clark sagt: >>Wenn der Arminianismus behauptet, Glaube und Werk legen den Grund zur Erwaehlung, so widersprechen wir. Behauptete er dagegen, dass der vorhergesehene Unglaube und Ungehorsam der Grund fuer die Verwerfung sind, dann stimmen wir gerne zu. Ein Mensch wird nicht aufgrund irgendwelcher guter Eigenschaften gerettet, sondern ist aufgrund seiner Suende verdammt. Als konsequente Calvinisten beharren wir darauf: Waehrend einige Menschen trotz ihres Unglaubens und Ungehorsams erloest werden -- und unter diesen Unglauben und Ungehorsam fallen grundsaetzlich alle Menschen ohne Ausnahme --, werden einige nicht erloest. Trotzdem ist es immer die Suendigkeit des Suenders, was der Grund fuer seine Verwerfung ist. Erwaehlung und Verwerfung basieren auf verschiedenen Fundamenten: Erwaehlung auf Gottes Gnade, Verwerfung auf der Suende des Menschen. Es ist eine boeswillige Verdrehung, die dem Calvinismus angedichtet wird, wenn man sagt, er behaupte: Wenn Gott einen Menschen ohne Hinblick auf dessen Charakter errette, dann tue er das auch in Bezug auf die Verdammnis und verdamme einen Menschen, ohne seinen Charakter zu bedenken.<< [101] Die Verwerfung oder das Uebergehen der Nichterwaehlten hat ihren Grund nicht nur in dem Vorherwissen seiner fortwaehrenden Suendigkeit, denn wenn das die Ursache dafuer waere, dann waere dies das Schicksal aller Menschen, da wir uns alle unter dies Urteil stellen muessten. Es kann auch nicht gesagt werden, dass diejenigen, die uebergangen werden, in jedem Fall schlimmere Suender seien als jene, die zu ewigem Leben gefuehrt werden. Die Schrift schreibt Glauben und Umkehr immer dem Wohlgefallen Gottes und der speziellen Gnadenwirkung Seines Geistes zu. Diejenigen, die meinen, der Mensch sei an sich unschuldig und verdiene die Erloesung, sind freilich ueber die Lehre sehr erbost, dass ein Teil der Menschheit von vornherein [102] verloren ist. Wenn die Lehre von der Erbsuende im rechten Licht gesehen wird -- und diese Lehre steht glasklar in der Schrift --, dann verschwinden die Einwaende gegen die Praedestinationslehre von selbst, und die Verurteilung der Gottlosen scheint gerecht und natuerlich. Daher geht die Erloesung einzig von Gott aus, waehrend wir uns die Verdammnis selbst zuzuschreiben haben. Der Mensch geht verloren, weil er nicht zu Christus kommen will; derjenige, der da will, der will deshalb, weil Gott den Willen in ihm bewirkt. Gnade, erwaehlende Gnade: dies zieht den Willen und haelt ihn sich recht; dieser Gnade gebuehrt alles Lob und aller Preis. Gott hat in seiner Gnade einige erwaehlt aus einer Welt suendiger und rebellischer Geschoepfe: Menschen, die es nicht verdienen, gerettet zu werden, sondern mit allen anderen und auch den gefallen Engeln (2 . Petr. 2,4; Jud. 6) verlorenzugehen. Er hat alles auf sich genommen, um seinem Volk die Erloesung zu bringen. Die Suehne ist allein seine Sache, und hier darf er -- und wird er auch -- erretten, welche er will. Die Gnade wird dem einen gewaehrt und dem anderen verwehrt, ganz wie es ihm gefaellt. Es darf dabei nicht ausser Acht gelassen werden: Dass Er seine Gnade den Nichterwaehlten vorenthaelt, ist der negative Aspekt ihres Verderbens; so wird ja auch die Abwesenheit des Arztes gegenueber dem Todkranken >nur< Anlass, nicht bewirkende Ursache seines Todes. Dr. Charles Hodge: >>Aus der Sicht eines unendlich guten und gnaedigen Gottes war es notwendig, dass einige Menschen dieser rebellischen Menschheit die Strafe des Gesetzes erleiden muessen, welches alle gebrochen haben. Es ist Gottes Vorrecht, im Voraus zu bestimmen, wer >Gefaess der Gnade<, und wer den Folgen seiner Suenden ueberlassen wird.<< [103] Da sich der Mensch selbst in diesen Zustand der Suende manoevriert hat, ist seine Verdammnis gerecht; den Anforderungen des Gesetzes wird durch die Strafe Genuege getan. Das Gewissen sagt uns, dass der Mensch gerechterweise untergeht, da er lieber dem Satan als Gott folgt. >>Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben<< (Joh 5,40), sagte Jesus. Prof. F. E. Hamilton trifft den Punkt: >>Alles, was Gott tut, ist, dass er ihn (den Nichtwiedergeborenen) sich selbst ueberlaesst und es ihm erlaubt, >ungestoert< seiner eigenen Wege zu gehen. Seiner Natur nach ist er boese, und Gott hat nur vorherbestimmt, diese Natur unveraendert zu lassen. Wie Gegner des Calvinismus das Bild gerne malen: dass ein grausamer Gott es ablehnt, Menschen zu erretten, die sich nach Erloesung sehnen, ist eine abscheuliche Karikatur. Gott errettet alle, die errettet werden wollen, doch ist die Natur des Menschen, wenn sie nicht schon von Gott veraendert wird, derart, dass er gar nicht gerettet werden will.<< [104] Diejenigen, die verloren werden, werden verloren, weil sie es waehlen, in den Wegen der Suende zu gehen; das ist die wahre Hoelle: die Hoelle zieht ihre Kinder an. Viele Menschen reden so, als sei Erloesung so etwas wie ein Geburtsrecht. Sie vergessen die Tatsache, dass der Mensch seine Chance in Adam vertan hat und meinen, Gott sei ungerecht, wenn er die Erloesungsmoeglichkeit nicht allen Menschen anbietet. Dass die Erloesung aufgrund einer menschlichen Tat zuerkannt werden soll, kommentiert Luther mit folgenden Worten: >>Lass uns, ich bitte dich, einmal annehmen, dass Gott wirklich auf die Werke der Verdammten acht gebe. Muessen wir dann nicht gleicher Weise auch die Werke der Erloesten in Rechnung zu bringen? Folgen wir dem Wege der Vernunft, dann entspricht es ihr, jene zu kroenen, die es nicht verdient haben, gleich wie es ihr entspricht, jene zu verdammen, die das verdient haben.<< [105] Niemand, der richtig von Gott denkt, wird auf den Gedanken verfallen, Gott handle spontan, ohne vorherige Ueberlegung. Wir sprechen hier ueber den ewigen Plan Gottes: Was in Zeit und Raum geschieht, hat er von Ewigkeit her beschlossen. Diejenigen, die er errettet, hat er zu erretten schon in Ewigkeit sich vorgenommen, und diejenigen, die er dem Verderben ueberlaesst, sind sich schon von Ewigkeit her dem Verderben ueberlassen. Gottes gerechtes Handeln in Zeit und Raum hindert ihn nicht, mit gleichem Grund jenseits von Zeit und Raum ein solches Handeln von Ewigkeit her schon festzulegen. Das Prinzip dieses Handelns ist in beiden Faellen das gleiche. Wenn wir zurecht sagen, dass Gott von Ewigkeit her geplant hat, einer grossen Anzahl Suendern zu vergeben, warum geben sich dann einige so viel Muehe, zu zeigen, dass wir unrecht haben, wenn wir behaupten, es treffe umgekehrt auch zu, dass Gott von Ewigkeit her geplant hat, den Rest der Menschheit der gerechten Strafe zu ueberlassen? Wenn es Gott recht ist, einige Menschen nach ihrer Geburt nicht zu retten, dann ist es ihm auch recht, sie schon vor ihrer Geburt oder von Ewigkeit her nicht zu retten. Da der bestimmende Wille Gottes allmaechtig ist, kann er auch nicht blockiert oder nichtig gemacht werden. Wenn das stimmt, dann folgt daraus, dass er niemals wollte noch jemals will, dass jeder Mensch errettet werde. Wenn er das gewollt haette, dann ginge kein Mensch verloren, denn >>wer kann gegen seinen Willen bestehen?<< Haette er gewollt, dass niemand verlorengeht, haette er allen Menschen die wirksame Gnade zugewendet, ohne die man nicht auskommt. Gott haette dies ohne weiteres tun koennen, aber wir sehen, dass er es nicht tut. Daher ist es nur logisch, dass es nicht etwa sein verborgener oder bestimmter Wille sein kann, dass alle Menschen gerettet werden. Tatsaechlich sind die zwei Wahrheiten: dass naemlich Gott erstens das, was er tut, von Ewigkeit her tut und zweitens, dass nur ein Teil der Menschheit gerettet wird, genug, um die Lehre von der Erwaehlung und der Verwerfung nun abzuschliessen. 1. Der Zustand der Heiden Schon die Tatsache, dass nach der Vorsehung Gottes einige Menschen das Evangelium ueberhaupt nie zu hoeren bekommen und auch nicht in den Genuss der anderen Gnadenmittel kommen, zeigt schon das Prinzip, das der Calvinismus mit der Praedestinationslehre aufstellt. Wir sehen, dass zu jeder Zeit der groessere Teil der Menschheit hinsichtlich der aeusseren Gnadenmittel voellig alleine gelassen worden ist. Viele Jahrhunderte waren die Juden, ein vergleichsweise kleines Volk, die einzigen Menschen, denen sich Gott offenbart hat. Jesus beschraenkte sein oeffentliches Auftreten fast nur auf sie und verbot seinen Juengern vor Pfingsten sogar, zu den Heiden zu gehen (Mt 10,5f.; 28,19; Mk 16,15; Apg 1,4). Eine grosse Anzahl von Menschen hatte keinerlei Chance, das Evangelium auch nur zu hoeren -- sie starben folglich in ihren Suenden. Haette Gott vorgehabt, sie zu retten, so haette er ihnen diese Moeglichkeit zweifellos gegeben. Haette er vorgehabt, Indien und China vor tausend Jahren zu erretten, dann haette er auch dies zuwege gebracht. Stattdessen sind sie in grosser Dunkelheit und Unglauben gelassen worden. All jene Zeiten der Suende, des Elends und des Todes koennen keine andere Erklaerung finden als die der Schrift: In Adam haben alle gesuendigt, in ihm sind alle gefallen. Gott errettet in seiner souveraenen Gnade eine unzaehlbare Schar, und das durch eine Erloesung, die er selbst dafuer bestimmt und bereitet hat. Es ist eine verdrehte und entehrende Sicht, wenn man sich Gott als jemanden vorstellt, der sich mit ungehorsamen Menschen herumschlaegt, indem er sein Bestes tut, um sie zu bekehren, seinen Zweck aber dennoch oft nicht erreichen kann. Waere die arminianische Theorie wahr, dass Christus fuer alle Menschen gestorben sei und dass dies allen zugute kommen sollte, so sollte man doch meinen, Gott muesse Vorsorge getroffen haben, dass das Evangelium auch jedermann zu hoeren bekomme. Das Problem der Heiden, die ohne Evangelium leben und sterben, hat den Arminianismus immer schon gequaelt, beharrt er doch darauf, dass alle Menschen die Gnade haben koennten, wenn sie sie nur wollten. Nur wenige wuerden leugnen, dass es zur Errettung auch darauf ankomme, dass ein Mensch das Evangelium hoert und annimmt. Das Christentum ist sich in diesem Punkt wenigstens einig: die Heiden als Masse sind verloren. Dass dies biblische Lehre ist, kann leicht gezeigt werden: Apg 4,12: In keinem anderen ist das Heil. Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir das Heil erlangen sollen. Roem 12,2: Alle, die ohne das Gesetz gesuendigt haben, werden ohne das Gesetz dem Verderben anheimfallen. 1 Kor 3,11: Denn niemand kann einen anderen Grund legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus. Joh 15,5: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt viel Frucht; denn ohne mich koennt ihr nichts tun. Joh 14,6: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben: niemand kommt zum Vater ausser durch mich. Joh 3,36: Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn lastet auf ihm. 1. Joh 5,12: Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht. Joh 17,3: Das ewige Leben besteht aber darin, dass sie dich erkennen, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus. Hebr. 11,6: Ohne Glauben aber ist es unmoeglich, Gott zu gefallen. Roem 10,13f: Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden. Doch wie sollen sie den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehoert haben? Wie von ihm hoeren, wenn ihnen niemand verkuendet? Anders gefragt: Wie koennen die Heiden gerettet werden, wenn sie nicht einmal von Christus gehoert haben, der doch der einzige Weg zur Errettung ist? Jesus aber sagte ihnen: Joh 6,53: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr kein Leben in euch. Ez 33,8: Wenn ich zu dem Gottlosen sage: >>Gottloser, du musst sterben!<<, und du sagst dies nicht, um den Gottlosen zu warnen vor seinem boesen Weg, wird zwar der Gottlose wegen seiner Schuld sterben, aber sein Blut werde ich von deiner Hand fordern. Es wird zwar der Waechter verantwortlich gemacht; am Schicksal der Voelker aendert das nichts. Jesus erklaerte, dass selbst die Samariter, die wesentlich groessere Privilegien genossen als die Voelker ausserhalb Palaestinas, nicht wussten, wen sie anbeteten, und dass die Erloesung von den Juden komme. Vergleichen wir damit die ersten zwei Kapitel des Roemerbriefs. Die Heilige Schrift macht sehr deutlich: Unter normalen Bedingungen geht jeder, der weder Christus noch das Evangelium hat, verloren. Wir stimmen mit dem Westminster-Bekenntnis ueberein, welches lehrt, dass jene, die Christus ablehnen, nicht errettet werden koennen. Es heisst da: Viel weniger koennen Menschen, die den christlichen Glauben nicht bekennen, auf irgendeine andere Weise gerettet werden, seien sie auch noch so fleissig, ihr Leben nach der natuerlichen Offenbarung und den Vorschriften der Religion, die sie bekennen, einzurichten. [106] Tatsaechlich hat die Auffassung, dass die Heiden ohne Evangelium verlorengehen, der Heidenmission zu den staerksten Argumenten verholfen. Wenn wir glaubten, ihre Religionen gaeben ihnen genug Licht und Wahrheit, um sie zu erretten, dann waere die Verkuendigung des Evangeliums nicht sehr wichtig fuer sie. Unsere Haltung der Mission gegenueber wird ziemlich stark von der Antwort bestimmt, die wir auf diese Frage haben. Wir leugnen nicht, dass Gott auch einige aus den erwachsenen Heiden retten kann, wenn er es so will, denn sein Geist weht dort, wo immer er will, mit oder ohne Mittel. Wenn dies aber geschieht, dann durch ein pures Gnadenwunder. Es ist sicher, dass Gottes >>normaler<< Weg der ist, sein Volk aus dem evangelisierten Teil der Menschheit zu sammeln; dennoch muessen wir zugeben: Es koennen durchaus auch Menschen aus nichtevangelisierten Teilen der Menschheit errettet werden. (Das Schicksal der Kleinkinder aus heidnischen Laendern eroertere ich spaeter unter dem Titel >>Kindes-Erloesung<<.) Es ist unvernuenftig, anzunehmen, dass der Mensch etwas verwenden koenne, von dem er gar nichts weiss. Wie man leicht sehen kann: Vergnuegungen, Lebensfreude und Gelegenheiten sind den Heiden meist fremd, und wir koennen uns gut denken, dass ihnen diese Dinge auch nach dem Tod fehlen werden. Jene, die nach Vorsehung in heidnischer Dunkelheit leben muessen, etwa das westliche China, koennen Christus ebenso wenig annehmen, wie sie Radio hoeren koennen, fliegen koennen oder die kopernikanische Astronomie kennen koennen. Wenn Gott Menschen in solche Zustaende hineingeboren werden laesst, dann koennen wir davon ausgehen, dass sie ebenso sicher gerettet werden, wie es ausgemacht ist, dass der Boden Nordsibiriens, der das ganze Jahr gefroren ist, Unmengen an Weizen hervorbringt. Beabsichtigte Gott tatsaechlich, sie zu retten, so haette er sie mit den notwendigen Mitteln versorgt, damit sie dies Ziel erreichen koennen. Und gibt es nicht Unmengen an Namenschristen in so genannten christianisierten Laendern, die das Evangelium noch niemals angemessen gehoert haben und die damit nicht einmal die aeusserlichen Mittel der Erloesung haben (um nicht vom voellig hilflosen Zustand ihres Herzens zu sprechen)? Das alles soll freilich nicht bedeuten, dass alle Verlorenen das gleiche Strafmass erleiden werden. Wir glauben, dass von einem allgemeinen Nullpunkt aus alle Grade der Belohnung und alle Grade der Strafe vorkommen werden, und dass der Grad der Belohnung oder der Strafe zu einem gewissen Ausmass auf die Moeglichkeiten zurueckzufuehren ist, die ein Mensch im Leben gehabt hat. Jesus selbst hat einmal gesagt, dass es Sodom am Tage des Gerichts ertraeglicher gehen wird als jenen Staedten Palaestinas, die seine Botschaft hoerten und dennoch verworfen hatten (Lk 10,12--14). Er beschliesst das Gleichnis von den treuen und untreuen Knechten wie folgt: >>Jener Knecht, der den Willen seines Herrn zwar kennt, aber nicht danach handelt, wird viele Schlaege erhalten. Wer ihn dagegen nicht kennt, aber strafwuerdig handelt, wird wenige Schlaege erhalten. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert; wem viel anvertraut ist, von dem wird um so mehr verlangt werden<< (Lk 12,47f.). Waehrend die Heiden also verlorengehen, werden sie vergleichsweise weniger leiden als jene, die das Evangelium gehoert haben, es aber abgelehnt haben. Das Problem der heidnischen Voelker betreffend, befindet sich der Arminianismus von Anfang an in Schwierigkeiten, die seinen ganzen Entwurf zum Einsturz bringen. Es sind Schwierigkeiten, von denen er sich niemals hat freimachen koennen. Viele glauben, dass jedem ausreichend Gnade erteilt oder zumindest die Moeglichkeit dazu gegeben werden muesse, bevor jemand rechtmaessig verdammt werden kann; die Verwerfung sei folglich erst ein Ereignis, das in der Zukunft stattfindet -- doch dies ist nicht nur ohne jeden Beleg aus der Schrift, sondern widerspricht ihr sogar. Es ist, wie Cunningham sagt: >>Calvinisten haben diesen Umstand stets als das staerkste Argument gegen die arminianischen Lehren von der allumfassenden Gnade und generellen Erloesung [107] gehalten. Sie sahen darin ein Argument zugunsten ihrer eigenen Sichtweise von der souveraenen Absicht Gottes, die vielmehr einen Grossteil der Menschheit in Unwissenheit ueber Seine Gnade gelassen hat und auch ueber den Weg der Erloesung, den das Evangelium zeigt. Die Umstaende, denen diese Menschen ausgesetzt sind, werfen ihnen allem Anschein nach solch unueberwindliche Hindernisse in den Weg, dass sie niemals Kenntnis von Gott und Jesus Christus erlangen koennen, die zu ewigem Leben fuehrt.<< [108] Nur der Calvinismus mit seiner Lehre von der allumfassenden Schuld und Verderbtheit, in die die Menschheit durch die Suende Adams gefallen ist -- in Kombination mit seiner Gnadenlehre von der unbedingten Erwaehlung einzelner -- kann eine angemessene Erklaerung fuer das Problem der Heiden finden. 1. Was bezweckt die Lehre von der Verwerfung? Die Verdammnis der Nichterwaehlten ist hauptsaechlich dazu da, vor Menschen und Engeln eine ewige Zurschaustellung zu liefern. Sie soll zeigen, wie sehr Gott die Suende hasst. Mit anderen Worten: sie ist Ausdruck der ewigen Gerechtigkeit Gottes. (Man erinnere sich daran, dass Gottes Gerechtigkeit die Bestrafung von Suende ebenso fordert wie die Belohnung der Gerechtigkeit.) Dieser Beschluss zeigt eine der goettlichen Eigenschaften, die ohne diesen Beschluss gar nicht richtig geschaetzt werden koennte. Die Errettung einiger durch einen Erloeser ist Ausdruck von Gottes Liebe, Barmherzigkeit und Heiligkeit. Weisheit, Macht und Souveraenitaet zeigen sich an beiden Gruppen der Menschheit. Dies zeigt die Stelle aus Sprueche 16,4: >>Fuer seinen Zweck hat der Herr alles geschaffen, so auch den Gottlosen fuer den Tag des Ungluecks<<. Paulus, fuer den Gott damit ausdruecken will, sagt: >>Was, wenn also Gott die Gefaesse des Zornes, die dem Verderben geweiht sind, mit viel Langmut ertragen hat, um nun an ihnen seinen Zorn zu zeigen und seine Macht zu offenbaren? Und wenn er an den Gefaessen des Erbarmens, die er fuer die Herrlichkeit vorausbestimmt hat, den Reichtum seiner Gnade zeigen will?<< (Roem 9,22f.). Der Beschluss zur Verwerfung einiger dient auch noch anderen, untergeordneten Zielen in Bezug auf die Erwaehlten, da sie im Hinblick auf die Ablehnung und den letzten Zustand der Gottlosen erstens sehen, was sie ebenfalls zu erleiden gehabt haetten, haette die goettliche Gnade sie nicht davor bewahrt. So werden sie nur noch tiefer hineingefuehrt in die goettliche Liebe, die sie aus der Suende gerissen und ins ewige Leben gebracht hat, waehrend andere nicht etwa schuldiger oder unwerter waren als sie selbst, jedoch der ewigen Verdammnis ueberlassen werden. Zweitens: Die Erwaehlten haben hiermit einen guten Grund mehr zur Dankbarkeit fuer solche Gaben. Drittens: Der Erwaehlten Vertrauen in ihren himmlischen Vater wird gestaerkt; er wird immer und fuer alles sorgen, wessen sie beduerfen, im Diesseits und im Jenseits. Viertens: Was sie geschenkt bekommen haben, wird sie ihren himmlischen Vater noch um so mehr lieben machen, so dass sie gewillt sind, ein heiliges Leben zu fuehren. Fuenftens: Sie werden die Suende noch viel mehr hassen. Sechstens werden sie enger mit Gott leben wollen und auch die Beziehung untereinander besser pflegen wollen, da sie ja gemeinsame Erben des himmlischen Koenigreichs sind, und siebentens geschah die Ablehnung der Juden nicht ohne Grund, wie Paulus von Anfang an klar macht: >>Ich frage nun: Sind sie gestrauchelt, nur um zu Fall zu kommen? Das sei fern! Vielmehr ist durch ihren Fehltritt den Heiden das Heil zuteil geworden; und das soll sie zur Eifersucht reizen<< (Roem 11,11). So sehen wir: Gott hat die Juden aus einem sehr weisen und bestimmten Grund in diesen blinden Zustand kommen lassen: Erloesung sollte den Heiden zuteil werden, und dies sollte auf die Erloesung der Juden zurueckwirken. Historisch gesehen, besteht die Kirche Christi hauptsaechlich aus Heiden. Aber jede Zeit hat ihre bekehrten Juden gehabt, und wir glauben, je laenger, desto mehr Juden werden sich >>zur Eifersucht anreizen<< lassen, zu Gott umzukehren. Ein ganzer Abschnitt aus Roem 11 macht deutlich, dass ein beachtlicher Teil der Juden letztlich bekehrt werden wird und die Juden eifrig der Gerechtigkeit nachjagen werden. 1. Der Frontalangriff des Arminianismus Die Lehre von der Verwerfung ist das Hauptangriffsziel des Arminianismus. Er isoliert sie und hebt sie aus dem Gesamtzusammenhang heraus, als sei sie die Summe und Substanz des Calvinismus, waehrend die anderen Lehren, etwa die Lehre von der Souveraenitaet Gottes, die Erwaehlung einzig aus Gnaden, die Bewahrung der Glaeubigen usf., die Gott ehren, nur am Rande erwaehnt oder sogar kommentarlos uebergangen werden. Auf der Synode von Dordrecht beharrten die Arminianer darauf, die Verwerfungslehre zu diskutieren und beschwerten sich der Haerte, als die Synode nicht darauf eingehen wollte. Das hat sich bis heute nicht geaendert: ihr Einwand ist klar, denn sie wissen, dass es sehr einfach ist, diese Lehre zu ihrem eigenen Vorteil zu missbrauchen. Oft verzerren sie die Ansichten der Calvinisten, und nachdem sie steif und fest behauptet haben, so etwas wie vorherbestimmte Verwerfung koenne es gar nicht geben, weiten sie diese Behauptung auch auf die Erwaehlungslehre aus. Die einseitige Betonung der Verwerfungslehre zeigt alles andere als Vorurteilslosigkeit und Ernst gegenueber der Suche nach Wahrheit. Sie sollten sich besser mit der erfreulicheren Seite des Systems beschaeftigen und auf die wesentlich groessere Evidenz dessen antworten, was ich zugunsten des Systems schon alles zusammengetragen habe. Der Calvinismus sucht zuerst zu zeigen, dass die Erwaehlungslehre der Wahrheit entspricht, und wenn ihm das hinlaenglich gelungen ist, schickt er sich an, zu zeigen, dass die Verwerfung nichts als die Kehrseite der Medaille ist. Er haelt die Verwerfungslehre allerdings nicht fuer beweisnotwendig fuer die Erwaehlungslehre, meint aber, dass unter ausreichender Beweisfuehrung die Lehre von der Verwerfung logisch aus ihr folgt. Da uns die Schrift weitaus mehr Hinweise darauf gibt, wie Gott den Glauben und die Umkehr in den Erwaehlten bewirkt, als dass sie uns beschreibt, wie Gott mit denen verfaehrt, die in ihrer Unbussfertigkeit und ihrem Unglauben verharren, verlangt es die Vernunft, zuerst die Lehre der Erwaehlung zu untersuchen und erst im Anschluss daran zu sehen, was es mit der Verwerfung auf sich hat. Das Insistieren des Arminianismus auf der Lehre von der Verwerfung offenbart aber nur seine mangelnde Fairness. Wie schon gesagt, ist es zugegebenermassen keine erfreuliche Lehre. Der Calvinismus schrickt zwar nicht davor zurueck, darueber zu sprechen, doch weil diese Lehre keinerlei erfreulichen Charakter hat, findet er es auch nicht schoen, darauf herumzureiten. Er ist sich der wohl bewusst, nicht ueber das hinausgehen zu sollen, was geschrieben steht; leider gibt es auch hier immer wieder welche, die es nicht unterlassen koennen, sich auf Sachverhalte einzulassen, die sich jenseits ihres Horizontes befinden. 1. Wir sind nicht verpflichtet, alles zu erklaeren Wir unterliegen nicht der Verpflichtung, alle Geheimnisse zu erklaeren, die mit dieser Lehre zu tun haben. Wir sind nur verpflichtet, das zu lehren, was die Schrift selbst darueber sagt, und diese Lehren gegen alle moeglichen Einwaende zu verteidigen. >>Ja, Vater, so ist es dir wohlgefaellig<< (Mt . 11,26; Lk 10,21) -- das war fuer unseren Herrn eine ausreichende Theodizee, was sein Unternehmen in Bezug auf die Menschheit betrifft. Die ausreichende und einzige Antwort von Paulus an alle Vernuenftler, die es nicht lassen koennen, zu tief in jene Geheimnisse einzudringen, ist die Aufforderung, sich in die goettliche Weisheit und Souveraenitaet zu schicken . Treffend hat Toplady gesagt: >>Ergreife nicht die Partei jener Gegner der Lehre, mit denen es Paulus zu tun gehabt hat: >Was verklagt er die Gottlosen denn ueberhaupt? Wer kann denn seinem Willen widerstehen? Wenn der Einzige, der in der Lage dazu waere, sie zu bekehren, doch davon Abstand nimmt, wie kann er sie dann beschuldigen, wo es doch unmoeglich ist, seinem Willen zu widerstehen?< So soll man sich mit der Antwort des Paulus zufrieden geben: >Ja lieber Mensch, wer bist denn du, dass du mit Gott rechten willst?< Der Apostel laesst alles voellig von der Souveraenitaet Gottes abhaengen. Dort liegt das Geheimnis, und dort sollen wir es liegen lassen.<< [109] Der Mensch kann die Gerechtigkeit Gottes nicht mit seinen Verstandeskraeften beurteilen, und wir sollten uns bescheiden, auch dann noch an seine Gerechtigkeit zu glauben, wenn einiges, das er tut, fuer uns in Dunkelheit gehuellt bleibt. Wer glaubt, diese Lehre fuehre uns einen ungerechten Gott vor Augen, der glaubt dies, weil er sich weder die Bedeutung der Erbsuende noch deren Konsequenzen ausreichend vor Augen gefuehrt hat. Er sollte seine Gedanken von falschen und vorurteilsbehafteten Ansichten reinigen, dann wird er sehen, dass die Verdammnis gerecht und natuerlich ist. Ist der erste Schritt getan, sollte auch der Rest keine Schwierigkeit mehr bereiten. Es ist sehr schwer fuer uns, uns zu vergegenwaertigen, dass viele unserer Mitmenschen (in manchen Faellen enge Freunde und Verwandte) vielleicht zum ewigen Gericht vorherbestimmt sind; und da sind wir geneigt, ihnen besondere Sympathie zuzuwenden. Koennten wir es unter dem Blickwinkel der Ewigkeit sehen, so saehen wir, dass diese Sympathie unverdient und unangebracht ist. Diejenigen, die letztlich verlorengehen, werden dann als das gesehen werden, was sie wirklich sind: Feinde Gottes, Feinde aller Gerechtigkeit und Liebhaber der Suende, die keinerlei Beduerfnis nach Errettung oder gar nach dem Herrn gehabt haben. Wir fuegen hinzu, dass um der Gerechtigkeit Gottes willen ja niemand zur Hoelle geht, ausser eben denen, die es verdienen. Wenn wir dann den Charakter derer betrachten, die an diesen Ort gelangen, so werden wir mit dem Entschluss Gottes notwendigerweise einverstanden sein. Tatsaechlich hat der Arminianismus hier keine Ausfluechte mehr: er gibt ja zu, dass Gott alle Dinge voraussieht; weshalb hat er dann, wenn er es doch voraussieht, Menschen geschaffen, von denen er gewusst haben muss, dass sie ein suendiges Leben fuehren werden, das Evangelium ablehnen werden, ohne Umkehrbereitschaft sterben und schliesslich in der Hoelle landen werden? Das Problem des Arminianismus ist an dieser Stelle in der Tat wesentlich groesser als das der Calvinisten, denn der Calvinismus sagt ja, dass diejenigen, die Gott so erschafft und von denen er weiss, dass sie verlorengehen werden, Nichterwaehlte sind, die freiwillig gesuendigt haben und die die Strafe, die Gott in seiner Gerechtigkeit vorgesehen hat, zurecht erleiden. Der Arminianismus muss an dieser Stelle erklaeren, dass Gott absichtlich arme und elende Menschen in Existenz gerufen hat, von denen er vorauswusste, dass sie keinem guten Zweck dienen werden und sich ihre Vernichtung zuziehen werden. Sie werden in der Hoelle landen, obgleich Gott selbst ernsthaft wuenscht, dies moege nicht geschehen; lieber saehe er sie im Himmel. Gott muss tiefbetruebt darueber sein, dass sie gegen seinen Willen an jenen anderen Ort gelangen. Praesentiert uns eine solche Ansicht nicht einen etwas beschraenkten Gott, der sich in eine solch unglueckliche Lage manoevriert, indem er ueber seine Geschoepfe derartiges Elend verhaengt, wo er doch wenigstens haette verhindern koennen, solch unselige Geschoepfe ueberhaupt erst existieren zu lassen? Vielleicht werden einige, die die Praedestinationslehre das erste Mal hoeren, sich selbst fuer Verworfene halten und geneigt sein, mit der Entschuldigung weiterzusuendigen, sie seien ja ohnehin verdammt. Aber so zu denken, heisst Gift aus einer suessen Blume zu saugen und sich selbst am Felsen der Zeit zu zerschmettern. Kein Mensch hat das Recht, sich selbst als verworfen zu verurteilen und deswegen zu verzweifeln, denn ob ein Mensch letztlich verworfen ist, weil er sich als >>Ungehorsamer<< herausstellen wird, kann nicht vor dem Tod der Person herausgefunden werden. Kein Unbekehrter kann in diesem Leben wissen, ob Gott ihn nicht noch bekehren und retten wird, auch wenn er sich noch keiner Anzeichen solcher Bekehrung bewusst ist. Daher hat er kein Recht, sich unter die Verworfenen zu zaehlen. Gott hat uns nicht mitgeteilt, wen er unter den noch Unbekehrten noch bekehren und retten wird. Schon die Gewissenspein kann das Mittel Gottes sein, mit dem er einen Menschen zu sich zieht. Ich habe der Diskussion um die Verwerfungslehre einigen Raum zukommen lassen muessen, weil diese Lehre denen, die das calvinistische System ablehnen, ein solcher Stolperstein zu sein pflegt. Wir glauben, dass wenn diese Lehre als biblisch erwiesen werden kann, die anderen Teile des Systems leicht angenommen werden koennen. __________________________________________________________________ [91] James Bowling Mozley, The Augustinian Doctrine of Predestination. [92] WB, Art. 3.7. [93] Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion, Uebersetzung: Otto Weber (nach der letzten Ausgabe von 1559); Neukirchen-Vluyn: foedus-verlag, 2008, 3.21.5. [94] Ebd., 3.23.1. Es ist Siegfried Kettling recht zu geben, wenn er sagt: "Es ist unannehmbar, dass Gott Menschen erschaffen haben soll, deren Gemeinschaft er von Ewigkeit her niemals gewollt haette." (Siegfried Kettling: >>Typisch evangelisch<<, Brunnen Verlag Giessen, 5. Aufl. 1994, S. 140) Der Gedanke Boettners kann an dieser Stelle verstanden werden, wenn man davon ausgeht, dass Gott diese Welt eben trotz des vorhergesehenen Suendenfalles geschaffen hat.<< (Mt 18, 7; A. d. Ue.). [95] Boettner zitiert aus einer englischen Lutherausgabe, gibt aber die genaue Quelle nicht an. In der Uebersetzung von Henry Cole aus dem Jahre 1823 sind die Stellen nicht auffindbar; ebensowenig habe ich sie in der deutschen Ausgabe von Kurt Aland finden koennen (A. d. Ue.). [96] Martin Luther: Vorrede zum Brief des Paulus an die Roemer Martin Luther: Gesammelte Werke (vgl. Luther-W Bd. 5, S. 59) (c) Vandenhoeck und Ruprecht] (Luther warnt auch Neubekehrte und Unbefestigte davor, sich allzu schnell mit dieser Lehre zu befassen. Diese Warnung kann nicht genug betont werden. Er schreibt: >>Aber hier ist den frevelhaften und hochfahrenden Geistern eine Grenze zu stecken, die ihren Verstand zuerst hierher fuehren und damit anfangen, vorher den Abgrund goettlicher Vorherbestimmung zu erforschen und sich damit vergeblich bekuemmern, ob sie vorherbestimmt sind. Die muessen sich denn selbst stuerzen, dass sie entweder verzagen oder alles aufs Spiel setzen. Du aber folge diesem Brief seiner Ordnung entsprechend, beschaeftige dich vorher mit Christus und dem Evangelium, dass du deine Suende und seine Gnade erkennest, danach mit der Suende streitest, wie hier das 1., 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8. Kapitel gelehret haben. Danach, wenn du zum 8. (Kapitel) gekommen bist, unter das Kreuz und Leiden, wird dich das die Vorherbestimmung im 9., 10. und 11. Kapitel recht (verstehen) lehren, wie troestlich sie sei. Denn ohne Leiden, Kreuz und Todesnoete kann man die Vorherbestimmung nicht ohne Schaden und heimlichen Zorn wider Gott behandeln. Darum muss (der alte) Adam vorher richtig tot sein, ehe er dies Ding leide und den starken Wein trinke. Darum sieh dich vor, dass du nicht Wein trinkest, wenn du noch ein Saeugling bist. Eine jegliche Lehre hat ihr Mass, Zeit und Alter<< (A. d. Ue.). [97] B. B. Warfield, Biblical Doctrines, ueber die Praedestination, S. 64. [98] Ebd., S. 54. [99] Nathan Lewis Rice, God Sovereign and Man Free, S. 3, 4. [100] B. B. Warfield, Biblical Doctrine, S. 35. [101] David. S. Clark, A Syllabus of Systematic Theology, S. 219f. [102] Von vornherein meint hier nicht: zum Suendigen geschaffen, wie der Arminianismus den Calvinismus notorisch falsch versteht, sondern von vornherein meint: Der Suender kommt schon als Suender zur Welt und ist immer schon ein Verlorener. Man muss der Schwierigkeit jener erschreckenden Lehre mit der Askese gegenueber alltaeglich eingespielten Reaktionen und erlernten Deutungsmustern begegnen und sich so vor eingewurzelten Vorurteilen freizumachen suchen (A. d. Ue.). [103] Hodge, Systematic Theology, Bd. 2, S. 652. [104] Quelle nicht angegeben. [105] Luther, Bondage of the Will, Sect. CVII. Ich habe dieses Zitat im Deutschen nicht finden koennen (A. d. Ue.). [106] WB, Art. 10.4. [107] >>Generelle Erloesung<< ist nicht gleich Allversoehnung, sondern bedeutet, Jesus ist ausnahmslos fuer alle Menschen gestorben (A. d. Ue.). [108] Cunningham, Historical Theology, Bd. 2, S. 397. [109] Aus der Vorrede zu Zanchius', Predestination. __________________________________________________________________ 6) Infralapsarier und Supralapsarier [110] Die Calvinisten unterscheiden sich in bezug auf die Reihenfolge in Gottes Plan. Es handelt sich dabei um die Frage, wann der Beschluss der Erwaehlung und der Verwerfung feststand: Traf Gott diesen Beschluss, als der die Menschheit als gefallene betrachtete, oder traf Gott diesen Beschluss, bevor er diese Gefallenheit sah? Setzt die Lehre die Menschheit bereits als gefallen voraus oder wollte Gott sie ueberhaupt schon so erschaffen? Nach der Ansicht der Infralapsarier ist die Ordnung der Dinge folgende: Gott beschloss (1) zu erschaffen; (2) den Suendenfall zu erlauben; (3) eine grosse Schar aus der Masse der gefallenen Menschen heraus zu erwaehlen und zu ewigem und gesegnetem Leben zu bringen und den Rest, genau wie den Teufel und die gefallenen Engel, zu uebergehen, so dass diese die gerechte Strafe fuer ihre Suenden erleiden muessen; (4) seinen Sohn, Jesus Christus, fuer seine Erwaehlten zu opfern und (5) den Heiligen Geist zu senden, um den Erwaehlten diese Erloesung einzustiften. Der Supralapsarismus sieht die Reihenfolge so: Gott beschloss, (1) einige Menschen zu erwaehlen, die erst noch zu erschaffen seien, andere dagegen zu ewiger Verdammnis zu verurteilen; (2) die Schoepfung; (3) den Suendenfall zu erlauben; (4) Christus zu senden, um die Erwaehlten zu erloesen und (5) den Heiligen Geist zu senden, um den Erwaehlten die Erloesung einzustiften. Der springende Punkt ist der Zeitpunkt der Erwaehlung: Traf Gott diesen Beschluss, bevor der den Suendenfall bedachte, oder erst danach? Einer der Hauptgruende fuer den Supralapsarismus ist die Betonung auf die Unterschiedlichkeit, mit der Gott den Menschen offensichtlich behandelt. Ich glaube aber, dass der Supralapsarismus diese Idee ueberbewertet. Der Natur der Sache nach kann diese Idee nicht konsequent durchgefuehrt werden, schon gar nicht in der Schoepfung Mehr noch gilt das fuer den Suendenfall: Gott hat ja nicht nur Nichterwaehlte geschaffen, sondern alle Menschen, und so auch die ganze Schoepfung. Es sind ja auch nicht nur einige gefallen, sondern die ganze Schoepfung. Wie der Universalismus ins eine Extrem geht, so der Supralapsarismus ins andere. Die infralapsarische Ansicht ist in sich logisch und teilt diese Logik auch mit den Tatsachen. Diesen Unterschied betreffend sagt Dr. Warfield: >>Die Formulierung der Frage allein impliziert schon ihre Antwort: Beide Teile der Menschheit sind suendenbehaftet; wenn wir von Erwaehlung oder Verwerfung sprechen, darf dieser Aspekt nicht ausser Acht gelassen werden. Dass der Mensch suendigen wird, dieser Gedanke geht dem Beschluss, ihn dennoch zu erschaffen, voraus, aber nicht in dem Sinne, dass Gott unterschiedliche Arten von Menschen erschaffen wollte, so dass schon zum Voraus feststuende, wer als Erwaehlter und wer als Verworfener erschaffen wird. Der Beschluss der Erwaehlung setzt das Wissen um die menschliche Suendhaftigkeit immer schon voraus, und ebenso der Beschluss zur Verwerfung. Wir duerfen uns den Beschluss nicht so vorstellen, als sei der Mensch schon zum Heil oder zu ewiger Suende erschaffen worden, sondern hier gilt: Das Wissen um die Gefallenheit des Menschen kommt logisch immer zuerst.<< [111] Zum gleichen Ergebnis kommt auch Dr. Charles Hodge: >>Das biblische Prinzip ist klar enthuellt: wo keine Suende ist, da gibt es auch keine Verdammnis ... ER uebt Gnade an dem einen und verwirft den anderen, alles nach Seinem Wohlgefallen, denn alle sind gleich unwert und schuldig. ... Ueberall (wie in Roem 1,24.26.28) wird die Verwerfung als gerecht erklaert und basiert auf der Suendhaftigkeit dessen, der verworfen ist, sonst koennte die Verwerfung keine Manifestation der Gerechtigkeit Gottes sein.<< [112] Es harmoniert nicht mit den Aussagen der Schrift ueber Gott, dass unschuldige Menschen zu ewiger Verdammnis, zu Elend und Tod vorherbestimmt seien. Der Beschluss, die Erwaehlten und die Verworfenen betreffend, darf nicht als abstrakte Idee missverstanden werden, die einzig auf der Willkuerherrschaft Gottes basiert. Gott ist zwar unumschraenkter Herrscher, aber diese Souveraenitaet hat nichts mit Willkuerherrschaft zu tun. Vielmehr harmoniert seine Souveraenitaet mit seinen anderen Eigenschaften, insbesondere mit seiner Gerechtigkeit, seiner Heiligkeit und seiner Weisheit. Gott kann nicht suendigen; man kann zwar sagen: dies kann er nicht; doch waere es angemessener zu sagen, dass gerade diese Unfaehigkeit zur Suende Teil seiner Vollkommenheit ist. Freilich haben sowohl Infralapsarismus als auch Supralapsarismus immer noch ihre Geheimnisse; der Supralapsarismus scheint sich in Bezug auf diese Geheimnisse aber eher in Widersprueche zu verwickeln. Die Schrift lehrt praktischen Infralapsarismus -- es wird ja gesagt, Christen sind >>aus der Welt<< auserwaehlt (Joh 15,19). Der Toepfer hat das Recht, >>aus derselben Tonmasse<< Gefaesse zur Ehre wie zur Unehre zu formen (Roem 9,21). Der Erwaehlte und der Verworfene werden zunaechst im gemeinsamen Zustand der Verlorenheit gesehen. Leiden und Tod werden gleichermassen als Lohn fuer die Suende betrachtet. Der Infralapsarismus empfiehlt sich uns natuerlicherweise als dasjenige Schema, das mit unseren Ideen von Gerechtigkeit und Gnade am besten korrespondiert. Er ist wenigstens hier gegen das arminianische Argument gefeit, dass Gott Menschen erschaffen habe, nur um sie zu verdammen. Die Hauptvertreter der Erwaehlungslehre seit Augustin waren durchaus Infralapsarier, glaubten also, dass aus der grossen Masse der gefallenen Menschheit heraus einige zu ewigem Leben bestimmt worden sind, waehrend die Uebrigen zu ewigem Tode verurteilt sind. Kein reformiertes Bekenntnis lehrt den Supralapsarismus, dagegen lehrt eine betraechtliche Anzahl dieser Bekenntnisse sehr wohl die infralapsarische Sicht, aus der sich die typische Sicht des Calvinismus entwickelte. Man kann sagen, dass bis zum heutigen Tag nur einer aus hundert den Supralapsarismus vertritt. Wir sind zwar konsequente Calvinisten, aber keine >>SupraCalvinisten<<. Unter >>SupraCalvinismus<< verstehe ich die Sicht des Supralapsarismus. Es stimmt freilich: In beiden Systemen kennt man den Grund fuer Gottes Auswahl nicht; die Errettung bleibt als Ganzes einzig das Werk Gottes. Gegner bekaempfen fuer gewoehnlich den Supralapsarismus, da dieser unbestritten den menschlichen Empfindungen und Eindruecken wesentlich staerker widerspricht. Es stimmt auch, dass es da einiges gibt, was man nicht mit zeitlichem Verstand erfassen kann -- all diese Ereignisse denkt Gott ja anders als der Mensch; alle Akte der Vorherbestimmung muessen bei Gott ineins gedacht werden. Gott sieht seinen Plan als Einheit; jeder einzelne Teil ist mit den andern verbunden und muss, wenn isoliert gedacht, auf die Gesamtintention Gottes zurueckgefuehrt werden. All seine Beschluesse sind ewig. Sie haben untereinander eine logische, wenn auch nicht chronologische Beziehung. Das Nachdenken ueber diese Beziehungen freilich erfordert, dass wir sie in ein System bringen. Es ist ja auch nur natuerlich, wenn wir die Gaben Christi, etwa Heiligung und Verherrlichung, dem Beschluss der Schoepfung und des Suendenfalles zeitlich nachordnen. Zum Westminster-Bekenntnis sagt Dr . Charles Hodge in diesem Punkt folgendes: >>Twiss, der Sprecher dieser ehrwuerdigen Versammlung (die Westminster-Assembly), war ein brennender Supralapsarier, die grosse Mehrzahl der Versammlung dagegen nicht. Die Formulierungen der Versammlung, obgleich sie ganz klar den Infralapsarismus meinen, waren doch sorgsam so gewaehlt worden, dass sich diejenigen, die sich dem Supralapsarismus zugewandt hatten, nicht angegriffen fuehlen mussten. Das Westminster-Bekenntnis sagt, Gott hat die Erwaehlten zu ewigem Leben bestimmt und den Rest der Menschheit -- nach seinem Wohlgefallen und nach dem unausforschlichen Rat seines Willens, wonach er seine Gnade gewaehrt oder verweigert, wem er will, zur Herrlichkeit seiner unumschraenkten Herrschaft ueber seine Schoepfung -- uebergeht und sie zu Unehre und zum Zorn ihrer Suende wegen bestimmt, alles aber zum Preise seiner herrlichen Gerechtigkeit: Hier wird gelehrt, dass jene, die Gott uebergeht, den Rest der Menschheit ausmachen; nicht den Rest einer gedachten oder moeglichen Menschheit wohlgemerkt, sondern einer bestehenden, vorhergesehenen Menschheit. Zweitens sagt das Bekenntnis an der erwaehnten Stelle, dass die Nichterwaehlten wegen ihrer Suenden uebergangen und zum Zorn bestimmt werden. Das heisst aber, dass sie vor der Vorherbestimmung zum Gericht bereits als suendig gesehen sind. Auf den Infralapsarismus wird im >kleineren Katechismus< des 19. u. 20. Jahrhunderts naeher eingegangen. Dort wird auch gelehrt, dass die gesamte Menschheit die Gemeinschaft mit Gott verloren hat und unter seinem Zorn und Fluch steht, und dass Gott aus reiner Gnade nach seinem Wohlgefallen einige (die genauso unter seinem Zorn und Fluch stehen) zu ewigem Leben erwaehlt. Nichts anderes war die Lehre der grossen Schar der Anhaenger Augustins seit Augustin bis heute.<< [113] __________________________________________________________________ [110] Supralapsarismus (supra = oben, vorher; Lapsus = Fall): Es geht um die Beschluesse, die Gott vor Grundlegung der Welt fasste: 1. Gott beschloss, einige Menschen zu erwaehlen und die anderen zu verwerfen. 2. Dann beschloss er, sowohl die, die erwaehlt werden sollen, als auch die, die verworfen werden sollen, zu schaffen. 3. Gott beschloss, den Suendenfall zuzulassen. 4. Der Beschluss, durch Christus nur fuer die Erloesung der Erwaehlten zu sorgen. Infralapsarismus (infra = unten, nachher; auch "Sublapsarismus". Sub = unten): 1. Gott beschloss zu schaffen. 2. Gott beschloss, den Suendenfall zuzulassen. 3. Gott beschloss, einige zu erwaehlen. 4. Gott beschloss, durch Christus fuer die Erloesung der Erwaehlten zu sorgen. Beide Ansichten setzen die >>Fuenf Punkte<< des Calvinismus voraus (A. d. Ue.). [111] B. B. Warfield, The Plan of Salvation, S. 28. [112] Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 2, S. 318. [113] Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 2, S. 317. __________________________________________________________________ 7) Viele sind erwaehlt Wird die Lehre von der Erwaehlung erwaehnt, glauben die meisten sofort, sie betreffe nur eine kleine Schar, waehrend die grosse Mehrheit der Menschheit verlorenginge. Aber weshalb sollte man so etwas glauben? Kann Gott nicht frei waehlen, wen und wie viele er erretten moechte? Ich glaube, dass der unendlich gnaedige, wohlwollende und heilige Gott die grosse Mehrheit der Menschheit zu ewigem Leben erwaehlt hat. Es gibt wirklich keinen guten Grund, weshalb er nur einige wenige erretten sollte. Wir wissen, dass Christus die Ueberlegenheit in allem hat, folglich glauben wir auch nicht, dass der Teufel, was die Zahl der Verlorenen betrifft, siegen wird. Dr. W. G. T. Shedd hat unsere Ansicht treffend vorgezeichnet: >>Wir muessen bedenken, dass die Frage nach dem Zahlenverhaeltnis der Erwaehlten und der Verworfenen nichts mit der Frage zu tun hat, ob Gott ueberhaupt Suender erwaehlt oder verwirft. Wenn es Seiner Gerechtigkeit entspricht, Suender zu erwaehlen und zu retten oder Menschen zu verwerfen, die sich uebrigens durch eigene Schuld in diesen suendigen und ruinoesen Zustand gebracht haben, laesst sich diese Gerechtigkeit ja nicht vom Zahlenverhaeltnis ablesen, und umgekehrt, falls die freie Wahl seiner Gerechtigkeit widerspraeche, so waere auch hier das Zahlenverhaeltnis ohne Belang. Es besteht keine innere Notwendigkeit, dass die Anzahl der Erwaehlten im Vergleich zu den Verlorenen klein sein muesste oder umgekehrt. Wer erwaehlt ist und wer nicht, und auch die Anzahl der beiden Gruppen -- all dies liegt allein im Ermessen der Souveraenitaet Gottes. Zur gleichen Zeit werden Ernst und Schrecken der Verwerfungslehre gelockert, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die Schrift selbst sagt, die Zahl der Auserwaehlten sei viel groesser als die der Nichterwaehlten: Die Schrift laesst das Koenigreich des Erloesers dieser gefallenen Welt stets groesser sein als das Reich Satans. Die Schrift sagt, das Werk der Gnade sei groesser als das Werk der Suende. >Wo aber die Suende maechtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel maechtiger geworden.< Von den Erwaehlten wird gesagt, sie seien >Schar, die niemand zaehlen kann<; die Verworfenen werden nicht so betont.<< [114] Es ist eine weit verbreitete Praxis unter Autoren, die sich dem Armininanismus zuzaehlen, den Calvinismus so darzustellen, als wolleer eine moeglichst grosse Zahl an Menschen in die Hoelle schicken, denen sie selbst den Himmel geoeffnet haetten. Doch das ist nichts als eine Karikatur des Calvinismus. Man stellt ihn so dar, als lehre er, die Erloesten seien nur eine kleine Schar; wie ein paar Zweige, die rasch noch von einem brennenden Baum herunter gerissen werden. Wenn der Calvinismus auf der Erwaehlungslehre besteht, dann deshalb, weil er Gott mit jedem einzelnen Menschen handeln sieht und nicht einfach, weil er meint, Gott handle mit der Menschheit als Ganzer. Das alles hat aber gar nichts damit zu tun, wie viele Auserwaehlte und wie viele Verworfene es geben wird. Denen, die geneigt sind zu sagen: >>Nach dieser Lehre ist Gott allein fuer die Rettung einer Seele verantwortlich; nur wenige werden errettet<<, wollen wir antworten, dass sie genauso gut sagen koennten: >>Da Gott alleine Sterne erschaffen kann, kann es auch nur wenige Sterne geben.<< Der Einwand ist nichtig. Die Erwaehlungslehre alleine kann uns keine Antwort auf diese Frage geben. Es gibt nur diese eine Begrenzung, dass eben nicht alle Menschen errettet werden. Insofern es die Prinzipien der Souveraenitaet und der persoenlichen Erwaehlung betrifft, gibt es keinen Grund, weshalb der Calvinismus nicht der Auffassung sein sollte, dass schliesslich und endlich alle Menschen errettet werden, und tatsaechlich haben manche Calvinisten genau das geglaubt. So schrieb W. P. Patterson von der Universitaet Edinburgh: >>Der Calvinismus ist das einzige Gedankengebaeude, dessen Prinzipien (Erwaehlungslehre und vollwirksame Gnade) es erlauben, eine glaubwuerdige Theorie der Allversoehnung aufzustellen.<< Aehnlich Dr. S. G. Craig, der Herausgeber der Zeitschrift Christianity Today, ein bedeutender Mann in der Presbyterianischen Gemeinde seiner Zeit: >>Zweifellos sind sowohl Calvinisten als auch andere Christen der Auffassung, ihrem Schriftverstaendnis zufolge zu glauben, dass nur wenige Menschen gerettet werden. Es gibt aber keinen Grund, weshalb Calvinisten nicht genauso gut glauben sollten, dass letztlich die Anzahl der Geretteten den wesentlich groesseren Teil der Menschheit ausmachen werden. Jedenfalls war dies die Auffassung unserer bedeutendsten Theologen wie Charles Hodge, Robert L. Dabney, W. G. T. Shedd und B. B. Warfield.<< [115] Wie Patterson gesagt hat, ist der Calvinismus mit der Betonung auf der persoenlichen Beziehung zwischen Gott und jedem einzelnen Menschen das einzige Lehrgebaeude, das eine logische Basis fuer die Allversoehnung boete, wenn sie nicht ganz klar der Schrift widerspraeche. Muss nicht der Arminianismus seinerseits zugeben, dass seine Theologie nur wenigen Menschen ermoeglicht, gerettet zu werden? Er wird jedenfalls zugeben muessen, dass doch geschichtlich gesehen die grosse Mehrheit der Erwachsenen, sogar in christlichen Laendern, Menschen mit >>freiem Willen<< und >>gnaedig wiederhergestellter Faehigkeit<< gestorben sind, ohne Christus angenommen zu haben. Und wenn nicht Gott selbst die Welt an ihr bestimmtes Ziel fuehrt -- welche Gruende gaebe es, anzunehmen, dass sich das je aendern sollte, solange die menschliche Natur bleibt, wie sie ist, auch wenn die Welt noch eine Milliarde Jahre weiterbestuende? __________________________________________________________________ [114] William G. T. Shedd, Calvinism, Pure and Mixed, S. 84. [115] Quelle nicht angegeben. __________________________________________________________________ 8) Eine erloeste Welt Da die ganze Menschheit in Adam gefallen ist, war es auch die ganze Welt oder Menschheit, die Christus erloest hat. Das bedeutet aber nicht, dass jeder Einzelne gerettet wird, sondern dass die Menschheit als Rasse erloest wird. Jahwe ist kein einfacher Stammesgott, sondern >>der Gott der ganzen Erde<<; die Erloesung, die er im Auge hatte, darf nicht auf eine kleine Auswahl beschraenkt werden. Das Evangelium war nicht einfach die gute Lokalnachricht fuer ein paar Einwohner Palaestinas, sondern frohe Botschaft an die ganze Welt, und das ganze Zeugnis der Schrift sagt ausreichend, dass das Koenigreich Gottes die ganze Erde erfuellt: >>Seine Herrschaft wird reichen von Meer zu Meer, vom Euphrat bis zu den Enden der Erde<< (Sach 9,10). Schon frueh im Alten Testament haben wir das Versprechen, dass >>die ganze Erde von der Herrlichkeit des Herrn erfuellt werden soll<< (4 Mo 14,21). Jesaja wiederholt das Versprechen, dass alle Menschen die Herrlichkeit des Herrn sehen sollen (Jes 40,5 [116] ). Israel wurde zum >>Licht fuer die Nationen<< gesetzt und >>zum Licht fuer die Heiden, dass du Mittler meines Heils seist bis ans Ende der Erde<< (Jes 49,6; Apg 13,47). Joel hat klar gemacht, dass in den kommenden und gesegneten Tagen der Geist, der ueber Israel >>ausgegossen<< worden war, nun ueber die ganze Erde kommen werde. >>Ausgiessen werde ich danach meinen Geist ueber alles Fleisch<< (Joel 3,1). Petrus deutete diese Prophezeiung von der Ausgiessung auf den Anfang zu Pfingsten (Apg 2,16). Hesekiel malt uns ein Bild zunehmender Heilungsstroeme, die unter dem Tempel hervorquellen: Wasser, das zuerst nur bis zu den Knoecheln, dann bis zu den Knien, hernach bis zu den Lenden in einen grossen Strom anwachsen, den man nicht mehr durchschreiten kann (Ez 47,1--5). Die Interpretation Daniels vom Traum Nebukadnezars lehrt uns dieselbe Wahrheit. Der Koenig sah ein grosses Standbild, mit Teilen aus Gold, Silber, Bronze, Eisen und Ton. Dann sah er einen Stein, der ohne Zutun von Menschenhand losgeloest worden war und der das Standbild zertruemmerte, so dass die einzelnen Teile weggefegt wurden wie die Spreu vom Weizen auf der Tenne, wenn der Sommerwind hineinfaehrt. Die einzelnen Teile, die die Weltreiche symbolisieren, werden hier als zerblasen beschrieben, waehrend der Stein zu einem grossen Berg wird, der die ganze Erde erfuellt. >>In der Zeit jener Koenige wird der Gott des Himmels ein Reich erstehen lassen, das nicht zerstoert wird bis in Ewigkeit. Seine Herrschaft wird nicht uebergehen auf ein anderes Volk. Es wird alle jene Reiche zertruemmern und vernichten, selbst aber ewigen Bestand haben<< (Dan 2,44). Aus dem Neuen Testament ersehen wir, dass eben dies das Koenigreich war, das Christus aufgerichtet hatte. In der Vision Daniels kaempfte die Bestie gegen die Heiligen und behielt eine Zeitlang den Sieg ueber sie, aber nur bis >>die Zeit anbrach, wo die Heiligen die Herrschaft in Besitz nahmen<< (Dan 7,22). Jeremia gibt das Versprechen, dass die Zeit kommen wird, dass nicht mehr einer den anderen auffordern wird: >>erkenne den Herrn<<, >>weil alle mich kennen werden vom Kleinsten zum Groessten<< (Jer 31,34). >>Richte den Wunsch an mich, und zum Erbe gebe ich dir die Voelker, zum eigenen Besitz die Enden der Erde<<, sagt der Psalmist (Ps 2,8). Das letzte Buch des Alten Testamentes erwaehnt das Versprechen, dass >>vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang ... mein Name gross sein (wird) unter den Voelkern, und ueberall wird meinem Namen geopfert und ein reines Speiseopfer dargebracht. Denn gross wird mein Name sein unter den Voelkern<< (Mal 1,11). Im Neuen Testament finden wir die gleiche Ansicht: Wenn der Herr zuletzt seinen geistlichen Segen ueber sein Volk ausschuettet, >>dann sollen die uebrigen Menschen den Herrn suchen, alle Voelker, ueber die mein Name ausgerufen wird. So spricht der Herr, der dieses wirkt.<< >>Er ist die Versoehnung fuer unsere Suenden, doch nicht nur fuer unsere, sondern auch fuer die der ganzen Welt<< (1. Joh 2,2). >>Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott hat seinen Sohn nicht dazu in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn gerettet werde<< (Joh 3,16f). >>Wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn als Retter der Welt gesandt hat<< (1. Joh 4,14). >>Das ist das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Suende der Welt!<< (Joh 1,29). >>Wir haben selbst gehoert und wissen: Dieser ist wahrhaftig der Erloeser der Welt<< (Joh 4,42). >>Ich bin das Licht der Welt<< (Joh 8,12). >>Denn ich bin nicht gekommen, die Welt zu richten, sondern die Welt zu retten<< (Joh 12,47). >>Ich aber werde, wenn ich von der Erde erhoeht bin, alle an mich ziehen<< (Joh 12,32). >>Denn Gott hat in Christus die Welt mit sich versoehnt; er rechnet ihr die Suenden nicht mehr an und hat uns das Wort der Versoehnung uebertragen<< (2 Kor 5,19). Vom Koenigreich der Himmel heisst es, es gleiche >>dem Sauerteig, den eine Frau unter drei Mass Mehl mengte, bis das Ganze durchsaeuert war<< (Mt 13,33). Im elften Kapitel des Roemerbriefs lesen wir, dass die Annahme des Evangeliums durch die Juden auf die Welt geistlich wirken wird wie >>Leben aus dem Tod<<. Durch ihren Fall ist das Evangelium zu den Nationen gekommen -- >>Wenn aber schon ihr Fehltritt Reichtum fuer die Welt bedeutet und ihr Versagen Reichtum fuer die Heiden, wie viel mehr dann ihre Vollzahl! ... Denn wenn schon ihre Verwerfung die Versoehnung der Welt bedeutet, was wird dann ihre Aufnahme anderes bedeuten als Leben aus den Toten?<< Die vollkommene Herrschaft Christi wird erneut erwaehnt, wenn es heisst, er sitzt zur Rechten des Vaters, bis dieser ihm alle Feinde unter seine Fuesse getan haben wird. So wird der umfassenden Groesse des Erloesungswerks Christi grosse Bedeutung beigemessen. Wir warten darauf, dass diese Welt christianisiert wird. Da uns aber nicht mitgeteilt wird, wie lange die Erde nach Erreichung dieses Zieles noch bestehen wird, sehen wir vielleicht einem >>goldenen Zeitalter<< geistlichen Erfolges entgegen, das ueber Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende andauern wird und in dem das Christentum in der ganzen Welt vorherrschend sein wird; die grosse Mehrzahl der Erwachsenen wird dann errettet werden. Es scheint, dass erst dann die Anzahl derer, die gerettet werden, jene bei weitem uebertreffen wird, die verlorengehen. Freilich koennen wir keinesfalls irgend ein Datum fuer das Ende der Welt annehmen. An verschiedenen Orten sagt uns die Schrift, dass Christus am Ende dieser Weltordnung kommen wird, dass sein Erscheinen persoenlich, sichtbar und mit grosser Macht und Herrlichkeit stattfinden wird; die allgemeine Auferstehung und das juengste Gericht werden dann stattfinden und Himmel und Hoelle zu eigentlichem Sein gelangen. Aber eines wird ganz genau offenbart: dass die Zeit, wann unser Herr kommen wird, >>den geheimen Dingen angehoert, die der Herr alleine weiss.<< >>Von dem Tage aber und von der Stunde weiss niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.<< Das sagte Jesus vor seiner Kreuzigung, und nach der Auferstehung sagte er: >>Euch kommt es nicht zu, Zeit und Stunde zu kennen, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat<< (Apg 1,7). Daher ist es nichts als pure Ignoranz, wenn uns irgend ein Datum oder eine Zeit vor Augen gestellt wird, die das Ende der Welt bezeichnen wollen. Angesichts der Tatsache, dass seit Jesu erstem Erscheinen auf der Erde schon 2000 Jahre vergangen sind, kann es gut sein, dass es noch einmal 2000 Jahre dauern wird, bis er wiederkommen wird -- vielleicht auch viel laenger, aber vielleicht kommt er auch schon sehr bald. Dr. S. G. Craig hat zu diesem Thema trefflich gesagt: >>Es heisst, dass gewisse Ereignisse wie die Predigt des Evangeliums an alle Nationen (Mt 24,14), die Bekehrung der Juden (Roem 11,25ff.), der Umsturz aller anderen Herrschaft, Macht und Kraft und aller seiner Feinde (1 Kor 15,24) noch geschehen muessen, bevor der Herr wiederkommt. So scheint klar zu sein: Waehrend die Zeit der Wiederkunft unseres Herrn unbekannt bleibt, duerfte sie doch noch einige Zeit in der Zukunft liegen. Nur wie weit in der Zukunft, das weiss niemand. Kein Zweifel: wenn die Ereignisse zukuenftig ebenso traege dahin troepfeln wie in der Vergangenheit, duerfte die Wiederkunft noch weit in der Zukunft liegen. Jetzt aber, wo die Zeit schneller zu rasen scheint als in der Vergangenheit, jetzt, wo das, was in der Vergangenheit Jahrhunderte gedauert hat, in wenigen Jahren erreicht wird, kann es sehr leicht sein, dass wir der Wiederkunft Christi sehr bald ins Auge sehen duerfen. Ob man, gemessen an menschlicher Lebenszeit, von kurz oder lang spricht -- fuer Gott ist es eine sehr kurze Zeit, fuer den doch tausend Jahre sind wie ein einziger Tag. Angesichts heutiger Verhaeltnisse allerdings weist nichts in der Schrift darauf hin, dass die jetzige Generation die Wiederkunft Jesu noch erleben wird.<< [117] Vielleicht ist die Welt noch jung. Gewiss: Gott hat nirgends offenbart, was er mit einer Welt tun kann, die voellig zur Gerechtigkeit bekehrt worden ist. Was wir bis jetzt gesehen haben, scheint nur eine Art Vorspiel zu sein, ein zeitlicher Triumph des Teufels, dessen Werk vor seiner Zerstoerung steht. Gottes Werk umfasst die Jahrhunderte. Auch Jahrtausende bedeuten bei dem nicht viel, der ewig ist. Wenn wir unsere Theologie mit unserer Astronomie in Verbindung bringen, dann sehen wir, welches Ausmass das Werk Gottes hat. Er hat Millionen, vielleicht Milliarden leuchtender Sonnen ins Weltall gestellt -- etwa zehn Millionen davon sind sogar schon katalogisiert. Die Astronomen sagen uns zum Beispiel, dass die Erde 149,5 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt ist und das Licht mit einer Geschwindigkeit von ca. 300.000 Kilometer in der Sekunde nur etwa acht Minuten braucht, um diese Entfernung zu ueberwinden. Sie sagen uns, dass der naechste Fixstern so weit von uns entfernt ist, dass sein Licht etwa vier Jahre braucht, uns zu erreichen; das Licht eines der am weitesten entfernten Sterne muss schon Millionen von Jahren zu uns unterwegs sein. Was die moderne Wissenschaft entdeckt hat, lehrt uns, dass die Zeit, in der der Mensch auf Erden lebt, vergleichsweise unbedeutend ist. Vielleicht hat Gott Entwicklungen mit dem Menschen vor, die aeusserst spannend sind -- Entwicklungen, von denen wir uns nicht traeumen lassen. __________________________________________________________________ [116] >>Denn offenbar wird des Herrn Glanz. Alles Fleisch zumal wird ihn schauen. Denn der Mund des Herrn hat es versprochen.<< [117] Samuel G. Craig, Jesus as He Was and Is, S. 276. __________________________________________________________________ 9) Die ueberragende Menge der erloesten Schar Der Beschluss Gottes zur Erwaehlung und seine vorherbestimmende Liebe ist, obgleich sehr anspruchsvoll und eigenartig, nichtsdestoweniger umfassend. >>Darauf sah ich eine grosse Schar, die niemand zu zaehlen vermochte, aus allen Voelkern, Staemmen, Geschlechtern und Sprachen. Sie stehen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weissen Gewaendern und mit Palmzweigen in ihren Haenden. Sie rufen mit lauter Stimme: Das Heil ist bei unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm<< (Offb. 7,9f). Gott, der Vater, hat unzaehlbare Millionen aus der Menschheit erwaehlt, damit sie ewige Erloesung und ewige Glueckseligkeit haben sollen. Wie gross der Anteil dieser Schar an der gesamten Menschheit ist, ist uns nicht gesagt, aber im Hinblick auf die grossartige Zukunft, auf die wir zugehen und die der Kirche prophezeit ist, kann man folgern, dass es der weit groessere Teil der Menschheit sein wird, der sich unter Seinen Auserwaehlten befinden wird. Im neunzehnten Kapitel der Offenbarung berichtet Johannes von einer Vision, in der symbolisch der Kampf zwischen den guten und den boesen Maechten der Welt geschildert wird. Ueber diese Beschreibung sagt Dr. Warfield: >>Die Szene wird mit der Vision vom Sieg des Wortes Gottes eroeffnet, dem Koenig der Koenige und Herrn der Herrn, der ueber alle seine Feinde siegt. Wir sehen ihn aus dem Himmel kommen, geruestet zum Krieg und gefolgt von den himmlischen Armeen; die Voegel des Himmels sind geladen zum grossen Mahl der Leichname, die fuer sie bestimmt sind. Die Armeen des Feindes, die Bestien und die Koenige der Erde werden gegen ihn aufgeboten und voellig zerstoert; alle Voegel werden satt von der Leichname Fleisch (Offb. 19,11--21). Das ist das lebendige Bild eines totalen Sieges; ein ganzer Krieg wird hier beschrieben; die ganze Kriegsmetaphorik wird bemueht, um dies angemessen zu beschreiben. Doch das ist symbolisch zu verstehen. Was hier symbolisch dargestellt wird, ist der Totalsieg des Sohnes Gottes ueber alle Heere der Gottlosigkeit. Wir brauchen eigentlich nur einen einzigen Hinweis aus dieser Symbolsprache, um zu verstehen, und dieser einzige genuegt auch schon. An zwei Stellen (V. 15 u. 21) wird uns gesagt, dass das Schwert, mit dem der Sieg errungen wird, aus dem Munde des Eroberers kommt. Das bedeutet, dass wir nicht an eine woertliche Schlacht zu denken haben, sondern an einen Krieg, der durch das gesprochene Wort ausgefochten wird -- kurz gesagt: durch die Verkuendigung des Evangeliums. Wir haben hier die siegreiche Ausbreitung des Evangeliums in aller Welt vor uns. All diese Bilder einer schrecklichen Schlacht und deren grausamen Details sollen uns den Eindruck eines Totalsiegs (des Christentums) vermitteln. Das Evangelium Christi ist dabei, die Welt zu erobern, bis es alle seine Feinde besiegt hat.<< [118] Wir, die wir zwischen den zwei Adventen leben, sehen diesen Krieg im vollen Gang. Wie lange es dauern wird, bis dieser Sieg eingetreten sein wird oder wie lange die bekehrte Welt warten muss, bis ihr Herr wiederkommt, wissen wir nicht. Wir leben heute in einer Zeit, die man beinahe golden nennen koennte [119] , wenn man das erste Jahrhundert des Christentums bedenkt. Dies sollte sich in Zukunft fortsetzen, bis die Lebenden die praktische Erfuellung der Bitte sehen: >>Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden.<< So wie wir uns einer groesseren Schau von Gottes gnaedigem Handeln mit der suendigen Erde befleissigen, sehen wir, dass Er seine erwaehlende Gnade nicht mit der Hand eines Geizhalses austeilt, sondern dass es Seine Absicht ist, die ganze Welt zu sich zu bekehren. Das Versprechen wurde schon Abraham gegeben, dass naemlich seine Nachkommen eine ungeheure Schar werde werden: >>Ich will dich reichlich segnen und deine Nachkommenschaft so zahlreich werden lassen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand am Gestade des Meeres<< (1 Mo 22,17). >>Ich will deine Nachkommenschaft zahlreich werden lassen wie den Staub der Erde. Nur wenn jemand imstande waere, den Staub der Erde zu zaehlen, erst dann koennte auch deine Nachkommenschaft gezaehlt werden<< (1 Mo 13,16). Dem Neuen Testament entnehmen wir, dass sich dieses Versprechen nicht nur auf das nationale Volk der Juden beschraenkt, sondern dass gerade die Christen diejenigen sind, die im wahren Sinn des Wortes >>Soehne Abrahams<< genannt werden: >>Erkennt daraus, dass jene Kinder Abrahams sind, die aus Glauben leben. ... Gehoert ihr aber Christus an, so seid ihr auch Abrahams Nachkommen und gemaess der Verheissung Erben<< (Gal. 3,7.29). Jesaja hat gesagt, dass die Hand des Herrn durch seinen Messias nicht leer ausgehen wird, sondern dass sich >>seine Seele an seiner Arbeit sattsehen wird<< (Jes 53,11). Was Jesus auf Golgatha gelitten hat, wird Anlass dazu sein, sich nicht mit Wenigem zufriedenzugeben. Die Ansicht, dass die Geretteten die Verlorenen an Zahl weit ueberwiegen, zeigt auch die biblische Sprache selbst. Unter der kommenden Welt wird ganz allgemein der Himmel verstanden, der Himmel als grosses Koenigreich, als Land, auch als Stadt, waehrend die Hoelle einheitlich als ein vergleichsweise kleiner Ort beschrieben ist, also als Gefaengnis, als See (Feuersee), als Abgrund (vielleicht tief, aber schmal; Lk20,35; 1 Tim 6,17; Offb. 21,1; Mt 5,3; Heb. 11,16; 1 Petr 3,19; Offb. 19,20; 20,10.14.15; 21,8--27). Die Engel und die Heiligen werden in der Schrift als Heer bezeichnet, als Myriaden, als eine unzaehlbare Schar: Zehntausend mal zehntausend und tausend mal tausende; eine solche Bezeichnung wird auf die Verlorenen niemals angewandt, und verglichen mit den Geretteten erscheint ihre Zahl vergleichsweise unbedeutend (Lk 2,13; Jes 6,3; Offb. 5,11). Shedd bemerkt dazu: >>Der Kreis der Erwaehlten Gottes ist ein himmlisch grosser Kreis, keine Tretmuehle. Das Koenigreich Satans ist unbedeutend verglichen mit dem Koenigreich Christi. Im immens grossen Bereich der Gottesherrschaft ist das Gute die Regel, das Boese die Ausnahme. Auf dem Azurblau der Ewigkeit ist die Suende nur ein Fleckchen, ein Punkt auf der Sonne. Die Hoelle ist nur eine Ecke im Universum.<< [120] Von da aus gesehen scheint es so -- wenn wir die Vermutung wagen duerfen --, als koennte das Zahlenverhaeltnis von Geretteten zu Verlorenen etwa das der freien Buerger unseres Landes zu den Gefangenen sein; vielleicht wird man es auch mit einem Baum vergleichen duerfen, dessen Stamm, Aeste und Zweige die Geretten darstellen, waehrend die Verlorenen nichts als der Beschnitt sind, der verbrannt wird. Wer, auch Nichtcalvinist, wuenschte sich nicht, dass dem so sei? Aber, so mag eingewendet werden, sprechen nicht die Verse >>Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben fuehrt, und nur wenige finden ihn<< (Mt 7,14) und >>Viele sind zwar berufen, wenige aber auserwaehlt<< (Mt 22,14) eine ganz andere Sprache? Ich glaube, dass diese Verse einen bestimmten Zeitrahmen betreffen, und zwar jenen, der das Palaestina zur Zeit Jesu und zu dessen Bedingungen damals umfasst. Die grosse Mehrheit der Menschen damals beschritt nicht die Pfade der Gerechtigkeit, und diese Verse sind vom momentanen Standpunkt aus gesprochen, nicht von der Sicht eines noch in ferner Zukunft liegenden Gerichts aus. In diesen Versen tritt uns eine Beschreibung des Lebens entgegen, wie sie der damaligen Zeit eignete und wie sie auch bis in unsere Tage wohl zutrifft. Aber, fragt Dr. Warfield, >>Kann es denn nicht sein -- wird es denn nicht so sein? --, dass mit dem Verstreichen der Jahre, der Jahrhunderte, ja ganzer Zeitalter das Verhaeltnis dieser >zwei Wege< umgekehrt werden wird?<< [121] Diese Verse sollen uns zeigen, dass der Weg zur Errettung ein schwieriger und dornenvoller Weg ist, und dass es unsere Aufgabe ist, diesen Weg wachsam und ausdauernd zu gehen. Niemand sollte seine Errettung als Selbstverstaendlichkeit sehen. Diejenigen, die in das Koenigreich des Himmels eingehen, werden ihn durch viele Truebsale hindurch gehen muessen, daher der Befehl: >>Ringet danach, durch die enge Pforte einzugehen<< (Lk 13,24). Die Wahl, die man im Leben hat, ist die zwischen zwei Wegen: einer breit, angenehm und leicht zu beschreiten, und doch fuehrt er in die Vernichtung. Der andere ist schmal und schwierig -- dieser Weg fuehrt ins Leben. >>Es gibt nicht mehr Grund anzunehmen, dieses Gleichnis lehre die zahlenmaessige Ueberlegenheit der Verlorenen gegenueber den Geretteten als dass das Gleichnis mit den zehn Jungfrauen (Mt 25) lehren soll, dass sie numerisch gleich seien; noch weniger Grund gibt es, anzunehmen, das Gleichnis vom Unkraut im Weizen (Mt 13,24ff.) lehre, dass die Verlorenen vergleichsweise unbedeutend seien im Vergleich mit den Geretteten, denn das ist in der Tat ein wesentlicher Bestandteil des Gleichnisses.<< [122] __________________________________________________________________ [118] B. B. Warfield, Biblical Doctrines, Art. "The Millenium and the Apocalypse", S. 647. [119] Man wird sich erinnern, dass Boettner 1932 schreibt und nicht die Bibel im Licht der Ereignisse sieht, sondern -- wie es der Calvinismus im allgemeinen tut -- sich die Sicht auf die Bibel nicht vom Tagesgeschehen trueben laesst (A. d. Ue.). [120] Boettner gibt die Quelle des Zitats nicht an (A. d. Ue.). [121] Boettner gibt die Quelle des Zitats nicht an (A. d. Ue.). [122] B. B. Warfield, kleinere Schrift >>Are They Few That Be Saved?<< __________________________________________________________________ 10) Die Zustaende in der Welt werden sich verbessern Die Erloesung der Welt ist ein langer und langsamer Prozess, der die Jahrhunderte durchzieht, jedoch sicher an sein Ziel gelangt. Wir leben bereits in den Tagen verstaerkten Sieges und sehen der Eroberung entgegen. Es gibt Zeiten geistlichen Erfolgs und auch Zeiten geistlichen Niedergangs, doch sind das nur Stadien auf jenem Wege zum Ziel. Wenn wir die Zeit seit Christi erstem Erscheinen auf der Erde betrachten, dann bestaunen wir einen wunderbaren Ablauf. Zuletzt wird die Geschichte vollendet sein, und noch bevor Christus wiederkommt, haben wir eine christianisierte Welt. Das heisst nicht, dass die Suende vollkommen ausgerottet sein wird -- der Weizen wird immer unter Unkraut zu leiden haben, bis die Ernte kommt. Auch die Gerechten fallen manchmal der Suende und der Versuchung zum Opfer, solange sie auf dieser Erde leben. Aber genauso, wie wir heute christliche Gruppen und Gesellschaften sehen, so werden wir eine christianisierte Welt sehen. >>Die richtige Methode, die Zeit einzuschaetzen, ist, ihre Bedingungen mit jenen der Vergangenheit zu vergleichen und zu sehen, in welche Richtung sie sich bewegt. Geht es rueckwaerts oder vorwaerts? Werden die Dinge schlechter oder besser? Moegen die Dinge auch in duesteres Zwielicht eingewickelt sein, aber ist dies Zwielicht der Beginn des Abends oder des Morgens? Werden die Schatten dunkler, bis die sternenlose Nacht uns einhuellt oder fliehen sie, um der aufgehenden Sonne Platz zu machen? ... Ein Blick in die Welt, wie sie heute ist, verglichen mit dem, was zehn oder zwanzig Jahrhunderte vor uns war, zeigt uns, dass sie einen grossen Bogen durchlaufen hat und sich auf den Morgen zubewegt.<< [123] Mehr denn je ist die Kirche heute mit Wohlstand gesegnet, und trotz traurigem Abfall mancherorts, der dem Modernismus zugeschrieben werden muss, glauben wir, dass es heutzutage mehr ernsthafte Evangelisation gibt als je vorher. Die Anzahl der Bibelschulen, Kollegs und Seminare, in denen die Bibel systematisch studiert wird, waechst staendig und schneller als die Bevoelkerung. Letztes Jahr sind mehr als 11 Millionen Bibeln oder Bibelteile in verschiedenen Sprachen verteilt worden, und das alleine von der amerikanischen Bibelgesellschaft -- ein Umstand, der zeigt, dass die Bibel die Welt erreicht wie nie zuvor. Die christliche Kirche hat in vielen Teilen der Welt grosse Fortschritte gemacht; speziell waehrend der letzten zwei oder drei Jahrhunderte hat sie tausende und abertausende individuelle Kirchen hervorgebracht und hat das Leben vieler Millionen Menschen zum Guten beeinflusst. Unzaehlige Schulen und Krankenhaeuser sind ihr zu verdanken. Unter ihrem liebevollen Einfluss standen auch Ethik, Kultur und Gemeinwohl, die weltweit zugenommen haben; die ethischen Standards sind heute wesentlich hoeher als damals, als die Kirche hierher kam. >>Schon hat die Kirche jeden einzelnen Kontinent durchdrungen und wohnt auf jeder Insel und sendet ihre Aussenposten rund um den Aequator und von Pol zu Pol. Sie ist heute die groesste Organisation auf Erden, ein richtiges Weltunternehmen. Ihre Resultate sind sehr vielversprechend. In unserem Land ist das Christentum mindestens fuenf mal so schnell gewachsen wie die Bevoelkerung. Es ist etwa hundert Jahre her, da bekannte sich nur einer von fuenfzehn zum Christentum, heute ist es jeder dritte, und, Kinder ausgenommen, jeder zweite. Die Welt weist im ganzen erstaunliche Resultate auf. Im Jahr 1500 gab es etwa 100 Millionen Menschen, die sich zum Christentum bekannten, 1800 waren es bereits 200 Millionen. Die neueste Statistik zeigt, dass sich bei einer Gesamtbevoelkerung der Erde (1.646.491.000) bereits 564.510.000 Menschen zum Christentum bekennen, also beinahe ein Drittel der gesamten Menschheit! Das Christentum kann im letzten Jahrhundert ein riesiges Wachstum verzeichnen, ja, ein groesseres Wachstum als in den vorherigen 1800 Jahren.<< [124] Die Annahme, dass das Christentum im letzten Jahrhundert mehr Zuwachs bekommen hat als in den 1800 Jahren davor, duerfte ungefaehr stimmen. Letzten Statistiken zufolge, etwa 1950 [125] , umfasst das nominelle Christentum mehr als jede Kombination zweier anderer Weltreligionen. Diese Zahlen zeigen einen Stand von 640 Millionen Christen, 300 Millionen Konfuzianer (Taoisten inbegriffen), 230 Millionen Hindus, 220 Millionen Moslems, 150 Millionen Buddhisten, 125 Millionen Animisten, 20 Millionen Shintoisten und 15 Millionen Juden. [126] Und wenn auch viele Christen es nur dem Namen nach sind, ist doch das Verhaeltnis vermutlich groesser als in den heidnischen Religionen. Alle anderen Religionen, mit Ausnahme der Muslime, sind aelter als das Christentum. Darueber hinaus ist das Christentum die einzige Religion, die in der modernen Zivilisation aufbluehen und wachsen kann, waehrend alle anderen Religionen sehr schnell verschwinden, wenn sie unter das gleissende Licht moderner Zivilisation geraten. Erst innerhalb der letzten hundert Jahre hat sich die Neulandmission wirklich durchgesetzt. So wie sie sich kuerzlich entwickelt hat, mit grossen kirchlichen Organisationen im Ruecken, ist sie in der Position, eine Weltevangelisation zu betreiben, wie es sie nie zuvor gegeben hat. Man wird annehmen duerfen, dass die derzeitige Bevoelkerung Indiens, Chinas, Koreas und Japans mehr Veraenderung im religioesen, sozialen und politischen Bereich erfahren hat als in den vorhergegangenen 2000 Jahren. Wenn wir die rasche Verbreitung des Christentums in den letzten Jahren mit dem ebenso raschen Niedergang der anderen Weltreligionen kontrastieren, so scheint klar zu sein: Das Christentum ist die zukuenftige Weltreligion. Im Licht dieser Fakten sehen wir der Zukunft als bestmoeglicher vertrauensvoll entgegen. __________________________________________________________________ [123] James H. Snowden, The Coming of the Lord, S. 250. Fuer eine ausgezeichnete Untersuchung dieser Frage vgl. >>Is the World Growing Better?<< (Kap. 8). [124] Ebd., S. 265. [125] Siese Angabe entstammt einer spaeteren Auflage des Werks (A. d. Ue.). [126] A. d. Ue.: Nach einer Tabelle der letzen Ausgabe von >>Gebet fuer die Welt<< von Patrick Johnstone sehen die Zahlen nach dem Jahr 2000 etwa so aus: (Angaben in Mio.) Christen: 1.973 (32,54%); Mulime: 1.279 (21,09%); Nichtreligioese: 938 (15,46%); Hinduisten: 820 (13,52%), Buddhisten: 400 (6,6%) Chinesische Religionen: 383 (6,31%); Stammesreligionen: 176 (2,9%) Sikhs: 20,5 (,34%); Juden: 14,2 (,24) Andere: 60,8 (1%) bei einer Weltbevoelkerung von 6.065 Milliarden Menschen (S. 41f). Nachstehend die Zahlen aus dem digitalen Brockhaus 2005: Weltreligionen: Der Anteil der Religionen*) an der Weltbevoelkerung (in %) Religionszugehoerigkeit 190020022025 (Prognose) Christen 33,433,434,8Muslime 12,420,124,4Hindus 12,513,513,4Buddhisten 7,85,95,4Stammesreligionen 6,63,63,7neue Religionen ,41,61,4Sikhs ,20,40,4Juden ,80,20,2Nichtreligioese/Atheisten ,214,913,1*) nicht beruecksichtigt sind die Anhaenger chinesischer Volksreligionen (Daoismus, Geisterglaube), religioes gepraegter neokonfuzianischer Stroemungen und die Shintoisten __________________________________________________________________ 11) Das Heil der Kleinkinder Die Mehrzahl calvinistischer Theologen war jeher der Auffassung, dass Menschen, die im Kindesalter sterben, gerettet sind. Die Schrift scheint klar genug zu lehren, dass die Kinder Glaeubiger gerettet sind, in bezug auf die Kinder der Heiden schweigt sie jedoch. Das Westminster-Bekenntnis sieht die Kinder der Heiden, bevor sie in das Alter der Verantwortlichkeit kommen, jedenfalls nicht der Verdammnis anheim gestellt. Dort, wo die Heilige Schrift zu einem Thema schweigt, tut es auch das Westminster-Bekenntnis. Unsere bedeutenden Theologen geben jedoch zu bedenken, dass >>seine Barmherzigkeit sich ueber alle seine Werke erstreckt<< (Ps 145,9), ja, dass seine Gnade so weit wie moeglich reicht; sie haben immer die liebevolle Hoffnung gehegt, dass, da diese Kinder ja noch keine eigene, persoenliche Suende begangen haben, ihnen die Erbsuende vergeben wird und sie ganz nach den evangelischen Prinzipien errettet werden. Das war immerhin die Meinung von Charles Hodge, W. G. T. Shedd und B. B. Warfield. Bezueglich der Kleinkinder sagt Dr. Warfield: >>Ihr Schicksal ist festgelegt, ohne dass sie eine Wahl gehabt haben. Es beruht ganz auf dem unbedingten, goettlichen Entschluss, ganz ohne Einfluss ihrer Handlungen. Ihre Errettung hat die Gnade Christi erwirkt, und zwar durch die unmittelbare und unwiderstehliche Einwirkung des Heiligen Geistes vor und jenseits jeder Handlung, die sie etwa aus korrektem Willen haetten begehen koennen ... Wenn der Tod eines Kindes von Gottes Vorsehung abhaengt, dann ist es sicher, dass Gott in seiner Vorsehung dafuer Sorge traegt, dass diese grosse Schar an seiner unbedingten Erloesung Anteil hat ... Das ist nichts anderes als die unbedingte Praedestination zum Heil von Grundlegung der Welt an. Wenn auch nur ein einziges Kind gerettet wird, das gestorben ist, ohne je das Alter der Verantwortlichkeit erreicht zu haben, dann ist das ganze arminianische Prinzip ad absurdum gefuehrt. Wenn nun alle Kinder, die in jenem Zustand sterben, gerettet werden, dann wird nicht nur die ueberwiegende Zahl der Geretteten, sondern die Mehrzahl der Menschheit ins ewige Leben eingehen -- auf ganz unarminianische Weise.<< [127] Es gibt nichts im Calvinismus, das uns von dieser Ansicht abhalten koennte, und solange nicht bewiesen ist, dass die Lehre von der Praedestination falsch ist und Gott diejenigen, die er schon im Kindesalter zu sich gerufen hat, nicht schon von Ewigkeit her zur Erloesung bestimmt hat, wird uns niemand von dieser Absicht abbringen. Selbstverstaendlich glaubt ein Calvinist, dass die Erbsuende nicht nur die Erwachsenen vor Gott schuldig macht, sondern auch jedes Kind. Genauso wie alle anderen Soehne Adams, sind auch die Kinder schuldhaft, weil in Adam die ganze Menschheit schuldig geworden ist; Gott koennte gerechterweise alle Menschen bestrafen. Ihre Errettung entspricht aber der Realitaet. Sie besteht allerdings nur in der Gnade Christi und ist unverdient wie bei den Erwachsenen. Statt die Fehlerhaftigkeit und die Strafe abzuschwaechen, die ihnen aufgrund der Erbsuende einwohnt, weist der Calvinismus auf die rettende Gnade Gottes hin. Die Errettung der Kinder ist bedeutend, denn sie illustriert das Prinzip der Erloesung, der Befreiung schuldiger Seelen von ewiger Pein. Und diese Erloesung ist ueberaus kostbar, denn sie wurde durch die Leiden Christi am Kreuz erkauft. Jene, die die Erbsuende anders beurteilen; jene, die in ihr gar keine richtige Suende sehen, die ewige Bestrafung verdiente, schmaelern auch den Schrecken, vor dem die Kinder >>bewahrt<< werden; konsequenterweise kann auch die Liebe, die sie Gott schulden, nicht gerade die groesste sein. Die Lehre, dass Kinder generell erloest werden, findet seinen logischen Platz im calvinistischen System, denn die Erloesung der Seelen ist hier ganz deutlich jenseits jeglicher Bedingung des Glaubens vorherbestimmt. Weder Bekehrung noch gute Werke, seien sie gegenwaertig oder vorhergesehen, koennen hier massgeblich sein. Eine solche Lehre kann im Arminianismus keinen Platz haben, auch in keinem anderen System. Darueber hinaus muss es scheinen, dass ein System wie der Arminianismus, der die Errettung von einer persoenlichen und verstandesgemaessen Entscheidung des einzelnen abhaengen laesst, logischerweise verlangen muesste, dass verstorbene Kinder entweder im Jenseits eine weitere >>Chance<< bekommen, so dass ihr Schicksal besiegelt werden koennte, oder dass sie ausgeloescht (annihilated) werden. Zu dieser Frage sagt Dr . S . G . Craig: >>Wir sehen die Sache so, dass keine Lehre, die die Erloesung der Kinder annimmt, christlich ist, wenn sie nicht gleichzeitig annimmt, dass die Kinder verlorene Mitglieder einer verlorenen Menschheit sind, fuer die es ausser in Christus keine Erloesung gibt. Daher ist es offensichtlich, dass diese Lehre keinen Platz im roemisch-katholischen oder auch anglo-katholischen System haben kann, da jene Systeme lehren, dass die Wiedergeburt durch die Taufe stattfindet. Wie viele Kinder sind aber ungetauft geblieben? Offensichtlich bietet auch das lutherische Gedankensystem keinen Platz fuer die Ansicht, dass alle, die im Kindesalter sterben, gerettet werden, denn dieses System legt grosse Bedeutung auf die Gnadenmittel, besonders die Gnadenmittel des Wortes und der Sakramente. Wenn die Gnade nur durch die Gnadenmittel erlangt werden kann -- und das ist bei ungetauften Kleinkindern ja gerade nicht der Fall -- dann scheint es klar zu sein, dass die meisten, die als Kinder gestorben sind, diese Gnade nicht erlangt haben. Jetzt wird auch klar, weshalb der Arminianismus kein Recht hat, alle verstorbenen Kinder im Himmel zu vermuten; vielmehr ist es sogar unklar, inwiefern er ueberhaupt ein Recht hat anzunehmen, dass je ein Kind gerettet wird. Denn nach der Annahme des Arminianismus, auch des evangelischen [u. evangelikalen; A. d. Ue.] Arminianismus, hat Gott in seiner Gnade den Menschen nur die Moeglichkeit zur Errettung bereitgestellt. Es scheint indes wenig glaubhaft, dass jene >>Moeglichkeit<< zur Errettung den fruehzeitig verstorbenen Kindern recht viel sollte geholfen haben.<< [128] Obgleich der Calvinismus die Lehre der Taufwiedergeburt ablehnt und in der Taufe Nichterwaehlter nichts als eine leere Form sieht, sieht er die rettende Gnade weit ueber die Grenzen sichtbaren Christentums hinausgreifen. Wenn es wahr ist, dass unterschiedslos alle Kinder die rettende Gnade empfangen, dann zaehlt bis heute die Mehrheit der Menschheit zu den Erwaehlten. Darueber hinaus statuiert der Calvinismus, dass der rettende Glaube an Christus die einzige Voraussetzung fuer die Erloesung darstellt, soweit es Erwachsene betrifft; aeusserliche Kirchenzugehoerigkeit ist weder Voraussetzung noch Garantie zur Errettung. Der Calvinismus geht auch davon aus, dass viele Erwachsene, die keinerlei Verbindung zur Kirche haben, nichtsdestotrotz gerettet sein koennen. Jeder logisch denkende Christ wird sich gerne dem biblischen Befehl zur Taufe unterwerfen, wie er klar in der Schrift formuliert ist, und somit ein Mitglied der aeusserlichen Kirche werden. Es gibt allerdings viele, die entweder aus Schwachheit des Glaubens oder auch aus Mangel an Gelegenheit diesem Befehl nicht Folge leisten wollen. Das Westminster-Bekenntnis ist oft wegen der Formulierung angegriffen worden, die die Erloesung der Kinder betrifft: >>Die erwaehlten Kinder, die in ihrer Kindheit sterben, sind wiedergeboren und gerettet durch Christus<<. [129] Man hat gemeint, daraus schliessen zu muessen, dass die nichterwaehlten Kinder, die in ihrer Kindheit sterben, nach dieser Formulierung verlorengehen muessten und dass die Presbyterianische Kirche gelehrt habe, dass einige Kinder tatsaechlich verlorengingen. Dazu sagt Dr . Craig: >>Die Geschichte dieses Einwandes gegen die Formulierung >Erwaehlte Kinder, die in ihrer Kindheit sterben< macht klar, dass hier keine Polaritaet zwischen >erwaehlten Kindern, die in ihrer Kindheit sterben< und >nichterwaehlten Kindern, die in ihrer Kindheit sterben< gemacht wird, sondern zwischen Erwaehlten, die in ihrer Kindheit sterben und solchen, die am Leben bleiben.<< [130] Um jedoch Missverstaendnissen vorzubeugen, die von Streitsucht motiviert werden, hat die Presbyterianische Kirche der USA im Jahr 1903 eine Zusatzerklaerung herausgegeben: >>Unter Bezugnahme auf den 3. Absatz des 10. Kapitels des Glaubensbekenntnisses, der nicht davon handelt, dass Kinder verlorengehen koennen, glauben wir, dass alle Kinder, die in ihrer Kindheit sterben, von der erwaehlenden Gnade eingeschlossen sind und durch die Erloesung Christi und das Wirken des Geistes erneuert werden, wie, wann und wo es Ihm gefaellt.<< [131] Diesen Zusatz betreffend sagt Dr . Craig: >>Offensichtlich greift diese Zusatzerklaerung ueber den Art. 3 des zehnten Kapitels des Glaubensbekenntnisses hinaus, insofern sie behauptet, dass alle, die in ihrer Kindheit sterben, gerettet werden. Manche glauben, dass diese Zusatzerklaerung ueber die Schrift hinausgeht, aber wie dem auch sei, sie macht klar, dass niemand die Presbyterianische Kirche der Lehre zeihen kann, dass es nichterwaehlte Kinder gebe. Zweifellos hat es innerhalb der Presbyterianischen Kirche Leute gegeben, die angenommen haben, es gebe auch nichterwaehlte Kinder, die infolge dessen verlorengingen, aber eine solche Sicht war nie offizielle Lehrmeinung der Presbyterianischen Kirche; vielmehr widerspricht eine solche Meinung dem Glauben der Kirche.<< [132] Es wird Calvin manchmal vorgeworfen, er habe die tatsaechliche Verdammnis einiger gelehrt, die waehrend ihrer Kindheit sterben. Ein sorgfaeltiges Studium seiner Schriften zeigt aber die Haltlosigkeit jener Vorwuerfe. Was er tatsaechlich gelehrt hat, war, dass einige der Erwaehlten schon als Kinder sterben und auch als Kinder errettet sind. Er lehrte, dass auch Verworfene einmal Kinder waren; schliesslich war er ja der Ansicht, dass die Verwerfung und die Erwaehlung beide von Ewigkeit her sind [133] und die Nichterwaehlten schon als Nichterwaehlte in diese Welt kommen. Nirgendwo allerdings sagt er, dass die Verworfenen in ihrer Kindheit sterben und so verlorengehen. Freilich verwarf er die pelagianische Sichtweise, die die Erbsuende leugnet und die Errettung verstorbener Kinder auf deren angenommene Unschuld und Suendlosigkeit gruendet. Dr. R. A. Webb hat Calvins Ansichten zu diesem Thema hat untersucht, und sein Ergebnis kann folgendermassen zusammengefasst werden: >>Calvin lehrt, dass alle Verworfenen sich ihre eigene Zerstoerung >verursachen< (sein eigenes Wort!); sie verursachen ihre eigene Verderbnis durch ihre eigenen persoenlichen und bewussten Handlungen der Gottlosigkeit, Bosheit und Rebellion. Verworfene koennen ihre Verderbnis nun allerdings nicht waehrend ihrer Kindheit durch Gottlosigkeit, Bosheit und Rebellion >verursachen<, obgleich sie im Sinne der Erbsuende schuldig sind und ebenso unter dem Urteil der Verdammnis stehen. Sie muessen also schon die Jahre erreichen, in denen sie jene Handlungen der Gottlosigkeit, Bosheit und Rebellion verueben, die Calvin als jene Akte beschreibt, durch welche sie ihre Verderbnis herbeifuehren. Wenn Calvin lehrt, es gebe verworfene Kinder, dann ist das so zu verstehen, dass er meint, auch die Verworfenen seien ja einmal Kinder, gehen aber nicht als Kinder verloren. Im Gegenteil behauptet er, dass die Verworfenen ihre eigene Verwerfung selbst herbeifuehren, und zwar durch all ihre gottlosen Handlungen, durch ihre Bosheit und ihre Rebellion. Konsequenterweise zwingt ihn sein Denken (um in sich logisch zu bleiben) zu der Annahme, dass kein Verworfener waehrend seiner Kindheit sterben kann, sondern erst mindestens das Alter moralischer Zurechnungsfaehigkeit erreichen muss und die Erbsuende zur persoenlichen Suende werden lassen muss.<< [134] In keinem seiner Werke sagt Calvin, weder direkt noch indirekt, dass irgend ein Kind werde verlorengehen. Die meisten Angriffe gegen ihn beruhen auf seiner Lehre von der Erbsuende, durch welche die ganze Menschheit ausnahmslos schuldig und verderbt ist. Viele Lehraussagen Calvins sind hochkontroversiellen Abschnitten entnommen, die eigentlich von ganz anderen Lehren sprechen und so quasi >>ungeschuetzt<< sind; wenn sie dagegen in dem Zusammenhang gelassen werden, in den Calvin sie gesetzt hat, kann an ihrer wahren Aussage nicht mehr gezweifelt werden. Calvin sagt ueber die Kinder eigentlich nichts anderes als David von sich selbst gesagt hat: >>Sieh doch, ich bin in Suende geboren, in Schuld empfing mich schon meine Mutter<<, oder auch was Paulus in 1 Kor 15,22 sagt: >>Wie sie in Adam alle sterben<< oder auch in Eph 2,3: >>Von Natur aus Kinder des Zorns<<. Ich glaube, ausreichend gezeigt zu haben, dass die Lehre von der Erwaehlung in jedem Punkt biblisch ist und ausserdem zwingend Sache des gesunden Menschenverstandes. Jene, die sich gegen diese Lehre stellen, tun das, weil sie die Majestaet und Heiligkeit Gottes weder verstehen noch recht betrachten, genauso wenig wie die Verderbtheit und Schuld ihrer eigenen Natur. Sie vergessen, dass sie vor ihrem Schoepfer kein Recht auf Gnade haben, sondern als verdammte Kriminelle vor ihm stehen und nichts als Strafe verdienen. Ausserdem wollen sie unabhaengig sein und lieber ihr eigenes Heilsschema ausarbeiten, als Gottes Plan anzunehmen, der nichts als Gnade ist. Die Lehre von der Erwaehlung kann mit keinem einzigen Werk harmonisiert werden, das der Mensch wirkt, auch nicht mit einer Mischung von Werk und Gnade, sondern sie ist das einzig moegliche Ergebnis eines Bundes reiner Gnade. __________________________________________________________________ [127] B. B. Warfield, Two Studies in the History of Doctrine, S. 230. [128] Christianity Today, Jan. 1931, S. 14. Der >>gemaessigte Arminianismus<<, wie ich ihn bezeichnen moechte (etwa: Bruederbewegung oder Freikirchen pietistischer Provenienz und aehnliche) zeichnet sich m. E. nicht gerade durch konsistente Gedankensysteme aus; wenn Schwierigkeiten auftauchen, etwa die logische Inkonsistenz der Lehre, so nimmt er schon mal Zuflucht zu den >>Geheimnissen<<, zu den >>hohen Gedanken Gottes<<, zu Gottes >>Unausforschlichkeit<< oder zum alten Spruch vom >>Stahnlassen<< der Schrift. Vom Irrationalismus beeinflusst, steht der Arminianismus -- ohne sich dessen freilich allzu bewusst zu sein -- logischem Denken (das er >>Spekulation<< nennt, wenn es nicht auf seiner Linie faehrt) oft aeusserst skeptisch gegenueber (A. d. Ue.). [129] WB, Art. 10.3. [130] Boettner gibt die Quelle des Zitats nicht an. Uebrigens handelt es sich bei diesem Einwand um einen formallogischen Fehlschluss: Wenn ich sage: "Alle schwarzen Kugeln aus dem Saeckchen sind glatt", dann kann man aus dieser Aussage nicht schliessen, dass es auch noch andersfaerbige Kugeln gibt (A. d. Ue.). [131] Quelle des Zitats nicht angegeben. [132] Christianity Today, Jan. 1931. S. 14 [133] Die Schwierigkeit derlei gedanklicher Operationen beruht weniger auf ihrer intrinsischen Komplexitaet, als vielmehr darauf, dass der durch raumzeitliche Kategorien bedingte Mensch ueber Dinge nachdenkt, die der Ewigkeit angehoeren und sich teilweise zwar in Raum und Zeit manifestieren, dass aber Sachverhalte der Ewigkeit nicht ohne weiteres mit raumzeitlichen Kategorien beschreibbar sind. Man darf nicht den Fehler machen, Ewiges mit Zeitlichem adaequat beschreibbar sehen zu wollen. Es ist immer schwierig -- ob Calvinist oder Arminianer -- ueber Sachverhalte der Ewigkeit anders als dogmatisch zu reden, insbesondere anders, als es die Sprache der Heiligen Schrift tut (A. d. Ue.). [134] R. A. Webb, Calvin Memorial Addresses, S. 112. __________________________________________________________________ 12) Zusammenfassung Die Erwaehlung ist der Akt der freien Entscheidung Gottes, durch welchen er bestimmt, wer das Erbe des Himmels antreten darf. Der Beschluss dazu existiert von Ewigkeit her. Der Beschluss betrachtet die Menschheit als gefallene Rasse. Die Erwaehlten werden aus dem Zustand der Suende herausgerissen und in einen gesegneten Zustand der Seligkeit versetzt. Erwaehlung meint beides: Mittel und Ziel -- die Erwaehlung zu ewigem Leben begreift in sich auch die Erwaehlung zu einem gerechten Leben im Diesseits. Der Beschluss zur Erwaehlung ist durch das ausreichende Werk des Heiligen Geistes vollwirksam. Er wirkt, wann, wo, und wie es ihm gefaellt. Gottes allgemeine Gnade wuerde alle Menschen zum Guten neigen lassen, wenn sie ihr nicht widerstuenden. Der Beschluss zur Erwaehlung ueberlaesst die Nichterwaehlten ihrem Schicksal -- sie gehen ihrer gerechten Strafe entgegen. Manchen Menschen wird erlaubt, dem Boesen zu folgen, das sie freiwillig und zu ihrem eigenen Verderben waehlen. Gott koennte in seiner unumschraenkten Herrschaft alle Menschen erneuern, wenn er es so wollte. Der Richter der Erde ist gerecht und weitet seine Gnade ueber eine unzaehlbare Schar aus, die diese Gnade nicht verdient hat. Die Erwaehlung basiert nicht auf vorhergesehenem Glauben oder guten Werken, sondern einzig und allein auf Gottes souveraenem Wohlgefallen. Der wesentlich groessere Teil der Menschheit ist zu ewigem Leben erwaehlt. Alle, die waehrend ihrer Kindheit sterben, gehoeren zu den Erwaehlten. Die Erwaehlung bezieht sich nicht nur auf Individuen, sondern auch auf Nationen und auf aeusserliche und zeitliche Segnungen und Privilegien -- Segnungen allerdings, die nicht die Errettung zu ewigem Heil bedeuten. Die Bibel erwaehnt und betont die Lehre von der Erwaehlung von Anfang bis zum Ende. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XII -- Begrenzte Suehne __________________________________________________________________ 1) Erklaerung der Lehre Die Frage, die wir unter dem Thema >>Begrenzte Suehne<< abhandeln, lautet folgendermassen: Hat sich Christus als Opfer fuer das gesamte Menschengeschlecht hingegeben, also fuer jedes Individuum ohne Unterschied und Ausnahme, oder galt sein Tod nur den Erwaehlten? Mit anderen Worten: War seine Absicht, allen Menschen diese Erloesung nur anzubieten oder war die Absicht, diese Erloesung nur denen zu schenken, die der Vater ihm gegeben hat? Der Arminianismus behauptet, dass Christus unterschiedslos fuer alle Menschen gestorben sei, waehrend der Calvinismus besagt, dass es die Absicht des geheimen Plans Gottes war, Christus nur fuer die Erwaehlten sterben zu lassen, und dass sein Tod fuer diejenigen nur nebensaechliche Bedeutung hat, die an der allgemeinen Gnade partizipieren. Die Bedeutung dieses Themas wird vielleicht klarer, wenn wir statt >>begrenzter Suehne<< >>begrenzte Erloesung<< sagen. Die Suehne freilich ist streng genommen ein unendliches Werk; die Begrenzung besteht theologisch gesehen in der Anwendung der Auswirkung dieser Suehne, also in der Erloesung. Aber da sich in der Theologie nun einmal der Ausdruck >>begrenzte Suehne<< etabliert hat und da klar ist, was damit gemeint ist, werden auch wir diesen Ausdruck weiter verwenden. Das Westminster- Bekenntnis formuliert diese Lehre wie folgt: >>Deswegen sind die Erwaehlten, die in Adam gefallen sind, erloest durch Christus; wirksam berufen zum Glauben an Christus durch seinen Geist, der zu seiner Zeit wirkt; sind gerechtfertigt, zur Kindschaft angenommen, geheiligt und bewahrt aus seiner Kraft durch den Glauben zum ewigen Heil. So sind auch keine anderen durch Christus erloest, wirksam berufen, gerechtfertigt, angenommen, geheiligt und bewahrt als allein die Erwaehlten<<. [135] Man wird gleich sehen, dass diese Lehre notwendig aus der Erwaehlungslehre folgt. Wenn Gott von Ewigkeit her geplant hat, einen Teil der Menschheit zu erloesen und den anderen zu uebergehen, dann waere es ein Widerspruch, zu behaupten, seine Erloesung beziehe sich auf beide Teile der Menschheit oder Gott habe seinen Sohn gesandt, um fuer jene zu sterben, die nicht zur Erloesung vorherbestimmt sind, und zwar im gleichen Sinne, wie er fuer die gesandt wurde, die erwaehlt sind. Beide Lehren stehen oder fallen miteinander. Wir koennen logischerweise nicht eines lehren und das andere ablehnen. Wenn Gott einige Menschen auserwaehlt hat, andere dagegen nicht, dann ist eines klar: Das Erloesungswerk Christi ist geschehen, um die Auserwaehlten zu erretten. __________________________________________________________________ [135] WB, Art. 3.6. __________________________________________________________________ 2) Der unendliche Wert der Suehne Christi Diese Lehre meint keinesfalls, der Wert oder die Kraft der Suehne Christi seien in irgend einer weise begrenzt. Der Wert der Suehne misst sich an der Wuerde dessen, der sie erringt, ja, er haengt geradezu davon ab, und da Christus als der Gott-Mensch gelitten hat, ist der Wert seines Leidens unendlich gross. Die Schrift sagt uns auch ganz klar, dass es der >>Herr der Herrlichkeit<< war, welcher da gekreuzigt worden ist (1 Kor 2,9); die Gottlosen haben den >>Fuersten des Lebens<< ermordet (Apg 3,15); Gott hat seine Gemeinde >>mit seinem eigenen Blut erkauft<< (Apg 20,28). Die Suehne war daher unendlich verdienstvoll und koennte somit jeden einzelnen Menschen gerettet haben, waere es Gottes Plan gewesen. Die Begrenzung der Suehne bezieht sich nur auf die Absicht und bewirkt die Errettung nur bestimmter Personen -- eben jener, die gerettet werden. Hier kommt es leider oft zu Missverstaendnissen, weil faelschlicherweise behauptet wird, der Calvinismus lehre, dass Christus fuer jeden Menschen unterschiedlich gelitten habe und dass, wenn mehr Menschen haetten gerettet werden sollen, Christus mehr haette erleiden muessen. Wir glauben jedoch, dass dieses grosse und unendlich wertvolle Opfer auch dann vonnoeten gewesen waere, wenn seine Segnungen nur einem wesentlich kleineren Teil der Menschheit zugedacht gewesen waeren, und dass das Opfer Christi in seiner ganzen Kraft ausreichte, auch die gesamte Menschheit zu erretten. Gaebe es nur eine einzige Pflanze auf Erden -- die Sonne muesste die gleiche Energie und Waerme ausstrahlen, wie wenn der ganze Planet voller Pflanzen waere. Und genauso waere Christi Opfer in seiner Fuelle generell noetig gewesen, ob nun nur ein Mensch oder die ganze Menschheit gerettet wird. Da der Suender gegen eine Person gesuendigt hat, deren Wuerde unendlich ist und daher verurteilt ist, ewig dafuer bestraft zu werden, war ein Opfer unendlichen Wertes vonnoeten, um den Suender zu erloesen. Niemand wird meinen, da ja Adams Suende der Grund fuer die Verdammung der ganzen menschlichen Rasse war, dass seine Suende haette schwerer wiegen muessen, wenn seine suendige Nachkommenschaft zahlreicher waere als sie es tatsaechlich ist. Warum also dieses seltsame Prinzip auf das Opfer Christi anwenden? __________________________________________________________________ 3) Die Suehne ist begrenzt in bezug auf Zweck und Anwendung Obgleich der Wert der Suehne ausreichen wuerde, die gesamte Menschheit zu erloesen, ist sie nur in Bezug auf die Erwaehlten wirksam. Jeder Erwaehlte wird auf die gleiche Weise errettet; die Erloesung ist fuer jedermann objektiv moeglich, doch aufgrund subjektiver Schwierigkeiten, die in der Unfaehigkeit des Suenders begruendet liegen, von sich aus das zu tun, was Gott genuegte, werden nur diejenigen gerettet, die vorher vom Heiligen Geist erneuert und geheiligt worden sind. Der Grund, weshalb Gott seine Gnade nicht jedem Menschen zuwendet, ist nicht voellig offenbart worden. [136] Wenn die Suehne fuer alle Menschen geschehen waere, wuerde ihr Wert dadurch sehr verringert. Wenn sie alle Menschen betraefe und einige trotzdem verlorengehen, so bedeutete dies: Die Erloesung ist objektiv gesehen fuer alle Menschen moeglich, erloest aber eben nicht alle. Der Arminianismus behauptet, die Suehne habe es nur moeglich gemacht, dass der Mensch mit der goettlichen Gnade >>zusammenwirken<< kann -- er kann sich so gewissermassen selbst erretten -- wenn er denn will. Gibt es denn einen einzigen, der am Krebs stirbt, von dem er geheilt wird? Dann leuchtete uns auch die Ansicht ein, dass jemand wegen der Suende sterben muss, die ihm vergeben worden ist. Die Suehne umfasst das ganze denkbare Ausmass. Wenn sie die Erloesung nur moeglich machte, gaelte sie jedermann. Wenn sie dagegen die Erloesung sicherstellte, betraefe sie nur die Erwaehlten. Es ist, wie B. B. Warfield sagt: >>Wir koennen zwischen einer Suehne von hoechstem Wert oder einer Suehne weitesten Ausmasses waehlen. Beides geht nicht zusammen.<< [137] Die Tat Christi kann nur auf Kosten seiner Substanz verallgemeinert werden. Hier darf kein Missverstaendnis aufkommen: Der Arminianismus limitiert die Suehne genauso wie der Calvinismus. Der Calvinismus "limitiert" sie, indem er sagt, dass sie nicht allen Personen gilt (Obgleich gezeigt worden ist, dass er glaubt, sie sei jedenfalls ausreichend, die grosse Mehrheit der Menschen zu retten); der Arminianismus dagegen leugnet ihre Kraft, denn er behauptet, dass sie allein nicht ausreiche, den Menschen zu erretten. Der Calvinismus begrenzt ihre Quantitaet, der Arminianismus ihre Qualitaet. Der Calvinismus gleicht einer schmalen Bruecke ueber einen breiten Strom, der Arminianismus gleicht einer breiten Bruecke, die allerdings nur bis zur Haelfte des Stromes reicht. Letztendlich ist es der Arminianismus, der die Groesse des Heils, das in Christus geschehen ist, schmaelert! __________________________________________________________________ [136] Der Arminianismus sieht in diesem Grund die freie Willensentscheidung des Einzelnen (deren Moeglichkeit Luther in seinem Hauptwerk vehement bekaempft hat), waehrend der Calvinismus bestreitet, dass die Entscheidung, wer gerettet wird und wer nicht, mit der jeweiligen Person zu tun hat. Der Streit geht gewissermassen an der Sache vorbei, da der Arminianismus den Calvinismus zu einem Zeitpunkt angreift, den der Calvinismus immer schon vor jener Entscheidung sieht. Die meisten Gegner der Erwaehlungslehre geben zwar zu, dass nicht sie auf Jesus, sondern Jesus auf sie "zugegangen" sei, verstehen sein "Zugehen" aber nur als reines Angebot, das auch ausgeschlagen werden kann. Der Calvinismus begrenzt die Suehne in ihrer Absicht, der Arminianismus in ihrer Wirkkraft. Ihm gemaess habe Gott den Menschen mit einem "freien" Willen ausgestattet und haelt sich bloss an seine "Spielregeln", wenn er die Ablehnung des Menschen -- bei einer uebrigens so wichtigen Sache ein prekaerer Gedanke! -- akzeptiere. Abgesehen vom richtigen Verstaendnis der Willensfreiheit sollte man jedenfalls bedenken, dass ein betraechtlicher Teil derer, die das Evangelium hoeren, es nicht nur nicht annehmen, weil sie es an sich ablehnen, sondern weil sie es gar nicht verstehen; weil sie zu verblendet sind, weil sie nicht erleuchtet werden oder, last but not least, es gar nie hoeren. Trotz der Tatsache also, dass der Arminianismus den Primat durchaus Gott zugesteht, ist er nicht bereit, aus diesem Zugestaendniss die logische Schlussfolgerung zu ziehen (A. d. Ue.). [137] Boettner gibt die Quelle nicht an. __________________________________________________________________ 4) Das Werk Christi als vollendete Erfuellung des Gesetzes Waere die Suehne universell und unbegrenzt, so muesste sie -- ganz wie der Arminianismus behauptet -- einzig darin bestehen, den Fluch auszuloeschen, der seit Adam auf der Menschheit liegt. Damit waere sie nichts als ein Ersatz fuer die Art von Gesetzeserfuellung, die Gott in seiner unumschraenkten Herrschaft anstelle der perfekten Erfuellung des Gesetzes angenommen hat. Gott verlangte danach nicht mehr die vollkommene Erfuellung dessen, was er geboten hat (wie etwa bei Adam), sondern boete die Erloesung quasi zu >>guenstigeren Bedingungen<< an. Er raeumte damit gesetzliche Hindernisse aus dem Weg und akzeptierte einen solchen Glauben und evangelischen Gehorsam, den ein Mensch mit gnadenvoll wiederhergestellter Gehorsams- und Glaubensfaehigkeit aufbringen koennte, freilich mithilfe einer generellen Unterstuetzung des Heiligen Geistes. Die Gnade wuerde dadurch in einen einfacheren Zugang zur Erloesung ausgeweitet -- Er akzeptierte praktisch 50 Cent fuer einen Dollar, weil der Mensch nicht mehr zahlungsfaehig ist. Der Calvinismus dagegen glaubt, dass das Gesetz vollkommenen Gehorsam verlangt, ganz wie schon bei Adam, und dass die Erfordernis vollkommenen Gehorsams fuer immer gilt und Gott nie den Eindruck hat vermitteln wollen, dass das Gesetz viel zu starr in seiner Forderung sei, seine Strafen zu rigoros seien oder dass das Gesetz irgendwie aufgehoben oder vermindert werden muesste. Die goettliche Gerechtigkeit verlangt, dass der Suender bestraft wird -- entweder er selbst oder ein Stellvertreter. Wir sind der Ansicht, dass Christus fuer sein Volk im engsten Wortsinn stellvertretend gehandelt hat und ihm eine vollkommene Erloesung von seinen Suenden erwirkt hat und damit nicht nur den Fluch ausgeloescht hat, der seit Adam auf der Menschheit liegt, sondern restlos alle Suenden getilgt hat. Er hat durch seine Suendlosigkeit ein Leben gelebt, das in vollkommenem Gehorsam gegenueber Gott gestanden hat und hat damit seinem Volk das ewige Leben erkauft. Wir glauben, dass Erloesung damals wie heute vollkommenen Gehorsam erfordert und dass das Verdienst Christi seinem Volk als einzige Basis seiner Erloesung angerechnet wird. Sein Volk geht in den Himmel ein -- einzig bekleidet mit dem Kleid seiner vollkommenen Gerechtigkeit und ohne jedes Verdienst. Somit wird die Gnade, die pure Gnade, nicht durch Verringerung dessen vergroessert, was die Erloesung erfordert, sondern einzig in der Stellvertretung Christi fuer sein Volk. Er hat das fuer sein Volk erfuellt, was es selbst nie gekonnt haette: er hat das Gesetz vollkommen erfuellt! Dieses calvinistische Prinzip macht klar: Das Gesetz muss seit Adam in jedem Fall ausnahmslos und vollkommen eingehalten werden. Es ist weder abgeschwaecht noch abgeschafft worden, sondern ist angemessen gewuerdigt worden, so dass seine Grossartigkeit sichtbar wird. Beide, sowohl der Gerettete, fuer den Christus gehandelt hat, als auch der Verworfene, stehen unter dem Gesetz, dessen Majestaet in Kraft und Amt ist. Stimmte die arminianische Theorie, dann bedeutete dies, dass letztlich Millionen verlorengehen, fuer die doch Christus gestorben ist. Die Erloesung, die fuer sie errungen worden ist, betrifft sie nicht wirklich oder wirksam. Welchen Nutzen koennten wir etwa im Leben der Heiden hervorheben, den sie von der Suehne haetten? Es saehe so aus, als wuerden Gottes Plaene durch seine Geschoepfe staendig vereitelt und zunichte gemacht und als koenne er zwar im Himmel seinen Willen erfuellen, nicht aber auf Erden. >>Adams Suende hat die Verdammnis aller Menschen nicht nur moeglich gemacht, sondern war der Grund fuer ihre tatsaechliche Verdammnis. Genauso hat Christus die Erloesung fuer die Menschen nicht einfach nur moeglich gemacht, sondern hat jene, fuer die er gekaempft hat, auch tatsaechlich errettet<< (Charles Hodge). Der grosse Baptistenprediger Charles H. Spurgeon hat einmal gesagt: >>Wenn Christus fuer dich gestorben ist, dann kannst du nicht mehr verlorengehen. Gott wird dich nicht fuer dieselbe Sache zweimal bestrafen. Wenn Gott Christus fuer deine Suenden bereits bestraft hat, wird er nicht dich auch noch dafuer bestrafen. >Gottes Gerechtigkeit verlangt nicht zweimal Genugtuung -- zuerst aus der Hand des blutenden Retters und dann nochmals von dir.< Wie koennte Gott gerecht sein, wenn er Christus bestraft hat, den Stellvertreter, und dann den Menschen hinterher auch noch bestrafte?<< __________________________________________________________________ 5) Erloesung Es heisst, Christus ist die Erloesung fuer sein Volk. >>Wie auch der Menschensohn nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Loesegeld fuer viele<< (Mt 20,28). Man beachte, dass dieser Vers nicht sagt: fuer alle, sondern fuer viele. Es liegt in der Natur der Erloesung, dass sie die Person, fuer die der Preis akzeptiert und bezahlt ist, automatisch befreit; sonst waere das keine wirkliche Erloesung. Die Gerechtigkeit verlangt, dass jene, fuer die dieser Preis bezahlt worden ist, von aller diesbezueglichen Verpflichtung freigesprochen sind. Waere Leiden und Sterben Christi dagegen eine Erloesung fuer alle Menschen und nicht nur fuer die Erwaehlten, dann muesste das Verdienst Christi allen Menschen gleich angerechnet werden und niemand muesste gerechterweise noch ewige Strafe erleiden. Gott waere ungerecht, wenn er diese extreme Strafe zweimal verlangte, zuerst vom Stellvertreter und dann noch von den Menschen selbst. Die Schlussfolgerung lautet daher: Die Suehne Christi erstreckt sich nicht auf alle Menschen, sondern ist auf jene begrenzt, fuer welche er gebuergt hat, fuer jene also, die seine wahre Gemeinde ausmachen. __________________________________________________________________ 6) Die Absicht Gottes mit dem Opfer Christi Haette Gott die Absicht gehabt, durch das Opfer Christi alle Menschen zu erloesen, dann muessten wir daraus folgern, dass Gott seinen Plan entweder nicht ausfuehren wollte oder nicht ausfuehren konnte. Da aber das Werk Gottes sein Ziel immer erreicht, sind diejenigen, fuer die die Suehne errungen worden ist, auch gerettet. Der Arminianismus nimmt an, dass die Absicht Gottes wandelbar sei und er seinen Zweck verfehlen koenne. Wenn er sagt, Gott habe zwar seinen Sohn gesandt, um alle Menschen zu erretten, habe aber vorausgesehen, dass er sein Ziel nicht werde erreichen koennen und habe somit jene >>auserwaehlt<<, von denen er vorausgesehen hat, dass sie glauben und umkehren werden, so sagt er damit, dass Gott etwas wolle, was niemals geschehen wird: sein Ziel, sein Plan muss am Willen und an den Handlungen von Geschoepfen, die voll und ganz von Ihm abhaengig sind, scheitern! Kein vernuenftiger Mensch, der ueber genuegend Klugheit und Macht verfuegt, ein gestecktes Ziel zu erreichen, beabsichtigt, ein Ziel zu erreichen, das von vorneherein nicht erreicht werden kann. Um wie viel weniger wird Gott das also tun, dessen Weisheit und Macht doch unendlich ist? Wir duerfen ruhig annehmen: Wenn Menschen verlorengegangen sind, hat Gott ihre Erloesung nie gewollt, hat auch niemals etwas unternommen, das sie haette erloesen koennen. Jesus selbst hat die Absicht seines Todes begrenzt, wenn er sagt: >>Ich gebe mein Leben fuer meine Schafe.<< Wenn er solchermassen sein Leben fuer seine Schafe gegeben hat, dann kann der erloesende Effekt nicht die ganze Menschheit betreffen. Zu einem anderen Anlass sagte er zu den Pharisaeern: >>Ihr zaehlt nicht zu meinen Schafen<< und anderswo: >>Ihr seid Kinder eures Vaters, des Teufels.<< Wird irgend jemand behaupten, Jesus habe sein Leben auch fuer sie hingegeben, wo er sie doch so deutlich vom Heil ausschliesst? Der Engel, der Joseph erschienen war, sagte ihm, dass der Name von Marias Sohn Jesus sein solle, weil sein Auftrag in der Welt sei, sein Volk von dessen Suenden zu erloesen. Er ist nicht gekommen, um die Erloesung nur moeglich zu machen, sondern um sein Volk wirklich zu erloesen, und wir koennen mit Sicherheit davon ausgehen, dass er auch erreicht hat, was er sich vorgenommen hat. Da das Werk Gottes niemals vergeblich ist, werden diejenigen, die vom Vater ausgewaehlt sind, die von seinem Sohn erloest worden sind und die durch den Heiligen Geist geheiligt werden (in anderen Worten: Erwaehlung, Erloesung und Heiligung), ein und dieselben Personen sein. Die arminianische Lehre der universellen Erloesung macht sie [die drei Personen der Gottheit; A. d. Ue.] ungleich und zerstoert damit die vollkommene Harmonie der Dreieinigkeit. Universelle Erloesung bedeutet in letzter Konsequenz nichts anderes als Allversoehnung! Christus selbst hat gesagt, dass die Erwaehlten mit den Erloesten identisch sind. In seinem hohenpriesterlichen Gebet sagte er: >>Sie waren dein. Du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt ... Fuer sie bitte ich. Nicht fuer die Welt bitte ich, sondern fuer sie, die du mir gegeben hast. Sie sind ja dein ... alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein, und ich bin in ihnen verherrlicht<< (Joh 17,6.9.10). An einer anderen Stelle sagt er: >>Ich bin der gute Hirte. Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne. Ich gebe mein Leben fuer die Schafe<< (Joh 10,14f.). Die gleiche Lehre findet man in den Worten: >>Habt acht auf euch und auf die ganze Herde, ueber die euch der Heilige Geist zu Bischoefen bestellt hat, die Kirche Gottes zu weiden, die er mit dem Blut des eigenen Sohnes erworben hat<< (Apg 20,28). Es wird gesagt: >>wie Christus die Gemeinde geliebt und sich fuer sie hingegeben hat<< (Eph 5,25); er hat sein Leben fuer seine Freunde gegeben (Joh 15,13). Christus ist fuer einen Paulus und einen Johannes, nicht aber fuer einen Pharao oder Judas gestorben, denn diese waren Boecke, keine Schafe. Wir koennen nicht sagen, Jesu Tod habe alle Menschen im Auge gehabt, sonst muessen wir auch Pharao, Judas etc. zu den Schafen, Freunden und zur Kirche Christi zaehlen. Wenn es heisst, Christus hat sein Leben fuer seine Kirche oder sein Volk gegeben, finden wir es unmoeglich zu glauben, dass er sein Leben fuer die Verworfenen genauso gegeben habe wie fuer jene, die er hat erretten wollen. Die Menschheit ist in zwei Gruppen geteilt, und was der einen mit aller Deutlichkeit gilt, bleibt der anderen versagt. In jedem Fall heisst das aber: Was der einen Gruppe gilt, gilt der anderen nicht. Wenn man sagt, ein Mann opfere Arbeit und Gesundheit fuer seine Kinder, dann bedeutet das nicht, dass er nur philantropisch motiviert sei oder dass er damit nur soziale Anliegen im Blick habe. Wenn es also heisst, dass Christus fuer sein Volk gestorben ist, dann ist er nicht fuer alle Menschen gestorben. __________________________________________________________________ 7) Der Ausschluss der Nichterwaehlten Keine generelle und unterschiedslose Liebe also, die alle Menschen gleich behandelte, sondern eine seltsame, geheimnisvolle und unendliche Liebe fuer seine Erwaehlten bewegte Gott, seinen Sohn in die Welt zu senden, um zu leiden und zu sterben. Jede Theorie, die diese grossartige und kostbare Wahrheit leugnet und diese Liebe zur generellen Philantropie oder zum allgemeinen Wohlwollen der gesamten Menschheit gegenueber erklaert, von der doch ein grosser Teil verlorengeht, muss unbiblisch sein. Christus starb nicht fuer eine ungeordnete Masse, sondern fuer sein Volk, fuer seine Braut, fuer seine Gemeinde. Ein Farmer schaetzt sein Feld. Aber niemand wird annehmen, er habe dabei jede einzelne Pflanze im Blick und sorge dafuer, dass auch das Unkraut schoen wachsen kann. Gottes Feld ist die Welt (Mt 13,38) und er liebt diese Welt mit dem Blick auf den >>guten Samen<<, die Kinder des Koenigreichs, nicht aber mit Blick auf die Kinder des Boesen. Nicht die ganze Menschheit also ist gleichermassen von Gott geliebt, und er hat nicht den ganzen Wirrwarr der Menschheit durch Christus erloest. Gottes Guete teilt sich nicht notwendig mit so wie die Sonne ihr Licht spendet oder wie ein Baum, der die Dinge nicht auswaehlt, die er beschattet, sondern seinen Schatten notwendig ueber alles erstreckt, was er beschattet. Gott wuerde zu einem Gott gemacht, der in dieser Hinsicht nicht mehr Verstand hat als die Sonne, die nicht scheint, wohin es ihr gefaellt, sondern wohin sie scheinen muss. Er ist eine Person hoechsten Verstandes und hat das souveraene Recht, auszuwaehlen, wen oder was er will. Im ersten Buch Mose lesen wir, dass Gott >>Feindschaft gesetzt<< hat zwischen dem Nachkommen der Frau und den Nachkommen der Schlange. Wer ist denn nun dieser >>Same<< der Frau und jener der Schlange? Man koennte auf den Gedanken kommen, der >>Same<< der Frau muesse ja die ganze Menschheit sein, da ja die ganze Menschheit von Eva stammt. Aber in Gal. 3,16 bezieht Paulus den Ausdruck >>Samen<< allein auf Christus! >>Es heisst nicht: >Den Nachkommen<, also Mehrzahl, sondern Einzahl: >Deinem Nachkommen<, das ist Christus.<< Bei genauerer Betrachtung sehen wir, dass der >>Same<< des Teufels nicht etwa eigene Nachkommen meint, sondern jene Menschen, die nicht erwaehlt sind und die an seiner suendigen Natur teilhaben. Jesus sagte von seinen Feinden: >>Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach den Begierden eures Vaters wollt ihr handeln<< (Joh 8,44). Paulus nannte Elymas, den Zauberer, einen Sohn des Teufels und Feind aller Gerechtigkeit. Judas wird sogar >>Teufel<< genannt (Joh 6,70). Beides also, sowohl der Same der Frau als auch der Same der Schlange sind jeweils Teile der Menschheit. Wir finden in der Heiligen Schrift, dass Jesus und sein Volk >>Eins<< genannt werden, dass er in ihnen wohnt und mit ihnen verbunden ist wie die Reben mit dem Weinstock. Da Gott diese Feindschaft zwischen den beiden Teilen der Menschheit schon von Beginn an verursacht hat, ist es klar, dass er niemals alle gleich geliebt hat oder vorhatte, alle gleichermassen zu erloesen. Eine Erloesung aller Menschen und Gottes Fluch ueber die Schlange gehen nicht zusammen. Man beachte auch die Parallele zwischen dem alttestamentlichen Hohenpriester Israels und unserem Hohenpriester Christus: Der alttestamentliche Hohepriester ist nur der Typus Christi, nur Abbild also. Am grossen Versoehnungstag opferte der Hohepriester fuer die Suenden der zwoelf Staemme Israels. Fuer sie allein trat er ein. Genauso bat Christi nicht fuer die Welt, sondern fuer sein Volk. Das Eintreten des Hohenpriesters erlangte Segnungen fuer Israel, von denen alle anderen Voelker ausgeschlossen blieben; das Eintreten Christi, das ebenso einer Einschraenkung unterliegt, ist, wenngleich ungleich hoeherer Natur, mit letzter Sicherheit vollwirksam, denn ihn erhoert der Vater immer. Man kann Gottes Gnade nicht nur dann unendlich nennen, wenn sie sich ueber alle Menschen unterschiedslos erstreckte, denn alle Menschen zusammengenommen stellen ja auch keine unendliche Schar dar. Die Schrift sagt ganz klar, dass der Teufel und die gefallenen Engel von den Segnungen ausgeschlossen bleiben. Aber Seine Gnade ist unendlich darin, dass er eine riesige Schar von Erwaehlten aus unbeschreiblicher Suende und ewigem Elend zu unbeschreiblichem und ewigem Segen erloest hat. Der Arminianismus ist der Ansicht, dass Christus fuer alle Menschen starb. Er hat auch genuegend Gnade erworben, um alle Menschen zur Umkehr, zum Glauben und zum Beharren zu bewegen, wenn sie nur dazu beitragen. Er ist weiter der Ansicht, dass jene, die das Angebot ablehnen, fuer diese Ablehnung wesentlich schwerer buessen muessen, als wenn Christus gar nicht fuer sie gestorben waere. Wie man aber weiss, wenn man die Geschichte der Menschheit betrachtet, so hat die grosse Mehrzahl der Erwachsenen das Gnadenangebot abgelehnt und hat durch diese Ablehnung noch groesseres Elend ueber sich gebracht, als wenn Christus nie erschienen waere. Eine Ansicht, die Gottes Werk in lauter Fehlversuche muenden laesst und der Suehne Christi einen dermassen geringen Wert beimisst, kann ganz sicher nicht der Wahrheit entsprechen. Gottes Liebe und Gnade haben im Calvinismus mit seiner Lehre von unbedingter Erwaehlung und begrenzter Suehne wesentlich groessere Bedeutung fuer Sein Volk als in der arminianischen Lehre der bedingten Erwaehlung und unbegrenzten Suehne. __________________________________________________________________ 8) Das Argument vom Vorherwissen Gottes Das Argument vom Vorherwissen Gottes ist selbst schon genug, um die Richtigkeit unserer Lehre zu beweisen. Ist Gottes Geist nicht unendlich? Ist seine Erkenntnis nicht vollkommen? Wer kann glauben, dass er wie ein schwacher Sterblicher auf >>einen Geleitzug schiessen koenne, ohne die einzelnen Voegel unterscheiden zu koennen<>evangelischeren<< Arminianer geben auch zu, dass Gott genaue Vorkenntnis aller Dinge hat -- haette er Christus nicht in die Welt gesandt, um die zu erretten, von denen er wusste, dass sie verlorengehen werden. Es ist, wie Calvin anmerkt: >>Wo bliebe denn die logische Konsistenz der Behauptung, Gott berufe solche, die niemals kommen werden?<< Wenn ein Mann weiss, dass sich im Nebenraum zehn Orangen befinden, und zwar sieben gute und drei verdorbene, dann geht er auch nicht nach nebenan und erwartet, dass es zehn gute sein werden. Oder wenn man im Voraus schon weiss, dass von den fuenfzig zur Hochzeit geladenen Gaeste zehn mit Sicherheit nicht erscheinen werden, dann sendet man auch keine Einladungskarten aus in der Erwartung, dass sie doch noch kommen werden. Diejenigen, die zwar Gottes Vorauswissen behaupten, aber trotzdem sagen, Christus sei fuer alle Menschen gestorben, begeht einen groben Denkfehler, denn was heisst das anderes als ihm, der vollkommen ist, Unverstand vorzuwerfen? __________________________________________________________________ 9) Bestimmte Vorteile, die dem Menschen im Allgemeinen zuerkannt werden Schlussfolgerung: Der Calvinismus leugnet nicht, dass der Mensch generell einige wichtige Segnungen durch Christi Suehne erlangt hat. Der Calvinismus gibt zu, dass die Strafe durch diese Segnung aufgeschoben oder unterdrueckt wird, deren die ganze Menschheit durch Adams Suende schuldig geworden ist. Hier haben wir die Basis, auf der das Evangelium gepredigt wird, welches der Welt grossen ethischen Aufschwung eingebracht hat und viele boese Einfluesse verhindert hat. Paulus konnte zu den heidnischen Voelkern in Lystra sagen: >>Und doch hat er sich nicht unbezeugt gelassen . Er spendete Wohltaten, gab euch vom Himmel her Regen und fruchtbare Zeiten, Nahrung und erquicken- den Trank euren Herzen.<< Gott laesst seine Sonne scheinen ueber die Boesen und die Guten; er sendet seinen Regen den Gerechten wie den Ungerechten. Viele zeitliche Segnungen sind so allen Menschen sichergestellt, obwohl sie nicht ausreichen, jedermann ewiges Heil zu vermitteln. Cunningham hat den Glauben des Calvinismus hier ganz klar zusammengefasst: >>Die Verfechter der Teilerloesung oder begrenzten Suehne leugnen nicht, dass die Menschheit im Allgemeinen, also auch jene Menschen, die verderben werden, viele Vorteile und Gaben durch Christi Tod erlangen; nicht eine einzige Position, die sie beziehen, verbietet es ihnen, dies zuzugeben. Sie glauben, dass es sehr wichtige Gaben sind, die der Tod Christi allen Menschen schenkt, und unter diese Segnungen sind auch jene einbegriffen, die letztlich unbussfertig und unglaeubig bleiben werden. Was sie aber sehr wohl leugnen, ist, dass Christus allen Menschen die Segnungen vermitteln wollte, die sein Tod eigentlich errungen hat, insofern dieser Tod Suehnecharakter hatte; dass er also keineswegs allen jene Erloesung angeboten oder vermittelt hat. Viele der Segnungen erstehen dem Menschen aus dem Tode Christi nebenher und begleitend und in Konsequenz der Beziehungen, in denen gesamt gesehen die Menschen untereinander stehen. Alle diese Gaben hat Gott selbstverstaendlich vorausgesehen, als er beschloss, seinen Sohn in die Welt zu senden; sie sind sein besonders Geschenk an die Menschheit. All diese Gaben sollen auf Ihn zurueckgefuehrt werden, wenn er so seine Herrlichkeit entfaltet und sein Wesen offenbart, ja, seinen tatsaechlichen Zweck erreicht. Der Mensch haette sehen und erkennen sollen, dass Christus der Mittler all dieser Gaben ist -- durch sein Leiden und durch seinen Tod.<< [138] So gesehen, koennte man sagen, Christus sei fuer alle Menschen gestorben; wir setzen dem arminianischen Dogma kein uneingeschraenktes >>Nein<< entgegen. Von der Wirksamkeit des Todes Christi nur fuer die Erwaehlten dagegen ruecken wir nicht ab; ihre Erloesung ist durch diesen Tod verursacht und bewirkt; alle anderen Auswirkungen des Evangeliums in anderen Menschen sind diesem grossen Ziel nur nebensaechlich. __________________________________________________________________ [138] Cunningham, Historical Theology, Bd. 2, S. 333. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XIII __________________________________________________________________ Wirksame Gnade __________________________________________________________________ 1) Die Lehre im Westminster-Bekenntnis Das Westminster-Bekenntnis formuliert die Lehre von der vollwirksamen Gnade so: >>Alle diejenigen, die Gott zum Leben vorherbestimmt hat, diese allein beruft er nach seinem Wohlgefallen zu seiner bestimmten und willkommenen Zeit wirksam durch sein Wort und seinen Geist aus dem Stand von Suende und Tod, worin sie von Natur sind, zur Gnade und Erloesung durch Jesus Christus, indem er ihren Verstand erleuchtet, die goettlichen Dinge geistlich und zum Heil zu verstehen, ihr steinernes Herz wegnimmt und ihnen ein fleischernes Herz gibt, ihre Willensregungen erneuert und sie durch seine allmaechtige Kraft zum Guten bestimmt und sie wirksam zu Jesus Christus zieht, doch so, dass sie ganz freiwillig kommen, im Willen geweckt durch seine Gnade. ... Diese wirksame Berufung stammt allein von Gottes freier und besonderer Gnade, ganz und gar nicht von irgend etwas, was im Menschen vorausgesehen war, der darin ganz passiv ist, bis er -- durch den Heiligen Geist belebt und erneuert -- dadurch befaehigt ist, seiner Berufung zu folgen und die darin angebotene und vermittelte Gnade zu empfangen.<< [139] Der kleine Kateschismus antwortet auf die Frage: >>Was bedeutet wirksame Berufung? -- Sie ist das Werk des Geistes Gottes, wodurch er uns von unseren Suenden und unserem Elend ueberfuehrt, wodurch er unsern Geist bezueglich Jesus Christus erleuchtet, unseren Willen erneuert und uns ueberzeugt und befaehigt, Jesus Christus anzunehmen, der uns im Evangelium frei angeboten wird.<< [140] __________________________________________________________________ [139] WB, Art. 10.1 u. 10.2. [140] Kleiner Westminster-Katechismus, Frage 31. __________________________________________________________________ 2) Die Notwendigkeit einer Neuschoepfung Das Verdienst des Gehorsams Christi und sein Leiden reichten fuer alle Menschen aus. Die Frage aber ist: Weshalb wird der eine gerettet und geht der andere verloren? Was bewegt manche Menschen, sich zu bekehren und zu glauben, waehrend andere, die das gleiche Evangelium erreicht, es ablehnen und unbussfertig im Unglauben beharren? Der Calvinismus sagt, es sei Gott, was diesen Unterschied bewirkt und den einen innerlich ueberzeugt, zu Ihm zu kommen; der Arminianismus schreibt diese Entscheidung dem Menschen selbst zu. Als Calvinisten sind wir davon ueberzeugt, dass der Mensch seit seinem Fall so sehr sich selbst ueberlassen ist, dass er von sich aus diesen Zustand der Rebellion beibehaelt und alle Angebote der Errettung ablehnt. Christus waere umsonst gestorben. Aber da er sich >>an der Arbeit seiner Seele sattsehen wird<< (Jes 53,11), wird diese wirksame Kraft nicht dem suendigen Willen des launischen [141] Menschen ueberlassen. Vielmehr erreicht der Heilige Geist mit diesem Werk der Erloesung in seinen Erwaehlten, dass sie bereuen und glauben und dadurch zu Erben des ewigen Lebens gemacht werden. Die Lehre der Schrift besagt, dass der Mensch ist in seinem natuerlichen Zustand vollkommen verdorben ist und niemals aus sich selbst heilig und glueckselig werden kann. Er ist -- geistlich gesehen -- tot und bedarf als Ganzer der Rettung Christi. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass der Mensch in seinem gefallenen Zustand als Feind Gottes dasteht und dass daher dieser Zustand der Feindschaft erst einmal beseitigt werden muss, ehe der Mensch ueberhaupt ein Verlangen nach Gottes Willen haben kann. Wenn sich ein Suender nach Vergebung und Erloesung durch Christus sehnen soll, so muss er erst eine neue Neigung bekommen. Er muss zuerst von neuem (oder: von oben) geboren werden (Joh 3,3). Leicht genug zu sehen: Der Teufel und die gefallenen Engel waeren selbst schon auf diese souveraene Art veraendert worden, wenn sie zum Heil vorherbestimmt waeren; das suendige Prinzip, das dem gefallenen Menschen innewohnt, ist das gleiche, das den gefallenen Engeln innewohnt, nur vielleicht nicht mit jener Intensitaet. Wenn der Mensch in Suenden tot ist, dann wird nichts weniger als die uebernatuerliche und lebenspendende Kraftwirkung des Heiligen Geistes selbst notwendig sein, um ihn aus diesem Tod zum Leben zu erwecken. Koennte der gefallene Mensch den Himmel mit seiner suendigen Natur erreichen, dann waere ihm der Himmel so schlecht wie die Hoelle, denn mit dieser Umgebung stuende er alles andere als in Harmonie. Er wuerde die himmlische Atmosphaere verabscheuen und sich in Gottes Gegenwart nichts als elend fuehlen. Daher ist es notwendig, dass der Heilige Geist ihn zunaechst veraendert. Es liegt in der Natur der Sache, dass genauso wenig, wie der Mensch selbst vom Tod auferstehen kann, er auch nicht den ersten Schritt zu seiner Erloesung tun kann. Die Erneuerung ist eine auf freier Entscheidung Gottes basierende Gabe, die gnadenvoll jenen zugewandt wird, die Er erwaehlt hat, und zu dieser Neuschoepfung ist allein Gott in der Lage. Diese Gnade kann nicht aufgrund eines vorhergesehenen guten Sachverhalts im Menschen selbst gewaehrt werden, denn die alte Natur des Menschen erlaubt ihm nicht, auch nur eine einzige Sache zu bewerkstelligen, die Gott genuegte, und daher kann eine solche Sache gar nicht vorhergesehen werden. Der Mensch in seinem natuerlichen Zustand ist gar nicht in der Lage, seine vollkommene Hilflosigkeit zu begreifen. Er bildet sich im Gegenteil ein, dass er sich selbst aendern koenne und sich gegebenenfalls auch fuer Gott entscheiden koenne, wenn er wolle. Er bildet sich sogar ein, dass er den Plaenen der unendlichen Weisheit widerstehen koenne und damit die Handlungen des Allmaechtigen selbst noch vereiteln koenne. Dr. Warfield sagt: >>Der suendige Mensch ist beduerftig, aber nicht eines Anreizes oder eines Beistandes, sich selbst zu retten, sondern er ist der ganzen Rettung beduerftig. Jesus ist nicht gekommen um guten Rat zu geben, zu draengen oder zu locken oder Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten, sondern um zu retten.<< [142] __________________________________________________________________ [141] Haette der Arminianismus recht, dann waere auch auschlaggebend, wann den Menschen das Evangelium erreicht, ob in seiner Jugend, im Alter, in Krankheit, Freude, Not -- es ist sicher, dass er sich nicht in allen Lebenslagen gleich entschiede. Schon allein darin, dass das Evangelium einen Menschen zu einer Zeit trifft, in der er -- arminianisch gesprochen -- geneigt ist, eine Ja-Entscheidung zu treffen, muss man Vorherbestimmung sehen, weil sonst tatsaechlich alles ein billiges und zufaelliges Angebot waere (billig nicht im Sinne des Inhaltes, sondern der zufaelligen Gelegenheit (A. d. Ue.). [142] Boettner gibt die Quelle nicht an. __________________________________________________________________ 3) Inwendige Veraenderung durch uebernatuerliche Kraft Diese Veraenderung nennt die Schrift Erneuerung (Tit. 3,5), eine geistliche Wiedergeburt, die mit der gleichen Kraft bewirkt wird, mit der Gott auch Christus von den Toten auferweckt hat (Eph 1,19f.), ein Ruf heraus aus der Finsternis in das wunderbare Licht Gottes (1 Petr 2,9), ein Durchdringen vom Tod ins Leben (Joh 5,24), eine Neugeburt (Joh 3,3), ein Erwecken zum Leben (Kol. 2,13), den Ersatz des steinernen Herzens durch ein Herz aus Fleisch (Ez 11,19) -- den Menschen, dem das geschieht, nennt die Bibel eine >>neue Kreatur<< (2 Kor 5,17). Solche Beschreibungen widerlegen die Ansicht des Arminianismus voellig, dass die Erneuerung in erster Linie ein Akt des Menschen sei, dass sie etwa der moralischen Ueberzeugung zuzurechnen sei oder einfach dem Einfluss der Wahrheit, wie sie generell vom Heiligen Geist ausgeht. Weil diese Veraenderung gerade mit goettlicher Macht geschieht, die die lebendige Quelle dieses neuen Lebens ist, so ist sie auch vollwirksam und bleibend. Die Erneuerung der Seele ist etwas, das in uns und mit uns gemacht wird und nicht etwas, das wir selbst bewerkstelligten. Es ist eine augenblickliche Veraenderung von geistlichem Tod zu geistlichem Leben. Wir werden dessen nicht einmal gewahr, weil diese Veraenderung tiefer liegt, als das Bewusstsein greifen kann. Zum Zeitpunkt der Veraenderung sind wir so passiv wie Lazarus, bevor er aus dem Grab gerufen wurde. Ueber diesen Prozess der Veraenderung sagt Charles Hodge: >>Wir sind die Behandelten, nicht die Behandelnden dieser Veraenderung. Die Seele kommt den Geschehnissen vor und nach dieser Veraenderung entgegen, doch zum Zeitpunkt der Veraenderung ist sie empfangend, nicht handelnd. Der Blinde und Lahme, die zu Christus kamen, koennen zwar viel unternommen haben, um in Christi Gegenwart zu kommen und koennen die ihnen geschenkte Heilung voller Freude geniessen -- aber sie haben diese Heilung zuerst einmal empfangen muessen, und dabei verhielten sie sich eben rein empfangend. Das gleiche geschieht bei der Wiedergeburt.<< [143] An einer anderen Stelle sagt er: >>Die gleiche Lehre zu diesem Thema wird in anderen Worten ausgedrueckt, wenn von der Erneuerung als einer Wiedergeburt gehandelt wird. Das Kind tritt bei seiner Geburt in einen neuen Zustand des Existierens ein. Die Geburt ist nicht sein eigenes Handeln, es wird geboren. Es kommt aus einem Zustand der Dunkelheit, in welchem all seine Natur noch nicht zur Geltung hat kommen koennen oder es noch handlungsunfaehig war. Doch sobald es zur Welt gekommen ist, werden all seine Faehigkeiten erwachen: es sieht, fuehlt und hoert, und nach und nach entwickelt es alle Faehigkeiten eines moralischen, verstandesbegabten und physischen Wesens. Die Schrift sagt, so ist es auch bei der Erneuerung. Die Seele geht in einen neuen Zustand ueber. Sie wird in eine neue Welt eingefuehrt. Kategorien werden ihr offenbart, zu denen sie vorher weder Zugang noch Interesse hatte. Diese Kategorien ueben jetzt ihren entsprechenden Einfluss auf sie aus.<< [144] Erneuerung bringt eine wesentliche Aenderung des Charakters mit sich. Sie veraendert den Baum in einen, der jetzt gute Fruechte bringen kann. Das Resultat dieser Aenderung ist, dass die Person vom Zustand des Unglaubens in den des rettenden Glaubens versetzt wird, nicht durch einen Prozess des Forschens oder durch logische Argumente, sondern aus innerer Erfahrung. Genauso wenig, wie wir aktiv zu unserer Geburt beigetragen haben, sondern diese Geburt als souveraene Handlung Gottes sehen, so haben wir auch nichts mit unserer geistlichen Geburt zu tun, sondern erhalten sie als ein Geschenk des souveraenen Gottes. Beide Geburten geschehen ohne Ausuebung unserer eigenen Kraft; wir wurden auch nicht danach gefragt, ob wir geboren werden wollten. Wir koennen der Neugeburt genauso wenig widerstehen, wie wir das gegenueber unserer natuerlichen Geburt konnten. Genauso, wie wir nach unserer Geburt unser Leben leben, so tun wir das auch nach unserer Wiedergeburt: wir leben unser neues Leben und arbeiten unser Errettetsein aus. Die Bibel lehrt demonstrativ, dass die Grundvoraussetzung, um in das Koenigreich Gottes kommen zu koennen, eine radikale Verwandlung ist, die vom Geist Gottes selbst bewirkt werden muss. Da diese Veraenderung der Seele souveraen und uebernatuerlich geschieht, wird sie ganz dem Wohlgefallen Gottes gemaess gewaehrt oder verweigert. Daher ist Erloesung, wem immer sie auch gewaehrt wird, einzig und allein Gnade. Der wiedergeborene Christ begreift, dass Gott tatsaechlich der >>Urheber und Vollender<< seines Glaubens ist (Heb. 12,2), und aus diesem Blickwinkel begreift er, dass Gott etwas in ihm und fuer ihn getan hat, das er seinem unglaeubigen Nachbar verweigert hat. Die Antwort auf die Frage: >>Denn wer gibt dir den Vorzug? Was hast du, das du nicht empfangen haettest?<< [145] (1 Kor 4,7) lautet demnach: Gott gibt den Vorzug, Gott macht diesen Unterschied zwischen Menschen, zwischen Erloesten und Verlorenen. Wenn da jemand glaubt, dann deshalb, weil Gott ihn erweckt hat, und wenn jemand nicht glaubt, dann deshalb, weil Gott ihm diese Gnade vorenthalten hat, die zu gewaehren er keinerlei Verpflichtung hat. Es gibt streng genommen keinen >>self-made-man<<; das Hoechste, das der Mensch erreichten kann, muss er mit Paulus so ausdruecken: >>Ich bin aus Gnaden, was ich bin.<< Als Jesus Lazarus aus dem Grab rief, wurde eine grosse Macht wirksam, die jenem Ruf die totenerweckende Kraft verlieh. Lazarus war sich keiner uebernatuerlichen Kraft bewusst, die da auf ihn einwirkte, aber als er die Situation begriff, wusste er: die goettliche Macht hatte ihn ins Leben zurueckgerufen. Zuerst wirkte die Macht Gottes, dann seine eigene Kraft, und diese eigene Kraft haette Lazarus niemals ausueben koennen, wenn nicht die Macht Gottes ihn zuerst dazu befaehigt haette. Auf diese Art wird jede erloeste Seele von geistlichem Tod zu geistlichem Leben gebracht. Genau wie der tote Lazarus zuerst ins Leben zurueckgerufen worden war, bevor er geatmet und gegessen hat, so muss auch der geistlich tote Mensch zuerst in einen Zustand geistlichen Lebens versetzt werden, bevor er irgend Glauben und Reue ausueben und gute Werke tun kann. Paulus betonte diesen Punkt besonders, als er sagte, er habe gepflanzt, Apollos habe begossen, doch es sei Gott gewesen, der das Wachstum geschenkt hat. Alle rein menschlichen Versuche erreichen nichts. Soll ein Weizenkorn wachsen, dann kann der Mensch nur aeussere Vorkehrungen treffen, quasi die Rahmenbedingungen schaffen. Erst Gott bewirkt das Wunder des Lebens, das aus einer Sphaere goettlicher Macht kommt, die dem menschlichen Einfluss nicht zugaenglich ist. Aehnlich haengt es auch nicht von der Eloquenz des Predigers ab, sondern davon, dass Gott die Herzen der Hoerer oeffnet. Ohne diese Einwirkung Gottes gibt es keine Bekehrung. Hier tut der Mensch nur die aeusserlichen Dinge, waehrend es der Heilige Geist ist, wer das Prinzip geistlichen Lebens vermittelt. Die biblische Lehre vom Suendenfall praesentiert uns einen moralisch voellig defekten Menschen, dem es nicht moeglich ist, aus seiner eigenen Natur auch nur eine einzige gute Handlung hervorzubringen. Der bekehrte Christ sieht seine menschliche Unfaehigkeit und weiss, dass er in Bezug auf das, was er selbst tut, nicht berechtigt ist, in den Himmel zu gehen; er verdient es einfach nicht. Er versteht und sieht, dass nicht er selbst sich geistlich bewegt, sondern dass er bewegt wird, dass er als Zweig an einem Baum nur Blaetter oder Fruechte hervorbringen kann, indem er den Saft vom Stamm bekommt, oder wie Calvin gesagt hat: >>Denn keiner macht sich selbst zu einem Schaf, sondern er wird durch die himmlische Gnade dazu gestaltet!<< [146] Die Auserwaehlten hoeren das Evangelium und glauben -- manchmal nicht beim ersten Hoeren schon, aber zu dem von Gott festgesetzten Zeitpunkt. Die Nichterwaehlten hoeren es auch, glauben aber nicht, nicht weil wie nicht genug zu hoeren bekaemen, sondern weil ihre innere Natur gegen alles spricht, was heilig ist. Der Grund fuer diese beiden unterschiedlichen Reaktionen liegt ausserhalb ihrer selbst. >>Ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen. Das Herz aus Stein will ich aus eurer Brust entfernen und euch ein Herz von Fleisch geben<< (Ez 36,26). Was die Bibel >>Herz<< nennt, meint den ganzen inneren Menschen. Unter den Bedingungen des ewigen Bundes, der zwischen dem Vater und dem Sohn existiert, ist Christus zum vermittelnden Herrscher ueber die ganze Welt erhoeht, damit er das sich entfaltende Koenigreich leitet. Das ist eine der Belohnungen fuer seinen Gehorsam und sein Leiden. Seine leitende Macht uebt er durch den Heiligen Geist aus, durch den er die Erloesung erkauft hat und durch den sie auf alle kommt, die zu dem dafuer bestimmten Ort, zu den bestimmten Bedingungen, zur bestimmten Zeit nach jenem Bund dafuer vorgesehen sind. Nicht durch die fuer Gott >>alltaegliche<< Vorhersicht Gottes kommt der Mensch zum Glauben, sondern durch die gleiche maechtige Kraft, die Gott anwendete, als er Jesus Christus von den Toten auferweckte (Eph 1,19f). So sicher diese Kraft Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, so sicher wirkt sie auch im Menschen, egal, ob es sich um eine physische oder eine geistliche Auferstehung handelt. Die physische und die geistliche Welt sind beides Schoepfungen Gottes. In der physischen Welt hat Jesus Wasser souveraen in Wein verwandelt und hat den Aussaetzigen geheilt. Der Arminianismus gibt die Wunder in der physischen Welt gerne zu; warum aber verleugnet er sie in der geistlichen Welt, als ob die Geister der Menschen ausserhalb Seiner Kontrolle stuenden? Wir glauben, dass Gott einen schlechten Menschen in einen guten verwandeln kann, wenn er das will. Dies ist ja nur eine einzige Art der Autoritaet, die der Schoepfer ueber seine Kreatur ausuebt. Diese Art Autoritaet ist es auch, mit der er die Welt regiert, und wenn Gott sieht, dass jene Kraft ausreicht, sein Reich zu regieren, wieso sollte er das dann nicht auch tun? Was Gott will, das geschieht auch, ganz wie damals, als er sagte: >>Es werde Licht<<. So sagt Mozley: >>Die goettliche Erloesungstat ist die Verleihung der unwiderstehlichen Gnade. Der aufgrund goettlicher Praedestination erwaehlte Mensch wird durch einen Akt absoluter Macht von der Herrschaft der Suende befreit, ihr entrissen, bekehrt, mit der Liebe Gottes erfuellt und unfehlbar fuer den Zustand letztgueltiger Belohnung qualifiziert.<< [147] So wie das einmal erblindete Auge durch keine noch so hohe Intensitaet des Lichtes wieder geheilt werden kann, so kann auch die (in Suenden) tote Seele nicht mit noch soviel Licht der Wahrheit des Evangeliums zum Leben erweckt werden, wenn sie damit in Beruehrung kommt. Das Augenlicht wieder herzustellen bedarf entweder eines operativen Eingriffs oder eines Wunders; ohne den Eingriff oder das Wunder der Erneuerung kann der geistlich Tote kein Evangelium aufnehmen oder verstehen. In der Erneuerung schenkt Gott dem Suender das Leben, das geistliche Leben. Lydia, die Purpurverkaeuferin aus Thyatira schenkte der Botschaft des Paulus Aufmerksamkeit, nachdem Gott ihr zuerst das Herz aufgeschlossen hatte (Apg 16,14). Christus lehrte genau dasselbe in seinem hohepriesterlichem Gebet, als er von sich sagte, Gott habe >>ihm Macht gegeben ueber alle Menschen, damit er allen Menschen das Leben gebe, die Gott ihm gegeben hat<< (Joh 17,2). Und wiederum: >>Denn wie der Vater die Toten auferweckt und wieder lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will<< (Joh 5,21). Unter dem Bund, den Gott mit Adam gemacht hatte, beruhte das Schicksal des Menschen auf seinen Werken. Wir wissen, wie diese Pruefung ausgegangen ist. Wenn der Mensch schon damals in unschuldigem Zustand sein Heil nicht erringen konnte, um wie viel weniger dann der gefallene Mensch? Aber welch Glueck fuer uns! Gott hat die Sache selbst in die Hand genommen. Gaebe Gott dem Menschen nochmals jenen freien Willen, was taete er anderes, als die ganze fehlgeschlagene Pruefung zu wiederholen? Da Gott eine >>Heilszeit<< nicht wiederholt, ist klar, dass er die Erlangung des Heils von anderen Dingen abhaengig macht. Wenn wieder etwas geschehen muss, den Menschen zu erretten, dann diesmal von Gott aus, nicht vom Menschen aus. Die neue >>Heilszeit<< ist wie die alte an den Zustand angepasst, in dem sie den Menschen vorfindet. Wir sind absolut sicher, dass der Mensch nichts tun kann, was ihn der absoluten Kontrolle Gottes entziehen koennte, und zwar egal, ob er sich nun in seinem gefallenen Zustand befindet oder nicht. Saulus wurde am Gipfel eifrigster Verfolgungswut berufen und in den heiligen Paulus umgewandelt. Der arme Dieb am Kreuz wurde in der letzten Lebensstunde zu ewigem Leben berufen. Paulus predigte in Antiochia, und >>alle, die zum ewigen Leben bestimmt waren, nahmen den Glauben an<< (Apg 13,48). Haette Gott vor, alle Menschen zu erretten, dann koennte er das ohne Zweifel tun. Aber aus Gruenden, die uns nur teilweise genannt werden, belaesst er viele in ihrer Unbussfertigkeit. Nichts jedoch, was Gott am Menschen vollbringt, widerstreitet dem natuerlichen Menschen als vernuenftigem und verantwortlichem Geschoepf. Einer der groessten Maengel des Arminianismus ist die fehlende Einsicht bezueglich der notwendigen und uebernatuerlichen Einwirkung des Heiligen Geistes auf das Herz des Menschen. Die Wiedergeburt wird im Arminianismus zu einem graduellen Wachstum des geistlichen Menschen, der sich je laenger, desto mehr nach dem richtigen Ziel ausstreckt -- ein Ergebnis moralischer Ueberzeugung und der allgemeinen Kraft der Wahrheit. Er besteht auf seinem >>freien Willen<< [148] , der >>Kraft des Widerstandes (gegen das Evangelium)<< etc. und lehrt, dass es letztlich der Mensch ist, der sein Schicksal bestimmt. In seiner gemaessigteren und stimmigeren Version macht er den Menschen noch zum Co-Autor Christi, doch damit teilt er de facto die Ehre der Errettung zwischen Christus und dem Menschen auf. Wenn der Arminianismus recht haette, dann versucht Gott ernsthaft, jeden Menschen zu bekehren, muss aber letztlich an dieser grossen Aufgabe scheitern, denn unter den Erwachsenen gehen -- jedenfalls bis jetzt gesehen -- doch etwa 24 von 25 verloren -- eine wahrlich fragwuerdige Ehrenbezeugung gegenueber Gott. Ueber die arminianische Lehre, dass naemlich der Mensch Gottes Gnade ablehnen koenne, sagt Toplady, dies sei >>eine Lehre, die Gottes Allmacht zu einem blossen Wuenschen und Probieren reduziert, das sein Ziel nicht erreichen kann. Nach dieser Lehre ist Gottes Bestreben (denn mehr als ein Bestreben kann es ja nicht sein), Suender zu bekehren, oft zum Scheitern verurteilt; er muss den Menschen belagern und sich auf die Lauer legen, sieht sich aber eindeutig in der Position des Verlierers angesichts des >freien Willens<, der hoch oben in der Zitadelle menschlichen Ermessens steht. Der Mensch kann (!) Gott die Flagge des Trotzes entgegenstrecken und seine Hartnaeckigkeit und seinen Starrsinn beibehalten; mit ein paar energischen Ausfaellen aus der Burg seines >freien Willens< zwingt er Gott hoechstens, seine Anstrengungen zu erhoehen. Mit einem Wort: Nachdem der Heilige Geist nach Jahren wiederholter Versuche, den freien Willen des Menschen zu ueberzeugen, unverrichteter Dinge unehrenvoll abziehen muss wie ein besiegter General; er aehnelt damit einem erfolglosen Politiker, der unehrenvoll entlassen wird, wenn er das Ziel nicht erreicht hat, zu dem er ernannt worden war.<< [149] Es ist unvernuenftig, anzunehmen, dass der Suender der schoepferischen Kraft des allmaechtigen Gottes widerstehen koenne. >>Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden<<, sagt der auferstandene Herr. Diese Macht ist absolut. >>Sollte dem Herrn etwas unmoeglich sein?<< >>Nach seinem Wohlgefallen verfaehrt er mit dem Heer des Himmels und mit den Bewohnern der Erde. Niemand gibt es, der seiner Hand wehren und ihn fragen duerfte: Was machst du da?<< (Dan 4,32). Angesichts solcher und aehnlicher Passagen erscheint es uns mehr als fragwuerdig, sich Gott als jemanden vorzustellen, der mit dem Menschen nach besten Kraeften kaempft: [150] Er versucht zu ueberreden, zu ueberzeugen, zu ermahnen, zu bitten, aber er erreicht sein Ziel nicht, wenn sein Geschoepf nicht will. Wenn Gott nicht wirksam beruft, dann muessen wir uns ihn als jemanden vorstellen, der sagt: >>Ich will, dass alle Menschen gerettet werden, aber leider muss ich letztlich sagen: nicht wie ich will, sondern wie sie wollen.<< Damit rueckt er in die gleiche Extremposition wie Darius, der Daniel gerne erretten wollte, aber nicht konnte (Dan 6,15). Kein Christ, der mit den biblischen Aussagen ueber die Souveraenitaet Gottes vertraut ist, kann glauben, dass Gott von seinen Geschoepfen dermassen in die Schranken verwiesen werden koennte. Es ist gar nicht notwendig, dass der Mensch solche Macht besitzen muss, dem Plan Gottes trotzen oder entgegenwirken zu koennen, um dafuer belohnt oder bestraft werden zu koennen. Wenn Gott der Majestaet des menschlichen Willens wirklich derart unbeholfen gegenueberstuende, dann haette es wohl wenig Sinn, fuer jemanden zu bitten, dass Gott ihn bekehren soll! Es waere uns in jenem Fall besser, unsere Bemuehungen auf den Menschen selber zu richten. __________________________________________________________________ [143] Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 2, S. 688. [144] Ebd., S. 35. [145] Sinngetreu formuliert: >>Was ruehmst du dich, als sei es kein Geschenk, sondern etwas, was du dir selbst erarbeitet hast?<< (A. d. Ue.). [146] Johannes Calvin, Unterricht in der christlichen Religion, Uebersetzung: Otto Weber (nach der letzten Ausgabe von 1559); Neukirchen-Vluyn: foedus-verlag, 2008, 3.22.10. [147] Mozley, The Augustinian Doctrine of Predestination, S. 8. [148] Dass der Wille "frei" ist, bestreitet auch der Calvinismus nicht; es waere aber fuer die ganze Diskussion besser gewesen, haette man nicht vom "freien Willen", sondern vom "neutralen Willen" gesprochen, und dass der menschliche Wille alles andere als neutral ist, geht nicht nur klipp und klar aus der Schrift hervor, sondern das ist taegliche Erfahrung fuer jedermann, der auch nur ein wenig Selbstschau hat (A. d. Ue.). [149] Boettner gibt die Quelle des Zitats nicht an (A. d. Ue.). [150] Die heutige Evangeliumsverkuendigung (freilich mit Ausnahmen) tut so, als unternaehme Gott mit der Verbreitung des Evangeliums eine Art Wahlkampf oder einen Werbefeldzug. Wer immer moechte, kann ihn waehlen, doch das ist kein Muss, denn >>wer da will, der komme<< (Offb. 22,17). Jesus wird zum blossen Angebot, das man nach Belieben waehlen oder ablehnen kann. Diese Art der Verkuendigung uebersieht aber, dass erst kommt, wen Gott durstig gemacht hat und dass erst will, wen Gott dazu bereitet und dass der Aufruf zum Glauben kein Angebot, sondern eine Aufforderung ist (Apg 17,30!; A. d. Ue.). __________________________________________________________________ 4) Die Veraenderung der Seele Die sofortige und ueberaus wichtige Auswirkung auf das Innere des Menschen veraendert seine Natur: Nun liebt er die Gerechtigkeit und weiss seine Errettung in den sicheren Haenden Jesu Christi. Sein Element war bis jetzt die Suende; nun ist es Heiligkeit; die Suende erscheint ihm nun abstossend, dagegen liebt er das Gute. Diese vollwirksame und unwiderstehbare Gnade veraendert den Willen selbst und stiftet der Person einen neuen Charakter ein. Sie beseitigt des Menschen Wunsch nach der Suende, so dass er sie nun lassen kann; nicht wie der Magenkranke die Leckerbissen verweigert, nach denen ihn sonst geluestet, damit sein Verlangen nicht mit Schmerzen bestraft wird, sondern weil er die Suende um ihrer selbst willen hasst. Der Bekehrte liebt nun die vollstaendige Unterwerfung unter den Willen Gottes und nimmt sie bereitwillig an, sie, die er vorher gehasst und vermieden hat. Gehorsam ist nicht laenger Pflicht, sondern ein vorzuegliches Gut. So lange der Mensch jedoch auf Erden lebt, bleibt er Opfer der Versuchung, die sich immer wieder auf die Reste der alten Natur stuerzt. Oft verfaellt er ihr und suendigt, aber diese Suenden sind nur mehr der Todeskampf und die letzten Zuckungen der alten Natur, die sich kruemmt und windet, bevor sie ihren letzten Atemzug tut. Der Wiedergeborene erleidet noch Schmerz, Krankheit, Entmutigung und auch den Tod, obgleich er staendig auf seine Vollendung zugeht. An diesem Punkt bringen viele Christen die Wiedergeburt mit der Heiligung durcheinander. Die Wiedergeburt ist einzig Gottes Werk, und es ist ein Werk seiner freien Gnade, die er als neues Prinzip geistlichen Lebens der Seele einpflanzt. Sie wird durch uebernatuerliche Kraft erwirkt und geschieht in einem Augenblick. Auf der anderen Seite ist da die Heiligung -- ein Prozess, in dem die Reste der Suende nach und nach beseitigt werden, so dass wir, wie der kleinere Katechismus lehrt, mehr und mehr dieser Suende sterben und der Gerechtigkeit entgegenleben. Hier wirkt der Mensch mit Gott zusammen. Es besteht im graduellen Triumph der neu eingepflanzten Natur durch Wiedergeburt ueber das Boese, das immer noch bleibt, auch nachdem das Herz erneuert worden ist. Mit anderen Worten: Die vollkommene Heiligung bleibt noch dem Zeitpunkt vorbehalten, an dem wir Gottes sehen werden. Es ist nichts weniger als die vollendete Gerechtigkeit, die das Ziel ist, das vor uns liegt -- und jeder Christ sollte sich sein ganzes Leben lang nach diesem Ziel ausstrecken. Die Heiligung ist bis zum Tod noch nicht vollendet; erst am Ende reinigt der Heilige Geist die Seele von jeder Spur der Suende so, dass er sie an sich heilig macht und sie jeder Moeglichkeit des Suendigens ueberhaupt beraubt. Streng genommen koennen wir sagen: Die Erloesung ist erst dann abgeschlossen, wenn der Gerettete seinen Auferstehungsleib erhalten hat. In gewissem Sinn ist ist sie freilich vollkommen errungen: am Kreuz von Golgatha. Bislang ist sie dem Wiedergeborenen erst einmal nur graduell eingepflanzt. Da der Heilige Geist den Erwaehlten das Verdienst Christi wirksam einpflanzt, ist ihre Erloesung vollkommen sicher und kann durch nichts verhindert werden. Daraus resultiert auch jene Sicherheit, dass der Wille Gottes in Bezug auf die Erloesung seines Volkes in keiner Weise enttaeuscht werden kann oder gar durch seine Geschoepfe vereitelt werden kann. __________________________________________________________________ 5) Christi Werk ist voellig ausreichend -- die evangelische Botschaft Ich will nun zeigen, dass das Werk Christi zur Erlangung der Erloesung voellig ausreichend ist. Ich glaube, dass sein stellvertretendes Leiden und sein Tod die Schuld seines Volkes vollkommen bezahlt hat, die es der goettlichen Gerechtigkeit geschuldet hat. Damit erloest er sein Volk davon, die Konsequenzen ihrer Suenden zu tragen. Dadurch, dass er das Gesetz vollkommen eingehalten hat und ein Leben voelliger Suendlosigkeit gelebt hat, hat er stellvertretend ewiges Leben fuer sein Volk erkaempft. Sein Werk reicht voellig aus, die Errettung von den Suenden und das ewige Leben sicherzustellen. Diese zwei Phasen seines Werks werden manchmal sein aktiver und sein passiver Gehorsam genannt. Die Lehre von der Zulaenglichkeit seines Heilshandelns formuliert das Westminster-Bekenntnis an der Stelle, wo sie ueber seinen vollkommenen Gehorsam und sein Opfer sagt: >>Der Herr Jesus hat der Gerechtigkeit seines Vaters vollstaendig entsprochen, indem er sich selbst in voelligem Gehorsam durch den ewigen Geist ein fuer allemal Gott geopfert hat. Damit hat er nicht nur die Versoehnung erworben, sondern auch ein ewiges Erbe im Himmelreich fuer alle diejenigen, welche ihm der Vater gegeben hat.<< [151] Wenn er nur die Schuld bezahlt haette, ohne damit auch ewiges Leben fuer sein Volk zu erhalten, dann waere sein Volk >>nur<< von Minus auf Null gebracht. Es waere dort, wo Adam vor dem Fall war und haette immer noch darum kaempfen muessen, ewiges Leben zu erhalten. Zu Paulus' Bemerkung in Kol. 3,11, dass Christus alles und in allen sei, koennen wir hinzufuegen, dass der Mensch zu diesem Werk nicht nur nichts hinzufuegt, sondern auch sonst keinerlei Verdienst daran hat. An dieser Stelle kann ich nichts besseres tun, als Dr. Warfield zu Wort kommen zu lassen, der 1 Tim 1,15 folgendermassen kommentiert: >>Jesus hat alles getan, was zur Errettung dazugehoert. Er ist nicht gekommen, um uns zu veranlassen, uns selbst zu retten oder um Hilfe zur Selbsthilfe zu geben oder um uns faehig zu machen, uns selbst zu retten. Er ist gekommen, um uns tatsaechlich zu retten. Genau deshalb heisst Er ja auch JESUS -- denn Er wird Sein Volk retten von ihren Suenden. ... Nichts, was wir tun koennten oder sind, ist der Rede auch nur wert angesichts unseres Grundes, der uns vor Gott akzeptabel macht. Jesus hat alles getan. Durch dieses Werk ist Er im vollsten, weitesten und tiefsten Sinn des Wortes unser Retter. Es war Sein Ziel; deshalb ist Er in die Welt gekommen: um Suender zu retten! Nichts weniger als die vollkommene Errettung von Suendern wird Ihn zufrieden stellen ueber das Werk, ueber das er selbst geredet hat und das seine Apostel in die Welt hinaus getragen haben. Dies ist das Evangelium, das ganze Evangelium! Wir duerfen niemals vergessen, dass das Evangelium kein ,Rat ist, sondern eine gute Nachricht. Das Evangelium sagt uns nicht, was wir tun muessen, um errettet zu werden, sondern es erklaert, was Jesus getan hat, um uns zu retten. Da wird uns die Errettung, und zwar die vollkommene Errettung mitgeteilt; der Schwerpunkt der Nachricht ist nichts anderes als das, was wir sagen -- dass Jesus Christus in die Welt gekommen ist, um Suender zu retten.<< [152] Daran zu zweifeln, dass irgend jemand verlorengeht, fuer den Christus gestorben ist oder dass die Gerechtigkeit endlich siegen wird, heisst, an der Zulaenglichkeit des Opfers Christi zu zweifeln, das er unsertwegen gebracht hat. Am Kreuz erklaerte Jesus die Vollendung des Erloesungsopfers, das der Vater ihm aufgetragen hatte. Aber wie Toplady gesagt hat: >>Derjenige, der die Macht hat, anzunehmen oder abzulehnen, wie es ihm gefaellt, sollte der sagen muessen: Nein, du hast das Werk der Erloesung nicht vollendet, das dir aufgetragen worden ist; du hast tatsaechlich einen Teil davon vollbracht, aber ich selbst muss immer noch etwas dazu tun, denn sonst war alles, was du getan hast, voellig umsonst?<< [153] Nur die, die der Ansicht sind, dass man alle Macht der Suendenerloesung Gott zuschreiben muss, sind konsequente, unwiderspruechliche Evangelische, denn das Wort >>evangelisch<< bedeutet, dass Gott allein es ist, wer rettet. Wenn erst noch Glaube und Gehorsam zu dieser Errettung notwendig sind, die noch dazu auf der unabhaengigen Entscheidung des Menschen beruhen, dann sind wir nicht mehr evangelisch. Der Evangelikalismus, der die Erloesung aller Menschen predigt, fuehrt in die Allversoehnung; und insofern der Arminianismus behauptet, dass Christus fuer alle Menschen gestorben sei und dass der Geist Gottes darum kaempft, allen Menschen diese Erloesung zuteil werden zu lassen, allerdings oft genug scheitert, ist er nicht mehr evangelisch. Wir koennen das Prinzip des Evangelikalismus noch anders illustrieren. Stellen wir uns eine Anzahl von Menschen vor, die von einer unheilbaren Krankheit heimgesucht werden. Bekommen sie nun die rettende Medizin, werden sie geheilt. Genauso mit dem Werk Christi: ist es vollwirksam und wird es jedem Menschen gegeben, so werden auch alle errettet werden. Wenn der Arminianismus evangelisch sein will, muss er letztlich an die Allversoehnung glauben. Nur der Calvinismus, der echt evangelisch an eine begrenzte Suehne glaubt und versichert, dass das Werk Christi auch erreicht, was es sich vorgenommen hat, darf auf innerem logischen Zusammenhang in Uebereinstimmung mit der Schrift und mit der Erfahrung pochen. __________________________________________________________________ [151] WB, Art. 8.5. [152] B. B. Warfield, The Power of God Unto Salvation, S. 48-50. [153] Boettner gibt die Quelle nicht an. __________________________________________________________________ 6) Das arminianische Gnadenverstaendnis Allgemeinheit -- dieses Wort wird im Arminianismus gross geschrieben. Ein typisches Beispiel dafuer findet man in der Behauptung Prof. Henry C. Sheldons, der einige Jahre an der Universitaet in Boston gelehrt hat. Er sagt: >>Wir kaempfen fuer die Allgemeinheit des Erloesungsangebotes und gegen irgend eine exklusive und unbedingte Wahl einiger Menschen zum ewigen Leben.<< [154] Hieran erkennen wir nicht nur erstens die charakteristische, arminianische Betonung des allgemeinen Angebotes, sondern zweitens auch die Bestaetigung, dass letztlich gesehen alles, was Gott tut, keinen einzigen Menschen wirklich rettet, sondern nur einen Weg eroeffnet, den der Mensch zu seiner Errettung gehen kann -- damit befinden wir uns praktisch gesehen auf der gleichen Ebene wie der Naturalismus! Das vielleicht staerkste Argument der arminianischen Konstruktion kann man im Glaubensbekenntnis der Evangelischen Union finden, den so genannten Morisonianismus, dessen Hauptzweck es war, gegen die unbedingte Erwaehlung zu streiten. Eine Zusammenfassung seiner >>Drei Allgemeinheiten<< lautet etwa so: >>Die Liebe Gottes, des Vaters, die sich in dem Geschenk und Opfer Jesus Christi zeigt, die allen Menschen ohne Ansehen der Person und ohne Ausnahme zuteil wird; die Liebe des Gott-Sohnes im Opfer seiner selbst durch die Versoehnung der ganzen Welt; die Liebe des Gott-Geistes in seinem persoenlichen und stetigen Wirken sucht die Vorsehung der goettlichen Gnade auf alle Menschen anzuwenden.<< [155] Wenn Gott alle Menschen gleich liebte und Christus fuer alle Menschen gestorben waere, wenn der Heilige Geist die Nutzanwendung dieser Erloesung allen Menschen schenken wollte, dann gaebe es nur zwei Auswege: Erstens: alle Menschen werden gerettet (doch dies steht im Widerspruch zur Heiligen Schrift), oder zweitens: Alles, was Gott fuer den Menschen tut, errettet ihn nicht, sondern ueberlaesst es ihm selbst! Was aber macht das aus unserem Evangelium, das doch im Grunde sagt, Gott alleine rettet Suender? Wenn wir behaupten, dass Gott dieses Werk von der >>Akzeptanz<< oder der Ablehnung des Menschen abhaengen laesst, so hat der Mensch ein Vetorecht gegen das Werk des allmaechtigen Gottes, und die Errettung liegt letztlich in der Hand des Menschen. In diesem System ist es dann egal, wie gross der Anteil Gottes am Erloesungswerk ist, da der Mensch die Entscheidung trifft! Der Mensch, der die Errettung auf diese Weise erlangte, haette auch ein gewisses Verdienst, ein gewisses Recht, sich gegenueber denen zu ruehmen, die verlorengehen. Er duerfte veraechtlich seinen Finger heben und sagen: >>Du hast die gleiche Chance gehabt wie ich. Ich habe angenommen, du hast abgelehnt, und darum verdienst du deine Strafe.<< Wie anders klingen da aber die Worte des Paulus in Eph 2,9 und 1 Kor 1,31: >> ... nicht aus Werken, damit sich kein Mensch ruehme<< und >>wer sich ruehmen will, der ruehme sich des Herrn!<< Die Tendenz aller Systeme, die auf Allgemeinheit draengen und in denen der Mensch es ist, wer das Ruder ergreift und sich selbst zum Meister seines Schicksals aufschwingt, erniedrigt das Christentum zu einer Werkreligion. Genau dies hatte Luther im Blick, als er den Moralisten seiner Zeit satirisch vorwarf: >>An dieser Stelle moechten wir den Spiess umdrehen und dem armen Mann, unseren Herrn Gott, Gutes tun wollen, gerade Ihm, von dem wir es vielmehr bekommen.<< [156] Zanchius hat gesagt, der Arminianismus fluestere dem Menschen sanft ins Ohr, dass er auch in seinem gefallenen Zustand noch beides besitze: den Willen und die Kraft, zu tun, was vor Gott gut und annehmbar ist. Gott habe Christi Tod als Suehne fuer alle Menschen angenommen, damit jeder, wenn er will, sich selbst durch seinen eigenen freien Willen und durch gute Werke erloesen koenne; mit der natuerlichen Kraft koennten wir dann sogar bis hin zur Suendlosigkeit schon hier auf Erden gelangen. Dr. Warfield sagt dazu: >>Das ist in der Tat ein fundamentales Thema, und es steht uns klar vor Augen. Ist Gott der Herr, der uns errettet, oder tun wir das selbst? Rettet uns Gott, der Herr, oder eroeffnet er uns nur einen Weg dahin und ueberlaesst den Rest unserer Wahl? Die Trennung dieser beiden Wege ist die alte Wegscheide zwischen Christentum und Selbsterloesung. Es kann sich nur derjenige >evangelisch< nenne, der sich in dieser Sache mit vollem Bewusstsein einzig und allein und voellig auf Gott als seinen Retter verlaesst.<< [157] >>Not the labors of my hands Can fulfill Thy law's commands; Could my zeal no respite know, Could my tears forever flow, All for sin could not atone -- Thou must save, and Thou alone. Nothing in my hands I bring -- Simply to Thy cross I cling; Naked come to Thee for dress-- Foul, I to thy fountain fly-- Wash me, Saviour, or I die!<< [158] __________________________________________________________________ [154] Henry Clay Sheldon, System of Christian Doctrine, S. 417. [155] Henry F. Henderson, The Religious Controversies of Scotland, S. 187. [156] Quelle nicht angegeben. [157] B. B. Warfield, The Plan of Salvation, S. 108. [158] Augustus Toplady, "Rock of Ages". __________________________________________________________________ 7) Die Freiheit des Menschen wird nicht verletzt Gwoehnlich argumentieren Gegner dieser Lehre mit dem Einwand, sie ueberrumple den Menschen in seiner Freiheit: der Mensch werde gegen seinen Willen zum Glauben an Gott gebracht oder bezueglich seiner Errettung auf die Ebene von Maschinen reduziert. Doch das ist ein Missverstaendnis. Der Calvinismus selbst haelt eine solche Ansicht fuer falsch; die ganze Lehraussage schliesst sie aus, ja, sie widerspricht ihr sogar. Das Westminster-Bekenntnis hat im Anschluss an die Lehraussage, dass die wirksame Gnade, die in jedem Fall zu Bekehrung fuehrt, als Werk des Allmaechtigen unhintergehbar ist, den Zusatz stehen: >>Alle diejenigen, die Gott zum Leben vorherbestimmt hat, diese allein beruft er nach seinem Wohlgefallen zu seiner bestimmten und willkommenen Zeit wirksam durch sein Wort und seinen Geist aus dem Stand von Suende und Tod, worin sie von Natur sind, zur Gnade und Erloesung durch Jesus Christus, indem er ihren Verstand erleuchtet, die goettlichen Dinge geistlich und zum Heil zu verstehen, ihr steinernes Herz wegnimmt und ihnen ein fleischernes Herz gibt, ihre Willensregungen erneuert und sie durch seine allmaechtige Kraft zum Guten bestimmt und sie wirksam zu Jesus Christus zieht, doch so, dass sie ganz freiwillig kommen, im Willen geweckt durch seine Gnade.<< [159] Die Kraft der Erneuerung ist nicht aeusserlich zwingend. Wiedergeburt tut der Seele nicht mehr Zwang an als etwa die Demonstration einer Idee oder die Ueberredung dem Intellekt antut. Der Mensch wird nicht behandelt, als waere er ein Stein oder ein Holzklotz. Genauso wenig wird er als Sklave behandelt, der gegen seinen Willen dazu gebracht wird, nach Erloesung zu suchen. Vielmehr wird sein Verstand erleuchtet, werden alle Gedanken ueber Gott, Selbst und Suende angepasst. Gott sendet seinen Geist -- diese Tatsache bleibt fuer ewig der Grund zum Preise seiner Barmherzigkeit und Gnade -- der den Menschen sanft dazu bringt, sich ihm auszuliefern. Der Wiedergeborene spuert, dass er von anderen Motiven und Wuenschen geleitet wird, dass er Dinge, die er einmal gehasst hat, jetzt liebt und sucht. Diese Veraenderung wird durch keinerlei aeusserlichen Zwang herbeigefuehrt, sondern durch ein neues Lebensprinzip, das seiner Seele eingestiftet wird und das nach einer neuen Art von Nahrung sucht, die dieses Prinzip befriedigt. Das geistliche Gesetz ist ganz wie das Zivilgesetz >>nicht ein Schrecken fuer gute, sondern fuer schlimme Taten<< (Roem 13,3); wir finden sogar ein gutes Beispiel in menschlichen Angelegenheiten. Man vergleiche einmal die Haltung eines unstraeflichen Buergers und die eines Kriminellen zum Gesetz: Der Unbescholtene geht einfach seinem Tagesgeschaeft nach, ohne dass er sich der meisten der Gesetze seines Landes ueberhaupt bewusst ist oder sie auch nur kennt. Er betrachtet weder Regierung noch Polizei als Feind. Fuer ihn repraesentieren diese Institutionen Autoritaet, die er respektiert und akzeptiert. Er ist ein freier Mensch. Das Gesetz schuetzt sein und seiner Lieben Leben und auch sein Eigentum. Im Fall des Kriminellen aendern sich die Dinge: er kennt das Gesetz vielleicht schon etwas besser als der Unbescholtene. Er studiert es, um es umgehen zu koennen oder fuer sich unwirksam machen zu koennen. Er lebt ein Leben in Furcht. Er stattet seine >>Residenz<< vielleicht mit kugelsicheren Tueren aus und traegt womoeglich eine Waffe bei sich, um Polizei oder Gegner ausschalten zu koennen. Er befindet sich staendig unter einem gewissen Zwang. Seine Idee der Freiheit heisst, die Polizei ausschalten zu koennen, den Richter zu bestechen und die Gesetze in Misskredit zu bringen. Die Gebraeuche der Gesellschaft zieht er in den Schmutz, denn er will die Gesellschaft berauben. Alltaeglich lehnen wir vieles fuer uns ab, aber die Eingliederung neuer Fakten in unser Denken geschieht voellig freiwillig -- wir haben nun Freude an Dingen, die wir vorher nicht mochten. Nichts im Calvinismus weist darauf hin, dass der Mensch gegen seinen Willen bekehrt wird und gegen seinen Willen zum Glauben gebracht wird. Man koennte einwenden, die Bibel sage an vielen Stellen eindeutig: Wenn du dies oder das einhaeltst oder tust, wenn du zum Herrn zurueckkehrst, wenn du tust, was boese ist usw -- all das setze den freien Willen und damit die Moeglichkeit voraus, das eine oder andere waehlen zu koennen. Darauf ist zu antworten: Aus einem Befehl Gottes folgt nicht, dass der Mensch diesem Befehl auch Folge leisten kann. Wie oft spielen nicht Eltern mit ihren Kindern und befehlen ihnen Dinge, die sie noch gar nicht koennen, nur um ihnen zu zeigen, dass sie die Hilfe ihrer Eltern brauchen und sie darum auch bitten sollen? Weltmenschen lesen die biblischen Texte freilich unter der Annahme, sie verfuegten ueber die Moeglichkeit, die Aufforderungen zu befolgen, wenn sie wollten, doch damit betruegen sie sich selbst, ganz genau so wie der Schriftgelehrte, dem Jesus sagte: >>Tu das, dann wirst du leben<<. Die Schriftgelehrten gingen weg und glaubten, nun koennten sie sich ihre Erloesung durch gute Werke erkaufen. Wenn der geistlich gesinnte Mensch solche Sprache hoert, dann fuehrt ihn das immer zur Erkenntnis: Das kann ich nicht einhalten! Es fuehrt ihn dazu, den Vater zu bitten, es fuer ihn zu tun. Jene Schriftstellen sagen dem Menschen nicht, was er tun kann, sondern was er tun soll, und wehe dem, der so blind ist, diese Wahrheit nicht zu erkennen, denn bevor er diese Wahrheit nicht sehen kann, kann er das Heilshandeln Christi nie angemessen wuerdigen. Der verzweifelte Suender schreit auf zu Gott, und was ihm nun offenbart wird, ist nichts als reinste Gnade, ein reines Geschenk der Liebe Gottes und der Barmherzigkeit, die Er durch Christus erzeigt. Jeder, der sich auf diese Weise gerettet sieht, schreit mit David heraus: >>Wer bin ich, allmaechtiger Herr? Was ist mein Haus, dass du mich bis hierher gebracht hast?<< (2. Sam. 7,18). Die spezielle Gnade, die wir hier als vollwirksam verstehen, wird manchmal >>unwiderstehliche Gnade<< genannt. Diese Formulierung ist ungluecklich gewaehlt, weil sie auszusagen scheint, dass sie jemanden gegen seinen Willen zu etwas zwinge; gemeint ist aber, wie ich vorhin gesagt habe, dass die Erwaehlten so von der goettlichen Macht beeinflusst werden, dass sie sich voellig freiwillig Gott zuwenden. __________________________________________________________________ [159] WB, Art. 10.1. __________________________________________________________________ 8) Allgemeine Gnade Neben der rettenden Gnade existiert noch eine andere, eine allgemeinere, die dem Einfluss des Heiligen Geistes zuzuschreiben ist und mehr oder weniger allen Menschen gewaehrt wird. Gott laesst die Sonne ueber Gute und Boese scheinen und gibt den Regen den Gerechten und den Ungerechten. Fruchtbarkeit und andere Segnungen sind es, was den Menschen gegeben wird. Unter den groessten Segnungen ist die Gesundheit zu nennen, aber auch materieller Ertrag, Intelligenz, Begabungen der Kunst, Musik, Rednergabe, Literatur, Architektur, Wirtschaft, Erfindung etc. sind Teil jener allgemeinen Gnade. In vielen Faellen bekommen die Nichterwaehlten noch mehr von jenen Gaben als die Erwaehlten, denn oft ist es so, dass die >>Soehne der Welt<< geschickter und klueger sind als die >>Soehne des Lichts<<. Auch die Ordnung ist der allgemeinen Gnade zuzuschreiben, die Entwicklung und Veredelungskunst von Gegenstaenden, die Kultur, die Sitten usw., die weltweit vorherrschen; die moralische Kraft der Wahrheit staerkt das allgemeine Denken und Gewissen, so dass die boesen Neigungen der Menschen eingeschraenkt werden. Diese Gnade fuehrt nicht zur Erloesung, ist aber der Grund, weshalb diese Erde noch nicht zur Hoelle geworden ist. Sie ist der Grund, weshalb die Suende nicht zu vollem Ausbruch gelangt, genauso wie der Mensch gelernt hat, wilde Tiere zu zaehmen. Sie verhindert die Suende, sich in all ihrer Bosheit zu entfalten; sie verhindert, dass die Flammen noch aus dem Rauch herausschlagen. Gleich wie der Druck der Atmosphaere waltet diese Gnade ueberall, ohne dass man sie spueren kann. Diese allgemeine Gnade zerstoert aber nicht den Kern der Suende, und daher ist sie nicht dazu angetan, alle Menschen zu bekehren. Der Menschenverstand, jenes grosse Licht, aber auch das Gewissen und nicht zuletzt die aeusserliche Verkuendigung des Evangeliums zeigt dem Menschen, was er tun soll, wenn er allein auch die Kraft dazu noch nicht hat, all dies zu tun. Diesen Gnadenwirkungen des Heiligen Geistes kann man sehr wohl widerstehen. Die Schrift lehrt wiederholt, dass das Evangelium nur wirksam wird, wenn es durch den erhellenden Geist einen Menschen erleuchtet; ohne diese Kraft ist es >>den Juden ein Stolperstein und den Heiden ein Aergernis<<. Der natuerliche Mensch kann Gott daher nur in einer sehr begrenzten, aeusserlichen Art und Weise kennen. Daher wird auch die aeusserliche Gerechtigkeit der Pharisaeer und Schriftgelehrten als voelliges Fehlen der Gerechtigkeit genannt. Jesus sagte zu seinen Juengern, dass die Welt den Geist der Wahrheit nicht empfangen kann, >>denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht<<, doch er faehrt in einem Atemzug fort: >>Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein<< (Joh 14,17). Die Lehre des Arminianismus verwischt die Grenzen zwischen der vollwirksamen Gnade zur Errettung und der allgemeinen Gnade oder macht die wirksame Gnade zur Errettung zu einer Hilfe, ohne die die Errettung nicht moeglich ist, waehrend der Calvinismus sie zu einer Hilfe macht, die die Erloesung sicher bewirkt. Was die Erneuerungen betrifft, die die allgemeine Gnade ausloest, sagt Dr. Charles Hodge: >>Es geschieht nicht selten, dass unmoralische Menschen ihr ganzes Leben aendern. Sie legen ein korrektes Benehmen an den Tag, scheinen massvoll, ehrbar, rein und wohlwollend zu sein. Und das ist auch eine begruessenswerte Sache. Der Betreffende profitiert am meisten selbst davon, danach auch all jene, die mit ihm leben. Eine solche Veraenderung kann von verschiedenen Ursachen ausgehen, etwa von der Macht des Gewissens oder auch von Gott selbst und aus der Angst vor Seiner Missbilligung -- oder auch, weil man vor Menschen gut dastehen will. Vielleicht ist sie auch nur darauf zurueckzufuehren, dass man eingesehen hat, dass ein guter Lebenswandel an sich gut fuer einen selbst ist. Was aber auch immer die Besserung sein mag -- Heiligung ist das noch lange nicht. Diese beiden Dinge sind ihrer Natur nach naemlich so verschieden wie ein reines Herz und ein sauberes Kleid. Solche selbst gemachten Veraenderungen lassen das Herz so, wie es war: in Gottes Augen ungenuegend. Es bleibt kalt gegenueber Gott, gegenueber dem Glauben an Christus und gegenueber allen heiligen Dingen.<< [160] Aehnliches sagt Dr. Hewlitt: >>Kann auch der Leichnam mit der verlockendsten Musik, die je erfunden wurde, aus dem Grabe gespielt werden oder auch vom lautesten Donner, den man sich denken kann, geweckt werden? Genauso wenig kann ein Suender -- tot in Uebertretung und Suende -- vom Donner des Gesetzes oder von der Melodie des Evangeliums geweckt werden. Kann ein Mohr seine Haut verwandeln, ein Leopard seine Flecken? Dann koenntet auch ihr Gutes tun, die ihr an Boesestun gewoehnt seid! (Jer 13,23)<< [161] Nachfolgende Aussage von Dr. S. G. Craig zeigt die Grenzen der allgemeinen Gnade sehr gut auf: >>Das Christentum zeigt, dass jede Entwicklung und jede Kultivierung des Charakters, die Jesus Christus aus ihren Ueberlegungen ausschliesst, zwar durchaus zu Klugheit, Perfektion und Brillanz fuehren mag, jedoch eines nicht kann: den Charakter aendern. Die Veraenderung ist nur aeusserlich. Wer sein Vertrauen in Erziehung und Kultivierung setzt, gleicht dem, der einen wilden Olivenbaum durch Beschneidung und die Verwendung von Pestiziden in einen guten Olivenbaum verwandeln will, anstatt einen Ableger des wilden in den guten Baum einzupfropfen. Bevor das geschehen ist, ist alle andere Arbeit umsonst. Wir unterschaetzen keineswegs den Wert von Erziehung und Kultivierung, aber man soll nicht meinen, dass man einem Fluss durch Verschoenerung seiner Ufer zur Trinkwasserqualitaet verhelfen koenne, und nichts anderes auch waere der Versuch, den Charakter durch Erziehung und Kultivierung aendern zu wollen ... Es ist, wie ein alter juedischer Spruch sagt: >Nimm eine Bittermandel und pflanze sie in den Garten Eden. Soll sie immerhin dort Wasser ziehen, ja soll selbst der Engel Gabriel der Gaertner sein -- ihre Fruechte bleiben bitter.<<< [162] __________________________________________________________________ [160] Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 3, S. 214. [161] Hewlitt, Sound Doctrine, S. 21. [162] Samuel G. Craig, Jesus as He Was and Is, S. 191, 199. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XIV __________________________________________________________________ Das Beharren der Heiligen __________________________________________________________________ 1) Die Lehraussage Die Lehraussage ueber das Beharren der Heiligen formuliert das Westminster-Bekenntnis so: >>Diejenigen, welche Gott in seinem geliebten Sohn angenommen hat und die durch seinen Geist wirksam berufen und geheiligt sind, koennen weder voellig noch endgueltig aus dem Stand der Gnade fallen; vielmehr werden sie mit Sicherheit darin beharren und auf ewig gerettet werden.<< [163] Diese Lehre steht nicht fuer sich allein, sondern ist notwendiger Teil der calvinistischen Theologie. Die Lehre von der Erwaehlung und der wirksamen Gnade bedeuten logischerweise auch die Sicherheit des Heils fuer jene, die dieses Heils teilhaftig geworden sind. Wenn Gott seine Erwaehlten absolut und unbedingt zum ewigen Leben bestimmt und wenn sein Geist diesen Segen der Erloesung den Erwaehlten zuerkennt, dann ist die unausweichliche Schlussfolgerung: sie werden nicht verlorengehen. Historisch gesehen haben diese Lehre alle Calvinisten geglaubt, waehrend sie praktisch von allen Arminianern abgelehnt wird. Jene, die ihren Schutz bei Jesus suchen, bauen auf ein starkes Fundament. Mag auch das Land von Irrlehre ueberflutet sein, mag Satan alle Kraefte der Erde aufbieten und den Glaeubigen ihre Herzensbosheit vorhalten, so werden sie dennoch nicht fallen, sondern bis zum Ende bewahrt bleiben. Sie werden erben, was ihnen von Beginn der Welt an bereitet ist. Der wahre Glaeubige mag hier auf Erden im Vergleich zum Himmel ungluecklich sein; seine Heilssicherheit ist aber im Himmel nicht gewisser als im Diesseits! Der Glaube und die Bekehrung sind als Geschenke Gottes Gaben, mit denen Gott sein Ziel erreicht. Es ist klar: Gott hat die Empfaenger dieser Gaben vorherbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleich zu werden, d. h. in Charakter, Schicksal und Herrlichkeit zu werden wie er, und er wird sein Ziel auch erreichen. Niemand kann sie aus seiner Hand reissen. Die echten Christen haben das Prinzip des ewigen Lebens in sich, den Heiligen Geist naemlich, und da der Heilige Geist in ihnen wohnt, haben sie auch im Prinzip die letzte Heiligkeit schon jetzt. Freilich werden sie noch von vielen Versuchungen geplagt und sehen nicht, was sie einst sein werden, aber sie sollten wissen, dass das, was in ihnen begonnen ist, zu Ende gebracht wird: Der Kampf mit der Suende ist der Beweis und das Zeichen jenes Lebens und gleichzeitig das Versprechen des Sieges. Wir bitten unsere Gegner, uns zu sagen, weshalb Gott jene, die im Begriff stehen, abzufallen, nicht noch vor diesem Abfall zu sich nimmt? Kein Mensch wird so dumm sein zu sagen, dass er das nicht koenne oder ihren Abfall nicht vorhersehen koenne. Wieso laesst er es denn ueberhaupt zu, dass sie abfallen und dann verlorengehen? Die Gabe ewigen Lebens wuerde so zum bleibenden Fluch! Wer glaubt denn wirklich, dass der himmlische Vater nicht besser auf seine Kinder aufpasst? Diese dumme Haeresie des Arminianismus lehrt, dass ein Mensch heute ein Kind Gottes, morgen ein Kind des Teufels sein koenne, ja, dass er zwischen diesen beiden Zustaenden so schnell wechseln koenne, wie er seine Meinung aendern kann! Das bedeutete also, dass der aus dem Geist Geborene, Gerechtfertigte und Geheiligte, dem nur noch die faktische Verherrlichung bevorsteht, immer noch zum Verworfenen werden koenne, der ewig bestraft wird, weil er letztlich von seinem eigenen Willen so gefuehrt worden ist! Das ist eine Lehre der Verzweiflung! Was koennte absurder sein, als dass der souveraene Gott seinen Kindern erlauben sollte, seine Liebe zu verhindern und verloren zu gehen? Wenn wir einen Freund haetten, von dem wir wuessten, dass er schon morgen dazu verfuehrt werden wird, unser Feind zu werden und uns zu betruegen, dann koennten wir ihm doch heute nicht mit jener Herzlichkeit und dem Vertrauen begegnen, mit welcher wir ihm sonst ganz natuerlich begegneten! Unser Wissen um seine morgige Tat wuerde unsere Freundschaft schon heute zerstoeren. Kein Mensch bezweifelt, dass die Erloesten im Himmel davor bewahrt werden, jemals wieder zu suendigen. Wenn Gott seine Heiligen im Himmel suendlos erhalten kann, ohne ihre Freiheit zu beeintraechtigen, weshalb sollte er dies auf Erden nicht koennen, ebenfalls ohne ihren Willen zu beintraechtigen? Die Art der Veraenderung, wie sie mit der Wiedergeburt einhergeht, garantiert, dass das neue Leben unsterblich ist. Wiedergeburt ist eine radikale und uebernatuerliche Veraenderung der inneren Natur, wodurch die Seele geistlich zum Leben gelangt, und dieses neue und geistliche Leben ist unsterblich. Da diese Veraenderung die innere Natur betrifft, liegt sie in einer Sphaere, die der Mensch nicht unter Kontrolle hat. Kein Geschoepf kann die inneren Prinzipien seiner Natur umschaffen; dies bleibt einzig dem Schoepfer selbst vorbehalten. Daher kann auch nichts anderes als ein neuerliches Einwirken von uebernatuerlicher Seite her diese Veraenderung rueckgaengig machen und das neue Leben zerstoeren. Der wiedergeborene Christ kann seine Beziehung als Kind seines himmlischen Vaters genauso wenig verlieren, wie man die irdische Beziehung zu seinen Eltern zunichte machen kann. Die Ansicht, dass ein Christ wieder abfallen und verlorengehen kann, resultiert auf dem falschen Verstaendnis des geistlichen Lebensprinzips, das der Seele bei der Wiedergeburt eingepflanzt wird. __________________________________________________________________ [163] WB, Art. 17.1. __________________________________________________________________ 2) Das Beharren beruht nicht auf guten Werken, sondern auf Gottes Gnade Paulus lehrt, dass die Glaeubigen nicht mehr unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind, und da sie nicht mehr unter dem Gesetz leben, koennen sie auch nicht fuer die Verletzung des Gesetzes verurteilt werden. >>Ihr steht ja nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade<< (Roem 6,14). Suende, die erst noch begangen wird, kann diesen angeblichen Abfall nicht bewirken, denn der Christ befindet sich in den Armen der Gnade und wird nicht aufgrund seiner Fehler beurteilt. >>Ist es aber aus Gnade geschehen, so nicht mehr infolge von Werken. Sonst waere ja die Gnade nicht mehr Gnade<< (Roem 11,6). >>Das Gesetz fuehrt zur Strafe; ohne Gesetz gibt es keine Uebertretung<< (Roem 4,15). >>Wo kein Gesetz ist, da ist die Suende tot<< (Gemeint ist: Wo das Gesetz aufgehoben ist, da wird der Person die begangene Suende nicht angerechnet, Roem 7,8). >>So seid auch ihr, meine Brueder, durch Christi Leib tot fuer das Gesetz<< (Roem 7,4). Jeder, der versucht, auch nur den kleinsten Teil zu seiner Errettung selbst beizutragen, wird sofort schuldig, >>das ganze Gesetz einzuhalten<< (Gal. 5,3; gemeint ist: aus eigener Kraft vollkommenen Gehorsam aufzubringen und die Erloesung auf diesem Wege zu erlangen). Wir sprechen hier von zwei radikal verschiedenen Erloesungswegen, die einander sogar widersprechen. Die unendliche, geheimnisvolle und ewige Liebe Gottes seinem Volk gegenueber garantiert, dass es nie wieder verlorengehen kann. Diese Liebe ist keinen Veraenderungen ausgesetzt. Sie erreicht den Menschen unverdientermassen und haelt uns fester, als wir sie halten koennten. Sie beruht nicht auf der Attraktivitaet dessen, der geliebt wird. >>Darin zeigt sich die Liebe, nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Versoehnung fuer unsere Suenden gesandt hat<< (1. Joh 4,10). >>Gott aber erweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus fuer uns gestorben ist, als wir noch Suender waren. Um so mehr werden wir jetzt, da wir durch sein Blut gerechtfertigt sind, durch ihn vor dem Zorngericht bewahrt bleiben. Denn wurden wir, als wir noch seine Feinde waren, durch den Tod seines Sohnes mit Gott versoehnt, um so mehr werden wir als Versoehnte durch sein Leben gerettet werden<< (Roem 5,8--10). Hier wird die Sache auf den Punkt gebracht: Unser Beharren beruht gerade nicht auf unserem Verdienst. Das geistliche Leben wurde uns eingepflanzt, >>als wir noch Feinde waren<<, und das aus souveraener Gnade. Wenn Gott das Groessere schon getan hat, wird er dann nicht das Kleinere auch noch tun? Der Autor des Hebraeerbriefes lehrt ebenso, dass Gottes Auserwaehlte unmoeglich verlorengehen koennen, wenn er sagt, dass Christus beides ist: Urheber und Vollender unseres Glaubens. Hier lernen wir, dass der ganze Heilsweg goettlich ist -- er ist goettlich geplant und wird goettlich ausgefuehrt. Weder die Gnade Gottes noch ihre Dauer haben etwas mit unseren Verdiensten zu tun. Wenn ein Christ also abfallen sollte, so deswegen, weil Gott ihm seine Gnade entzieht und die Art und Weise seines Heilshandelns aendert, oder in anderen Worten: weil er den Menschen wieder unter das Gesetz stellt. Robert L . Dabney hat diese Wahrheit sehr treffend ausgedrueckt: >>Die souveraene und unverdiente Liebe ist die Ursache der Berufung des Glaubenden. Jeremia 33,3; Roem 8,30. Ist die Ursache unveraenderlich, so kann auch die Wirkung nicht anders ausfallen. Der Glaubende, in dem Gott das gute Werk begonnen hat, empfaengt diese Gnade unausgesetzt. Gottes Gnade ist nicht vom bereuenden Menschen motiviert, daher stellt die etwaige kuenftige Abwesenheit des Guten im Begnadeten ebenso kein Motiv dar, das Gott dazu bewegen koennte, dem Begnadeten seine Gnade wieder zu entziehen. Als er dem Menschen seine Gnade zuwandte, wusste Er, dass er seine Gnade einem Verderbten zuwendet, einem Verderbten, der aber auch gar nichts Liebenswertes an sich hat, das Seiner Heiligkeit genuegte, und daher kann auch keine kuenftige Undankbarkeit oder Unglauben, dessen sich der Suender nach seiner Bekehrung etwa schuldig macht, Gott provozieren, seine Gnade wieder zurueckzuziehen. Gott hat doch laengst jede Undankbarkeit vorhergesehen. Er wird sie dadurch strafen, dass er seinen Heiligen Geist oder die allgemeinen Gnadenerweise eine Zeitlang entzieht, aber wenn er nicht schon von Anfang an gewillt gewesen waere, diese Undankbarkeit zu ertragen und sie in Christus zu vergeben, haette er einen solchen Suender doch gar nicht erst begnadigt. Mit einem Wort: Der Grund fuer Gottes Gnade und liebende Erwaehlung liegt in Gott allein. Der Glaubende hat keinen Einfluss darauf, und daher koennen weder Herz noch Verhalten des Glaeubigen Gottes Vorsatz der Liebe aendern (Jes 54,10; Roem 11,29). Man vergleiche Roemer 5,8-10 und Roem 8,32 sorgfaeltig mit dem ganzen Abschnitt von Roemer 8,28 bis zum Ende des Kapitels. All dies beweist unsere Position ganz und gar; >was kann uns von der Liebe Christi scheiden?<<< [164] >>Gottes Liebe wird in dieser Hinsicht mit der elterlichen Liebe verglichen. Eine Mutter liebt ihr Kind nicht, weil es an sich liebenswert ist. Ihre Liebe wird sie aber dazu bringen, alles zu tun, um es liebenswert zu machen und es so zu bewahren. So wird auch die geheimnisvolle Liebe Gottes, die nicht durch irgendeine Eigenschaft der geliebten Menschen beeinflussen laesst, ihre Kinder weiterhin mit der Gabe des Heiligen Geistes zieren und sie nach und nach in die Schoenheit der Heiligkeit verwandeln. Nur der beklagenswerte Irrtum, Gott liebe uns wegen irgend eines Guten in uns, kann jemanden zu der Ansicht verleiten, Gottes Liebe sei davon abhaengig, was ihr der Mensch entgegenbringt.<< [165] Zur Erloesung der Erwaehlten vermerkt Luther: >>Im neunten, zehnten und elften Kapitel lehret er [d.i. Paulus] von der ewigen Vorherbestimmung Gottes, woher es urspruenglich fliesst, wer glauben oder nicht glauben soll, wer von Suenden los oder nicht los werden kann, womit es ja ganz aus unsern Haenden genommen und allein in Gottes Hand gegeben sei, dass wir fromm werden. Und das ist auch aufs allerhoechste not. Denn wir sind so schwach und ungewiss, dass, wenns bei uns stuende, freilich nicht ein Mensch selig wuerde, der Teufel wuerde sie gewisslich alle ueberwaeltigen. Aber nun Gott gewiss ist, dass ihm das, was er vorherbestimmt, nicht fehlgehet, noch jemand ihm wehren kann, haben wir noch Hoffnung wider die Suende.<< [166] Je mehr wir ueber diesen Sachverhalt nachdenken, desto dankbarer sind wir, dass unser Beharren in Heiligkeit und Sicherheit der Errettung nicht von unserer schwachen Natur abhaengt, sondern von Gottes unveraenderlicher Macht. Wir koennen mit Jesaja sagen: >>Wenn Jahwe der Heerscharen uns nicht einen gar kleinen Ueberrest gelassen haette, wie Sodom waeren wir, Gomorra gleich geworden.<< Der Arminianismus leugnet dieses Beharren, weil er kein reines Gnadensystem ist, sondern ein System aus Gnade und Werken, und in all solchen Systemen muss der Mensch wenigstens einen kleinen Teil selbst zu seinem Heil beitragen. __________________________________________________________________ [164] Robert L. Dabney, Systematic Theology, S. 690. [165] Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 3, S. 112. [166] Martin Luther, Vorrede zum Brief des Paulus an die Roemer. __________________________________________________________________ 3) Auch Gerettete koennen zeitweise rueckfaellig werden und in Suende leben Die Lehre vom Beharren der Heiligen bedeutet nicht, dass Christen nicht zeitweise dennoch Opfer der Suende werden koennen; dies ist sogar leider sehr oft der Fall. Auch die Besten koennen zeitweise in Suende sein. Doch voellig abgelehnt werden sie niemals, denn Gott bewahrt noch den schwaechsten Heiligen durch die Macht seiner Gnade davor, endgueltig zu fallen. Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefaessen, damit die ueberreiche Fuelle der Kraft nicht uns, sondern Gott zugeschrieben wird (2 Kor 4,7). Aus eigener Erfahrung konnte sogar der grosse Apostel Paulus schreiben: >>Ich tue eben nicht das Gute, das ich will, sondern fuehre das Boese aus, das ich nicht will. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, dann vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Suende, die in mir wohnt. Und so finde ich das Gesetz vor: Dass bei mir, der ich das Gute tun will, das Boese vorhanden ist. Der innere Mensch in mir stimmt freudig dem Gesetz Gottes zu, ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das im Streit liegt mit dem Gesetz meines Geistes. Es macht mich zum Gefangenen unter dem Gesetz der Suende, das in meinen Gliedern herrscht. Ich unglueckseliger Mensch! Wer wird mich retten aus dem Leib dieses Todes? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! Somit diene ich selbst zwar mit dem Geist dem Gesetz Gottes, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Suende<< (Roem 7,19--25). Jeder wahre Christ wird sich in diesen Zeilen finden. Zum Christenwesen passt freilich das Suendigen nicht; der Autor des Hebraeerbriefes sagt, dass der, der die Suende tut, >>noch einmal fuer sich selbst den Sohn Gottes ans Kreuz schlaegt und ihn dem Gespoett preisgibt ... << (Hebr. 6,6). David bereute seine Suende, und Nathan, der Prophet, sprach ihm die Vergebung Gottes zu, aber nichtsdestotrotz hatte er >>den Feinden Israels Anlass zur Laesterung gegeben<< (2. Sam. 12,14). David und Petrus -- beide fielen sie, doch das in ihnen wohnende Lebensprinzip liess sie umkehren. Judas fiel ebenfalls, doch weil dies Prinzip nicht in ihm wohnte, war sein Fall endgueltig. Solange der Glaubende in dieser Welt ist, befindet er sich in einem Zustand des Kampfes. Er erleidet zeitweise manche Suendenanfechtung, der er erliegen mag, ja, er mag sogar zu manchen Zeiten allen Glauben verlieren, doch er ist ein fuer allemal gerettet, daher kann er niemals ganz von der Gnade fallen. Wenn er einmal diese Veraenderung in sich gespuert hat, die die Wiedergeburt in ihm bewirkt hat, dann wird er frueher oder spaeter zur Herde zurueckkehren und gerettet werden. Wenn er in sich geht und Gott um Vergebung bittet, nachdem er seine Suende bekannt hat, dann wird er nicht mehr zweifeln, dass er gerettet ist. Sein >>Suendenfall<< wird ihm ernsten Schaden zugefuegt haben und andere verletzt haben, aber soweit es ihn selbst betrifft, ist ein solche >>Suendenfall<< nur temporaer. Paulus lehrte, dass das ganze Lebenswerk einiger verbrennen wird, wenn es aus dem falschen Material gemacht worden ist, aber sie selbst werden gerettet werden, wenn auch >>wie durchs Feuer<< hindurch (1 Kor 3,12--12). Das gleiche lehrt Jesus im Gleichnis mit dem verlorenen Schaf, das er sucht und zur Herde zurueckbringt. Wenn wahre Glaeubige abfallen, dann werden ihre Koerper, die auch >>Tempel des Heiligen Geistes<< genannt werden, zur Wohnung des Teufels, und selbstverstaendlich freut sich der Teufel darueber und beleidigt Gott damit (1 Kor 6,19). >>Der Christ gleicht einem Menschen, der einen steilen Weg hinaufgeht, zeitweise ausrutscht, aber seinen Blick immer fest auf das Ziel gerichtet hat. Der nicht wiedergeborene Mensch blickt nach unten und rutscht staendig aus.<< [167] >>Der Glaeubige kann wie ein Matrose auf den Schiffsplanken ausrutschen und fallen; ueber Bord geht er nicht.<< [168] In dieser Hinsicht gleicht jeder Erwaehlte dem verlorenen Sohn, der eine Zeitlang von seinen eigenen Geluesten und von den Verfuehrungen der Welt fehlgeleitet wird. Er versucht, sich von den Trebern zu ernaehren, aber dies kann ihn nicht zufriedenstellen. Frueher oder spaeter muss er sagen: >>Ich will mich aufmachen, zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesuendigt gegen den Himmel und vor dir.<< Er wird auf den gleichen liebevollen Empfang treffen; des Vaters willkommen heissende Stimme wird seine Seele durchdringen und das Herz des armen und abgefallenen Rueckkehrers zum Schmelzen bringen: >>Dieser mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist gefunden worden.<< Man bedenke, dass dies ein durch und durch calvinistisches Gleichnis ist, da der verlorene Sohn immer ein Sohn war und diese Beziehung nicht verloren hatte. Jene, die niemals Soehne waren, haben auch nie das Verlangen, zu ihrem Vater zu kommen. Wir moegen uns in unseren Urteilen manchmal irren, genauso wie es mit den >>verzauberten<< Galatern der Fall war (3,1); wir moegen kalt sein wie die Gemeinde in Ephesus (Offb. 2,4). Die Gemeinde mag schlaefrig werden, doch ihr Herz wird erwachen (Hld. 5,3) Es mag manchmal so aussehen, als habe Gott einem seiner Kinder seine Gnade entzogen, doch das ist nur scheinbar so. Die Sonne mag verfinstert sein, doch sie gewinnt ihren Schein wieder zurueck. Der Baum mag im Winter alle seine Blaetter und seine Fruechte verlieren; im Fruehjahr bekommt er neue Knospen. Israel floh ein-, auch zweimal vor seinen Feinden, und dennoch hat es das versprochene Land eingenommen. Auch der Christ mag zuweilen fallen, doch letzten Endes ist seine Errettung sicher. Es ist undenkbar, dass Gott einen Erwaehlten verlorengehen laesst. >>Es ist unmoeglich, der Allmacht Gottes zu entfliehen. Auch Jona hat das erfahren, als er vor Gottes Befehl davonlief, statt Niniveh vor seinem Untergang zu warnen. Doch Gottes Macht verfolgte ihn bis in den Bauch des Fisches, bis er endlich gewillt war, Gottes Befehl auszufuehren. Auch der gefallene Christ wird zu seinem Retter zurueckfinden, und nachdem er seine Suende bekannt hat, wird ihm vergeben werden und er wird gerettet werden.<< [169] __________________________________________________________________ [167] A. H. Strong [168] Charles H. Spurgeon [169] F. E. Hamilton, (Artikel) The Reformed Faith and the Presbyterian Church. __________________________________________________________________ 4) Aeusserliches Bekenntnis allein ist keine Garantie fuer echtes Christentum Wir haben kein grosses Problem, diejenigen Faelle abzuwimmeln, in denen wahre Glaeubige ganz offensichtlich und endgueltig abgefallen sind. Beides, sowohl die Bibel als auch die Erfahrung, zeigen uns, dass wir uns in unseren Mitmenschen sehr oft taeuschen, ja, dass es uns manchmal faktisch unmoeglich erscheinen muss, festzustellen, ob jemand ein echter Christ ist oder nicht. Das Unkraut war niemals zuerst Weizen, und der ungeniessbare Fisch war niemals zuerst geniessbar, ungeachtet der Tatsache, ob deren wahre Natur auf Anhieb erkannt werden koennte. Satan kann sich das Aussehen eines Engel des Lichts geben (2 Kor 11,14), und es sollte uns infolgedessen nicht verwundern, wenn auch seine Diener sich als solche geben und als Gerechte auftreten, den verfuehrerischsten Anschein von Heiligkeit an den Tag legen, ja, sich demuetig, pietaetsvoll und voll Eifer praesentieren. Man kann nicht von Aeusserlichkeiten auf das Heil eines Menschen schliessen. Jemand koennte blenden wie die Pharisaeer einst -- und trotzdem viele betruegen. Jesus hat seine Juenger gewarnt: >>Es werden falsche Messiasse und falsche Propheten auftreten und grosse Zeichen und Wunder wirken, um -- wenn moeglich -- selbst die Auserwaehlten irrezufuehren<< (Mt 24,24). Er zitierte den Propheten Jesaja: >>Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz jedoch ist fern von mir. Umsonst verehrt es mich; denn Menschensatzungen stellt es als Lehre hin<< (Mk 7,6f). Paulus warnte vor diesen falschen Leuten: >>Denn diese Leute sind Luegenapostel, hinterlistige Arbeiter, die sich als Apostel Christi ausgeben<< (2 Kor 11,13). Den Roemern schrieb er: >>Nicht alle, die von Israel abstammen, sind Israeliten. Und nicht alle sind schon deshalb Kinder Abrahams, weil sie seine Nachkommen sind. Es heisst vielmehr: Nach Isaak sollen deine Nachkommen benannt werden<< (Roem 9,6f). Johannes erwaehnt >>jene, die sich Apostel nennen, aber es nicht sind<< (Offb. 2,2), und ein wenig spaeter fuegt er hinzu: >>Ich kenne deine Werke: du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot<< (Offb. 3,1). Doch Obgleich diese falschen Propheten die Menschen betruegen, ist dies Gott wohl bekannt: >>Ich weiss, dass du von denen geschmaeht wirst, die sich Juden nennen, es aber nicht sind, sondern die Synagoge Satans<< (Offb. 2,9). Heutzutage nennen sich viele >>Christen<<, die vom Christentum keine Ahnung haben; sie haben weder Erfahrung darin noch einen solchen Charakter. Heutzutage ist vielenorts der Unterschied von Kirche und Welt ausgeloescht. Wir werden wie Samuel oft vom aeusseren Anschein getaeuscht und sagen: >>Gewiss, das ist ein vom Herrn Gesalbter<< (1 Sam 16,6); koennten wir jedoch erkennen, von welchen Motiven jener Mensch geleitet ist, dem wir dieses Urteil ansinnen, so wuerden wir unsere Auffassung schnell korrigieren. Wir werden trotz bester Vorkehrungen in unserem Urteil oft fehlgreifen. Johannes hat die Aufloesung dieses Problems geschildert: >>Von uns sind sie ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn waeren sie von uns, waeren sie bei uns geblieben. Dies aber ist geschehen, damit offenbar werde, dass sie alle nicht von uns sind<< (1. Joh 2,19). Alle, die endgueltig abfallen, gehoeren letztlich in diese Kategorie. Manche Menschen bekennen sich gross zu Jesus, obgleich sie nichts von der Sicherheit und der Wahrheit Christi wissen. Diese Personen koennen viele ehrliche Nachfolger weit uebertreffen, was ihr Kopfwissen anlangt, und eine Zeitlang koennen sie auch Erwaehlte verfuehren, doch die Herzen der Erwaehlten werden sie nicht bekommen. Am Tag des Gerichts werden viele, die sich aeusserlich zur Kirche gezaehlt haben, sagen: >>Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, in deinem Namen Daemonen ausgetrieben und in deinem Namen Wunder getan?<< Aber Jesus wird ihnen antworten: >>Ich habe euch nie gekannt: weicht von mir, ihr Uebeltaeter<< (Mt 22f). Das kann aber nicht die Erwaehlten treffen, denn sie hat er sehr wohl einmal als Christen gekannt. Wenn jeder Mensch einst als das erscheint, was er wirklich ist, wenn die Geheimnisse der Herzen offenbart werden, dann werden viele, die als Christen aufgetreten sind, als solche offenbar werden, die niemals zu Gottes Volk gehoert haben. Andere moegen ihren Glauben verleugnet haben -- von der rettenden Gnade Gottes werden sie niemals fallen. Diejenigen, die tatsaechlich abfallen, waren zu keiner Zeit gerettet. Sie sind jene, bei denen auf Felsen gesaet war, die keine Wurzeln in sich selbst haben. Eine Zeitlang nehmen sie alles mit Freuden auf, doch wenn Bedraengnisse oder Verfolgung aufkommen, fallen sie ab. Man sagt, sie haben aufgegeben. Man sagt auch, sie haben am Glauben Schiffbruch erlitten, doch sie haben an einem Glauben Schiffbruch erlitten, den sie nie wirklich geteilt haben, ausser eben aeusserlich. Manche von ihnen moegen ausreichend Licht gehabt haben, die Lehren des Evangeliums zu verstehen, so dass sie sie sogar korrekt an andere weitergeben konnten, und dennoch sind sie alles andere als gerettet. Aus dem Abfall solcher Menschen darf man nicht auf die Verlierbarkeit des Heils schliessen! Blosse Kirchenzugehoerigkeit ist freilich ueberhaupt keine Garantie fuer echtes Christentum. Nicht jedes Mitglied der kaempfenden Kirche wird auch zur triumphierenden Kirche gehoeren. Um gewisse Ziele zu erreichen, kann man sich etwa zum Evangelium bekennen; auch wird aeusserliche Moral vonnoeten sein, um den Anschein zu erwecken, dass man zum Volk Gottes gehoert. Man gehoert eine Zeit lang dazu und scheint echten Glauben zu haben. Doch letztlich wird einem solchen Schaf entweder sein Kleid ausgezogen oder es wirft es selbst von sich und geht zurueck in die Welt. Koennten wir ihre wahren Motive erkennen, so erkennten wir auch, dass sie niemals von wahrer Liebe zu Gott in Gang gebracht worden waren. Sie waren zeitlebens Boecke, keine Schafe, raeuberische Woelfe, keine Laemmer. Daher sagt Petrus auch von ihnen: >>Bei ihnen trifft das wahre Sprichwort zu: >Der Hund kehrt zu seinem Auswurf zurueck< und: >Ein Schwein badet und waelzt sich wieder im Schlamm .<.<< Damit zeigen sie, dass sie niemals zu den Erwaehlten gehoert haben. Viele Unbekehrte hoeren mit grossem Interesse die Verkuendigung des Evangeliums, wie einst Herodes Johannes dem Taeufer gelauscht hat. Es heisst: >>Denn Herodes hatte Scheu vor Johannes; er kannte ihn als einen gerechten und heiligen Mann und liess ihn bewachen. Wenn er ihn hoerte, war er sehr beunruhigt, trotzdem hoerte er ihn aber gern<< (Mk 6,20). Niemand aber, der das Leben des Herodes kannte und bedenkt, dass er den Tod des Johannes befohlen hatte, wird je auch die Idee kommen, einen Christen in ihm zu sehen. Man wird anmerken duerfen: Selbst das Licht der Erleuchtung schon, das der Heilige Geist dem Menschen schenkt, reicht aus, um auch im Leben eines Nichtchristen Veraenderungen des aeusserlichen, religioesen Lebens hervorzubringen. Solche Menschen legen oft ein sehr striktes Verhalten an den Tag und beobachten die religioese Tradition mit grossem Ernst. Der erweckte Suender liest die Verheissungen des Evangeliums und die Offenbarung des Heilsplans nicht nur als Wahrheit, sondern als seiner Situation durchaus angemessen. Er hat Freude am Evangelium und glaubt einen Glauben, der in der moralischen Wahrheit der evangelischen Aussagen gruendet. Solange seine Meinung nicht in andere Richtungen gelenkt wird, wird er diesen Glauben auch bewahren. Wird seine Meinung veraendert, so laesst er diesen Glauben zugunsten der frueheren Insensibilitaet der Wahrheit gegenueber wieder fallen. Genau diese Menschen hatte Christus im Blick, wenn er vom Samen sprach, der unter die Dornen und Disteln oder auf das Felsige faellt. Die Bibel selbst enthaelt zahllose Beispiele dieses unbestaendigen Glaubens, und der Alltag kennt sie ebenso sattsam. Solche Erfahrungen gehen echter Bekehrung oft voraus oder begleiten sie, aber in vielen Faellen bleiben sie auch aus. Sie moegen zwar immer wieder einmal auftreten, doch meist gehen jene, die solche temporaeren Erfahrungen teilen, bald wieder in die Sorglosigkeit und Weltlichkeit zurueck. Es kann einem Beobachter, ja, sogar der Person selbst manchmal scheinen, als seien diese Phaenomene von echten Fruechten gar nicht zu unterscheiden. >>An ihren Fruechten werdet ihr sie erkennen<<, sagt unser Herr. Nur wenn diese Erfahrungen in ein heiliges Leben muenden, kann man ihren Charakter erkennen. __________________________________________________________________ 5) Arminianische Unsicherheit Ein echter Arminianer mit seiner Lehre vom "freien Willen" und der Verlierbarkeit des Heils kann sich seines eigenen Heils in diesem Leben niemals sicher sein. Er mag zum gegenwaertigen Zeitpunkt wohl Heilsgewissheit haben, aber ob er dann letztlich auch wirklich gerettet sein wird, das kann er jetzt nicht wissen. Er kann annehmen, seine endgueltige Errettung sei sehr wahrscheinlich, aber sicher kann er sich niemals sein. Er hat viele seiner Mitchristen fallen sehen, nachdem sie so gut angefangen hatten. Wie kann er sicher sein, dass ihm dies nicht auch einmal passiert? Solange der Mensch in dieser Welt lebt und die Reste der Suendhaftigkeit ihn immer noch quaelen, werden sie auch noch von den verlockendsten und verfuehrerischsten Versuchungen von Welt und Teufel gezogen und betoert. In vielen so genannten christlichen Gemeinden hoert man falsche Lehren modernistischer und daher unchristlicher Prediger. Wenn der Arminianismus wahr waere, dann stuenden die Christen jederzeit in Gefahr; ihre ewige Sicherheit waere stets davon abhaengig, dass ihr natuerlicher, schwacher Wille das Richtige waehlt. Darueberhinaus wird der Arminianismus jede Zusicherung von Heiligkeit ablehnen, ja, sie nicht einmal im Himmel anerkennen, denn auch dort habe der Mensch ja immer noch seinen freien Willen und koenne theoretisch jederzeit suendigen. Ein Vergleich soll die Situation veranschaulichen. Ein Arminianer hat 100.000 Dollar geerbt. Er weiss, dass es schon vielen, die eine solche Summe geerbt haben, damit uebel ergangen ist: einigen ist das Geld geraubt worden, andere haben es verschwendet oder es ist ihnen durch sonst einen Ungluecksfall abhanden gekommen. Er selbst meint, das Geld wesentlich klueger und weiser zu verwalten zu koennen. Seine Sicherheit beruht weitgehend auf Selbstvertrauen. Andere waren dumm, doch er ist zuversichtlich, dass er klueger sein wird. Was fuer ein Wahn ist das aber, wenn es um geistliche Dinge geht? Wie schade ist das, dass jeder, der ueber seine Tendenz zu suendigen genau Bescheid weiss, seine Sicherheit aber auf sich selber baut! Er legt seine Sicherheit nicht in die Haende des allmaechtigen und unveraenderlichen Gottes, sondern baut auf den Willen eines suendigen Menschen! Ist es fuer das arminianische System nicht logisch, dass es fuer den Christen am besten waere, er stuerbe in einem >>sicheren Augenblick<<, da der Schatz, den er sonst verloere, ja von unendlichem Wert ist? Angesichts der Tatsache, dass so viele abgefallen sind, ist es da klug, leben zu bleiben und die ewige Erloesung zu riskieren, nur um ein wenig laenger zu leben? Was daechte man etwa ueber einen Geschaeftsmann, der sein ganzes Vermoegen riskiert, nur um ein paar zusaetzliche Dollar zu verdienen, noch dazu in einem besonders risikoreichem Geschaeft? Folgt daraus nicht, dass der Herr einen Fehler um den anderen macht, wenn er nicht jeden Christen so bald wie moeglich zu sich holt, solange er noch wahrer Christ ist? Ich jedenfalls bin sicher: Waere ich ein Arminianer, so wollte ich so schnell wie moeglich sterben, damit meine Erloesung zweifelsfrei fest steht. In geistlichen Dingen ist ein Zustand des Zweifels ein Zustand des Elends. Die Versicherung, dass ein Kind Gottes niemals von der Liebe Gottes getrennt werden kann ist einer der groessten Trostgruende des christlichen Lebens ueberhaupt. Diese Lehre zu leugnen, heisst den Grund zur Freude leugnen, den Christen auf Erden haben. An was soll sich freuen, wer staendig befuerchten muss, verfuehrt und betrogen werden zu koennen? Wenn unser Sicherheitsgefuehl nur auf unserer veraenderlichen und schwankenden Natur beruht, dann werden wir den inneren Frieden, die innere Ruhe, die den echten Christen charakterisiert, niemals kennen lernen. McFetridge sagt in seinem grossartigen Buch Der Calvinismus in der Geschichte: >>Ich kann mir den Schrecken gut ausmalen, den eine sensible Seele erleiden muss, wenn sie ueber ihre Sicherheit so in Zweifel bleiben muss, wenn sie sich staendig ihrer Fehlbarkeit samt der furchtbaren Tatsache bewusst sein muss, von der Gnade fallen zu koennen, selbst nachdem sie ein langes und entbehrungsvolles Leben hinter sich hat, wie der Arminianismus lehrt. Eine solche Lehre ist fuer mich voll Schrecken. Ich wuerde auf immer vor ihr zurueckschrecken, da sie mich mit unausgesetzter und unaussprechlicher Ratlosigkeit quaelte. Wenn ich auf der Reise ueber die stuermische und tueckische See meines Lebens meine sichere Landung von meiner betruegerischen Natur abhaengig machen muesste, erfuellte mich dies mit staendiger Sorge. Ich moechte mich -- wenn moeglich -- vergewissern, dass das Schiff, auf dem ich zu reisen gedenke, auch seetauglich ist und mich an mein sicheres Ziel bringen wird<< (S. 112). Unsere Sicherheit haengt freilich auch nicht von unserer Ansicht oder von unserer schwachen und schwankenden Liebe Gott gegenueber ab, sondern vielmehr von seiner ewigen und unveraenderlichen Liebe zu uns. Darum darf unser Leben als Christ von Frieden und Sicherheit erfuellt sein. Nur der Calvinist, der sich absolut sicher in den Haenden Gottes weiss, kann dieses innere Gefuehl des Friedens und der Sicherheit ueberhaupt haben, denn er weiss: Er ist auserwaehlt von Ewigkeit her; Gott hat entschieden, ihn zu reinigen und ihn zu verherrlichen, und nichts und niemand kann daran etwas aendern. Seine Gerechtigkeit beruht auf einer geistlichen Macht, unerschoepflich und unveraenderlich wie die Schwerkraft. Sie ist seiner geistlichen Entwicklung so notwendig wie die Strahlen der Sonne fuer den Koerper. __________________________________________________________________ 6) Der Zweck der biblischen Warnungen gegen Abtruennigkeit Der Arminianismus fuehrt gerne Stellen an, die vor Abfall warnen, die sich aber eindeutig an Glaeubige richten und die daher, so argumentiert er, die Moeglichkeit des Abfalls voraussetzen. Selbstverstaendlich hat er darin recht, dass es einen gewissen Abfall geben kann -- wenn der Mensch im Hinblick auf seine eigenen Kraefte und abseits vom goettlichen Plan betrachtet wird. Es wird auch allgemein zugegeben, dass der Glaeubige zeitweise in Suende fallen kann. Der Hauptzweck dieser Stellen dient aber dazu, den Menschen aufzurufen, den Plan Gottes zu erfuellen. Diese Stellen sollen Anreiz zu bestaendiger Demut, Wachsamkeit und Sorgfalt sein. Gleicherweise warnen Eltern ihre Kinder davor, auf die Strasse zu laufen, weil sie ein Auto ueberfahren koenne; sie wollen ihr Kind schliesslich keiner Gefahr aussetzen und sie vor Verletzungen bewahren. Wenn Gott eine Seele mit Furcht vor dem Abfall erfuellt, dann ist das doch kein Beweis, dass Gott in seinem geheimen Plan die Absicht haben koennte, diese Seele tatsaechlich abfallen zu lassen! Gerade diese Furcht kann das Mittel sein, das Gott verwendet, um seine Kinder vor dem Straucheln zu bewahren! Auch stehen Gottes Ermahnungen, dies zu tun und jenes zu lassen, in voelliger Uebereinstimmung mit seiner Absicht, Gnade zu gewaehren, um jene Ermahnungen ernst genug nehmen zu koennen und seine Pflicht erfuellen zu koennen. Wir werden aufgefordert, Gott mit ganzem Herzen zu lieben. Gott sagt: >>Ich werde meinen Geist in euer Inneres legen und bewirken, dass ihr nach meinen Geboten lebt und meine Satzungen gewissenhaft beobachtet<< (Ez 36,27). Entweder stimmen diese beiden Aussagen zusammen, oder der Heilige Geist widerspricht sich selbst. Das Letztere ist ausgeschlossen. Drittens sollen diese Warnungen den Christen zu mehr Glauben und Gebet fuehren. Viertens sind diese Warnungen weniger um des Menschen Faehigkeit wegen geschrieben als vielmehr, ihm seine Pflicht vor Augen zu fuehren; weniger seine Staerke soll da sichtbar werden, sondern seine Schwaeche. Fuenftens sollen diese Stellen dem Menschen zeigen, wie sehr ihm an Heiligkeit mangelt und wie sehr er von Gott abhaengt. Und sechstens sind sie ein Hemmschuh fuer Unglaeubige: sie lassen sie unentschuldigt. Mehr wird auch nicht durch die Stelle >>Bringe mit deiner Speise nicht den ins Verderben, fuer den Christus gestorben ist!<< ausgesagt. Auch 1 Kor 8,11 ist in diesem Licht zu sehen: >>So wird der Schwache durch deine Erkenntnis ins Verderben gerissen, der Bruder, fuer den Christus gestorben ist.<< Der Einfluss einer bestimmten Person kann fuer sich genommen eine Kultur zerstoeren, wenn es da nicht viele andere und staerkere Einfluesse gaebe, die diese Kultur weiterbestehen lassen. In diesen Bibelstellen wird die Verantwortlichkeit eines Bruders gegenueber seinem Mitchristen hervorgehoben. Er darf ihm kein Stolperstein sein! All dies bezieht sich jedoch nicht auf das ewige Heil des anderen, wenn auch derjenige, der seinem Bruder eben jenen Stolperstein hinwirft, alles tut, um seinen Bruder zu Fall zu bringen. __________________________________________________________________ 7) Schriftbelege Der Schriftbelege fuer diese Lehre sind viele, und sie sind sehr klar. Ich zitiere einige dieser Stellen: Roem 8,35--39: Wer wird uns trennen von der Liebe Christi? Bedraengnis oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Bloesse oder Gefahr oder Schwert? Es steht ja geschrieben: >>Deinetwegen werden wir taeglich hingemordet, werden Opferschafen gleichgeachtet.<< Aber in all dem bleiben wir siegreich in dem, der uns geliebt hat. Denn ich bin ueberzeugt: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Maechte, weder Gegenwaertiges noch Zukuenftiges, noch Kraefte, weder Hohes noch Niederes noch sonst etwas Erschaffenes vermag uns von der Liebe Gottes zu scheiden, die da ist in Christus Jesus, unserem Herrn. Roem 6,14: Denn die Suende hat keine Macht mehr ueber euch. Ihr steht ja nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade. Joh 6,47: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, hat ewiges Leben. Joh 5,24: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hoert und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist schon vom Tod zum Leben hinuebergegangen. In dem Moment, in dem jemand zum Glauben kommt, wird dieses ewige Leben Realitaet fuer ihn, ein gegenwaertiger Besitz, keine Bedingung, die ihre Gabe erst in der Zukunft erhaelt. Joh 6,51: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch fuer das Leben der Welt. Hier wird nicht gesagt, dass wir oft essen muessen, sondern dass wir ewiges Leben haben, wenn wir es essen. Joh 4,14: Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht mehr duersten. Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle Wassers, das fortstroemt ins ewige Leben. Phil. 1,6: Ich vertraue darauf, dass der, der das gute Werk in euch begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu. Ps 138,8: Mir zum Heil vollfuehrt es der Herr. -- Herr, ewig waehrt dein Erbarmen. Roem 11,29: Denn Gottes Gnadengaben und Berufung sind unwiderruflich. 1. Joh 5,11: Und darin besteht das Zeugnis, dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben in seinem Sohn ist. 1. Joh 5,13: Das habe ich euch geschrieben, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt. Hebr. 10,14: Mit dem einmaligen Opfer hat er ein fuer allemal die zur Vollendung gefuehrt, die geheiligt werden. 2 Tim 4,18: Bewahren wird mich der Herr vor allem Boesen und mich in sein himmlisches Reich retten. Ihm sei Ehre in alle Ewigkeit! Amen. Roem 8,29f: Denn die er vorher erkannt [170] hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichfoermig zu werden. Er sollte der Erstgeborene unter vielen Bruedern sein. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt, und die er gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht. Eph 1,5: Er hat uns nach seinem freien Willensentschluss durch Jesus Christus zu seinen Kindern vorherbestimmt. Jesus hat gesagt: Joh 10,28f: Ich schenke ihnen (den wahren Nachfolgern oder >>Schafen<<) ewiges Leben; sie werden in Ewigkeit nicht verlorengehen, und niemand wird sie meiner Hand entreissen. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist maechtiger als alle; niemand kann sie der Hand meines Vaters entreissen. Hier sehen wir: Unser Heil und Gottes Allmacht sind von gleicher Gewissheit. Gott ist maechtiger als diese Welt; weder Menschen noch Teufel koennen ihm auch nur einen seiner kostbaren Juwelen rauben. Genauso gut koennte man einen Stern vom Himmel herunterreissen. Das Heil seiner Kinder steht in Seiner unbezwingbaren Macht; seine Kinder stehen jenseits der Gefahr endgueltiger Zerstoerung. Wir haben das Versprechen Christi, dass die Tore der Hoelle seine Gemeinde nicht ueberwinden werden, doch wenn der Teufel vielenorts Beute machte, ja manchenorts gar ganze Gemeinden verschlingen koennte, dann haetten die Tore der Hoelle die Gemeinde Christi zu grossen Teilen verschlungen! Kann einer fallen, so koennen alle fallen -- dann aber waeren die Aussagen Jesu Christi nichts als leere Worte. Wenn gesagt worden ist: >>Es werden falsche Messiasse und falsche Propheten auftreten und grosse Zeichen und Wunder tun, um -- wenn moeglich -- selbst die Auserwaehlten irrezufuehren<< (Mt . 24,24), so wird der vorurteilsfreie Verstand eines Glaeubigen daraus schliessen, dass es unmoeglich ist, die Auserwaehlten zu deren Verderben irrezufuehren. Die unio mystica zwischen Christus und dem Glaeubigen garantiert dessen Beharren: >>... weil ich lebe, und auch ihr leben werdet<< (Joh 14,19). Die Auswirkung dieser Vereinigung ist die Teilnahme des Glaeubigen am ewigen Leben. Christus ist in uns (Roem 8,10). Nicht wir leben, sondern Christus lebt in uns (Gal. 2,20). Der Glaeubige hat sein Leben mit Christus, genauso wie die Reben ihr Leben am Weinstock haben. Der Heilige Geist wohnt den Erloesten so ein, dass jeder Christ aus einem unerschoepflichen Reservoir an Kraft schoepfen kann. Paulus warnte die Epheser: >>Betruebt nicht Gottes Heiligen Geist, mit dem ihr fuer den Tag der Erloesung versiegelt seid<< (Eph 4,30). Nicht Abfall vom Glauben befuerchtete er, denn er sagte ganz zuversichtlich: >>Aber Dank sei Gott! Er laesst uns allezeit in Christus triumphieren und durch uns den Duft seiner Erkenntnis allerorts verbreiten<< (2 Kor 2,14). Der Herr sagte durch den Propheten Jeremia: >>Mit ewiger Liebe liebe ich dich!<< (Jer 31,1) -- dies ist einer der besten Beweise, dass Gottes Liebe weder Anfang noch Ende hat, sondern ewig ist. Im Gleichnis mit den zwei Haeusern liegt die Betonung auf dem sicheren Stand des Hauses auf dem Felsen (= Christus), auch wenn die Stuerme des Lebens darueber hinwegbrausen. Der Arminianismus stellt nun ein ganz anderes System auf, denn seine Haeuser koennen auch dann einstuerzen, wenn sie auf dem Felsen gebaut sind. Im 23. Psalm lesen wir: >>Und ich werde bleiben im Hause des Herrn fuer immer.<< Der wahre Christ ist kein Zaungast, sondern ein Bewohner des Hauses des Herrn. Wie berauben jene diesen Psalm seiner tieferen und reicheren Bedeutung, die da lehren, dass Gottes Gnade nur eine kurzfristige Leihgabe sei! Christus selbst setzt sich fuer sein Volk ein (Roem 8,34; Heb. 7,25), und wir wissen, dass Gott ihn immer erhoert (Joh 11,42). Der Arminianismus behauptet, ein Christ koenne auch wieder endgueltig abfallen. Er muss eine von beiden Stellen leugnen: entweder muss er leugnen, dass sich Christus fuer seine Leute einsetzt oder er muss leugnen, dass Er von seinem Vater erhoert wird. Wir wollen an dieser Stelle bedenken, welche Sicherheit wir haben: Christus sitzt zur Rechten Gottes und setzt sich fuer uns ein; zusaetzlich stuetzt uns auch der Heilige Geist, der uns mit unaussprechlichem Seufzen vertritt (Roem 8,26). In Jer 32,40 verspricht Gott mit herrlichen Worten, wie sehr er seine Glaeubigen vor dem Abfallen bewahren will: >>Ich werde einen ewigen Bund mit ihnen schliessen und nie von ihnen ablassen, ihnen Gutes zu tun. Ich will ihnen Ehrfurcht vor mir ins Herz legen, dass sie nicht von mir weichen.<< Hesekiel verspricht, ihnen ihr >>steinernes Herz<< gegen ein >>Herz aus Fleisch<< einzutauschen, so dass sie nach seinen Geboten leben und seine Gebote halten: auf diese Weise sind sie sein Volk und er ihr Gott (Ez 11,19f). Petrus sagt uns genau, dass die Kinder Gottes nicht abfallen koennen: >> ... die ihr in der Kraft Gottes durch den Glauben fuer das Heil bewahrt werdet, das am Ende der Zeit offenbar werden soll<< (1 Petr 1,5). Und Paulus sagt: >>Gott hat die Macht, euch jegliche Gabe in Fuelle zukommen zu lassen, dass ihr an allem allzeit genug und noch Ueberfluss habt, um gute Werke aller Art zu tun<< (2 Kor 9,8). Er erklaert, dass der Diener des Herrn stehen bleiben wird, denn >>der Herr ist maechtig genug, ihn aufrecht zu halten<< (Roem 14,4). Christen haben darueber hinaus das Versprechen: >>Gott ist treu. Er laesst euch nicht ueber eure Kraefte versuchen, sondern schafft mit der Versuchung auch den guten Ausgang, dass ihr sie bestehen koennt<< (1 Kor 10,13). Gott haelt viele Versuchungen aus reiner Gnade zurueck, Versuchungen, die fuer seine Kinder zu stark waeren. Die Versuchungen, die sie erdulden muessen, sind Teil seiner Vorsehung; er allein bestimmt das Mass. >>Treu ist aber der Herr; er wird euch staerken und vor dem Boesen bewahren<< (2 Thess 3,3). >>Die ihn fuerchten, umschirmt der Engel des Herrn und schafft ihnen Rettung<< (Ps 34,8). Inmitten all seiner Pruefungen und Truebsale konnte Paulus sagen: >>Allenthalben werden wir bedraengt, doch nicht erdrueckt; zweifelnd, aber nicht verzweifelnd, verfolgt, aber nicht im Stich gelassen, niedergeworfen, aber nicht vernichtet. Wir wissen ja: Der den Herrn Jesus auferweckt hat, wird auch uns mit Jesus auferwecken und mit euch vor sich stellen<< (2 Kor 4,8.9.14). Die Heiligen werden selbst in dieser Welt als Baeume bezeichnet, die nicht verwelken (Ps 1, 3); sie werden mit den Zedern am Libanon verglichen (Ps 92,13). Sie sind wie der Berg Zion, der nicht versetzt werden kann, sondern fuer immer bestehen bleibt (Ps 125,1) und wie ein Haus, das auf einem Felsen errichtet worden ist (Mt 7,24). Der Herr ist bei ihnen auch im Alter (Jes 46,4) und begleitet sie bis in den Tod (Ps 48,15). Auf diese Weise koennen sie nimmermehr verlorengehen. Da ist aber noch ein anderes, starkes Argument: das Buch des Lebens des >>Lammes<<. Die Juenger sollten sich nicht so sehr darueber freuen, dass ihnen die Daemonen gehorchten, sondern dass ihre Namen im Buch des Lebens geschrieben stehen, ueber welches das Lamm verfuegt. Dieses Buch enthaelt eine Liste der Erwaehlten, vorherbestimmt vom unveraenderlichen Rat Gottes: Kein Name kann ausgeloescht, und kein Name kann hinzugefuegt werden. Hier finden sich die Namen der Gerechten, aber die Namen derer, die verlorengehen, haben von Grundlegung der Welt an niemals darin gestanden! Gott macht doch nicht den Fehler und schreibt Namen hinein, die er dann wieder ausradieren muss! Daher wird niemand, der dem Herrn gehoert, je wieder ausgeloescht werden. Jesus sagte seinen Juengern, dass der Hauptgrund ihrer Freude genau darin bestehen soll, dass ihre Namen im Himmel angeschrieben seien (Lk 10,20); es waere wahrlich wenig Grund zur Freude gewesen, wenn sie anderntags wieder haetten ausgeloescht werden koennen. Paulus schrieb den Philippern: >>Unsere Buergerschaft ist im Himmel!<< (Phil. 3,20). Dem Timotheus schrieb er: >>Der Herr kennt die Seinen<< (2 Tim 2,19). Was die Schrift ueber das Buch des Lebens sagt, kann an folgenden Stellen nachgeschlagen werden: Lk 10,20; Phil. 4,3; Offb. 3,5; 14,18; 17,8; 20,12--15; 21, 27. Das alles sind einfache und klare Aussagen darueber, dass der Christ unter der Gnade bleibt. Der Grund dafuer ist Gott allein; Gott allein wird ihn im Stand dieser Gnade bewahren. Mit diesen Versprechen sind die Erwaehlten von beiden Seiten abgesichert. Nicht nur wird Gott sie nicht verlassen, sondern er wird ihnen jene Furcht ins Herz geben, dass sie auch nicht von Ihm weichen. Kein wirklich geistlicher Christ kann an dieser biblischen Lehre zweifeln. Es scheint, dass der Mensch in seiner Armut, in seiner Zerschlagenheit und Ohnmacht eine Lehre sehr willkommen heissen muss, die ihm die Sicherheit der ewigen Seligkeit trotz aller Angriffe von aussen und auch trotz aller teuflischen Tendenzen seines eigenen Herzens zusichert. Doch so ist es gerade nicht: Er lehnt sie ab, ja, bestreitet sie gar noch! Der Grund fuer dieses Verhalten ist nicht schwer einzusehen. Erstens vertraut er am liebsten sich selbst, und das ganz zuunrecht. Zweitens ist dieser Plan so kontraer zu dem, was er von der Natur her kennt, dass er davon ueberzeugt ist: er kann nicht stimmen. Und drittens fuehlt er genau: wenn diese Lehre stimmt, so stimmen die anderen logischerweise auch. So raesoniert und erklaert er die Bedeutung dieser Schriftstellen hinweg, die all dies lehren und waehlt ein paar andere, die -- oberflaechlich gesehen -- seine vorgefasste Meinung zu stuetzen scheinen. Tatsaechlich ist ein Lehrgebaeude, das reine Gnaden-Erloesung vorsieht, seiner Erfahrung im Alltag zuwider; taeglich sieht er ja, wie alles und jedes nach Werk und Verdienst geschieht, so dass er grosse Schwierigkeiten hat, eine solche Lehre fuer wahr zu halten. Er wuenscht, an seiner eigenen Errettung irgendwie teilzuhaben zu koennen und jedes seiner mickrigen Werke hoch belohnt zu sehen. __________________________________________________________________ [170] Man wird sich daran erinnern, dass dieses "Erkennen" kein simples "In-die-Zukunft-blicken" bedeutet, sondern erwaehlen bedeutet (A. d. Ue.). __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XV __________________________________________________________________ Bekannte Einwaende gegen die Lehre von der Vorherbestimmung __________________________________________________________________ Einwand 1: Sie sei nichts als Fatalismus Die christliche Lehre von der Vorherbestimmung wird oft mit dem Fatalismus gleichgesetzt. Dadurch entsteht kein geringes Missverstaendnis. Zwischen diesen beiden Anschauungen gibt es tatsaechlich nur einen einzigen Punkt der Aehnlichkeit: beide Ansichten sind davon ueberzeugt, dass alles, was die Zukunft betrifft, voellig feststeht. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Sichten ist aber, dass der Fatalismus keinen Platz fuer einen persoenlichen Gott hat. Die Lehre von der Vorherbestimmung besagt, dass das Kuenftige geschieht, weil es ein unendlich weiser, maechtiger und heiliger Gott so gefuegt und bestimmt hat. Der Fatalismus dagegen sieht als Verursacher nichts als eine blinde, dumpfe, unpersoenliche und amoralische Kraft, die von physikalischer Notwendigkeit nicht unterschieden werden kann. Diese Kraft reisst uns mit wie ein maechtiger Strom ein Stueckchen Holz mitreisst. Die Praedestinationslehre besagt, dass Gott von Ewigkeit her einen Plan verfolgt und dass er dafuer sorgt, dass dieser Plan in allen Einzelheiten ausgefuehrt wird -- das ist unsere Weltgeschichte. Sie besagt auch, dass alle seine Beschluesse vernuenftig festgelegt und voellig klar durchdacht sind. Er hat ein Ziel festgesetzt, auf das sich die ganze Schoepfung zubewegt. Sie besagt weiter, dass das grosse Ziel dieses Plans in erster Linie die Herrlichkeit Gottes ist. Das zweite ist das Heil seines Volkes. Der Fatalismus kennt so etwas wie ein letztes Ziel dagegen nicht. Er reisst die Zuegel der Herrschaft aus den Haenden der unendlichen Weisheit und Liebe und legt sie in die Haende der blinden Notwendigkeit. Der Lauf der Natur und die Erfahrung des Menschen sind nichts als Phaenomene einer unwiderstehlichen Macht, gegen die zu kaempfen aussichtslos ist und gegen die zu klagen einen Akt der Infantilitaet darstellt. Die Praedestinationslehre tastet weder die Freiheit noch die Verantwortlichkeit des Menschen an. Gott hat die menschliche Freiheit mitten in die Gewissheit hinein gestellt. Der Fatalismus kennt keine Wahlmoeglichkeit, keine Selbstbestimmung. Im Fatalismus entziehen sich alle Handlungen der Menschen ihrer Kontrolle, sie sind nichts als von Naturgesetzen bestimmt. Der Fatalismus kennt demzufolge auch keinerlei Moral, waehrend die Praedestinationslehre die Ethik geradezu zum Regelwerk Gottes und des Menschen macht. Der Fatalismus hat keinen Platz fuer religioese Anreize; Liebe, Gnade, Heiligkeit, Gerechtigkeit oder Weisheit muessen ihm notwendig fremd bleiben. Die Praedestinationslehre dagegen liefert die staerkste denkbare Basis dafuer. Der Fatalismus muss letztlich zu Skepsis und Verzweiflung fuehren. Nicht so die Praedestination: aus ihr heraus entwickelt sich die Herrlichkeit Gottes und seines Koenigreiches in all seiner Schoenheit erst; sie erst gibt jene unerschuetterliche Sicherheit. Die Praedestination unterscheidet sich vom Fatalismus, wie sich die Handlungen eines Menschen von den >>Handlungen<< einer Maschine unterscheiden oder wie die Liebe des himmlischen Vaters sich von der Schwerkraft unterscheidet. >>Sie offenbart uns die herrliche Wahrheit, dass sich unser Leben und all unser Fuehlen nicht in den riesigen Zahnraedern eines unbarmherzigen Schicksals oder in blindem Zufall befinden, sondern in den Haenden eines unendlich guten, weisen und allmaechtigen Gottes.<< [171] Calvin hat sich heftig gegen einen Vergleich der Praedestinationslehre mit dem Fatalismus gewehrt: >>Das Schicksal ist ein Begriff, der von den Stoikern fuer ihre Lehre von der Notwendigkeit eingefuehrt worden ist. Sie haben diese Lehre aus einem Labyrinth widerspruechlicher Vernuenfteleien ersonnen; (es ist dies) eine Lehre, die selbst Gott dem Schicksal unterordnet und ihm die Gesetze vorschreibt, nach denen er sich richten muss. Praedestination dagegen definiere ich so, wie ich sie aus den Heiligen Schriften sehe: hier betrifft der freie und ungehinderte Ratschluss Gottes, mit dem er die Menschheit regiert, Menschen und Dinge gleichermassen; alle Teile dieser Welt unterstehen seiner unendlichen Weisheit und unausforschlichen Gerechtigkeit. ... Haettet ihr meine Buecher genauer gelesen, dann waeret ihr sofort ueberzeugt gewesen, wie sehr ich den profanen Ausdruck >Schicksal< ablehne: vielmehr haettet ihr gesehen, dass dieser horrende Ausdruck dem Augustin von seinen Feinden in den Mund gelegt worden war.<< [172] Luther sagt, die Tatsache, dass der Fatalismus den Heiden bekannt ist, sei ein Beweis dafuer, >>dass im einfachen Volk nicht minder das Wissen um die Vorherbestimmung und das Vorherwissen Gottes als die Gottesvorstellung selbst geblieben ist.<< [173] Der Fatalismus ist in sich unlogisch. Man muesste denken: >>Wenn ich heute sterben muesste, dann brauche ich nichts zu essen, denn ich sterbe sowieso. Wenn ich aber noch viele Jahre leben werde, dann brauche ich ab jetzt auch nicht mehr zu essen, da ich ja ohnehin leben werde.<< Es braucht nicht erwaehnt zu werden, dass Gottes Vorherbestimmung, dass der Mensch leben wird, einschliesst, dass er sich nicht zu Tode hungert. Hamilton sagt: >>Die Praedestinationslehre gleicht dem heidnischen Schicksal nur oberflaechlich. Der Christ ist nicht in den Haenden eines kalten, unveraenderlichen Determinismus, sondern in den Haenden eines freundlichen, liebenden, himmlischen Vaters, der ihn so sehr geliebt hat, dass er seinen Sohn fuer ihn nach Golgatha geschickt hat! Der Christ weiss, dass >alle Dinge zum Besten dienen denen, die Gott lieben; denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind.< Der Christ kann auf Gott vertrauen, weil er weiss, dass Er weise, liebend, gerecht und heilig ist. Er sieht das Ende von Beginn an, so dass er nicht in Panik geraten muss, wenn die Dinge aus dem Ruder zu laufen scheinen.<< [174] Nur jemand, der die Praedestinationslehre nicht genau studiert hat oder jemand, der ihr von vornherein negativ gegenuebersteht, kann sie mit dem Fatalismus verwechseln! Jemand, der den Unterschied aber kennt, hat keine Entschuldigung mehr, wenn er sie dennoch durcheinander bringt! Das Universum ist eine Einheit mit System -- das geht nicht ineins mit dem Fatalismus, der mit Geist, Verstand, Ziel und Zweck nichts am Hut hat. Die biblische Lehre der Praedestination sagt klar: Gott hat alle Dinge geschaffen, seine Vorsehung umfasst alle seine Werke und er hat uns als freies Wesen selbst zu freien Wesen gemacht -- innerhalb unserer natuerlichen Grenzen. Unsere Lehre von der Praedestination ist nicht nur nicht mit dem Fatalismus zu verwechseln, sondern ist sogar ihr absolutes Gegenteil und einzige Alternative. __________________________________________________________________ [171] E. W. Smith, The Creed of Presbyterians, S. 167. [172] Calvins Calvinism, The Secret Providence of God, Calvins Calvinism, S. 261, 262. Das Dokument kann unter [4]http://www.the-highway.com/calvin's_calvinism_index.html geladen werden (A. d. Ue.). [173] Martin Luther, Vom unfreien Willen (1525). [174] Boettner gibt die Quelle nicht an. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XVI __________________________________________________________________ Einwand 2: Sie widerspreche der Freiheit und der Verantwortlichkeit des Menschen __________________________________________________________________ 1) Das Problem der menschlichen Freiheit Das Problem, dem wir uns nun widmen, laesst sich so darstellen: Wie kann ein Mensch gleichzeitig in seinen Handlungen frei sein und dennoch dafuer verantwortlich sein, wenn alles, was er tut, von Ewigkeit her vorbestimmt ist? Wenn ich sage >>frei<< und >>verantwortlich<<, dann meine ich damit eine intelligente Person, die aus vernuenftiger Selbstbestimmung handelt. Unter Vorherbestimmung verstehe ich, dass Gott von Ewigkeit her den Lauf der Geschehnisse festgelegt hat; dies betrifft nicht nur jedes einzelne Leben, sondern genauso jeden Akt in der Natur. Gleich zu Beginn muss eingeraeumt werden, dass ich damit nicht meine, menschliche Handlungen unterlaegen irgendeinem Zwang. Der Mensch handelt ganz in Uebereinstimmung mit seinen Neigungen und seinem Willen, sonst koennte er dafuer ja nicht verantwortlich gemacht werden. Wenn die Handlung an sich ein zufaelliger und ungewisser Akt waere, dann waere damit klar, dass die Freiheit des Menschen mit der Praedestination unvereinbar waere. Der denkende Mensch, der davon ueberzeugt ist, dass die Existenz alles Seins und alles Seienden von einer gigantischen Macht gesteuert wird, muss sich freilich fragen: Inwiefern kann der endliche Wille des Menschen Teil der souveraenen Herrschaft Gottes sein? Die einzige Loesung dieser ueberaus schwierigen Frage: Wie kann die Souveraenitaet Gottes mit der menschlichen Freiheit koexistieren? kann nicht darin bestehen, eines dieser beiden Dinge zu leugnen, sondern diese beiden Sachverhalte so konvergieren zu lassen, dass keinem etwas von seinem Wert oder seinem Gewicht geraubt wird. Die Ueberlegenheit hat freilich die goettliche Souveraenitaet in ihrer unendlichen Ueberlegenheit ueber das suendige Geschoepf Mensch. Der gleiche Gott, der alle Dinge vorherbestimmt hat, hat der menschlichen Freiheit einen Platz mitten unter all diesen Dingen eingeraeumt; sie existiert wie alles andere auch. Der Mensch ist weder Marionette noch Maschine. Der goettliche Plan birgt in seiner Unendlichkeit Variation und Komplexitaet, die von Ewigkeit zu Ewigkeit sind; er um- fasst Abermillionen Individuen, deren Handlungen zueinander in Beziehung stehen. Gott hat vorherbestimmt, dass seine Geschoepfe die Handlungsfreiheit unter seiner souveraenen Herrschaft behalten sollen. Er hat nicht versucht, uns das zu erklaeren, und unser begrenzter Verstand waere auch gar nicht in der Lage, jene Komplexitaet zu erfassen. Die Schreiber der Bibel zoegerten nicht, die absolute Herrschaft und den unumschraenkten Einfluss Gottes auch ueber die Gedanken und Absichten der Menschen zu bekraeftigen; es brachte sie in keinerlei Verlegenheit, die Handlungsfreiheit des Menschen mit dem allumfassenden Plan Gottes zusammenzudenken. Die Autoren des Westminster-Bekenntnisses anerkannten ganz klar die Handlungsfreiheit des Menschen, denn sofort, nachdem sie erklaert hatten: >>Gott hat von aller Ewigkeit her nach dem vollkommen weisen und heiligen Ratschluss seines eigenen Willens uneingeschraenkt frei und unveraenderlich alles angeordnet, was auch immer geschieht,<< haben sie sofort hinzugefuegt: >>doch so, dass Gott dadurch weder Urheber der Suende ist noch dem Willen der Geschoepfe Gewalt angetan, noch die Freiheit oder Moeglichkeit der Zweitursachen aufgehoben, sondern vielmehr in Kraft gesetzt werden.<< [175] Obwohl der Mensch der Urheber seiner Taten bleibt, sind diese doch in gewissem Mass vom Wirken und Handeln der goettlichen Macht und deren Gesetzmaessigkeiten abhaengig. Man kann diesen Sachverhalt einem Mann vergleichen, der sich vornimmt, ein Haus zu bauen. Nachdem er einen Plan erstellt hat, bestellt er die Maurer, Maler, den Installateur usw., die die Arbeit ausfuehren. Diese Maenner werden nicht dazu gedraengt, das Haus zu bauen. Es wird keinerlei Zwang auf sie ausgeuebt. Der Eigentuemer sorgt quasi nur fuer den geeigneten finanziellen Anreiz, die Arbeitsbedingungen und sonstige Umstaende. Sind sie festgelegt, so wer- den die Handwerker frei und ungezwungen an ihr Handwerk gehen. Sie werden genau nach Plan vorgehen. Der Bauherr ist die >>erste Ursache<< des Hauses, die Handwerker stellen die >>Zweitursachen<< dar, indem sie dem Plan folgen und das Haus tatsaechlich bauen. Wie oft beeinflussen wir nicht auch die Handlungen unserer Mitmenschen, ohne sie irgend in ihrer Freiheit oder ihrer Verantwortlichkeit zu beschraenken? Aehnlich, nur in unendlich groesserem Mass kann auch Gott unser Handeln dirigieren. Sein Wille zum Geschichtsverlauf ist die Erstursache, der menschliche Wille die Zweitursache: beide harmonieren perfekt. In einem gewissen Sinn koennten wir sagen, das Reich Gottes sei demokratisch, so paradox das auch klingen mag. Das wesentliche Prinzip einer Demokratie besteht im >>Konsens der Regierenden<<. Selbstverstaendlich ist der Himmel ein Koenigreich, und Gott ist der unumschraenkte Herrscher, und dennoch wird auf der Basis von Uebereinkunft regiert: Der Himmel zwingt seine Kinder nicht zum Glauben, sondern beeinflusst sie derart, dass sie von selbst dahin wollen und das Evangelium willig akzeptieren. Die Glaeubigen haben Freude daran, den Willen Gottes auszufuehren. __________________________________________________________________ [175] WB, Art. 3.1. __________________________________________________________________ 2) Dieser Einwand betrifft auch das Vorherwissen Wir muessen bedenken, dass der Einwand, der freie Wille widerspreche der Vorherbestimmung, ganz gleichermassen auch einen Einwand gegen das Vorherwissen Gottes darstellt. Wenn Gott ein Ereignis als zukuenftig vorhersieht, dann muss es ja so gewiss geschehen, als ob es vorherbestimmt waere; wenn das eine mit der Handlungsfreiheit des Menschen nicht vereinbar ist, dann ist es das andere auch nicht. Das wird sogar oft freimuetig zugegeben; die Unitarier etwa sind da in ihrer Logik wesentlich stimmiger als der Arminianismus, obgleich man die Unitarier nicht >evangelisch< wird nennen duerfen. Sie sagen, Gott wisse alles, was wissbar sei, aber die Handlungen freier Menschen seien ungewiss; es entehre Gott nicht, wenn man behauptet, diese Handlungen koenne selbst er nicht vorherwissen. Wir sehen aber, dass die Bibel viele Geschehnisse genau vorhersagt, grosse wie kleine. Diese Geschehnisse sind aber gerade durch die Handlungen freier Menschen eingetroffen! Normalerweise wissen die Menschen gar nicht, dass sie Teil der jeweiligen Prophezeiung sind, die sie zu erfuellen im Begriff stehen. Sie haben aus freien Stuecken gehandelt, obwohl ihre Handlungen exakt vorausgesagt worden waren. Ein paar Beispiele: die Ablehnung Jesu seitens der Juden, das Zerteilen des Gewandes Jesu und der Loswurf der roemischen Soldaten; die Verleugnung des Petrus, das Kraehen des Hahnes, der Speerstich in die Seite Jesu, die Gefangennahme und Wegfuehrung der Buerger Jerusalems, die Zerstoerung Babylons usw. usf. Die Schreiber der Bibel jedenfalls zweifelten nicht an der Faehigkeit Gottes, jene freien menschlichen Akte vorherzusehen; im Gegenteil: sie waren sicher, dass sich alles wie vorausgesagt ereignen wird. Dass Gott im Voraus wusste, was Judas und Petrus tun wuerden, tat deren Freiheit keinen Eintrag -- sie selbst waeren keinesfalls dieser Meinung gewesen, denn Judas sagt sogar spaeter: >>Ich habe gesuendigt, in dem ich unschuldiges Blut verraten habe<<, und als Petrus den Hahn kraehen hoerte, erinnerte er sich an das, was Jesus gesagt hatte, ging hinaus und weinte bitterlich. Was Jesu triumphalen Einzug in Jerusalem betrifft, heisst es: >>Das verstanden seine Juenger anfangs nicht. Als aber Jesus verherrlicht war, da kam es ihnen zum Bewusstsein, dass dies von ihm geschrieben stand und dass sie dabei mitgewirkt hatten<< (Joh 12,16). Nur weil wir im Voraus wissen, dass ein gerechter Richter jede Bestechung ablehnen wird und dass ein Geizhals den Klumpen Gold wohl kaum aus der Hand geben wird, heisst das noch lange nicht, dass dieses Wissen irgendeinen Einfluss auf die Natur des Handelnden oder auf seine Freiheit hat. Wenn schon wir mit unserem begrenzten Wissen oft aufgrund der vorhergesehenen Einfluesse und aufgrund der Kenntnis eines Charakters ziemlich genau voraussagen koennen, was eine Person unter gegebenen Umstaenden tun wird, wie sollte dann Gott, der alle Menschen auf das Genaueste kennt, dazu auch alle Einfluesse und Umstaende, wie sollte dann Gott nicht genau vorhersehen, was auch immer geschehen wird? Das Vorauswissen einer Handlung widerstreitet also keineswegs der inneren Logik menschlichen und freien Handelns. Waere das anders, so koennte auch Gott nicht wissen, was geschehen wird. Das Vorherwissen verursacht die zukuenftigen Ereignisse ja nicht, sondern weiss sie im Voraus; zu behaupten, Gott wisse ein ungewisses Ereignis zum Voraus, ist unlogisch. Entweder sind die zukuenftigen Ereignisse gewiss, und dann weiss sie Gott auch voraus, oder sie sind es nicht, und dann kann sie auch Gott nicht vorhersehen. Vorherwissen und Vorherbestimmung stehen und fallen miteinander. __________________________________________________________________ 3) Gewissheit ist mit menschlicher Freiheit voellig vereinbar Aus dem bisher gesagten folgt nicht, dass der Mensch nicht auch haette anders handeln koennen. Er haette anders handeln koennen, wenn er sich anders entschieden haette. Oft kann der Mensch so handeln, wie er gewiss nicht handeln wird; genauso kann er Abstand nehmen von einer sonst vorhersagbar sicheren Handlungsweise. Das heisst nichts anderes, als dass kein aeusserer Zwang auf ihn ausgeuebt wird. Unsere Handlungen harmonieren mit dem goettlichen Beschluss nicht auf die Weise, dass wir nicht auch anders handeln koennten, ja dies manchmal sogar sollten! Die Vorsehung >>erlaubte<< Judas und seinen Komplizen, nach ihren Absichten zu handeln -- und sie handelten gemaess ihrer boesen Neigung. So konnte sie Petrus des Verbrechens schuldig sprechen bei gleichzeitiger Erklaerung, dass sie nach dem vorherbestimmten Rat und Wissen Gottes gehandelt hatten: >>Den habt ihr nach Gottes festgesetztem Ratschluss und Vorherwissen ausgeliefert und durch die Haende der Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und getoetet<< (Apg 2,23). Es kann noch auf andere Art und Weise gezeigt werden, inwiefern die Vorherbestimmung mit der Freiheit menschlichen Handelns uebereinstimmt. Wir wissen genau, wie wir unter gegebenen Umstaenden handeln werden, wenn wir die Freiheit dazu haben werden. Eine Mutter weiss ganz gewiss: Wenn ihr Kind in Bedraengnis kommt, so wird sie ihm zur Hilfe eilen, und zwar ganz und gar aus freiem Willen! Gott ist >frei<, doch wird er ganz gewiss immer gerecht handeln. Auch die heiligen Engel und die Erloesten im Himmel handeln voellig frei [176] , Obgleich eines gewiss ist: suendigen werden sie nimmermehr, da fuer sie sonst keines Bleibens mehr im Himmel waere. Genauso sicher ist, dass der Teufel und seine Engel genauso wie die Verlorenen suendigen werden, und zwar ganz aus freiem Willen. Ein Vater mag wissen, wie sich sein Sohn unter gegebenen Umstaenden verhalten wird. Er nimmt gezielt Einfluss auf diese Umstaende und >>determiniert<< damit gewissermassen das Handeln seines Sohnes; der Sohn wird dennoch ganz aus freien Stuecken handeln. Wenn er seinen Sohn dazu bringen will, Medizin zu studieren, dann wird er ihn schon frueh dazu ermutigen; er wird ihm entsprechende Buecher empfehlen und ihn davon zu ueberzeugen suchen, solche Literatur zu lesen; er wird ihn auf die entsprechende Schule schicken und so die Umstaende arrangieren, um zu seinem Ziel zu gelangen. In derselben Weise, nur freilich von keinerlei Umstand beschraenkt, steuert auch Gott unsere Handlungen, und doch bleiben wir ganz und gar frei. Sein Beschluss bringt die menschlichen Handlungen nicht hervor, sondern stellt nur sicher, dass sie sich so ereignen; derselbe Beschluss, der die Gewissheit des menschlichen Handelns sicherstellt, sichert auch die Freiheit menschlichen Handelns. __________________________________________________________________ [176] Die Redensart "aus freiem Antrieb handeln" verraet schon viel darueber, dass auch der freie Wille seine Beweggruende hat. Die Neigungen des Menschen sind die Determinanten seines Handelns (A. d. Ue.). __________________________________________________________________ 4) Der menschliche Wille ist unter die Suende versklavt Genau gesagt besteht die Freiheit des menschlichen Willens darin, dass sie keinem Zwang unterliegt, sich also nicht mit seinem Willen ueberschneidet und damit auch seine Entscheidungsfreiheit nicht antastetet. Damit bleibt er auch fuer sein Handeln verantwortlich. Er kann als gefallenes Wesen nur eine Freiheit haben: die >>Freiheit der Sklaverei.<< Er ist der Suende versklavt und folgt ganz automatisch und natuerlicherweise den Zielen Satans. Er hat keinerlei Faehigkeit oder inneren Antrieb, Gott zu folgen. Kann man dies denn >>frei<< nennen? Die Antwort darauf lautet: Nein. Der Ausdruck >>freier Wille<< sollte besser durch den Begriff >>Selbstwille<< [177] ersetzt werden: Dieser Ausdruck beschreibt den Zustand des gefallenen Menschen besser. Es muss daran erinnert werden, dass der Mensch nicht so geschaffen worden ist, sondern dass er aus eigener Schuld in jenen Zustand geraten ist; mit dem Verlust dieser urspruenglichen Freiheit aber ist die Verantwortlichkeit nicht auch verloren gegangen! Wenn die Erloesung des Menschen einst voellig abgeschlossen sein wird, wird er ganz spontan und staendig dem Willen Gottes entsprechen, genau wie die Engel; er wird aber zu keiner Zeit sein eigener Herr sein. Es kann nicht geleugnet werden, dass genau dies die Lehre Luthers war. In seinem Buch Vom unfreien Willen verfolgt er das Ziel, zu zeigen, dass der Wille des Menschen in seinem natuerlichen Zustand ganz unter die Suende versklavt ist; dass er sich trotz dieser Vernarrtheit in seinen Zustand frei waehnt, erklaert Luther so: >>Was der Mensch auch tut, tut er notwendig, doch ohne dass er dabei Zwang empfindet; er kann nur tun, was Gott von Ewigkeit her gewollt und von dem er gewusst und bestimmt hat, und dieser Wille Gottes ist wirksam, sein Vorherwissen ist gewiss. ... Weder der Wille Gottes noch der Wille des Menschen steht unter Zwang; alles was der Mensch tut, sei es Gutes oder Boeses, tut er ganz nach seiner Neigung und seinem Willen, als waere dieser frei. Aber letztlich bleibt der Wille Gottes gewiss und unveraenderlich; er regiert den menschlichen Willen.<< [178] An einer anderen Stelle sagt er: >>Nachdem naemlich zugestanden und begriffen ist, dass der freie Wille, nachdem er die Freiheit verloren hat, unter die Knechtschaft der Suende gezwungen worden ist und gar nichts Gutes wollen koenne, so kann ich aus diesen Worten nichts anderes entnehmen, als dass der freie Wille ein leeres Woertchen ist, dessen Inhalt verloren ist. Eine verlorene Freiheit nennt meine Sprachlehre keine Freiheit.<< [179] Er nennt den >>freien Willen<< nichts als >>eine reine Luege<< [180] und fuegt etwas spaeter hinzu: >>Es ist also auch dies vor allen Dingen notwendig und heilsam fuer den Christen zu wissen, dass Gott nichts zufaellig vorherweiss, sondern dass er alles mit unwandelbarem, ewigem und unfehlbarem Willen sowohl vorhersieht, sich vornimmt und ausfuehrt. Durch diesen Donnerschlag wird der freie Wille zu Boden gestreckt und ganz und gar zermalmt. Deshalb muessen die, welche den freien Willen behauptet haben wollen, diese schlagende Erkenntnis entweder verneinen oder verleugnen oder auf irgendeine andere Weise von sich schaffen.<< [181] Es wird manchmal eingewendet: Wenn der Wille des Menschen nicht voellig frei waere, dann befoehle Gott ihm ja Dinge, die er gar nicht tun kann. An vielen Stellen der Schrift wird der Mensch aber aufgefordert, Dinge zu tun, die er aus eigener Kraft niemals tun koennte! Der Mann mit der verdorrten Hand sollte diese Hand ausstrecken. Der Gelaehmte ist aufgefordert worden, aufzustehen und zu gehen; der Kranke, aufzustehen, sein Bett zu nehmen und zu gehen. Der tote Lazarus bekam den Befehl: Komm heraus! Den Menschen wird der Glaube befohlen, und dennoch ist dieser Glaube eine >>Gabe Gottes<<. >>Wach auf, du Schlaefer, stehe auf von den Toten, und Christus wird dich erleuchten!<< (Eph 5,14). >>Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.<< (Mt 5,48). Des Menschen selbstverschuldete Unfaehigkeit zum richtigen Handeln entbindet ihn noch lange nicht von der Pflicht, so zu handeln! __________________________________________________________________ [177] Ich schlage die Bezeichnung "ethisch neutraler Wille" vor (A. d. Ue.). [178] Martin Luther, Vom unfreien Willen. [179] Ebd. [180] Luther schreibt: >>Denn das ist offensichtlich ein Beweis dafuer, dass der freie Wille eine reine Luege ist, dass es mit ihm geht wie mit jenem Weibe im Evangelium (Luk. 8,43); je mehr die Aerzte sich mit der Heilung befassen, desto schlimmer steht es<< (A. d. Ue.). [181] Ebd. __________________________________________________________________ 5) Gott steuert menschliches Denken und Wollen: die Seinen kommen freiwillig Gott beeinflusst des Menschen Gefuehle, seine Umgebung, seine Gewohnheiten, seine Wuensche, Motive usw. so, dass sie ganz frei das tun, was Er beabsichtigt. Wie er das tut, ist zwar undurchschaubar, doch nichtsdestoweniger real, und nur weil wir mit unserem begrenzten Verstand nicht durchschauen koennen, wie sein Einfluss dabei die menschliche Freiheit bestehen laesst, heisst das noch lange nicht, dass er diesen Einfluss nicht auf die von uns geschilderte Weise ausueben kann. Wir wissen allerdings, dass Gott souveraen ist, genauso wie wir auch wissen, dass der Mensch frei ist. Beides wirkt in Harmonie zusammen. Paulus pflanzte, Apollo begoss, doch es war Gott, wer das Gedeihen schenkte. Paulus befahl den Philippern: >>Bewirkt eure Seligkeit mit Furcht und Zittern<<, fuegte aber sofort hinzu: >>denn Gott ist es, der beides wirkt: das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen<< (Phil. 2,13f.). Der Psalmist sagt: >>Dein Volk wird voller Willigkeit sein am Tage deiner Macht<< (Ps 110,3). Die Handlung der Geschoepfe ist zum grossen Teil schon durch die gottgegebene >>Natur<< vorherbestimmt. Wenn er einem Geschoepf menschliche Natur verleiht, wird es handeln wie ein Mensch, erschafft er ein Pferd, dann handelt auch dieses Geschoepf seiner Natur gemaess. Das gilt freilich auch fuer die Pflanzenwelt. Es ist ja klar, dass der Mensch nicht dazu geschaffen worden ist, auf allen Vieren zu gehen oder zu wiehern wie ein Pferd. Eine Handlung ist dann unfrei, wenn sie von aussen bestimmt wird, sie aber ist frei, wenn sie von innen bestimmt wird, und das ist ganz genau die Art, wie Gott den Menschen vorherbestimmt hat. Der umfassende Beschluss Gottes sichert die menschliche Freiheit. Er bestimmt den Charakter des Menschen; er hat bestimmt, dass seine Umgebung Auswirkungen auf ihn hat, dass die Einfluesse, denen er ausgesetzt ist, ihn bedingen, dass er von inneren Affektionen angetrieben wird, von Wuenschen, Gewohnheiten usw. In all dieser ihn umgebenden und durchdringenden Welt trifft er seine Entscheidungen aus freier Vernunft heraus. Es ist gewiss, dass seine Entscheidung immer zugunsten einer Sache und zuungunsten einer anderen fallen wird. Gott, der die Ursachen aller Dinge kennt und steuert, weiss genau, welche Wahl ein Mensch unter gegebenen Umstaenden treffen wird und bestimmt so diese Wahl im Voraus. Zanchius hat diesen Gedanken sehr klar ausgedrueckt, wenn er zur Freiheit des Menschen bemerkt: >>Der Mensch handelt vom ersten bis zum letzten Augenblick seines Lebens (ob er das nun weiss oder nicht, ob er das plant oder nicht) ganz nach der Absicht und den Beschluessen Gottes; dennoch fuehlt er keinerlei Zwang, sondern handelt frei und freiwillig, so als ob er sein eigener Herr waere.<< [182] Luther hat gesagt: >>Sowohl gerechte als auch boese Menschen handeln ganz nach dem Beschluss Gottes; sie werden nicht von aussen dazu gezwungen, sondern handeln ganz freiwillig.<< [183] In Uebereinstimmung mit dem Gesagten glauben wir, dass Gott eine bis in die kleinste Einzelheit wirkende Vorsehung ueber sie walten lassen kann, ohne ihre Handlungsfreiheit in irgendeiner Weise zu zerstoeren oder zu beeintraechtigen. Er kann durch seinen Heiligen Geist auf dieser Basis erreichen, dass sich seine Erwaehlten Christus zuwenden werden und in seinen Diensten bleiben werden. Wir glauben allerdings, dass niemand dieses Verlangen nach Christus hat, ausser jene, denen Gott dieses Verlangen schon vorher eingestiftet hat und dass er es einzig seinen Erwaehlten einstiftet. Obgleich seine Erwaehlten auf diese Art geneigt gemacht werden, handeln sie so freiwillig wie irgend jemand, den man zu einem Spaziergang ueberredet oder zur Investition seines Geldes in Staatsanleihen. Eine gute Illustration, wie Gott auf diese Weise sowohl mit seinen Erwaehlten als auch mit den Verlorenen handelt, gibt H . Johnson: >>Angenommen, zweihundert Menschen sind wegen eines Verstosses gegen das Gesetz eingesperrt. Angenommen, ich traefe Vorsorge zu ihrer Begnadigung, sodass der Gerechtigkeit und dem Gesetz Genuege getan werden kann. Die Gefangenen sind frei. Die Gefaengnistore werden aufgeschlossen und jedem wird versprochen, dass ihm Amnestie gewaehrt wird samt der Versicherung, dass er das Gefaengnis verlassen kann und ein freier Mann ist, wenn er will. Nehmen wir weiter an, kein einziger Mann verliesse das Gefaengnis. Nun nehmen wir an, dass ich sichergehen will, dass die Amnestie auch wirksam wird und meine Bemuehungen um Begnadigung nicht umsonst sind. Ich suche also einhundertfuenfzig dieser schuldigen und verurteilten Maenner persoenlich auf und ueberrede sie mit sanfter Gewalt, das Gefaengnis zu verlassen. Das ist Erwaehlung. Habe ich dann die uebrigen fuenfzig etwa eingesperrt lassen? Die Amnestie reichte ja aus, auch sie in Freiheit zu bringen; das Gefaengnis bleibt offen, ihre Zellen ebenso; jedem einzelnen, der nach draussen geht, wird die Freiheit garantiert. Jeder im Gefaengnis weiss, dass er seine Freiheit nutzen kann, wenn er will. Habe ich die fuenfzig anderen eingesperrt lassen?<< [184] Die alte, pelagianische Lehre, die der Arminianismus zeitweise vertreten hat, dass Lob und Tadel in Bezug auf Tugend und Laster davon abhaengen, was eine Person aus eigener Kraft waehlen und tun wird, fuehrt logischerweise dazu, dass den Engeln im Himmel und auch den vollendeten Heiligen, ja selbst Gott die Loeblichkeit abgesprochen werden muss, da es fuer Engel, vollendete Heilige und Gott ja unmoeglich sei, zu suendigen.11) Damit hoere die Tugend im Himmel auf, verdienstvoll zu sein, da sie keine Wahlmoeglichkeit mehr voraussetzt. Der Gedanke, dass die Kraft, zwischen gut und boese zu unterscheiden, selbst es ist, die den Willen lobenswert oder tadelnswert macht, ist ein Missverstaendnis. [185] Zwar: diese Beschaffenheit erhoeht den Menschen ueber das Tier. Doch macht sie seinen Willen noch nicht vollkommen. So sagt auch Mozley: >>Der hoechste und vollkommenste Zustand eines Willens ist der der Notwendigkeit: eine Entscheidungsmacht, die nicht auf wahrem und genuinem Willen beruht, ist schwach und unvollkommen. Es ist doch ein groesseres Zeichen fuer einen unvollkommenen und unreifen Zustand des Willens, dass er ueberhaupt eine Wahl zwischen Gut und Boese treffen muss und sein Wille somit staendig in der Schwebe gehalten wird!<< [186] Die gewaehrte Gnade, der die guten Werke mit Notwendigkeit folgen, geht in diesem Leben noch nicht mit vollkommener Umgestaltung einher, denn der wiedergeborene Mensch suendigt manchmal immer noch, doch im Jenseits greift diese Gnade voll und ganz oder eben gar nicht -- die Bestimmtheit des Willens wird dann verabsolutiert, entweder zum Guten oder zum Boesen. Vielleicht kann man das Zusammenwirken des goettlichen Handelns mit dem menschlichen mit der Inspiration der Heiligen Schrift vergleichen: Im hoechsten Sinn von Gott inspiriert, haben doch Menschen ihre eigenen Worte benuetzt. Es werden nicht Teile davon Gott oder den Autoren der einzelnen Buecher zugeschrieben, sondern die Schrift ist in all ihrer Auspraegung und Lehre ganz Gotteswort und Menschenwort. Obgleich die Schreiber derart vom Heiligen Geist beeinflusst waren, dass sie alles aufgeschrieben haben, was Gott wollte und sie vor jeder Fehlerhaftigkeit vollkommen bewahrt worden sind, haben sie ihre Freiheit behalten, und daher muessen wir immer beide Seiten sehen: die goettliche Seite der Schrift und die menschliche Seite. So genannte >>zufaellige Handlungen<< oder Handlungen aus >>freiem Willen<< koennen nicht Teil eines definitiven Vorherwissens sein oder gar Teil vorherbestimmter Plaene. Es liegt in der Natur der Sache, dass derlei Handlungen vollkommen ungewiss bleiben muessen, >>so dass jeder, der an Selbstbestimmung glaubt -- ob ihm das nun bewusst ist oder nicht -- in Wahrheit die heidnische Goettin Fortuna anbetet und dafuer die Vorsehung vom Thron stoesst.<< [187] Wenn Gott die Geister der Menschen nicht auf diese Art lenken duerfte, muesste er ja staendig damit beschaeftigt sein, neue Mittel zu ersinnen, wie er all die Milliarden Einfluesse seiner Geschoepfe, die seinen Plaenen zuwiderliefen, ausgleichen koenne. Wenn der Mensch tatsaechlich diesen freien Willen haette, muesste Gott ja so vorgehen wie ein Mensch, der einen anderen ueberreden will und dabei einen bestimmten Plan befolgt. Er braeuchte aber, Falls Plan A nicht funktionierte, einen Plan B, und falls dieser auch nicht funktionierte, einen Plan C usw. Wenn die Handlungen freier Menschen unbestimmt waeren, dann koennte sie Gott wahrlich nicht vorhersehen. Wie ueberrascht waere er wohl ueber all die vielen unvorhergesehenen menschlichen Entscheidungen, und wie viel muesste er dann taeglich dazulernen! Aber eine solche Ansicht entehrt Gott und ist nicht nur unvernuenftig, sondern obendrein unbiblisch. Wenn Gottes Allwissenheit nicht verleugnet werden soll, dann muss zugegeben werden: Gott kennt in Wahrheit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ereignisse moegen aus unserer Sicht immerhin ungewiss scheinen; aus Seiner Sicht koennen sie das nicht. Dieses Argument ist dermassen schluessig, dass es auch allgemein zugegeben wird. Der schwaechere Einwand, dass Gott naemlich manche Dinge absichtlich nicht vorherweiss, nur um die Freiheit des menschlichen Willens nicht anzutasten, findet ueberhaupt keinen Anhaltspunkt in der Bibel und ist auch sonst sehr unvernuenftig. Ein solcher Gedanke macht Gott zum Vater einiger ziemlich schlimmer Buben, vor denen er sich aber versteckt, weil er Angst hat, er koennte sie bei einem Tun erwischen, das ihm ganz und gar nicht gefiele. Wenn Gott durch eine aeussere Kraft oder auch durch eigenes Handeln begrenzt werden koennte, dann sprechen wir nicht mehr von einem unendlichen Gott. Die arminianische Theorie, derzufolge Gott aengstlich darauf bedacht sei, so viele Suender wie moeglich zu bekehren, dazu aber nicht mehr als ein gewisses Mass an Ueberzeugungsarbeit leisten koenne, ohne die Natur seiner Geschoepfe zu verletzen, gleicht allzu sehr jener persischen Religion der zwei Prinzipien von Gut und Boese, die miteinander im Kampf liegen und von denen keine die andere ueberwinden kann. Der >>freie Wille<< entreisst Ihm die Herrschaft und beraubt Ihn seiner Macht. Er stellt die Kreatur jenseits ihres Schoepfers und gibt ihr in gewissen Dingen ein Vetorecht gegen den ewigen Plan und Willen des Allmaechtigen. Dieser >>freie Wille<< muss es demzufolge moeglich machen, dass die Heiligen selbst im Himmel noch suendigen koennen und damit moeglicherweise noch einmal einen solchen Aufstand im Himmel verursachen koennen wie schon damals, als Satan und die Engel, die mit ihm konspirierten, aus dem Himmel geworfen worden waren. Das Boese koennte damit in letzter Konsequenz irgendwann die absolute Herrschaft erlangen. __________________________________________________________________ [182] Quelle nicht angegeben. [183] Quelle nicht angegeben. [184] Gelegenheitsschrift, The Love of God for Every Man. [185] Diese Sicht teilt schon der Philosoph Leibniz: >>Wir koennen von Natur aus gute und schlechte Beschaffenheiten noch loben und tadeln, wenn der Wille nicht den geringsten Anteil an ihnen hat, bei einem Pferde, beim Diamanten, beim Menschen: und wenn man von Cato aus Utica sagte, er handelte tugendhaft aus natuerlicher Guete und ihm waere es ganz unmoeglich gewesen, anders zu handeln, so wollte man ihn damit nur um so mehr loben.<< Theodizee, Teil 1, Felix Meiner Verlag, S. 137 (A. d. Ue.) [186] Mozley, The Augustinian Doctrine of Predestination, S. 73. [187] Mozley; Boettner gibt die genaue Quelle nicht an. __________________________________________________________________ 6) Art und Weise der Willensbestimmung Als vernuenftiges Wesen braucht der Mensch fuer sein Handeln in gewissem Sinn immer einen Grund. Der Wille entscheidet sich immer zugunsten der staerkeren Motive. Haette er keinerlei Motive, koennte er ueberhaupt keine Entscheidung treffen. Das Gewissen macht uns sicher, fuer alles und jedes, was wir getan haben, einen ausreichenden Grund gehabt zu haben; wir wissen, dass wir anders haetten handeln koennen, wenn wir zum Zeitpunkt der Handlung bzw. kurz vorher andere Ansichten und Gefuehle gehabt haetten. Manchmal leiten uns schwache Gruende zur Tat; wir entscheiden vielleicht aufgrund von Fehlurteilen, aber wie dem auch sei: der Grund reicht jedenfalls aus, um uns zum Handeln zu bewegen. Das Zuenglein an der Waage aendert seine Richtung nur, wenn ein ausreichender Grund dazu vorhanden ist. Mag sein, ein Mensch entscheidet sich fuer etwas Unangenehmes, doch jeder Entscheidung liegen Motive zugrunde, ohne welche sie gar nicht getroffen wuerde. Jemand kann sich beispielsweise dazu entschliessen, seine Zaehne reissen zu lassen, und eine solche Entscheidung muss wahrlich gute Gruende haben. Wie sucht man sonst den Schmerz zu vermeiden! Wie schon angedeutet: man neigt nicht dazu, Dinge zu waehlen, die der eigenen Neigung entgegenstehen; genauso wenig waehlt man gegen seinen Geschmack. Jemand, der es vorzieht, in Kalifornien zu leben, kann nicht gleichzeitig in New York leben wollen. Die menschlichen Willensakte werden von seiner eigenen Natur gesteuert und stehen in Uebereinstimmung mit seinen Wuenschen, mit seiner Disposition, seinen Neigungen, seiner Erkenntnis und seinem Charakter. Der Mensch ist nicht von Gott unabhaengig, genauso wenig wie von Denkgesetzen oder auch Naturgesetzen. All diese Dinge beeinflussen sein gesamtes Wollen und Waehlen. Er handelt immer gemaess seinen staerksten Motiven und Neigungen. Wenn wir darueber nachdenken, wissen wir genau: was uns zu einem gegebenen Zeitpunkt am meisten anzieht, das wird unseren Willen unausbleiblich festlegen. Dr. Hodge sagt dazu: >>Der Wille wird durch kein Gesetz der Notwendigkeit gezwungen; er ist nicht unabhaengig, nicht indifferent oder gar selbstbestimmend, sondern er wird immer von dem bestimmt, was eine Person vorher gedacht hat. Ein Mensch ist genau dann frei, wenn seine Willensakte mit den Bewusstseinsinhalten uebereinstimmen; er ist frei, wenn sein Handeln von seinen Gruenden und Gefuehlen gelenkt und bestimmt wird.<< [188] Wenn die Willensakte nicht von unserem Charakter bestimmt waeren oder darauf basierten, dann waere es gar nicht unser Wille, von dem wir da spraechen, auch koennten wir nicht dafuer verantwortlich gemacht werden. [189] In unserer taeglichen Beziehung zu anderen Menschen beziehen wir ihr Handeln instinktiv auf ihren Charakter und beurteilen sie danach. >>An ihren Fruechten werdet ihr sie erkennen. Liest man etwa von Dornen eine Traube, oder von Disteln Feigen? Also bringt jeder gute Baum gute Fruechte, aber der faule Baum bringt schlechte Fruechte. Ein guter Baum kann nicht schlechte Fruechte bringen, noch ein fauler Baum gute Fruechte bringen. Jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Deshalb, an ihren Fruechten werdet ihr sie erkennen<< (Mt 7,16--20). Und wiederum: >>Wes das Herz voll ist, des geht der Mund ueber<< (Mt 12,34). Kein Baum bringt seine Fruechte nach dem Zufallsprinzip hervor, sondern nach seiner Natur. Nicht die gute Frucht macht den Baum gut. Es ist gerade umgekehrt. Nach dem Gleichnis Jesus ist es beim Menschen nicht anders. Wenn das Verhalten eines Menschen keine Rueckschluesse auf dessen Charakter zuliesse, waeren gute Handlungen kein Erweis fuer einen guten Menschen. Auch koennte man nicht sagen, nur weil er boese handle, sei er auch boese. Man mag immerhin auf seinem Argument vom >>freien Willen<< beharren; im Alltag sind sich die Menschen einig, dass der Wille das Ergebnis und die Offenbarung jemandes Wesens, jemandes Natur ist. Wenn jemandes Willen ihn zu Raub und Mord fuehrt, dann schliessen wir aus diesen Taten auf seinen Charakter und behandeln ihn entsprechend. Es entspricht dem Wesen der Vernunft, dass der Wille auf Verstand, Prinzipien, Gefuehlen etc. beruht. Wer anders handelt, den nennen wir verrueckt. Angenommen, nach jeder Entscheidung fiele der Wille wieder in den Zustand der Unentschiedenheit zurueck, unberuehrt von gut und boese; fiele damit nicht auch jegliche Moeglichkeit des Vertrauens in unsere Mitmenschen flach? Tatsaechlich waere ein Mensch, dessen Wille wirklich >>frei<< waere, ein sehr gefaehrlicher Zeitgenosse: seine Handlungen waeren irrational; wir wuerden zu keiner Zeit wissen, was er als naechstes anstellen wird. Genau auf dieser Tatsache (dass der Wille Ausdruck der Natur einer Person ist) beruht das Beharren sowohl der Geretteten als auch der Verlorenen im Diesseits und im Jenseits. Wenn es zur Wahrung der Willensfreiheit notwendig sein sollte, dass er auch der Moeglichkeit zum Suendigen ausgesetzt wuerde, so gaebe es keinerlei Sicherheit, dass selbst die vollendeten Heiligen im Himmel nicht mehr suendigen koennten und den Weg der gefallenen Engel gehen muessten. Im Gegenteil: Die Heiligen werden nur mehr das Gute tun koennen und damit im wahrsten Sinn des Wortes frei sein. Es gibt dann keine Zerrissenheit mehr; die vervollkommneten Willen der Heiligen werden mit der Sicherheit eines Naturgesetzes nichts anderes als gute Werke hervorbringen. Der Zustand der Verdammten stimmt mit dem der Heiligen ueberein: nachdem ihnen jeglicher Einfluss des Heiligen Geistes entzogen ist, geraten sie in ihren letzten, unabaenderlichen und endgueltigen Trotz; sie verbleiben in alle Ewigkeit in ihren Aufsaessigkeiten, Laesterungen und Suenden. Sie werden in einen Zustand unaufhoerlicher Neigung zum Boesen und zum Hass versetzt. Sie sind dann im Land der Suende keine Gaeste und Fremde mehr, sondern Buerger und Einwohner. Waere die Theorie vom freien Willen wahr, so muesste es ja auch nach dem Tode noch moeglich sein, zu bereuen, denn es ist mehr als nur vorstellbar, dass nach dem boesen Erwachen im Jenseits einige ihren Fehler einsehen werden und zu Gott umzukehren suchen. Milde Strafen koennen einen Menschen in dieser Welt zum Umdenken bringen; Menschen koennen dadurch von Suenden ablas- sen: Wie sollte da ein wesentlich haerteres Strafgericht nicht auch wesentlich effektiver sein? Nur das calvinistische Prinzip, dass naemlich der Wille von der Natur einer Person und von den Anreizen, denen sie ausgesetzt ist, determiniert wird, stimmt mit jener Schriftstelle ueberein, in der es heisst, dass zwischen den beiden Zustaenden in der Ewigkeit >>eine grosse Kluft befestigt (ist), damit die, welche von hier zu euch hinuebergehen wollen, nicht koennen, noch die, welche von dort zu uns herueberkommen wollen<< (Mt 16,26). Wer ueber diese Dinge noch nicht nachgedacht hat, wird sich selbst grosse Freiheit zusprechen. Wer sich aber auf ein Studium dieser Dinge einlaesst, sieht sehr schnell, dass er weniger Freiheit besitzt, als er dachte. Die Naturgesetze begrenzen seine Freiheit, dann auch seine bestimmte Umgebung, seine Gewohnheiten, jede unerlernte Faehigkeit, soziale Umstaende, die Furcht vor Strafe und Missbilligung, seine Wuensche, Ambitionen usw. Er ist weit davon entfernt, der Herr seiner Handlungen zu sein. Zu jeder Zeit ist er beinahe das Produkt seiner Vergangenheit. So lange er seiner eigenen Natur gemaess handeln kann, hat er alle Freiheit, die ein Geschoepf haben kann. Jede andere Freiheit waere nichts als Anarchie. Man kann einen Goldfisch im Glas herumtragen; der Goldfisch wird sich ungehemmt bewegen koennen und sich ungezwungen fuehlen. Aus der Physik wissen wir, dass es Bewegung in der Ruhe gibt: wenn wir einen Stein, ein Stueck Holz oder ein Stueck Metall ansehen, dann scheinen diese Dinge voellig ruhig zu sein, aber wenn wir sie unter einem geeigneten Mikroskop betrachten koennten, das in der Lage waere, die Molekularbewegung zu zeigen, dann saehen wir, mit welch gewaltigen Geschwindigkeiten die Elektronen um die Atomkerne kreisten. Praedestination und Handlungsfreiheit sind die zwei Saeulen am Eingang eines gigantischen Tempels: sie treffen einander hoch oben in den Wolken, wohin der Blick des Menschen nicht mehr reicht. Man koennte sie auch als zwei parallele Linien beschreiben: Genauso, wie der Calvinismus sie nicht zusammenbringt, kann der Arminianismus sie nicht sich kreuzen lassen. [190] Wenn >>freier Wille<< bedeuten soll, dass die absolute Determiniertheit aller Handlungen dem Menschen selbst zuzuschreiben sei, dann stimmen wir gerne zu. Einen solchen Willen wuerden wir wahrlich als >>freien Willen<< bezeichnen, denn dann waere der Mensch wie Gott geworden -- eine erste Ursache aller Handlungen -- und wir haetten so viele Halbgoetter, wie es >>freie Willen<< gibt. __________________________________________________________________ [188] Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 2., S. 288. [189] Der Schweizer Philosoph Peter Bieri sagt: >>Nehmen wir an, Sie haetten einen unbedingt freien Willen. Es waere ein Wille, der von nichts abhinge: ein vollstaendig losgeloester, von allen ursaechlichen Zusammenhaengen freier Wille. Ein solcher Wille waere ein aberwitziger, abstruser Wille. Seine Losgeloestheit naemlich wuerde bedeuten, dass er unabhaengig waere von Ihrem Koerper, Ihrem Charakter, Ihren Gedanken und Empfindungen, Ihren Phantasien und Erinnerungen. Es waere, mit anderen Worten, ein Wille ohne Zusammenhang mit all dem, was sie zu einer bestimmten Person macht. In einem substantiellen Sinne des Worts waere er deshalb gar nicht Ihr Wille.<< Peter Bieri: Das Handwerk der Freiheit, Fischer Taschenbuch Verlag, 8. Auflage 2007, S. 230 (A. d. Ue.). [190] C. H. Spurgeon sagt ueber diese beiden Linien: >>Ich glaube nicht, dass sie je auf irgendeinem irdischen Amboss zu einer einzigen Wahrheit zusammengeschmiedet werden koennen, aber sie werden sicher in der Ewigkeit eins sein. Sie sind zwei Linien, die so parallel sind, dass der menschliche Verstand ihnen so weit, wie es geht, folgen kann, ohne zu sehen, dass sie sich jemals treffen. Aber sie treffen sich und werden eins, irgendwo in der Ewigkeit, nahe bei dem Thron Gottes, wo alle Wahrheit entspringt.<< Die Predigt ist im Internet unter [5]www.Calvinismus.de zu finden. (A. d. Ue.) __________________________________________________________________ 7) Schriftbelege Die Schrift lehrt, dass Gottes Souveraenitaet und menschliche Freiheit vollkommen miteinander harmonieren; waehrend Gott der unumschraenkte Herrscher und die erste Ursache allen Handelns ist, ist der Mensch doch innerhalb der Grenzen seiner Natur frei und damit Zweitursache; Gott steuert die Gedanken und Willen der Menschen so, dass sie willig sind, alles zu tun, was er geplant hat. Ein klassisches Beispiel fuer das Harmonieren goettlicher Grenzenlosigkeit und menschlicher Freiheit kann in der Geschichte Josephs gesehen werden. Joseph wurde nach Aegypten verkauft, wo er spaeter in ehrenvollen Stand erhoben worden ist und in die Lage versetzt wurde, durch weise Voraussicht einer grossen Hungersnot vorzubeugen. Es war eine ueberaus suendige Handlung der Brueder Josephs, ihren juengeren Bruder in die Sklaverei eines heidnischen Landes zu verkaufen. Die Brueder Josephs handelten voellig freiwillig, das war ihnen bewusst, und Jahre spaeter gaben sie ihre Schuld zu (1 Mo 42,21; 45,3). Joseph konnte ihnen antworten: >>Und nun betruebet euch nicht, und es entbrenne nicht in euren Augen, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn zur Erhaltung des Lebens hat Gott mich vor euch hergesandt. Und nun, nicht ihr habt mich hierher gesandt, sondern Gott; und er hat mich zum Vater des Pharao gemacht und zum Herrn seines ganzen Hauses und zum Herrscher ueber das ganze Land Aegypten<< (1 Mo 45,5.8). Und wiederum: >>Ihr zwar, ihr hattet Boeses wider mich im Sinne; Gott aber hatte im Sinne, es gut zu machen, auf dass er taete, wie es an diesem Tage ist, um ein grosses Volk am Leben zu erhalten<< (1 Mo 50,20). Die Brueder Josephs folgten ihren boesen Neigungen; doch ihre Handlung war ein Glied an der grossen Ereigniskette, durch die Gott seinen Plan verfolgt. Ihre Schuld wurde dadurch nicht kleiner, dass diese Handlung Teil eines groesseren Guten war. Der Pharao unterdrueckte seine Gaeste, die Kinder Israel, und dennoch erfuellte er damit den Plan Gottes, denn Paulus schreibt: >>Denn die Schrift sagt zum Pharao: Eben hierzu habe ich dich erweckt, damit ich meine Macht an dir erzeige, und damit mein Name verkuendigt werde auf der ganzen Erde<< (Roem 9,17; 2 Mo 9,16; 10,1--2). Manche Aspekte des Plans Gottes werden dadurch erfuellt, dass er das suendige Handeln der Menschen verhindert. Als die Kinder Israel spaeter dreimal jaehrlich nach Jerusalem zogen, um dort ihre Feste zu feiern, unterdrueckte Gott die Raubgier der Nachbarstaemme, so dass sie das Land nicht belaestigen konnten (2 Mo 34,24). Er gab es Kores, dem heidnischen Perserkoenig, ins Herz, den Tempel in Jerusalem wieder aufbauen zu lassen (Esra 1,1ff). Es heisst: >>Gleich Wasserbaechen ist eines Koenigs Herz in der Hand des Herrn; wohin immer Er will, neigt er es<< (Spr 21,1). Wenn er die Gedanken eines Koenigs steuern kann, was heisst das anderes, als dass er die Gedanken jedes Menschen steuern kann? In Jesaja haben wir eine bemerkenswerte Illustration davon, wie perfekt die goettliche Souveraenitaet mit der menschlichen Freiheit harmoniert: Jesaja 10,5--15: He! Assyrer, Rute meines Zornes! Und der Stock in seiner Hand ist mein Grimm. Wider eine ruchlose Nation werde ich ihn senden und gegen das Volk meines Grimmes ihn entbieten, um Raub zu rauben und Beute zu erbeuten, und es der Zertretung hinzugeben gleich Strassenkot. Er aber meint es nicht also, und sein Herz denkt nicht also; sondern zu vertilgen hat er im Sinne und auszurotten nicht wenige Nationen. Denn er spricht: Sind nicht meine Fuersten allesamt Koenige? Ist nicht Kalno wie Karchemis? Nicht Hamath wie Arpad? Nicht Samaria wie Damaskus? So wie meine Hand die Koenigreiche der Goetzen erreicht hat -- und ihre geschnitzten Bilder waren mehr als die von Jerusalem und von Samaria -- werde ich nicht, wie ich Samaria und seinen Goetzen getan habe, ebenso Jerusalem und seinen Goetzen tun? Und es wird geschehen, wenn der Herr sein ganzes Werk an dem Berge Zion und an Jerusalem vollbracht hat, so werde ich heimsuchen die Frucht der Ueberhebung des Herzens des Koenigs von Assyrien und den Stolz der Hoffart seiner Augen. Denn er hat gesagt: Durch die Kraft meiner Hand und durch meine Weisheit habe ich es getan, denn ich bin verstaendig; und ich verrueckte die Grenzen der Voelker und pluenderte ihre Schaetze und stiess, als ein Gewaltiger, Thronende hinab; und meine Hand hat den Reichtum der Voelker erreicht wie ein Nest, und wie man verlassene Eier zusammenrafft, so habe ich die ganze Erde zusammengerafft: da war keiner, der den Fluegel regte, oder den Schnabel aufsperrte und zirpte. Darf die Axt sich ruehmen wider den, der damit haut? Oder die Saege sich bruesten wider den, der sie zieht? Als schwaenge ein Stock die, welche ihn emporheben, als hoebe ein Stab den empor, der kein Holz ist! Ueber diese Stelle sagt Rice: >>Was ist die offensichtliche Bedeutung dieser Stelle? Sie sagt ganz eindeutig, dass der Koenig der Assyrer, obgleich ein stolzer und gottloser Mann, nichts als ein Instrument in den Haenden Gottes war, genau wie eine Axt oder eine Saege in den Haenden eines Mannes. Er hatte vor, Israel einzunehmen, doch Gott hatte ihn vollkommen unter Kontrolle. Diese Stelle lehrt aber auch, dass die Freiheit des Koenigs durch die- se Kontrolle nicht beeintraechtigt wurde, denn der assyrische Koenig schmiedet ja seine eigenen Plaene: >Aber er meint es nicht so, und sein Herz denkt anders, nein, nur Vernichtung hat er im Sinn, auszurotten nicht wenige Voelker.< Drittens folgt daraus, dass der Koenig fuer seinen Stolz und fuer seine Bosheit verantwortlich gemacht wird, obwohl Gott ihn dazu benuetzt hat, seine Plaene auszufuehren. Gott hat beschlossen, die Juden fuer ihre Suenden zu zuechtigen. Er waehlte dazu den Koenig von Assur aus und lenkte ihn gegen Israel. Trotzdem bestraft er ihn dann aber wegen seiner boesartigen Plaene. Geht daraus gegen jede Noergelei und Beschwerde nicht ganz klar hervor, dass Gott auch boese Menschen ganz so lenken kann, dass sie seine Zwecke erfuellen, ohne dass er dazu ihre Handlungsfreiheit beeintraechtigen muss? [191] Fuer jedermann, der die Bibel fuer Gottes Wort haelt, ist es absolut sicher, dass die Kreuzigung Christi -- die groesste Suende in der Geschichte der Menschheit -- vorherbestimmt war: Apg 4,27f.: Ja, wahrlich, versammelt haben sich in dieser Stadt Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Staemmen Israels gegen deinen heiligen Knecht Jesus, deinen Gesalbten. Doch sollten sie nur ausfuehren, was deine Hand und dein Ratschluss im voraus bestimmt hatten. Apg 2,23: Den habt ihr nach Gottes festgesetztem Ratschluss und Vorherwissen ausgeliefert und durch die Haende der Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und getoetet. Apg 3,18: Gott aber hat auf diese Weise in Erfuellung gehen lassen, was er durch den Mund aller Propheten vorausverkuendet hat, dass sein Messias leiden muesse. Apg 13,27ff.: Denn die Bewohner von Jerusalem und ihre Vorsteher haben ihn nicht erkannt und so durch ihren Richterspruch die Worte der Propheten erfuellt, die an jedem Sabbat vorgelesen werden. Obwohl sie keine Todesschuld an ihm fanden, forderten sie doch von Pilatus seinen Tod. Nachdem sie alles vollbracht hatten, was ueber ihn geschrieben steht, nahm man ihn vom Holz ab und legte ihn ins Grab. Nicht nur die Kreuzigung selbst war vorherbestimmt, sondern auch viele Begleitumstaende: die Verteilung der Kleider Christi und das Loswerfen ueber seinem Gewand (Ps 22,19; Joh 19,24); die Galle und der Essig als Getraenk (Ps 69,22; Mt 27,34; Joh 19,29); der ganze Spott der Menschen (Ps 22,7ff.; Mt 27,39); dass man ihn den Suendern zugezaehlt hatte (Jes 53,12; Mt 27,38); dass keines seiner Gebeine zerbrochen werden wird (Ps 34,21; Johannes 19,36); der Speerstich (Sach 12,10; Joh 19,34--37) und noch viele andere prophezeite Geschehnisse. Man hoere doch diese Ausgeburten der Hoelle rund um das Kreuz und behaupte noch einmal, sie seien nicht frei gewesen in ihrem Handeln! Doch man lese all die Vorhersagen und Prophezeiungen dieser schrecklichen Begebenheit und behaupte noch einmal, all diese schrecklichen Geschehnisse habe Gott nicht vorherbestimmt! Vielmehr haetten all diese Einzelheiten nicht viele Jahrhunderte vorher schon vorausgesagt werden koennen, wenn ihre Erfuellung nicht absolut sicher und gewiss dem Plan Gottes entsprochen haetten! Und doch sind sie von Menschen erfuellt worden, die nicht einmal gewusst haben, wer Jesus wirklich war und die voellig in Unkenntnis davon waren, dass sie jahrhundertealte Prophezeiungen erfuellen (Apg 13,27.29; 3,17). Wenn wir also schon den Elefanten schlucken muessen, dass Gottes Plan die schlimmste Suende der menschlichen Geschichte vorherbestimmt hatte, um sie dazu zu benuetzen, die Welt zu retten, was sollte uns dann noch daran hindern, die Muecken unserer alltaeglichen Handlungen genauso zu schlucken, die Gott allesamt dazu benuetzt, seinen guten Plan in Erfuellung gehen zu lassen? Weitere Belege aus der Schrift Spr 16,9: Des Menschen Herz legt sich seinen Weg zurecht, doch der Herr lenkt seine Schritte. Jer 10,23: Ich weiss, o Herr: Des Menschen Schicksal liegt nicht in seiner Hand. Keinem ist es gegeben, auf dem Lebensweg seinen Schritt zu bestimmen. 2 Mo 12,36: Der Herr aber hatte die Aegypter gegen das Volk freundlich gestimmt, so dass sie ihre Bitte erfuellten. So nahmen sie Beute von den Aegyptern. Esra 6,22: Dann feierten sie sieben Tage lang voller Freude das Fest der ungesaeuerten Brote. Denn der Herr hatte ihnen Freude bereitet, indem er ihnen die Gunst des Koenigs von Assur zuwandte, so dass er sie bei den Arbeiten am Tempel des Gottes Israels unterstuetzte. Esra 7,6: Dieser Esra zog von Babel herauf. Er war ein Schriftgelehrter, wohlbewandert im Gesetz des Mose, das der Herr, der Gott Israels, gegeben hatte. Da die Hand des Herrn, seines Gottes, ueber ihm waltete, bewilligte ihm der Koenig alles, was er begehrte. Jes 44,28: der von Kyrus sagt: >>Er ist mein Hirt<<. -- All mein Wollen wird er vollfuehren und von Jerusalem sagen: Es werde wieder aufgebaut! und vom Tempel: Er werde aufs neue gegruendet! Offb. 17,17: (Hier wird von den Gottlosen gesagt): Denn Gott hat ihnen den Gedanken eingegeben, seinen Willen auszufuehren und einmuetig ihre Herrschaft so lange dem Tier zu uebertragen, bis Gottes Worte durchgefuehrt sind. 1 Sam 2,25: Wenn sich ein Mensch gegen einen Menschen vergeht, so entscheidet Gott als Richter ueber ihn. Vergeht sich aber ein Mensch gegen den Herrn, wer kann dann als Richter fuer ihn auftreten?<< Indes hoerten sie nicht auf ihres Vaters Worte; denn der Herr hatte beschlossen, sie sterben zu lassen. 1 Koen 12,11.15: Nun denn, mein Vater hat euch ein schweres Joch aufgezwungen. Ich will euer Joch noch schwerer machen. Mein Vater hat euch mit Peitschen gezuechtigt. Ich will euch mit Skorpionen zaehmen. So schenkte der Koenig dem Volk kein Gehoer. Denn vom Herrn war es so gefuegt worden, damit er seine Verheissung erfuelle, die der Herr durch Ahija von Schilo Jerobeam, dem Sohn Nebats, gegeben hatte. 1. Sam. 17,14: Und Absalom und alle Maenner von Israel sprachen: Der Rat Husais, des Arkiters, ist besser als der Rat Ahitophels. Aber Jahwe hatte es so angeordnet, um den guten Rat Ahitophels zunichte zu machen, damit Jahwe das Unglueck ueber Absalom braechte. __________________________________________________________________ [191] N. L. Rice, God Sovereign and Man Free, S. 70, 71. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XVIII __________________________________________________________________ Einwand 4: Diese Lehre entkraefte jede Motivation zu persoenlichem Einsatz oder Anstrengung Nicht nur das Ziel, auch der Weg dorthin ist vorherbestimmt! Der Einwand, dass die Lehre von der Praedestination allen eigenen Einsatz unsinnig mache, beruht auf dem Irrtum, dass man glaubt, das vorherbestimmte Ziel werde ohne die Mittel erreicht. Es ist ja nicht so, dass nur das Ziel vorherbestimmt ist, sondern jede Einzelheit, jedes Geschehnis, jede Art und Weise, wie etwas erreicht wird, einfach alle Ereignisketten mit all ihren Zwischenbeziehungen und Verbindungen sind Teil der Vorherbestimmung. Im goettlichen Plan haengen alle Dinge zusammen. Sollten die Mittel ausbleiben, dann auch das Ergebnis. Wenn Gott vorherbestimmt hat, dass der Mensch ernten wird, dann auch, dass er saet. Wenn er vorherbestimmt hat, dass jemand errettet wird, dann auch, dass er das Evangelium hoert, dass er glaubt und dass er umkehrt. Der Bauer sagt ja auch nicht: Nun, wenn Gott vorherbestimmt hat, dass ich eine reiche Ernte einfahren soll, dann brauche ich ja nicht zu saeen, sondern er weiss: Die reiche Ernte ist gerade darauf zurueckzufuehren, dass er das Land vorher bebaut. Wir sehen es ja: Der erfolgreichen Ernte geht immer die vorbereitende und vertrauensvolle Arbeit voraus. Wenn wir in den Dienst unseres Herrn treten und dabei sorgfaeltigen Gebrauch all der Mittel machen, die er dafuer vorgesehen hat, dann koennen wir darauf vertrauen, dass er diese Mittel dazu gebraucht, um Sein Werk zu vollenden. Gerade jene, die die Schriftstelle, dass Gott >>alle Dinge wirkt nach dem Rat seines Willens<< und aehnliche Beweise fuer die Vorsehung akzeptieren und dass sich Gottes kontrollierende Macht ueber alle Bereiche ihres Lebens erstreckt, wissen, dass das nicht im Geringsten ihrer persoenlichen Freiheit widerspricht. Werden jene, die widersprechen, ihren Glauben an die goettliche Souveraenitaet ihr persoenliches Leben beeinflussen lassen? Wuerden sie etwa Nahrung und Medizin im Notfall ablehnen, weil doch Gott den Zeitpunkt ihres Todes bestimmt? Wuerden sie etwa die anerkannten Mittel zur Hebung des Wohlstands deshalb ablehnen, weil Gott Reichtum und Ehre nach Seinem Willen verleiht? Wer Gottes Souveraenitaet in aeusserlichen Dingen anerkennt und sich dabei seines freien Willens bewusst ist, dem waere es Suende und Torheit, wenn er als Entschuldigung fuer die Ablehnung geistlichen und ewigen Wohlergehens seine Unfreiheit nebst dem Umstand anfuehrt, dass er ja nicht verantwortlich gemacht werden koenne. Sagt ihm sein Gewissen nicht, dass der einzige Grund, weshalb er kein Nachfolger Christi ist, der ist, dass er ihm nicht nachfolgen will? Wenn der Gelaehmte auf Jesu Aufforderung: >>Steh auf und geh umher!<< gesagt haette: >>Ich kann nicht, ich bin gelaehmt<< -- er waere als Gelaehmter gestorben. Da er aber seine eigene Hilflosigkeit erkannt hatte und auf das Wort des Einen hin vertraut hatte, gehorchte er und wurde ganz gesund. Es ist aber der gleiche, allmaechtige Erloeser, der den Suender ruft, der in seinen Suenden tot ist. Er ruft, und wir wissen: Wer kommt, der wird nicht zurueckgewiesen werden. Fakt ist: Solange wir nicht glauben, dass Gott der souveraene Lenker aller Geschicke ist, der Gott, der inmitten aller Bestimmtheit der Geschichte die menschliche Freiheit aufgerichtet hat, werden wir wenig Mut zum Handeln finden. Wenn wir glauben, unser Erfolg und unser Schicksal haenge hauptsaechlich vom Wohlgefallen schwacher und suendiger Geschoepfe ab, haben wir wahrlich wenig Anreiz, uns Muehe zu geben. >>Auf seinen Knien laesst der Arminianismus die logischen Puzzleteile in seinen Gedanken fallen, die zu seiner verzerrten Sicht der Praedestinationslehre gefuehrt haben und erkennt dankbar, dass seine Bekehrung allein der Gnade Gottes zuzuschreiben ist, ohne die er in Bezug auf seine Neuschoepfung verloren gewesen waere. Er bittet darum, dass Gott seinen Geist ausgiessen moechte, um Menschen zu baendigen, zu ueberzeugen, zu erneuern und zu heiligen und dass er die Ratschlaege der Gottlosen stuerzen moege. Er preist Gott dafuer, was er in seinem Leben schon getan hat, was vorraussetzt, dass Gott regiert und der souveraene Lenker der Geschicke ist und dass alles Gute und all die Macht, Boeses zu verhindern, bei ihm stehen, obgleich doch alles Boese auf die Geschoepfe zurueckzufuehren ist. Er weiss um das vollkommene Vorherwissen Gottes, das von seiner Weisheit und seinem ewigen Plan nicht zu trennen ist. Seine Gebete um Hoffnung und um Erfuellung seiner Hoffnungen setzen den Glauben voraus, dass Gott seine Fuesse vorm Straucheln bewahren kann und wird und dass der Himmel ihn nicht abweisen wird. Er setzt damit gerade voraus, dass seine Plaene zwischen der gegenwaertigen Gnade und der ewigen Herrlichkeit eine unfehlbare Verbindung geknuepft haben, so dass ihn niemand von der Liebe Gottes scheiden kann, die in Jesus Christus ist.<< [192] Da uns die Zukunft verhuellt bleibt, sollten wir allen Fleiss und Ernst an unsere Arbeit wenden, als haette es einen ewigen Beschluss nie gegeben. Oft ist uns gesagt worden, wir sollten so beten, als ob alles von Gott abhinge und so arbeiten, als ob alles an uns selber laege. Luther bemerkt zu dieser Thematik: >>Gerade deswegen muessen wir das Unsere tun, weil uns alles Zukuenftige ungewiss ist, wie der Prediger (II, 6) sagt: >Fruehe saee deinen Samen und lass deine Hand des Abends nicht ab: denn du weisst nicht, ob dies oder das geraten wird.< Uns ist es -- sage ich --der Erkenntnis nach ungewiss, aber der Ausgang trifft mit Notwendigkeit ein. Diese Notwendigkeit erregt in uns Furcht vor Gott, damit wir nicht uebermuetig und selbstsicher werden. Aus der Ungewissheit aber entsteht das Vertrauen zu Gott, auf dass wir nicht in Verzweiflung geraten. [193] >>Der Bauer, der nach dem an Anhoeren einer Predigt ueber die goettlichen Dekrete statt des sicheren Weges den Weg von seinem Feld ueber den Bruchpfad zur Abkuerzung nach Hause nimmt und seinen Wagen zu Schrott faehrt, wird sich vor seiner Haustuer ueberlegen muessen, ob er nicht zum Idioten praedestiniert ist und mit seiner Handlung diese seine Bestimmung bestaetigt hat. [194] Es koennte jemand einwenden: Wenn alle erneuernde Kraft zur Bekehrung und zum Glauben allein von Gott ausgeht, dann ist alles, was wir tun koennen, warten. Es koennte auch gefragt werden, weshalb man denn ueberhaupt irgendetwas tun solle, wenn wir nichts zu unserer Erloesung beitragen koennen? Wenn wir aber ein wenig nachdenken, dann entdecken wir, dass in allem, was der Mensch tut, der Erfolg vielfach von Faktoren abhaengt, die er nicht unter Kontrolle hat. Wir waehlen einfach die passenden Mittel und vertrauen darauf, dass die Faktoren stimmen. Wir haben das ausdrueckliche Versprechen Gottes, dass die, die ihn suchen, ihn auch finden werden, dass die, die bitten, erhoert werden sollen und dass denen, die anklopfen, aufgetan werden soll. Das ist mehr als die Disposition der Weltmenschen auf ihrer Suche nach Wohlstand, Wissen oder Status. Und mehr kann auch vernuenftigerweise gar nicht verlangt werden. Der Leser des Wortes Gottes wird beim Nachdenken darueber vom Heiligen Geist erneuert werden, vielleicht schon waehrend des Lesens selbst. >>Waehrend Petrus noch so redete, kam der Heilige Geist auf alle herab, die das Wort hoerten<< (Apg 10,44). Shakespeare laesst einmal einen seiner Figuren sagen: >>Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus, durch eigne Schuld nur sind wir Schwaechlinge.<< [195] Des Suenders voellige Unfaehigkeit, sich selbst zu retten, sollte ihn nicht weniger sorgfaeltig oder fleissig nach dem Weg seiner Erloesung suchen lassen, den Gott bestimmt hat. Vielleicht hat mancher Leprakranke zur Zeit Jesu gedacht: Da ich mich nicht selber heilen koenne, warte ich eben, bis Jesus zu mir kommt (anstatt selbst zu ihm zu gehen). Normalerweise wird jemand, der seine eigene Hilflosigkeit erkennt, ganz anders reagieren: Er wird alle Anstrengung aufwenden, um dort Hilfe zu finden, wo sie zu finden ist. Der Mensch ist ein gefallenes, hilfloses und verderbtes Geschoepf, und solange er das nicht erkennt, lebt er ohne Hoffnung und ohne Gott. __________________________________________________________________ [192] Lyman H. Atwater, Calvinism in Doctrine and Life, The Presbyterian Quarterly and Princeton Review, Januar 1875, S. 84. [193] Martin Luther, Vom Unfreien Willen. [194] Augustus Hopkins Strong, Systematic Theology, S. 371. [195] Shakespeare, Julius Caesar, 1.2. __________________________________________________________________ Auswirkungen Diese Wahrheiten machen den Menschen nicht faul und sorglos, sondern stimulieren und motivieren ihn, seine Anstrengungen zu verdoppeln. Helden und Eroberer wie Caesar und Napoleon sind oft von der Gewissheit einer Schicksalsnotwendigkeit erfuellt gewesen, als sie suchten, ihre Ziele zu erreichen. Ein solcher Sinn staehlt einem den Mut, verdoppelt die Tapferkeit und laesst einen sein Ziel mit eisernem Willen anpeilen. Grosse und schwierige Ziele erreicht nur, wer beherzt ist und keinen Hindernissen erlaubt, ihn zu entmutigen. >>Wenn man diese Idee des Schicksals einmal verstanden hat, dann tut dieses Verstaendnis sein Eigenes dazu, die Kraefte zu befluegeln. Wenn jemand erkennt, dass er zu Grossem berufen ist, dann arbeitet er mit doppeltem Eifer darauf hin und bringt alle Kraft auf, sein Ziel zu erreichen. Er laesst sich von seinen Zweifeln nicht abbringen oder von Aengsten schwaechen; er glaubt, dass er sein Ziel erreichen wird, und genau dieser Glaube ist auch die groesste Kraft zur Erreichung dieses Zieles. Das Wissen um sein Schicksal ist wie eine selbsterfuellende Prophezeiung ... Dies betrifft nicht nur den moralischen und geistlich orientierten, sondern auch den natuerlichen Menschen. Es betrifft religioese Ziele und Zwecke genauso wie solche, die mit nichts als menschlicher Ehre zu tun haben.<< [196] E. W. Smith sagt in seinem wertvollen Buechlein "The Creed of Presbyterians": >>Was dem Glauben den groessten Trost und Adel verleiht, verleiht dem Glauben auch die groesste Kraft. Es ist ein Gemeinplatz, dass die trostlos-duestere Karikatur der Praedestinationslehre, naemlich der Fatalismus, den Herzen seiner Glaeubigen eine Kraft verliehen hat, die zu den unglaublichsten und schrecklichsten Taten gefuehrt hat. Der fruehe und ueberwaeltigende Aufmarsch des Islam, der den Osten ueberschwemmt und beinahe auch den Westen ueberrannt hat, ist gerade auf die Ueberzeugung seiner Anhaenger zurueckzufuehren; sie fuehrten nichts als die Beschluesse Allahs aus. Attila der Hunne war auf seinem brutalen Kurs der Zerstoerung ueberzeugt davon, eine >Geissel Gottes< zu sein. Die Energie und die Verwegenheit, die einen Napoleon scheinbar unueberwindliche Hindernisse nehmen liess, wurde von seiner Ueberzeugung genaehrt, ein >Mann des Schicksals< zu sein. Der Fatalismus hat wahre Titanen hervorgebracht, deren Energie nur deshalb so uebermenschlich war, weil sie selbst davon ueberzeugt waren, die Instrumente einer uebernatuerlichen Macht zu sein. Wenn schon die grauenvolle Karikatur der Praedestinationslehre solche Energien mobilisieren kann, zu wie viel mehr Erhabenheit sollte da die Praedestinationslehre inspirieren; wo der Fatalismus, diese blinde Schicksalsgottheit, nichts als eine unpersoenliche Macht vermutet, ersetzen wir diese Macht durch einen weisen, beschliessenden Gott. Wenn ich fuehlen kann, dass ich bei jeder Pflicht, bei jeder noetigen Verbesserung nichts als den ewigen Beschluss Gottes befolge, wenn ich in jedem Kampf um das Recht die unendlichen Heere hinter mir weiss, dann bin ich ueber jede Menschenfurcht oder ueber die Angst schliesslichen Versagens erhaben.<< [197] Die englische Zeitung >>The Daily Express<< vom 18. April 1929 bringt ueber den Truppenkommandant Earl Haig (einem schottischen Calvinisten der presbyterianischen Kirche) der britischen Arme im Ersten Weltkrieg folgenden Bericht: >>Bemerkenswert an der Persoenlichkeit Haigs ist, dass dieser kuehle, reservierte und formelle Mann sich zu einem profunden Glauben bekennt: Mitten in der schlimmsten Krise erwartet er Hilfe von oben; er sieht sich selbst als von Gott auserwaehlter Cromwell, der allein seine Feinde besiegen kann. Er zeigt sich davon ueberzeugt, das er und nur er allein diesen Platz in der britischen Armee ausfuellen kann -- er sollte sich nicht getaeuscht haben: Wer sonst haette sowenig Neigung zur Selbstueberschaetzung seines Wertes oder seiner Kraefte? Seine Entscheidungen basieren allein auf der Kenntnis aller Faktoren. Er betrachtet sich selbst mit beinahe calvinistischem Glauben als das vorherbestimmte Werkzeug der Vorsehung, der britischen Armee den Sieg zu erringen. Sein reichliches Selbstvertrauen gruendet in seiner Ueberzeugung, ein Kind des Schicksals zu sein.<< Wie gesagt: Diese Wahrheit fuehrt nicht zu Faulheit und Sorglosigkeit; sie soll den Menschen nicht schlaefrig machen noch ihn in den Schoss der Einbildung oder diesseitiger Sicherheit wiegen, sondern ihm Kraft verleihen und sein Vertrauen staerken. Beide, Vernunft und Erfahrung, lehren uns, dass mit der Hoffnung auch der Antrieb steigt. Jemand, der sich anhand der Wahl seiner mittel seines Erfolges sicher ist, hat die staerksten Anreize, sein Ziel zu verfolgen; wo wenig Hoffnung vorhanden ist, da strengt man sich auch wenig an, wo keine Hoffnung ist, bleibt jede Anstrengung aus. Der Christ, der die eindeutigen Gebote Gottes kennt, der sich auf das Versprechen verlaesst, dass Gott denjenigen segnet, der in Ehrfurcht und Gehorsam die ihm zugeteilten Moeglichkeiten ergreift, der hat auch die hoechstmoeglichen Beweggruende fuer seine Anstrengungen. Darueber hinaus wird er von der festen Ueberzeugung gestuetzt und inspiriert, dass ihn eine himmlische Krone erwartet. Wer hat je die Lehre von der Erwaehlung deutlicher und in kraeftigerer Sprache formuliert als der Apostel Paulus? Wer wandte mehr Eifer und Unermuedlichkeit darauf als er? Diese Lehre erst hat ihn zum Missionar gemacht und ihn dazu getrieben, die Verbreitung des Christentums zu seinem hoechsten und triumphierenden Ziel zu machen. Welche Aufmunterung und Ermutigung muessen ihm die Worte ueber Korinth gewesen sein: >>Denn ich bin mit dir, und niemand wird dich antasten, um dir ein Leid zuzufuegen; denn ich habe viel Volk in dieser Stadt!<< (Apg 18,10). Welch groesseren Anreiz haette er haben koennen als die Versicherung, dass seine Predigt das vorherbestimmte Mittel fuer die Bekehrung vieler Menschen sein wuerde? Man bedenke: Gott hat ihm nicht gesagt, wie viele Menschen es sein werden oder wer dazu gehoeren wird. Der Diener des Evangeliums kann voller Zuversicht und frohen Mutes seinen Dienst versehen, da er weiss, dass Gott genau durch das Mittel der Predigt eine riesige Schar aus der Familie der Menschheit fuer sich beansprucht, und das in jedem Zeitalter. Tatsaechlich ist einer der staerksten Gruende fuer die Mission derjenige, dass Gott die Evangelisation der ganzen Welt will. Nur wer die Souveraenitaet Gottes in allen Bereichen des Lebens anerkennt, kann die tiefste Leidenschaft fuer Gottes Ehre teilen. Es ist die Erfahrung aller Zeitalter der Gemeinde, dass diese Lehre weder zu Pflichtvergessenheit noch zu phlegmatischer Unbekuemmertheit noch zu rebellischem Verhalten gegenueber Gott gefuehrt hat, sondern direkt ins Vertrauen in die goettliche Macht. Das Versprechen, das Jakob bezueglich seiner riesigen Nachkommenschaft erhalten hatte, hatte ihn keineswegs davon abgehalten, nicht mit allen erdenklichen Mitteln gegen den anrueckenden Esau Vorsorge zu treffen. Daniel begann ernsthaft zu beten, als er erkannte, dass die von Jeremia vorhergesagte Zeit der Wiederherstellung Israels im Anbrechen war (Dan 9,2f). Sofort nachdem David offenbart worden war, dass Gott ihm ein Haus bauen wolle, betete er ernsthaft dafuer (2. Sam. 7,27--29). Obgleich Christus gewusst hat, was auf sein Volk zukommt, hat er fuer es um Bewahrung gebetet (Joh 17). Und Obgleich Paulus erfahren hatte, dass er nach Rom gehen wuerde, um dort Zeugnis zu geben, nahm er das nicht zum Anlass, seinen Lebensstil der Sorglosigkeit hinzugeben. Er unternahm jede Vorsichtsmassnahme, um sich selbst gegen den Anschlag zu sichern, der vom Jerusalemer Mob ausging. Auch warnte er vor Fehlern auf der Schiffsreise (Apg 23,11; 25,10f.; 27,9f.). Zwar: Der Beschluss Gottes dekretierte die Rettung aller Schiffbruechigen, doch ganz klar unter Einbeziehung aller Kraefte der Matrosen und Schiffsleute. Deren Freiheit und Verantwortlichkeit waren nicht im Mindesten ausser Kraft gesetzt! Die praktische Auswirkung dieser Lehre hat die Menschen immer zu anhaltendem und inbruenstigem Gebet gefuehrt, da sie wussten: Ihre Zeit steht ganz in Gottes Hand; jedes Detail ihres Lebens ist Teil seiner Anordnungen. Man wird sagen duerfen: Solange der Suender seines Verlorenseins und seiner Hilflosigkeit nicht eingedenk wird, lebt er in einer gewissen Fahrlaessigkeit. Vielleicht gibt es keinen einzigen sorglosen Suender in der Welt, der nicht glaubt, aus eigener Kraft sich Gott zuwenden zu koennen, wenn er denn will. Genau das koennte auch der Grund sein, weshalb er es ablehnt, zu bereuen -- mit der vollen Absicht, es zu einer passenderen Zeit noch einmal zu bedenken. Mit dem Ausmass des Vertrauens in seine eigene Faehigkeit steigt auch seine Sorglosigkeit, und diese lullt ihn am schrecklichen Abgrund ewigen Verderbens in den Schlaf. [198] Nur dann, wenn er seine eigene Hilflosigkeit erkennt und versteht, dass er einzig von der souveraenen Gnade Gottes abhaengt, sucht er die Hilfe dort, wo sie allein gefunden werden kann. __________________________________________________________________ [196] James Bowling Mozley, A Treatise On The Augustinian Doctrine Of Predestination, S. 41. [197] Ethelbert W. Smith, The Creed of Presbyterians, S. 180. [198] Diese Worte werden von Jonathan Edwards bestaetigt, der einmal sagte: >>Je laenger ich lebe und je mehr ich in meinem Dienst mit den Seelen der Menschen zu tun habe, desto mehr bekomme ich davon zu sehen: Vorstellungen dieser Art gehoeren zu den Haupthindernissen zum Erfolg in der Verkuendigung des Wortes ... Was die Selbstbeschwichtigungen und die Anmassungen des Suenders betrifft, laesst sich nichts denken, dass solches staerker foerderte, als die Vorstellung einer jederzeit verfuegbaren Freiheit, kraft der ein jeder es in seiner eigenen Hand habe, zu entscheiden, wann und ob er sich zu Gott bekehren wolle. Was koennte den Suender wirksamer in seiner Gleichgueltigkeit belassen und bestaerken, in der Suende fortzufahren, als die Anmassung, jederzeit ueber die eigene Errettung verfuegen zu koennen?<< (Werke, Bd. I, clxxii). zitiert aus: Benedikt Peters, George Whitefield, S.475f. (A. d. Ue.). __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XIX __________________________________________________________________ Einwand 5: nach dieser Lehre waere Gott parteiisch und >>achte die Person<< __________________________________________________________________ 1) Gemeinsame Schwierigkeiten der einzelnen Lehrgebaeude Wenn alle Menschen in Suenden tot sind und der Kraft ermangeln, die sie zu geistlichem Leben erneuern kann: Weshalb -- so fragt man -- gebraucht Gott seine Allmacht dann dazu, so waehlerisch zu sein? Er schenkt dem einen das Leben und laesst den anderen verderben? Gerechtigkeit, so sagt man, verlangt, dass alle die gleiche Chance bekommen, entweder durch natuerliche Moeglichkeit oder durch gleicherweise Gnade, sich ihr Heil zu sichern. An dieser Stelle muss eines klar sein: Diese Frage trifft keineswegs nur den Calvinismus. Genau diese Frage pflegt der Atheismus dem Theismus im Allgemeinen zu stellen. Man argumentiert: Wie kann der unendlich maechtige und heilige Gott so viel Suende und Elend auf dieser Welt zulassen? Wieso kann und darf es sein, dass die Boesen so lange Perioden des Erfolgs erleben, waehrend der Gerechtigkeit so oft nur Armut und Elend bleibt? Eines ist klar: Anticalvinistische Systeme haben hier wenig Antworten anzubieten. Einmal zugegeben, dass die Hinwendung zu Gott des Menschen eigene Handlung sei, dass er mit dem Wissen um das dafuer Noetige ausgestattet sei, dass er faehig sei, sich sein eigenes Heil zu sichern, [199] muss man doch eines sagen: Gegenwaertig sind es nur wenige, die Errettung finden; Gott scheint wenig dagegen zu tun, die Mehrheit der Erwachsen vor ihrem Untergang zu bewahren. Der Calvinismus bestreitet die damit verbundenen Schwierigkeiten keineswegs; er sagt aber, dass ihm solche Probleme vom Lehrgebaeude her nicht fremd sind. Er gibt sich allerdings mit den Teiloffenbarungen der Heiligen Schrift zufrieden. Die Bibel lehrt, der Mensch wurde als heiliges Geschoepf geschaffen. Er hat das goettliche Gesetz freiwillig uebertreten und ist in Suende gefallen, was dazu gefuehrt hat, dass Adams Nachkommenschaft -- die ganze Menschheit also -- schon in einem Zustand des geistlichen Todes zur Welt kommt. Gott stuerzt den Menschen nicht in weitere Suende hinein, sondern uebt gegenteilige Einfluesse aus, die darauf abzielen, das vernuenftige Geschoepf zu Busse und Umkehr zu bewegen und die heiligende Gnade zu suchen. Jeder, der ernsthaft bereut und sich nach dieser Gnade ausstreckt, erlangt auch Errettung; eine grosse Zahl derer, die sonst in ihren Suenden geblieben waeren, sind so schon errettet worden. __________________________________________________________________ [199] Damit ist nicht gemeint, der Mensch koenne sich sein eigenes Heil erringen oder erarbeiten, sondern koenne die Initiative von sich ausgehen lassen (A. d. Ue.). __________________________________________________________________ 2) Gott achtet nicht auf den Stand einer Person Jemand der >>die Person ansieht<<, gleicht einem Richter, der seine Klienten nicht nach deren Charakter beurteilt, sondern dem einen zuteilt, was ihm nicht gehoert und dem anderen nimmt, was rechtens seines ist. Es ist jemand, der sich von Vorurteilen und unheilvollen Motiven lenken laesst, statt von Gesetz und Gerechtigkeit. Die Schrift verneint, dass Gott so ist. Behauptete die Praedestinationslehre einen solchen Gott, dann, ja dann gaeben wir auch zu, dass ihm damit auch Ungerechtigkeit zugeschrieben wuerde, deren Leugnung zwecklos waere. Die Schrift sagt aber, Gott achte den Stand einer Person nicht. Bei seiner Wahl laesst er sich weder von aeusserlichen Umstaenden leiten noch von Rasse, Nationalitaet, Wohlstand, Kraft, Adel oder sonstigem. Petrus schildert uns einen unparteiischen Gott, der schon keinen Unterschied zwischen Juden und Heiden macht. Nachdem er zu dem roemischen Hauptmann Cornelius geschickt worden war, schloss er: >>Vielmehr ist ihm in jedem Volk wohlgefaellig, wer ihn fuerchtet und tut, was recht ist<< (Apg 10,35). Ihre ganze Geschichte lang glaubten die Juden ernsthaft, sie seien als auserwaehltes Volk Gottes Guenstlinge. Doch die sorgfaeltige Lektuere der Apostelgeschichte Kap. 10, 1 -- 11,18 zeigt den revolutionaeren Charakter der Idee, dass das Evangelium auch fuer die Heiden bestimmt war. Paulus sagt ganz aehnlich: >>Hingegen wird Herrlichkeit, Ehre und Friede jedem zuteil, der Gutes tut, zunaechst dem Juden, dann auch dem Griechen. Denn bei Gott gibt es kein Ansehen der Person<< (Roem 2,10f). An einer anderen Stelle sagt er: >>Da gilt nicht mehr Jude oder Heide, nicht mehr Knecht oder Freier, nicht mehr Mann oder Frau. Ihr seid alle einer in Christus Jesus. Gehoert ihr aber Christus an, so seid ihr auch Abrahams Nachkommen und gemaess der Verheissung Erben<< (Gal. 3,28f.). In Eph 6,5--9 werden Herren und Sklaven gleicherweise aufgefordert, gerecht zu handeln, denn Gott, der beider Herr ist, sieht den Stand des Menschen nicht an. Auch in Kol. 3,25 sehen wir einen aehnlichen Gedanken: Die Beziehungen zwischen Vater und Kindern und zwischen Frauen und deren Ehemaennern sind darin eingeschlossen. Jakobus zeigt den unparteiischen Gott im Hinblick auf Reiche und Arme. Der Gutgekleidete sollte dem Armen gegenueber keinen Vorzug bekommen (Jak. 2,1-9). Der Begriff >>Person<< meint in diesen Versen nicht das Individuum selbst, die Seele, sondern eben die aeusserliche Erscheinung, von der sich die Menschen gewoehnlich beeinflussen lassen. Wenn die Schrift also sagt, Gott achte die Person nicht, dann bedeutet das nicht, dass Gott alle Menschen gleich behandelt, sondern ganz einfach, dass der Grund, weshalb Gott den einen rettet und den anderen ablehnt, nicht in Nationalitaet und anderen Aeusserlichkeiten zu suchen ist. __________________________________________________________________ 3) Gott gibt den einen, was er anderen vorenthaelt Dass Gottes Vorsehung den Menschen nicht gleich behandelt, ist nun wirklich nicht abzuleugnen, sondern triviale Tatsache der Erfahrung. Die Ungleichheit in dieser Welt tritt ja aufs Schreiendste zutage. Nicht nur die Bibel sagt uns das, sondern es zeigt uns auch die taegliche Erfahrung: Die Verteilung der Gueter ist hoechst unterschiedlich, und dies ganz zurecht, da die Gueter ausnahmslos nicht verdient sind, sondern Gnadengeschenke sind. Der Calvinismus haelt sich hier ganz an die Faktizitaet der Ungleichverteilung. Es kann nicht bezweifelt werden, dass sich der Mensch in dieser Welt ungleich behandelt sieht, sowohl was die aeusseren Umstaende anlangt als auch in Bezug auf seine inneren Neigungen. Das eine Kind wird gesund in eine Familie hineingeboren, kann sich des Wohlstands erfreuen und noch dazu weiser und guetiger Eltern, die es von Kindheit auf lehren, Gott zu fuerchten und die jede Gelegenheit nuetzen, ihm die Wahrheit der Heiligen Schrift zu zeigen. Ein zweites Kind wird in bittere Armut hinein geboren, erleidet Schande, Krankheit und unterliegt dem Fluch ausschweifender und verderbter Eltern, die das Evangelium ablehnen und dem Christentum spotten und alles dazu tun, das Kind vor jeglichem Einfluss des Evangeliums fernzuhalten. Manche Menschen werden mit empfindsamem Gewissen geboren, das sie ein Leben der Unbescholtenheit fuehren laesst. Andere kommen schon mit der Neigung zu Gewalt auf die Welt, ja sogar mit ganz bestimmter Tendenz zum Boesen, einer vererbten und scheinbar unbesiegbaren Tendenz zum Boesen. Manche sind von Natur aus Frohnaturen, manche Miesmacher. Manche werden in christliche und zivilisierte Laender hinein geboren, wo sie gut behuetet und sorgsam erzogen aufwachsen. Andere werden in voellig heidnische Dunkelheit hinein geboren. Generell kann man sagen: Ein Kind, das unter angemessenem christlichen Einfluss aufwaechst, lebt ein aufrichtiges Leben des Dienstes am Mitmenschen, waehrend ein anderes, dessen Charakter unter der defekten >>Obhut<< verdrehter Eltern als Vorbilder aufwaechst, ein Leben der Ungerechtigkeit und Unbussfertigkeit fuehren wird. Das eine wird gerettet, das andere geht verloren. Wer will denn bestreiten, dass der goettliche Einfluss rettender Gnade auf ein Individuum hier ungleich wirkt? Wer wird denn nicht zugeben, dass wenn die beiden Individuen die Plaetze tauschen koennten, sich wahrscheinlich auch ihre Charaktere ganz unterschiedlich entwickeln wuerden? Muesste der Sohn gottesfuerchtiger Eltern im Hause von Unglaeubigen aufwachsen und wuerde all jenem schlechten Einfluss ausgesetzt, wuerde er denn nicht sehr wahrscheinlich auch in seinen Suenden sterben? Die unverstehbare Vorsehung Gottes hat die Menschen unter hoechst verschiedene Einfluesse gestellt, und so weichen auch die Ergebnisse sehr voneinander ab. Gott hat diese verschiedenen Ergebnisse selbstverstaendlich vorhergesehen, noch bevor die einzelnen Menschen geboren worden waren. Das alles sind Fakten, die kein Mensch leugnen kann. Wenn wir glauben, das Universum wird von einem persoenlichen und intelligenten Wesen regiert, dann muessen wir auch glauben, dass diese Ungleichheit nicht dem Zufall ueberlassen bleibt, sondern Teil des Plans ist. Das Los jedes einzelnen Menschen ist auf die Souveraenitaet und das Wohlgefallen Gottes allein zurueckzufuehren. N. L. Rice sagt: >>Sogar Arminianer werden zugeben muessen, dass Gott grosse Unterschiede in der Familie der Menschheit macht. Nicht nur wird zeitlicher Segen unterschiedlich verteilt, sondern auch geistliche Gaben -- ein Unterschied, der sie eigentlich dazu zwingen sollte, die Lehre von der Erwaehlung anzuerkennen, wenn sie logisch konsequent blieben ... Wenn das vom goettlichen Einfluss begleitete und an ein Volk gesandte Evangelium nicht zur persoenlichen Erwaehlung zaehlen darf, dann wird die Zurueckhaltung dieser Gnaden von einem Volk jedenfalls zu genereller Verwerfung fuehren.<< [200] Der Calvinismus geht davon aus, dass Gott seine Gnade aehnlich gewaehrt wie die anderen Gaben. Waere die Verteilung der geistlichen Gaben ungerecht, so ist es die Verteilung zeitlicher Gueter nicht minder. Tatsache ist aber einmal, dass Gottes Souveraenitaet schon von Geburt an die groessten Unterschiede zwischen Menschen macht, ganz unabhaengig von persoenlichen Verdiensten. Sowohl zeitliche Gueter als die notwendigen Umstaende, ueberhaupt zum Heil zu gelangen, werden ungeachtet menschlicher Verdienste gewaehrt. Daher heisst es auch, der Heilige Geist teilt jedem zu, wie er will (1 Kor 12,11). Nirgendwo in der Schrift heisst es, dass Gott seine Gnade >>unvoreingenommen<< oder >>vorurteilslos<< gewaehre. Schon alleine was die Nationen anlangt, sehen wir, dass Gott ganz offensichtlich einige davon bevorzugt hat: In aeltester Zeit Israel, heute etwa Europa und Amerika, waehrend der Orient und Afrika in Dunkelheit liegen und dem Fluch falscher Religionen unterworfen ist. All diese Tatsachen muss jedermann zugeben. Obgleich die Juden ein kleines und ungehorsames Volk waren, hat Gott ihnen Vorteile gewaehrt, die er anderen Nationen vorenthalten hatte. >>Euch allein habe ich aus allen Voelkern der Erde erkannt<< (Am. 3,2). >>So hat keinem anderen Volk er getan, noch sie gelehrt seine Rechte<< (Ps 147,20). >>Was haben dann die Juden noch voraus? Was nuetzt die Beschneidung? In jeder Hinsicht viel. Vor allem sind ihnen die Verheissungen Gottes anvertraut worden<< (Roem 3,1f). Keine dieser Gunstbezeugungen haben die Juden je verdient, denn immer wieder wird ihnen gesagt, dass sie ein >>halsstarriges und rebellisches Volk sind.<< In Mt 11,25f. sagt Jesus: >>Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geoffenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen.<< Hier dankt Jesus seinem Vater fuer genau das, was der Arminianismus als ungerecht und parteiisch bezeichnet. Auf die Frage, weshalb Gott nicht allen Menschen den gleichen Segen gewaehrt, koennen wir nur antworten, dass uns das nicht offenbart worden ist. Wir sehen, dass schon das jetzige Leben gravierende Unterschiede macht: Nicht alle werden gleich behandelt. Aus Gruenden, die Ihm allein bekannt sind, hat er einigen Menschen Segnungen zuteil werden lassen, auf die sie keinerlei Recht haben; dagegen besteht grosse Verpflichtung zur Dankbarkeit, da sie grosse Schuldner der goettlichen Gnade geworden sind. Anderen hat er diesen Segen nicht erteilt; er unterliegt allerdings auch keiner Verpflichtung, dies je zu tun. Tatsaechlich wird kein einziges Glied der Menschheit von seinem Schoepfer schlechter behandelt, als es das verdient haette. Die Gnade, die Gott einzelnen Menschen gewaehrt, gewaehrt er aus keinerlei Verpflichtung heraus, daher kann er nach seiner Wahl so viel Gnade gewaehren, wie immer ihm beliebt, dem einen mehr, dem anderen weniger. W. G. T. Shedd merkt an: >>Wenn Gott den Nichterwaehlten dennoch eine allgemeine Gnade gewaehrt, dann bedeutet das, dass er sie generell vom Koenigreich des Himmels ausschliesst, denn diese allgemeine Gnade ist nicht nur eine Einladung zu glauben und zu bereuen, sondern will auch die Hilfestellung dazu geben. Diese Hilfe wird nur durch den Widerstand der Nichterwaehlten zunichte gemacht, nicht durch eine Eigenschaft jener allgemeinen Gnade oder gar durch Gottes Handeln. Die Erfolglosigkeit der allgemeinen Gnade, den Suender zu erloesen, ist einzig dem Suender selbst zuzuschreiben; er hat kein Recht, sich zu beschweren, dass er ja nichts dafuer koenne, er hat nicht das Recht, zu argumentieren, dass Gott ihm gerade wegen dieser seiner Ablehnung die Gnade gewaehren muesse. [201] Wird eingewendet, dass Gott doch jedem Menschen die Moeglichkeit geben muesse, errettet zu werden, dann antworten wir, dass schon das Vernehmen des Evangeliums fuer den, der hoeren kann, eine solche Moeglichkeit darstellt. Die Botschaft lautet ganz einfach: >>Glaube an den Herrn Jesus und du wirst errettet.<< Das ist eine Moeglichkeit, errettet zu werden, und nichts hindert den Menschen, daran zu glauben, ausser er sich selbst. Shedd hat diesen Gedanken sehr schoen in den folgenden Worten ausgedrueckt: >>Ein Bettler, der fuenf Dollar aus den Haenden eines wohlwollenden Menschen ablehnt, kann ihn dafuer nicht des Geizes anklagen, nur weil er ihm nach der Ablehnung der fuenf Dollar nicht sofort zehn Dollar anbietet. Jeder Suender, der Gott anklagt, ihm nicht jene wesensveraendernde Gnade gewaehrt zu haben, die zu ewigem Leben fuehrt, trotzdem er die allgemeine Gnade missbraucht hat, der sagt im Prinzip zum Hoechsten und Heiligen: >Du hast einmal versucht, mich zu bekehren, versuche es noch einmal, gibt dir allerdings etwas mehr Muehe!<<< [202] Ein starkes Argument gegen den arminianischen Einwand, diese unsere Lehre mache Gott zum ungerechten Parteigaenger, besteht in dem Hinweis, dass Gott seine rettende Gnade nur fuer gefallene Menschen, nicht aber fuer den Teufel und seine Engel bestimmt hat. Wenn es sich also mit der unendlichen Guete und Gerechtigkeit Gottes vertraegt, die ganze Schar der gefallenen Engel in Bezug auf das Heil ausser Acht zu lassen und sie ihrem Schicksal der Strafe fuer ihre Suenden zu ueberlassen, dann gilt das auch fuer Teile der gefallenen Menschheit. Wenn der Arminianismus zugibt, dass Christus nicht fuer die gefallenen Engel gestorben ist, dann glaubt er selbst schon im Prinzip an die >>begrenzte Suehne<< und bildet einen aehnlichen Unterschied zum Calvinismus, der sagt, dass Christus nur fuer die Auserwaehlten gestorben ist. [203] Wie darf der Mensch mit seinem fehlerhaften Wissen und seinen Missverstaendnissen sich anmassen, Gottes Gnadenwahl zu kritisieren? Das waere so, als bezichtigte er Gott der Ungerechtigkeit, weil er die Menschen nicht gleich als Engel erschaffen hat -- die Macht dazu hat er ja gehabt; so sei er also ungerecht, weil er auf diese Weise doch alle Menschen errettet haben koennte. Das Verhaeltnis von irdischer Suende und ewiger Strafe ist fuer uns genauso schwer zu verstehen wie der Umstand, dass Gott einige Menschen errettet, andere dagegen nicht. Ganz offensichtlich errettet er manche Menschen nicht, obgleich er es koennte. Wenn jene, die an Gottes Vorsehung glauben, einwenden, er habe weise Gruende dafuer, weshalb er so viele Menschen verlorengehen laesst, dann antworten wir darauf: Diejenigen, die an Gottes Souveraenitaet glauben, koennen sagen, er hat weise Gruende, weshalb er einige errettet, andere dagegen nicht. Mit gutem Grund koennte man sagen, da Gott einige Menschen bestraft, sollte er eigentlich alle Menschen bestrafen, aber niemand wird soweit gehen. Vom menschlichen Standpunkt aus gesehen scheint es wesentlich plausibler und Gott wesentlich angemessener, wenn er der Suende erst gar nicht erlaubt haette, in unser Universum einzudringen, oder dass er zumindest nach dem Eindringen der Suende Vorkehrungen getroffen haben sollte, die Suende wieder zu eliminieren, damit letztlich alle Geschoepfe das ewige Heil erlangen. Aber der Plaene waere kein Ende, wenn sich jedes Geschoepf anmasste, die goettlichen Handlungen mit seiner eigenen Sichtweise zu versoehnen. Wir haben uns in Bezug auf die Vorsehung mit den offenbarten Fakten aus der Bibel zu begnuegen, und es scheint, als sei allein der Calvinismus in der Lage, diese Frage richtig zu beantworten. __________________________________________________________________ [200] N. L. Rice, God Souvereign and Man Free, S. 136, 139. [201] William G. T. Shedd, Calvinism, Pure and Mixed, S. 59. [202] Ebd., S. 51. [203] In einem Brief an John Wesley auf dessen Predigt ueber die "freie Gnade" schreibt George Whitfield, der grosse Erweckungsprediger des achtzehnten Jahrhunderts: "Ferner will ich darauf verweisen, dass Ihr die Lehre der Verwerfung zu Unrecht gotteslaesterlich nennt. Umgekehrt ist die Lehre der universalen Erloesung, wie Ihr sie darlegt, der groesste Anwurf auf die Wuerde des Sohnes Gottes und auf den Wert seines Blutes. Bedenkt daher, ob es nicht viel eher Gotteslaesterung sei, zu sagen, wie Ihr in Paragraph 20 tut: ,Christus starb nicht allein fuer jene, die gerettet werden, sondern auch fuer jene, die verlorengehen." Das Absurde einer solchen Behauptung tritt hier ganz klar zutage (A. d. Ue.). __________________________________________________________________ 4) Gottes >>Parteilichkeit<< im Lichte seiner Souveraenitaet und seiner Gnadengaben Es waere falsch, zu sagen, Gott sei denen gegenueber ungerecht, die sein Plan nicht zum Heil vorsieht. Dieser Einwand sollte bedenken, dass Gott es nicht einfach mit Geschoepfen zu tun hat, sondern mit suendigen Kreaturen, die jeden >>Anspruch<< auf seine Gnade verloren haben. Augustin hat sehr schoen gesagt: >>Die Verdammnis ereilt die Suender gerechterweise wegen ihrer Schuld und ihrer Verfehlungen; die Gnade wird den Begnadigten aber voellig unverdient gewaehrt, so dass der verdammte Suender nicht sagen kann, er habe seine Strafe nicht verdient, wie ebenso auch der Heilige keineswegs in irgendeiner Weise stolz darauf sein duerfte, als habe er die Gnade verdient. All dies zeigt: Es gibt kein Ansehen der Person. Die Verdammten und die Erloesten sind urspruenglich aus dem selben Klumpen; beide sind suendig und der Vergeltung verfallen. Die Gerechtfertigten sollen im Hinblick auf die Gefallenen lernen: Auch sie gehoerten eigentlich zu ihnen, wenn die goettliche Gnade nicht fuer sie eingetreten waere.<< [204] Calvin kommt zum gleichen Schluss, wenn er sagt: >>Der Herr gewaehrt Gnade, wem er will, weil er barmherzig ist; er gewaehrt sie jedoch nicht jedermann, eben weil er ein gerechter Richter ist. Er gewaehrt denen Gnade, die sie niemals verdienen, waehrend er mit der Verweigerung der Gnade nur erklaert, dass man sie eben nicht verdient.<< [205] Parteilichkeit, wie unsere Gegner das Wort verstehen und verwenden, ist freilich im Reich der Gnade ausgeschlossen. Parteilichkeit gibt es nur im Bereich der Gerechtigkeit, eben dort, wo die Betroffenen gewisse Ansprueche und Rechte haben. Wir moegen dem einen Bettler etwas geben, was wir dem anderen vorenthalten, denn wir schulden weder dem einen etwas noch dem anderen. Das Gleichnis mit den Talenten illustriert die Lehre der goettlichen Souveraenitaet sehr klar: Die verteilten Gaben sind voellig unverdient -- und die Erneuerung des Menschen ist wohl eines der groessten unverdienten Geschenke ueberhaupt. Die zentrale Aussage des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg ist Gottes Souveraenitaet in der Verteilung seiner Gaben. Er kann zum Geretteten wie zum Verlorenen sagen: >>Freund, ich tue dir kein Unrecht; ... Oder darf ich mit meinem Eigentum nicht machen, was ich will? Bist du etwa neidisch, wenn ich (zu anderen) guetig bin?<< (Mt 20,15-15). In Bezug auf Mose heisst es: >>Ich erbarme mich, wessen ich mich erbarmen will, und ich habe Mitleid, mit dem ich Mitleid haben will. Somit kommt es nicht auf das eigene Wollen oder Laufen an, sondern auf Gottes Erbarmen. So sagt die Schrift zu Pharao: >Gerade dazu habe ich dich erweckt, um an dir meine Macht zu zeigen, damit mein Name auf der ganzen Erde verkuendet werde.< So erbarmt er sich, wessen er will, und er laesst verstockt sein, wen er will<< (Roem 9,15ff). Einigen gegenueber ist er gnaedig, den anderen gegenueber gerecht -- alle werden sie zu Seiner Herrlichkeit beitragen. Es ist, wie wenn ein Mensch seine Almosen verteilt: Dem einen gibt er etwas, dem anderen nicht. Genauso kann Gott seine Gnade, dieses himmlische Geschenk, gewaehren, wem er will. Es liegt im Wesen der Gnade, immer Geschenk zu sein. Dass sie so ungleich gewaehrt wird, zeigt gerade, wie unverdient sie ist. Wenn auch nur einer ein Recht auf sie haette, waere sie schon keine Gnade mehr, sondern waere etwas Geschuldetes. Wenn man Gott seiner Souveraenitaet in dieser Sache beraubt, dann wird die Erloesung fuer jedermann zu einer Sache des Anspruchs. Zehn Mann schulden einem bestimmten Geldgeber tausend Dollar. Der Geldgeber erlaesst nun aus uneinsichtigen Gruenden sieben Maennern ihre Schuld, nicht aber den drei anderen. Haben denn diese drei Maenner ein Recht, sich zu beklagen? Wenn drei Moerder zum Tod durch den Strang verurteilt werden, zweien von ihnen jedoch Gnade gewaehrt wird -- vielleicht stellt sich heraus, dass sie zu Kriegszeiten ihrem Land einen besondern Dienst erwiesen hatten -- macht dies die Vollstreckung der Todesstrafe am Dritten deswegen ungerecht? Selbstverstaendlich nicht: In seinem Fall mag es keinerlei Gruende geben, ihn nicht der Todesstrafe zu ueberantworten. Wenn es schon nicht ungerecht ist, wenn ein irdischer Koenig so verfaehrt, wie sollte es dann ungerecht sein, wenn der souveraene Herr gegenueber seinen rebellischen Geschoepfen nicht anders verfaehrt? Wenn alle Menschen die Strafe verdienen, wie kann man Gott dann ungerecht nennen, wenn er eben nur einen Teil davon bestraft -- noch dazu einen vergleichsweise kleinen Teil? Warburton hat ein anschauliches Beispiel gebracht: Eine Dame geht in ein Waisenhaus und adoptiert ein ganz bestimmtes Kind. >>Sie koennte auch andere Kinder ausgewaehlt haben -- die Mittel dazu hat sie -- aber sie waehlte eben dieses eine Kind. Ist sie etwa ungerecht? Ist sie ungerecht, weil sie einem Kind die Sicherheit und den Komfort ihres eigenen Heims bietet? Ist denn das nicht ihr unbestrittenes Recht? Wenn die anderen Kinder nun zu Gossenkindern werden, weil sie nur dieses eine Kind ausgewaehlt hat, wo ist da ihre Schuld? ... Hat man je davon gehoert, dass ein Gericht jemanden wegen einer solchen Tat verurteilt haette? Wird ein solcher Mensch nicht vielmehr geachtet und gelobt? Spricht man nicht in hoechsten Toenen von seiner Liebe und seinem Mitleid? Und weshalb? Warum verurteilt man ihn nicht, weil er sich ein Kind aus einem Waisenhaus geholt hat und die anderen zurueckgelassen hat? Warum beschwert man sich nicht darueber, welch Ungerechtigkeit es sei, all die anderen Kinder zurueckgelassen zu haben? ... Der Grund dafuer ist einfach: Alle Kinder befinden sich in der gleichen Notlage; keines hat auch nur die geringsten Ansprueche darauf, Gefallen zu finden bei dem, der es nach seinem Wohlgefallen adoptieren koennte ... Wo ist da der Unterschied, wenn auch Gott sich erwaehlt, wen Er will? Hat etwa ein Findlingskind Anspruch darauf, dass man es adoptiert? Genauso wenig hat der gefallene Mensch Anspruch darauf, dass Gott ihn erloest; Gottes Wahl ist daher voellig frei, unverdient und gerecht. Gottes Vorauswahl ist unverdient und frei, und sie ist es angesichts der Selbstverschuldung des Menschen. Nicht mehr und nicht weniger ist es, was die calvinistische Lehre der Praedestination aussagt.<< [206] Da das Opfer Christi von unendlichem Wert ist, moegen wir zunaechst annehmen, Gott haette doch alle Menschen erretten sollen. Doch wollte er offenbar ein ewiges Beispiel nicht nur seiner Gnade, sondern auch seiner Gerechtigkeit aufrichten. Wenn jeder gerettet worden waere, dann haette man nie gesehen, wie schlimm die Suende ist und welche Strafe sie eigentlich verdient. Wenn niemand gerettet worden waere, dann haette man auch niemals gesehen, was Gottes Gnade bedeutet. Darueber hinaus wird die Kostbarkeit der Gnade gerade erst in ihrer Exklusivitaet sichtbar, freilich nur jenen, denen sie gewaehrt wird. Letztlich wird man sagen duerfen: Die Groesse des Plans zeigt sich vielleicht gerade darin, dass Gott einige Menschen ihrer Wege in das Verderben gehen laesst, damit generell sichtbar wird, welch schrecklich Ding es ist, der Feind Gottes zu sein. Man koennte nun fragen: Was ist das Schicksal des Nicht-Erwaehlten, der in seinen Suenden belassen wird und ewige Strafe erleiden muss, ja, der nicht einmal die Moeglichkeit hat, das Koenigreich Gottes zu sehen? Wir antworten darauf mit der Lehre von der Erbsuende. Adam haette als Stellvertreter der ganzen Menschheit die Moeglichkeit gehabt, errettet zu werden, doch er hat diese Moeglichkeit verspielt. Die Rechtfertigung der Erwaehlten wie das Uebergehen der Verlorenen muss im Lichte der Tatsache gesehen werden, dass >>alle gesuendigt haben und der Herrlichkeit Gottes ermangeln.<< Zweifellos gibt es die allerbesten Gruende fuer Gottes Wahl, doch sind uns diese Gruende nicht offenbart. Wir wissen nur, dass kein einziger Verlorener seine Strafe unverdient verbuessen wird. In dieser Welt geniessen sie der Gueter Gottes oft in noch groesserem Masse als die Auserwaehlten. Sowohl Gewissen wie auch Erfahrung sagen uns, dass wir Angehoerige einer gefallenen Menschheit sind. Jeder, der verlorengeht, weiss, dass er selbst daran schuld ist. Darueber hinaus: Wenn alle Menschen aufgrund einer gerechten Handlung Gottes in ihre gegenwaertige Verlorenheit und in ihren ruinoesen Zustand gelangt sind -- und wer wollte dies bestreiten? --, dann koennten sie voellig gerechterweise ihrem Schicksal ueberlassen bleiben. Es waere ja absurd zu sagen, sie haben zwar nichts anderes verdient als ewiges Elend, doch sei es ungerecht, wenn sie dieses Elend nun auch erleiden muessten, denn das waere nichts anderes, als wolle man sagen, die Ausfuehrung einer gerechten Verurteilung sei ungerecht. Man mag noch hinzufuegen, dass der Mensch in seinem gefallenen Zustand keinerlei Verlangen nach Erloesung [207] hat, und an genau dieser Masse >>uebt Gott Barmherzigkeit, an wem er will und verhaertet auch, wen er will.<< Das ist die durchgaengige Lehraussage der Schrift. Wer dies leugnet, der leugnet das Christentum selbst und stellt Gottes Herrschaft der Welt in Frage. Niemand wird bestreiten, dass wir selbst hoechst >>parteiisch<< zu sein pflegen: Wir behandeln unsere Familienmitglieder und Freunde ganz besonders, obgleich sie es nicht mehr oder weniger verdient haben als alle anderen Menschen. Es folgt aber daraus keineswegs, dass wir alle Menschen so behandeln muessten. Genau dies aber verlangt der Arminianismus vom Allerhoechsten: Er muss seine Freigiebigkeit wie aus einer Staatskasse an alle verteilen. >>Sollte ich das zehntausend Pfund schwere Geschenk eines Freundes zurueckweisen und ihn damit beleidigen, nur weil er dieses Geschenk nicht auch meinem Nachbarn macht?<<, fragt Toplady. Wenn uns jemand sagt, die Praedestinationslehre habe mit >>Parteilichkeit<< zu tun, dann stimme ich gerne zu. Aber ich leugne, dass diese >>Parteilichkeit<< ungerecht sei. __________________________________________________________________ [204] Boettner gibt die Quelle nicht an. [205] Boettner gibt die Quelle nicht an. [206] Boettner gibt die Quelle nicht an. [207] Boettner meint die Erloesung durch Jesus Christus, denn dass der Mensch seit jeher Verlangen nach Erloesung hat, wird niemand bestreiten wollen, da das Phaenomen Religion ohne diesen Gedanken unsinnig waere (A. d. Ue.). __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XX __________________________________________________________________ Einwand 6: Diese Lehre zerstoere die gute Moral, weil sie zur Passivitaet anleite __________________________________________________________________ 1) Ziel und Mittel sind vorherbestimmt Es wird manchmal der Einwand erhoben, dass dieses Gedankengebaeude die Menschen zu Sorglosigkeit und Indifferenz bezueglich ihres moralischen Verhaltens und ihres Wachstums in der Gnade verleite, da ja ihre ewige Erloesung quasi schon feststehe. Dieser Einwand wird meist gegen die Lehre der Erwaehlung und gegen das Beharren der Heiligen eingewandt. Diesem Einwand (genauso wie jenem, dass unser System angeblich zu Faulheit fuehre) kann aber mit dem Hinweis begegnet werden, dass nicht nur das Ziel vorherbestimmt ist, sondern auch die Handlungen. Gottes Befehl, die Erde solle fruchtbar sein, meint den Sonnenschein genauso wie Regen und Ackerbau etc. Wenn Gott dem Menschen Ernte vorherbestimmt hat, dann auch die Saat und die Pflege des Saatgutes. Das Ziel, etwas zu bauen, schliesst die Herstellung der Baumaterialien mit ein, genauso wie eine Kriegserklaerung die Waffen, Munitionen, Schiffe und all die sonst noetige Ausstattung miteinschliesst. Zur Auswahl der Erwaehlten gehoert nicht nur ihr ewiges Ziel, sondern auch die Erwaehlung zur Heiligkeit im Hier und Jetzt. Es wird nicht einfach der Mensch als solcher, sondern der Mensch als heiliger und tugendhafter Mensch zum ewigen Leben vorherbestimmt. Paulus sagt in deutlichster Sprache vom Ziel der Erwaehlung: >>In ihm hat er uns schon vor Erschaffung der Welt auserwaehlt, dass wir heilig und untadelig vor ihm seien<< (Eph 1,4). >>Denn die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichfoermig zu werden<<, heisst es in Roemer 8,29. In 2 . Thess. 2,13 heisst es, >>dass Gott euch am Anfang zum Heil erwaehlt hat in der Heiligung des Geistes und durch den Glauben an die Wahrheit.<< >>Soviele ihrer zum ewigen Leben bestimmt waren<<, heisst es in Apg 13,48. Die Vorherbstimmten sind die Berufenen, sind die Gerechtfertigten und sind die Verherrlichten (Roem 8,29f.), und daher steht der freie Ratschluss Gottes gegenueber den Erwaehlten auch fest (Roem 9,11). Dieser Glaubenssatz des Calvinismus ist im Westminster-Bekenntnis sehr gut ausgedrueckt: >>Wie Gott die Erwaehlten zur Herrlichkeit berufen hat, so hat er nach dem ewigen und voellig freien Entschluss seines Willens alle Mittel dazu im voraus bestimmt. Deswegen sind die Erwaehlten, die in Adam gefallen sind, erloest durch Christus; wirksam berufen zum Glauben an Christus durch seinen Geist, der zu seiner Zeit wirkt; sind gerecht- fertigt, zur Kindschaft angenommen, geheiligt und bewahrt aus seiner Kraft durch den Glauben zum ewigen Heil. So sind auch keine anderen durch Christus erloest, wirksam berufen, gerechtfertigt, angenommen, geheiligt und bewahrt als allein die Erwaehlten. [208] >>Gott hat Hiskia fuenfzehn Jahre des Lebens dazugeschenkt. Dies hat Hiskia aber nicht dazu verleitet, mit seiner Gesundheit sorglos umzugehen oder sein Essen zu verweigern. Er hat nicht gesagt: Obgleich ich durch das Feuer gehe oder mich ins Wasser stuerze, egal ob ich auch Gift trinke -- ich werde jedenfalls genauso lange leben. Die Vorherbestimmung schliesst das verursachende Handeln des Menschen immer mit ein.<< [209] Da alle Ereignisse mehr oder weniger zusammenhaengen und da Gottes Handeln immer ein vermitteltes Handeln ist, waere die Gewissheit der Ereignisse ohne ein vorherbestimmtes Vermitteltsein dieser Ereignisse selbst freilich unhaltbar. Die Vorherbestimmung umfasst nicht nur das Werk Christi und das Wirken des Heiligen Geistes, sondern auch den Glauben, die Umkehr und das Beharren seines Volkes. Als Paulus die gleiche Lehre zu einer anderen Gelegenheit gebracht hat, musste er dem gleichen Einwand begegnen, naemlich, dass er das Gesetz durch diesen Glauben zugrunde richte, oder in anderen Worten: Da wir ja aus Glauben gerecht gesprochen sind, muessen wir uns nicht mehr an das Moralgesetz halten. Darauf antwortet er aber energisch: >>Keineswegs! Vielmehr richten wir das Gesetz auf<<. Zwischen der ewigen Erloesung als Ziel und dem Glauben und der Heiligkeit als Mittel besteht unaufloesliche Verbindung. Der >>ideale<< Christ wuerde freilich keine Suende begehen. Obgleich er gerettet ist, ist er doch gerettet, um gute Werke zu tun; er steht unter der Verpflichtung, niemandem Anstoss zu geben, damit sein Dienst nicht verspottet wird (2 Kor 6,3). Die Schrift kennt kein Beharren im Glauben, das nicht gleichzeitig auch ein Beharren in Heiligkeit waere; sie gibt auch keinen Anlass, seine ewige Sicherheit ohne stetiges Streben nach Heiligkeit und Heiligung zu erwarten! Tugend und Heiligkeit sind Auswirkungen, nicht Ursachen der Erwaehlung, denn fuer die Erwaehlung kann es keine anderen Gruende geben als Gottes Wohlgefallen allein. Es stimmt zwar: Einige Menschen erreichen in diesem Leben ein Mehr an Heiligung, ein Mehr an stetigem Ausharren als andere, und niemand, der nicht im Hier und Jetzt an dieser Heiligkeit und Heiligung teilnimmt, soll waehnen, er werde die ewige Glueckseligkeit im Jenseits sehen. Alle, die Gott fuer die ewige Glueckseligkeit bestimmt hat, die hat er auch dazu bestimmt, in diesem Leben schon einen Vorgeschmack dieser Glueckseligkeit zu bekommen, und gleichwie die Heiligkeit Grundvoraussetzung ist fuer ewige Seligkeit, so nimmt diese Heiligkeit in ihnen schon in diesem Leben ihren Anfang, denn ohne Heiligung wird niemand den Herrn sehen. __________________________________________________________________ [208] WB, Art. 3.6 [209] Ness, Antidote Against Arminianism, S. 41. __________________________________________________________________ 2) Liebe und Hingabe ist die staerkste Basis fuer ethisches Handeln Es wird eingewandt, dass auch die Glaeubigen insgesamt unfaehig sind, sich um ihrer feststehenden Sicherheit und ihres ewigen Heiles anderer Motive als der Selbstsucht bedienen zu koennen. Es handelt sich bei den Glaeubigen immer noch um solche, die durch die Allmacht Gottes vom Tod zum Leben, von Suende zu Heiligkeit gebracht worden sind und die die Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, schon geschmeckt haben. Aber dieser Einwand sagt eigentlich nichts anderes -- und Cuninngham hat das sehr gut ausgedrueckt -- als dies: >>Erstens, dass jeder erste Anschein von Sittlichkeit, den ihr Verhalten zeigt, immer nur auf die Angst vor der Hoelle zurueckzufuehren ist und dass sie um der ewigen Sicherung vor Strafen immer noch viel lieber tun moechten, was des Teufels ist, und nicht das, was Gottes ist. Das Wissen um das im Diesseits schon gewaehrte ewige Heil, auf das sie sich solcherart verlassen, kann daher niemals dazu fuehren, dass sie Gott irgendwelche Dankbarkeit entgegenbringen. [210] McFetridge hat den Kontrast sehr gut herausgearbeitet, der zwischen der moralischen Basis calvinistischer und arminianischer Theologie besteht: >>Die zwei grossen Quellen, die die Menschen bewegen, sind auf der einen Seite Ueberzeugung und Idee, auf der anderen Gefuehl und Empfindung; der Charakter des Menschen wird gepraegt von der Beeinflussung durch diese Art von Quellen. Derjenige, der sich von Ueberzeugung und Idee lenken laesst, gewinnt an Stabilitaet; um ihn umzustimmen, muesste sein Gewissen veraendert werden. Derjenige dagegen, der sich von Gefuehl und Empfindung lenken laesst, geht dem Wankelmut entgegen. Der Ansatz des Arminianismus basiert hauptsaechlich auf Empfindungen. Er haelt den Menschen fuer faehig, moralisch freiwillig taetig werden zu koennen und damit jederzeit sein ewiges Schicksal umstimmen zu koennen. Damit ist er seinen Empfindungen verpflichtet. Was immer seine Gefuehle auf rechtmaessigem Wege anspornt, haelt er fuer angebracht. Daher ist es vor allem vonnoeten, dass Verstand und Gefuehl angeregt werden. Der Arminianer ist aus diesen Gruenden ein einfuehlsamer Mensch, der konsequenterweise je von dem angesprochen wird, was er sieht und hoert. Seine Moral haengt hauptsaechlich von dem ab, was er fuehlt und bleibt daher stets dem Wellenkamm der Veraenderung ausgesetzt, der ihn nach oben oder auch nach unten traegt. Der Calvinismus dagegen ist ein Gedankengebaeude, das sich nicht nach dem Gefuehl, sondern nach dem Denken, nicht nach Empfinden, sondern am Gewissen orientiert. Aus seiner Sicht liegen alle Dinge geordnet in einem vollkommenen System goettlicher Gesetze, die unabhaengig von dem gelten, was wir empfinden und denen auch bei Gefahr der Seele gehorcht werden muss. ... Sein Denken beruht nicht auf Empfindungen, sondern auf Ueberzeugungen. ... Die Stimme Gottes im Gewissen wird zum Fuehrer eigenen Verhaltens. Sie versucht den Menschen zu ueberzeugen, nicht ihn mit voruebergehenden Gefuehlen aufzuwirbeln. Ein tiefes Pflichtbewusstsein ist dem Calvinisten daher das Groesste in Fragen der Moral. Seine erste und letzte Frage ist: Handle ich richtig? Dies muss er vor allem erkennen. Das Gewissen geht seinen Handlungen daher stets voraus. ... Aus calvinistischer Sicht hat Gott den Weg bereits abgesteckt, den der Mensch gehen soll -- es ist ein Weg, den Er nicht veraendern wird. Der Mensch hat die Pflicht, auf diesem Wege zu gehen, und zwar unabhaengig von Freudigkeit oder Sorge und unabhaengig von seinem Wohlgefallen. Der Calvinist zeichnet sich nicht durch Beweisgier aus, sondern durch Gedankenfuelle; seine Moral -- mag sie sonst sein, was sie will -- ist stets charakterisiert von Stabilitaet und Staerke, die allerdings einige gerne als Starrsinn und Haerte hinstellen.<< [211] Unsere Liebe zu Gott waere im besten Fall lauwarm, wenn wir glaubten, seine Liebe zu uns haenge von unserem richtigen und guten Verhalten ab. Seine Liebe ist eine gigantische Sonne, die ohne Anfang und Ende scheint, waehrend unsere Liebe zu Ihm bestenfalls als kleines Flaemmchen gelten darf. Erst daraus resultiert die Sicherheit, dass Gott jene, die er liebt, niemals abfallen laesst. Liebe, die in Eigeninteresse gruendet, wird allgemein nicht als besonders moralisch gesehen; der Calvinismus ist allerdings das einzige Glaubenssystem, das ein voellig selbstloses Motiv anfuehren kann, naemlich die Ueberzeugung, dass es einzig die freie Gnade und unverdiente Liebe Gottes unter Ausschluss jeglichen menschlichen Handelns ist, was den Menschen errettet. Wenn der Christ sich erinnert, dass er einzig durch das stellvertretende Leiden und Sterben Christi erloest ist, dann ueberstroemen Liebe und Dankbarkeit sein Herz und er fuehlt wie Paulus: Alles, was er anbieten kann, ist: sein Leben in den liebenden Dienst zu stellen. Er sieht sich allein aus Gottes Gnade gerettet, daher lernt er, Gott um Seinetwillen zu lieben -- es wird ihm zur Freude des Lebens, ihm von ganzem Herzen zu dienen. Aus Gehorsamspflicht wird ihm ein hoechstes Gut. Was die Heiligen hier auf Erden antreibt, ist das selbe Prinzip, das auch die vervollkommneten Heiligen im Himmel antreibt: Sie haben ihre Freude daran, Gott unausgesetzt mit ganzem Herzen zu dienen und ihn allerorts zu verherrlichen und ihr Leben ganz zu seiner Ehre zu leben. >>Ein Entzuecken an Seiner Guete treibt sie dazu, ihre vervollkommneten Geister das Lob und die Ehre beschreiben zu lassen, das dem gebuehrt, der sie aus tiefstem Verderben erloest hat und der ihnen eine himmlische Behausung geschenkt hat, in der sie Ruhe, Entzuecken, Wohlbehagen und voellig unverdiente Ehre geniessen duerfen.<< [212] Reine Liebe und Dankbarkeit gegenueber Gott, nicht selbstische Furcht ist der Treibstoff annehmbaren Gehorsams, und aus diesen beiden allein fliesst alles, was sich etwa Reinheit der Moral nennen darf. Jesus befuerchtete nicht, dass die Aussicht auf das Himmelreich Liederlichkeit in seinen Juengern bewirken koennte, denn er sagte zu ihnen: >>Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.<< Die Erwaehlten haben also die gewichtigsten Gruende, die ein Geschoepf nur haben kann, Gott zu lieben und ihn zu ehren, und es ist nichts als schiere Verleumdung, wenn man sagt, die Praedestinationslehre fuehre zu Nachlaessigkeit und sei fuer die Moral nur wenig tauglich. __________________________________________________________________ [210] Cunningham, Historical Theology, Bd. 2., S. 279. [211] Nathanael S. McFetridge, Calvinism in History, S. 107f. [212] William Walmsley, Gelegenheitsschrift Nr. 173 der Souvereign Grace Union, S. 67. __________________________________________________________________ 3) Die Fruechte des Calvinismus in der Geschichte sind seine beste Verteidigung Der Calvinismus reagiert auf den Vorwurf, die Moral nur wenig befoerdern zu koennen, nicht nur mit Vernunftgruenden, sondern auch mit Fakten; er setzt den unhaltbaren Behauptungen seinen weltweiten Ruf entgegen. Was fuer Fruechte, so fragt er, koennen andere Lehrgebaeude dem Calvinismus entgegenhalten, wenn er auf die Errungenschaften der Reformatoren verweist oder auch auf den hohen moralischen Ernst der Puritaner? Luther, Calvin, Zwingli und deren unmittelbare Helfer waren durchgaengig >>Calvinisten<<; unter ihnen fand die groesste Erweckung aller Zeiten ihren Anfang. Der Calvinismus Englands etwa hielt sich so streng an die Reinheit der Lehre, der Anbetung und des taeglichen Lebens, dass seine Anhaenger gerade von ihren Feinden, die mitunter ihre besten Zeugen gewesen waren, den Namen >>Puritaner<< verliehen bekamen. In England waren es die Puritaner, in Schottland die Covenanters und in Frankreich die Hugenotten, die am selben Glauben und am gleichen Ethos festhielten. Es wird dem Calvinismus als Beweis fuer seine charakterformende Macht angesehen werden muessen, dass sein System in all diesen Laendern die gleiche Art Mensch hervorgebracht hat. Ueber die Puritaner in diesem Land sagt McFetridge: >>Unter allen Voelkern der amerikanischen Kolonien waren sie (die Puritaner, die Calvinisten Neuenglands) einzigartig, was die Moral betrifft. In ihren Ueberzeugungen gediegen, waren sie Maenner und Frauen von Gewissen. Sie haben sich wahrlich keiner Gefuehlsduselei hingegeben. Fuer die blosse Beachtung von Vorschriften hatten sie nichts uebrig. Das Leben war zu erhaben fuer sie, zu ernst und zu feierlich, als dass sie sich in frommen Erguessen oder emotionalen Rhapsodien ergingen. Von ganzem Herzen glaubten sie an einen gerechten Gott, an einen Himmel und an eine Hoelle. Aus tiefstem Herzen fuehlten sie, dass das Leben kurz ist und die Verantwortlichkeiten gross. Ihre Religion war ihr Leben. All ihre Gedanken und Beziehungen waren davon durchdrungen. Nicht nur ihre Mitmenschen, sondern auch ihre Tiere bekamen diesen guten Einfluss zu spueren. Tieren Gewalt anzutun galt ihnen als offenes Aergernis. In dieser Hinsicht waren sie der Menschheit um zwei Jahrhunderte voraus. Sie waren fleissig, genuegsam und tatendurstig -- was ihnen und ihren Nachkommen zu grossem Wohlstand verhalf. Trunkenheit, Laesterung und Bettelei waren ihnen verhaeltnismaessig unbekannt. Sie brauchten weder Schloss noch Alarmanlage, um ihr ehrbar errungenes Gut zu schuetzen. Ein einfacher Holzriegel genuegte, um sie und ihr Hab und Gut in einer Umgebung zu sichern, wo die Ehrbarkeit taegliche Regel war. Aus dieser Lebensart resultierte Gesundheit und Kraft. Sie lebten lange und gluecklich, hinterliessen grosse und hingebungsvolle Familien und sanken >wie reifes Korn, das geerntet wird<, ins Grab, hatten ihren Frieden mit Gott und ihren Mitmenschen geschlossen, alles in der Hoffnung einer gesegneten Auferstehung.<< [213] Als Krone der calvinistischen Moral darf gelten, dass die ganze Geschichte des Puritanismus keinen einzigen Fall von Ehescheidung kennt. Was haben wir doch heute nicht fuer einen schreienden Bedarf an solchen Einfluessen! Gesetzlosigkeit, wenn sie denn vorgekommen ist, war die Ausnahme; die Puritaner kannten sie kaum. Wenn der Calvinismus der Moral tatsaechlich so wenig foerderlich ist, dann ist es in der Tat ein sehr eigenartiger Zufall, dass dort, wo es am meisten davon gegeben hat, die Kriminalitaet aeusserst gering war. So sagt Froude: >>Das Problem ist eben: Weinbeeren liest man nicht von Dornhecken. Erhabenere Naturen lassen sich nicht von engstirnigen und herzlosen Theorien leiten. Das geistliche Leben ist voll von offensichtlichen Paradoxien. ... Die praktische Auswirkung eines Glaubens ist der beste Beweis fuer seine Stichhaltigkeit. Bringt eine gewisse Anschauung ein heldenhaftes Leben hervor, dann waere es infantil, angesichts dieser Tatsachen zu meinen, alles haette auch anders kommen koennen.<< [214] Henry Ward Beecher bemerkt: >>Es gibt kein Lehrgebaeude, das an Intensitaet dem Calvinismus das Wasser reichen koennte, was zumindest die hervorragende Moralitaet und die Reinheit des Charakters betrifft. Seit Weltbeginn hat wohl kein einziges System dem Menschen mehr Beweggruende zu heiligem Leben liefern koennen, oder auch nur eines, das wie der Calvinismus ganze Batterien an Waffensystemen gebaut hat, den Suendengrund zu attackieren. Man sagt uns, der Calvinismus hantiere mit Hammer und Meissel. Ja, das stimmt, doch das Ergebnis ist ein ansehnlicher Marmorblock. Andere Systeme lassen den Menschen schmutzig und verweichlicht; der Calvinismus macht sie zu Marmorbloecken, geschaffen fuer die Ewigkeit.<< [215] Weit davon entfernt, als Lehrgebaeude zu Unmoral und Verzweiflung zu fuehren, hat es sich gezeigt, dass im Alltag das Gegenteil der Fall ist. Kein anderes Lehrgebaeude hat Menschen von solch brennendem Geiste an religioesen Idealen und ziviler Freiheit hervorgebracht oder solch hochtrabende Ideen von Moral und Bestrebungen in allen Phasen menschlichen Lebens gezeitigt. Wo immer die Reformation hingekommen ist, bluehte das Land auf wie eine Rose, auch wenn es sich dabei um arme Laender wie Holland, Schottland oder auch Neuengland handelte. Selbst Macaulay und viele andere haben das zugegeben, und das ist immerhin beruhigend. __________________________________________________________________ [213] McFetridge, Calvinism in History, S. 128. [214] James Froude, Calvinism, S. 8. [215] Zitiert nach McFetridge, Calvinism in History, S. 121. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XXI __________________________________________________________________ Einwand 7: Diese Lehre schliesst ein ernst gemeintes Angebot des Evangeliums gegenueber den Nicht-Erwaehlten von vornherein aus. __________________________________________________________________ 1) Dieser Einwand trifft auch Gottes Vorherwissen Obgleich das Evangelium vielen Menschen angeboten wird, die es niemals annehmen werden und dies aus ganz subjektiven Gruenden auch gar nicht koennen, betrifft das Angebot alle Menschen mit allem Ernst. Der oft gehoerte Einwand des Arminianismus, die Praedestinationslehre mache ein ernsthaftes Angebot des Evangeliums an die Nicht-Erwaehlten von vornherein hinfaellig, trifft mit gleicher Haerte die Lehraussage vom Vorherwissen Gottes. Wir koennen fragen: Wie kann das Evangelium jenen ernsthaft angeboten werden, von denen Gott schon weiss, dass sie es verachten und ablehnen werden, ja speziell dann, wenn ihre Schuld und ihre Verdammnis dadurch nur noch um so schlimmer werden? Der Arminianismus gibt schliesslich zu, dass Gott im Voraus weiss, wer das Evangelium annehmen und wer es ablehnen wird; er weiss sich unter dem goettlichen Befehl, das Evangelium allen Menschen zu predigen, und dennoch haben Vertreter dieser Ansicht ganz und gar nicht den Eindruck, dass sie damit etwas Unaufrichtiges tun. Die Schwierigkeit ist in beiden Faellen bloss subjektiv und ist einzig auf unser geringes Wissen und auf unsere Unfaehigkeit, Gottes Wege zu verstehen, zurueckzufuehren. Wir wissen: Der Richter der Erde richtet gerecht, auch wenn unser schwacher Verstand Seinen Wegen oft nicht folgen kann. Wir wissen definitiv: Es ist ausreichend dafuer vorgesorgt, dass kommen kann, wer will, und dass jedermann, der gerettet werden will, auch gerettet werden wird. Aus Christi Mund haben wir ein Gleichnis, das die Liebe Gottes zu seinen Kindern veranschaulicht: Der Vater sah den verlorenen Sohn, als dieser noch sehr weit entfernt war; er rannte ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und kuesste ihn. Diesen Willkommensgruss Gottes erfaehrt jeder Verlorene, der zu ihm flieht. __________________________________________________________________ 2) Das Angebot ist durchaus aufrichtig Gott befahl Mose, die Aeltesten aus Israel zu versammeln, zum Pharao zu gehen und von ihm zu verlangen, dass er das Volk eine Dreitagesreise in die Wueste ziehen lasse, um dort ein grosses Fest zu feiern und zu opfern. Doch schon der naechste Vers sagt: >>Ich weiss aber, dass der Koenig von Aegypten euch nicht ziehen laesst, wenn er nicht mit Gewalt dazu gezwungen wird<< (2 Mo 3,19). Wenn es stimmig ist, dass Gott von allen Menschen verlangt, Ihn zu lieben oder auch vollkommen zu sein (Lk 10,27; Mt 5,48), dann ist auch sein Befehl stimmig, umzukehren und an das Evangelium zu glauben. Eine Einladung kann auch dann ernst gemeint sein, wenn man vorher weiss, dass sie ausgeschlagen wird. Ein Vater, der seine Soehne falsche Wege gehen sieht, fuehlt sich gezwungen, sie zurechtzuweisen. Seine Warnungen und Appelle sind sehr ernst gemeint; das Problem liegt bei den Soehnen. Will denn jemand behaupten, Gott koenne sein Erloesungsangebot an freie Menschen nicht ernst meinen, wenn er damit nicht gleichzeitig den Menschen dazu bringt, das Evangelium auch zu akzeptieren? Es ereignet sich oft nach einem Buergerkrieg, dass der siegreiche General den Soldaten der feindlichen Arme Amnesie gewaehrt, vorausgesetzt, die Soldaten strecken die Waffen, gehen nach Hause und leben ein friedsames Leben. Er tut dies ungeachtet der Tatsache, dass er weiss, dass dies viele Soldaten aus Stolz ablehnen werden. Dennoch macht er dieses Angebot guten Glaubens und zwingt niemanden zur Zustimmung, wenn er auch ueber die Macht dazu verfuegte. Stellen wir uns ein Schiff mit vielen Passagieren vor, das etwas abseits der Kueste zu sinken beginnt. Ein Mann schnappt sich ein Boot, um seine Familie zu retten. Zufaellig ist das Boot gross genug, um alle Passagiere aufnehmen zu koennen, und so laedt er alle Sinkenden ein, an Bord zu kommen, obgleich er weiss, dass einige ablehnen werden, weil sie die Gefahr nicht erkennen oder weil etwa die Besatzung auf ihn spuckt oder auch weil Menschen aus anderen Gruenden nicht umsteigen wollen. Waere ein solches Angebot etwa unserioes? >>Gesetzt den Fall, die Familie eines Mannes geraet in Gefangenschaft. Da tut sich eine Moeglichkeit auf: ein Loesegeld, das nicht nur ausreicht, die Familie dieses Mannes loszukaufen, sondern fuer alle Gefangenen reichte. Obgleich das Loesegeld zunaechst vielleicht nur fuer die Familie des Mannes beabsichtigt gewesen sein mag, wuerde es doch fuer alle ausreichen. Oder stellen wir uns jemanden vor, der ein Fest fuer seine Freunde vorbereitet, dabei allerdings so viel aufgetragen hat, dass er seine Tueren oeffnet und jedermann einlaedt, der kommen will. Genau das hat Gott dem Calvinismus nach tatsaechlich getan. Aus Liebe zu seinem Volk und zum Plan, seine Erloesung sicherzustellen, hat er seinen Sohn gesandt, um all jene zu erloesen, die das auch wollen.<< [216] Immer wenn das Evangelium auf Menschen trifft, dann ist es der Unwille einiger, der sie daran hindert, es zu anzunehmen. Es wird ihnen nichts in den Weg gestellt, das sie daran hindern koennte. Alles, was der Ruf des Evangeliums umfasst, ist wahr; das Evangelium ist dem menschlichen Verstaendnis angepasst. Jeder, der will, kann umkehren und glauben. Kein aeusserlicher Zwang hindert sie daran, das Evangelium anzunehmen. Die Erwaehlten nehmen es an, die Nicht-Erwaehlten duerfen es ebenfalls annehmen, wenn sie wollen, denn nichts als sie selbst bestimmt sie dazu, es abzulehnen. >>Dem calvinistischen Schema zufolge haben die Nicht-Erwaehlten alle Vorteile und Moeglichkeiten, die Erloesung zu erlangen, welche auch anderen Glaubenssystemen zufolge allen Menschen unterschiedslos angeboten werden. Der Calvinismus besagt, dass der Plan zur Errettung fuer alle Menschen passt und auch alle erretten koennte -- er wird auch allen gleichermassen angeboten, obgleich er nach Gottes geheimem Ratschluss nur genau jene Auswirkungen zeitigt, die die Erfahrung eben zeigt. Letztlich wird nur Sein Volk positiv auf dieses Angebot reagieren, obgleich Nutzen und Vorteil dieses Angebots allen offenstehen, die gewillt sind, es anzunehmen. Mehr als das kann kein Gegner des Calvinismus verlangen.<< [217] Der Arminianismus wendet ein, dass Gott seine frohe Botschaft doch denen nicht anbieten koenne, die er seinem geheimen Ratschluss zufolge gar nicht auf der Liste seiner Erwaehlten hat, doch die Heilige Schrift zeigt, dass er genau das tut. Wir haben schon gezeigt, wie er mit dem Pharao verfahren ist. Jesaja sollte den Juden predigen, und wir finden auch in Jesaja 1,18f. ein sehr ausgeweitetes Angebot gnaediger Vergebung und Reinigung. [218] Aber in Kap. 6,9--13, gerade nach der herrlichen Vision der Berufung Jesajas muss dieser vernehmen, dass seine Predigt dazu bestimmt ist, seine Landsleute zu verhaerten, und zwar bis zu ihrer generellen Zerstoerung! Hesekiel war zum Haus Israel gesandt worden, um zu ihm zu sprechen, doch es wurde ihm gesagt, dass man nicht auf ihn hoeren werde (Ez 3,4--11). Mt 23,33--37 hat die gleiche Aussage. An dieser Stelle erklaert Gott, dass er genau das tut, was er dem Arminianismus zufolge nicht tun duerfte. Aufgrund dieser Betrachtungen kann der Einwand des Arminianismus nicht auf eine fehlerhafte Darstellung des Calvinismus zurueckgefuehrt werden, sondern auf fehlerhafte Annahmen des Arminianismus selbst. Der Beschluss der Erwaehlung ist geheim. Der Verkuender des Evangeliums hat keine Kenntnis davon bekommen, wer unter seinen Hoerern zu den Erwaehlten gehoert und wer nicht, und deshalb ist es ihm auch nicht moeglich, seine Botschaft nur den Erwaehlten zu bringen. Es ist seine Pflicht, voller Hoffnung auf alle zu blicken, denen er predigt und auch fuer alle zu bitten, dass sie zu den Erwaehlten zaehlen moegen. Er muss die Predigt allen bringen, um die Erwaehlten zu erreichen, und die Schrift sagt auch ganz klar, dass das Evangelium allen Menschen angeboten werden soll. Auch die Erwaehlten muessen die Botschaft zuerst einmal hoeren, bevor sie sie glauben und annehmen koennen (Roem 10,13--17). Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass die Einladung genau genommen gar nicht einfach jedem gilt, sondern an die >>Mueden<< adressiert ist, an die >>Durstigen<<, die >>Hungrigen<<, die >>Willigen<<, an jene, die >>muehselig und beladen sind<<, nicht aber an jene, die ihrer Ansicht nach nichts brauchen und nicht gewillt sind, sich erneuern zu lassen. Die Botschaft geht an alle, doch es ist Gott, wer aus seiner Zuhoererschaft die Seinen sich erwaehlt und ihnen durch seinen Geist diese seine Wahl auch mitteilt. Was den Erwaehlten Versicherung ihrer Erloesung bedeutet, ist den Nicht-Erwaehlten Torheit, oder, wenn das Gewissen erleuchtet wird, ein Richterspruch zur Verdammnis. Generell kann man sagen, dass die Nichterwaehlten um ihr ewiges Heil nicht besorgt sind; sie neiden den Erwaehlten ihre Hoffnung auf Errettung nicht, sondern lachen und spotten darueber. Da dem Verkuender die Wahl Gottes zunaechst unbekannt ist, muss er auch im Ungewissen darueber bleiben, wer seine Botschaft zum Heil, wer sie zum Gericht empfaengt. Soviel Schwachheit findet sich unter den Erwaehlten und soviel Faehigkeit des Boesen, sich als Engel des Lichts zu geben und den Anschein guter Taten und Worte zu geben, dass es dem Verkuender nicht moeglich ist, zu wissen, was letztlich dabei herauskommen wird. Die Wirkung der Predigt steht nicht in der Hand des Verkuenders, sondern in der Hand Gottes, und wie oft hat nicht schon eine Predigt, die aussichtslos geschienen, durch die Kraft des Heiligen Geistes ihr Ziel wohl erreicht. Doch nur weil es sicher ist, dass die Nichterwaehlten sich nicht zu Gott kehren werden, um ihre Suenden zu bereuen und ein moralisches Leben zu fuehren, ist es dennoch die Pflicht der Verkuenders, das Evangelium allen zu bringen. Obgleich sie Mitglieder einer gefallenen Menschheit sind, sind sie nichtsdestoweniger freie Menschen, die fuer ihren Charakter und fuer ihr Verhalten verantwortlich sind. Gottes Befehl zur Umkehr trifft sie daher voellig zurecht. Anders zu handeln, gaelte ihm als Preisgabe seines Gesetzes. Staendig wird gesagt, der Mensch habe keinerlei Verpflichtung, etwas zu tun, zu dem er gar nicht faehig ist. Diese Ansicht ist total daneben, denn der Mensch handelt aus selbstverschuldeter Unfaehigkeit. Er wurde aufrecht geschaffen, ist aber aus freiem Willen in Suende gefallen. Seine Verantwortlichkeit gleicht der eines Wehrdienstverweigerers, der sich zu diesem Zweck ein Auge oder eine Hand verstuemmelt. Wenn Unfaehigkeit die Verpflichtung aufhebt, dann ist Satan vollkommen von jeder Verpflichtung, recht zu tun, freigesprochen; seine teuflische Feindschaft waere ganz und gar nicht mehr Suende. Die Suender stuenden damit noch ueber dem Moralgesetz! Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Predigt die Nichterwaehlten nicht umsonst und nutzlos erreicht, denn auch so werden sie Zielscheibe genereller Hemmnisse und lenkender Einfluesse, die sie von Suenden abhalten, die sie sonst begingen. __________________________________________________________________ [216] Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 2., S. 556. [217] Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 2., p. 644. [218] Jes 1, 18f.: Wohlan, lasst uns rechten!, spricht der Herr. Wenn eure Suenden auch rot sind wie Scharlach, weiss sollen sie werden wie Schnee. Wenn sie auch rot sind wie Purpur, weiss sollen sie werden wie Wolle! Seid ihr willig und hoert, sollt ihr die Gueter des Landes verzehren. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XXII __________________________________________________________________ Einwand 8: Die Praedestinationslehre widerspreche der Heiligen Schrift __________________________________________________________________ 1) Die Ausdruecke >>Wille<< und >>alle<< Steht die Praedestinationslehre nicht in direktem Widerspruch zur Schrift, die doch erklaert, dass Christus fuer >>alle Menschen<< gestorben ist, fuer >>die ganze Welt<>Gott, unseren Retter, der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.<< (Das Wort >>alle<<, so wird uns in dogmatischer Manier von unseren Gegnern versichert, muss jeden Menschen meinen.) In Hesekiel 33,11 lesen wir: >>So wahr ich lebe, -- Spruch des allmaechtigen Herrn -- ich habe kein Wohlgefallen am Tod des Gottlosen, sondern daran, dass sich der Gottlose von seinem Weg bekehre und lebe<<; und in 2 Petr 3,9 lesen wir, dass Gott nicht will, >>dass jemand verlorengeht, sondern dass alle zur Sinnesaenderung gelangen.<< Die King James Version hat: >>Not willing that any should perish...<< (will nicht, dass jemand verlorengeht). Diese Verse sagen aber schlicht, dass Gott ein wohlwollender Gott ist und keine Freude am Leid seiner Kreaturen hat, genauso wenig wie ein Vater sich daran erfreut, dass er seinen Sohn manchmal zuechtigen muss. Gott will nicht per Dekret die Errettung aller Menschen, ganz abgesehen davon, wie er sie sonst wuenschen mag; wenn auch nur ein Vers lehrte, er wolle die Erloesung aller Menschen per Beschluss, dann erst stuenden sie in Widerspruch zu denjenigen Stellen, die aussagen, dass Gott souveraen herrscht und dass es sein ausdrueckliches Ziel ist, einige der Strafe zu ueberlassen. Das Wort >>Wille<< wird nicht nur in der Heiligen Schrift, sondern auch in unserem taeglichen Sprachgebrauch verschieden verwendet. Manchmal meint es >>Beschluss<< oder >>Ziel/Zweck<<, manchmal bedeutet es aber auch nur den >>Wunsch<< oder das >>Verlangen<< nach etwas. Ein gerechter Richter will (wuenscht) nicht, dass jemand die Todesstrafe erleidet oder ins Gefaengnis muss, doch gleichzeitig will (beschliesst) er die Strafe des Schuldigen. Gleicherweise kann ein Mensch aus zureichendem Grund wollen, dass man ihm eins seiner Gliedmassen entfernt, obgleich er sich dies nicht geradezu wuenschen kann. Die griechischen Woerter >>thelo<< und >>boulomai<<, die manchmal mit >>Wollen<< uebersetzt werden, werden ebenso im Sinne von >>Wuenschen<< oder >>Verlangen<< gebraucht, z. B. wenn Jesus zur Mutter des Jakobus und des Johannes sagt: >>Was willst du?<< (Mt 20,21), oder wenn von den Pharisaeern die Rede ist, >>die in langen Gewaendern einhergehen wollen<< (Lk 20,46). Einige der Schriftgelehrte und Pharisaeer sagten zu Jesus: >>Lehrer, wir moechten ein Zeichen von dir sehen<< (Mt 12,38). Paulus sagte: >>Aber in der Versammlung will ich lieber fuenf Worte reden mit meinem Verstande als zehntausend Worte in einer Sprache<< (1 Kor 14,19). In gleicher Weise wird das Wort >>alle<< in verschiedenem Sinne gebraucht. In manchen Faellen ist ganz klar, dass nicht damit nicht >>jeder Mensch<< bezeichnet wird, zum Beispiel wird von Johannes dem Taeufer gesagt: >>Und es ging zu ihm hinaus das ganze juedische Land und alle Bewohner von Jerusalem<< (Mk 1,5). Nachdem Petrus und Johannes den lahmen Mann geheilt hatten, der an der Tempeltuer sass, heisst es: >>denn alle verherrlichten Gott ueber das, was geschehen war<< (Apg 4,21). Jesus sagte seinen Juengern, dass sie von >>allen Menschen gehasst werden wuerden<< um seines Namens willen (Lk 21,17) Paulus wurde angeklagt, dass er >>ueberall vor aller Welt gegen das Volk, das Gesetz und diese Staette seine Lehren verbreitet.<< Als Jesus sagte: >>Und ich, wenn ich von der Erde erhoeht bin, will alle zu mir ziehen<< (Joh 12,32), da meinte er ja ganz klar nicht jeden einzelnen Menschen, denn die Geschichte zeigt, dass nicht jeder Mensch zu ihm gezogen worden ist. Es ist sicher, dass er die Millionen Heiden, die in voelliger Unwissenheit gegenueber dem wahren Gott gestorben sind, gerade nicht zu sich gezogen hat. Was er gemeint hat, war, dass er eine unzaehlbare Schar aus allen Nationen und Klassen retten wird, und dies sehen wir taeglich sich erfuellen. In Hebr. 2,9 lesen wir, dass Jesus den Tod >>fuer jedermann<< geschmeckt hat. Das griechische Wort jedoch sagt nur >>fuer alle<<, nicht >>jeden Menschen<<. Wenn dem Prinzip nach die Meinung nicht auf die tatsaechlich Geretteten limitiert werden darf, weshalb bezieht sich das dann nur auf den Menschen? Weshalb nicht auch auf die gefallenen Engel, ja, den Teufel selbst und die Tiere? Wenn gesagt ist: >>So wie sie in Adam alle sterben, so sollen sie in Christus alle lebendig gemacht werden<< (1 Kor 15,22), dann koennen nicht alle Menschen unterschiedslos gemeint sein, sondern dies bezieht sich auf alle, die wohl in Adam gestorben sind, aber in Christus sind, sonst lehrte der Vers die Allversoehnung. Nach paulinischer Rede bedeutet >>in Christus sein<< immer Christsein, Gerettetsein, und ganz klar trifft das nicht auf alle Menschen zu. Auch der Kontext zeigt dies, da das ganze Kapitel nur von Erloesten spricht. Waere diese Stelle tatsaechlich so zu verstehen, dass das Werk Christi sich in der Weise erstreckt wie das Werk Adams, dann waere eines von zwei Resultaten unvermeidbar: Entweder bedeutet es, dass alle Menschen gerettet werden, oder dass alle Menschen in jenen Stand versetzt werden, in dem Adam vor dem Fall war. Beide Bedeutungen widersprechen nicht nur der Heiligen Schrift, sondern auch der Erfahrung. Der einzig moegliche Schluss ist, dass das Werk Christi hinsichtlich der Ausdehnung nicht dem Werk Adams gleicht; Adam repraesentiert die ganze menschliche Rasse, Christus repraesentiert dagegen jene, die ihm vom Vater gegeben sind. Die Aussage in 2 Kor 5,15, dass Christus >>fuer alle gestorben<< ist, kann vielleicht darauf zurueckgefuehrt werden, dass dieser Brief an die >>Gemeinde Gottes in Korinth samt allen Heiligen in ganz Achaia<< gerichtet ist, und dann wuerde sich das >>alle<< auf alle angesprochenen Heiligen beziehen. Es ist nicht die ganze Menschheit, die ohne Unterschied von Gott geliebt und unterschiedslos durch Christus erloest ist. Johannes Preislied: >>Du bist wuerdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist erwuerget und hast uns Gott erkauft mit deinem Blut aus allerlei Geschlecht und Zungen und Volk und Heiden und hast uns unserm Gott zu Koenigen und Priestern gemacht...<< basiert ganz offensichtlich auf der Annahme einer bestimmten Erwaehlung und einer begrenzten Suehne, da Gottes Liebe der Grund und das Blut Christi das wirksame Mittel zu ihrer Erloesung ist. Die Erklaerung, dass Christus fuer >>alle<< gestorben ist, erhellt erst aus dem Lied, das die Erloesten vor dem Thron des Lammes singen: >>Denn du bist geschlachtet worden und hast durch dein Blut Menschen losgekauft fuer Gott aus allen Staemmen und Sprachen, Voelkern und Nationen<< (Offb. 5,9; 1,5). Das Wort "alle" meint alle Erwaehlten, seine ganze Gemeinde, alle, die der Vater dem Sohn gegeben hat, nicht generell jeden einzelnen Menschen. Die Schar der Erloesten rekrutiert sich aus allen Klassen und Lebensbedingungen, aus Koenigen und Bauern, Reichen und Armen, Gefangenen und Freien, Maennern und Frauen, Jungen und Alten, Juden und Heiden, Menschen aus allen Nationen, Rassen, vom Norden bis zum Sueden und vom Osten zum Westen. __________________________________________________________________ 2) Das Evangelium gilt Juden und Nichtjuden gleichermassen Manchmal bedeutet das Wort >>alle<<, dass nicht nur Juden, sondern auch allen Heiden das Evangelium verkuendet werden soll. Viele Jahrhunderte der Geschichte waren die Juden die einzigen, die die exklusive Gabe der rettenden Gnade Gottes geniessen durften. Es gab nur wenige Ausnahmen. Die Juden aber haben ihre Privilegien als auserwaehltes Volk gruendlich missbraucht. Sie sind davon ausgegangen, dass sich dieser Unterschied bis in die messianische Aera fortsetzen werde. Sie neigten dazu, anzunehmen, der Messias gelte ihnen allein. Diese pharisaeische Exklusivitaet ging so weit, dass die Heiden Fremdlinge genannt wurden, ja Hunde, Gemeine, Unreine; es war dem Juden per Gesetz nicht erlaubt, Umgang mit Heiden zu haben oder auch nur mit ihnen Geschaefte zu machen (Joh 4,9; Apg 10,28; 11,3). Die Errettung der Heiden war ein Geheimnis, das frueheren Zeitaltern verborgen geblieben war (Eph 3,4--6; Kol. 1,27). Deshalb wurde auch Petrus von der Jerusalemer Gemeinde zur Rede gestellt, nachdem er dem Cornelius das Evangelium gepredigt hatte. Man kann sich die Verwunderung der Gemeindeleiter nach der Verteidigungsrede Petrus' nur allzu gut vorstellen, wenn sie sagten: >>Also hat Gott auch den Heiden die Umkehr verliehen, die zum Leben fuehrt<< (Apg 11,18). Um zu verstehen, welch revolutionaeren Charakter dieser Umstand hatte, muss man Apg 10,1 -- 11,18 lesen. Selbstverstaendlich war es noetig, diese Lehre zu bekraeftigen, und sie wurde auch in den staerksten Worten und Ausdruecken kundgetan. Paulus sollte Zeugnis fuer alle Menschen sein, das heisst, er sollte sowohl fuer Juden als auch den Heiden alles verkuenden, was er gesehen und gehoert hatte (Apg 22,15). An dieser Stelle bezieht sich das >>alle<< nicht auf jeden einzelnen Menschen, sondern auf die Menschheit im Allgemeinen. __________________________________________________________________ 3) Der Ausdruck >>Welt<< wird in verschiedenem Sinne gebraucht Wenn es heisst: >>Er ist die Versoehnung fuer unsere Suenden, doch nicht nur fuer unsere, sondern auch fuer die der ganzen Welt<< (1. Joh 2,2) oder dass er gekommen sei, die Welt zu retten (Joh 12, 47), dann bedeutet das: nicht nur Juden sind das Ziel der Erloesung, sondern auch Heiden, das Heil betrifft nicht nur die Juden, sondern die ganze Welt, die ganze Menschheit. Die Aussage Johannes des Taeufers: >>Sieh, das Lamm Gottes, das die Suenden der Welt wegnimmt!<< ist kein theologischer Diskurs fuer Heilige, sondern eine Predigt an Suender; es waere ja wahrhaft unnatuerlich gewesen, haette Johannes an dieser Stelle ueber die begrenzte Suehne oder ueber eine andere Lehraussage gesprochen, die nur von Heiligen haette verstanden werden koennen. Johannes kam, >>Zeugnis abzulegen, Zeugnis fuer das Licht, damit alle durch ihn zu Glauben kommen<< (Joh 1,7). Es ist unverstaendig zu sagen, der Dienst des Johannes habe eine Moeglichkeit fuer alle geboten, fuer jeden einzelnen Menschen auf dieser Welt, zum Glauben an Christus zu kommen. Johannes predigte nicht den Heiden. Seine Mission war eine andere: >>Aber damit er (Jesus Christus) in Israel offenbar werde, bin ich gekommen<< heisst es (Joh 1,31). Der Natur der Sache nach konnte nur ein Teil der Juden dazu gebracht werden, ihm zuzuhoeren. Manchmal bedeutet der Begriff >>Welt<< nicht die ganze Welt, sondern nur einen grossen Teil, zum Beispiel wenn es heisst, der Teufel sei der Verfuehrer der ganzen Welt oder dass die ganze Welt dem Tier aus Bewunderung folgte (Offb. 13,3). Wenn Johannes (1. Joh 5,19) sagt, die ganze Welt liege im Machtbereicht des Boesen, dann kann nicht jeder einzelne Mensch damit gemeint sein, sondern dann sind die, die aus Gott sind, davon ausgenommen, sonst widerspraeche er sich ja. Manchmal bedeutet >>Welt<< auch nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Welt, etwa wenn Paulus vom Glauben der Christen in Rom spricht, der >>in der ganzen Welt geruehmt wird<< (Roem 1,8). Nur Glaeubige wuerden diesen Glauben der Christen in Rom ja ruehmen, waehrend der Grossteil der Welt ja nicht einmal gewusst hat, dass es ueberhaupt eine Gemeinde Jesu Christi in Rom gab! Paulus meinte die glaubende Welt der christlichen Gemeinde, und die machte zum damaligen Zeitpunkt wahrlich erst einen kleinen Teil von der Welt aus. Kurz vor der Geburt Christi >>erging vom Kaiser Augustus der Befehl, die ganze Welt aufzuschreiben ... Da gingen alle hin, ein jeder in seine Vaterstadt, um sich eintragen zu lassen<< (Lk 2,1.3). Wir wissen, dass der Schreiber hier nur jenen vergleichsweise kleinen Teil der Welt im Sinn hatte, den Rom damals beherrschte. Wenn es zu Pfingsten heisst: >>In Jerusalem wohnten fromme Juden aus allen Voelkern unter dem Himmel<< (Apg 2,5), dann betraf das freilich nur jene Nationen, die den Juden bekannt waren, denn die Verse 9--11 listen diese Voelker dann auch auf. Paulus sagte einmal, das Evangelium werde schon >>der ganzen Schoepfung unter dem Himmel verkuendet<< (Kol. 1,23). Von der Goettin Diana aus Ephesus heisst es, >>ganz Asien und der Erdkreis<< verehre sie (Apg 19,27). Die Hungersnot, die zu Josephs Zeiten ueber Aegypten kam, erstreckte sich nach der Schrift auf >>die ganze Erde<< und die ganze Welt kaufte bei Josef ein (1 Mo 41,57). Wir sprechen im Alltag auch oft von der Geschaeftswelt, der Bildungswelt, der politischen Welt usw. und meinen damit auch nicht, dass jeder Mensch auf dieser Welt ein Geschaeftsmann, ein Gebildeter oder ein Politiker ist. Wenn wir sagen, ein bestimmter Autohersteller verkaufe seine Erzeugnisse jedermann, dann meinen wir dies nicht in buchstaeblichem Sinn, sondern wir meinen, er verkaufe seine Erzeugnisse jedermann, der sie kaufen will und den Preis dafuer bezahlt. Wir koennen einem einsamen Literaturgelehrten nachsagen, er unterrichte alle Studenten. Damit meinen wir nicht, dass jeder Mensch Literatur bei ihm studiert, sondern dass alle, die Literatur studieren, dies bei ihm tun. Die Bibel ist in der geraden Sprache einfacher Menschen geschrieben und muss auch auf diese Weise gelesen werden. Verse wie Joh 3,16: >>Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gegeben hat, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern ewiges Leben hat<< beweisen, dass das Heil nicht nur fuer die Juden da war, sondern auch den Heiden zugedacht war. Gott hat die ganze Welt geliebt und nicht nur einen kleinen Teil von ihr. Er liebte die Welt als Ganzes, und fuer sie gab er seinen einzigen Sohn zur Erloesung. Das kleine Adverb >>so<< zeigt aber nicht nur die Ausdehnung der Liebe Gottes, sondern ebenso ihre Intensitaet -- Gott liebte diese Welt so sehr, dass er ihr trotz ihrer Bosheit seinen einzigen Sohn gegeben hat, um fuer diese Welt zu sterben. Wo ist hier der oft geruehmte Beweis der Universalitaet, derzufolge sich diese Liebe auf jedes einzelne Individuum erstrecken soll? Dieser Vers wird manchmal derart ueberstrapaziert, dass man gemeint hat, Gott werde letztlich ueber all das Boese in der Welt hinwegsehen und die Menschen nicht nach ihren Suenden behandeln. Der aufmerksame Leser wird beim Vergleichen dieses Verses mit anderen Schriftstellen aber schnell merken, welche Einschraenkungen dem Begriff >>Welt<< auferlegt werden muessen. Jemand hat einmal gefragt: liebte Gott auch den Pharao? [219] Liebte er die Amalekiter? [220] Liebte er auch die Kanaaniter, die er gnadenlos zu vertilgen befahl? [221] Liebte er etwa die Ammoniter und die Moabiter, von denen es heisst, dass sie von der Gemeinde fuer ewig ausgeschlossen bleiben? [222] Liebt er etwa die Frevler? [223] Liebt er die Gefaesse des Zorns, die er mit grosser Ausdauer ertraegt? [224] Liebte er Esau? [225] __________________________________________________________________ [219] Roem 9, 17: So sagt die Schrift zu Pharao: >>Gerade dazu habe ich dich erweckt, um an dir meine Macht zu zeigen, damit mein Name auf der ganzen Erde verkuendet werde.<< [220] 2 Mo 17, 14: Hierauf befahl der Herr dem Mose: >>Schreibe dies zur Erinnerung in das Buch und verkuende Josua, dass ich das Andenken an die Amalekiter unter dem Himmel voellig austilgen werde!<< [221] 5 Mo 20, 16: Doch in den Staedten dieser Voelker, die der Herr, dein Gott, dir zum Eigentum geben will, darfst du niemand am Leben lassen. [222] 5 Mo 23, 3: Kein Bastard darf in die Gemeinde des Herrn aufgenommen werden. Nicht einmal im zehnten Glied darf er in die Gemeinde des Herrn Aufnahme finden. [223] Psalm 5, 5: Kein Frevler hat bei dir Gastrecht. [224] Roem 9, 22: Was, wenn also Gott die Gefaesse des Zornes, die dem Verderben geweiht sind, mit viel Langmut ertragen hat, um nun an ihnen seinen Zorn zu zeigen und seine Macht zu offenbaren? [225] Roem 9, 13: So steht auch geschrieben: >>Jakob habe ich geliebt, Esau gehasst.<< __________________________________________________________________ 4) Allgemeine Ueberlegungen Die prophetische Einladung: >>Auf, all ihr Duerstenden, kommt zum Wasser!<< (Jes 55,1) und andere aehnliche Parallelstellen widersprechen dieser Sicht nicht, denn der Grossteil der Menschen ist nicht durstig, sondern tot, tot in Suenden, hoffnungslos willige Diener Satans, die in keiner Weise nach der Gerechtigkeit hungern und duersten. Die gnadenvolle Einladung, zu Christus zu kommen, wird nicht deshalb abgelehnt, weil aeussere Umstaende jemanden dazu bringen, sondern weil der Annahme des Evangeliums immer schon die vom Heiligen Geist gewirkte Neugeburt vorangehen muss, ohne welche niemals Verlangen danach bestuende. Gott ist es, der den Willen gibt und denen das Verlangen weckt, die zum ewigen Leben vorherbestimmt sind (Roem 11,7f; 9,18). Wer will, darf kommen, doch ein in tiefstes Heidentum getauchter Mensch hat erst gar nicht einmal eine Chance, das Evangelium ueberhaupt zu hoeren und kann daher gar nicht kommen. >>Der Glaube kommt aus der Predigt<<, und wo der Glaube fehlt, gibt es auch keine Erloesung. Genauso wenig aber kann derjenige zum Glauben kommen, der das Evangelium zwar hoert, der aber immer noch von Prinzipien beherrscht wird, das Evangelium zu hassen. Er ist Sklave der Suende und handelt dementsprechend. Wer will, kann ein brennendes Gebaeude ueber die Stiege verlassen, solange die Stiege noch haelt, doch der Schlafende oder der, der die Gefahr nicht sieht, hat gar nicht den Willen zu fliehen und muss in den Flammen sterben. Clark sagt einmal: >>Arminianer zitieren gerne Stellen wie >wer da will, der komme< oder >Wer da glaubt ...< und glauben, dass Glaube und Entscheidung ganz vom Menschen ausgehende Handlungen seien und das Gegenstueck zur Erwaehlung darstellten. So wahr diese Stellen auch sind, so behandeln sie gar nicht diese Thematik. Der springende Punkt liegt ja viel tiefer: Woher bekommt denn der Mensch diesen Willen? Der Wollende kann freilich waehlen, doch die suendige Natur, die gegen Gott rebelliert, muss erst willens gemacht werden -- durch Gottes Wort, durch Gottes Gnade, durch Gottes Geist -- oder durch goettliche Intervention.<< [226] Genau gesprochen sind diese goettlichen Angebote keineswegs jedermann zugaenglich, sondern nur dem auserwaehlten (geistlichen) Volk; dass auch andere diese Botschaft hoeren, ist ein Nebeneffekt. Fuer Arminianer sagt 1 Tim 2,4, dass Gottes Wille entweder enttaeuscht wird oder letztlich alle Menschen doch gerettet werden. Eine Lehre, die Gott aber enttaeuscht sein lassen kann, widerspricht jenen Schriftstellen, die seine Allherrschaft bestaetigen. Sein Wille bleibt sich durch die Jahrhunderte in dieser Hinsicht gleich. Haette Gott auch die Heiden der Antike retten wollen, weshalb hat er den Weg zur Erloesung dann nur einem so vergleichsweise kleinem Volk wie den Juden bekannt gemacht? Es wird ja wohl niemand bestreiten wollen, dass Gott sein Evangelium mit Leichtigkeit den Heiden ebenso bekannt gemacht haben koennte. Die Antwort Augustins, die er seinen Gegnern gab, als sie ihn mit diesem Einwand konfrontierten, ist bemerkenswert: >>Wenn unser Herr sich beklagt, dass er Jerusalem zu sich sammeln wollte wie eine Henne ihre Kueken unter ihre Fluegel versammelt, Jerusalem [227] aber nicht gewollt habe, sollen wir dann daraus schliessen, dass der Wille Gottes von ein paar schwachen Menschen hat ueberwunden werden koennen, so dass Er, der Allmaechtige, nicht zu seinem Ziel gelangen konnte? Was ist dann aus seiner Allmacht geworden, mit der er bisher alles bewirkt hat, was ihm im Himmel und auf Erden gefallen hatte? Wer wird darueber hinaus so unvernuenftig sein zu behaupten, Gott koenne die boesen Willen der Menschen nicht zum Guten kehren: welche er will, wann er will und wie er will? Wenn er es aber tut, dann tut er es aus lauter Gnade, und wenn er es nicht tut, ueberlaesst er die Menschen dem Gericht.<< Verse wie 1 Tim 2,4 versteht man besser nicht dahingehend, dass sie jedes einzelne Individuum auf unserem Planeten betreffen, sondern im Lichte der Tatsache, dass Gott wohlwollend ist und keine Freude am Leid und Verderben seiner Geschoepfe empfindet. Wenn die Schriftstellen, die sich angeblich auf alle Menschen beziehen sollen, noch frohe Botschaft genannt werden sollen und nach arminianischer Tradition auf alle Menschen Anwendung finden sollen, dann waeren sie auch ein Beweis fuer die Allversoehnung -- der die Schrift aber dezidiert widerspricht und die nicht einmal vom Arminianismus zugegeben wird. Wie im Kapitel ueber die begrenzte Suehne dargelegt worden ist, war der Tod Christi sehr wohl fuer alle Menschen von Bedeutung. Die Erloesung macht keinen Unterschied des Landes, des Alters, des Charakters oder sonstiger Bedingungen. Die menschliche Familie ist in Adam gefallen und wird in kollektivem Sinn von Christus erloest. Das Werk Christi hielt das menschlich verschuldete, sofortige Inkrafttreten der Strafe zurueck. Sein Werk bringt der Menschheit auch viele zeitliche und natuerliche Segnungen und legt all denen den Grund zur Verkuendigung des Evangeliums, die es hoeren wollen. Dass das Werk Christi derlei Resultate zeitigt, wird gerne zugegeben. Doch das bedeutet nicht, dass Jesus fuer jeden einzelnen Menschen im gleichen Sinn gestorben ist. Es ist wahr: einige Verse ergeben fuer sich betrachtet die arminianische Sichtweise, doch die fuehrt dazu, dass sich die Bibel an vielen Stellen widerspricht, denn viele andere Stellen, die die Praedestination, die Unfaehigkeit des Menschen, die Erwaehlung, das Beharren usw. behandeln, koennen mit dieser arminianischen Sichtweise nicht versoehnt werden, daher muessen diese Stellen immer im Licht der ganzen Schrift interpretiert werden. Da die Bibel das Wort Gottes ist, kann sie sich nicht widersprechen. Wenn wir also eine Stelle haben, die auf zwei verschiedene Arten interpretiert werden kann, so ist es unsere Pflicht, derjenigen Interpretation recht zu geben, die der gesamten Lehre der Heiligen Schrift entspricht. Es ist ein anerkanntes Auslegungsprinzip, schwierigere Passagen immer im Licht einfacherer, klarerer Stellen zu interpretieren, nicht umgekehrt. Wir haben gezeigt, dass die Beweise, die wir gegen den Arminianismus vorgebracht haben und die auf den ersten Blick schon plausibel sind, zurecht so ausgelegt werden koennen, dass sie mit der calvinistischen Ansicht harmonieren. Im Blick auf die vielen calvinistischen Stellen und die Abwesenheit echt arminianischer Schriftstellen zoegern wir nicht zu sagen, dass das calvinistische Lehrgebaeude die Wahrheit trifft. Dies ist der Universalismus der Schrift: die generelle Christianisierung der Welt und die totale Vernichtung der Kraefte, die von geistlichem Uebel ausgehen. Das bedeutet freilich nicht, dass jeder Mensch gerettet wird, denn fraglos werden viele verlorengehen. Wie auch der einzelne Errettete in seinem Dienst fuer Christus Maengel hat und wie es auch immer noch zugelassen wird, dass Suende geschieht, solange er noch nicht vervollkommnet ist, so verhaelt es sich auch mit der ganzen Welt. Eine betraechtliche Anzahl wird verlorengehen, doch der Fortschritt der Errettung wird in einem grossen Triumph enden, und unsere Augen werden das herrliche Schauspiel einer geretteten Welt sehen. Es passt genau hierher, was Dr. Warfield sagt: >>Die Menschheit wird das Ziel erreichen, fuer das sie geschaffen worden ist; die Suende wird sie nicht aus Gottes Hand entfuehren. Gottes erste Absicht ist erfuellt. Die Menschheit wird einst, obgleich sie in Suende gefallen ist, Gott wieder >ent-fremdet< werden, um ihre urspruengliche Bestimmung zu erfuellen.<< [228] Waehrend der Arminianismus also einen fadenscheinigen Universalismus predigt, der bestenfalls eine Moeglichkeit darstellt, verspricht der Calvinismus den wahren Universalismus der Erloesung der ganzen Menschheit. Nur der Calvinismus mit seinen Lehren von der souveraenen Erwaehlung und der vollwirksamen Gnade kann der Zukunft vertrauensvoll entgegensehen, denn er erwartet eine erloeste Welt. __________________________________________________________________ [226] Syllabus of Systematic Theology, S. 208. [227] Anm. d. Uebers.: Bei genauerer Lektuere der Stelle Mt 23 zeigt sich, dass Jesus hier nicht mit Jerusalem (also dem Volk) spricht, sondern mit den Pharisaeern; sie waren es ja, die das Volk daran gehindert hat, Jesus anzunehmen. [228] B. B. Warfield, The Plan of Salvation, S. 131. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XXIII __________________________________________________________________ Gnadenrettung __________________________________________________________________ 1) Was verdient der Mensch? Die Bibel erklaert die Erloesung suendiger Menschen zur Gnadensache. Aus Eph 1,7--10 wissen wir, dass die erste Absicht Gottes war, die Groesse und Herrlichkeit seiner Gnade durch das Werk der Erloesung herauszustellen. In den nachfolgenden Zeitaltern sollten alle intelligenten Geschoepfe des Universums diese Gnade bewundern, die einzig aus seiner unverdienten Liebe und seiner grenzen- losen Guete gegenueber schuldigen, wert und hilflosen Geschoepfen erwaechst. Alle Menschen werden als in einen Zustand von Suende und Elend geschildert, der es ihnen nicht erlaubt, sich selbst zu erloesen. Obgleich sie nichts als Gottes Zorn und Fluch verdient haben, hat er doch vorherbestimmt, dass er eine Gnadenerloesung schaffen wird, indem er seinen eigenen, ewigen Sohn sendet, der deren Natur und Schuld auf sich nimmt und an ihrer Statt die Strafe auf sich nimmt. Er wird seinen Heiligen Geist senden, um den Menschen zu erneuern und ihm die Erloesung durch Christus einzustiften. Nach dem gleichen Prinzip, nach dem Adams Suende zur unseren geworden ist, (das heisst, auf eine Weise uns zugerechnet wird, dass wir hier fuer diese Suende voll verantwortlich sind und die Konsequenzen daraus ziehen muessen) ist sie auch Christus zugerechnet worden, ist uns aber auch Seine Gerechtigkeit angerechnet worden. Die wird kurz, aber praegnant im Kleineren Katechismus beschrieben: >>Die Rechtfertigung ist ein Akt der freien Gnade Gottes, worin er uns alle Suenden vergibt und uns ansieht, als seien wir gerecht, weil uns die Gerechtigkeit Christi angerechnet wird. Diese Gerechtigkeit kann nur durch den Glauben erlangt werden<< (Frage 88). Wir duerfen hier nicht den Unterschied zwischen den beiden Buendnissen aus dem Blick verlieren: den Bund der Werke, der Adam aufgegeben war und der mit dem Suendenfall endete, und den Bund der Gnade, unter welchem Christus als Erloeser gesandt war. Wie schon in anderem Zusammenhang gesagt worden ist, macht der Arminianismus im Prinzip keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem Werkbund und dem Gnadenbund, ausser dass Gott die Erloesung nun zu leichteren Bedingungen anbietet und statt vollkommenen Gehorsam zu verlangen; er fordert jetzt nur mehr jenen Glauben und Gehorsam, den der verkrueppelte Suender zu geben in der Lage ist. In diesem System bleibt die Last des Gehorsams auf dem Menschen liegen, und seine Erloesung ist in erster Linie eine Frage seiner eigenen Werke. Das Wort >>Gnade<< meint aber in seinem eigentlichen Sinn die freie und unverdiente Liebe oder das Vorrecht, die Gott denen zuwendet, die dies nicht verdient haben, naemlich suendigen Menschen. Die Gnade wird ungefragt eines Wertes verliehen, der etwa im Menschen steckt; hier menschliches Handeln oder Verdienst hineinzumischen verduerbe die Natur der Gnade und machte den Entwurf derselben zunichte. Gerade weil sie Gnade ist, wird sie nicht auf voraufgehendes Verdienst hin verliehen. Der Name bedeutet notwendigerweise Unentgeltlichkeit, und da sich der Mensch in einem suendigen Totalzustand befindet, bis sie ihm gewaehrt wird, ist alles, was er verdient, Strafe, nicht Gaben oder Vorrechte. Was immer im Menschen gut ist, ist schon Gottes Gabe, und wenn das Gute fehlt, dann deshalb, weil Gott es vorenthaelt. Da die Gnade keinerlei voraufgehendes Verdienst beruecksichtigt, ist sie souveraen und wird nur denen gewaehrt, die Gott eigens dafuer ausgewaehlt hat. Es ist die unumschraenkte Gnade allein, nicht das Vorauswissen menschlicher Entscheidungen, was den Menschen in Gottes Haende spielt und was die Erloesung aus unbegrenzter Barmherzigkeit gewaehrt. Nur darin kann die Basis fuer Erwaehlung und Verwerfung Einzelner gefunden werden. Wegen seiner Vollkommenheit verlangt Gott solche Heiligkeit auch von seinen Geschoepfen: absoluten Gehorsam sollen sie ihm entgegenbringen. Diese Vollkommenheit hat Christus in seiner unbefleckten Gerechtigkeit errungen, und diese Vollkommenheit wird den Erwaehlten zugerechnet. Wenn Gott seine Erwaehlten ansieht, sieht er sie mit dem makellosen Gewand der Gerechtigkeit Christi bekleidet, nicht mit ihrem eigenen. Es wird ausdruecklich gesagt, Christus habe ein stell- vertretendes Leiden gelitten, >>der Gerechte fuer die Ungerechten<<; wenn der Mensch ermutigt wird zu denken, dass er bis zu einem gewissen Grad aus eigener Kraft oder aus eigener Kunst zu dieser Gnade beitragen koenne, dann wird Gott eines Teiles seiner Herrlichkeit beraubt! Alle Einbildungskraft reicht nicht aus, sich irgend ein Gutes im Menschen zu denken, das auch nur hinlaenglich das ewige Leben verdiente. Benjamin Franklin, obgleich selbst alles andere als ein Calvinist, hat dies sehr gut ausgedrueckt, wenn er sagt: >>Jemand, der einem Durstigen ein Glas Wasser reicht und dafuer eine ganze Plantage erwartet, bliebe in seiner Erwartung noch bescheiden verglichen mit denen, die meinen, fuer das wenige Gute, das sie in ihrem Leben tun, den Himmel zu verdienen.<< Wir sind in der Tat nichts als Beschenkte; wir koennen Gott niemals zurueckzahlen, sondern bekommen immer nur von ihm, und das wird sich in alle Ewigkeit nicht aendern. __________________________________________________________________ 2) Gott gewaehrt seine Gnade oder haelt sie nach seinem Wohlgefallen zurueck Da Gott diese Erloesung auf eigene Kosten erwirkt hat, ist sie Sein Eigentum, und er verwaltet dieses Eigentum absolut souveraen; er allein waehlt, wer gerettet wird. Nichts wird in der Bibel klarer gelehrt als dass die Erloesung vollkommen aus Gnaden ist. Daher, durch die Separation von der urspruenglichen Masse, und dies nicht durch eigene Werke, sondern einzig durch die freie Gnade Gottes, sehen die >>Gefaesse der Barmherzigkeit<<, welch ungeheure Gabe ihnen da geschenkt worden ist. Es wird sich zeigen, dass viele der Erloesten noch viel groessere Suender gewesen waren als viele der Verlorenen. Die Praedestinationslehre schlaegt jede selbstgerechte Einbildung zu Boden, die Gott seiner Herrlichkeit berauben will. Sie ueberzeugt den Geretteten, dass alles, was er Gott in alle Ewigkeit fuer seine Errettung bringen kann, immer nur Dankbarkeit sein kann. Der Calvinismus laesst daher keinerlei Ruehmen ueber Selbstgewirktes zu; er bewahrt die Ehre und Herrlichkeit allein dem, dem sie allein gebuehrt. >>Der groesste Heilige kann sich nicht gegenueber dem groessten Suender ruehmen, sondern muss den gesamten Ruhm ueber seine Erloesung von Suende und Hoelle einzig dem Wohlwollen und der Absicht Gottes ueberlassen, der ihn in aller Gnade veraendert hat und ihn aus der Welt gerissen hat, die im Argen liegt.<< [229] __________________________________________________________________ [229] Zanchius, Absolute Predestination, S. 140. __________________________________________________________________ 3) Errettung kann nicht vom Menschen erlangt werden Der Mensch draengt von Natur dazu, sich selbst zu erloesen, und jedes System, das ihm diese Moeglichkeit bietet, nimmt er freudig auf. Diesem Denken legt Paulus die Axt an, wenn er sagt: >>Wenn ein Gesetz gegeben waere mit der Kraft, das Leben zu spenden, dann kaeme in der Tat die Gerechtigkeit aus dem Gesetz<< (Gal. 3,21). Jesus sagte zu seinen Juengern: >>So sollt auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was man euch aufgetragen hat, sagen: >Unnuetze Knechte sind wir, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.<<< (Lk 17,10) Unsere eigene Gerechtigkeit ist aus der Sicht Gottes nichts als ein verschmutztes Kleid, sagt Jesaja -- oder wie die King James Version es ausdrueckt, ein verdreckter Fetzen. (Jes 64,4) Und wenn er sagt: >>Auf, all ihr Duerstenden, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt, kauft Getreide und esst! Kommt, kauft ohne Geld und Bezahlung Wein und Milch!<< -- dann meint er die Mittellosen, die Hungrigen, die Durstigen. Sie sollen kommen und ohne alle Bezahlung, ohne Kosten das geniessen, was vorbereitet ist, so, als ob sie dafuer bezahlt haetten. Ohne Geld zu kaufen muss bedeuten, dass schon jemand anders dafuer bezahlt hat. Je reifer unser Christenleben wird, desto weniger sind wir geneigt, uns irgendein Verdienst selbst zuzuschreiben; wir blicken vielmehr zurueck in die vorweltliche Ewigkeit und sehen die ewige Absicht der goettlichen Liebe: sie allein ist der starke Anker unserer Errettung. Ist die Erloesung aus Gnade, wie die Schrift so klar lehrt, dann kann sie nicht aus Werken sein, weder gegenwaertiger, noch vorhergesehener. Der Glaube selbst ist kein Verdienst, denn er ist eine Gabe Gottes. Gott bringt im Menschen das Licht des Geistes zum Leuchten, damit er glaubt: der Glaube ist nur der Akt des Nehmens dessen, was angeboten ist. Der Glaube bleibt so instrumentelle, nicht verdienstliche Ursache der Erloesung. Was Gott in uns liebt, ist nicht unser Verdienst, sondern seine eigene Gabe; diese seine unverdiente Gnade geht jedem lobenswerten Werk voraus. Die Gnade wird nicht nur zuerst erfleht, sondern sie ist es schon selbst, die uns beten macht -- dass die Gnade andauere und vermehrt werde. In der Apostelgeschichte finden wir den Anfang jeden Glaubens direkt an die Gnade geknuepft (Apg 18,27); nur diejenigen aber, die zum ewigen Leben bestimmt waren, glaubten (Apg 13,48), und es ist das Vorrecht Gottes allein ist es, das den Menschen zum Hoeren auf das Evangelium bringt (Apg 16,14). Der Glaube wurzelt in den Ratschluessen der Ewigkeit -- die (dem Glauben zugehoerigen) Ereignisse in der Zeit sind nur deren Auswirkungen. Paul schreibt es der Gnade Gottes zu, wenn er sagt: >>Wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus zu guten Werken geschaffen, die Gott im voraus bereitet hat, dass wir sie erfuellen<< (Eph 2,10). Die guten Werke sind also keineswegs der verdienstliche Grund, sondern immer die Fruechte und Beweise der Erloesung. Luther hatte das Gleiche im Sinn, wenn er sagt: >>Sie schreiben dem Willen zwar wenig zu, doch lehren sie uns, dass dieses Wenige ausreiche, um zur Gerechtigkeit und zur Gnade beizutragen. Auch beantworten sie die Frage: Warum rechtfertigt Gott den einen, ueberlaesst den anderen dagegen seinem Schicksal? in keiner anderen Weise als mit dem freien Willen. Sie sagen: Weil der eine sich bemueht, der andere dagegen nicht; Gott belohnt das Streben und weist den anderen zurueck, weil er sich nicht bemueht; waere es nicht so, so waere er ungerecht.<< [230] Es heisst, Jeremy Taylor sei einmal mit einem Begleiter die Strassen Londons entlang spaziert, als er auf einen betrunkenen Mann stiess, der in der Gosse lag. Sein Begleiter machte eine abschaetzige Bemerkung ueber den Betrunkenen. Jeremy Talyor blieb stehen und betrachtete ihn eine Zeitlang, dann sagte er: >>Um Gottes Willen -- da liegt Jeremy Taylor!<< Ein solcher Geist, der Jeremy Taylor eignete, sollte jedem Christen eignen, der von seinen Suenden erloest worden ist. Wiederholt wird hervorgehoben, dass Israels Exklusivitaet nicht auf sein Verdienst zurueckzufuehren ist, sondern einzig auf die gnaedige Liebe Gottes, die sich auch von wiederholtem Abfall des Volkes nicht von Suende und Rebellion aufhalten laesst. Paulus sagt ueber jene, die ihre Errettung auf eigene Werke zurueckfuehren wollen, sie >>richten ihre eigene Gerechtigkeit auf und sind der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan<<; sie gehoeren demnach nicht zur Gemeinde Christi. Er macht ganz klar, dass die >>Gerechtigkeit Gottes<< aus dem Glauben kommt: Der Eingang in den Himmel ist an das Verdienst Christi geknuepft. Der Grund dieses ganzen Systems ist, dass jene, die sich ruehmen, sich einzig des Herrn ruehmen sollen; niemand kann je Grund haben, in dieser Hinsicht gegenueber irgend jemand anders stolz zu sein. Die Erloesung ist zu einem unendlichen Preis erkauft worden, auch fuer Gott, und daher darf sie auch ganz nach Seinem Wohlgefallen und nach purer Gnade statthaben. Der Dichter sagt: >>None of the ransomed ever knew, How deep were the waters crossed, Nor how dark was the night that the Lord passed through, To find the sheep that was lost.<< [231] __________________________________________________________________ [230] Martin Luther, Vom Unfreien Willen. [231] Nie hat ein Erloester je erfasst, wie tief die Wasser gewesen noch wie dunkel die Nacht, die der Herr durchschritten, um das verlorene Schaf zu finden. __________________________________________________________________ 4) Schriftbelege Betrachten wir nun einige Schriftstellen, die zeigen, inwiefern unsere Suenden Christus angerechnet sind; danach andere, die zeigen, wie uns Seine Gerechtigkeit angerechnet wird. Jes 53,4ff.: Er aber hat unsere Leiden getragen, unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir hielten ihn fuer geschlagen, geplagt und von Gott getroffen. Doch ob unserer Suenden ward er verwundet, ob unserer Frevel zerschlagen. Zu unserem Heil lag Strafe auf ihm -- durch seine Striemen wurden wir geheilt. Wie Schafe irrten wir alle umher; jeder ging seinen eigenen Weg. Der Herr aber legte auf ihn die Suendenschuld von uns allen. Jes 53,11f.: Fuer die Qual seiner Seele wird er Licht schauen. Gesaettigt mit Erkenntnis wird als Gerechter Gerechtigkeit bringen den Vielen mein Knecht. Er laedt auf sich ihre Frevel. Darum will ich die Vielen als Anteil ihm geben, Zahlreiche ihm dafuer zu eigen, weil er in den Tod sein Leben dahingab, unter die Frevler gerechnet ward -- obwohl er die Suenden der Vielen trug, fuer die Frevler fuerbittend eintrat. 2 Kor 5,21: Er hat den, der die Suende nicht kannte, fuer uns zur Suende gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes wuerden. In diesem Vers treten beide Sachverhalte klar zutage -- unsere Suenden werden Ihm in Rechnung gestellt, waehrend Seine Gerechtigkeit uns angerechnet wird. Dies kann keinerlei anderen Sinn haben als den, den ich erklaert habe. 1 Petr 2,24: Er trug unsere Suenden an seinem Leib hinauf auf das Holz, damit wir, der Suende abgestorben, der Gerechtigkeit leben. -- Durch seine Striemen wurdet ihr geheilt. Ganz aehnlich werden auch hier wieder beide Wahrheiten nebeneinander gestellt. 1 Petr 3,18: Denn auch Christus ist einmal fuer die Suenden gestorben, der Gerechte fuer die Ungerechten, um euch den Zugang zu Gott zu verschaffen; getoetet dem Fleisch nach, dem Geist nach aber lebendig gemacht. Diese Verse und viele andere noch beweisen unzweifelhaft die Lehre der Stellvertretung: Er Seine Stellvertretung fuer uns. Wenn diese Stellen nicht den Tod Christi als einwandfreies Opfer fuer die Suende beweisen, dann bleibt der Gedanke ueberhaupt unausdrueckbar. Roem 3,20--28: Durch Gesetzeswerke wird kein Mensch vor ihm gerechtfertigt, denn durch das Gesetz kommt nur die Erkenntnis der Suende. Jetzt aber ist ohne das Gesetz die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden, auf die schon das Gesetz und die Propheten hingewiesen haben: naemlich auf die Gerechtigkeit Gottes auf Grund des Glaubens an Jesus Christus, und zwar fuer alle Glaubenden, - ohne Unterschied. Alle sind der Suende verfallen und entbehren der Herrlichkeit Gottes. Durch seine Gnade werden sie aber ohne Verdienst dank der Erloesung in Christus Jesus gerechtfertigt. Um seine Gerechtigkeit zu erweisen, hat ihn Gott in seinem Blut als Suehnopfer durch den Glauben vor alle Welt hingestellt. Die vorher geschehenen Suenden waren ungestraft gelassen, weil Gott langmuetig ist; nun aber laesst er seine Gerechtigkeit offenbar werden und zeigt (im Suehnopfer Christi), dass er gerecht ist und den gerecht macht, der an Jesus glaubt. Wo bleibt nun das Ruehmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das der Werke? Nein, durch das Gesetz des Glaubens. Wir sind naemlich ueberzeugt, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes. Roem 5,18f.: Wie also durch die Uebertretung eines einzigen Menschen ueber alle die Verurteilung gekommen ist, so kommt auch durch des einen gerechte Tat, fuer alle Menschen die Rechtfertigung, die zum Leben fuehrt. Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Suendern geworden sind, so werden durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht. Paulus sagte ueber sich selbst: Phil. 3,8f.: Ja, in der Tat, ich erachte alles als Verlust angesichts der alles uebertreffenden Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich das alles aufgegeben habe und es geradezu fuer Kehricht halte, damit ich Christus gewinne und in ihm bleibe, - nicht ausgestattet mit meiner eigenen Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern mit der Gerechtigkeit aus Gott, die aus dem Glauben an Christus kommt. Ist es nicht seltsam, dass jemand, der Anspruch erhebt, sich an der Bibel zu orientieren, bei dieser klaren Sprache noch auf die Idee kommen kann, die Erloesung irgendwie auf Werke zu beziehen, egal in welchem Ausmass? Paulus schrieb den Roemern: >>Denn die Suende hat keine Macht mehr ueber euch. Ihr steht ja nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade<< (Roem 6,14). Das bedeutet: Gott hat sie aus dem Gesetz herausgenommen und sie in die Gnade versetzt, mit dem souveraenen Zweck, dass sie nicht wieder unter der Herrschaft der Suende leben sollten. Koennten sie tatsaechlich wieder abfallen, dann nur, wenn Gott sie aus der Gnade wieder herausnaehme und sie wieder unter das Gesetz braechte, wo ihr Schicksal wieder von ihren Werken abhaengig waere. Es liegt in der Natur der Gnade: Solange jemand darunter ist, hat das Gesetz keinen Anspruch. Durch Gnade gerettet zu sein heisst: Gott behandelt mich nicht laenger nach dem, was ich verdient habe, sondern er hat das Gesetz beiseite gesetzt und rettet mich trotz meiner Suendhaftigkeit und Verlorenheit -- er reinigt mich von meinen Suenden, bevor ich in die goettliche Gegenwart eintreten werde. Es hat Paulus viele Schmerzen gekostet, uns klarzumachen: Gottes Gnade koennen wir nicht selbst erlangen; nicht wir selbst sind es, die sie erringen, sie wird uns vielmehr entgegengebracht. Koennte sie von Menschen errungen werden, dann waere sie nicht mehr Gnade (Roem 11, 6). __________________________________________________________________ 5) Weitere Anmerkungen Im gegenwaertigen Zustand der Menschheit steht der Mensch vor Gott nicht wie ein Buerger vor dem Staat, wo jeder gleich behandelt werden muss und jedem die gleiche >>Chance<< eingeraeumt werden muss, sondern hier steht der Mensch als schuldiger und verurteilter Verbrecher vor einem gerechten Richter. Niemand hat Anspruch auf Errettung. Das Wunder ist nicht, dass Gott nicht alle errettet, sondern dass er so viele aus dieser schuldbeladenen Masse begnadigt. Die Antwort auf die Frage, weshalb Gott nicht alle errettet, wird nicht in der arminianischen Antwort gefunden, derzufolge von Allmacht der Gnade keine Rede sein kann, sondern in der Tatsache, dass >>Gottes Liebe so viele Menschen aus dieser schuldigen Rasse begnadigt, wie es seiner ganzen Natur zu retten entspricht.<< [232] Aus Gruenden, die nur Ihm einsichtig sind, sieht er, dass es das Beste ist, nicht alle zu begnadigen, sondern einigen zu erlauben, ihrer eigenen Wege zu gehen und sie ihrem ewigen Schicksal der Strafe zu ueberlassen, damit offenbar werden, welch abscheuliches Graeuel die Suende und die Rebellion gegen Gott ist. Wieder und wieder versichert die Schrift, dass die Errettung allein aus Gnade geschieht, so als erwarte sie schon die Schwierigkeiten, die die Menschen haben werden, wenn zutage tritt, dass sie diese Gnade nicht von sich aus erlangen koennen. Auf diese Weise soll die weit verbreitete Ansicht zerstoert werden, als schulde Gott irgend jemandem die Erloesung. >>Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, -- nicht euer Verdienst ist es, sondern Gottes Geschenk --, nicht auf Grund von Werken, damit niemand sich ruehmen kann<< (Eph 2,8f.). >>Ist es aber aus Gnade geschehen, so nicht mehr infolge von Werken. Sonst waere ja die Gnade nicht mehr Gnade<< (Roem 11,6). >>Durch Gesetzeswerke wird kein Mensch vor ihm gerechtfertigt<< (Roem 3,20). >>Wer Werke vollbringt, dem wird der Lohn nicht aus Gnade, sondern nach Verdienst angerechnet<< (Roem 4,4). >>Denn wer gibt dir einen Vorzug? Was hast du, das du nicht empfangen haettest? Hast du es aber empfangen, was ruehmst du dich, als haettest du es nicht empfangen?<< (1 Kor 4,7). >>Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin<< (1 Kor 15,10). >>Wer hat ihm vorher gegeben, so dass es ihm wiedervergolten werden muesste?<< (Roem 11,35). >>Denn der Lohn der Suende ist der Tod, das Gnadengeschenk Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn<< (Roem 6,23). Gnade und Werke schliessen einander aus: Genauso gut koennten wir die beiden Pole unseres Planeten zusammenbringen. Wir koennten genauso gut von einem >>bezahlten Geschenk<< sprechen, wenn wir von einer >>bedingten Gnade<< spraechen, denn wenn die Gnade nicht absolut waere, waere sie nicht Gnade. Wenn die Schrift daher davon spricht, dass die Erloesung ganz aus Gnaden ist, dann haben wir das so zu verstehen, dass dieser ganze Prozess allein Gottes Wirken zugeschrieben werden muss und dass alle guten Werke des Menschen, die diesen Namen verdienen, schon Resultat der Erneuerung sind, die all diesen Werken vorausgeht. Der Arminianismus macht den vollkommenen Gnadencharakter der Erloesung zunichte und ersetzt ihn durch ein System von Gnade plus Werk. Ganz gleich, wie klein auch der Anteil der Werke sein mag -- er ist notwendig da und noch dazu die Basis, wer letztlich gerettet und verloren wird. Die Geretteten haben hier Grund, sich gegenueber den Verlorenen zu bruesten, denn alle haben hier ja die >>gleiche Chance<< gehabt. Paulus sagt aber, dass jegliches Ruehmen ausgeschlossen sei und der, der sich bruesten will, sich des Herrn ruehmen soll (Roem 3,27; 1 Kor 1,31). Aus Gnaden erloest, erinnert sich der Gerettete des Morastes, aus dem er herausgezogen worden ist, und seine Haltung gegenueber dem Verlorenen ist die von Sympathie und Mitleid. Er weiss: haette es Gottes Gnade nicht gefallen, befaende er sich in genau dem selben Zustand wie der Verlorene, und er wird singen: >>Nicht unserm Namen, Herr, gib Ehre, sondern Deinem Namen allein, um Deiner Barmherzigkeit und Wahrheit willen.<< __________________________________________________________________ [232] Warfield, The Plan of Salvation, S. 93. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XXIV __________________________________________________________________ Von der Gewissheit, sich unter den Erwaehlen zu befinden __________________________________________________________________ 1) Die Basis fuer diese Gewissheit Jeder Christ darf und soll wissen: Ich darf mich unter die zaehlen, die zum ewigen Leben vorherbestimmt sind. Der Glaube an Christus als goettliches Geschenk ist das Mittel der Errettung, und da dieses Geschenk nur den Erwaehlten zuteil wird, darf der Glaubende wissen, dass er unter den Erwaehlten ist. Der Glaube, so schwach er auch sein mag -- vorausgesetzt es ist echter Glaube -- ist ein Beweis fuer die Errettung. >>So viele ihrer zum ewigen Leben bestimmt waren (und nur sie)<< (Apg 13,48). Glaube ist ein Wunder aus Gnade, der denen eingestiftet wird, die vorher errettet worden sind -- ein geistliches Zeichen dafuer, dass ihre Errettung schon am Kreuz vollendet und am Auferstehungsmorgen bestaetigt worden ist. Der Errettete weiss, dass die Liebe Gottes in sein Herz gegossen ist und ihm seine Suende vergeben ist. In John Bunyans >>Pilgerschaft zur ewigen Seligkeit<< lesen wir, eine schwere Last fiel von Christs Schultern, als seine Suenden vergeben worden waren; er erfuhr unendliche Erleichterung. Jeder Bekehrte sollte wissen, dass er sich unter den Erwaehlten befindet, denn der Heilige Geist erneuert nur jene, die der Vater ausgewaehlt hat und die vom Sohn erloest worden sind. >>Es ist Torheit und Unsinn, dass aufrichtige Liebe und vertrauensvolle Hoffnung auf Jesus Christus als Retter und liebender Gehorsam gegenueber dem Herrn sich noch die Frage zu stellen haetten, ob sie sich unter die Erwaehlten Gottes zaehlen duerften. Dass jemand an Christus zur Errettung seiner Seele glaubt und sein Verhalten nach ihm aus- richtet, ist immer schon auf Gottes Erwaehlung zurueckzufuehren... Es kann nicht sein, dass jemand, der an Christus glaubt, sich nicht unter den Erwaehlten befindet, denn gerade aufgrund der Erwaehlung Gottes glaubt ueberhaupt jemand an Christus... Wir brauchen, ja wir duerfen gar nicht nach einem anderen Beweis fuer unsere Erwaehlung suchen. Wenn wir an Christus glauben und ihm gehorchen, dann sind wir auch Seine Kinder.<< [233] Jeder, der Gott liebt und wahres Verlangen nach der Erloesung in Christus hat, ist unter den Erwaehlten, denn die Nichterwaehlten haben diese Liebe noch dieses Verlangen nicht. Stattdessen lieben sie das Boese und hassen die Gerechtigkeit -- ganz in Uebereinstimmung mit ihrer suendigen Natur. >>Handelt jemand gegenueber Gott und seinem Naechsten gerecht? Ist er ehrbar, geradlinig, wohltaetig, rein? Wenn ja, und wenn er sich dessen bewusst ist, dass er die Kraft hat, dies auch kuenftig so zu halten und insofern er sich auf dieses Gewissen auch verlassen kann, insofern darf er glauben, dass er zu ewiger Seligkeit bestimmt ist.<< [234] >>Wir wissen, dass wir aus dem Tod zum Leben hinuebergegangen sind, weil wir die Brueder lieben. -- Wer den Bruder nicht liebt, bleibt im Tod<< (1. Joh 3,14). >>Jeder, der aus Gott gezeugt ist, tut keine Suende, weil sein Same in ihm bleibt; er kann nicht suendigen, weil er aus Gott gezeugt ist<< (1. Joh 3,9). Dieser Vers bedeutet: Es widerstreitet seinen inneren Prinzipien, zu suendigen. Wenn er in sich geht, sieht er, dass die Suende gegen sein Wesen streitet und er die Suende hasst. So wie ein guter Amerikaner nichts tun wird, was direkt gegen sein Land ist, so wird ein echter Glaeubiger auch nichts tun, was dem Reich Gottes schadet. Der Sache nach ist freilich niemand ohne Suende, doch ist es dieses Ideal, was der Glaeubige anstrebt. Dr. Warfield sagt einmal: >>Petrus ermahnt uns (2 Petr 1,20), unsere >Berufung festzumachen< -- gerade durch die Sorgfalt guter Werke. Er meint damit keineswegs, dass die guten Werke ihrerseits etwa den goettlichen Beschluss der Erwaehlung sichern. Er beabsichtigt damit vielmehr das Aufkeimen des geistlichen Lebens, welches uns von Gott eingehaucht worden ist, das Aufbluehen zur vollen Bluete, indem wir unsere Erloesung >bearbeiten<, und dies nicht ohne Christus, sondern in Christus -- nur in diesem Sinne koennen wir sicherstellen, dass wir der Erwaehlung auch teilhaftig sind, die wir fuer uns beanspruchen. ... Gute Werke werden so zu Mark- und Pruefzeichen der Erwaehlung, und wenn wir sie in jenem umfassenden Sinn betrachten wollen, wie Petrus es tut, dann sind sie auch die einzigen Mark- und Pruefzeichen der Erwaehlung. Wir koennen niemals wissen, dass wir von Gott zu ewigem Leben vorherbestimmt sind, wenn wir in unserem Leben diese Fruechte der Erwaehlung nicht ausleben -- Glaube und Tugend, Erkenntnis und Maessigkeit, Geduld und Gottesfurcht und die Liebe zu den Geschwistern. ... Es ist vergeblich, die Versicherung eigener Erwaehlung ausserhalb eines heiligen Lebens suchen zu wollen. Gerade zu heiligem Leben hat Gott sein Volk vor Grundlegung der Welt bestimmt. Heiligkeit als notwendiges Ergebnis ist daher das sichere Zeichen der Erwaehlung.<< [235] Toplady sagt: >>Ein Mensch, der mit dem geistlichen Leben vertraut ist, wird wissen, ob er sich am Licht des Angesichtes Gottes erfreut oder ob er in Dunkelheit lebt, genauso wie ein Wanderer weiss, ob er bei Sonnenschein oder bei Regen unterwegs ist.<< [236] Wie kann ich wissen, dass ich unter den Erwaehlten bin? Genauso gut koennte jemand fragen: Wie weiss ich, dass ich ein loyaler, amerikanischer Buerger bin? Oder: Wie soll ich zwischen weiss und schwarz unterscheiden? Wie zwischen suess und bitter? Jeder kennt instinktiv seine Haltung gegenueber seinem Land, und so geben auch die Schrift und das Gewissen genauso klare Auskunft darueber, ob wir zu Gottes Volk zaehlen, wie wir wissen, ob wir schwarz oder weiss sind, ob unser Geschmack suess empfindet oder bitter. Jedes Kind Gottes sollte darueber genau Bescheid wissen. Paulus ermahnt die Korinther: >>Seht zu, ob ihr im Glauben lebt. Ja, prueft euch! Merkt ihr nichts davon, dass Jesus Christus in euch ist? Dann haettet ihr euch allerdings nicht bewaehrt<< (2 Kor 13,5). __________________________________________________________________ [233] B. B. Warfield, Gelegenheitsschrift ueber die Erwaehlung, S. 18. [234] Mozley, The Augustinian Doctrine of Predestination, S. 45. [235] Ebd., S. 17. [236] Quelle nicht angegeben. __________________________________________________________________ 2) Die Lehre der Schrift Wir haben die Versicherung, dass >>dieser Geist unserem Geist bezeugt, dass wir Kinder Gottes sind<< (Roem 8,16). >>Wer an den Sohn Gottes glaubt, hat das Zeugnis [Gottes] in sich<< (1. Joh 5,10). >>Und darin besteht das Zeugnis, dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben in seinem Sohn ist. Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht. Das habe ich euch geschrieben, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt<< (1. Joh 5,11--13). Der wiedergeborene Christ freut sich am Evangelium, doch der Unglaeubige weist es von sich: >>Wir sind aus Gott; wer Gott erkennt, hoert auf uns; wer nicht aus Gott ist, hoert nicht auf uns. Daraus erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums<< (1. Joh 4,6). >>Wer seine Gebote haelt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. Und dass er in uns bleibt, erkennen wir an dem Geist, den er uns gegeben hat<< (1. Joh 3,24). >>Weil ihr nun Soehne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, der da ruft: >Abba, Vater!<<< (Gal. 4,6). Der Wiedergeborene erkennt in Gott instinktiv seinen Vater. >>Wir wissen, dass wir aus dem Tod zum Leben hinuebergegangen sind, weil wir die Brueder lieben<< (1. Joh 3,14). >>Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, ist aus Gott gezeugt, und jeder, der den Vater liebt, der liebt auch den aus ihm Gezeugten<< (1. Joh 5,1) -- Hier ist jeder gemeint, der Ihn als Herrn anerkennt -- welch preiswuerdige Versicherung! >>Wenn ihr wisst, dass er gerecht ist, erkennt ihr, dass auch jeder, der das Rechte tut, aus ihm geboren ist<< (1. Joh 2,29). Jene, die das Evangelium hoeren und es willkommen heissen, werden von diesem inneren rettenden Prinzip >>in Gang<< gebracht. >>Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn lastet auf ihm<< (Joh 3,36). >>Niemand, der im Geist Gottes redet, nennt Jesus verflucht: >Verflucht sei Jesus!< Und niemand kann sagen: >Jesus ist der Herr<, als nur im Heiligen Geist<< (1 Kor 12,3). Hieraus sollen wir lernen, dass ein wahrhaft Geretteter Jesus gar nicht fallen lassen oder beschimpfen kann; jeder, der auf Jesus blickt und ihn als seinen Herrn ansieht, ist wiedergeboren und unter die Erwaehlten zu zaehlen. Darin besteht auch der Beweis seines Heils. Jeder kann wissen, wie er zu Jesus steht, und daraus kann er auch ablesen, ob er gerettet ist oder nicht. Es moege sich jedermann die Frage stellen: Wie ist meine Haltung gegenueber Christus? Waere ich gluecklich, ihn jetzt zu sehen? Wer mit Freude die Wiederkunft Jesu erwartet, darf wissen, dass er gerettet ist. Da dieser Pruefstein der Erloesung aus der Schrift selbst kommt, kann jemand, der sich aufrichtig selbst prueft, wissen, ob er zu Gottes Volk gehoert oder nicht. Und nach der gleichen Regel darf er auch -- mit grosser Vorsicht -- eine Beurteilung anderer wagen, denn sehen wir die aeusserlichen Fruechte der Erwaehlung anderer und werden durch ihre Aufrichtigkeit ueberzeugt, dann duerfen wir auch berechtigterweise annehmen, dass auch sie zu den Erwaehlten zaehlen. Paulus hatte diese Sicherheit in Bezug auf die Christen in Thessalonich, denn er schrieb >>im Wissen, von Gott geliebte Brueder, um eure Erwaehlung, denn unsere Heilsbotschaft erging an euch nicht nur in Worten, sondern auch in Kraft und im Heiligen Geist und in grosser Zuversicht<< (1 Thess 1,4). Er wusste auch, dass Gott die Epheser in Christus erwaehlt hatte, denn er schrieb ihnen: >>In ihm hat er uns schon vor Erschaffung der Welt auserwaehlt, dass wir heilig und untadelig vor ihm seien in der Liebe. Er hat uns nach seinem freien Willensentschluss durch Jesus Christus zu seinen Kindern vorherbestimmt<< (Eph 1,4). __________________________________________________________________ 3) Schlussfolgerung Wir muessen uns unbedingt davor hueten, irgend jemanden zu den Nichterwaehlten zu zaehlen, ganz egal wie suendig er uns erscheinen mag, denn auch die wertloseste Person kann, wie wir wissen, vom Heiligen Geist zu Glauben und Umkehr gebracht werden. Seine Bekehrung kann noch in der Zukunft liegen. Daher hat niemand das Recht, seinem Mitmenschen jene Erwaehlung einfach abzusprechen, denn er weiss nicht, was Gott noch mit ihm vorhat. Wir koennen allerdings sagen, dass jene, die in Unbussfertigkeit sterben, sicher verlorengehen -- die Schrift sagt das ausdruecklich. Wir koennen nicht behaupten, jeder Christ habe diese Sicherheit, denn sie kann richtigerweise nur aus der Kenntnis eigener Beweggruende und eigener Kraft erwachsen; jemand, der sich selbst unterschaetzt, kann unschuldig ohne diese Sicherheit sein. Zu Zeiten kann der Christ wegen seines schwachen Glaubens sehr entmutigt sein, doch das heisst noch lange nicht, dass er nicht erwaehlt ist. Wenn der Glaube gestaerkt wird und die falschen Ansichten ueber das Heil verschwinden, dann ist es das Privileg und die Pflicht jedes Christen zu wissen, dass er gerettet ist. Er soll jene Furcht fliehen, die jeden konsequenten Arminianer zeitlebens plagt: dass er wieder abfallen koennte. Wenn daher die Heilsgewissheit auch fuer den leicht zu erlangen ist, der ein gutes Stueck Wegs mit Christus gegangen ist, kann ihr Besitz nicht zum Pruefstein der Rechtglaeubigkeit gemacht werden. Die ganze Schrift hindurch gibt Gott uns das Versprechen, dass jene, die sich ihm in Christus >>nahen<<, nicht abgewiesen werden und dass jeder, der das Wasser des Lebens ohne Geld und reinen Herzens erwerben will, es umsonst bekommen wird. Der Grund fuer unsere Sicherheit liegt zum Teil in uns, zum Teil ausserhalb von uns. Wenn daher einem echten Glaeubigen diese Heilsgewissheit mangelt, liegt der Fehler in ihm selbst, nicht im Heilsplan oder in der Schrift. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XXV __________________________________________________________________ Die Vorherbestimmung in der physischen Welt __________________________________________________________________ 1) Die Konstanz der Naturgesetze Was das materielle Universum jenseits der Gedankenwelt betrifft, haben wir ja kein Problem. Da sehen wir, dass alles vorherbestimmt ist. Der Verlauf der Ereignisse wurde unveraenderlich festgelegt, als Gott die Welt erschuf und die Naturgesetze installierte, etwa das Gesetz der Schwerkraft, des Lichtes, den Magnetismus, die chemische Anziehungskraft, die elektromagnetischen Phaenomene usw. Jenseits menschlichen Einflusses und jenseits von Wundern bleibt der Lauf der Dinge konstant und vorhersagbar. Dies wird von den bekanntesten Naturwissenschaftlern nicht nur zugegeben, sondern dogmatisch versichert. Die Atome folgen exakt ihrem vorgegeben Lauf. Die materiellen Objekte, mit denen wir zu tun haben, werden von feststehenden Gesetzen regiert. Haetten wir genaue Kenntnis aller Faktoren, so koennten wir die Auswirkungen eines fallenden Steines, einer Explosion oder auch eines Erdbebens exakt bestimmen. Das Teleskop entdeckt uns Millionen heisser Sonnen, und jede dieser Sonnen folgt einem genauen Lauf; ihre Position kann tausende Jahre im Voraus bestimmt werden. Innerhalb des Sonnensystems bleiben die Planeten und ihre Monde auf ihrer genauen Bahn -- und diese Bahn kann genau berechnet werden. Vor der Sonnenfinsternis 1924 haben die Astronomen genau vorausgesagt, welchen Lauf der Schatten des Mondes nehmen wird, der die Erde treffen wird. Man hat fuer gewisse Staedte sekundengenau errechnet, wie lange dieser Schatten auf sie fallen wird und hat sich dabei nur um vier Sekunden verrechnet! Die Astronomen lehren, dass die gleichen Gesetze, die unser Sonnensystem beherrschen, auch jene Millionen an Sternen beherrschen, die Trillionen von Meilen entfernt sind. Physiker analysierten das Licht der Sonne und das der Sterne; sie berichten uns, dass die gleichen Elemente wie Eisen, Karbon oder Sauerstoff genau wie auf unserer Erde auch auf ihnen zu finden sind, und zwar fast im gleichen Verhaeltnis! Ueber die Schwerkraft wissen wir: Jeder Koerper im Universum zieht den anderen proportional zu seiner eigenen Masse an -- umgekehrt proportional zum Quadrat der Entfernung der Zentren. Damit ist jedes Sandkoernchen in der Wueste oder am Gestade des Meeres mit jeder Sonne im Universum verbunden. Die traege Erde trifft in ihrem Aufstieg die fallende Schneeflocke. Wie das Teleskop enthuellt auch das Mikroskop Wunder ueber Wunder. Gottes Vorsehung erstreckt sich auf die Atome genauso wie auf die Sterne. Jedes Atom uebt einen gewissen Einfluss aus, so klein es im Uebrigen auch sein mag. Ueberall ist vollkommene Ordnung zu finden, nirgends hat Gott schlampig gearbeitet. __________________________________________________________________ 2) Kommentare renommierter Naturwissenschaftler und Theologen Huxley hat einmal gesagt: Wenn der Mensch genaue Kenntnis aller Naturgesetze gehabt haette, noch bevor die Pflanzen und Tiere auf der Erde erschienen, dann haette er nicht nur die geografischen Umrisse und das Klima einer bestimmten Umgebung, sondern auch die Flora und Fauna, die darauf erscheinen wuerde, voraussagen koennen. Er selbst dachte freilich, dass das Leben spontan aus toter Materie entstand. Waehrend wir seine Ansicht ueber die Entstehung des Lebens nicht teilen, zeigt uns das doch, dass unser Gedanke vom vorgeordneten Universum, was die Gesetze der Natur anbelangt, auch von einem grossen Wissenschaftler geteilt wird. Ich habe einmal an einer Diskussionsrunde von Dr. H. N. Russel teilgenommen. Dr. Russel ist Vorsitzender der astronomischen Fakultaet an der Universitaet Princeton. Er ist einer der ganz grossen Astronomen unserer Zeit. Er erklaerte, dass ohne den Einfluss denkender Wesen dieses Universum vollkommen durch die Naturgesetze vorherbestimmt waere. Dr. Charles Hodge: >>Die Konstanz der Naturgesetze ist die gleichbleibende Offenbarung der Unveraenderlichkeit Gottes. Sie sind, was sie sind, schon von Beginn der Zeit an und sie sind die gleichen im ganzen Universum.<< An einer anderen Stelle sagt er: >>So wie in diesen niedereren Regionen seines Werks handelt Gott entsprechend eines genau vorbedachten Plans. Man sollte nicht denken, er liesse in den hoeheren Regionen seiner Schoepfung, etwa beim Schicksal der Menschheit, die Dinge dem Zufall, indem er sie einen nicht festgesetzten Verlauf hin auf ein unbestimmtes Ende nehmen laesst. Ganz dementsprechend sehen wir die Bibel bestaetigen, dass Gott nicht nur Anfang der Gnadenzeitalter sieht, sondern auch deren Ende, da er alle Dinge wirkt gemaess dem Ratschluss seines Willens oder nach seiner ewigen Absicht.<< [237] Dr . Abraham Kuyper, einer der grossen Theologen des vergangenen Jahrhunderts, sagte: >>Es ist eine Tatsache, dass die mehr und mehr sich entwickelnde Wissenschaft unserer Zeit fast unisono zu Gunsten des Calvinismus stimmt, wenn es um die Antithese zwischen Einheit und Stabilitaet von Gottes Beschluss geht, auf den der Calvinismus hinweist, im Gegensatz zu der Oberflaechlichkeit und Ungewissheit, die der Arminianismus bevorzugt.<< Er sagt weiter, dass diese Systeme >>klar zeigen, dass die Entwicklung der Wissenschaft unserer Zeit einen Kosmos voraussetzt, der nirgends Raub des Zufalls wird, sondern aus dem Prinzip einer feststehenden Ordnung heraus sich entwickelt, die einen ganz bestimmten Plan verfolgt. Dieser Anspruch widerspricht dem Arminianismus diametral, steht aber in Harmonie mit dem calvinistischen Glauben, dass der souveraene Gott, die Ursache aller existierenden Dinge, diese Dinge genauen Ordnungen unterworfen hat und sie nach einem vorher gefassten Plan lenkt.<< Und noch einmal weist er darauf, dass die Lehre von der Vorherbestimmung nichts anderes bedeutet, als dass >>der gesamte Kosmos nicht Spielball des Zufalls ist, sondern nach genauen Gesetzen und Ordnungen funktioniert; dass da ein Wille waltet, der den Lauf nicht nur der Natur, sondern auch der Geschichte lenkt.<< [238] __________________________________________________________________ [237] Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 1., S. 539; Bd 2., S. 314. [238] Abraham Kuyper, Lectures on Calvinism, S. 149f. __________________________________________________________________ 3) Nur der Calvinismus stimmt mit der modernen Naturwissenschaft und der Philosophie ueberein Die calvinistische Welt- und Lebensanschauung, die die Betonung auf den feststehenden und gewissen Verlauf der geschichtlichen Ereignisse legt, steht in frappanter Uebereinstimmung mit der modernen Wissenschaft und Philosophie. Wie grotesk ist doch die Behauptung, dass die Praedestinationslehre von Erkenntnissen ausserhalb der Schrift ganz klar widerlegt werde, unbeschadet der Tatsache, wie klar die Schrift sie lehrt! Dieser Anspruch wird freilich von vielen erhoben, die ein ganz anderes theologischen Lehrgebaeude errichten wollen. Aber jeder, der einigermassen mit der Wissenschaft und der Philosophie mit ihrer Betonung auf universell feststehenden Gesetzen vertraut ist (etwa mit der physiologischen Psychologie), weiss um die Unsinnigkeit einer solchen Behauptung. Man denke nur an die Verhaltensforschung (Behaviorismus), an die Determination und die Vererbungslehre: Was sind die Mendelschen Gesetze anderes als Praedestination im Bereich der Gene? Diese Tendenz laeuft Zufall und Kontingenz schwer zuwider. Das Universum wird als ein systematisches Ganzes gedacht, in dem alles voneinander abhaengt und das einem sehr festgelegten und vorgefassten Plan folgt. Mit einer etwas anderen Nomenklatur und Vorstellung vom Uebernatuerlichen stimmt die moderne Wissenschaft und Philosophie mit der calvinistischen Anschauung in Bezug auf die Einheit der Welt grossteils ueberein. Wissenschaft und Philosophie moegen zwar Gottes Freiheit und Personalitaet leugnen; ihre metaphysische Anschauungsweise mag radikal anders sein als die wahre Lehre von Gottes Vorsehung und Gnade; sie moegen immerhin geistige Prozesse auf physische Gegebenheiten zurueckfuehren: Ihre Ansicht ueber die Ordnung der Lebenstatsachen in der Natur ist durch und durch >>calvinistisch<<. Ohne Vertrauen in Einheit, Stabilitaet und Ordnung der Dinge, wie sie sich uns in der Praedestinationslehre zeigt, waere es der Wissenschaft voellig unmoeglich, mehr als nur Vermutungen anzustellen. Die Wissenschaft basiert auf dem Zusammenhang des Universums. Sie teilt unsere Ueberzeugung, dass das ganze Leben unter dem Einfluss maechtiger Gesetze oder Prinzipien steht, die eine ausserweltliche Kraft oder ein Schoepfer kreiert hat. Je mehr wir aus der Wissenschaft lernen, desto klarer wird, welche Einheit allem zugrunde liegt. Auch beim Uebergang zur Geschichtsbetrachtung finden wir diese >>Kette von Ereignissen<<. So wie jedes Sandkorn mit jedem Stern zusammenhaengt, so hat auch jedes Ereignis seinen notwendigen Platz in der sich entfaltenden Geschichte. Wir erinnern uns alle einiger vergleichsweise unbedeutenden Ereignisse unseres Lebens, die aber unseren Lebenslauf entscheidend beeinflusst haben -- haetten sie nicht stattgefunden, waere unser Leben anders verlaufen. Oft ist es nur etwas Kleines, was den Lauf der Geschichte erschuettern kann. Denken wir zum Beispiel an 1914, als ein serbischer Verschwoerer den Erzherzog von Oesterreich erschoss. Der Erste Weltkrieg war die Folge. Verstaendlicherweise schrecken viele Menschen davor zurueck, die freien Handlungen von Menschen und Engeln -- speziell ihre suendigen Handlungen -- der Vorherbestimmung Gottes zuzuschreiben. Die Konvergenz von Wissenschaft, Philosophie, Geschichte und Heiliger Schrift darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden. In der Wissenschaft, der Philosophie und der Geschichte fristet die Praedestinationslehre ein reduziertes Dasein als kalte, unpersoenliche Macht. Aber im strahlenden Licht des Evangeliums zeigt sich: Wahl der Rasse, individuelle Erwaehlung und goettliche Berufung haengen von der souveraenen Gnade Gottes ab, nicht von seinem >>ethischen Wunsch<<. Wir sehen, dass Gottes ewige Absicht dem Menschen entgegenkommt, nicht sich von ihm entfernt -- das Herz findet Ruhe und Trost in der Liebe Gottes und seiner Barmherzigkeit, die so zart sind wie seine Plaene stark sind. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XXVI __________________________________________________________________ Ein Vergleich zur muslimischen Lehre der Vorherbestimmung __________________________________________________________________ 1) Gemeinsamkeiten Waehrend der Islam als falsche Religion einer rettenden Kraft gaenzlich ermangelt, enthaelt sein System durchaus einige stimmige Elemente. Wir muessen die Wahrheit neidlos auch dort anerkennen, wo wir mit den Quellen nicht einverstanden sein koennen. >>Die Staerke des Islam bestand in seiner Lehre von der Allmacht und der Allgegenwart eines ewigen Geistes, des Schoepfers und Beherrschers aller Dinge, nach dessen ewigem Plan alles existiert und dessen Willen sich alle beugen muessen.<< [239] Die ueberraschende Aehnlichkeit zwischen der biblischen Lehre von der Praedestination und der Lehre des Koran wurde von vielen Autoren hervorgehoben. Dr. Samuel M. Zwemer, der wahrhaft als >>Apostel fuer den Islam<< bezeichnet werden darf, weist auf seltsame Parallelen zwischen der Reformation in Europa unter Calvin und zu der arabischen >>Reformation<< unter Mohammed hin. Er sagt: >>Der Islam ist in einiger Hinsicht der Calvinismus des Orients. Auch er enthaelt den Aufruf, Gottes souveraenen Willen zu beachten. >Es gibt keinen Gott ausser Gott.< In der Natur und auch in der Offenbarung hat er die Majestaet der Gegenwart Gottes und seiner Macht gesucht -- nach Manifestationen seiner transzendenten und allmaechtigen Herrlichkeit. >Gott --<, sagt Mohammed: >es gibt nichts Gutes ausser ihm, dem lebenden, dem Selbstseienden, den der Schlaf nicht ergreift und der nicht schlummert -- sein Thron umfasst die Himmel und die Erde und niemand kann etwas ohne seinen Willen tun. Er allein ist erhoeht und gross< ... Es ist dieses lebendige theistische Prinzip, was den Sieg des Islam ueber ein geteiltes und goetzendienerisches Christentum des Orients im sechsten Jahrhundert nach Christus erklaert ... Die Botschaft Mohammeds beim ersten Hochhalten des gruenen Banners war: >Es gibt keinen Gott ausser Gott; Gott ist Koenig, und du musst und sollst seinem Willen gehorchen<. Dieser Anspruch ist in Bezug auf die Natur Gottes und seiner Beziehung zum Menschen wohl einer der einfachsten ... Das war die Schwertspitze des Islam, die auf ein Volk gerichtet war, das die Kraft verloren hatte, komplexere Argumentation zu verstehen.<< [240] Neben dem Koran existieren noch andere orthodoxe Traditionen, die der Lehre Mohammeds in dieser Hinsicht zustimmen. Einige von ihnen erzaehlen in fast gleicher Sprache, wie vor der Geburt jedes Menschen ein Engel herniedersteigt, um das Schicksal des Menschen niederzuschreiben. Es heisst, dass der Engel seine Stimme zu Gott erhebt und sagt: >>O mein Herr, elend oder gesegnet?<< woraufhin das eine oder andere niedergeschrieben wird, und weiter: >>O mein Herr, maennlich oder weiblich?<< woraufhin auch dies aufgezeichnet wird. Auch das ethische Verhalten der Person wird fixiert, seine Karriere, seine Lebensbedingungen und sein Anteil am Guten. Dann wird zum Engel gesagt: >>Rolle die Blaetter zusammen, denn es wird nichts mehr hinzugefuegt noch weggenommen.<< Eine andere Tradition laesst einen Engel Gottes sagen: >>Niemand ist unter euch, dessen Platz im Paradies oder in der Hoelle nicht schon von Gott vorherbestimmt ist und dessen Schicksal nicht schon im Vornhinein als elend oder gesegnet gesehen wird.<< [241] Waehrend der Koran und die Traditionen eine strenge Vorherbestimmung des ethischen Verhaltens und auch des endlichen Schicksals lehren, lehren sie gleichzeitig die Freiheit des Menschen. Es ist vonnoeten, die strenge Versicherung goettlicher Praedestination mit dieser Freiheit zu versoehnen. Auch hier wird -- wie in der Heiligen Schrift -- kein Versuch gemacht, diese Schwierigkeit zu erklaeren. __________________________________________________________________ [239] Froude, Calvinism, S. 38. [240] Zwemer, "Calvinism and the World of Islam" [241] Salisbury, "Mohammedan Doctrine of Predestination and Free Will" __________________________________________________________________ 2) Die fatalistische Tendenz des Islam Der Islam laesst Gott die Ursache aller Ereignisse sein, die quasi alle Zweitursachen ausschliesst. Die Ansicht, der Mensch sei der Urheber seiner Willensakte, ist weitgehend eliminiert; der halbzivilisierte Araber vor Mohammed sieht in all seinen Ueberlegungen und in all seinem Tun die blinde Schicksalsnotwendigkeit. Dr. Zwemer schreibt: >>Diesen Traditionen gemaess muss die Vorherbestimmung des Islam mehr als tausend Jahre lang als reiner Fatalismus bezeichnet werden. Der Fatalismus ist die Lehre einer unausweichlichen Notwendigkeit, die allerdings Allmacht und Willkuerherrschaft einer souveraenen Kraft einschliessen.<< [242] Die Praedestinationslehre des Islam heisst Fatalismus. Der Fatalismus fixiert wohl das Schicksal, nicht aber den Weg, auf dem es erreicht wird. Den Kontrast zum christlichen Verstaendnis zeigt folgende Geschichte: Ein Schiff kaempft sich durch die Wellen. Seine Passagiere sind Englaender und Moslems. Ploetzlich faellt ein Passagier ueber Bord. Der Moslem sieht ihm unbewegt hinterher und sagt: >>Wenn es im Buch des Schicksals geschrieben steht, dass er gerettet wird, dann wird er auch ohne uns gerettet, und wenn er sterben muss, dann koennten wir nichts daran aendern.<< Damit ueberlaesst er den Verunglueckten seinem Schicksal. Die Englaender entgegnen darauf: >>Vielleicht steht in diesem Buch aber auch, dass wir ihn retten werden.<< Sie werfen dem Verunglueckten ein Rettungsseil zu und ziehen ihn wieder an Bord. __________________________________________________________________ [242] Zwemer, Moslem Doctrine of God, S. 97. __________________________________________________________________ 3) Die Praedestinationslehre ist keine Erfindung des Islam Was auch immer ueber die Praedestinationslehre gesagt werden mag: Kein vernuenftiger Mensch wird behaupten, sie leite sich vom Islam her. Augustinus, der bei Protestanten und Katholiken gleicherweise als der Mann seiner Zeit anerkannt ist und der dem Protestantismus als groessten Lehrer zwischen Paulus und Luther gilt, hat diese Lehre schon mit grosser Ueberzeugungskraft zwei Jahrhunderte vor dem Islam vertreten. Schon Jesus Christus betont sie stark, ebenso die Apostel, und das von Beginn der christlichen Aera an -- vom Alten Testament eimal abgesehen. Ein Studium der Lehrgeschichte des Islam zeigt, dass diese Lehre aus drei Teilen zusammengesetzt ist: Ein Teil ist aus dem Judentum, ein anderer aus dem Christentum, der dritte kommt vom heidnischen Arabertum. Ein Teil des Islam ist nichts als Christentum aus zweiter Hand. Wuerde aber ein ernsthafter Christ gewisse Glaubensartikel aufgeben, nur weil der Islam sie adaptiert hat? Was fuer Luecken ein solches Verhalten in unseren Glauben reissen wuerde, kann am Islam beobachtet werden: Mohammed glaubt an nur einen wahren Gott, rottet jeglichen Goetzendienst aus, glaubt an Engel, an eine allgemeine Auferstehung und an ein Gericht, an einen Himmel und eine Hoelle. Er anerkennt Altes und Neues Testament und laesst Moses und Christus als gottgesandte Propheten gelten. Es verwundert daher kaum, dass er auch die christliche Lehre von der Vorherbestimmung in sein muslimisches System eingegliedert und mit der heidnischen Fatalismuslehre verschmolzen hat. Die Geschichte zeigt, dass auch der Islam seinen >>Arminianismus<< hat und dass die Diskussion um den Gegensatz von Vorherbestimmung und freiem Willen auch auf muslimischer Seite von gelehrter Stelle aus diskutiert worden ist -- und sogar noch heisser: Die tuerkische Sekte Omars schlug sich auf die Seite der Praedestinationslehre, waehren die persische Sekte Alis die Praedestination zugunsten eines freien Willens mit groesserer Vehemenz leugnete als der Arminianismus. __________________________________________________________________ 4) Die beiden Lehren im Kontrast Die Begriffe zur Beschreibung der reformierten und islamischen Lehre von der Vorherbestimmung moegen aehnlich klingen -- die Ergebnisse dieser Lehren sind so weit voneinander getrennt wie der Osten vom Westen. Tatsaechlich tritt bei genauerem Studium nur die oberflaechliche Aehnlichkeit zutage. Die groesste Aehnlichkeit mag noch darin bestehen, dass beide Systeme die Gesamtheit des Geschehens auf den Willen Gottes zurueckfuehren. Was dieser >>Wille Gottes<< allerdings ist, darin unterscheiden sich beide Lehren schon sehr stark. Der Islam reduziert Gott zu einer Kategorie des Willens und macht ihn zum Despoten, genauer: zu einem orientalischen Despoten, der abgruendig tief ueber der Menschheit steht. Allah kuemmert sich nicht um den Charakter seiner Geschoepfe, sondern einzig darum, dass sie spuren. Die ganze menschliche Angelegenheit erschoepft sich in totaler Unterwerfung unter seine Beschluesse, so dass, wie Zanchius sagt, ihre Vorherbestimmung eine Art blinder, schleuniger, herrischer Impuls ist, der, egal ob richtig oder falsch, mit oder ohne Mittel alle Dinge gewaltsam und mit nur wenig Respekt -- wenn ueberhaupt -- auf gegebene Zweitursachen erzwingt.<< [243] Zur menschliche Freiheit sagt Dr. Zwemer ueber die islamistische Lehre: >>Allahs Allmacht schliesst jegliches menschliches Handeln aus. ... Was immer unter dem Titel Freiheit firmieren darf, nennt man dort Kasb, das bedeutet: die Zuschreibung einer Handlung, die bei genauerem Hinsehen nichts als der Zwang des goettlichen Willens ist.<< [244] Weder Koran noch orthodoxe Tradition koennen Auskunft geben ueber Suende und moralische Verantwortlichkeit, denn das moralische System des Islam ist notorisch schadhaft. Die Schlussfolgerung, dass Gott letztlich der Autor der Suende ist, kann der Islam kaum vermeiden. Ursprung und Wesen der Suende sind im Islam etwas ganz anderes als im Christentum. Die Vorstellung Gottes als Vater fehlt dem Islam vollstaendig; er hat kein Konzept zur Erloesung aufzuweisen, das in seine Vorherbestimmungslehre integrierbar waere. Gott erscheint hier als Willkuerherrscher, der von Anfang an eine Gruppe Menschen fuer das Paradies geschaffen hat, eine andere dagegen fuer die Hoelle; alle Ereignisse im Leben eines Menschen sind dermassen fixiert, dass wenig Platz bleibt fuer moralische Verantwortlichkeit oder Schuld. Der Islam leugnet eine Erwaehlung in Christus aus Gnaden und fuer die Herrlichkeit; er leugnet auch, dass Christi Tod den Charakter eines stellvertretenden Opfers fuer sein Volk hat. Zur Wirksamkeit von Gnade und Beharren hat er nichts zu sagen, ja selbst zur Praedestination einzelner zeitlicher Ereignisse steuert er im Wesentlichen abscheuliche und wirre Thesen bei. Liebe ist Allah fremd. Ueberhaupt ist das Konzept der Liebe dem Islam im Wesentlichen fremd: Hier liebt weder Gott den Menschen noch der Mensch Gott; wovon die Bibel voll ist, darueber muss der Koran schweigen. Schlussfolgernd kann man sagen, dass der Islam fuer die arminianische Glaubensauffassung am wenigsten uebrig hat. Was die Mission betrifft, haben die calvinistischen Gemeinden die Welt des Islam frueher und energischer besucht als alle anderen Kirchen, und einhundert lange Jahre waren sie auch die einzigen, die das Mutterland des Islam missionierten. Sie haben die strategischen Zentren besetzt und koennen heute einen weit groesseren Teil der islamischen Welt erreichen. Mit Gott, der souveraenen Basis und mit dem Ziel seiner Ehre, der Beweggrund einzig sein Wille -- die Presbyterianischen und reformierten Kirchen sind gut ausgestattet, die Herzen der Moslems zu Christus zu bekehren. Sie sehen mit strahlender Hoffnung dem Erfolg entgegen, die schwierigste Aufgabe der Mission zu bewaeltigen: die Evangelisation der islamischen Welt. __________________________________________________________________ [243] Quelle nicht angegeben. [244] Quelle nicht angegeben. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XXVII __________________________________________________________________ Die praktische Bedeutung der Lehre __________________________________________________________________ 1) Einfluss auf das taegliche Leben Die Lehre von der Vorherbestimmung ist keine kalte, nutz- und fruchtlose oder gar spekulative Theorie, kein unnatuerliches Gebaeude an fremdartigen Lehren, wie viele Leute glauben, sondern eine warme, lebendige und wichtige Darstellung der Beziehung Gottes zum Menschen. Es ist ein Komplex praktischer Wahrheiten, die dazu gemacht sind, unter dem Einfluss des Heiligen Geistes angenommen zu werden, um die Verstellung des Herzens zu schmelzen und es in das richtige Verhalten zu dirigieren. Calvins eigenes Zeugnis darueber lautet so: >>Ich bitte meine Leser in erster Linie, sorgfaeltig auf meine Ermahnung zu achten und sie stets im Gedaechtnis zu behalten: Dieses umfangreiche Thema ist nicht, wie viele meinen, eine dornige und lautstarke Diskussion oder Spekulation, die das Denken der Menschen ohne jeden Gewinn belasten muss, sondern eine ernsthafte Angelegenheit fuer gottesfuerchtige Diener, denn die darin behandelten Gegenstaende erbauen den Glauben in Sanftmut, unterweisen uns in Demut und erheben uns in den Zustand der Anbetung der unbegrenzten Guete Gottes gegen uns; sie spornen uns zum Preise dieser Guete an. Es gibt wohl keine staerkeren Beweggruende zur Erbauung des Glaubens als offene Ohren fuer die goettliche Erwaehlung, mit der der Heilige Geist unsere Herzen versiegelt, wenn wir auf ihn hoeren, indem er uns zeigt, wie wohlgesonnen uns der goettliche Wille ist, der durch nichts und niemand, durch keinerlei Stuerme oder Versuche Satans, ja, durch keine Veraenderungen oder Schwaechen des Fleisches umgestimmt werden kann. Unsere Errettung wird uns so zur sicheren Gewissheit, wenn wir den Grund dafuer im Herzen Gottes wissen.<< [245] Ich glaube, dass solch aufrichtig Worte heute dringend notwendig sind. Der Christ, der diese Lehren in seinem Herzen hegt, weiss, dass er einem gottgelenkten Kurs folgt, einem Kurs, der fuer ihn persoenlich zugeschnitten ist, und er weiss, dass es ein guter Kurs ist. Mag er die Einzelheiten auch noch nicht verstehen, so kann er doch in Anfechtungen getrost in die Zukunft blicken mit der Gewissheit, dass sein ewiges Schicksal feststeht und er ewig gesegnet ist; niemand kann ihm diesen unbezahlbaren Schatz rauben. Wenn er seinen Lauf vollendet hat, wird er zurueckblicken und sehen, dass alles von Gott fuer einen ganz bestimmten Zweck vorherbestimmt war, und er wird dankbar sein, dass er durch all diese Erfahrungen hindurchgefuehrt worden ist. Einmal von diesen Wahrheiten ueberzeugt, weiss er, dass der Tag kommen wird, wo er zu denen, die ihn bedruecken und verfolgen, mit Jospeh sagen kann: >>Ihr habt es boese mit mir gemeint, doch Gott hat es gut gemeint.<< Diese erhabene Auffassung Gottes, der persoenlich an den geringsten Ereignissen interessiert ist, laesst dem, was der Mensch sonst Zufall, Glueck oder Schicksal nennt, keine Chance. Wenn sich ein Mensch von Gott erwaehlt erkennt und weiss, dass jede seiner Handlungen ewige Bedeutung hat, dann wird ihm auch der Ernst dieses Lebens viel bewusster; er wird sein Bestreben darauf richten, dass sein Leben Grossem dient. __________________________________________________________________ [245] Calvins Calvinism, S. 29. __________________________________________________________________ 2) Quelle der Sicherheit und Ermutigung >>Es ist die Lehre der Vorsehung in alle Einzelheiten, die den Gerechten auch in Zeiten der Gefahr ein Gefuehl der Sicherheit vermittelt; sie ermutigt einen zu sehen, dass der Pfad der Verpflichtung gleichzeitig auch ein Weg der Sicherheit und des Erfolges ist -- dies ermutigt zu praktiziertem Streben nach tugendhaftem Leben, auch dann, wenn Not und Verfolgung drohen. Wie oft haben schon Wolken und Dunkelheit sich ueber sie versammelt, doch erinnern sie sich in der Gewissheit, die ihnen ihr Retter verleiht: >Ich will dich nicht verlassen, noch dich versaeumen.<<< [246] Die Gewissheit, die diese Lehre dem kaempfenden Heiligen schenkt, gruendet im Wissen: Er bleibt nicht seiner eigenen Kraft oder Schwachheit ueberlassen, sondern steht ganz in der Hand des allmaechtigen Vaters; ueber ihm thront das Banner der Liebe, unter ihm sind die ewigen Arme ausgebreitet. Er versteht nun, dass selbst der Teufel und all die Gottlosen, egal welche Stuerme sie auch erzeugen moegen, von Gott in ihrem Walten nicht nur gebremst werden, sondern gezwungen sind, nach seinem Willen zu handeln. Elisa, einsam und vergessen, hat mehr auf die gesehen, die mit ihm waren als auf die, die gegen ihn waren, denn er sah die Streitwagen und Reiter Gottes in den Wolken. Die Juenger wussten, dass ihre Namen im Himmel angeschrieben sind; sie haben sich gewappnet, Verfolgung zu erleiden; wir lesen von einer Begebenheit, nach der sie auf Folter und Ablehnung >>voll Freude vom Hohen Rat hinweggingen, weil sie wuerdig befunden waren, um des Namens (Jesu) willen Schmach zu leiden<< (Apg 5, 41). >>Die goettliche Beruecksichtigung der Praedestination samt unserer Erwaehlung in Christus ist voll von suessem, angenehmem und unaussprechlichem Trost fuer alle Gottseligen.<< [247] Paulus ermahnte seine Leser, sich nicht zu fuerchten. Nur das Wissen um einen Gott, der das ganze Universum souveraen beherrscht und der uns dazu bestimmt hat, Geliebte zu sein, kann uns diesen grossen inneren Frieden verschaffen. Dr . Clarence E . Macartney sagt einmal in einer Predigt ueber die Praedestination: >>Die sogenannten Ungluecksfaelle und Missgeschicke des Lebens erscheinen in ganz anderem Licht, wenn wir sie durch das Glas der Praedestinationslehre sehen. Es ist traurig, Menschen ihr Leben bedauern zu hoeren: >Wenn ich doch nur einen anderen Beruf ergriffen haette<, >Haette ich doch nur einen anderen Weg gewaehlt<, >Haette ich doch nur einen anderen Partner geheiratet<. Das alles ist schwach und unchristlich. Wir haben das Netz des Schicksals gewissermassen mit eigenen Haenden gewoben, doch Gott hat seinen Anteil daran. Es ist dieser Anteil, nicht unserer, was uns Glauben und Hoffnung gibt.<< [248] Blaise Pascal, der einen hinterbliebenen Freund in einem wundervollen Brief nicht mit dem ueblichen Trostpalaver eindeckt, sondern ihn mit dem Hinweis auf die Praedestination troestet, sagt: >>Wenn wir dieses traurige Geschehnis nicht als Zufall, nicht als Notwendigkeit der Natur, sondern als unausweichliches, weil gerechtes und heiliges Ereignis ansehen, das sich einem Beschluss seiner Vorsehung verdankt, der vor aller Ewigkeit gefasst worden ist und welches in diesem Jahr, diesem Tag und dieser Stunde an diesem Ort und unter diesen Umstaenden geschehen musste, dann werden wir in demuetiger Stille die undurchdringliche Erhabenheit seiner [Gottes] Geheimnisse anbeten; wir muessen die Heiligkeit seiner Dekrete verehren, so dass wir mit ihm, in ihm und fuer ihn alles das wuenschen, was er in uns und fuer uns in alle Ewigkeit gewollt hat.<< [249] Da der echte Calvinist in allem Gottes Hand und seine weise Absicht sieht, versteht er sein Leiden, seine Sorgen, seine Verfolgungen und Niederlagen nicht als Zufallsgeschehen, sondern als Summe vorhergesehener und vorherbestimmter Episoden; er sieht sie als notwendige Erziehung, die zu seinem Besten fuer ihn entworfen und geplant worden ist. Er weiss, dass Gott sein Volk nicht ohne Notwendigkeit zuechtigt, sondern dass seinem goettlichen Plan zufolge alles, was ihm je zustoesst, nach Zahl geordnet, gewogen und gemessen ist und dass all das Schwere keine Sekunde laenger dauert, als Gott es fuer notwendig erachtet. In Sorgen neigt sich sein Herz instinktiv diesem Glauben zu, weil er erkennt, dass die Anfechtung aus weisen und gnaedigen Gruenden geschieht, moegen ihm die Gruende auch verborgen bleiben. Harte Anfechtungen moegen zunaechst verletzen, doch ein wenig Ueberlegung wird ihn wieder zu sich selbst bringen, so dass die Sorgen und Bedraengnisse, wenn sie in grossen Massen druecken, bedeutungslos werden. In Uebereinstimmung damit sagt die Schrift: >>Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten gereicht<< (Roem 8,28). >>Und ihr habt die Mahnung vergessen, die an euch wie an Soehne ergeht: Mein Sohn, achte die Zuechtigung des Herrn nicht gering und verzage nicht, wenn du von ihm zurechtgewiesen wirst! Denn wen der Herr liebt, den zuechtigt er und schlaegt jeden, den er als Sohn annimmt<< (Hebr 12,5f.). [250] >>Es ist der Herr. Er tue, was ihm wohlgefaellt!<< (1 Sam 3,18). >>Ich bin jedoch der festen Ueberzeugung, dass die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar wird<< (Roem 8,18). >>Selig seid ihr, wenn man euch schmaeht und verfolgt und alles Schlechte in luegenhafter Weise wider euch aussagt um meinetwillen. Dann freuet euch und jubelt; denn gross ist euer Lohn in den Himmeln! So hat man schon vor euch die Propheten verfolgt<< (Mt 5,11f.). >>Wenn wir geduldig harren, dann werden wir mit ihm auch herrschen. Wenn wir verleugnen, wird er auch uns verleugnen<< (2 Tim 2,12). >>Ich habe nackt den Mutterschoss verlassen; ich fahre nackt dorthin zurueck. Der Herr hat es gegeben. Der Herr hat es genommen. Gepriesen sei der Name des Herrn!<< (Hiob 1,21). Wenn uns jemand beschimpft, sollten wir wenigstens nicht aergerlich werden, denn wir erinnern uns an David, der gesagt hat: >>Mag er fluchen. Denn der Herr heisst es ihn<< (2 Sam 16,11). Die Praedestination ist die Garantie unseres Heils! Anderes mag uns troesten, nur diese Lehre jedoch kann uns Sicherheit geben. Erst sie gibt dem Evangelium den Namen >>Gute Nachricht<<. Jedes Lehrgebaeude, das behauptet, Christi Opfer an sich rette noch nicht, sondern bereite nur eine Moeglichkeit fuer alle Menschen, wenn sie gewissen Bedingungen zustimmen [251] , degradiert das Evangelium zu einem Weisheitsbuch. Jedes Lehrsystem, das nur eine >>Chance<< auf Errettung anbietet, muss logischerweise auch die Moeglichkeit enthalten, dass jemand wieder verlorengehen kann. Was fuer ein Unterschied ist es aber fuer einen gefallenen Menschen, ob er gute Nachricht bekommt oder nur guten Rat?! Die Welt ist voll von guten Ratschlaegen; die Buecher der heidnischen Philosophen sind voll davon, doch allein das Evangelium enthaelt die gute Nachricht: Gott hat den Menschen erloest! Der Calvinismus ist logisch, wenngleich streng; er fuehrt aber nicht zu Traurigkeit und Schweigen, sondern macht aktiv und mutig. Es gibt Mut, wenn man weiss, dass man unsterblich ist, bis man seine Arbeit getan hat. Smith sagt ueber den Calvinisten: >>Seine Fuesse sind dem schrecklichen Abgrund entrissen und auf einen ewigen Felsen gestellt; anbetende Dankbarkeit durchzittert sein Herz, seine Seele weiss um die goettliche Liebe, die ihn nie mehr verlaesst; sie weiss um die goettliche Kraft, die sie durchstroemt und die in ihm [Gott] und durch ihn die ewige Absicht zum Guten verwirklicht. Dies umguertet ihn mit unueberwindlicher Kraft. In edleren Sinn, als es Napoleon durchstroemte, kann er von sich sagen: Ich bin ein >Mann des Schicksals<. ... Mit einem Wort: Der Calvinismus ist das zufriedenstellendste und anregendste Glaubenssystem.<< [252] Diese Gruende zur Ermutigung werden von anderen Beweggruenden begleitet, die den Menschen bei Demut und Dankbarkeit halten. Er sieht sich in dieser Welt wie ein Stueck Reisig, das dem Feuer entrissen worden ist. Er weiss, dass er sich seine Errettung nicht verdient hat, sondern dass er sie der Gnade und Barmherzigkeit Gottes verdankt, deshalb weiss er sich zutiefst von Gott abhaengig; er hat den groessten Antrieb, gottesfuerchtig zu leben. Alles in allem kann kein sichererer Weg gefunden werden, einen Menschen mit Ehrfurcht, Demut, Geduld und Dankbarkeit zu erfuellen, als wenn seine Gedanken von der Lehre der Praedestination erfuellt sind. __________________________________________________________________ [246] God Sovereign and Man Free, S. 46. [247] Aus dem siebzehnten Artikel des Glaubensbekenntnisses der Kirche Englands. [248] Quelle nicht angegeben [249] Quelle nicht angegeben [250] Diese Stelle versteht der Calvinismus als vorherbestimmte Zuechtigung, entworfen zum Besten des Gotteskindes. Auch Nichtchristen widerfaehrt Leid, und ohne das Wissen um Roem 8, 28 mag es so aussehen, als gebe es keinerlei Unterschiede zu all dem Leiden, das sie durchmachen. Der Arminianismus interpretiert die Stelle vom Ende her: "Zuletzt wird sich herausstellen, dass Gott all das Leiden zum Guten gebraucht hat." Der Calvinismus deutet das Leiden von der ewigen Bestimmung her. Damit bekommt es im Calvinismus eine andere Qualitaet als im Arminianismus, der im Leiden logischerweise auch (!) etwas Zufaelliges sehen muss, was auch ganz anders haette geschehen koennen. Fuer den Calvinismus ist das Leiden genau gemessen, gewogen und fuer einen gewissen Zweck bestimmt (A. d. Ue.). [251] Hier hinein faellt die >>Entscheidung fuer Jesus<<, die der Arminianismus als Dreh- und Angelpunkt der Erloesung ansieht. Diese Entscheidung faellt ihm zufolge nicht Gott, sondern der Mensch. Das Evangelium ist und bleibt blosses Angebot, ein Angebot >>froher Botschaft<< zwar, das aber immer erst noch aus freiem Willen akzeptiert werden muss, bevor es greifen kann (A. d. Ue.). [252] Smith, The Creed of Presbyterians, S. 53, 94 __________________________________________________________________ 3) Der Calvinismus legt die Betonung des Heilsplans auf das Handeln Gottes Er bliebe ein sehr >>unvollkommener<< Christ, wenn ihm die tieferen Wahrheiten der Praedestinationslehre verborgen bleiben. Weder kann er Gottes Herrlichkeit angemessen wuerdigen, noch kann er den Reichtum der Gnade, der ihm durch die Erloesung in Christus entgegengebracht worden ist, richtig schaetzen, denn nirgendwo sonst als in der Praedestination der Erwaehlten strahlt die Herrlichkeit Gottes in dieser Groesse auf -- ungedaempft und unbefleckt von menschlichem Zutun. Hier erkennen wir, dass wir alles, was wir sind, haben und wuenschen moegen, einzig und allein Gottes Gnade verdanken. Diese Lehre ist eine Absage an den menschlichen Stolz. Sie preist die goettliche Barmherzigkeit. Der Mensch wird zu nichts und Gott ist alles; die wahre Beziehung zwischen Geschoepf und unendlichem Schoepfer wird hier bewahrt, der absolute Herrscher geehrt. Alle Herrschaft wird ihm unterstellt; ohne Gottes Gunst sind alle Menschen auf einer Ebene. Diese Lehre hat die Menschenrechte verfochten, wo immer sie hingekommen ist, sei es in Staat oder Kirche. Die Praedestinationslehre betont die goettliche Seite der Erloesung, waehrend rivalisierende Lehren den Menschen betonen. Die Praedestinationslehre streicht den reinen Gnadencharakter des Heilswegs heraus und zeigt, dass wir um nichts besser sind, als jene, die fuer ihre Suenden leiden werden. Sie leitet uns zu mehr Wohltaetigkeit und Toleranz gegenueber den Verlorenen und zu ewiger Dankbarkeit gegen ueber Gott, unserem Retter. Sie zeigt uns auch, dass alle menschliche Erkenntnis im gefallenen Zustand wertlos ist, dass unsere Kraft in Wahrheit Schwaeche ist und unsere Gerechtigkeit keinen Pfifferling wert ist. Sie lehrt uns, unsere Hoffnung ganz allein auf Gott zu setzen; sie lehrt uns, dass Hilfe nur von ihm kommen kann. Sie lehrt uns gerade jene wichtige Lektion, die so viele nicht erkannt haben: Die gesegnete Lektion des Selbstmisstrauens. Luther erzaehlt, dass diese Lehre ihn oft angegriffen habe, dass er darueber an sich verzweifelt sei, dass aber gerade diese Verzweiflung ihn zur Gnade Gottes getrieben habe. Diese Lehre loest mehr Fragen und vermeidet mehr Schwierigkeiten als jede kontraere Lehre; sie gewaehrt eine solide Grundlage fuer Glauben und Hoffnung und raeumt Gott einen wesentlich hoeheren Stellenwert ein, als das widersprechende Lehren tun. Ich sage nicht zu viel, wenn ich sage: Sie war die Grundlage fuer die gottesfuerchtigen Auffassungen der biblischen Autoren; die Eliminierung dieser Lehre liesse die ganze Bibel in anderem Licht erscheinen. Dr. J. Gresham Machen hat das sehr schoen ausgedrueckt: >>Der Calvinist sieht in der arminianischen Theologie den gefaehrlichen Versuch, die biblische Lehre von der goettlichen Gnade zu verarmen, dem Arminianer hingegen muessen die Lehren der Reformierten Kirchen hoechst bedenklich erscheinen. [253] Es sollte nun klar geworden sein, dass evangelikale Christen, die diesen Sachverhalt richtig studiert haben und die konsequenten Schlussfolgerungen daraus gezogen haben, diesen Sachverhalt aus nur zwei Perspektiven sehen koennen: entweder sind sie Calvinisten oder Arminianer. Es gibt keine Zwischenposition. [254] Wer den Opfercharakter des Todes Jesu leugnet, faengt sich in Selbsterloesungssystemen oder im Naturalismus -- man kann sie fueglich nicht als >>Christen<< im historischen und wahren Sinn bezeichnen. Die Lutherische Kirche betont die Erloesung allein aus Glauben, die Baptisten betonen die Wichtigkeit der Sakramente (besonders das Sakrament der Taufe) und das Recht des Einzelnen und der Versammlung, Einzelnen in Glaubensfragen ein Urteil zu sprechen. Die Methodisten betonen die Liebe Gottes zum Menschen und die menschliche Verantwortung gegenueber Gott, die Kongregationalisten das Recht, einen Mitchristen zu richten, daneben noch das Recht auf Selbstbestimmung oertlicher Versammlungen; die roemisch-katholische Kirche betont die Einheit der Kirche und weist auf die Wichtigkeit der Verbindung zum apostolischen Zeitalter hin. Das mag an sich alles gut sein, doch muessen diese Bewegungen vor der grossen Lehre der goettlichen Souveraenitaet und Majestaet erbleichen, wie sie die Presbyterianischen und Reformierten Kirchen hochhalten. Waehrend die anderen Lehrgebaeude mehr oder weniger anthropologischen Prinzipien folgen, folgen wir einem theologischen Prinzip: Es praesentiert uns einen grossen Gott, der hoch erhaben ist und dessen Thron von universaler Bedeutung ist. Dr. Warfield hat die bildenden Prinzipien des Luthertums und der Reformierten Kirchen analysiert. Nachdem er festgestellt hat, dass der Unterschied zur Reformierten Kirche nicht darin bestehe, dass etwa die Lutheraner die Souveraenitaet Gottes leugnen oder dass die Reformierte Kirche die Errettung allein aus Glauben verneine, fuegt er hinzu: >>Das Luthertum entsteht aus der Agonie der schuldbeladenen Seele, die ihren Frieden mit Gott sucht. Sie findet diesen Frieden im Glauben und bleibt genau da stehen. ... Wenn dieser Seelenzustand des Friedens hergestellt ist, will es nichts darueber hinaus wissen. Der Calvinist fragt mit demselben Eifer wie das Luthertum: >Was muss ich tun, um gerettet zu werden?< und beantwortet diese Frage auch gleich wie der Lutheraner. Doch dabei kann er nicht stehen bleiben. Eine tiefere Frage drueckt ihn: >Woher kommt dieser Glaube, der mich rechtfertigt?< ... Ohne Zweifel eifert der Calvinismus um die Frage der Erloesung, doch sein hoechster Eifer gilt der Ehre Gottes; diese Frage ist es, was seinen Puls beschleunigt und seine Bemuehungen anspornt. Er beginnt mit der Vi- sion von Gottes Herrlichkeit, sieht darin das Zentrum und auch das Ende und setzt sich das Ziel, sich in allen Dingen Gott auszuliefern.<< [255] Woanders sagt er: >>Die Vorstellung der Majestaet Gottes ist mit einem Wort die Grundlage des calvinistischen Denkens.<< [256] Diese Vorstellung im Gedaechtnis, weiss sich der Mensch einerseits in seiner Unwuerdigkeit vor Gott, sieht sich als Geschoepf, mehr noch, als suendiges Geschoepf -- und bewundert andererseits anbetend, dass Gott den Suender trotzdem annimmt. Jedes Selbstvertrauen ist geschwunden; der Mensch stellt sich selbst allein der Gnade Gottes anheim. Er sieht, egal ob in der Natur, ob in der Geschichte, ob in der Gnade ueberall von Ewigkeit zu Ewigkeit das alles durchdringende Handeln Gottes. Wenn Gott einen bestimmten Plan zur Erloesung des Menschen hat, dann ist die Kenntnis dieses Plans unabdingbar. Wer eine komplizierte Maschine betrachtet, aber den Zweck dieser Maschine nicht kennt noch weiss, wie die einzelnen Teile zueinander in Beziehung stehen, kann die Maschine weder verstehen noch verwenden. Wenn wir den Plan zur Erloesung nicht kennen, das Ziel dieses Plans nicht verstehen oder die Verbindung der einzelnen Teile nicht kennen oder missverstehen, bleiben unsere Ansichten ein Durcheinander; wir werden sie nicht nur falsch auf uns selbst anwenden, sondern auch unfaehig bleiben, sie anderen zu erklaeren. Da uns die Praedestinationslehre sehr viel ueber den Weg der Erloesung verraet und da sie ein grosser Trostgrund ist, der dem Christen Sicherheit vermittelt, ist sie eine grosse und gesegnete Wahrheit. Ich zoegere nicht, zu behaupten: Dieses vom Heiligen Geist inspirierte Glaubens- und Lehrgebaeude ist das wahre und endgueltige philosophische System. Waehrend die Theologie Gott selbst zum Gegenstand hat, beschaeftigen sich die Naturwissenschaften und die freien Kuenste lediglich mit seinen Kleidern. Die Theologie muss der Natur der Sache nach die >>Koenigin der Wissenschaften<< heissen. [257] Die Philosophie, wie sie ueblicherweise von den verschiedenen Denkschulen herruehrt, ist in der Tat der Boden, ja die Magd der bloss anthropozentrischen Wissenschaften; in Verbindung mit dem Studium der Theologie ist sie lediglich Hilfswissenschaft. Die calvinistische Theologie ist das grossartigste Gedankengebaeude ueberhaupt, das je den menschlichen Verstand beschaeftigt hat. Ihr Ausgangspunkt ist die tiefgreifende Bewusstmachung der Groesse und Vollkommenheit Gottes. Mit ihren ueberragenden Lehren von Gottes Gnade, Macht und Herrlichkeit greift sie weit hoeher als jedes andere System. Jeder, dem dieses Gedankengebaeude gezeigt wird, muss mit dem Psalmisten sagen: >>Zu wunderbar ist fuer mich solch Wissen, zu hoch -- ich begreife es nicht.<< Oder er wird es mit den Worten Paulus' ausdruecken: >>O Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Ratschluesse, wie unergruendlich seine Wege!<< (Ps 139,6; Roem 11,33). Dieses Lehrgebaeude hat den Verstand aller grossen Denker ernsthaft herausgefordert, und es verwundert nicht, wenn es heisst, dass selbst Engel begehren, Einblick zu tun. Der Uebergang aus einem anderen Lehrsystem in den Calvinismus gleicht dem Uebergang von der Muendung eines Stromes ins offene Meer. Wir lassen die seichten Gewaesser zurueck und schwimmen hinaus in die endlose Tiefe. __________________________________________________________________ [253] Gresham Machen, Christianity and Liberalism S. 51. [254] Entwicklungsgeschichtlich gibt es freilich halb beschrittene Wege. In vielen Freikirchen gilt nur mehr der 5. Punkt des Calvinismus als biblisch. Man raeumt ein, dass es "eigentlich" Gottes Gnade war, die einen einholt, dass man sich "freiwillig" (man verwechselt dabei konsequent den von Luther bekaempften "freien Wilen" mit seiner Freiwilligkeit, die ja auch der Calvinismus nicht bestreitet) fuer Gott entscheidet, dass es aber doch "eigentlich" Gott sei, dem die Ehre gebuehrt. So lautet das persoenliches Zeugnis. Der echte Arminianer (etwa das Lehrgebaeude der Siebenten Tags Adventisten) denkt da konsequenter: Wenn man sich freiwillig entscheidet, dann kann man sich auch irgendwann -- was Gott freilich verhueten moege -- auch wieder gegen Gott entscheiden und verlorengehen. Sein Heiligungsperfektionismus ist mitunter von dieser Angst motiviert; wie eine Praedestination noch irgendwelche Beweggruende fuer das Streben nach Heiligung liefern soll, bleibt ihm verborgen. Der Antrieb zu heiligem Leben, wie ihn die durch und durch calvinistischen Puritaner an den Tag legten, muss ihm ein Raetsel bleiben. Der Arminianismus wird daran erkannt, dass er die letzte Entscheidung ueber sein ewiges Schicksal den Menschen treffen laesst. Gott bleibt derjenige, der diese menschliche Entscheidung akzeptiert, er bleibt Antwortender, nicht Initiator des Heils (A. d. Ue.). [255] B. B. Warfield, Article, Calvin as a Theologian and Calvinism Today, S. 23, 24. [256] Quelle nicht angegeben [257] Die tiefsitzende Bildungsfeindlichkeit mancher Christen hat dazu gefuehrt, dass schon bei der Nennung der Begriffe "Theologie", "Wissenschaft" oder "Philosophie" hoechstes Misstrauen und blitzartige innere Abwehr die Reaktionen sind. Wissenschaft und Philosophie seinen per se falsch, kann es da heissen. Da nimmt es nicht Wunder, dass die arminianische Apologetik so wenig ueberzeugt -- den Nichtchristen nicht und auch so manchen Christen nicht, dem erhobene Zeigefinger und Warnungen vor "ungeistlichem Geschwaetz" zu wenig sind, sondern der seine Freude daran hat, ueber Gott und Welt nachzudenken (A. d. Ue.). __________________________________________________________________ 4) Nur der Calvinismus besteht den Test Die einzelnen Lehraussagen der Heiligen Schrift sind aeusserst harmonisch: Fasst man eine Stelle falsch, fuehrt sie beinahe unweigerlich zu irrigen Auffassungen ueber die uebrigen Stellen; fasst man sie richtig, versteht man auch die anderen Stellen. Alle anderen Lehrgebaeude irren sich mehr oder weniger -- einzig der Calvinismus haelt sich eng an die Heilige Schrift. Das bedeutet freilich nicht, das der Korpus der wichtigsten Lehren wie die Goettlichkeit Christi, sein stellvertretender Tod, seine Auferstehung oder das Wirken des Heiligen Geistes nicht auch andere glauben. Es bedeutet aber: Je weiter man sich vom Calvinismus entfernt, desto weiter entfernt man sich von der gesunden Lehre. In der Regel entkraeften Anticalvinisten die Lehre von der Suehne, vom Wirken des Heiligen Geistes, der Schuld und der Unfaehigkeit des Menschen, der Erneuerung usw., so dass oft nicht mehr uebrig bleibt als leere Worte; am Ende dieser Entwicklung tendiert man dazu, auch den Rest noch zu leugnen. Die Gegner des Calvinismus machen gewoehnlich wenig Unterschied zwischen dem objektiven Werk Christi fuer uns und dem subjektiven Werk Christi in uns; die Suehne wird auf die unterschiedslose Liebe Gottes zu allen Menschen reduziert, was nur zeigt, dass Gott vergebungsbereit ist. Andere Lehrgebaeude tendieren dazu, die Suehne zur Disposition einer >>moralischen Ueberzeugung<< zu stellen, waehrend der Calvinismus davon ueberzeugt ist, dass das Leiden Christi ein ausreichendes Opfer ist, das Gottes Gerechtigkeit genuegt -- das Leiden Christi ist der gerechte Lohn, den sonst sein Volk zu bezahlen haette. Wir leben in einer Zeit, in der saemtliche protestantischen Kirchen von innen her durch Unglauben angegriffen werden. Manche sind dem Unglauben schon erlegen. Die Sukzession des Abstiegs war immer die gleiche: Vom Calvinismus zum Arminianismus und vom Arminianismus zum Modernismus oder zum Unitarismus [258] ; der letztere hat sich immer als selbstzerstoererisch erwiesen. Ich bin ueberzeugt, dass die Siege des Christentums eng an die Siege des Calvinismus geknuepft sind. Die Geschichte des Modernismus und der Unitarier in diesem Lande hat bewiesen, dass diese Lehrsysteme zu schwach sind, sich zu erhalten. Wenn die Grundsaetze des Calvinismus aufgegeben werden, entsteht ein starker Sog abwaerts in die Tiefen des Naturalismus. Manche haben -- und ich stimme dem zu -- jede konsistente Mittelstellung zwischen Calvinismus und Atheismus ausgeschlossen. Die besprochenen Unterschiede zwischen Calvinismus und Arminianismus sind nicht unbetraechtlich, und niemand, der jene Wahrheiten nicht genauestens unter die Lupe nimmt, wird erkennen, welch grosse Anzahl an Irrlehren der Arminianismus seinem Gedankengebaeude bereits eingegliedert hat. Wenn nur ein Lehrgebaeude richtig ist, muessen die anderen notwendigerweise falsch sein. Als konsequente Calvinisten glauben wir, dass diese Lehren die letzte Wahrheit verkoerpern und sich in alle Ewigkeit als solche erweisen werden. Wir halten daran fest, dass der Calvinismus das einzige biblisch-christliche Lehrgebaeude ist, dass es auch das einzige ist, das vor der Welt in angemessener und logischer Weise verteidigt werden kann. Es ist klar, dass ein Lehrgebaeude, das mit der Schrift und mit der Vernunft konform geht, leichter zu verteidigen ist als alle anderen Lehrsysteme. Wir glauben, dass Calvinismus und konsistenter Theismus nicht nur Anknuepfungspunkte haben, sondern identisch sind und dass die Ablehnung des Calvinismus der Ablehnung eines theistischen Verstaendnisses des Universums gleichkommt. Im Calvinismus ist der >>Theismus zu seinem Recht<< gekommen, wie Dr. Warfield sagt; dies sei >>Evangelikalitaet in reinster Form und dauerhaftestem Ausdruck,<< oder auch >>jene Religion, bei der die Vorstellung zur Hoehe gelangt ist.<< Wir glauben, dass die Zukunft des Christentums -- ganz wie die Vergangenheit -- in der Hand des Calvinismus liegt und dass mit dem Fortschritt des Christentums das calvinistische Lehrsystem mehr und mehr an Bedeutung gewinnen wird. Wegen der inkonsistenten Position des Arminianismus als einer zwiegespaltenen Religion (einerseits Gnade, andererseits Werke) zeigt der Arminianismus nur wenig Widerstand gegen die naturalistischen Tendenzen der letzten Jahre. Beinahe alle bekennenden arminianischen Kirchen sind vom Liberalismus dieser Tage aufgesogen worden. So sagt Dr. S. G. Craig: >>Wenn wir das Christentum nicht nur gegen moderne Angriffe sichern wollen, sondern es mit einiger Hoffnung auf Erfolg in einer modernen Welt empfehlen wollen, dann muessen wir es auch mit logischem und wissenschaftlich fundiertem Leben und Weltanschauungen fuellen, die uns nur der Calvinismus geben kann; eine Wiedergeburt des Calvinismus ist notwendig, wenn wir das, was wir allgemeines Christentum nennen, vor dem Podium menschlicher Denkweisheit verteidigen wollen.<< [259] Der spaete Henry B. Smith hat zumindest im Prinzip recht, wenn er schreibt: >>Eine Sache ist sicher: Die unglaeubige Wissenschaft wird alles ausrotten, was nicht durch und durch christliche Rechtglaeubigkeit heisst. All die schlaffen Theorien, all die aufgeweichten Herausbildungen und das Fegefeuer der Spekulationen werden bald ueber Bord gehen. Der Kampf wird zwischen zaeher, durchgaengiger Rechtglaeubigkeit und zaehem, durchgaengigem Unglauben stattfinden. Augustin oder Comte wird es heissen, Athanasius oder Hegel, Luther oder Schopenhauer, John Stuart Mill oder Johannes Calvin.<< [260] Die Schlacht wird zwischen dem Naturalismus der Wissenschaft und dem Supranaturalismus des Christentums ausgetragen werden -- da muessen alle kompromittierenden Entwuerfe zunichte werden. An dieser Stelle soll gesagt sein, dass wir nichts gegen echte Wissenschaft haben. Wir anerkennen sehr wohl den Wert der Biologie, der Chemie, der Physik, der Astronomie usw., und wir wissen auch, dass der Fortschritt des zwanzigsten Jahrhunderts nur aus diesen Wissenschaften zu erklaeren ist. Wir begruessen die Wahrheit, aus welcher Quelle auch immer sie kommen mag, und wir sind davon ueberzeugt, dass diese Wissenschaften letztendlich das Christentum bekraeftigen werden. [261] Der Psalmist erklaert: >>Die Himmel ruehmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Haende kuendet das Firmament<< (Ps 19,2). >>Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name auf der weiten Erde!<< (Ps 8,2). Je besser wir also ueber diese Dinge bescheid wissen, desto mehr werden wir Gott verstehen lernen. Unsere Ablehnung betrifft eher die unglaeubigen Wissenschaftler, die versuchen, ihre antichristlichen oder atheistischen Weltanschauungen in die Religion und die Philosophie hineinzutragen und die mit autoritaerer Professionalitaet ueber Dinge sprechen, von denen sie keine Ahnung haben. Es ist bemerkenswert, dass die Kirchengeschichte viele theologische Systeme hat aufsteigen und fallen sehen, waehrend der Calvinismus seine Stetigkeit behalten hat. Der Arminianismus, jedenfalls in seiner derzeitigen Auspraegung, ist ja noch relativ neueren Datums. So wurde er auch von Beginn der Reformation an bis ins auslaufende achtzehnte Jahrhundert von allen protestantischen Gremien und Konzilen abgelehnt. Im Katholizismus ist es ihm nicht besser ergangen. Im vierten Jahrhundert gelang es einem Augustinus, die Praedestinationslehre zur anerkannten christlichen Doktrin zu erheben; zu keiner Zeit hat die katholische Kirche die Lehren des Arminianismus offiziell anerkannt oder uebernommen. Es hatten noch eine Anzahl weitere --ismen ihr kurzes Bestehen, unter welche zu zaehlen sind: Nestorianismus [262] , Arianismus [263] , Pelagianismus [264] , Semi-Pelagianismus [265] , Socinianismus [266] und andere. Sie haben ihre Zeit gehabt und sind wieder verschwunden, waehrend unser Lehrgebaeude, einmal unter dem Namen Augustianismus, ein andermal unter der Bezeichnung "Calvinismus" bekannt, seit jeher bei seinen Prinzipien geblieben ist. Ist dies nicht selbst ein starkes Indiz fuer die Wahrheit dieser Lehre? Zum Westminster-Bekenntnis sagt Charles Hodge: >>Die neueren Modifikationen des Calvinismus sind verschwunden; die reine und konsistente Form des Supranaturalismus und des Evangelikalismus steht als unangreifbare Barriere gegen die Fluten des Naturalismus, der versucht, alle Kirchen des Christentums zu ueberschwemmen.<< [267] Nur im Calvinismus findet das logisch-konsistente Denken zur Ruhe. Dass das System in sich logisch ist, wird sogar von seinen Gegnern nicht bestritten. Jeder, der mit dem Calvinismus in Beruehrung kommt, wird ihn entweder hassen oder lieben, aber auch wenn er ihn hasst, so wird er doch nicht respektlos davon sprechen. Der Calvinismus wird manchmal einfach deswegen kritisiert, weil er mehr Betonung auf innere Logik legt als auf Gefuehle. Es ist wahr: Der anthrazitene Calvinismus ist nicht so leicht entzuendlich wie Stroh, doch wenn er einmal brennt, dann erzeugt er langanhaltende und intensive Hitze. Prof. H. H. Meeter sagt einmal: >>Im Vergleich mit anderen religioesen Gemeinschaften betont der Calvinismus zweifelsohne das Verstaendnis. Er ist fuer seine Dialektik wohlbekannt. Die Calvinisten selbst gelten als die Logiker par excellance unter den Theologen. Oliver Wendell Holmes ging sogar so weit, diesen Aspekt des Calvinismus in seiner Burleske >The Deacon's Masterpiece< zu persiflieren: Der alte Einspaenner, der so gut konstruiert war, dass jede Mutter, jeder Bolzen, jede Stange und jede Speiche von gleicher Qualitaet waren und bei dem sich kurz vor dem Versammlungshaus alle Teile voneinander loesten, galt ihm als Sinnbild der Geschichte des Calvinismus. Als Meisterwerk der Logik ueberdauerte er die Zeitalter und galt erst als zusammengebrochen, als die Transzendentalphilosophie in England ihren Aufstieg zu nehmen begann.<< [268] Der Einwand, der Calvinismus betone die Logik zu sehr, hat keine ausreichende Grundlage. Das kann jeder sehen, der dieser Lehre nicht schon von vornherein feindlich gegenuebertritt. Es mag vielleicht besser sein, sich auf der Verstandesseite zu irren als auf der Gefuehlsseite, doch wer hat schon davon gehoert, dass man ein Lehrgebaeude wegen seiner inneren Logik verworfen hat? -- und wir erfreuen uns der grossen Logik unseres Lehrgebaeudes. __________________________________________________________________ [258] Interessant ist hier eine Parallele aus James Montgomery Boice und Philip Graham Ryken, Die Lehren der Gnade, (Betanien Verlag 2009), S. 70: "Der Weg vom Calvinismus zum Liberalismus -- und sogar zum Atheismus -- ist schon oft gegangen worden, und normalerweise fuehrt er ueber den Arminianismus" (A. d. Ue.). [259] Quelle nicht angegeben [260] Quelle nicht angegeben [261] Der Optimismus Boettners ist nur vor dem Hintergrund des Postmillennialismus zu verstehen. Dass es heute so aussieht, als habe der Naturalismus Oberwasser bekommen, waere freilich eine einseitige Sicht der Dinge. Nicht die Wissenschaft als solche waere imstande, das eine oder das andere zu stuetzen, sondern die Traeger der jeweiligen Disziplinen. Und da heisst es gegenwaertig, sich der Deszendenztheorie eines Darwin mit allen Implikationen zu beugen oder die wissenschaftliche Karriere an den Nagel zu haengen. Jede Devianz vom antichristlichen Tenor der Wissenschaften fuehrt in die Bedeutungslosigkeit. Dass die Wahrheit im Wissenschaftsbetrieb von heute dem vitalen Interesse am Ueberleben und dem wissenschaftlichen Lobbyismus nachgeordnet ist, hat John Horgan in seinem Buch "Die Grenzen der Wissenschaft" angedeutet. Ueber das massgebliche Wissenschaftsmagazin "Nature" schreibt er beispielsweise: "John Maddox, der Herausgeber von Nature, meinte einmal, wenn Newton heute einen Artikel ueber seine Gravitationstheorie bei einem Wissenschaftsmagazin einreichte, dann wuerde dieser mit Sicherheit wegen der vermeintlichen Absurditaet der Theorie abgelehnt" (A. d. Ue.). [262] Diese Lehre behauptet, in Jesus Christus seien zwei Wesenheiten verkoerpert: Mensch und Gott, und beide seien ueber das Band der Liebe verbunden. Jede Handlung Jesu Christi koenne jeweils einer von beiden Personen zugeordnet werden. Allerdings ist fraglich, ob man beim Nestornianismus von einer historischen Bewegung wird sprechen duerfen, da sich keine Kirche explizit zu den Lehren Nestorius' bekannt hat, dessen Lehren 431 im Konzil von Ephesus verurteilt worden waren (A. d. Ue.). [263] Der alexandrinische Priester Arius leugnete die Gottheit Jesu und behauptete, Jesus sei Gottes vornehmstes Geschoepf, eine Art Zwischenwesen zwischen Gott und Welt. Die Lehre wurde vom Konzil zu Nicaea 325 n. Chr. verdammt, spaeter noch einmal vom Konzil zu Konstantinopel 381 n. Chr. (A. d. Ue.). [264] Der Pelagianismus stammt vom britischen Moench Pelagius, der gegen Augustinus die Erbsuende leugnete und behauptete, der Mensch koenne das Heil durch eigenes Bemuehen erreichen, da er seinen freien Willen je zum Guten oder zum Boesen bestimmen koenne. 431 n. Chr. am Konzil von Ephesus verurteilt (A. d. Ue.). [265] Der Semi-Pelagianismus ist dem Arminianismus am naechsten: Er haelt zwar an der Erbsuendenlehre fest, geht aber trotzdem von einem neutralen Willen aus. Die Lehre wurde 529 n. Chr. auf der Synode von Arausio abgelehnt (A. d. Ue.). [266] Vorlaeufer der Unitarier -- sie leugneten die Dreieinigkeit und die Fleischwerdung Jesu Christi. Ihr Name leitet sich von dem italienischen Humanisten Fausto Sozzini her, der um 1604 starb (A. d. Ue.). [267] Quelle nicht angegeben [268] Meeter, The Fundamental Principle of Calvinism, S. 25. __________________________________________________________________ 5) Vernuenftigkeit und Verstaendnis der Lehre Wahrscheinlich ist kein anderes Gedankensystem so grob und schwerwiegend und manchmal so absichtlich falsch interpretiert worden wie der Calvinismus. Viele Kritiker des Calvinismus haben das System nicht einmal angemessen durchdacht. Es kann rechtens davon ausgegangen werden, dass unsere Gegner unsere Anschauungen im allgemeinen nur wenig kennen und dass sie das, was sie von blossem Hoerensagen kennen, nicht miteinander verbinden koennen. Die Praedestinationslehre macht die Weltweisheit zur Lachnummer, genauso wie die Weltweisheit nur Spott fuer die Praedestinationslehre hat. Wenn irgendeine Lehre den Juden Aergernis und den Heiden Torheit ist, dann sicherlich diese. Ohne weitere Erklaerung scheint die Praedestinationslehre paradox zu sein, und denjenigen, die nur die Lehraussage selbst kennen, muss ein Raetsel bleiben, wie gottesfuerchtige und gedankenvolle Geister sie je haben vertreten koennen. Aber es geht in diesem Fall wie in vielen anderen auch: Wenn wir Grund und Aufbau sorgfaeltig erforschen, wird der paradoxe Charakter der Lehre zumindest verkleinert, wenn er zuletzt nicht ganz verschwindet. Daher bitte ich darum, dass der Leser dieses Lehrsystem unvoreingenommen untersucht und seine Implikationen und Beziehungen sowie seinen logischen Zusammenhalt studiert. Wir haben schon gesehen, dass es in der Schrift wurzelt; wenn wir aus Natur und menschlichem Leben hinzuziehen, was klar zutage tritt, dann reicht das wohl aus, um das Gedankengebaeude nicht nur moeglich sein zu lassen, sondern bald auch wahrscheinlich, geradlinig und gerecht. So gesehen wird es nicht laenger als die willkuerliche, paradoxe und unmoralische Lehre erscheinen, als die es seine Gegner so gerne sehen, sondern als ein Lehrsystem, das der goettlichen Majestaet grosse Ehre eintraegt. Diese Lehren sind selbstverstaendlich nicht das, was der natuerliche Mensch zu finden erwartet. Dem unerleuchteten Verstand erscheint eine Religion, die nach menschlicher Anstrengung verlangt, wesentlich natuerlicher, und wenn wir Menschen selbst ein Lehrsystem entwickeln wollten, dann waere wohl kaum eines von tausend dabei, in dem ein Erloeser von sich selbst aus einen solchen Segen errungen haette, um ihn seinem Volk zu bringen. Zanchius sagte einmal: >>Der natuerliche Mensch, der unerleuchtete Verstand schrickt vor diesem System zurueck; im Gegenteil dazu wird der geistliche Mensch eine solche Wahrheit nur umso lieber ergreifen.<< [269] Froude sagt: >>Mag der Arminianismus unseren Gefuehlen sehr entgegenkommen, ist dennoch der Calvinismus naeher an den Fakten, wenn diese auch schwerer annehmbar zu sein scheinen.<< [270] Der Calvinismus verlaesst sich lieber auf die goettliche Offenbarung als auf den menschlichen Verstand, lieber auf die Fakten als auf die Sinne, lieber auf das Wissen als auf die Vermutung und lieber auf das Gewissen als auf Gefuehle. Wie schon gesagt: Viele sehen in diesem Lehrgebaeude nichts als eine seltsame Torheit. Doch wenn diese Lehren auch nur mit ein wenig Sorgfalt studiert werden, bleiben sie weder ungewiss noch so schwierig, wie man den Anschein erwecken will; die Ungewissheit und die Schwierigkeit ist vielmehr auf menschlichen Stolz zurueckzufuehren, auf die Suendenliebe und auf die Unkenntnis unseres wahren Herzenszustandes. Diejenigen, die das System ueberzeugt hat, fuehlen sich beinahe so, als lebten sie in einer anderen Welt, so sehr veraendert sich ihre Weltsicht. >>Wohin die Kinder Gottes auch sehen, sehen sie soviel unglaubliche Beispiele von Blindheit, Unwissenheit und Gefuehllosigkeit, dass sie mit Schrecken erfuellt werden, waehrend sie selbst mitten in dieser Dunkelheit goettliche Erleuchtung empfangen haben und wissen und fuehlen, dass es so ist.<< [271] Wenn wir ein Wort von Alexander Pope paraphrasieren duerfen, koennen wir es sehr passend auf diese Thematik anwenden: >>Ein wenig Praedestination ist ein gefaehrlich Ding; trink lieber tief davon, oder lass die Finger von dieser heiligen Quelle.<< Hier und auch in manch anderen Faellen sind die ersten Atemzuege verwirrend und beunruhigen die Gedanken, doch je mehr man davon atmet, desto mehr verfliegen die betaeubenden Auswirkungen uns lassen uns wieder zu uns selbst kommen. Diese erhabene Philosophie der Souveraenitaet Gottes, die mit der menschlichen Freiheit korrespondiert, findet sich ueberall in der Bibel. Es wird aber nirgends auch nur der Versuch gemacht zu erklaeren, wie diese beiden Dinge zusammengehen. Da ist die unabdingbare Annahme, dass Gott der unumschraenkte Herrscher ist, der sogar die geheimsten Gedanken, Gefuehle und Triebe des Menschen regiert; auf der anderen Seite der Mensch, der niemals anders als Vernunftwesen gezeigt wird, das mit seiner Handlungsfreiheit verantwortlich fuer diese seine Handlungen ist. Die Lehren von der Vorherbestimmung, der Souveraenitaet und der wirksamen Vorsehung gehen Hand in Hand mit denen von der Freiheit und der Verantwortlichkeit vernunftbegabter Geschoepfe. Er wird nicht behauptet, die Praedestinationslehre sei leicht zu verstehen, sehr wohl aber, dass sich die Schwierigkeiten ohne diese Lehre noch vergroessern. Dass eine Wesenheit von unendlicher Weisheit, Macht und Guete ein Universum schaffen sollte und es dann wie ein riesiges Flugzeug ohne Piloten laesst: dies ist eine Annahme, die unsere grundsaetzliche Auffassung von Gott zersetzt und dem ganzen Zeugnis der Heiligen Schrift widerspricht -- und ebenso unserer taeglichen Erfahrung und dem Hausverstand. Charles Hodge beginnt seine Abhandlung ueber die Beschluesse Gottes mit folgendem Satz: >>Es muss daran erinnert werden: Theologie ist nicht Philosophie. Die Theologie zielt nicht darauf ab, Wahrheiten zu entdecken oder auch jene Wahrheiten, die sie hat, mit allen anderen Wahrheiten zu versoehnen. Ihre Provinz ist die statuarische Aufstellung dessen, was Gott in seinem Wort enthuellt hat. Diese Saetze sind so weit wie moeglich gegen Missverstaendnisse und Einwaende zu verteidigen. Diese begrenzte und bescheidene Aufgabe der Theologie darf man nicht aus den Augen verlieren, wenn man auf die Handlungen und Zwecke Gottes zu sprechen kommt. >Ebenso kennt auch niemand das Goettliche, als nur der Geist Gottes< (1 Kor 2,11). Wenn wir uns mit den Ratschluessen Gottes befassen, dann haben wir nichts weiter zu tun, als offenzulegen, was dem Heiligen Geist gefallen hat, uns ueber diese Beschluesse mitzuteilen.<< [272] __________________________________________________________________ [269] Quelle nicht angegeben [270] Quelle nicht angegeben [271] Calvins Calvinism, S. 30. [272] Charles Hodge, Systematic Theology, Bd. 1, S. 530. __________________________________________________________________ 6) Die Synode von Westminster und ihr Bekenntnis Das theologische System, das ueblicherweise unter dem Namen Calvinismus oder reformierter Glaube bekannt ist, findet seinen genauesten Widerhall im Westminster-Bekenntnis. Die Synode von Westminster wurde vom englischen Parlament einberufen. Ihre Arbeit erstreckte sich ueber eine Zeit von etwa fuenfeinhalb Jahren und wurde 1648 beendet. Die repraesentative Koerperschaft setzte sich aus 121 Pastoren und Theologen, einigen Adeligen und etwa zwanzig Buergern zusammen. Sie kamen aus allen Provinzen Englands, der Universitaeten Oxford und Cambridge; ausserdem kamen 7 Bevollmaechtigte aus Schottland. Ob nun gemessen am Ausmass und der Wirksamkeit ihrer Arbeit oder an ihrem Einfluss auf spaetere Generationen -- die Westminstersynode steht bei protestantischen Konzilen an erster Stelle. Die wichtigste Arbeit der Synode war das Westminster-Glaubensbekenntnis, ein unvergleichliches Kompendium biblischer Wahrheiten, welches zu den edelsten Errungenschaften des britischen Protestantismus zaehlt. Es ist zurecht als theologisches Meisterwerk der vergangenen vier Jahrhunderte genannt worden. Dr. Warfield bezeichnete es als >>das umfassendste, bestausgearbeitetste und sorgsamst gehuetete, vollkommenste und von lebendigster Ausdruckskraft gepraegte Werk, das je von menschlicher Hand verfertigt worden ist, in das alles einfliesst, was wir >evangelisch< nennen und was unter allen Umstaenden bewahrt werden muss, wenn der Evangelikalismus Bestand haben soll.<< [273] Dr. F. W. Loetscher bezeichnete in einer Ansprache vor der Generalversammlung der Presbyterianischen Kirche in den USA 1929 die Lehrsaetze von Westminster als unvergleichliches, ja geniales theologisches Werk ... das edelste Erzeugnis der grossen Erweckung, die wir Reformation nennen; eine unvergleichliche Formelsammlung, die zumindest der englischsprachigen Christenheit als die umfassendste, genaueste und angemessenste Verkoerperung des reinen Evangeliums von der Gnade Gottes bekannt geworden ist.<< In der gleichen Ansprache sagte er: >>Ich sehe voraus, dass die Beschreibung dieser ehrwuerdigen Dokumente vielen Menschen, einigen auch unter denen, zu welchen zu sprechen ich bei dieser Gelegenheit die Ehre habe, als unpassende Uebertreibung, wenn nicht als ein schierer Anachronismus erscheinen werden. Der Zeitgeist hat fuer den Wert von Glaubensbekenntnissen wenig uebrig, und dieses unser Bekenntnis wird wie viele andere Bekenntnisse die traurige Erfahrung machen muessen, selbst im Lande seiner vermeintlichen Anhaenger verachtet und abgelehnt zu werden.<< [274] Dr. Curry, der ehemalige Herausgeber der Zeitschrift "Methodist Advocate" aus New York nannte in einer seiner Ausgaben ueber Glaubensbekenntnisse das Westminster-Bekenntnis >>die brauchbarste, klarste und umfassendste Aufstellung der christlichen Lehre, die je herausgegeben wurde -- eine grandioses Monument der geistigen Groesse seiner Verfasser.<< Mit diesem Massstab haben wir die beruehmteste Praesentation theologischer Wahrheiten, die dem menschlichen Geist zugaenglich ist. Das Bekenntnis zeigt wesentlich groesseren Tiefgang an theologischer Einsicht als alle anderen Bekenntnisse und verdient die Bewunderung aller Zeitalter. Es bringt Maenner von starker lehrmaessiger Ueberzeugung hervor. Jeder, der sich dazu bekennt, hat eine endgueltige Basis fuer den Glauben und wird nicht >>durch truegerisches Spiel von Menschen von jedem Wind einer Lehre hin und hergeblasen, mit dem sie uns arglistig verfuehren wollen.<< Obgleich das Westminster-Bekenntnis so logisch, so klar und umfassend formuliert ist, wird es von den Mitgliedern und sogar von Dienern der Presbyterianischen und Reformierten Kirche oft schandhaft verleugnet! So sagt Dr. Frank H. Stevenson, der erste Praesident des Kuratoriums des Westminster Theological Seminary: >>Das Glaubensbekenntnis mag in der Verfassung der Presbyterianischen Kirche vernachlaessigt werden, ja nahezu vergessen werden, aber es ist waehrend fuenfundzwanzig Jahren lehrmaessiger Konfusionen unangetastet geblieben und musste nicht verbessert werden. Es ist und bleibt als unser Glaubensbekenntnis in jeder Hinsicht ein mutiges Bollwerk. Nicht nur um seiner selbst willen, sondern weil es Christus die volle Ehre zukommen laesst, ist es wert, als das bezeichnet zu werden, was Paulus prophetisch >den guten Kampf des Glaubens< genannt hat.<< [275] Diesen Worten stimmen wir aus ganzem Herzen zu. __________________________________________________________________ [273] Quelle nicht angegeben [274] Quelle nicht angegeben [275] Christianity Today, Sept 1930, S. 7. __________________________________________________________________ 7) Diese Lehren sollten oeffentlich gelehrt und gepredigt werden Nicht nur die Lehre von der Praedestination, auch alle anderen bestimmten Lehren des Calvinismus sollten oeffentlich gelehrt und gepredigt werden, so dass der echte Glaeubige wissen darf, als Einzelner spezieller Gegenstand der Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu sein, dass er Bestaetigung erfaehrt und in der Versicherung seiner Errettung gestaerkt werden moege. Was fuer ein Unglueck fuer die Wahrheit, die ihrem Urheber so viel Ehre zukommen laesst; diesem Fundament der Seligkeit des Menschen, welches unterdrueckt oder den Theologen ueberlassen bleibt! Die Lehre von der Vorherbestimmung sollte dem Christen eine der troestlichsten in der Schrift ueberhaupt sein! Es gibt kaum eine unverwechselbar christliche Lehre, die in aller Reinheit und Fuelle gelehrt werden kann, ohne einen Bezug zur Praedestination zu haben. Die Lehren sind wechselseitig aufeinander bezogen und ineinander verwoben, so dass jede mit jeder zusammenhaengt; die Lehre von der Praedestination vereinigt und organisiert alle anderen Lehren. Ohne sie koennen die anderen Lehren nicht im rechten Licht gesehen werden, noch ihre beziehungsweise Wichtigkeit richtig eingeschaetzt werden. Was den Platz der Praedestinationslehre im Christentum angeht, schreibt Zanchius: >>Der ganze Katalog der Kuenste hat so etwas wie einen inneren Zusammenhang, eine wechselseitige Bedingtheit; er ist durch eine Art wechselseitige Beziehung gekennzeichnet, bei der jede Kunst mit der anderen zusammenhaengt. Dasselbe kann auch von dieser wichtigen Lehre gesagt werden: Sie ist das Band, die das ganze christliche Lehrgebaeude zusammenhaelt und ohne welche das Christentum wie ein Bau aus Sand leicht auseinander fallen kann. Sie ist der Zement, der die ganze Fabrik zusammenhaelt, oder besser gesagt, sie ist die Seele, die dem Ganzen erst das Leben einhaucht. Sie ist mit dem ganzen Entwurf der evangelischen Lehre aufs innigste verwoben, so dass, wird sie ausgeschlossen, die ganze Lehre verbluten muss.<< [276] Wir haben den Befehl: >>Predige das Evangelium<<. Wenn wir einen Teil auslassen oder verschweigen, dann nehmen wir diesen Befehl nicht ernst. Kein Diener des Evangeliums kann sich die Freiheit nehmen, Stellen aus seiner Bibel herauszuschneiden, weil sie ihm nicht gefallen. Doch ist es nicht genau das, was geschieht, wenn man eine solch wichtige Lehre einfach verschweigt? Paulus konnte zu den Neubekehrten sagen: >>Nichts von dem, was dienlich sein konnte, habe ich euch vorenthalten. Ich habe es euch gepredigt und euch gelehrt, oeffentlich und von Haus zu Haus. ... Darum beteuere ich euch am heutigen Tag: Ich bin rein vom Blut aller. ... Denn ich habe nichts verschwiegen, sondern euch den ganzen Ratschluss Gottes verkuendet<< (Apg 20,20.26.27). Wenn ein Diener des Wortes heute diese Worte in den Mund nimmt, dann soll er sich davor hueten, eine solche Lehre zu verschweigen! Paulus bezog sich wiederholt darauf. In seinem Brief an die Roemer (Kap. 9 -- 11) und an die Epheser (Kap. 1 -- 2) finden sich die wichtigsten Stellen dazu. Im Roemerbrief brachte er diese Dinge vor die ganze Welt; er stempelte ein universales Imprimatur darauf; und wenn er diese Dinge fuer so wichtig erachtete, dass er sie den Stammchristen der jungen roemischen Gemeinde mitteilte, die er noch gar nicht besucht hatte, dann duerfen wir davon ueberzeugt sein, dass sie auch fuer uns wichtig sind. Christus und die Apostel lehrten diese Dinge, und das nicht nur einigen wenigen, sondern den Volksmengen. Es findet sich kaum ein Kapitel im Johannesevangelium, das sich nicht auf die eine oder andere Weise darauf bezoege und Erwaehlung bzw. Verwerfung erwaehnte. Wenn der nuechterne Hausverstand geradeheraus fragt: >>Stammt die Lehre der Praedestination aus der Bibel?<<, dann muss die Antwort ein deutliches Ja! sein, egal ob AT oder NT! Das Westminster-Bekenntnis spricht ausdruecklich ueber diese Lehre. Also sollen auch wir sie lehren und erklaeren, so weit das moeglich ist. Paulus fordert uns auf, >>die ganze Waffenruestung Gottes<< anzulegen, doch was fuer ein grosser Teil dieser Ruestung fehlt dem christlichen Ritter, wenn er die grosse Lehre der Praedestination ablehnt! Augustin tadelte jene, die diese Lehre einfach verschweigen, und wenn er manchmal bezichtigt wurde, diese Lehre zu freimuetig zu verkuenden, wies er die Vorwuerfe zurueck mit dem Hinweis, dass wir dort wohl folgen koennen, wo die Schrift uns vorangeht. Luther und speziell Calvin haben diese Wahrheiten stark betont; Calvin entwickelte sie so klar und kraftvoll, und deshalb wurde das ganze Lehrgebaeude nach ihm benannt. Nicht nur die Ursprungslaender der Reformation, sondern in weiterer Folge Holland, Schottland, England zur Zeit der Westminstersynode und auch Amerika -- zumindest an den Anfaengen seiner Geschichte -- predigten diese Lehren oeffentlich. Dadurch kam es in allen Bevoelkerungsschichten zu tiefen religioesen Ueberzeugungen. Calvin war davon ueberzeugt, dass die Lehre von der Erwaehlung das Zentrum des Glaubensbekenntnisses sein muss und dass die Kirche sehr bald schon jene wundervolle Lehre begraben und vergessen wuerde, wenn sie ihr nicht eine zentrale Stelle einraeumte. Jene Gemeinden, die diese Lehre nicht betonten, egal ob in England, in Schottland, in Holland, den Vereinigten Staaten oder auch Kanada, sind der beste Beweis fuer die Ansicht Calvins: Sie haben diese Lehren komplett vergessen. Ein koeniglicher Bote muss seine Botschaft genauso weitergeben, wie er sich erhalten hat, und daher darf die groesste aller Lehren -- die Vorherbestimmung zum ewigen Heil -- nie und nimmer verschwiegen werden. >>Ein Botschafter muss die ganze Nachricht an sein Ziel bringen, mit der er beauftragt worden ist. Er darf nichts davon auslassen, sondern muss die Gedanken seines Auftraggebers ohne allen Rueckhalt wiedergeben. Er darf weder mehr noch weniger mitteilen, als ihm der koenigliche Hof aufgetragen hat, sonst faellt er in Ungnade oder verliert seinen Kopf. Jeder Diener des Evangeliums sollte dies wohl bedenken!<< [277] Es handelt sich hier um Lehren, die ausdruecklich aus goettlicher Offenbarung stammen. Sie sind dazu angetan, die Ehre Gottes zu befoerdern; sie troesten und ermutigen die Erwaehlten und lassen den Suender ohne Entschuldigung. Es ist wahr: Der Mensch hoert nicht gerne, dass er ein vollkommen hilfloser Suender ist. Eine solche Lehre ist ihm zu demuetigend. Wenn er aber ohne Christus verlorengeht, ist es besser, er hoert sie so bald wie moeglich. Wenn wir unseren Mitmenschen diese Botschaft verschweigen, ist dies nichts als Unaufrichtigkeit gegenueber unserem Herrn -- wir handelten fahrlaessig. Sie zu ignorieren bedeutete, zu handeln wie ein Arzt, der eine Operation, die seinem Patienten das Leben retten koennte, verweigert, weil er dem Patienten durch die Operation Schmerzen zufuegen muesste. Wenn diese Wahrheiten furchtlos und couragiert gepredigt wuerden, dann kroechen der Modernismus und der Unglaube nicht so einfach in unsere Gemeinden, wie es heute der Fall ist. Die Anzahl der bekennenden Christen waere vielleicht kleiner, doch die Christen waeren loyaler und wirksamer in ihrem Tun. Die Predigt unserer Lehren wird freilich zu einigen Kontroversen fuehren. Doch eine Kontroverse darf nicht per se schon als schlecht angesehen werden. So lange es Irrtuemer gibt, gibt es auch Kontroversen. Die Angriffe der Heiden und der Haeretiker auf die Lehren der fruehen Kirche und des Mittelalters zwangen die Gemeinde Christi dazu, ihre Lehren zu ueberdenken, sie besser zu formulieren, sie zu erklaeren, zu reinigen und zu verstaerken. Sie zwangen sie zu genauerem Bibelstudium. Eine Reihe brillanter Geister entstammen dieser Kirche; sie schrieben hervorragende Buecher und Artikel ueber den christlichen Glauben. Dies bereicherte die Gemeinde Christi um viele Fruechte geistlicher und intellektueller Natur. Es stimmt nicht, dass die Leute heutzutage keine lehrmaessigen Predigten mehr hoeren wollen. Der Diener des Evangeliums glaube an seine Lehren, trage sie mit Ueberzeugungskraft und aller Lebendigkeit vor und er wird sehen, dass er auf ein dankbares Publikum treffen wird. Wir sehen heute viele Menschen sich von der oeffentlichen Diskussion um soziale Themen, Politik und auch ethische Fragen abkehren und erleben eine verstaerkte Zuwendung zum Okkulten und Esoterischen. Wir sind geistig in vieler Hinsicht aermer geworden, weil wir uns in unseren theologischen Disputen verheddert haben und vor lauter Verwirrung diesen grossen Lehren laengst nicht mehr gerecht werden. Wenn sie korrekt gepredigt wuerden, braechten sie nicht nur Interesse hervor, sondern auch Wirkung. Es ist meine Erfahrung als Bibellehrer, dass kein anderes Thema die Studenten so elektrisiert und fasziniert wie eben diese Lehren. Wir werden uns fragen muessen: Wie rechtfertigt die Presbyterianische Kirche ihr Dasein, wenn sie dem Calvinismus nach und nach zu verstehen gibt, dass sie ihn nicht laenger braucht, dass er nicht laenger notwendig sei? Unsere geistliche Schwaeche ist vielfach auf die Tatsache zurueckzufuehren, dass unsere Gemeinde nur mehr wenig von den Lehren des Presbyterianischen Systems erfaehrt; dieses fehlende Wissen hat uns direkt in die Haende der oekumenischen Bewegung getrieben, und diese Bewegung versucht, Kirchen aller Couleur mit einem minimalen Gehalt an biblischer Lehre unter einen Hut zu bringen. Die Praedestinationslehre ist eine Lehre fuer gestandene Christen. Nichtchristen gegenueber muss in Predigt und Verkuendigung dieser Lehre allerdings grosse Zurueckhaltung und Vorsicht geuebt werden. Es ist beinahe unmoeglich, einen Nichtchristen von ihrer Wahrheit zu ueberzeugen, denn das Herz eines Nichtwiedergeborenen wird gewoehnlich gegen diese Wahrheit rebellieren. Man muss zuerst die einfacheren Wahrheiten gemeistert haben, bevor man daran geht, auch diese Lehre zu erklaeren, sonst wird sie allzu leicht missverstanden und kann einen sehr leicht in noch tiefere Verzweiflung bringen. Den Unglaeubigen und Neubekehrten gegenueber besteht unsere Aufgabe darin, die Arbeit des Christen im Heilsweg zu betonen: Glaube, Reue, Erneuerung des Denkens und des Handelns. Diese elementaren Schritte wollen der beginnenden Erweiterung des Gewissens vorausgehen. In diesem Zustand muss vorerst noch Zurueckhaltung ueber jene tieferen Wahrheiten geuebt werden, die mit dem Handeln Gottes zu tun haben. Auch in der Mathematik beginnen wir ja nicht mit Algebra und Statistik, sondern mit einfachen Aufgaben der Arithmetik, und so wird es auch hier zunaechst sinnvoll sein, mit den elementaren Wahrheiten zu beginnen. Nachdem der Christ gerettet ist und die ersten Schritte auf dem Weg hinter sich gebracht hat, sieht er, dass seine Erloesung in erster Linie dem Heilshandeln Gottes zuzuschreiben ist und seine Entscheidung nur Antwort auf dieses Handeln war, mithin, dass er eben aus Gnade errettet ist und nicht aufgrund irgendwelcher eigener Handlungen. Es ist, wie es Calvin ausgedrueckt hat: Die Praedestinationslehre ist kein Thema, ueber das sich Kinder den Kopf zerbrechen sollten. Dazu sagt Strong: >>Diese Lehre wird man als fortgeschritten bezeichnen muessen; man wird ihrem Verstaendnis reifes Denken und tiefe Erfahrung entgegenbringen muessen. Der Neubekehrte mag weder Wert noch Wahrheitsgehalt dieser Lehre erkennen koennen, doch im Laufe der Zeit mag sie ihm zum starken Halt werden, auf den er sich stuetzen kann.<< [278] Ja, es stimmt: Diese Lehre kann weder von Unbekehrten noch von Neubekehrten angemessen gewuerdigt werden, aber sie sollte Gemeingut all jener sein, die schon ein gutes Stueck Weg im Christentum gegangen sind. Es ist bemerkenswert: Als Calvin seine >>Institutio<< verfasste, hat er diese Lehre erst in den spaeteren Kapiteln behandelt. Er untersuchte erst die anderen christlichen Lehren und ueberging einstweilen die Lehre von der Praedestination wohlueberlegt auch dort, wo man sie natuerlicherweise erwartet haette. Erst im spaeteren Teil seiner theologischen Abhandlung wird sie ganz entwickelt und zur Krone und Ehre des ganzen Systems gemacht. Beim Predigen dieser Lehre soll darauf geachtet werden, nicht einzelne Punkte davon in ungebuehrlicher Weise zu uebertreiben, sondern stets darauf hinzuweisen, dass sie nicht auf Willkuer, sondern auf der Weisheit und Liebe Gottes basiert. __________________________________________________________________ [276] Girolamo Zanchi, Predestination, S. 124. [277] Zanchius, Predestination, S. 124. [278] Strong, Systematic Theology, S. 368. __________________________________________________________________ 8) Der Amtseid und der Gehorsam des Dienstes Jeder Diener und Aelteste, der in Presbyterianischen und Reformierten Kirche eingesetzt wird, schwoert feierlich vor Gott und Menschen, dass er das Glaubensbekenntnis seiner Kirche aufrichtig als Zusammenstellung der Lehren, wie sie sich in der Heiligen Schrift finden, annimmt. [279] Da diese Bekenntnisse durch und durch calvinistisch sind, bedeutet dies, dass auch nur Calvinisten jene Wuerde erlangen koennen. Kein Arminianer hat auch nur das geringste Recht, in einer calvinistischen Gemeinde zu dienen, und jeder Arminianer, der dennoch ein Amt in einer calvinistischen Kirche erlangt, dem fehlt nicht nur die passende theologische Einstellung, sondern auch die Dienstmoral, denn das eine zu predigen und das andere zu glauben vertraegt sich wohl kaum mit der Integritaet eines Menschen. Obgleich die Eidschwuere durch und durch calvinistisch sind -- wie wenige Diener proklamieren diese Lehren jetzt noch! Man hoert heute von den Kanzeln nomineller calvinistischer Gemeinden kaum noch die Verkuendigung, wie sie dem reformierten Glauben verpflichtet ist. Unsere Kanzeln, Kirchenzeitungen, Schulen und Universitaeten laeuten die arminianischen Lehren vom Verdienst und vom freiem Willen ein. Die gegenwaertigen Presbyterianischen und Reformierten Kirchen scheinen kein angemessenes Verstaendnis der fundamentalen Wichtigkeit ihres grossen lehrmaessigen Erbes mehr zu besitzen. Die Werke Calvins und Luthers oder auch der grossen puritanischen Theologen sollten unseren jungen Theologen nicht nur vom Titel her bekannt sein. Die scholastische Form und der beschwerliche Stil dieser Werke hat viele abgeschreckt, sie zu studieren, doch wir sollten uns daran erinnern, dass wir das Studium der Theologie nicht zu unserem Spass betreiben. Wir erwarten keine Romane, wenn wir die Werke der alten Meister zur Hand nehmen. Viele junge Maenner treten in den Dienst, ohne die Bekanntschaft mit der Lehre der Kirche gemacht zu haben, der sie dienen wollen, und wenn sie dann jemanden hoeren, der sich an die Normen von Westminster haelt, halten sie ihn fuer einen >>Verkuender fremdartiger Lehren<<. Was die Kirche heute so dringend braucht, sind Maenner von starker Ueberzeugung und gefestigtem Denken, keinen freidenkerischen Modernismus oder Liberalismus, der frohlockend und stolz durch die Lande zieht, keine dogmatische Meinung mehr zu haben oder noch theologischen Vorlieben zu huldigen. Die Mehrzahl unserer Diener glaubt nicht mehr an die calvinistischen Lehren; viele von ihnen bringen gegen ihren feierlichen Schwur anhand gerissener und unfairer Methoden staerkste Anstrengungen auf, jenen Glauben zu vernichten, den sie doch als vom Heiligen Geist empfangen beschworen haben. Wenn diese Lehren der Wahrheit entsprechen, dann sollten sie von unseren Kirchen und Lehrstaetten klar und mit grossem Freimut gelehrt und verteidigt werden. Ehrlichkeit ist nicht nur im Handel und in der Wirtschaft wichtig, sondern auch in der Politik und der Theologie -- in jeder Denomination. Ein Diener der Presbyterianischen Kirche ist kein freischaffender Kuenstler, sondern ein Presbyter, der sich diesem System versprochen hat. Wer diese Lehren verleugnen, handeln gegen seinen Schwur; er sollte sich auf die Seite derjenigen Denominationen schlagen, die seine Ansichten teilen. Es hat auch kein Kirchendiener das Recht, jene Ehren und Belohnungen entgegenzunehmen, die ein aeusserliches Anerkennen eines Glaubensbekenntnisses mit sich bringen mag, zu dem er nicht steht oder das er nicht selbst vertritt. >>Das Glaubensbekenntnis einer Kirche ist der feierliche Vertrag zwischen den Kirchenmitgliedern. Es stellt groessere Verpflichtung dar als ein Parteibuch. Die Verletzung des Vertrages ist unmoralisch, auch wenn einige Leute nicht so streng nehmen, wenn es um eine religioese Denomination geht; entstehen Spaltungen in einer Partei, wird nichts so vehement zur Diskussion gebracht wie dieser Zwietracht. Enstuende in der republikanischen Partei eine Splittergruppe, die auf eine Parteiprogrammaenderung aus ist, waehrend ihre Mitglieder in Amt und Wuerden bleiben und ihr Gehalt entgegennehmen, dabei ihre Interessen der Partei verpflichtet haben und versprochen haben, die fundamentalen Prinzipien zu respektieren, auf welche die Partei gegruendet ist und durch die sie sich von der demokratischen und anderen Parteien unterscheidet -- eine solche politische Ehrlosigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch alle Abteilungen der republikanischen Partei. Wenn solche Modernisierer vom Dienst suspendiert werden und aus der Partei ausgeschlossen wuerden, wenn der Schrei nach politischer Hetzjagd laut werden sollte, dann waere die einzige Antwort der Republikanischen Presse Spott. Wenn politische Untreue und Ehrlosigkeit unter dem Decknamen >liberal< den Zielen der Partei entgegen nach Toleranz schreien und dabei den Anspruch auf Weiterzahlung der Bezuege erheben, waehrend sie die Parteimassen aufwiegeln, dann heisst es kurz und schroff: Niemand wird gezwungen, der republikanischen Partei beizutreten oder in ihr zu verbleiben, doch wenn jemand beitreten will oder dabeibleiben will, dann hat er das Parteiprogramm ohne Weiteres zu akzeptieren und keinerlei Ausnahmen zu machen, sei es im Geheimen oder oeffentlich. Das Parteiprogramm der Republikaner gilt keiner anderen Partei, das wird wohl niemand bestreiten, aber dass ein calvinistisches Glaubensbekenntnis nur fuer Calvinisten da ist und niemand anderem gilt, scheinen einige zu bezweifeln. ... Entstuende in der demokratischen Partei eine Gruppe, die das eigene Parteiprogramm nach republikanischen Prinzipien und Massstaeben umschaffen will, dann sagte man ihnen, dass der Platz fuer ihre Ideen ausserhalb der Partei liegt. Das Recht dieser Gruppe auf eine alternative Sicht der Dinge wird damit nicht bestritten, sehr wohl aber das Recht, diese Sicht innerhalb der Partei zu verbreiten und damit der bestehenden Grundueberzeugung der demokratischen Partei das Wasser abzugraben. ... Den Unzufriedenen wuerde gesagt: >Wir koennen und wollen euch eure eigene Meinung nicht verbieten, aber ihr habt kein Recht, sie innerhalb unserer Organisation zu verbreiten.<<< [280] Calvinistische Gemeinden werden manchmal der Intoleranz bezichtigt, wenn sie Faelle verfolgen, in denen das kirchliche Glaubensbekenntnis verlassen wird. Wir bestreiten aber die Rechtmaessigkeit einer solchen Anklage; die Gemeinde handelt ja nur innerhalb ihrer eigenen Rechtsgrenzen, wenn sie verlangt, dass ihre Diener und Lehrer sich in ihrem Predigen und in ihrem Lehramt den denominationellen Normen unterwerfen. Diese Untersuchungen machen klar, weshalb viele von uns wenig Interesse an dem oekumenischen Bestreben haben, Kirchen mit den denkbar unterschiedlichsten Glaubensauffassungen zu vereinen. Wir glauben, dass das calvinistische Lehrgebaeude das einzige ist, was aus der Bibel hervorgeht und das vernuenftig verteidigt werden kann. Darueber hinaus ist es das stabilste; es ist das Lehrgebaeude mit dem besten Einfluss auf den Weg der Gerechtigkeit. Wer anderer Meinung ist, dem gestehen wir von Herzen zu, sich ein eigenes Urteil zu bilden; wir erfreuen uns aufrichtig ueber alles, was er erreichen mag. Wir freuen uns daran, dass auch andere theologische Systeme sich uns annaehern, doch koennen wir einer Verarmung der Lehre, wie wir sie aus der Schrift erkennen, keineswegs zustimmen. Sollte eine Einheit der Kirchen herbeigefuehrt werden, die den Calvinismus als das System deklariert, das die Bibel lehrt, so haetten wir grosse Freude daran, beizutreten, doch wir glauben, dass jedes Zugestaendnis, auch nur einen kleinen Teil unserer Forderung zurueckzunehmen, bedeuten wuerde, dass wir die ganze lebendige Wahrheit aufgeben muessten und dass alles, was vage genug ist, den Calvinismus mitsamt anderen theologischen Richtungen in sich aufzunehmen, nicht wert ist, propagiert zu werden. Wir glauben, dass der oberflaechliche Vorteil, den die hohe Mitgliederzahl dieser Union mit sich braechte, nur wenig waere im Vergleich mit der geistlichen Dissonanz, die unweigerlich daraus folgte. Daher wuenschen wir, solange in der Presbyterianischen Kirche zu verbleiben, bis die Lehren des reformierten Glaubens, die nichts als die Lehren des Wortes Gottes sind, auch die Lehren einer universellen Kirche sind. Diese Lehren, die jetzt so wenig beachtet werden oder die man mittlerweile vergessen oder bekaempft hat, haben alle Reformatoren geglaubt und gepredigt; sie sind spaeter in Glaubensbekenntnisse, Katechismen und Artikel gefasst worden und waren Teil der protestantischen Kirche. Jeder, der die Druckerzeugnisse und Predigtmitschnitte von heute mit denen der Reformationszeit vergleicht, wird sofort den inneren Widerspruch und die feindliche Unversoehnlichkeit der beiden erkennen. __________________________________________________________________ [279] Pres. Ch. U. S. A., Form of Government, XIII.IV; XV.XII. [280] Shedd, Calvinism, Pure and Mixed, S. 160. __________________________________________________________________ 9) Die presbyterianische Kirche ist wahrhaftig klar und tolerant Waehrend die Presbyterianische Kirche die Lehre in hervorragender Weise betont, hat sie von jenen, die ihr beitreten moechten, niemals verlangt, all ihre Normen zu akzeptieren. Ein glaubhaftes Bekenntnis des Glaubens an Christus ist die einzige Bedingung fuer eine Mitgliedschaft. Von ihren Dienern und Aeltesten verlangt sie ein Bekenntnis zum Calvinismus, niemals aber von Laienmitgliedern. Als Calvinisten freuen wir uns ueber jeden Mitchristen, der auf Christus als seinen Erloesungsgrund vertraut, egal wie inkonsistent sein uebriger Glaube sein mag. Wir glauben aber, dass der Calvinismus das einzige Lehrgebaeude ist, das die ganze Wahrheit umspannt. Waehrend man Christ sein kann, ohne der ganzen Bibel zu glauben, ist ein solches Christentum doch unproportional und unvollkommen, insoweit man ja an manchen Stellen vom biblischen Lehrsystem abweicht. Dazu hat Prof. F. E. Hamilton sehr schoen gesagt: >>Ein blinder Taubstummer kann aufgrund seiner uebrigen Sinne freilich einiges von seiner Umwelt wissen, doch ein solches Wissen muss unvollkommen und ungenau bleiben. In gleicher Weise kann ein Christ, der ueber die tiefsinnigeren Lehren der Bibel in Unkenntnis bleibt, die der Calvinismus verkoerpert, sehr wohl ein Christ sein, doch bleibt sein Christsein unvollkommen; es sollte die Aufgabe derer sein, die die ganze Wahrheit kennen, ihn in jenes Warenhaus zu bringen, in dem alle Reichtuemer des Christentums untergebracht sind.<< [281] Dr. Craig sagte einmal: >>Der Calvinist unterscheidet sich von anderen Christen in seinem Christsein nicht in seiner Qualitaet, sondern graduell, etwa wie ein mehr oder weniger gutes Exemplar sich von einem mehr oder weniger schlechtem Exemplar unterscheidet.<< Auf dem Wege in den Himmel befinden sich ja freilich nicht nur Calvinisten, doch einmal dort angelangt, werden wir es alle sein. Es ist unsere feste Ueberzeugung, dass jede erloeste Seele im Himmel durch und durch "calvinistisch" sein wird. Im Allgemeinen werden die Christen zugeben, dass wenn wir >>alle zur Einheit im Glauben gelangen<< (Eph 4, 13) und die Vollkommenheit erreichen, wir dann alle entweder Calvinisten oder Arminianer sein werden. Es darf nie vergessen werden, dass der Calvinismus mehrere Merkmale enthaelt, die ihn vom Arminianismus unterscheiden. Die grossen Lehren von der Dreieinigkeit, der Gottheit Christi, der Wunder, der Suehne, der Auferstehung, der Inspiration der Schrift usw. sind das Band, das die evangelische Christenheit umspannt. Zur Veranschaulichung des klaren und toleranten Wesens der Presbyterianischen Kirche ergreife ich das Vorrecht, einen laengeren Abschnitt aus dem bewundernswerten Buechlein "The Creed of Presbyterians" von Dr. E. W. Smith zu zitieren -- das Buechlein erreichte immerhin eine Auflage von 50.000 Stueck: >>Die Toleranz des Presbyterianismus, seine Grosszuegigkeit im Denken und Fuehlen, seine Ablehnung jeglicher sektiererischer Engstirnigkeit und Bigotterie -- diese Wesenszuege kroenen sein Wesen. ... Diese Toleranz ist aber kein Zeugnis blosser Ruehrseligkeit; sie ist weder Sache einzelner Bekenntnisse oder der Verfassung, sondern wurzelt im Glaubensbekenntnis. Sie ist Teil der Lehraussagen und ist in der Lehre verkoerpert. >Die sichtbare Kirche< sagt unser Glaubensbekenntnis, >besteht aus all denjenigen in aller Welt, die den wahren Glauben bekennen, und aus deren Kindern< (WB, Art. 25.2). Daher haben wir seit jeher den Ausdruck >die< Kirche abgelehnt; wir beanspruchen einzig, eine Kirche Jesu Christi genannt zu werden. Unsere Normen denunzieren die Sichtweisen unserer Schwesterkirchen nicht; sie sind sogar die einzigen, die auch andere evangelische Gemeinden als wahre Zweige der Gemeinde Jesu Christi gelten lassen. [282] Der >Gemeinschaft der Heiligen< widmet unser Glaubensbekenntnis ein ganzes Kapitel. [283] Es heisst dort: >Die sich als Heilige bekennen, sind verpflichtet, in der Verehrung Gottes und in der Erfuellung jener geistlichen Dienste, die auf ihre gegenseitige Erbauung hinauslaufen, eine heilige Gemeinschaft und bruederlichen Umgang miteinander zu pflegen. Ebenso sind sie verpflichtet, einander in aeusseren Dingen ihren unterschiedlichen Faehigkeiten und Beduerfnissen entsprechend zu helfen. Wenn Gott Gelegenheit dazu gibt, soll diese Gemeinschaft auf all diejenigen ausgedehnt werden, die an allen Orten den Namen des Herrn Jesus anrufen.< Die Allgemeinheit unserer Normen findet in der presbyterianischen Haltung gegenueber ihren evangelischen Schwesterkirchen ihren schoensten Ausdruck. Waehrend einige evangelische Gemeinden alle anderen Gemeinden als nicht zur wahren Kirche gehoerend ausschliesst, ist ein solches Gebaren dem presbyterianischen Empfinden nicht nur verhasst, sondern der ganzen presbyterianischen Praxis fremd. Die Mitglieder und Diener anderer evangelikaler Gemeinden betrachten wir durchaus und in allem Respekt als gleichwertige Mitglieder und Diener der Kirche Christi. ... Waehrend einige Gemeinden ablehnen, Fremde am Abendmahl teilnehmen zu lassen, machen wir keinerlei Unterschiede. Wir entlassen Mitglieder gerne auch in baptistische Gemeinden, zu den Episkopalen oder auch in andere christliche Gemeinden, in der gleichen Weise, wie wir Mitglieder aus solchen Gemeinden auch bei uns selbst willkommen heissen. Einige evangelikale Denominationen leugnen die Gueltigkeit eines Amtes, das eine Schwesterkirche einem Diener Christi verliehen hat; wenn ein Diener Christi in eine solche Gemeinde wechselt, muss der eine neu ordiniert werden, der andere sogar neu getauft werden. Ein solches Gebaren ist dem presbyterianischen Geist fremd. Wir wiederholen solche Zeremonien nicht, sondern akzeptieren die Gueltigkeit eines verliehenen Amtes; sie gilt uns gleich, als haetten wir selbst den Diener ordiniert. Waehrend einige Gemeinden Predigern aus Schwestergemeinden die Kanzel verweigern und ihnen auch die Assistenz bei Zeremonien nicht gestatten, schliessen wir niemand von diesen Diensten aus. Ein solches Gebaren ist dem Herzen und dem Verhalten des presbyterianischen Herzen fremd. Wir sind frei, Baptisten, Episkopale und andere evangelische Diener des Wortes zur Verkuendigung oder auch zur Assistenz bei Zeremonien wie beim Abendmahl herzlich willkommen zu heissen, genau so wie wir es in unseren eigenen Reihen halten. Wir schliessen keinen wahren Christen von der Kirche aus. Wir weisen auch keinen Dienst zurueck, und wir lehnen auch nicht die Art und Weise ab, wie andere Gemeinden ihre Zeremonien abhalten. Um Boeses mit Gutem zu vergelten, anerkennen wir andere Geistliche durchaus als Diener Christi, und wir nehmen von vorne herein an, dass jemand, der die Taufzeremonie leitet, selbst unter richtigen Umstaenden getauft worden ist. Dem >Amen< der Methodisten stimmen wir aus vollem Herzen zu; wir singen gerne mit jedermann Psalmen, der Jesus die Krone aufsetzt, und am allerliebsten laden wir jeden Christen, egal welchen Namens und welcher Konfession ein, mit uns am Erinnerungsmahl teilzunehmen, das zurueckblickt auf den gebrochenen Leib und das vergossene Blut unseres Herrn. Wir haben keine Vorurteile oder Eigenarten, hier gibt's keinen Haken welcher Art auch immer, jemandem unsere christliche Sympathie vorzuenthalten oder einen Graben zwischen uns und anderen Dienern unseres Herrn zu setzen. Unsere Allgemeinheit umspannt das gesamte evangelische Christentum.<< [284] Er fuegt diesen Worten hinzu: >>Die Toleranz der Presbyterianischen Kirche hat jedoch eine Bedingung zur Mitgliedschaft. Sie verlangt von einem Anwaerter auf Mitgliedschaft fuer die Aufnahme nichts als ein Bekenntnis, das nicht im Widerspruch steht mit seinem Leben; ein Bekenntnis, in dem er Jesus Christus seinen Herrn nennt. Er muss nicht Calvinist sein, sondern Christ. Er wird nicht auf seine Rechtglaeubigkeit untersucht, sondern nur, ob er >den Glauben an Christus und den Gehorsam gegen ihn bekennt< (WB, 28.4). Seine Ansichten bezueglich der Dreieinigkeit moegen unvollkommen sein, er mag die Kindertaufe infrage stellen, auch die Erwaehlung und die Bewahrung vor dem Abfall -- wenn er Christus als seinem persoenlichen Erloeser und Herrn vertraut und gehorcht, dann steht ihm das Tor der Presbyterianischen Kirche offen, und er darf die Privilegien dieser Gemeinschaft mit uns teilen. ... Wenn andere Gemeinden andere Bedingungen fuer eine Mitgliedschaft stellen als die des Errettetseins, dann machen sie sich schuldig, den Menschen den Zugang zur Kirche schwerer zu machen als den Eingang in das Himmelreich. Einer solchen ekklesialen Zwangsherrschaft und Exklusivitaet verschliesst sich die Presbyterianische Kirche von vornherein; sie steht geradezu in aeusserstem Kontrast dazu. Ihre Normen verlangen den einfachen Glauben an Christus, der uns als Gottes Familie kennzeichnet; >jene also, die ein Bekenntnis des Glaubens an Christus abgelegt haben, haben auch Anspruch auf alle Privilegien, die die Kirche gewaehrt<(Ch. Order, III, 3). Mit dieser deutlichen und schoenen Geste der Allgemeinheit sind die Tore unseres presbyterianischen Zion allen Kindern Gottes so weit geoeffnet wie die Tore des Himmels selbst.<< [285] Nachdem Dr. Smith erklaert hat, dass Presbyterianer und Reformierte die groesste Familie der protestantischen Welt ausmachen, stellt er wortgewandt die missionarischen Errungenschaften dieser Familie ins Licht: >>Noch umfassender und stattlicher als die Mitgliederzahl ist die weltweite Groesse des presbyterianischen Reiches. Waehrend die Mitglieder der anderen protestantischen Gemeinschaft mehr oder weniger in einzelnen Laendern konzentriert sind -- etwa die Lutheraner Deutschlandes, die Episkopalisten Englandes, die Methodisten und Baptisten der Vereinigen Staaten --, umgreift die Presbyteriansichen Kirche Laender aus aller Welt. In diesem Moment dehnt sich ihr Erfolg in allen Kontinenten aus: Sie erreicht mehr Nationen, Voelker und Sprachen als jede andere evangelische Gemeinschaft der Welt. Die europaeischen Zeugen dafuer sind die reformierten Kirchen Oesterreichs, Boehmens, Maehrens, Galiziens, Ungarns, Belgiens, Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Griechenlands, Hollands, Russlands, Spaniens und die reformierte Kirche in der Schweiz. Sie ist auch in Afrika fruchtbar verwurzelt, in Australien, Asien, Grossbritannien, in Nordamerika, Suedamerika, im Westen Indiens, in Neuseeland und in Melanesien -- das Volk dieses Glaubens umspannt die ganze Erde. Der Presbyterianismus verfuegt ueber eine Anpassungskraft, der keine andere Glaubensgemeinschaft Gleichwertiges entgegenbringen kann. Sie hat reichlich Missionare, Evangelisten, Herausgeber, Autoren, Erzieher und Politiker hervorgebracht; aus ihrem reichen geistlichen Leben stroemen maechtige Kraefte christlicher Missionstaetigkeit aus aller Herren Laender.<< [286] __________________________________________________________________ [281] Quelle nicht angegeben [282] Book of Church Order, Chap. II, sec. II, par. II. [283] WB, 26.2 [284] Smith, The Creed of Presbyterians, S. 189-193. [285] Ebd., S. 199f. [286] Ebd., S. 211. __________________________________________________________________ 10) Die Gruende fuer die gegenwaertige Unterdrueckung des Calvinismus Welche Gruende sollen wir zur Erklaerung der gegenwaertigen Abtruennigkeit vom Calvinismus anfuehren? Es wird niemand bestreiten, dass der Stern der gefeierten >>Fuenf Punkte<< heute laengst nicht mehr so strahlt wie ehemals. Wenn wir die Entwicklung des gegenwaertigen Denkens betrachten, muessen wir ganz offen zugeben: Die gluecklichen Tage des Calvinismus sind vorbei; wo er einst bluehte, ist er beinahe verschwunden. Es gibt beinahe keinen >>kompromisslosen Calvinisten<< mehr unter den anerkannten Theologen, weder in Frankreich, der Schweiz oder auch in Deutschland, wo der Calvinismus sich einst in solcher Groesse zeigte. In England ist er praktisch verschwunden. In Amerika gibt es keine groessere Kirche mehr, die das calvinistische Erbe unwidersprochen verteidigt. Schottland darf sich gluecklich schaetzen, dass dort mitten unter stagnierenden Grosskirchen diese heldenhaft freie Kirche immer noch ihre Stimme erhebt; die grosse Freikirche >>Gereformeerde Kerken<< verkoerpert den Calvinismus in reinster Form mitten in einer modernen Welt -- eine Kirche, die die christliche Religion kompromisslos hochhaelt, und das auf der Basis der Heiligen Schriften und des reformierten Glaubens. Die Geschichte zeigt uns aber recht deutlich, dass auf Perioden geistlicher Fruchtbarkeit oft Zeiten geistlichen Niedergangs folgen. Wir glauben dennoch an die Unbesiegbarkeit des Glaubens. Stuerzende Wahrheit wird immer sich erheben; die endlosen Jahre Gottes sind ihrer. Dass der Calvinismus viele Feinde hat, ist nicht weiter verwunderlich. Solange es heisst: >>Der irdisch gesinnte Mensch erfasst nicht, was vom Geist Gottes kommt. Ihm erscheint es toericht. Er kann es nicht begreifen, weil es geistig beurteilt sein will<< (1 Kor 2,14), so lange wird er dem natuerlichen Menschen auch als fremdartiges, ja toerichtes System erscheinen. Und solange die menschliche Natur als Gefallene existiert, so lange auch das Dekret steht, dass Christus selbst >>zum Stein des Anstosses, zum Fels des Aergernisses<< (1 Petr 2,8) gesetzt ist, sind diese Dinge vielen Menschen ein Affront. Es ist auch nicht verwunderlich, dass jener unsterbliche Schweizer Reformator, der berufen war, diese Lehren zu entwickeln und zu verteidigen, auf der einen Seite leidenschaftlich geliebt und bewundert wurde, auf der anderen Seite unter allen bedeutenden Maennern der Kirche wohl der meistgehasste war. Da der Glaube und die Umkehr ganz spezielle Gaben Gottes sind, sollten wir ueber den Unglauben der Welt auch wahrlich nicht verwundert sein; auch der weiseste und scharfsinnigste unter den Menschen kann nicht glauben, wenn es ihm nicht gegeben wird. Sehr passend heisst es: >>Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. Es steht ja geschrieben: >Er laesst die Weisen in ihrer Schlauheit sich verfangen.< Und ferner: >Der Herr erkennt die Gedanken der Weisen: Sie sind nichtig.< Darum ruehme sich niemand eines Menschen<< (1 Kor 3,19f.). Gottes Wille ist's, wenn ein Mensch zum Glauben kommt -- das Evangelium dringt wohl ins Ohr, doch das ist voellig vergeblich, wenn es Gott nicht gefaellt, das Herz eines Menschen zu beruehren. Die Welt hat den Calvinismus immer schon bekaempft. Wie koennte es auch anders sein, wenn die Natur des Menschen in Feindschaft und Krieg steht demjenigen gegenueber, der sie geschaffen hat? Es steht nicht zu erwarten, dass Gottes Weisheit mit der Torheit des Menschen einmal zusammenstimmt. Gott ist der allweise, der allheilige Herrscher; der Mensch steht dem als suendenbeladener Rebell entgegen: Er will keinen Herrscher ueber sich haben, und schon gar keinen absoluten. Da die Feindschaft des menschlichen Herzens den unverwechselbaren Lehren vom Kreuz gegenueber schon immer riesig war, werden Systeme wie Pelagianimus oder Naturalismus, die die Erloesung durch menschliches Handeln propagieren oder auch ein System wie der Arminianismus, der die Erloesung durch das Zusammenwirken der Gnade Gottes mit menschlichem Handeln behauptet, dem unbekehrten Herzen stets willkommener sein. Wenn das Evangelium dem natuerlichen Menschen geniessbarer gemacht wird, dann ist es nicht mehr das Evangelium, das ein Paulus verkuendet hat. Es ist der Erwaehnung wert, dass die Verkuendigung des Paulus in beinahe jeder Stadt zu Aufruhr oder zu Erweckung gefuehrt hat, nicht selten zu beidem. McFetridge sagt: >>Mag auch der Calvinismus in einigen Gegenden unbeliebt sein, was kuemmert uns das? Er kann nicht unbeliebter sein als jene Lehren von Suende und Gnade, wie sie im Neuen Testament offenbart worden sind.<< [287] Ein anderer Grund fuer den heutigen Niedergang des Calvinismus ist in seiner grossen Betonung des Uebernatuerlichen zu suchen. Der Calvinismus hat in allen Dingen von Ewigkeit zu Ewigkeit immer schon Gott gesehen. Seine Hand sieht er in allen Erscheinungen von Natur und Geschichte. Sein Plan liegt allen Ereignissen zugrunde. Wir leben aber heute in einer Zeit, die das Uebernatuerliche mehr und mehr ablehnt, daher ist sie dem Calvinismus auch spinnefeind. Heute glaubt man an die Naturwissenschaften, an die Vernunft und an das, was man sehen kann. Selbst im gegenwaertigen Christentum geht die Tendenz dahin, in der Bibel ein bloss menschliches Produkt zu sehen und Christus einen guten Mann sein zu lassen. Der Modernismus ist in seiner stimmigen Form durchaus Naturalismus und Selbsterloesung, und damit ist er die Antithesis zum Calvinismus. Heute sagt man zu Gott >>Finger weg!<< -- da kann es nicht verwundern, dass ein System, das die Uebernatuerlichkeit so betont, auch dermassen unpopulaer ist. Wir brauchen auch nicht ueberrascht zu sein, wenn die Mitglieder der eigenen Kirche, die an diese Lehren glauben, in der Minderheit sind. Wahrheit oder Irrtum der biblischen Lehre kann nicht der allgemeinen Zustimmung ueberlassen sein. B. B. Warfield, dieser Gigant in Wort und Tat, hat die Haltung analysiert, wie sie die Welt in den letzten Jahren dem Calvinismus gegenueber eingenommen hat. Nachdem er den Calvinismus als >>zu seinem Recht gekommenen Theismus<< oder auch als >>Religion auf hoechster gedanklicher Ebene<< und als >>evangelisch in reinster Form und dauerhaftester Praegung<< bezeichnet hatte, fuegt er hinzu: >>Man bedenke den Stolz des Menschen, die Ueberzeugung seiner Freiheit, das Sich-bruesten von Macht und der Ablehnung gegenueber dem Einfluss alles anderen; man bedenke auch das tief verwurzelte Vertrauen des Suenders in seine eigene gute Natur und seine Ueberzeugung, alles, was von ihm verlangt ist, von sich aus leisten zu koennen. Es ist gar nicht seltsam, dass es gerade in dieser Weltzeit schwer geworden ist, die aktive, lebhafte und vorherrschende Wahrnehmung der alles bestimmenden Hand Gottes zu sehen, die voellige Abhaengigkeit von Gott, die Ueberzeugung von der voelligen Unfaehigkeit des Menschen, auch nur das Kleinste tun zu koennen, um sich selbst von eigener Suende zu erloesen -- sollte man da behaupten, das Denken sei zu seiner Hoehe gekommen? Ist es nicht genug, nachzuweisen, unter welchem Druck der Calvinismus heutzutage steht, -- in diesem materialistischen Zeitalter, das sich seiner erst kuerzlich erworbenen Macht ueber die Kraefte der Natur bruestet und stolz ist auf seinen Wohlstand -- um auf die natuerlichen Schwierigkeiten hinzuweisen; in allem der vollkommenen Hand Gottes gewahr zu sein, uns unserer Abhaengigkeit von einer hoeheren Macht voll und ganz bewusst zu werden, nie zu vergessen, wie suendig wir sind, wie wertlos und vollkommen hilflos? Besteht nicht die Krise des Calvinismus, sofern sie ueberhaupt eine ist, darin, dass unser Zeitalter die Erkenntnis Gottes ueber allen menschlichen Triumphen verdunkelt hat, dass das religioese Empfinden nicht weiter die bestimmende Kraft in unserem Leben ist, dass die evangelische Wahrheit der voelligen Gewissheit der Abhaengigkeit von Gott auch in der Heilsfrage dem Menschen nicht mehr laenger attraktiv erscheint, der gewohnt ist, sich gewaltsam zu nehmen, was immer er will und der nicht begreifen will, dass er den Himmel nicht erlangen kann?<< [288] Es gibt allerdings keinen Grund zur Entmutigung fuer den Calvinisten. Die Vernachlaessigung des Glaubens zugunsten sozialer Belange (worunter allerdings die Lehre leiden muss) hat viele Menschen in die Kirche gebracht, die ihr zu anderen Zeiten ferngeblieben waeren. Der Umstand alleine, dass die Calvinisten in den Versammlungen kaum wo auffallen, sagt ueber sinkende Zahlen nichts aus. >>Vielleicht gibt es heute mehr Calvinisten als je zuvor<<, sagt Dr. Warfield. >>Die bekennenden calvinistischen Gemeinden haben unzweifelhaft viele davon. Innerhalb des modernen Denkens entstehen Denkansaetze, die dem calvinistischen Denken sehr zustatten kommen. Ueberall finden sich demuetige Seelen, die in der Stille ihres Herzens die richtige Vorstellung von Gottes Heiligkeit erfasst haben und in ihrem Herzen die lebendige Flamme voelliger Gott-Abhaengigkeit unterhalten, welche das wahre Wesen des Calvinismus ausmacht. ... Ich bin davon ueberzeugt, dass der Calvninismus, einst die Sehne der evangelischen Christenheit, auch heute noch die volle Kraft behalten hat und voll guter Hoffnung in die Zukunft blicken kann.<< [289] In Uebereinstimmung dazu sagt Dr. F. W. Loetscher: >>Dieses Zeitalter muss angesichts seines Wissensstands bestuerzt sein; es missachtet die Erkenntnisse der Antike, verschmaeht Glaubensbekenntnisse und Dogmen, ist intolerant gegenueber goettlicher und menschlicher Autoritaet; es ertrinkt in allerlei atheistischen, naturwissenschaftlichen Stroemungen und pantheistischen Entwicklungen. Kein Wunder, dass unser Zeitalter seine staerksten Waffen ausgerechnet gegen den Calvinismus ins Feld fuehrt, war doch der Calvinismus immer jene Religionsgemeinschaft, die die uebernatuerliche Offenbarung am staerksten betont hat und auch die Erloesung von hoechster Seite hat ausgehen lassen. Noch vor nur einer Generation hat Professor Henry B. Smith prophezeit: 'Eines ist sicher: die unglaeubige Wissenschaft wird alles in den Schmutz ziehen, was christliche Rechtglaeubigkeit heisst.' Wir wollen dieser Herausforderung mit groesstem Ernst begegnen. Wir duerfen -- nebenbei gesagt -- guten Mutes sein, denn sowenig auch der suendige Mensch den letzten Rest der Empfindung von der Existenz Gottes je verlieren kann, wird auch der Calvinismus nicht von der Erde verschwinden, wie auch der Allmaechtige den Thron seiner universalen Herrschaft nicht aufgeben wird.<< [290] James Anthony Froude, jener hervorragende Professor fuer Kirchengeschichte an der Universitaet Oxford, hat ueber die zunehmende Leblosigkeit des Christentums in unseren Tagen gesagt: >>Dies war nicht die Religion unserer Vaeter; dies ist nicht der Calvinismus von einst, der geistliche Finsternis ueberwand und Koenige von ihren Thronen geschleudert hat, der England und Schottland -- wenigstens fuer eine Zeit lang -- von Luege und Scharlatanerie gesaeubert hat. Der Geist des Calvinismus wendet sich gegen den Geist der Unwahrheit, jenen Geist, der, wie ich gezeigt habe, immer wieder in Erscheinung getreten ist und auch wiederkehren wird, solange sich nicht herausstellt, dass die Sache mit Gott nur Einbildung war und der Mensch vergeht wie das Tier.<< [291] Ich selbst bin in keiner calvinistischen Kirche aufgewachsen. Ich erinnere mich dagegen sehr genau, wie revolutionaer mir diese Lehren erschienen waren, als ich das erste mal mit ihnen in Kontakt kam. Es war waehrend eines Weihnachtsurlaubes, als ich den ersten Band der >>Systematischen Theologie<< von Charles Hodge in die Haende bekam. Er enthaelt ein Kapitel ueber die >>Ratschluesse Gottes<<. Darin sind diese Lehren mit einer solch zwingenden Logik dargelegt, dass ich nicht laenger an ihnen zweifeln konnte. Ich bin in gewissem Sinne stolz darauf, dass ich das Verstaendnis fuer diese Lehren erst nach einer Zeit geistlicher und mentaler Kaempfe erlangt habe. Ich habe daher grosses Verstaendnis fuer all jene, die dazu berufen sind, aehnliches durchzumachen. Ich erinnere mich an das Opfer, das zu bringen war: Ich musste die Gemeinde meiner Jugend verlassen, da es mir unmoeglich erschien, in einer Gemeinde zu verbleiben, die nicht wenige Irrtuemer lehrte. Die meisten meiner engsten Angehoerigen und Freude gehoeren dieser Gemeinde an; vielleicht wird man mir auch verzeihen, wenn ich ein wenig Intoleranz an den Tag lege gegenueber jedem >>geborenen Presbyterianer<<, der zwar Mitglied seiner Gemeinde bleibt, obwohl er sich offen gegen diese Lehren wendet. __________________________________________________________________ [287] Quelle nicht angegeben [288] Warfield in Christianity Today; S. 7, Jahr nicht angegeben. [289] Warfield, The Theology of Calvin, S. 8. [290] Quelle nicht angegeben [291] Quelle nicht angegeben __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ Kapitel XXVIII __________________________________________________________________ Zur Geschichte des Calvinismus __________________________________________________________________ 1) Vor der Reformation Es mag einige ueberraschen: Die Praedestinationslehre war erst am Ende des vierten Jahrhunderts Gegenstand der Untersuchung. Die fruehen Kirchenvaeter hatten den Schwerpunkt noch auf gute Werke als Basis der Erloesung gelegt, auf Glauben, Reue, Almosengeben, Gebet und Taufe. Zwar lehrten sie, dass die Erloesung durch Christus erlangt wird, doch sie unterstellten, dass der Mensch ueber Annahme oder Ablehnung des Evangeliums selber entscheide. Einige ihrer Schriften enthalten wohl Passagen, die die Allherrschaft Gottes konstatieren, doch gleichzeitig behaupteten sie die Freiheit des menschlichen Willens. Da sie beides nicht vereinen konnten, haetten sie die Lehre von der Praedestination abgelehnt, und vielleicht sogar die Lehre von Gottes Voraussicht. Sie lehrten eine Art Zusammenwirken von Gnade und freiem Willen. Es ist dem Menschen immer schon schwer gefallen, die Idee fallen zu lassen, dass man zur eigenen Erloesung moeglicherweise gar nichts beitragen kann. Erst im Laufe der Zeit entdeckte man die Wahrheit: Die Erloesung ist die freie Gabe Gottes, der sie ungeachtet menschlicher Verdienste gewaehrt. Dieses Geschenk steht von Ewigkeit her fest. Gott allein ist der Urheber des Geschenks und auch all seiner Verguenstigungen. Diese kapitale Wahrheit hat erst Augustinus klar gesehen, jener geisterfuellte Theologe des Westroemischen Reiches. In seinen Lehren von Suende und Gnade ging er weit ueber die Ansichten damaliger Zeitgenossen hinaus: Er lehrte die Gnadenwahl (die unbedingte Erwaehlung) und beschraenkte die Absicht der Erloesung auf den Kreis der Erwaehlten. Kein Kenner der Kirchengeschichte wird die Groesse Augustins leugnen -- seine Werke haben der gesunden Lehre zu mehr Ansehen verholfen und zur Wiederbelebung der Religion mehr beigetragen als irgend jemand sonst zwischen Paulus und Luther. Vor den Tagen Augustins hatte man mehr mit der Bekaempfung von Irrlehren und der Abweisung heidnischer Angriffe innerhalb der Kirche zu tun -- umso weniger Zeit hatte man daher auch, die Theologie in ein System zu bringen. Die Praedestinationslehre wurde schon deshalb sehr vernachlaessigt, weil sie immer in Gefahr gestanden hatte, mit der heidnischen Lehre des Fatalismus verwechselt zu werden, wie diese im gesamten roemischen Reich kursierte. Als sich im vierten Jahrhundert die Wellen glaetteten, war die Aera einer neuen Theologie eingeleitet; man achtete verstaerkt auf die Lehrverkuendigung. Augustinus entwickelte seine Lehren von Suende und Gnade teilweise vor dem Hintergrund persoenlicher Erfahrung und aus der Notwendigkeit heraus, die Irrlehren des Pelagius zu widerlegen, der lehrte, dass der Mensch in seinem natuerlichen Zustand sehr wohl in der Lage sei, sich die Erloesung zu erwirken. Pelagius war der Ansicht, dass Adams Fall nur wenig Auswirkung auf die menschliche Rasse hatte, ausser eben, dass er ein schlechtes Beispiel abgab, das nun von jedem Menschen wiederholt wuerde. Weiters war er der Ansicht, das Leben Christi habe hauptsaechlich Vorbildwirkung; sein Tod habe nur wenig mehr bedeutet als der Tod jedes christlichen Maertyrers; ueberdies werde der Mensch von keiner goettlichen Vorsehung geleitet. Die Ansichten Augustinus traten dieser Ansicht entschieden entgegen: Augustinus lehrte, dass in Adam die ganze Menschheit gefallen sei und daher alle Menschen von Natur aus verderbt und geistlich tot sind. Der Wille des Menschen ist frei zu suendigen, aber nicht frei, das zu tun, was Gott gefaellt. Christus litt stellvertretend fuer sein Volk. Gott erwaehlt, wen er erwaehlt, ganz seinem freien Willen gemaess und ohne dabei menschliche Verdienste zu beruecksichtigen. Die rettende Gnade wird dem Menschen vom Heiligen Geist eingestiftet. Damit war Augustin der erste, der Paulus hier richtig interpretierte. Seinem Erfolg ist es zuzuschreiben, dass die Kirche Christi diese Lehre annahm. Augustinus hierin zu folgen bedeutete damals nicht Fortschritt, sondern Rueckschritt! Die Menschen waren in tiefe Unwissenheit gesunken. Die Kirche wurde zum Ritual, die Erloesung schrieb man dem Wirken der Kirche zu. Ein System der Verdienste wuchs heran, das seinen Hoehepunkt im Ablasshandel erreichte. Das Papsttum kam nach und nach zu immer groesserer Macht, nicht nur kirchlicher, sondern auch politischer. Die Moral sank in ganz Europa auf ein unertraegliches Niveau. Sogar der Priesterstand war von Korruption zerfressen; die Suenden und Laster, die Paepste wie Johannes XXIII. und Alexander VI. beschmutzten, sind beispielhaft fuer den Tiefststand der Moral. Die Praedestinationslehre war in der Zeit von Augustin bis zur Reformation beinahe vergessen worden. Nur zwei Namen sollen an dieser Stelle erwaehnt werden: Gottschalk, der fuer das Verkuenden der Praedestinationslehre verurteilt und eingesperrt wurde und Wycliffe, der >>Morgenstern der Reformation<<, der in England lebte. Wycliffe war ein Reformator calvinistischer Praegung; er betonte die absolute Souveraenitaet Gottes und die Vorherbestimmung aller Dinge. Sein Glaubenssystem war dem sehr aehnlich, das spaeter Luther und Calvin lehren sollten. Auch die Waldenser muessen erwaehnt werden; sie waren in gewissem Sinne >>Calvinisten<< vor der Reformation; die Praedestination zaehlte zu einer ihrer Dogmen. __________________________________________________________________ 2) Die Reformation Die Reformation war die wesenhafte Erneuerung des Augustinianismus; durch sie fand die evangelische Christenheit wieder zu sich. Man erinnere sich: Luther, der erste Fuehrer der Reformation, war ein Augustinermoench -- und nicht zuletzt diesem Umstand ist Luthers grosse Formel von der Rechtfertigung allein aus Glauben zu verdanken. Luther, Calvin, Zwingli und all die bedeutenden Reformatoren ihrer Zeit waren durch und durch Praedestinatianer. In seinem Hauptwerk >>Vom unfreien Willen<< stand Luther vehement fuer diese Lehre ein -- wie alle anderen Reformatoren auch. Melanchthon nannte die Praedestination in seinen fruehen Schriften das fundamentale Prinzip des Christentums. Spaeter sollte er seine Meinung dann zugunsten eines Synergismus von Glaube und Werk revidieren, nach dem Gott und Mensch im Prozess der Erloesung zusammenwirken. Somit wurde die Position der lutherischen Kirche allmaehlich untergraben. Spaetere Lutheraner verabschiedeten diese Lehre dann in ihrer calvinistischen Form und gingen zu einer Lehre von universeller Gnade und Suehne ueber. Diese Lehre sollte dann zur offiziellen Lehre der lutherischen Kirche werden. In Bezug auf diese Lehre steht Luther zur lutherischen Kirche wie Augustin zur roemisch-katholischen Kirche: beides Haeretiker [292] von unantastbarer Autoritaet, wurden sie mehr bewundert als getadelt. Calvin baute stark auf das Fundament Luthers. Seine groessere Scharfsicht in Fragen der grundlegenden Prinzipien der Reformation praedestinierten ihn dafuer, jene Prinzipien auf breiter Basis zu entwickeln. Es ist zu bemerken, dass Luther sich auf die Erloesung allein aus Glauben eingeschossen hatte, diese allerdings aus einem mehr oder weniger subjektiven und anthropologischen Blickwinkel sah, waehrend Calvin die Betonung auf die unumschraenkte Herrschaft Gottes legte und damit ein objektiveres, >theologischeres< Prinzip verfolgte. Das Luthertum findet nach langer und schmerzvoller Suche die Erloesung und sonnt sich ab sofort in der Gegenwart Gottes, waehrend der Calvinismus sich an dieser Stelle noch nicht zufrieden gibt; er fragt, wie und weshalb Gott den Menschen ueberhaupt gerettet hat? Froude schreibt: >>Die lutherischen Versammlungen hatten sich dem Aberglauben nicht ganz entrissen. Der Kampf der Extreme liess sie schrumpfen. Ein halbes Mass jedoch bedeutete Halbherzigkeit: Die Ueberzeugungen waren unvollkommen, die Wahrheit hatte den Makel des Irrtums an sich. Ein halbes Mass war aber zu wenig, die Freudenfeuer Philips von Spanien zu daemmen oder Maenner in Frankreich und Schottland zu stellen, die dem Hause Lothringen ebenbuertig gewesen waeren. Die Reformatoren brauchten klarere Formulierungen und einen ernsthaften Fuehrer -- sie fanden diesen Anfuehrer in Johannes Calvin. ... Schwere Zeiten verlangen nach kraftvollen Maennern, nach Geistern, die es vermoegen, bis zu den Wurzeln zu gelangen, wo sich Wahrheit und Luege gegenueber stehen. Es steht schlecht um die Kaempfer des Glaubens, wenn 'das Verfluchte im Lager weilt. Man muss Calvin eines zugestehen: Niemand war in der Lage, mit so scharfem Verstand die Flecken im Glaubensbekenntnis der Kirche zu sehen wie er, auch ging kein anderer Reformator mit solchem Eifer zu Sache, auszureissen und zu vernichten, was als falsch erkannt wurde; niemand war so bemueht wie er, sich im Leben in allen Dingen von der Wahrheit regieren zu lassen.<< [293] Soweit das Zeugnis des beruehmten Historikers der Universitaet Oxford. Froude laesst keinen Zweifel an seiner negativen Einstellung gegenueber dem Calvinismus aufkommen, und er ist mitunter als Kritiker des Calvinismus bezeichnet worden. Diese Worte zeigen aber die vorurteilslose Sicht eines grossen Historikers, der mit grosser Gelehrsamkeit das System und jenen Mann betrachtet, dessen Namen es traegt. In einem anderen Zusammenhang sagt Froude einmal: >>Man hat die Calvinisten als untolerant bezeichnet. Die Intoleranz gegenueber einem Feind, der versucht, einen zu toeten, halte ich allerdings fuer einen entschuldbaren Geisteszustand. ... Die Katholiken haben entschieden, ihrem unglaubwuerdigen Glaubensbekenntnis einen weiteren Artikel hinzuzufuegen: dieser Artikel sollte ihnen das Recht einraeumen, Abweichler zu haengen und zu verbrennen. Die Calvinisten haben dagegen mit der Bibel in der Hand im Namen Gottes Einspruch erhoben. Es hat sie unsanfter gemacht, eifernder und -- wenn der Ausdruck gestattet ist -- fanatischer. Ihre Reaktion war nur natuerlich. Sie lebten, wie fromme Menschen oft leben: in Leid und Sorge, doch unter der allbestimmenden Vorsehung. Ihre Last wurde ihnen unter dem Bewusstsein leichter, dass Gott es so bestimmt hatte. Sie zogen jeden Mann in Westeuropa an, der 'der Luege feind' war. Sie wurden zerschlagen, erhoben sich aber immer wieder. Sie wurden zersplittert und zerrissen, doch keine Macht der Welt konnte sie einschmelzen. Nichts hassten sie mehr als Verlogenheit, Unreinheit und Laster aller Art, sowie sie ihnen begegneten. Was in England und Schottland heute noch an bewusster Ablehnung des Boesen existiert, ist dem Rest jener Ueberzeugungen zuzuschreiben, die der Calvinismus dem Menschen ins Gewissen brannte. Obgleich sie die roemische Religion nicht ueberwinden konnten (eine Lehrmeinung kann sich ja sehr lange halten), haben sie ihr die Klauen gezogen -- sie zwangen sie, ihr abscheuliches Prinzip aufzugeben, naemlich jene zu ermorden, die ihre Lehre ablehnten, ja, man muss sogar sagen, dass gerade dadurch, dass der Calvinismus Rom in dieser Sache beschaemt hat, er seine Wiederbelebung moeglich gemacht hat.<< [294] Die lutherische Kirche hat mit der roemischen Kirche nicht auf diese Weise gebrochen wie die Reformierten. Es ist sogar so, dass einige Lutheraner sich noch mit Stolz als >>gemaessigte Reformierte<< bezeichnen. Die Heilige Schrift galt als einzige und letzte Autoritaet allen Protestanten, nur die Lutheraner behielten vom alten System noch so viel bei, wie sie nicht entbehren mussten, waehrend die Reformierten dazu uebergangen, alles hinauszuwerfen, was nicht behalten werden musste. Was die Beziehungen zwischen Kirche und Staat anlangt, erlaubten die Lutheraner dem Staat nicht nur, die Kirche zu beeinflussen, sondern sogar, das Glaubenssystem selbst innerhalb seiner Grenzen zu bestimmen -- eine Tendenz, die direkt in die Staatskirche muenden musste --, waehrend die Reformierten schon sehr bald auf der Trennung von Kirche und Staat bestanden. Wie schon vorher gesagt, war die Reformation im Wesentlichen die Wiedergeburt des Augustinianismus. Die fruehen Lutheraner hatten in Bezug auf die Erbsuende, die Erwaehlung, die wirksame Gnade, das Beharren der Heiligen usw. noch die gleichen Anschauungen wie die Reformierten. Dies war der wahre Protestantismus. >>Der Grundsatz der absoluten Praedestination war die herkulische Macht der jungen Reformation, womit nicht nur in Deutschland die Schlangen des Aberglaubens und des Goetzendienstes erwuergt worden waren. Wenn dieser Grundsatz auch in seiner ersten Heimat seine Energie verloren hat, so blieb er doch Mark und Rueckgrat des reformierten Glaubens, jene Kraft, die diesen Glauben siegreich durch alle Kaempfe und Versuchungen getragen hat.<< [295] Rice sagt: >>Es spricht Baende fuer den Calvinismus, dass die beruehmteste Revolution der Kirchengeschichte seit den Tagen der Apostel, ja, die beruehmteste Revolution der ganzen Welt durch den Segen Gottes initiiert wurde, der auf ihren Lehren lag.<< [296] Es braucht nicht extra hervorgehoben werden, dass der Arminianimus als eigene Lehre in den Tagen der Reformation nicht existierte. Erst 1784, etwa 260 Jahre spaeter, ist er von einer organisierten Kirche verfochten worden. Genau wie im fuenften Jahrhundert gab es auch jetzt wieder zwei konkurrierende Systeme. Im fuenften Jahrhundert kannte man den Augustinianismus und den Pelagianismus, etwas spaeter kam es zum Kompromiss des Semi-Pelagianismus. Nach der Reformation gab es zwei Systeme: den Protestantismus und den roemischen Katholizismus. Und auch da wuchs eine Kompromissloesung hervor: der Arminianismus, den wir auch Semi-Pelagianismus nennen koennten. In beiden Faellen handelte es sich um zwei sich bekaempfende Systeme, die zu einem Kompromiss gefuehrt hatten. __________________________________________________________________ [292] Haeresie (von griechisch hai'resis, hairesis "Wahl, Auswahl") bedeutet im fruehchristlichen Griechisch Wahl des Glaubens (A. d. Ue.). [293] Froude, Calvinism, s. 42. [294] Ebd., S. 44. [295] Philip Schaff, History of the Reformation, S. 224. [296] Rice, God Sovereign and Man Free, S. 14. __________________________________________________________________ 3) England Blick auf die Geschichte Englands zeigt uns, dass es der Calvinismus war, der den Protestantismus in diesem Land zum Triumph fuehrte. Viele der fuehrenden Protestanten, die waehrend der Regentschaft Koenigin Marys nach Genf geflohen waren, erlangten nachmals unter Koenigin Elisabeth hohe Aemter in der Kirche. Unter ihnen befanden sich die Uebersetzer der Genfer Bibel, deren Herausgabe sich vielfach Calvin und Beza verdankt. Sie blieb die populaerste englische Uebersetzung -- bis in die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, als sie von der King James Version abgeloest wurde. Der Einfluss Calvins zeigt sich an den 39 Artikeln der anglikanischen Kirche, speziell im Artikel 17, der die Praedestinationslehre formuliert. Cunningham hat gezeigt, dass alle grossen Theologen der etablierten Kirche unter der Regentschaft Heinrichs VIII., Eduards VI. und Elisabeths durch und durch Praedestinatianer gewesen waren; der Arminianismus Lauds [297] und seiner Nachfolger stellte eine Abweichung von dieser Lehre dar. Wenn wir im England der damaligen Zeit echte Helden suchen, dann finden wir sie im erlauchten Kreis einiger englischer Calvinisten, die auf einer reineren Form der Anbetung und des gesamten Lebens insistierten und sich damit den Spottnamen >>Puritaner<< einfingen und die Macaulay als den >>vielleicht bemerkenswertesten Kreis von Maennern<< bezeichnet hat, >>den die Welt je hervorgebracht hat.<< Bancroft sagt: >>Der Protestantismus Englands verdankt sich den Puritanern.<< Smith berichtet: >>Die Bedeutung dieser Tatsache kann nicht ermessen werden. Der englische Protestantismus mit der Bibel in der Hand, mit seiner geistlichen und geistigen Freiheit hat nicht nur den Protestantismus der amerikanischen Kolonien hervorgebracht, sondern war der Same eines schnell wachsenden Volkes, das ueber drei Jahrhunderte die angelsaechsiche Sprache, ihre Religion und Institutionen in alle Welt getragen hat.<< [298] Cromwell, der grosse calvinistische Fuehrer und Buerger, stellte sich selbst auf den harten Felsen des Calvinismus und schaarte Soldaten um sich, die seinen Glauben teilten. Es ergab sich eine Armee, die an Reinheit und heroischem Idealismus noch nicht da gewesen war. >>Weder die britischen Inseln noch der Kontinent konnten ihren Angriffen standhalten<<, sagt Macaulay. >>Die Puritaner Englands, Schottlands, Irlands und Flanderns waren wohl oft in Schwierigkeiten, hatten manchmal gegen einen dreifachen Feind zu kaempfen, doch sie waren nicht nur siegreich, sondern sie brachen jeglichen Widerstand. Bald waren sie so weit, den Tag der Schlacht als Tag des Triumphes anzusehen und den beruehmtesten Bataillonen Europas mit todesverachtendem Vertrauen entgegenzutreten. Sogar die verbannten Reiter ueberfiel ein Anflug von Stolz, wenn sie eine Brigade Landsmaenner sahen, die ihrem Feind zahlenmaessig unterlegen und von Freunden verlassen war. Eine Kopflaenge vorausreitend, schlugen sie die beste Infanterie Spaniens in die Flucht und rissen eine Luecke in die Reihen der Spanier, die selbst die besten Generaele Frankreichs fuer undurchdringlich hielten. ... Was die Armeen Cromwells von anderen Armeen unterschied, war strengste Moral und Gottesfurcht in den Reihen der Soldaten. Selbst die strebsamsten Royalisten gaben zu, in ihren Reihen weder Schwuere gehoert noch jemals Trunkenheit oder Spiel gesehen zu haben. Waehrend der ganzen Dienstzeit war das Privateigentum der Buerger und die Ehre der Frau den Soldaten tabu. Kein Dienstmaedchen hat sich je ueber Belaestigungen der Rothemden beschwert. Auch nicht ein einziges Plaettchen wurde je aus den Geschaeften der Goldschmiede gestohlen.<< [299] Professor John Fiske, einer der groessten amerikanischen Historiker, sagt: >>Es ist nicht zuviel gesagt, dass im siebzehnten Jahrhundert die gesamte Zukunft der Menschheit von der Frage abhing, wie sich die Dinge in England entwickeln wuerden. Waeren die Puritaner nicht gewesen, die politische Freiheit waere vielleicht von der Erde verschwunden. Wenn es je Maenner gegeben hat, die bereit waren, fuer diese Frage ihr Leben zu lassen, dann jene alten >Ironsides<, deren Losung die Heilige Schrift und deren Schlachtrufe Lobeshymnen gewesen waren.<< [300] Man hat Cromwell zu verschiedenen Zeiten angeboten, ja, genoetigt, die Krone Englands zu ergreifen, doch er lehnte jedesmal ab. Mit ihrer Lehre sind die Puritaner die direkten Nachkommen Johannes Calvins; sie und nur sie allein haben den Funken englischer Freiheit am Leben erhalten. Angesichts dieser Tatsachen kann niemand dem Urteil Fiskes widersprechen, wenn er sagt: >>Was die Menschheit Calvin verdankt, ist kaum zu ueberschaetzen.<< [301] McFetridge sagt in seinem famosen Buechlein >>Calvinism in History<<: >>Wenn wir uns die Frage stellen, wem England seine Freiheit verdankt, dann antwortet uns die Geschichte: dem illusteren Calvinisten Willhelm von Oranien, der, wie Macaulay sagt, geschult war im streng logischen Denken der Genfer Schule, das nicht nur seinem Verstand entsprach, sondern auch seinem Temperament. Der Eckstein seiner Religion war die Praedestinationslehre. Er sagte einmal voll Klarsicht, wenn er die Praedestinationslehre aufgeben muesste, muesste er den Glauben an alle uebernatuerliche Vorsehung aufgeben und zum blossen Epikureer werden. Ganz recht, denn Praedestination und herrschende Vorsehung sind das Gleiche. Akzeptieren wir das eine, dann muessen wir zwingend logisch auch das andere glauben<< (S. 52). __________________________________________________________________ [297] William Laud (* 7. Oktober 1573 in Reading; 10. Januar 1645 in London), Erzbischof von Canterbury, spaeter Bischof von London; wurde 1645 nach einem Parlamentsbeschluss enthauptet (A. d. Ue.). [298] Smith, The Creed of Presbyterians, S. 72. [299] Macaulay, History of England, Bd. 1, S. 119. [300] Macauley, The Beginnings of New England, S. 37, 51. [301] Quelle nicht angegeben. __________________________________________________________________ 4) Schottland Die beste Methode, die Fruechte eines religioesen Lehrgebaeudes zu untersuchen, besteht darin, ein Volk oder ein Land zu untersuchen, in dem dieses Lehrgebaeude mehrere Generationen lang unwidersprochen geherrscht hat. Wollten wir etwa den Katholizismus untersuchen, muessten wir uns nach Spanien, Italien, Kolumbien oder Mexiko wenden. Wie im religioesen, so auch im politischen Leben sehen wir die Auswirkungen der Lehren. Wenn wir an den Calvinismus denken, dann gibt es nur ein einziges Land, in dem er praktisch die einzige Religion war: Schottland. McFetridge er- zaehlt, dass vor dem Eintreffen des Calvinismus in Schottland >>tiefste Finsternis das Land bedeckte und wie ein ewiger Alptraum auf den Begabungen der Menschen lag.<< [302] Und Smith sagt: >>Als der Calvinismus die Schotten erreichte, waren sie samt und sonders Vasallen der roemischen Kirche: unterjocht von den Priestern, unwissend, elend, koerperlich am Boden, ebenso im Denken und in der Moral. Bucke beschreibt sie als 'schmutzige Leute an Leib und Haus', 'arm und elend', 'ueberaus unwissend und extrem aberglaeubisch' -- 'der Aberglaube sass ihnen in allen Knochen.' Wie wunderbar war aber die Verwandlung, die in ihnen vorging, als Knox ihnen die biblische Lehre brachte, die er zu Fuessen Calvins gelernt hatte -- es war eine Verwandlung ihres ganzen Sinns. Es war, wie wenn zu Mitternacht die Sonne aufgeht. ... Knox war es, der den Calvinismus nach Schottland getragen hatte, und der Calvinismus machte Schottland zum moralischen Standard fuer die Welt. Es ist bedeutsam: Gerade jenes Land, das dem Calvinismus den meisten Raum verschaffte, hatte die geringste Kriminalitaetsrate zu verzeichnen; das Land, von dem die Welt bekennt, dass es den hoechsten moralischen Zustand besitzt, ist auch das calvinistischste; in jenem Land, in dem der Calvinismus zur hoechsten Herrschaft gelangt war, ist die Moral des Einzelnen wie die des Volkes zu ihrer hoechsten Hoehe gelangt.<< [303] Carlyle berichtet: >>Was Knox fuer diese Nation getan hat, darf wahrlich eine Auferstehung von den Toten geheissen werden.<< [304] Und Froude sagt: >>John Knox war der Mann, ohne den ein Schottland, wie es die moderne Welt heute kennt, nicht existieren wuerde.<< [305] Die Presbyterianische Kirche Schottlands ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Tochter der Reformierten Kirche Genfs. Obgleich sie erst etwas spaeter einsetzte, war die Reformation in Schottland wesentlich gruendlicher und bestaendiger als in England. Sie resultierte in der Etablierung eines calvinistischen Presbyteriums, das Christus als alleiniges Oberhaupt der Kirche anerkannte. Es ist leicht, anzugeben, wen die Vorsehung dazu ausersehen hatte, das erste Werkzeug der schottischen Reformation zu sein. Dieser Mann war John Knox. Er war es, der den Keim religioeser und ziviler Freiheit legte und der die Gesellschaft revolutionierte. Ihm verdanken die Schotten ihre nationale Existenz. >>Knox war der Groesste der Schotten, so wie Luther der Groesste unter den Deutschen war<<, sagt Philip Schaff. >>Der Held der schottischen Reformation, obgleich vier Jahre aelter als Calvin, sass demuetig zu dessen Fuessen und wurde noch calvinistischer als Calvin selbst. John Knox hat die meiste Zeit seines fuenf Jahre dauernden Exils (1554-1559; wegen der Regentschaft der >Bloody Mary<) in Genf verbracht und dort 'die reinste und vollkommenste Lehranstalt Christi seit den Tagen der Apostel' gefunden. Nach diesem Modell hat der die Schotten energisch und unerschrocken gelehrt; er brachte sie aus der mittelalterlichen Barbarei in das Licht moderner Zivilisation und hat sich damit einen Namen erworben, der in einer Reihe mit Luther, Zwingli und Calvin steht. Er ist und bleibt nach diesen dreien die groesste Persoenlichkeit der protestantischen Reformation.<< [306] Froude schreibt einmal: >>Einen Groesseren als John Knox wird man in der gesamten Geschichte der Reformation auf dieser Insel nicht finden. ... Die Zeit ist gekommen, wo die englische Geschichte jenem Mann wird Gerechtigkeit widerfahren lassen muessen, ohne den die Reformation unter uns ausgeloescht worden waere, denn der Geist, den Knox nach Schottland brachte, hat Schottland gerettet. Waere Schottland wieder katholisch geworden, dann haette weder die Weisheit der Minister Elisabeths noch die Lehre der Bischoefe oder deren Schikanen England vor einer Revolution bewahren koennen. Seine Stimme lehrte den lothianischen Bauern, ein freier Mann zu sein, vor Gott gleichgestellt zu sein wie die stolzesten Aufseher oder Praelaten, die auf ihren Vorvaetern herumtrampelten. Selbst eine Maria Stuart konnte Knox nicht schwaechen, und Maitland [307] konnte ihn nicht betruegen. Es war Knox, der aus den armen Buergern dieses Landes ein aufrechtes und ernsthaftes Volk machte, das zwar hart, engstirnig, aberglaeubisch und fanatisch gewesen sein mag, sich aber niemals von einem Koenig, einem Adeligen oder auch einem Priester hat tyrannisieren lassen. Die Belohnung fuer Knox bestand in der Undankbarkeit derer, die sein Andenken am meisten haetten wuerdigen sollen.<< [308] Die fruehe schottische Theologie basierte noch auf dem Prinzip der Praedestination. Knox hatte diese Theologie direkt von Calvin in Genf uebernommen; sein Hauptwerk war eine Streitschrift zur Praedestination, eine scharfsinnige, gewaltige und unerschrockene Polemik gegen wackelige Ansichten, wie sie sich nicht nur in England verbreitet hatten. Waehrend des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts fesselten Themen wie Praedestination, Erwaehlung, Verwerfung, Ausmass und Wert der Suehne und das Beharren der Heiligen das Bauerntum Schottlands. Aus Schottland griffen diese Lehren nach England und Irland und gelangten ueber den Atlantik in den Westen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Schottland das >>Mutterland des modernen Presbyterianismus<< ist. __________________________________________________________________ [302] McFetridge, Calvinism in History, S. 124. [303] Smith, The Creed of Presbyterians, S. 98, 99. [304] Quelle nicht angegeben. [305] Quelle nicht angegeben. [306] Philip Schaff, The Swiss Reformation, Bd. 2., S. 818. [307] William Maitland of Lethington, ab 1561 der Staatssekretaer Maria Stuarts. Er war schon 1558 Staatssekretaer Marie de Guisens von Schottland gewesen. Er war fuer sein taktisches Geschick bekannt und uebernahm ab 1560 zusammen mit Lord James Stuart und John Knox die Fuehrung des Landes (A. d. Ue.). [308] Froude, History of England Bd. 10, S. 437. __________________________________________________________________ 5) Frankreich Auch Frankreich ergluehte zu dieser Zeit im freien, gebuendelten und rastlosen Geist des Calvinismus. >>Die Calvinisten Frankreichs hiessen Hugenotten. Ihr Charakter ist allgemein bekannt. Ihre hochstehende Moral und ihre Heldenhaftigkeit unter Verfolgung zuhause und in der Fremde ist von Freunden und Feinden gleichermassen bewundert worden.<< [309] Die Enzyclopaedia Britannica merkt an: >>Ihre Geschichte ist ein einziges Wunder, das von Ausdauer, Kraft und starker religioeser Ueberzeugung handelt. Ihre Ausdauer zaehlt zum Respektabelsten und Heldenhaftesten, das die Geschichte der Religion zu bieten hat.<< Die Hugenotten stellten die fleissigsten Kunsthandwerker Frankreichs; >>ehrbar wie ein Hugenotte<< zu sein wurde zum Sprichwort fuer den hoechsten Grad an Integritaet. Am Sonntag, dem 24. August 1572 wurden in Paris grosse Scharen an Protestanten heimtueckisch ermordet. Dieses grausame Schicksal sollte sich in den darauffolgenden Tagen in verschiedenen Teilen Frankreichs wiederholen. Die Zahl derer, die zu St. Bartholomaeus ermordet worden waren, wird zwischen 10.000 und 50.000 geschaetzt. Diese lodernde Verfolgung vertrieb hunderttausende Protestanten aus Frankreich nach Holland, nach Deutschland, England und Amerika. Der Verlust war fuer Frankreich unersetzlich. Der englische Historiker Macaulay schreibt ueber die nach England gefluechteten Exulanten: >>Sogar die bescheidensten Fluechtlinge waren dem Durchschnittsbuerger aller Koenigreiche an Moral und Verstand ueberlegen.<< [310] Lecky, der grosse Historiker und eiskalter Realist, schrieb einmal: >>Die Vernichtung der Hugenotten durch die Aufhebung des Ediktes von Nantes bedeutete die Vernichtung des solidesten, bescheidensten, tugendhaftesten und umfassend erleuchtetsten Elements der franzoesischen Nation. Sie war wegbereitend fuer die unausweichliche Degeneration des Nationalcharakters; das letzte ernstzunehmende Bollwerk, das den maechtigen Strom des Skeptizismus und der Lasterhaftigkeit noch haette aufhalten koennen, wurde weggerissen. So lagen ein Jahrhundert spaeter als Folge davon Altar und Thron in Truemmern.<< [311] >>Wenn man ihre Geschichte gelesen hat<<, sagt Warburton, >>weiss man, welch grauenvollen Verfolgungen die Hugenotten ausgesetzt gewesen waren. Frankreichs kostbarstes Blut wurde auf den Schlachtfeldern vergossen, die besten Geister, die Frankreich je besessen, wurden gejagt wie die wilden Tiere des Waldes; sie wurden ohne jedes Mitleid ausgeloescht. ... Die Hugenotten waren ihren Landsleuten in jeder Hinsicht ueberlegen. Die ernste Schlichtheit ihres Lebens, die Reinheit ihrer Moral, ihr Fleiss und die voellige Abkehr von der faulen Sinnenlust, die die ganze Nation zu dieser Zeit ergriffen hatte, waren ihren Feinden ein Dorn im Auge und wurden ihnen zum Verhaengnis.<< [312] Die Ausschweifung der Koenige hatte sich durch den Adel abwaerts zum gemeinen Volk gefressen; die Religion war verseucht von Korruption, zu der die Grausamkeit passte; aus den Kloestern waren Brutstaetten des Boesen geworden. Das Zoelibat war zur faulen Quelle der Unreinheit und Unzucht geworden; Unmoral, Liederlichkeit, Despotie und Erpressung in Kirche und Staat waren unbeschreiblich. Die Vergebung der Suende konnte man sich kaufen, der schaendliche Ablasshandel war vom Papst selbst sanktioniert worden. Manche Paepste wahren wahre Monster der Abscheulichkeit; es herrschte tiefste Unwissenheit. Die Erziehung blieb dem Klerus und dem Adel vorbehalten, sogar viele Priester konnten weder lesen noch schreiben. Die Gesellschaft war auseinander gebrochen. Das ist zwar eine einseitige, doch nicht uebertriebene Beschreibung der Zustaende. Man muss ihr noch eine andere, hellere Seite zugestehen: Viele ehrbare Katholiken waren ernsthaft um Reformen innerhalb der Kirche bemueht. Die Kirche befand sich aber in einem nicht mehr reformierbaren Zustand. Jede Aenderung, wenn es denn eine gegeben hat, musste jetzt von aussen kommen. Keine Reformation, die sich nicht Rom in den Weg stellte. Langsam liess der Protestantismus von Frankreich seine Ideen nach Deutschland wandern. Calvin hatte sein Werk in Paris begonnen und galt sehr schnell als einer der Fuehrer der Bewegung in Frankreich. Sein Eifer zog ihm bald den Aerger kirchlicher Autoritaeten zu, und so wurde es notwendig, zu fliehen, um sein Leben zu retten. Obgleich Calvin niemals wieder nach Frankreich zurueckkehrte, nachdem er in Genf sesshaft geworden war, blieb er der Anfuehrer der franzoesischen Reformation. Sein Rat war immer gefragt. Er war es, der den Hugenotten ihr Credo und auch die Kirchenform gegeben hatte. Dem einhelligen Zeugnis der Geschichte zufolge war es diese ganze Zeit hindurch der Calvinismus, der die franzoesischen Protestanten in ihrem Kampf mit dem Papsttum und seinen koeniglichen Helfershelfern zugrunde lag. Was die Puritaner in England, das waren die Covenanters in Schottland und die Hugenotten in Frankreich. Es kann als bemerkenswerter Beweis gelten, dass der Calvnismus in allen Laendern den gleichen Typus Mensch hervorgebracht hat, was seine Kraft, aber auch die Charakterform betrifft. Der Calvinismus verbreitete sich in Frankreich dermassen schnell, dass Fisher in seiner Geschichte der Reformation sagt, 1561 machten die Calvinisten schon ein Viertel der Gesamtbevoelkerung aus. McFetridge setzte die Zahl sogar noch hoeher an. Er sagt: >>In weniger als einem halben Jahrhundert hatte dieses so genannte strenge Glaubenssystem jeden Teil des Landes erreicht. Beinahe die Haelfte der Einwohner hatte diese Normen schon akzeptiert. Dazu gehoerten fast alle grossen Geister der Nation. Seine Anhaenger waren so zahlreich und maechtig geworden, dass es kurz danach aussah, als werde ganz Frankreich calvinistisch.<< [313] In seinem Buch "Huguenots in France" schreibt Smiles: >>Es waere interessant, darueber nachzudenken, was der Einfluss der Religion des Franzosen Calvin auf die Geschichte Frankreichs wie auf die einzelnen Buerger haette ausrichten koennen, haette das Gleichgewicht der Kraefte zugunsten des Protestantismus ausgeschlagen, wie es im auslaufenden sechzehnten Jahrhundert beinahe geschehen waere<< (S. 100). Die Geschichte Frankreichs waere wohl anders verlaufen. __________________________________________________________________ [309] Smith, The Creed of Presbyterians, S. 83. [310] Quelle nicht angegeben. [311] Eng. Hist. Eighteenth Century, Bd. 1., S. 264, 265 [312] Warburton, Calvinism, S. 84, 92. [313] McFetridge, Calvinism in History, S. 144. __________________________________________________________________ 6) Holland Der Kampf, der die Niederlande von der dominierenden Macht des Papsttums und vom grausamen Joch Spaniens befreit hatte, bedeutet ein weiteres glorreiches Kapitel des Calvinismus und der Menschlichkeit. Der Terror der Inquisition wuetete hier wie kaum wo anders. Der Herzog von Alva bruestete sich damit, innerhalb von nur fuenf Jahren 18.600 Haeretiker an die paepstlichen Henker ausgeliefert zu haben. So schreibt Motley: >>Das Schafott bekam seine taeglichen Opfer; dennoch sagte sich niemand von seinem Glauben los. ... Viele Menschen haben gewagt und gelitten, was ein Mensch nur wagen und erleiden kann, alles fuer die ehrbarste Sache, von der die Menschlichkeit inspiriert sein kann.<< Motley illustrierte >>den Heroismus, der die Menschen Hand in Hand ins Feuer gehen liess oder der die Frauen veranlasste, Triumphlieder zu singen, waehrend der Totengraeber sie bei lebendigem Leibe verscharrte.<< An einer anderen Stelle schreibt er: >>Die Zahl derer, die aufgrund des Erlasses Karls V. in den Niederlanden verbrannt, erhaengt, gekoepft und lebendig begraben worden waren, weil sie die Heilige Schrift gelesen hatten, die Goetzenbilder verachteten oder die Realpraesenz von Leib und Blut Christi in der Hostie leugneten, erreicht nach verschiedenen Autoritaeten bis zu 100.000. Sie wurde jedoch nie unter 50.000 angesetzt.<< [314] In achtzig denkwuerdigen Jahren hatten die Spanier mehr Protestanten (Christen) wegen ihres Glaubens ermordet als das roemische Reich waehrend der ersten drei Jahrhunderte! Die Geschichte Hollands kroent den Calvinismus damit als das Glaubensbekenntnis der Maertyrer, Heiligen und Helden. Mehr als drei Generationen lang kaempfte Spanien, die staerkste Nation Europas dieser Zeit darum, den Protestantismus und die politische Unabhaengigkeit in den calvinistischen Niederlanden auszurotten, doch es gelang ihm nicht. Die Protestanten folgten in ihrer Anbetung Gottes der Forderung ihres Gewissens, nicht der Fuchtel einer korrupten Priesterschaft, deshalb auch jene Invasion der Spanier, die sie den grausamsten Foltermethoden aussetzten, die die Spanier erfunden hatten. Wer hat sich um Loesung dieses Konfliktes bemueht? Der calvinistische Prinz von Oranien, den die Geschichte unter dem Namen Wilhelm den Schweiger [315] kennt. Er teilte den gleichen Glauben. Dr. Abraham Kuyper schreibt: >>Waere die Macht Satans damals nicht durch den Heroismus des calvinistischen Geistes gebrochen worden, dann waere die Geschichte der Niederlande, Europas und der ganzen Welt so traurig und dunkel geworden, wie sie jetzt dank Calvinismus hell und inspirierend wirkt.<< [316] Waere der Geist des Calvinismus der Reformation nicht auf dem Fusse gefolgt, dann haette wohl ein Geist der Halbherzigkeit von England, Schottland und Holland Besitz genommen. Der Protestantismus haette sich in diesen Laendern von selbst nicht halten koennen; der von Rom schon beeinflusste Protestantismus Deutschlands waere aller Wahrscheinlichkeit nach wieder unter die Herrschaft der roemisch-katholischen Kirche gekommen. Waere der Protestantismus auch nur in einem dieser Laender gescheitert, dann wohl in allen, so sehr hing das Schicksal der Protestanten in diesen Laendern zusammen. Das zukuenftige Schicksal der Nationen war in bezeichnender Weise abhaengig vom Ausgang dieses achtzigjaehrigen Krieges in den Niederlanden. Haette Spanien diesen Krieg gewonnen, dann waere der Katholizismus derart erstarkt, dass er womoeglich noch den Protestantismus Englands unterjocht haette. Es sah eine Zeitlang auch so aus, als verfiele England wieder Rom. Das aber haette bedeutet, dass die Entwicklung Amerikas verhindert worden waere und ganz Amerika unter spanische Kontrolle gelangt waere. Man erinnere sich: Fast alle Maertyrer dieser Laender waren Calvinisten -- die Lutheraner und Arminianer zaehlten im Vergleich dazu nur eine Handvoll. Professor Fruin [317] sagt treffend: >>In der Schweiz, in Frankreich, in den Niederlanden, in Schottland und in England, ueberall, wo der Protestantismus sich als Schwertspitze etablieren musste, machte der Calvinismus das Rennen.<< [318] Wie auch immer man die Fakten erklaeren will -- die Calvinisten waren die einzigen Protestanten, die fuer ihren Glauben auch kaempften. Holland zeigt aber noch ein ganz anderes Verdienst, das wir nicht uebersehen duerfen: Nachdem die Pilger wegen religioeser Verfolgung England verlassen mussten und noch bevor sie in Amerika ankamen, gingen sie zunaechst nach Holland. Hier kamen sie mit einem religioesen Leben in Kontakt, was aus calvinistischer Sicht aeusserst heilsam fuer sie war. Die wichtigsten Fuehrer hiessen Clyfton, Robinson und Brewster, drei Leute von der Universitaet Cambridge, die ein so nobles und heroisches Trio bildeten, wie es sonst wohl in keiner Nation gefunden werden konnte. Sie waren ergebene Calvinisten, die zu allen grundlegenden Sichten standen, die der Reformator aus Genf dargelegt hatte. Der amerikanische Historiker Bancroft hat recht, wenn er die Pilgervaeter >>Maenner des gleichen Glaubens wie Calvin<< nennt. J. C. Monsma hat uns in seinem Buch "What Calvinism has done for America" eine gute Zusammenfassung ihres Lebens in Holland hinterlassen: >>Als die Pilger von Amsterdam nach Leyden unterwegs waren, beschloss Rev. Clyfton, der oberste Fuehrer, zu bleiben; Rev. John Robinson, Clyftens Hauptassistent, schloss sich ihm an.<< Er war der gewaehlte Fuehrer oder Pastor der Leute. Robinson war ueberzeugter Calvinist und setzte sich den Lehren Arminius' ueberall entgegen, wo er die Gelegenheit dazu fand. >>Wir haben das unwidersprochene Zeugnis Edward Winslows, dass Robinson von Polyander, Festus Homilus und anderen hollaendischen Theologen zur Zeit der Ausbreitung des Arminianismus darum gebeten wurde, am Streitgespraech mit dem neuen Fuehrer der Arminianer, Episcopius, teilzunehmen. Dieser Disput fand taeglich in der Akademie zu Leyden statt. Robinson entsprach ihrem Wunsch und wurde sehr bald schon als einer der groessten Theologen angesehen. 1624 verfasste dieser Pastor der Pilger eine meisterhafte Abhandlung zur Verteidigung der Lehrsaetze von Dordrecht. [319] Die Synode von Dordrecht hat den internationalen Ruf einer gesamtcalvinistischen Ausrichtung -- ueber die religioese Ausrichtung Robinsons muss daher nichts weiter gesagt werden. Die Pilger stimmten mit der reformierten (calvinistischen) Kirche Hollands und anderer voellig ueberein. Robinsons Verteidigungsschrift erschien 1619. Das war ein Jahr, bevor die Pilger Holland verliessen. Darin schrieb er in feierlichster Manier: >Wir bezeugen vor Gott und Menschen, dass wir jedem einzelnen Artikel des Glaubens dieser Kirche uebereinstimmen. Wir unterschreiben alle Glaubensartikel der Hollaendischen Reformierten Kirche und sehen sie in Harmonie mit dem Glaubensbekenntnis, das in ihrem Namen publiziert worden ist.<<< (S . 72f) __________________________________________________________________ [314] John Lothrop Motley, Rise of the Dutch Republic, Bd. 1., S. 114. (Onlinetext unter ftp://sailor.gutenberg.org/pub/ gutenberg/etext04/jm36v10.txt; A. d. Ue.) [315] Wilhelm von Oranien (nl: Willem van Oranje) (* 24. April 1533 in Dillenburg; 10. Juli 1584 in Delft), genannt Wilhelm der Schweiger (nl: Willem de Zwijger), war Fuehrer im niederlaendischen Unabhaengigkeitskrieg gegen Spanien, (d. i. der Achzigjaehrige Krieg 1568-1648; A. d. Ue). [316] Quelle nicht angegeben. [317] Robert Fruin (1823-1899), niederlaendischer Historiker (A. d. Ue.). [318] Quelle nicht angegeben. [319] A Defense of the Doctrine Propounded by the Synod of Dort. __________________________________________________________________ 7) Amerika Wenn wir nun dazu uebergehen, den Einfluss des Calvinismus als politischer Kraft in den Vereinigten Staaten zu studieren, oeffnen wir eines der schillerndsten Kapitel calvinistischer Geschichte. Der Calvinismus betrat Amerika von der Mayflower aus; Bancroft, der grossartigste amerikanische Historiker, nannte die Pilgervaeter >>dem Glauben nach Calvinisten der geradlinigsten Art.<< [320] John Endicott, der erste Gouverneur der >>Massachusetts Bay Colony<<; John Davenport, der Gruender der >>New Haven Colony<< und Roger Williams, der Gruender der Kolonie Rhode Island -- sie alle waren Calvinisten. William Penn war ein hugenottischer Juenger. Es wird geschaetzt, dass zur Zeit der amerikanischen Revolution von 3 Millionen Menschen 900.000 schottischen oder schottisch-irischen Ursprungs waren, 600.000 englische Puritaner und ca. 400.000 Deutsche oder hollaendisch-reformierte. Dazu hatten die Episkopalisten mit ihren neununddreissig Artikeln ein calvinistisches Bekenntnis; auch viele Hugenotten waren aus Frankreich nach Amerika gekommen. Etwa zwei Drittel der kolonialen Bevoelkerung waren in der Schule Calvins gebildet worden. Die Gruendung einer Nation wie dieser und noch dazu von solchen Leuten ist in der Geschichte der Menschheit einzigartig. Diese Leute kamen nicht vorrangig aus wirtschaftlichen Gruenden hierher, sondern ihrer tiefen religioesen Ueberzeugungen wegen. Es scheint, als habe die religioes motivierte Verfolgung in vielen Laendern Europas dazu gefuehrt, die fortschrittlichsten und erleuchtetsten Koepfe zur Kolonisation Amerikas auszusondern. Es wird auf jeden Fall zugegeben werden, dass die Englaender, Schotten, Deutschen und Hollaender die hellsten Koepfe des damaligen Europa gewesen sind. An dieser Stelle muss man sich daran erinnern, dass die Puritaner, die die groesste Masse bei der Besiedelung Neuenglands ausmachten, einen calvinistischen Protestantismus mit sich brachten. Sie waren den Lehren der grossen Reformatoren voll und ganz ergeben. Jedem Formalismus abhold, hatten sie eine Aversion gegen jegliche Unterdrueckung von Seiten der Kirche und des Staates. Die ganze Periode der Kolonisation hindurch war der Calvinismus die dominierende Glaubensrichtung. Vor diesem Hintergrund kann es nicht ueberraschen, dass der Presbyterianismus einen wichtigen Anteil an der Amerikanischen Revolution hatte. Der US-amerikanische Historiker Bancroft sagt: >>Die Revolution von 1776, sofern sie vom Glauben beeinflusst war, war eine Massnahme der Presbyterianer. Sie war die Frucht dessen, was die Presbyterianer der Alten Welt in ihre Soehne gepflanzt hatten, die Puritaner Englands, die Covenanters aus Schottland, die Hugenotten Frankreichs, die hollaendischen Calvinisten und die Presbyterianer von Ulster.<< [321] Die Presbyterianer waren in ihrem Eifer nach Freiheit dermassen strebsam, durchgaengig und aggressiv, dass man in England schon von einer >>Presbyterianischen Revolution<< sprach. Ein leidenschaftlicher Anhaenger der Kolonialisten unter Koenig George III schrieb nach Hause: >>Es ist eine unerhoerte Schande, was hier mit den Protestanten vor sich geht. Sie sind die Hauptursache all dieser brennenden Unruhen. Staendig bieten sie ihren monarchiefeindlichen Geist auf, um gegen die Regierung zu opponieren. Dieser Geist zeichnet sie ueberall aus.<< [322] Als die Neuigkeiten dieses >>aussergewoehnlichen Vorgehens<< England erreichten, sagte der Premierminister Horace Walpole im Parlament: >>Unsere Nichte Amerika ist mit einem presbyterianischen Pastoren durchgebrannt.<< [323] >>Dr. John Witherspoon, gebuertiger Schotte und direkter Nachkomme von John Knox war zur Revolutionszeit der Praesident des Princeton College. Er war das einzige geistliche Mitglied im Revolutionskongress. Wie man erwarten darf, unterstuetzte er eloquent und mit grossem Ernst jede Massnahme, die der Kongress zur Sicherung der Unabhaengigkeit verabschiedete. Als der grosse Moment zur Unterzeichnung der Erklaerung kam und einige Mitglieder noch zoegerten, ihre Namen unter das Dokument zu setzen, beschwerte er sich redegewandt: >Dieses ehrbare Dokument auf Ihrem Tisch, das seinen Autor unsterblich machen wird, muss von jedem unterschrieben werden, der hier anwesend ist. Wer diesem Dokument nicht in vollem Umfang zustimmt und nicht mit aller erdenklichen Kraft seine Ziele zu verfolgen sucht, ist es nicht wert, ein freier Mann zu heissen. Ich habe zwar mehr Ruf als Land. Dieser Ruf steht hier am Spiel; der Besitz des Landes hingegen haengt von unserer Entscheidung ab. Und wenn auch mein grauhaariger Kopf bald in sein Grab sinken wird, waere es mir lieber, ihn mir von einem oeffentlichen Henker abschlagen zu lassen, als mein Land in dieser heiligen Sache zu verraten.<<< [324] Die Geschichte ist, was die Geburt der amerikanischen Demokratie aus dem Christentum betrifft, sehr beredt; dieses Christentum jedoch war der Calvinismus. Der grosse revolutionaere Konflikt, der den amerikanischen Staat hervorgebracht hat, wurde in der Hauptsache von Calvinisten ausgefochten. Dieses Land ist ihr Geschenk an alle freiheitsliebenden Menschen. So sagt Schaff: >>Die Grundlagen der Republik der Vereinigten Staaten koennen irgendwo zwischen Puritanismus und Calvinismus gefunden werden und fungierten als wichtigstes Erziehungsmittel zur Befoerderung moderner Freiheit.<< [325] Das Zeugnis Emilio Castelars, jenes beruehmten Staatsmannes, Redners und Gelehrten, ist es wert, betrachtet zu werden. Castelar war Professor der Philosophie auf der Universitaet Madrid, bevor er in die Politik einstieg. Er wurde Praesident der ersten Republik, die von den Liberalen 1873 errichtet wurde. Als roemischer Katholik hasste er Calvin und den Calvinismus. Er sagte einmal: >>Die republikanische Bewegung hat eine strengere Moral noetig, als sie ein Luther aufstellte, und zwar eine Moral, wie sie ein Calvin formulierte, und eine Kirche, die demokratischer ist als die deutsche, eine Kirche wie die in Genf. Die angelsaechsische Demokratie leitet sich vom Buch einer ganz einfachen Gesellschaftsschicht her -- der Bibel. Sie ist das Ergebnis der strengen Theologie einiger christlicher Fluechtlinge, wie sie sich in den duesteren Staedten der Schweiz und Hollands fanden, wo sich der missmutige Schatten Calvins noch immer herumtreibt. ... Ihrer [der Demokratie] Herrlichkeit eignet Heiterkeit; es entstammt ihr der Menschheit wuerdevollste, moralischste und erleuchtetste Teil. [326] Wie aus einer solch bitteren Quelle solch suesse Wasser fliessen koennen -- diese seine Frage koennen wir ihm nachfuehlen! Motley merkt an: >>Die Saat der Freiheit in England, in den Calvinismus eingehuellt und viele Jahre treu bewahrt, war jetzt dazu bestimmt, ueber Land und See zu stroemen und die groesste Ernte massvoller Freiheit und grossen Wohlstand zu gewaehrleisten. ... Die Calvinisten haben den Wohlstand Englands, Hollands und Amerikas begruendet. ... Mehr als allen anderen verdankt sich die politische Freiheit Englands, Hollands und Amerikas den Calvinisten.<< [327] Ein anderer beruehmter Historiker, der Franzose Taine, der sich selbst als areligioes bezeichnete, hat zum Calvinismus folgendes zu sagen: >>Diese Maenner waren die wahren Helden Englands. Sie begruendeten England trotz Korruption der Stuarts durch die Ausuebung ihrer Pflichten, durch Gerechtigkeit, durch hartnaeckiges Schuften, durch Verteidigung allen Rechts und Widerstands gegen Unterdrueckung, durch Eroberung der Freiheit und der Ablehnung allen Lasters. Sie haben Schottland gegruendet und auch die Vereinigten Staaten, und in diesen Tagen gruenden sie Australien und kolonisieren die Welt.<< [328] E. W. Smith fragt in seinem Buch "The Creed of Presbyterians" bezueglich der amerikanischen Kolonisten: >>Woher hatten sie diese unsterblichen Prinzipien der Menschenrechte, der Freiheit, der Gleichheit und der Selbstbeherrschung, auf der ihre Republik basiert, die heute den charakteristischen Ruhm der amerikanischen Kultur bildet? Aus der Schule Calvins haben sie sie gelernt. Dort hat sie die gesamte moderne Welt gelernt, so lehrt uns die Geschichte<< (S . 121). Wir wenden uns nun dem Einfluss der Presbyterianischen Kirche zu. Diese Kirche war massgeblich am Aufbau der Republik beteiligt. So sagt Dr. W. H. Roberts vor der Generalversammlung: >>Die Presbyterianische Kirche war fuer beinahe ein ganzes Jahrhundert lang die einzige Kirche auf diesem Kontinent. Zu dieser Zeit hat sich auch die republikanische [329] Regierung dieser Nation gebildet. ... Von 1706 bis zum Beginn der Revolution war die einzige Koerperschaft, die sich um unsere gegenwaertige politische Organisation gekuemmert hat, die Generalsynode der amerikanischen Presbyterianischen Kirche. Unter kirchlichen und kolonialpolitischen Einrichtungen uebte sie in Uebereinstimmung mit den Kolonialisten auf alle neuen Bevoelkerungsgruppen zwischen Neuengland und Georgia allein Autoritaet aus. Obgleich die Kolonien des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts von Grossbritannien abhingen, wie man sich vor Augen halten muss, waren sie doch voneinander unabhaengig. Einen Korpus wie den Kontinentalkongress gab es erst 1774. Die religioese Verfassung des Landes aehnelte der politischen: die Kongregationalisten Neuenglands waren mit den anderen nicht verbunden und standen durchwegs unter Selbstverwaltung. Die Episkopalisten etwa waren in den Kolonien gar nicht organisiert, sondern hingen, was Unterstuetzung und Dienst anbelangte, noch ganz von der Kirche Englands ab; ihre Loyalitaet galt immer noch der britischen Krone. Die Reformierte Hollaendische Kirche wurde erst 1771 zu einer effizienten und unabhaengigen Organisation; auch die Deutsche Reformierte Kirche erreichte diesen Zustand erst 1793. Die Baptisten waren vorerst ein loser Haufen, die Methodisten praktisch unbekannt. Die Quaeker waren durchwegs Pazifisten.<< Jedes Jahr trafen sich Delegierte in der Generalsynode, wie uns Dr. Roberts berichtet. Die Kirche avancierte >>zu einem Unionsverband fuer die Korrespondenz zwischen grossen Teilen der verschiedenen Kolonien.<< Er fuegt hinzu: >>Ist es da verwunderlich, wenn unter diesem foerderlichen Einfluss das Gewissen echter Freiheit gross wurde und wenn die Lehren eines gesunden Evangeliums im ganzen Gebiet von Long Island bis South Carolina gepredigt wurden? Langsam, aber sicher begann sich ein Gefuehl der Einheit unter den Kolonien zu entwickeln. Man kann gar nicht genug betonen, welch immensen Einfluss die Kirche auf die Entstehung der Nation hatte, eine Kirche, die von 1706 bis 1774 als einzige am ganzen Kontinent die Aufgaben wahrgenommen hatte, bundesstaatliche Institutionen zu entwickeln. Die Vereinigten Staaten von Amerika schulden dieser aeltesten amerikanischen Republik, der Presbyterianischen Kirche, sehr viel.<< [330] Freilich ist damit nicht gesagt, dass die Presbyterianische Kirche die einzige Institution war, auf deren Grundsaetzen die Republik erbaut worden war, es wird jedoch behauptet, dass die Prinzipien von Westminster das Fundament des neuen Staatenverbundes waren und >>dass es die Presbyterianische Kirche war, die in Uebereinstimmung mit der organisierten Republik als erste in diesem Land diese Regierungsform nicht nur gelehrt und praktiziert, sondern auch fuer deren Erhaltung gesorgt hat.<< (Roberts) Zu Beginn der Revolution fanden sich die Presbyterianischen Geistlichen und Gemeinden ganz in den Reihen der Kolonisten; Bancroft schreibt ihnen den ersten unerschrockenen Schritt in Richtung Unabhaengigkeit zu. [331] Die Synode von Philadelphia 1775 war der erste kirchliche Verbund, der oeffentlich fuer eine Trennung von England plaedierte. Sie forderte ihre Leute auf, alles Notwendige zur Erreichung dieses Zieles zu unternehmen. Sie bat sie, vereint fuer den Kongress zu beten, der zu dieser Zeit tagte. Die Episkopalisten waren noch mit der Kirche Englands verbunden; sie stellten sich einer Revolution entgegen. Eine betraechtliche Anzahl der Mitglieder jedoch war stark an der Unabhaengigkeit interessiert und verwendete Wohlstand und Einfluss darauf, sie sicherzustellen. Immerhin stammte der Oberbefehlshaber des politischen Verbundes, der >>Vater unseres Landes<<, aus ihren Reihen. Washington selbst schloss sich ihnen an und befahl seinen Maennern, sich seinen Geistlichen anzuschliessen, die aus den verschiedenen Kirchen kamen. Mit vierzigtausend Dollar gruendete er ein presbyterianisches College in seinem Geburtsstaat. Washington wurde wegen dieser Spende geehrt: man nannte die neue Einrichtung >>Washington College<<. N. S. McFetridge hat noch auf eine andere wichtige Entwicklung der Revolutionszeit hingewiesen. Der Genauigkeit und Vollstaendigkeit halben nehme ich mir die Freiheit, ihn etwas ausfuehrlicher zu zitieren: >>Einen anderen wichtiger Faktor der Unabhaengigkeitsbestrebungen stellte die >Mecklenburg-Deklaration< dar. Sie stammt von den Schottisch-Irischen Presbyterianern North Carolinas. Sie datiert sich auf den 20. Mai 1775, etwas mehr als ein Jahr vor der Unabhaengigkeitserklaerung des Kongresses. Sie stellte einen frischen, herzlichen Gruss der Schotten und Iren an ihre kaempfenden Brueder im Norden und damit eine entschiedene Herausforderung an die Krone Englands dar. Diese hatten den Verlauf der Kaempfe zwischen den Kolonien und der Krone scharf beobachtet, und als sie davon hoerten, dass der Kongress dem Koenig von England die Unabhaengigkeit der Kolonien erklaert hatte, erachteten sie es an der Zeit, ihren Patriotismus gebuehrend zum Ausdruck zu bringen. In Charlotte (North Carolina) beriefen sie einige Volksvertreter, die mit einhelligem Beschluss die Unabhaengigkeit des Volkes verkuendeten und alle Gesetze und Beschluesse der englischen Krone als null und nichtig erklaerten. In ihrer Erklaerung fanden sich Resolutionen wie diese: >Hiermit loesen wir die politischen Bande, die uns mit unserem Mutterland verbinden und verweigern kuenftig jegliche Gefolgschaft gegenueber der Britischen Krone. ... Hiermit erklaeren wir uns als freies und unabhaengiges Volk, und damit erklaeren wir auch unsere politische Selbstbestimmung, die fuerderhin keiner anderen Macht und Kontrolle untersteht als der unseres Gottes und der Generalversammlung des Kongresses: Zur Erhaltung versprechen wir einander die gegenseitige Unterstuetzung mit Einsatz unseres Lebens, unseres Gluecks und unserer heiligsten Ehre<. ... Diese Versammlung bestand aus 27 gestandenen Calvinisten; ein drittel diese Leute waren Aufseher in der Presbyterianischen Kirche, darunter der Praesident und der Sekretaer und auch ein Presbyterianischer Geistlicher. Der Sekretaer der Volksvertreter, der dieses beruehmte Dokument aufgesetzt hatte, war Ephraim Brevard, ein leitender Aeltester der Presbytrianischen Kirche und Absolvent des Princeton Colleges. Bancroft berichtet ueber diese Deklaration, sie sei >praktisch nicht nur Erklaerung, sondern Regierungsprogramm< gewesen. [332] Ein spezieller Bote ueberbrachte sie [die Deklaration] dem Kongress nach Philadelphia. Sie wurde im >>Cape Fear Mercury<< veroeffentlicht und wurde auf diese Weise im ganzen Land schnell bekannt. Sehr rasch gelangte sie auch nach England; dort sorgte sie fuer grosse Aufregung. >>Die gedankliche Einheit des Ausdrucks dieser Erklaerung mitsamt jener, die Jefferson verfasst hatte, konnte dem Auge der Geschichte nicht verborgen bleiben. Tucker sagte in seinem Buch >The Life of Thomas Jefferson<: >Jedermann war ueberzeugt, dass eine Deklaration von der anderen abgeschrieben war.< Nun kann Brevard nicht von Jefferson abgeschrieben haben, denn er hatte das Dokument ja einige Jahre vorher verfasst. Daher muss nach Jeffersons Biographen dieser von Brevard >kopiert< haben. Welch gluecklichen Umstand stellt dieses Plagiat aber dar -- die Welt vergibt ihm gerne. An wenigen Stellen kann man noch sehen, wie Jefferson den Wortlaut seines ersten Entwurfes ausgebessert hat -- zugunsten des Wortlautes der Mecklenburg-Deklaration. Niemand kann daran zweifeln, dass Jefferson Brevards Resolutionen vor sich liegen hatte, als er die unsterbliche Unabhaengigkeitserklaerung verfasste.<< [333] Die auffallende Aehnlichkeit der Prinzipien der Presbyterianischen Kirche und der Verfassung der Vereinigten Staaten hat viel Echo bewirkt. Dr. E. W. Smith schreibt: >>Als die Vaeter unserer Republik sich zusammensetzten, um ein Regierungssystem auszuarbeiten, das sich auf Volk und Volksvertreter stuetzt, haben sie sich bei weitem nicht so schwer getan, wie einige geglaubt haben. Sie hatten ja bereits ein probates Modell vorliegen.<< [334] >>Wenn man den durchschnittlichen Amerikaner fragte, wer Amerika eigentlich gegruendet hat, wer der eigentliche Kopf hinter unserer grossartigen Republik sei, dann wird er ueber diese Frage einigermassen verbluefft sein. Wir koennen uns leicht vorstellen, wie verwundert er waere, wenn er die Antwort von einem der beruehmtesten deutschen Historiker, Ranke, hoerte, der sagte: >Der eigentliche Gruender Amerikas ist Johannes Calvin<<< [335] D'Aubigne, dessen Geschichte der Reformation als Klassiker gilt, schreibt: >>Calvin war der Gruender der grossartigsten aller Republiken. Die Pilger, die ihr Land unter der Herrschaft James. I verliessen, um am unfruchtbaren Boden Neuenglands anzukommen, haben einwohnerstarke und maechtige Kolonien gegruendet. Sie waren Calvins rechtmaessige Nachkommen; die amerikanische Nation, die wir so schnell haben wachsen sehen, ruehmt sich ihres Vaters, des bescheidenen Reformators von der Kueste des Genfersees.<< [336] Dr. E. W. Smith schreibt: >>Die revolutionaeren Prinzipien republikanischer Freiheit und Selbstbestimmung, wie sie im System Calvins verkoerpert sind und gelehrt wurden, sind nach Amerika gekommen, und welche Haende haben diese Saat in das neue Land gebracht, das eine solch grosse Ernte hervorgebracht hat? -- Es waren die Haende der Calvinisten. Die lebendige Beziehung Calvins und seines Lehrgebaeudes zur Gruendung jenes freien Amerika ist trotz der verblueffenden Aussage Rankes von Historikern aller Laender und Glaubensrichtungen zugegeben und bestaetigt worden.<< [337] Die geschilderten Tatsachen hat auch ein so philosophischer Historiker wie Bancroft durchaus verstanden und freimuetig anerkannt; Bancrofts Ueberzeugungen standen dem Calvinismus nicht nahe, trotzdem nannte er Calvin >>den Vater Amerikas<<. Er fuegte hinzu: >>Wer den Einfluss Calvins auf die Gruendung Amerikas nicht erkennt und schaetzt, der weiss wohl nur wenig ueber den Ursprung der amerikanischen Freiheit.<< [338] Wenn wir uns daran erinnern, dass zwei Drittel der Bevoelkerung zur Zeit der Revolution in der Schule Calvins erzogen worden waren; wenn wir bedenken, mit welcher Einmuetigkeit und mit welchem Enthusiasmus sich die Calvinisten fuer die Unabhaengigkeit eingesetzt hatten, dann erkennen wir die Wahrheit der angefuehrten Zitate. Der Methodismus existierte zur Zeit der amerikanischen Revolution noch gar nicht, und selbst in England organisierte sich die Methodistenkirche erst um 1784, drei Jahre nach der Beendigung der Revolution in Amerika. Selbst John Wesley, dieser grossartige Mann, war ein Tory [339] und vertrat die Politik Englands. Er schrieb gegen die amerikanische >>Rebellion<< an, begruesste aber deren Resultate. McFetridge berichtet uns: >>Als die Kriege begannen, hatten die Methodisten kaum Wurzeln in den Kolonien geschlagen. 1773 zaehlten sie etwa einhundertsechzig Mitglieder. Ihre Geistlichen kamen beinahe alle aus England; sie waren ergebene Diener der Krone und Gegner der amerikanischen Unabhaengigkeit. Als der Krieg ausbrach, waren sie gezwungen, zu fliehen. Ihre politischen Ansichten stimmten naturgemaess mit denen ihres grossen Fuehrers, John Wesley, ueberein, der die ganze Kraft seiner Eloquenz und all seinen Einfluss darauf verwandte, gegen die Unabhaengigkeit der Kolonien zu wettern (Bancroft, Hist. U.S., Bd. 7, S. 261.). Er sah nicht voraus, dass gerade das unabhaengige Amerika das Feld werden wuerde, das seiner Glaubensgemeinschaft die groesste Ernte einbringen wuerde und dass gerade jene Erklaerung [340] , die er so ernsthaft bekaempfte, die Freiheit seiner Anhaenger erst garantierte.<< [341] Die grossen Kaempfe Englands und Amerikas um zivile und religioese Freiheit wurden vom Calvinismus begonnen, inspiriert und hauptsaechlich auch von Calvinisten ausgefochten. Weil die grosse Mehrheit der Historiker die Geschichte des Calvinismus vernachlaessigt hat, hat sie uns auch nicht zeigen koennen, welch grossen Einfluss der Calvinismus auf jene Laender gehabt hat. Das Licht geschichtlicher Forschung wird noetig sein, uns zu zeigen, wie sehr unsere Vorvaeter an den Calvinismus geglaubt hatten und auch von ihm bestimmt worden sind. Heutzutage ist beinahe vergessen, was die Gruendung dieses Landes dem Calvinismus verdankt, und es faellt schwer, von diesem Thema zu sprechen, ohne den Calvinismus dabei zu preisen. Wir tun gut daran, jenes Glaubenssystem zu ehren, das solch suesse Fruechte hervorgebracht hat und dem Amerika so viel schuldet! __________________________________________________________________ [320] Hist. U. S., Bd. 1., S. 463. [321] Quelle nicht angegeben. [322] Presbyterians and the Revolution, S. 49. [323] Quelle nicht angegeben. [324] Scotch and Irish Seeds in American Soil, S. 334. [325] Philip Schaff, Creeds of Christendom, S. 219. [326] Harpers Monthly, June and July, 1872. [327] Motley, The United Netherlands, Bd. 3, S. 121; Bd 4., S. 548, 547. [328] English Literature, Bd. 2., S. 472. [329] Gemeint ist die demokratisch-republikanische Partei Thomas Jeffersons, aus der spaeter die heutige, demokratische Partei hervorging (A. d. Ue.). [330] Aus einer Ansprache: The Westminster Standards and the Formation of the American Republic. [331] Bancroft, A History of the United States, Bd. 10., S. 77. [332] Ebd., Bd. 8, S. 40. [333] McFetridge, Calvinism in History, S. 85-88. [334] Smith, The Creed of Presbyterians, S. 142. [335] Ebd., S. 119. [336] Jean Henri Merle D'Aubigne, Reformation in the Time of Calvin, Bd. 1., S. 5. [337] Smith, The Creed of Presbyterians, S. 132. [338] Quelle nicht angegeben. [339] Die Tories waren entweder Mitglieder der konservativen Partei des britischen Parlaments oder zumindest Anhaenger oder Sympathisanten. Sie setzten sich fuer die Rechte der Krone und der anglikanischen Kirche ein. Der Name Tory leitet sich vom irischen toraidhe, Raeuber, her, da sich die Anhaenger der anglikanischen Kirche zeitweise in den Suempfen Irlands verstecken mussten, weil man sie enteignet hatte. Dort beraubten sie Durchreisende. Letzteres trifft freilich nicht auf John Wesley zu (A. d. Ue.). [340] Gemeint ist die Unabhaengigkeitserklaerung (A. d. Ue.). [341] McFetridge, Calvinism in History, S. 74. __________________________________________________________________ 8) Calvinismus und Regierungsvertretung Obgleich es keine organische Verbindung zwischen der zivilen und der Religionsfreiheit gibt, ueben sie dennoch einen starken Zug aufeinander aus; wo die eine Freiheit fehlt, verschwindet bald auch die andere. Die Geschichte gibt genugsam Zeugnis davon, wie sehr die Freiheit von der Religion eines Volkes abhaengt, daher ist es auch so immens wichtig, auf welchen Lehren ein System aufgebaut ist, welchen Prinzipien man folgt -- diese Dinge sind die Basis, auf der Leben und Regierung der Buerger fusst. Der Calvinismus war revolutionaer. Er predigte die Gleichheit der Menschen; seine wesentliche Tendenz ging darauf aus, alle Unterschiede von Rang und Anspruch einzuebnen, die sich etwa auf Wohlstand oder Adel gruenden wollten. Die freiheitsliebende Seele des Calvinisten hat ihn zu einem Kreuzritter gegen diese kuenstlichen Rangunterschiede gemacht, die einige Menschen ueber andere erheben. Politisch gesehen ist der Calvinismus wohl die Hauptquelle moderner Volksregierung. Calvinismus und Republikanismus beziehen sich aufeinander wie Ursache und Wirkung; ist ein Volk von dem einen bestimmt, entwickelt es frueher oder spaeter den anderen. Calvin war davon ueberzeugt, dass eine Kirche unter Gott eine geistliche Republik darstellt; er selbst war theoretisch gesehen ein Republikaner. James I. wusste sehr wohl um die Auswirkungen des Calvinismus, als er sagte: >>Der Presbyterianismus stimmt der Monarchie so sehr zu wie Gott dem Teufel.<< Bancroft spricht vom >>politischen Charakter des Calvinismus, den die Monarchen jener Zeit instinktiv und einstimmig fuerchteten wie den Republikanismus.<< [342] Ein anderer amerikanischer Historiker, John Fiske, hat geschrieben: >>Man darf keinesfalls unterschaetzen, was die Menschheit Calvin verdankt. Der geistliche Vater Colignys, Williams des Schweigers und Cromwells nimmt eine Vorrangstellung unter den Meistern moderner Demokratie ein. ... Die Verkuendigung dieser Theologie war einer der groessten Schritte, die die Menschheit in Richtung persoenlicher Freiheit je unternommen hat.<< [343] Emilio Castelar, der Anfuehrer der spanischen Liberalen, hat gesagt, die >>angelsaechsische Demokratie ist das Produkt einer ernsten Theologie, die aus den Staedten Hollands und der Schweiz stammt.<< Buckle wiederum sagt in seiner Kulturgeschichte: >>Der Calvinismus ist von seinem Wesen her demokratisch.<< [344] Und de Tocqueville, jener faehige Autor in politicis, nennt ihn >>eine demokratische und republikanische Religion.<< [345] Der Calvinismus hat seine Anhaenger nicht nur mit dem Geist der Freiheit durchdrungen, sondern trainierte sie geradezu auf die Rechte und Pflichten des freien Mannes. Es war jeder Versammlung selbst ueberlassen, sich ihre eigenen Aufseher zu erwaehlen und die eigenen Angelegenheiten zu regeln. Fiske nannte den Calvinismus >>eine der effektivsten Lehren, die den Menschen in Sachen oertlicher Selbstbestimmung zu Hilfe kamen.<< [346] Geistige Freiheit ist die Quelle der Kraft aller anderen Freiheiten, daher ist es nicht verwunderlich, wenn jene Freiheit, die in kirchlichen Kreisen herrschte, hernach auch zur politischen Freiheit gefuehrt hat. Man entschied sich instinktiv fuer die Regierungsvertretung und wehrte sich hartnaeckig gegen jeden ungerechten Fuehrer. Wenn der religioese Despotismus ueberwunden ist, kann sich auch der zivile nicht lange halten. Man kann sagen, dass die geistliche Republik, die Calvin geschaffen hatte, auf vier Prinzipien beruhte. Der wichtige Staatsmann Sir James Stephen hat sie folgendermassen zusammengefasst: >>Erstens: Der Wille des Volkes ist die einzige Legitimation eines Herrschers. Zweitens: Die Macht geht vom Volk aus, dessen Herrscher gewaehlt sind. Jeder erwachsene Mann ist wahlberechtigt. Drittens: Was die Kirchenleitung betrifft, teilen sich Geistliche und Laien die Autoritaet. Viertens: Zwischen Kirche und Staat besteht keinerlei Allianz oder gegenseitige Abhaengigkeit oder auch nur sonst eine Beziehung, weder notwendigerweise noch gerechterweise.<< [347] Das Prinzip der absoluten Herrschaft Gottes erweist sich als aeusserst wichtig, wenn es auf Regierungsangelegenheiten angewendet wird. Gott ist als absoluter Herrscher mit Souveraenitaet bekleidet; welche Herrschergewalt auch immer ein Mensch erlangt -- sie ist ihm gnaedigerweise von Gott verliehen. Die Heilige Schrift war letztgueltige Autoritaet, da sie die ewigen Prinzipien enthaelt, die allen Zeiten und allen Voelkern gelten. Die Heilige Schrift erklaert den Staat zu einer Institution, wie Gott selbst sie aufgestellt hat: >>Ein jeder soll sich der obrigkeitlichen Gewalt unterordnen! Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; die da bestehen, sind von Gott angeordnet. Wer sich daher gegen die staatliche Gewalt auflehnt, lehnt sich gegen die Anordnung Gottes auf; wer sich aber gegen diese auflehnt, zieht sich das Gericht zu. Denn die Regierenden sind nicht ein Schrecken fuer gute, sondern fuer schlimme Taten. Willst du vor der Staatsgewalt ohne Furcht sein, so tue das Gute, und du wirst Anerkennung bei ihr finden. Sie ist ja Gottes Dienerin zu deinem Besten. Tust du aber Boeses, so fuerchte sie; denn sie traegt nicht umsonst das Schwert. Denn Gottes Dienerin ist sie, Raecherin zum Zorngericht fuer den, der Boeses tut. Deshalb ist es noetig, sich ihr unterzuordnen, nicht nur um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Aus diesem Grund entrichtet ihr ja auch Steuern. Sie sind Gottes Diener, die staendig auf dieses bedacht sind. So gebt jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, wem Steuer, Zoll, wem Zoll, Furcht, wem Furcht, Achtung, wem Achtung gebuehrt<< (Roem 13,1-7). Von keinem Regierungssystem, egal ob Demokratie, Republik oder Monarchie, glaubte man, dass es fuer eine bestimmte Zeit oder ein bestimmtes Volk verordnet war, obgleich der Calvinismus den republikanischen Typ bevorzugt hat. So sagt Meeter: >>Egal, welche Regierungsform, ob Monarchie, ob Demokratie oder auch eine andere Form: in jedem Fall sollte der Herrscher (oder die Herrscher) als Gottes Abgeordneter oder Vertreter handeln und alle Regierungsangelegenheiten in Uebereinstimmung mit Gottes Gesetz bringen. Dieser fundamentale Grundsatz war gleichzeitig der hoechste Anreiz fuer Recht und Ordnung unter den Buergern. Die Buerger sollten sich um Gottes Willen den Obrigkeiten unterordnen, welche immer das auch waren. So sorgte der Calvinismus stets fuer ein stabiles Regierungssystem. ... Andererseits diente die Lehre von der Souveraenitaet Gottes als maechtige Verteidigungsfront fuer die Freiheit des Einzelnen gegen die Willkuerherrschaft eines Tyrannen. Immer, wenn ein Herrscher den Willen Gottes ignorierte und tyrannisch die Rechte der Buerger mit Fuessen trat, war es das Privileg und die Pflicht des Volkes, in Anbetracht der noch groesseren Verantwortung vor dem hoechsten Gott, dem Herrscher den Gehorsam zu verweigern und diesen Herrscher noetigenfalls abzusetzen, denn Gott hat die Regierung dazu eingesetzt, dass sie die Rechte der Buerger schuetzen soll.<< [348] Der calvinistische Ansatz bezueglich Regierung und Herrscher ist von J. C. Monsma im folgenden erhellenden Artikel sehr geschickt dargestellt: >>Gott institutionalisiert die Regierung mit Hilfe des ganzen Volkes. Kein Kaiser oder Praesident hat seine Macht oder Souveraenitaet aufgrund seiner Identitaet, welche Macht auch immer er besitzen oder ausueben mag, sondern alle Macht bezieht er von der allerhoechsten Macht ueber ihm. Nicht Macht, sondern Recht entspringt der ewigen Quelle der Gerechtigkeit. Dem Calvinisten faellt der Gehorsam gegenueber den Gesetzen und Anordnungen der Regierung nicht schwer. Wenn die Regierung sich einzig aus Menschen zusammensetzte, die sich darum kuemmerten, die Wuensche der Mehrheit umzusetzen, so kaeme seine friedliebende Seele in Aufruhr. So aber steht fuer ihn hinter jeder Regierung immer noch Gott, vor dem er in groesster Hochachtung seine Knie beugt. Diesem Umstand verdankt sich auch die tiefe, ja beinahe fanatische -- und politische -- Freiheitsliebe des Calvinisten; sie war immer schon kennzeichnendes Merkmal eines echten Calvinisten. Die Regierung ist Gottes Diener. Als Menschen stehen alle Regierungsmitglieder auf einer Stufe mit den Buergern; sie haben keinerlei Vorzug, und aus genau diesem Grund zieht der Calvinismus auch die republikanische Form der Regierung jeder anderen Regierungsform vor. In keiner anderen Regierungsform findet die Souveraenitaet Gottes, die davon abgeleitete Regierungsform und die Gleichheit der Menschen untereinander einen klareren und eloquenteren Ausdruck.<< [349] Die calvinistische Theologie verherrlicht nur einen einzigen Souveraen; alle anderen Herrscher muessen sich dessen gewaltiger Majestaet beugen. Ein goettliches-koenigliches Gebot oder etwa unfehlbare Beschluesse von Paepsten konnten sich unter einem Volk, das Gott allein die Souveraenitaet zuschreibt, nicht lange halten. Doch waehrend diese Theologie Gott als den allmaechtigen und unumschraenkten Herrscher ueber Himmel und Erde betont und alle Menschen sich vor diesem Herrscher beugen laesst, richtet sie gleichzeitig die Wuerde des Menschen auf und lehrt ihn, dass alle Menschen gleich seien. [350] Der Calvinist fuerchtete Gott, und das bedeutete: er fuerchtete sonst niemand. Er wusste sich von Ewigkeit her erwaehlt und fuer die Herrlichkeit des Himmels bestimmt; er hatte etwas, was sein Gefuehl fuer Huldigung gegenueber dem Menschen nach und nach verblassen liess und das das Licht menschlicher Herrlichkeit stark daempfte. Wenn auch eine stolze Aristokratie ihren Stammbaum ueber Generationen auf hohe Abstammung zurueckfuehrte, so wies der Calvinist mit edlem Stolz auf seine noch viel hoehere Herkunft hin: auf das Buch des Lebens, in dessen Seiten sein Name von Ewigkeit her vom Koenig aller Koenige eingeschrieben steht. Als Gottes Soehne und Priester waren sie des Himmels Adel, der ueber jede irdische Abkunft weit hinausgeht; sie waren Miterben Christi, Koenige und Gottes Priester, und dies durch einen goettlichen Segen und die Heiligung. Pflanze die Wahrheit der Souveraenitaet in das Herz eines Menschen, so staehlst du sein Blut. Der reformierte Glaube hat dem Menschen einen ueberaus grossen Dienst erwiesen, als er ihm seine Rechte erklaerte. In auffallendem Kontrast zu den demokratischen und republikanischen Tendenzen, wie sie einem reformierten Glauben innewohnen, sehen wir im Arminianismus eine betont aristokratische Tendenz. In der Presbyterianischen Kirche als auch in der Reformierten Kirche zaehlen die Stimmen der Aeltesten bei der Wahl zum Presbyterium, einer Synode oder einer Generalversammlung soviel wie die Stimme des Pastors, doch in arminianischen Kirchen befindet sich die Macht hauptsaechlich in den Haenden der Geistlichen; die Laien haben wenig Autoritaet. Bischofsaemter verlangen strenge Hierarchie. Der Arminianismus und der roemische Katholizismus (ein praktizierter Arminianismus) gedeihen in Monarchien; in einer solchen Umgebung fuehlt sich der Calvinismus eingeengt. Auf der anderen Seite gedeiht der roemische Katholizismus in einer Demokratie nur wenig, wogegen sich der Calvinismus dort zu Hause fuehlt. Aristokratische Avancen innerhalb der Kirchenhierarchie beguenstigen eine Monarchie; ein republikanisches Kirchenverstaendnis dagegen die Demokratie. So sagt McFetridge: >>Der Arminianismus ist der buergerlichen Freiheit so wenig foerderlich wie der Calvinismus der Despotie. Die Despoten der Vergangenheit haben scharf ueber diese Voraussetzungen gewacht; sie verlangten die goettlichen Rechte eines Koenigs und fuerchteten den Calvinismus so sehr wie den Republikanismus.<< [351] __________________________________________________________________ [342] Quelle nicht angegeben. [343] John Fiske, Beginnings of New England, S. 58. [344] Henry Thomas Buckle, History of Civilization in England, 2 Bde., J. W. Parker & Son: London 1857-1861, Bd. 1, S. 699. [345] Alexis Tocqueville, Ueber die Demokratie in Amerika. [346] The Beginnings of New England, S. 59. [347] James Stephen, Lectures on the History of France, S. 415. [348] H. H. Meeter, The Fundamental Principles of Calvinism, S. 92. [349] John Clover Monsma, What Calvinism Has Done for America, S. 6. [350] Gemeint ist die Gleichheit des Rechts (A. d. Ue.). [351] McFetridge, Calvinism in History, S. 21. __________________________________________________________________ 9) Calvinismus und Erziehung Die Geschichte beweist wiederholt, dass Calvinismus und Erziehung eng zusammenhaengen: Ueberall wo der Calvinismus seine Schulen unterhielt, draengte er nach allgemeiner Schulbildung. Der Calvinismus ist ein Lehrgebaeude, das den Verstand erwachsen werden lassen will. Es darf gesagt werden, dass die Existenz des Calvinismus wesentlich mit der Bildung eines Volkes verknuepft ist. Es ist schon einiges an Verstaendnis noetig, um das Lehrgebaeude zu verstehen und um zu begreifen, was dieses System mit sich bringt. Es fordert die menschliche Vernunft auf das Hoechste heraus und betont den Umstand, dass der Mensch Gott nicht nur von ganzer Seele lieben muss, sondern auch mit ganzem Verstand. Calvin stand dafuer ein, dass >>ein wahrer Glaube auch ein intelligenter Glaube sein muss<<; die Erfahrung hat gezeigt, dass Froemmigkeit ohne Bildung genauso gefaehrlich ist wie Bildung ohne Froemmigkeit. Er sah ganz klar, dass die Annahme und Verbreitung seines Entwurfs nicht nur auf der Ausbildung derer beruhte, die das System anderen erklaeren sollten, sondern auch von der Intelligenz all derer, denen es beigebracht werden sollte. Calvin kroente sein Werk mit der Gruendung der Genfer Akademie. Tausende Schueler aus dem europaeischen Kontinent und den britischen Inseln sassen zu seinen Fuessen und trugen seine Lehre in jede Ecke des Christentums. Knox kehrte aus Genf mit der Ueberzeugung zurueck, dass die Bildung der Massen nicht nur das staerkste Bollwerk des Protestantismus sei, sondern auch das sicherste Fundament des Staates. >>Mit dem roemischen Katholizismus kommt der Priester, mit dem Calvinismus der Lehrer<< -- dies ist das alte Sprichwort, dessen Wahrheit von keinem Kenner der Fakten geleugnet werden wird. Die calvinistische Vorliebe zum Studium, die den Verstand hoeher ansetzt als das Geld, hat zahllose Familien Schottlands, Englands, Hollands und Amerikas inspiriert, sich das Letzte abzufordern, ihre Kinder ausbilden zu lassen. Das beruehmte Diktum Carlyles: >>Dass auch nur ein Mensch, der die Moeglichkeit zum Wissen besitzt, unwissend stirbt, nenne ich eine Tragoedie<< verleiht einer Idee Ausdruck, die bis in den Kern calvinistisch ist. Wo immer der Calvinismus auftauchte, ermutigte er Wissen und Studium und brachte handfeste Denker hervor. Die Calvinisten moegen keine Erbauer grosser Kathedralen sein, doch sie gruendeten Schulen, Kollegs und Universitaeten. Die Puritaner Englands, die Covenanters Schottlands, die Reformierten Hollands und Deutschlands brachten nicht nur Bibel und Westminster-Bekenntnis nach Amerika mit, sondern auch die Schule. Das ist auch der Grund, weshalb unser amerikanischer Calvinismus niemals die mickrigen Haende der Skeptiker fuerchtete, wenn neben seiner Schule der Kirchturm aufragt, noch sich vor den verblendeten Ansichten aengstigt, wenn neben seiner Kirche eine Schule steht. [352] Die drei historisch wichtigsten Universitaeten Amerikas, Harvard, Yale und Princeton, wurden urspruenglich von Calvinisten als Schulen mit stark calvinistischer Praegung gegruendet. Sie waren dazu da, ihren Studenten eine gesunde Basis der Theologie und anderen Disziplinen zu vermitteln. Harvard, gegruendet 1636, war urspruenglich eine Pfarrerschule; mehr als die Haelfte der Graduierten wurden Geistliche. Yale, manchmal auch >>die Mutter der Hochschulen<< genannt, war fuer einen beachtlichen Zeitabschnitt eine puritanische Institution. Princeton, das von schottischen Presbyterianern gegruendet worden war, hatte eine calvinistische Basis. Bancroft notiert: >>Wir ruehmen uns unserer allgemeinen Schulen; Calvin war der Vater der allgemeinen Schulbildung -- der Erfinder des freien Schulsystems.<< [353] An einer anderen Stelle schreibt er: >>Wo immer der Calvinismus herrschte, beschwor er die Intelligenz fuer das Volk; in jeder Gemeinde war er bemueht, eine Schule zu errichten.<< [354] >>Unser vielgeruehmtes Schulsystem verdankt seine Existenz dem Einfluss vom Genf Calvins -- durch Schottland und Holland ist es nach Amerika gelangt. Die ersten beiden Jahrhunderte unserer Geschichte lang war beinahe jede Hochschule und jedes Seminar, jede Akademie und jede Schule von Calvinisten erbaut und unterhalten worden.<< [355] Die enge Beziehung zwischen Calvinismus und Bildung hat Prof. H. H. Meeter vom Calvin-College geschildert: >>Wissenschaft und Kunst sind Gaben der Gnade Gottes und muessen als solche erkannt und entwickelt werden. Die Natur ist die Handwerkskunst Gottes, die Verkoerperung seiner Gedanken und die Reflexion seiner Wirksamkeit in ihrer reinsten Form. Gott ist der grosse, einigende Gedanke hinter aller Wissenschaft, denn alles ist Teil seines Plans. Neben dieser theoretischen Betrachtung gibt es ganz praktische Gruende fuer das Interesse des Calvinismus an der Bildung, weswegen nicht nur Grundschulen, sondern alle Arten von Lehranstalten dort entstanden, wo der Calvinismus seine Kirche baute. Dies ist es auch, weshalb der Calvinismus eine solche Vorreiterrolle im modernen allgemeinem Interesse an der Bildung einnimmt. Diese praktischen Gruende gehen Hand in Hand mit seinen Glaubensueberzeugungen. Die roemisch-katholische Kirche mag ganz bequem ohne Erziehung der Massen auskommen. Fuer sie entscheidet der Klerus, nicht der Laie ueber Fragen der Kirchenleitung und der Lehre. Ein solches Verfahren braucht keine gebildeten Massen. Alles was der Laie dort noetig hatte, war, dem zuzustimmen, was seine Kirche lehrte. Es war nicht vonnoeten, dass der Einzelne die Lehren verstand, die seinem Glauben zugrunde lagen. Waehrend des Gottesdienstes waren nicht die Predigten, sondern die Sakramente die Befoerderer des Heilssegens; die Predigt war von nur geringem Wert. Die Verleihung eines Sakraments aber bedurfte keines Verstehens, denn es wirkte aus sich heraus (ex opere operato). Im Calvinismus funktioniert das aber genau umgekehrt. Die Kirchenleitung liegt in den Haenden von Laien-Aeltesten. Diese entschieden ueber Angelegenheiten der Leitung und ueber die Wichtigkeit der Lehre. Darueber hinaus war es die schwerwiegende Pflicht des Laien, sein eigenes Heil ohne priesterlichen Auftrag selbst zu bewirken -- die Uebereinstimmung mit dem, was seine Kirche glaubt, ist dem Calvinisten entschieden zu wenig. Er muss seine Bibel selbst lesen, sein Glaubensbekenntnis selbst kennen. Dieser Umstand war sehr bedeutsam. Sogar fuer die Lutheraner nahm die allgemeine Bildung nicht den Stellenwert ein, den sie im Calvinismus hat. Zwar: auch das Luthertum hielt jedem einzelnen Menschen seine persoenliche Verantwortung vor, fuer sein eigenes Heil zu sorgen. Doch war der Laie in lutherischen Kreisen ebenso von der Kirchenleitung ausgeschlossen und hatte in Bezug auf die Lehre nichts zu sagen. Aus diesen Betrachtungen wird klar, weshalb der Calvinist ein solch ergebener Verfechter der Bildung sein musste. Wenn Gott auf der einen Seite die Wissenschaften beherrscht und wenn das calvinistische Lehrsystem die Bildung der Massen braucht, um ueberhaupt existieren zu koennen, dann sollte es nicht verwundern, dass der Calvinist alles daran setzte, so viel wie moeglich in Erfahrung zu bringen. Bildung ist eine Voraussetzung fuer die Existenz des Calvinismus.<< [356] Die traditionell hohen Massstaebe der Presbyterianischen und Reformierten Kirchen, was die Ausbildung zum Geistlichen betrifft, sind bemerkenswert. Waehrend viele andere Kirchen Maenner zum geistlichen Dienst ordinieren oder Missionare aussenden und ihnen erlauben, ohne viel Bildung zu predigen, bestehen die Presbyterianischen und Reformierten Kirchen darauf, dass der Anwaerter auf ein geistliches Amt einen Studienabschluss hat und mindestens zwei Jahre lang unter einem anerkannten Professor der Theologie studiert hat (Form of Government, Ch . XIV, sec . III & VI). Dadurch ist die Mehrzahl nachmals auch in die Lage versetzt worden, die Angelegenheiten der einflussreicheren Kirchen in den Staedten zu regeln. Das fuehrt vielleicht zu einer geringeren Anzahl der Geistlichen, aber es bedeutet auch bessere Vorbereitung und Bezahlung der Einzelnen. __________________________________________________________________ [352] Im Original in Gedichtform: >>Dreads the skeptics puny hands, / While near her school the church spire stands, / Nor fears the blinded bigots rule, / While near her church spire stands a school<< (A. d. Ue.). [353] Bancroft, Miscellanies, S. 406. [354] Bancroft, Hist. Of U. S., II., S. 463. [355] Smith, The Creed of Presbyterians, S. 148. [356] H. Henry Meeter, The Fundamental Principles of Calvinism, S. 96-99. __________________________________________________________________ 10) Johannes Calvin Johannes Calvin wurde am 10. Juli 1509 in Noyon (Frankreich) geboren, einer alten Domstadt etwa hundert Kilometer nordoestlich von Paris. Sein Vater, ein Mann von eher duesterem Charakter, war Generalprokurator des Domkapitels von Noyon und damit ein enger Vertrauter der besten Familien der Nachbarschaft. Seine Mutter war fuer ihre Schoenheit und Froemmigkeit bekannt. Sie verstarb noch waehrend seiner Jugendzeit. Er genoss die beste Ausbildung, die Frankreich zu jener Zeit zu bieten hatte; er studierte nacheinander an den drei fuehrenden Universitaeten Frankreichs: Orleans, Bourges und Paris (von 1528 bis 1533). Sein Vater wollte fuer seinen Sohn das Studium der Rechte, da dies mit Wohlstand und Ansehen verbunden war. Calvin fuehlte sich aber zum Studium der Theologie hingezogen und widmete sich noch in fruehen Jahren diesem Studium; dort fand er jenen Arbeitsbereich, der seinen natuerlichen Begabungen und seiner persoenlichen Wahl entsprach. Es heisst, er war scheu und zurueckhaltend, sehr lernbegierig und in seiner Arbeit puenktlich; von starkem Pflichtgefuehl angetrieben, war er sehr religioes. Sein logisches Talent, das sich in seiner klaren Ausdrucksweise und seiner ueberzeugenden Argumentierkunst zeigte, wurde schon sehr bald bemerkt. Sein Fleiss erwarb ihm bald grosses Wissen, wenn auch zulasten seiner Gesundheit. Er lernte so schnell, dass ihm schon sehr bald eine Professur angeboten wurde; seine Kommilitonen hielten ihn eher fuer einen Lehrer als fuer einen der ihren. Zu dieser Zeit war er ein aufrichtiger, unbescholtener Katholik. Als er sich dem Protestantismus zuwandte, eroeffneten sich ihm glaenzende Karrieremoeglichkeiten als Humanist, Anwalt oder als Geistlicher; es wurde ihm allerdings auch das Los einer armen, verfolgten Minderheit zuteil. Ohne dies angestrebt zu haben, ja, gegen seinen eigenen Wunsch sogar wurde Calvin der Kopf der evangelischen Partei in Paris, weniger als ein Jahr nach seiner Bekehrung. Sein profundes Wissen und sein gesetztes Auftreten beeindruckte viele sehr stark. Er blieb zwar noch in der katholischen Kirche und hoffte, sie statt von aussen von innen her reformieren zu koennen. Schaff erinnert daran, dass >>alle Reformatoren innerhalb der katholischen Kirche geboren, getauft, konfirmiert und ausgebildet worden waren. Wie auch die Apostel beschnitten und in der Synagoge gelehrt worden waren, die sie nachmals ausgestossen hatte, so verstiess auch die katholische Kirche die Reformatoren.<< [357] Ernst und der Eifer des neuen Reformators blieben nicht lange unangefochten, so dass Calvin bald um sein Leben fuerchten musste. Der Kirchenhistoriker Philip Schaff schildert seine Flucht aus Paris: >>Nicholas Cop, der Sohn eines angesehenen Physikers (William Cop aus Basel) und Freund Calvins wurde am 10. Oktober 1533 zum Rektor der Universitaet gewaehlt. Er hielt die uebliche Antrittsrede zu Allerheiligen am 1. November vor einer grossen Versammlung der Mathurins-Kirche. Diese Rede, die man vom neuen Rektor erwartete, hatte Calvin ausgearbeitet. Sie war ein einziges Plaedoyer fuer die Reformation auf der Basis des Neuen Testaments und stellte eine gewagte Attacke gegen die scholastischen Theologen seiner Zeit dar, vor Sophisten ohne die Kenntnis des Evangeliums. ... Die Sorbonne und das Parlament stuften diese Rede als Kriegserklaerung gegen die katholische Kirche ein und uebergaben sie den Flammen. Cop wurde gewarnt und floh zu seinen Verwandten nach Basel (Man bot dreihundert Kronen fuer seine Ergreifung, tot oder lebendig). Calvin, der wahre Autor dieses Unheils, soll aus einem Fenster geflohen sein und als Weinhaendler verkleidet entkommen sein. Die Polizei untersuchte seine Unterkunft und beschlagnahmte seine Schriften. ... Vierundzwanzig unschuldige Protestanten wurden auf oeffentlichen Plaetzen der Stadt im Zeitraum vom 10 November 1534 bis zum 5. Mai 1535 bei lebendigem Leibe verbrannt. ... Viele andere wurden mit einem Bussgeld belegt, andere gefangen genommen und gefoltert und eine betraechtliche Anzahl von ihnen, darunter Calvin und Du Tillet, flohen nach Strassburg. ... Beinahe drei Jahre lang fluechtete Calvin als Evangelist unter verschiedenen Namen in den Sueden Frankreichs, in die Schweiz und nach Italien, bevor er in Genf als seinem letzten Zufluchtsort ankam.<< [358] Kurz danach, wenn nicht sogar noch vorher, erschien die erste Ausgabe seiner Institutio. Im Maerz 1536 ueberquerten Calvin und Louis Du Tillet die Alpen nach Italien, dem Ursprungsort der literarischen und kuenstlerischen Renaissance. Dort wirkte er als Evangelist, bis die Inquisition ihr zerstoererisches Werk begann, indem sie Renaissance und Reformation als zwei miteinander verwandte Schlangen geisselte. Er aenderte daraufhin sein Ziel und reiste wohl durch das Aostatal ueber den Grossen Bernhard in die Schweiz. Von Basel aus besuchte er noch einmal seine Heimatstadt Noyon, um seine Familienangelegenheiten zu bereinigen. Dann verliess er Frankreich fuer immer, in Begleitung seines Bruders Antoine und seiner Schwester Marie. Er hoffte, sich in Basel oder Strassburg niederlassen zu koennen und dort das ruhige Leben eines Gelehrten und Autoren fuehren zu koennen. Es war der Tatsache zu verdanken, dass zwischen Karl V. und Franz I. Krieg herrschte und so die Reiseroute durch Lothringen versperrt war, dass Genf das Ziel seiner Reise wurde. Calvin wollte urspruenglich nur eine einzige Nacht in Genf verbringen, doch die Vorsehung beschloss es anders. Seine Anwesenheit wurde Farel, dem Genfer Reformator, hinterbracht. Der fuehlte instinktiv, dass Calvin der Mann war, die Reformation in Genf abzuschliessen. Schaff hat uns eine gute Beschreibung dieses Treffens hinterlassen: >>Farel sandte sofort nach Calvin und hielt ihn fest, als haette er einen goettlichen Auftrag. Calvin protestierte dagegen und verwies auf seine Jugend, seine mangelnde Erfahrung und seinen Bedarf nach weiterem Studium; er brachte seine Furchtsamkeit und seine Schuechternheit in Anschlag, die ihm einem oeffentlichen Amt abtraeglich zu sein schienen. Doch es war alles umsonst: Farel, >der vor Eifer brannte, das Evangelium zu verbreiten<, bedrohte ihn mit dem Fluch des allmaechtigen Gottes, wenn er seinen Studienwunsch dem Werk des Herrn vorzog, wenn er sein eigenes Interesse der Sache Christi vorordnete. Calvin war von den Worten des furchtlosen Evangelisten zutiefst erschuettert und fuehlte sich, >als habe Gott selbst seine Hand nach ihm ausgestreckt<. Er gab nach und nahm die Berufung als Lehrer und Pastor der evangelischen Kirche Genfs an.<< [359] Calvin war fuenfundzwanzig Jahre juenger als Luther und Zwingli. Er hatte den grossen Vorteil, auf dem Fundament der beiden aufbauen zu koennen. Die ersten zehn Jahre seiner Wirksamkeit fielen mit den letzten zehn Jahren der Wirksamkeit Luthers zusammen. Beide haben sich nie persoenlich gesehen. Calvin war jedoch mit Melanchthon vertraut. Die beiden standen bis zum Tod Melanchthons in regem Briefverkehr. Als Calvin seine Wirksamkeit begann, war noch nicht klar, ob Luther der Held eines grossen Erfolgs oder das Opfer eines grossen Fehlers war. Luther hatte fuer viele neue Ideen gesorgt; Calvins Werk war es, diese Ideen in ein System zu bringen, zu bewahren und damit weiter zu entwickeln, was so ehrenvoll begonnen hatte. Es fehlte der protestantischen Bewegung an Einheit; sie stand in Gefahr, im Treibsand lehrmaessiger Dispute zu versinken und wurde vor diesem Schicksal hauptsaechlich durch die neuen Impulse bewahrt, die vom Genfer Reformator ausgingen. Die katholische Kirche operierte dagegen als eine maechtige Einheit; sie suchte mit allen Mitteln, die protestantischen Gruppen auszurotten, die sich im Norden gebildet hatten. Zwingli erkannte die Gefahr und versuchte, die Protestanten gegen ihren gemeinsamen Feind zu vereinen. Zu Marburg bot er -- nach vielen Bitten und mit Traenen in den Augen, ungeachtet des lehrmaessigen Unterschieds, der im Abendmahlsstreit herrschte -- Luther die Freundeshand an, doch Luther lehnte sie aufgrund seines engen Gewissens ab. Calvin arbeitete in der Schweiz. Er sah die Geschlossenheit der roemischen Kirche und die Notwendigkeit, die Protestanten zusammenzuhalten. Nach England schrieb er Cranmer: >>Ich sehne mich nach einem einzigen Abendmahl mit allen Christen. Wenn ich doch nur von einigem Nutzen sein koennte, ich ueberquerte voll Freude auch zehn Meere, um die Einheit der Christen zu befoerdern.<< Der Einfluss seiner Buecher, Briefe und Studenten wurde sehr bald schon in vielen Laendern deutlich gespuert; dass er die protestantische Bewegung vor dem Untergang gerettet habe, duerfte keine Uebertreibung sein. Dreissig Jahre lang verzehrte sich Calvin, die Reformation voranzutreiben. Reed schreibt: >>Er verlangte sich die letzten Kraefte ab und kaempfte wie nie zuvor. Ohne nachzugeben, litt er mit einer Tapferkeit, die bereit war, jeden Moment fuer dieses Ziel zu sterben. Ohne Zoegern vergoss er buchstaeblich einen Tropfen seines Lebens nach dem anderen, um dieses Ziel zu erreichen. Die Geschichte wird sich vergeblich nach einem Mann umsehen, der sich so vorbehaltlos und mit groesserer Verbissenheit und Selbstaufgabe einer Sache geopfert hat wie Calvin fuer die Reformation im 16. Jahrhundert.<< [360] Vielleicht ist kein Diener Christi seit den Tagen der Apostel so viel geliebt und gehasst, bewundert und verabscheut, gepriesen und geschmaeht, gesegnet und verflucht worden wie der treue, furchtlose und unsterbliche Calvin. Er lebte in einem feurig-streitsuechtigen Zeitalter; er war der Wachturm der reformierten Bewegung Westeuropas, von ueberall scharf beobachtet und von allen Winkeln aus angegriffen. Die Leidenschaften von Religion und Sektiererei sind die schaerfsten ueberhaupt; da wir ueber Gut und Boese innerhalb der menschlichen Natur nur allzu gut Bescheid wissen, wird es uns nicht verwundern, wie Calvins Lehren und Schriften aufgenommen wurden. Mit erst sechsundzwanzig Jahren veroeffentlichte Calvin seinen Unterricht in der christlichen Religion in lateinischer Sprache. Die erste Ausgabe enthielt in kurzer Zusammenfassung schon alle wesentlichen Elemente seines Systems; wenn man seine Jugend bedenkt, war das eine unerhoerte intellektuelle, fruehreife Leistung. Spaeter wuchs das Werk auf das fuenffache an und wurde zuerst in Frankreich veroeffentlicht. Es enthielt immer noch alle Lehren der ersten Auflage. Beinahe sofort avancierte das Werk zum Aushaengeschild der protestantischen Verteidigung. Es gab andere Werke, die aber nur unzureichend waren; hier war eines, das die protestantische Bewegung als Ganze stuetzte. >>Der Wert dieses Werkes fuer die Reformation kann kaum ueberschaetzt werden. Nicht nur Protestanten, sondern auch Katholiken gaben die Bedeutung dieses Werkes zu. Die einen priesen es als groesste Wohltat, die anderen verwuenschten es mit bittersten Fluechen. Es wurde im Auftrag der Sorbonne in Paris und andernorts verbrannt. Ueberall fuehrte es zu heftigsten Streitereien in Wort und Schrift. Florimond de Raemond, ein roemisch-katholischer Theologe, nannte es >Koran, Talmud der Irrlehren und bedeutendster Grund des Abfalls.< Kampachulte, ein anderer Katholik, bezeugt, dass dieses Werk >das allgemein zugaengliche Arsenal darstellt, aus dem die Gegner der Alten Kirche ihre gefaehrlichsten Waffen holen<, und dass >kein Werk der Reformation von der roemischen Kirche mehr gefuerchtet, bekaempft und verfolgt worden ist als Calvins Istitutio<. Sein Erfolg zeigte sich dadurch, dass rasch Auflage auf Auflage folgte. Bald war es in die meisten europaeischen Sprachen uebersetzt und wurde zur wichtigsten Lektuere in den Schulen der Reformierten Kirche. Der ,Unterricht in der Christlichen Religion lieferte den Stoff zu den spaeteren Glaubensbekenntnissen.<< [361] >>Von allem, was Calvin der Menschheit geschenkt hatte -- und das war nicht wenig --, war das groesste unzweifelhaft dieses Glaubenssystem, dem er mit seinem Genius Leben eingehaucht hatte.<< [362] Die Protestanten nahmen die Institutio enthusiastisch auf als die klarste, staerkste, logischste und ueberzeugendste Verteidigung der christlichen Lehren seit den Tagen der Apostel. Schaff beschreibt das Werk so: >>Calvin schuf damit eine systematische Darlegung des christlichen Glaubens im Allgemeinen und eine Rechtfertigung des evangelischen Glaubens im Besonderen. Es war auf das apologetische und praktische Ziel abgestellt, den Protestantismus gegen Verleumdung und Verfolgung zu schuetzen, denen dieser speziell in Frankreich ausgesetzt war.<< [363] Das Werk ist durchdrungen von einer Ernsthaftigkeit und Furchtlosigkeit, dessen strenge Argumentation der menschlichen Vernunft und der Tradition strikt ihren Platz unter der hoechsten Autoritaet der Heiligen Schrift anweist. Es wird zugegeben, dass es das wichtigste Werk des Jahrhunderts darstellt; dieses Buch hatte immensen Einfluss in der Verbreitung des calvinistischen Gedankengutes. Albrecht Ritschl etwa nennt es das >>Meisterstueck protestantischer Theologie<<. Dr. Warfield hat berichtet, dass >>es auch noch nach dreieinhalb Jahrhunderten seine Ueberlegenheit als grossartigstes und einflussreichstes Werk aller dogmatischen Versuche darstellt. ... Selbst unter literarischen Gesichtspunkten nimmt es einen solchen Rang ein, dass jeder, der sich ueber die besten Buecher der Welt informieren will, es wird lesen muessen. Was Thukydides unter den Griechen oder Gibbon im achtzehnten Jahrhundert fuer Historiker, was Platon unter den Philosophen, was die Illias unter den epischen Werken oder Shakespeare unter den Dramatikern, das ist Calvins Institutio unter den theologischen Werken.<< [364] Es bewirkte grosse Bestuerzung innerhalb der roemischen Kirche und wurde zur einigenden Macht unter den Protestanten. Es machte Calvin zum faehigsten Verteidiger des Protestantismus und zum aussergewoehnlichsten Gegner, mit dem die Katholiken zu kaempfen hatten. In England erfreute sich eine unuebertroffene Mehrheit der Institutio. Bald wurde sie zum Lehrbuch der Universitaeten. Kaum spaeter war sie schon in neun europaeische Sprachen uebersetzt, und es ist nur dem banalen Umstand geringer Beachtung unter den Historikern zuzuschreiben, dass seine Wichtigkeit in den letzten Jahren so hatte verkannt werden koennen. Wenige Wochen nach der Veroeffentlichung der Institutio schrieb Martin Bucer, der dritte unter den deutschen Reformatoren, an Calvin: >>Es ist vollkommen klar, dass der Herr Euch als sein Werkzeug gebrauchen will, seine Kirche mit dem reichsten Segen zu beschenken.<< Luther selbst verfasste keine systematische Theologie. Obgleich seine Werke sehr umfangreich waren, behandelten sie meist vereinzelte Themen, die vielfach auf praktische Probleme seiner Zeit abzielten. Es war Calvin ueberlassen, eine systematische Theologie des evangelischen Glaubens zu verfassen. Zuallererst war Calvin ein Theologe. Er gilt neben Augustinus als einflussreichster Lehrer des christlichen Glaubens seit Paulus. Melanchthon, der Prinz der lutherischen Theologie, der nach dem Tod Luthers >>Praeceptor Germanie<< genannt wurde, nannte Calvin einfach >>den Theologen<<. Wenn auch die Sprache der Institutio manchmal unsanft klingt, dann muessen wir uns erinnern, dass das das Markenzeichen, aber auch die Schwaeche der damaligen theologischen Kontroverse war. Das Zeitalter Calvins war polemisch. Die Protestanten der damaligen Zeit hatten kein leichtes Leben; oft waren sie in toedliche Kaempfe mit Rom verstrickt; die Geduld wurde oft hart auf die Probe gestellt. Luther uebertraf Calvin allerdings noch in seiner polternden Art, wie wir gleich anhand seines Hauptwerkes "Vom unfreien Willen" sehen werden. Das Werk richtete sich in besonderer Weise gegen die Idee des Erasmus vom >>freien Willen<<. Es muss aber gesagt werden, dass kein Schrifttum jener Zeit so grob und beleidigend war wie die Exkommunikationsbeschluesse und Bannflueche der roemisch-katholischen Kirche, die diese gegen die Protestanten richtete. Zusaetzlich zu seinen Institutio verfasste Calvin Kommentare zu fast allen Buechern des Alten- und Neuen Testaments. Diese Kommentare umfassen in englischer Sprache fuenfundfuenfzig Grossbaende, die verglichen mit seinen anderen Werken geradezu erstaunlich sind. Die Qualitaet seiner Werke brachte ihnen bald den ersten Platz unter den exegetischen Schriften ein; unter allen aelteren Kommentaren wird niemand von den heutigen Theologen so oft zitiert wie Calvin. Er war ohne allen Zweifel der bedeutendste Theologe der Reformation. War Luther der Fuerst der Uebersetzer, so Calvin der Fuerst der Kommentatoren. Man sollte sich daran erinnern, wenn man den wahren Wert der Kommentare Calvins schaetzen will: sie fussten auf exegetischen Prinzipien, die zu seiner Zeit aeusserst sparsam gesaet waren. So sagt Reed: >>Er zeigte den Weg heraus aus der rein symbolischen Auslegung der Schrift, einer Methode, wie sie seit den fruehesten Jahrhunderten des Christentums gebraeuchlich war und wie sie von grossen Namen, von Origenes bis hin zu Luther praktiziert worden war. Dieses Auslegungsprinzip machte aus der Bibel was immer man wollte; eine lebendige Phantasie war hier die wichtigste Eigenschaft fuer die Auslegung.<< [365] Calvin hielt sich strikt an die Gedanken des jeweiligen Autors der Schrift und nahm an, dass der Autor jeweils einen bestimmten Gedanken im Sinn hatte, den er in seiner jeweiligen Alltagssprache niederschrieb. Unbarmherzig entbloesste er die verdorbenen Lehren und Praktiken der roemisch-katholischen Kirche. Seine Schriften inspirierten seine reformierten Freunde und versorgten sie mit toedlicher Munition. Calvins foerdernder und schuetzender Einfluss auf die Reformation kann kaum ueberschaetzt werden. Calvin war ein Meister der Patristik und der Scholastik. An den fuehrenden Universitaeten seiner Zeit gebildet, besass er gruendliche Kenntnis des Lateinischen und des Franzoesischen und konnte leidlich altgriechisch und hebraeisch. Seine grundlegenden Kommentare erschienen in franzoesischer und lateinischer Sprache; sie waren von ausgesuchter Gruendlichkeit, aufrichtig und voll Freimut; sie wiesen auf einen ausgewogenen und moderaten Autor hin. Genau wie Luthers Uebersetzung die deutsche Sprache massgeblich beeinflusst hatte, trugen auch Calvins Arbeiten zur Stabilisierung der damals noch auf etwas wackeligen Beinen stehenden franzoesischen Sprache bei. Wir duerfen auch ein anderes Zeugnis nicht vergessen, das des Arminius selbst, des Gruenders des gegnerischen Lehrgebaeudes. Ein solches Zeugnis ist ganz und gar unbefangen. Arminius sagte: >>Gleich nach dem Studium der Heiligen Schrift ermahne ich meine Schueler, die Kommentare Calvins zu studieren, die ich fuer noch hoeher einschaetze als selbst Helmicks (Helmick war ein hollaendischer Theologe); ich behaupte, dass er ein Verstaendnis der Schrift besitzt wie kein anderer und dass seine Arbeiten wesentlich hoeher eingeschaetzt werden muessen als alles, was wir aus der Bibliothek der Vaeter besitzen. Ich erkenne, dass er mehr als viele anderen, ja beinahe mehr als alle anderen die ausgezeichnete Gabe der Prophetie besitzt.<< [366] Der Einfluss Calvins ist auch noch auf die sehr umfangreiche Korrespondenz mit diversen Gemeindeleitern, Fuersten und Adeligen innerhalb des protestantischen Christentums zurueckzufuehren. Heute existieren etwa noch 300 Briefe aus dieser Zeit; es sind keine kurzen Briefe, sondern oft lange und sorgsam ausgearbeitete Abhandlungen, die in meisterlicher Weise seine verblueffenden Ansichten ueber Kirchenfragen und theologischen Fragen offenbarten. Dieser Umstand hat dazu beigetragen, dass er zum fuehrenden Reformator Europas wurde. Nachdem Calvin und Farel versucht hatten, ein zu strenges disziplinaeres System in Genf zu etablieren, mussten die beiden die Stadt zwei Jahre nach dem Eintreffen Calvins fuer eine Zeitlang zu verlassen. Calvin ging nach Strassburg im suedwestlichen Deutschland. Martin Bucer und die fuehrenden Reformatoren Deutschlands nahmen ihn mit offenen Haenden auf. Dort fuehrte er die naechsten drei Jahre ein stilles Leben als Professor, Pastor und Autor und kam das erste Mal mit Luthers Werken in Kontakt. Er hatte grosses Verstaendnis fuer die fuehrenden Lutheraner und fuehlte sich der Lutherischen Kirche aufs engste verbunden, obgleich ihn der Mangel an Disziplin und die Ergebenheit der Geistlichen gegenueber weltlichen Herrschern unangenehm beeindruckte. Spaeter verfolgte er den Gang der Reformation in Deutschland mit grossem Interesse, wie sein Briefwechsel und seine vielen Schriften zeigen. Waehrend seiner Abwesenheit von Genf verschlimmerten sich die Zustaende dort so sehr, dass die Fruechte der Reformation in ernste Gefahr gerieten und eine Rueckkehr nach Genf erforderlich schien. Nach vielem Draengen aus Genf folgte er diesem Ruf und setzte seine Arbeit da fort, wo er sie drei Jahre vorher liegen gelassen hatte. Die Stadt selbst, am gleichnamigen See gelegen, wurde zur Heimat Calvins. Hier, an den nahegelegenen, schneebedeckten Alpen, verbrachte er von nun an die meiste Zeit seines Lebens, und von hier aus nahm auch die Reformation ihren Weg durch ganz Europa und nach Amerika. In kirchlichen und in staatlichen Angelegenheiten uebte die verhaeltnismaessig kleine Schweiz grossen Einfluss aus. Calvins Einfluss in Genf gibt uns ein anschauliches Beispiel der veraendernden Kraft seines Lehrgebaeudes. Der bekannte Kirchenhistoriker Philip Schaff resuemiert: >>Die Genfer waren ein beschwingtes, frohes Volk, verliebt in oeffentliche Vergnuegungen wie Tanz, Gesang, Maskeraden und allerlei Gelagen. Sorglosigkeit, Trunkenheit, Ehebruch, Laesterung und alle Arten von Lastern waren an der Tagesordnung. Die Prostitution wurde von staatlicher Seite genehmigt und von einer Frau gefuehrt, die man "Reine de bordel" [367] nannte. Die Menschen befanden sich in grosser Unwissenheit. Die Priester unternahmen keinerlei Anstrengung, die Leute zu belehren, sondern gaben ihnen vielmehr ein schlechtes Beispiel.<< [368] Ein Blick auf die damalige Geschichtsschreibung zeigt, dass kurz vor Calvins Ankunft in Genf selbst die Moenche und sogar die Bischoefe sich vieler Verbrechen schuldig gemacht hatten, die heutzutage mit der Todesstrafe geahndet werden. Calvins Arbeit in Genf hatte Folgen: Bald ruehmte man die Stadt wegen des stillen, ordentlichen Lebens ihrer Buerger mehr als sie vorher fuer ihre Untaten beruechtigt war. Unter tausend anderen sass auch John Knox als bewundernder Schueler zu Calvins Fuessen und fand dort das, was er >>die vollkommenste Schule Christi, die seit den Tagen der Apostel auf Erden zustande gekommen ist<< nannte. Dank Calvins Arbeit wurde Genf zum Zufluchtsort vieler Verfolgter und zum Ausbildungsstandort des reformierten Glaubens. Fluechtlinge aus allen Laendern Europas stroemten herzu und trugen nachmals die klaren Lehren der Reformation nach Hause. Genf war das Zentrum ausstrahlen- der geistlicher Kraft und Ausbildung; es diente den umliegenden Laendern als Fuehrer und Lehrer. So sagt Bancroft: >>Der Menschheit wohlgesonnener als Solon und mit groesserer Selbstverleugnung, als sie einem Lykurg eignete, verstroemte der Genius Calvins bleibende Elemente innerhalb Genfs und machte diese Stadt zur unangreifbaren Festung oeffentlicher Freiheit -- die fruchtbare Saat der Demokratie.<< [369] Ein Zeugnis der Wirksamkeit des Einflusses, den Genf besass, findet sich in einem Brief des Katholiken Francois de Sales an den Herzog von Savoy, der darin die Notwendigkeit aeusserte, Genf als Hauptquelle aller Haeresien gegen die roemische Kirche auszuschalten: >>Die Heraetiker fliehen alle nach Genf, dem Zufluchtsort ihrer Religion. ... Es gibt keine andere Stadt in Europa, die der Irrlehre mehr Gelegenheit gibt, sich zu vergroessern. Diese Stadt ist die Pforte Frankreichs, Italiens und Deutschlands; Menschen aller Nationen finden sich dort: Italiener, Franzosen, Deutsche, Polen, Spanier, Englaender und Menschen aus noch ferner gelegenen Laendern. Man weiss, wie viele >Geistliche< dort herangezuechtet werden. Letztes Jahr sandte man zwanzig davon nach Frankreich. Sogar England bezieht seine Pfarrer jetzt schon aus Genf. Was soll ich ueber die prachtvollen Druckanstalten sagen, mittels deren Genf die umliegende Welt mit all seinem gottlosen Zeug ueberflutet, und das noch zu Preisen, die sich das gewoehnliche Volk leisten kann? ... Alles, was gegen das Heilige Meer und die katholischen Fuersten unternommen wird, nimmt seinen Anfang in Genf. Keine andere Stadt Europas nimmt so viele Abgefallene aller Disziplinen auf. Daher schliesse ich: die Vernichtung dieser Stadt wird den Haeresien ein gruendliches Ende bereiten.<< [370] Ein anderes Zeugnis stammt von einem der bittersten Feinde des Protestantismus, von Philip II. von Spanien. Er schrieb an den Koenig Frankreichs: >>Diese Stadt ist die Quelle allen Unheils fuer Frankreich, der gefaehrlichste Feind Roms. Ich werde jederzeit und mit aller Macht zur Verfuegung stehen, diese Stadt zu stuerzen.<< [371] Als der Herzog von Alva mit seiner Armee an Genf vorbeizog, bat ihn Papst Pius V., einen Abstecher dorthin zu machen und >>dieses Nest von Abtruennigen und Teufeln zu zerstoeren.<< Die beruehme Akademie von Genf oeffnete ihre Tore im Jahr 1559. Zusammen mit Calvin lehrten dort zehn faehige und erfahrene Professoren Grammatik, Logik, Mathematik, Physik, Musik und antike Sprachen. Die Akademie war bemerkenswert erfolgreich. Schon im ersten Jahr meldeten sich neunhundert Studenten an, meist Fluechtlinge aus den verschiedensten Laendern Europas, und fast genauso viele besuchten ihre theologischen Vorlesungen, um sich auf einen Dienst als Evangelist oder als Lehrer im eigenen Land vorzubereiten und dort eine Kirche nach dem Muster Genfs zu gruenden. Mehr als zweihundert Jahre lang blieb die Akademie in Genf die wichtigste Lehranstalt reformierter Theologie und literarischer Kultur. Calvin war der erste, der eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat forderte. Diese Forderung war von unschaetzbarem Wert. Die Reformation in Deutschland wurde von den Fuersten bestimmt; die Reformation in der Schweiz vom Volk, doch in beiden Faellen existierte ein gutes Auskommen zwischen den Fuersten und der Mehrheit des Volkes. Die Schweizer Reformatoren, die in Genf lebten, erarbeiteten eine freie Kirche in einem freien Land, waehrend Luther und Melanchthon mit ihrer natuerlichen Verehrung der Monarchie und des deutschen Imperiums passiven Gehorsam in politischen Fragen anordneten und somit die Kirche der staatlichen Macht unterordneten. Calvin starb 1564 im fruehen Alter von fuenfundfuenfzig Jahren. Beza, sein enger Freund und Nachfolger, beschreibt seinen Tod als ein friedliches Entschlafen: >>Mit Sonnenuntergang wurde dieses hell scheinende Licht der Kirche in den Himmel gerufen. Am darauf folgenden Tag war die Trauer und Bestuerzung sehr gross; die ganze Republik betrauerte ihren weisesten Buerger, die Kirche ihren vertrauten Hirten und die Akademie ihren unvergleichlichen Lehrer.<< [372] Schaff beschreibt Calvin als >>einen jener Menschen, die eher Respekt und Bewunderung als Zuneigung bewirkten; engere Bekanntschaft liess er gerne zu, familiaere Vertrautheit dagegen nicht. Je besser man ihn kennt, desto mehr muss man ihn schaetzen und bewundern.<< Ueber seinen Tod sagt Schaff: >>Calvin hatte ausdruecklich jeden Pomp an seinem Begraebnis verboten, auch, dass man ihm ueber seinem Grab ein Denkmal setzt. Er wollte wie Mose abseits jeglicher Moeglichkeit abgoettischer Verehrung begraben werden. Dies passte zu seiner Theologie, die den Menschen bescheiden hielt und Gott erhoehte.<< [373] Die genaue Stelle seines Grabes in Genf ist nicht bekannt. Ein einfacher Stein mit den Initialen >>J. C.<< zeigt dem Fremden, wo sich seine letzte Ruhestaette befindet, doch man weiss nicht mehr, auf wessen Initiative hin dieser Stein dorthin gesetzt worden ist, wo er heute steht. Er selbst verbat sich jedes Denkmal auf seinem Grab. Sein wahres Denkmal ist nach S. L. Morris >>jede republikanische Regierung auf der ganzen Erde, das oeffentliche Schulsystem aller Nationen und >die Reformierten Kirchen auf der ganzen Welt, die das presbyterianische System unterhalten.<<< [374] Nun muessen wir uns einem Ereignis zuwenden, das einen grossen Schatten auf diesen sonst so aufrechten Namen geworfen hat und welches ihm den Ruf der Intoleranz und Verfolgungswut eingebracht hat. Ich meine damit den Tod des Michael Servet, der sich waehrend des Wirkens Calvins in Genf ereignete. Dass dieser Tod ein Fehler war, wird allgemein zugegeben. Die Geschichte kennt nur eine einzige Person, die ohne Fehler war -- den Retter der Suender. Alle anderen Menschen haben das Zeichen der Schwaeche an sich, das es verbietet, sie zu verehren. Calvin ist allerdings oft zu hart angegriffen worden, so als ob es seiner Verantwortung allein zuzuschreiben sei, dass Servet nach einer zweimonatigen Gerichtsverhandlung von der gesamten Gerichtsbarkeit nach den geltenden Gesetzen der damaligen Christenheit verurteilt wurde. Weit davon entfernt, dass das Urteil in dieser Haerte vollstreckt werden sollte, forderte Calvin anstelle des Feuers das Schwert, doch er wurde ueberstimmt. Calvin und die Maenner seiner Zeit duerfen nicht einfach allein nach den fortschrittlichen Normen des zwanzigsten Jahrhunderts beurteilt werden, sondern muessen zu einem gewissen Teil im Lichte des sechzehnten Jahrhunderts gesehen werden. Wir haben im zivilen Bereich, aber auch in Bezug auf religioese Toleranz seither grosse Entwicklungen erlebt. Das betrifft auch die Gefaengnisreform, die Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels, des Feudalismus, der Hexenverbrennungen und die Verbesserung der Bedingungen der Armen, die zwar erst spaete Errungenschaften sind, jedoch auf das Christentum zurueckzufuehren sind. Die Fehler derer, die verteidigt und praktiziert haben, was heutzutage als intolerant kritisiert wird, waren die Fehler des ganzen damaligen Zeitalters. Der Fairness halber sollte man dem unvorteilhaften Eindruck ihres Charakters und ihrer Beweggruende nicht folgen; noch weniger aber sollte man sich ein Vorurteil gegen ihren Lehren ueber andere und wichtigere Themen erlauben. Die Protestanten hatten in ihrem Verteidigungskampf das roemische Joch abgeschuettelt. Intoleranz begegnete man oft mit Intoleranz. Die oeffentliche Meinung des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts war der Ansicht, die Regierung verfuege ueber das Recht, die Orthodoxie zu verteidigen und zu unterstuetzen und Haeresien zu bestrafen. Man war davon ueberzeugt, dass hartnaeckige Ketzer und Gotteslaesterer noetigenfalls auch durch die Todesstrafe unschaedlich gemacht werden muessen. Die Protestanten unterschieden sich diesbezueglich von Rom nur in ihrer Abweichung der Definition von Irrlehre und in einem wesentlich milderen Strafsystem. Ketzerei hielt man als eine Suende gegen die Gesellschaft, die manchmal schlimmer zaehlte als Mord, denn waehrend der Moerder nur den Koerper zerstoerte, konnte eine Irrlehre auch die Seele zu Fall bringen. Heutigentags verfolgen wir das andere Extrem: Die oeffentliche Meinung ist bezueglich Wahrheit und Irrtum recht >>weitherzig<< geworden. [375] Im achtzehnten Jahrhundert kam staerkere Toleranz auf. England und Holland uebernahmen in Sachen oeffentlicher Freiheit die Fuehrung; die Verfassung der Vereinigten Staaten erledigte den Rest, indem sie alle christlichen Denominationen vor dem Gesetz gleichstellte und ihnen auch gleiche Rechte einraeumte. Alle fuehrenden Reformatoren seiner Zeit stimmten Calvins Vorgehen in Bezug auf Michael Servet zu. Melanchthon, der fuehrende Theologe der Lutherischen Kirche, rechtfertigte das Vorgehen Calvins und des Rates zu Genf wiederholt und lobte diese Vorgehensweise als modellhaft. Ein Jahr nach Servets Tod schrieb er an Calvin: >>Ich habe Euer Buch gelesen, in dem Ihr aus tiefstem Herzen die ekelhaften Laesterungen Servets widerlegt habt. ... Die Kirche schuldet euch grossen Dank -- dies wird sie Euch bis in die spaeteste Nachwelt schulden. Ich bin voll und ganz Eurer Meinung. Ich stimme auch Eurem Untersuchungsrichter zu: die Strafe ist diesem Manne nach der ordnungsgemaessen Untersuchung zurecht widerfahren.<< [376] Martin Bucer, der an dritter Stelle unter den deutschen Reformatoren rangiert, dann Bullinger, ein enger Freund und wuerdiger Nachfolger Zwinglis, aber auch Farel und Beza in der Schweiz unterstuetzten Calvin. Luther und Zwingli waren bereits gestorben; man kann fragen, ob sie der Exekution Servets wohl zugestimmt haetten? Jedenfalls haben Luther und die Wittenberger Theologen der Todesstrafe gegen einige Wiedertaeufer in Deutschland zugestimmt -- sie sahen in ihnen gefaehrliche Irrlehrer; -- wohl haetten sie die Grausamkeit der Strafe erkannt, doch sie zogen diese Grausamkeit jener vor, den Dienst am Wort samt dem Koenigreich der Welt zu zerstoeren. Zwingli hatte gegen die Todesstrafe gegen eine Gruppe von sechs Wiedertaeufern in der Schweiz nichts einzuwenden gehabt. Die oeffentliche Meinung hat seither eine grosse Wendung erfahren -- die Exekution Servets, die von den besten Maennern des sechzehnten Jahrhunderts begruesst worden war, wurde im neunzehnten Jahrhundert verdammt. Wie ich vorher erwaehnt habe, war die katholische Kirche jener Zeit vollkommen intolerant gegen die protestantische Welt. Die Protestanten waren gezwungen, diesem Beispiel in gewissen Ausmass und zum Zweck ihrer Verteidigung zu folgen. Zu den katholischen Verfolgungen schreibt Philip Schaff: >>Wir brauchen uns nur der Verfolgungen der Albigenser und Waldenser erinnern, die von Innocent III. angeordnet worden waren, eines der besten und groessten Paepste, an die Folterungen und autos-da-fe der spanischen Inquisition, die mit religioesen Festivitaeten einhergingen -- mehr als fuenfzigtausend Protestanten wurden allein waehrend der Regierungszeit des Herzogs von Alva in den Niederlanden 1567-1573 ermordet. Viele hundert Maertyrer wurden in Smithfield unter der Regierung der ,Bloody Mary verbrannt; erinnern wir uns an die wiederholten Massenverurteilungen der unschuldigen Waldenser in Frankreich und am Piemont, die nach Vergeltung zum Himmel schreien. Man wird die Verantwortlichkeit dieser Massaker wohl vergeblich der Regierung in die Schuhe schieben duerfen. Papst Gregor XIII. gedachte der Massaker zu St. Batrholomae nicht nur mit einem Te Deum in den Kirchen Roms, sondern ganz freimuetig und wiederholt mit einer Medaille, die >Die Schlachtung der Hugenotten< durch einen Engel des Zorns zeigt.<< Er fuegt hinzu: >>Die roemische Kirche hat ihre Macht und zum grossen Teil auch ihre Neigung verloren, mit Feuer und Schwert zu verfolgen. Einige ihrer hoechsten Wuerdentraeger lehnen das Prinzip der Verfolgung strikt ab, speziell in Amerika, wo sie sich der Wohltat der Religionsfreiheit erfreuen koennen. Doch die roemische Kurie hat offiziell ihre Theorie niemals aufgegeben, auf der die Praxis der Verfolgungen basiert. Ganz im Gegenteil haben viele Paepste seit der Reformation ihren Standpunkt bestaetigt. ... In einem Anhang zu seiner Enzyklika von 1864 verdammt Papst Pius IX ausdruecklich jegliche religioese Toleranz und Freiheit. [377] Im Vaticanum I. wurde dieser Papst offiziell fuer unfehlbar erklaert und mit ihm alle seine Vorgaenger (selbst der verbohrte Honorius I.) samt Nachfolgern auf dem Stuhle Petri.<< [378] Woanders sagt Dr . Schaff: >>Wenn Katholiken Calvin verurteilten, dann deshalb, weil sie ihn hassten, und sie verurteilten ihn gerade dafuer, weil er in diesem Punkt wie sie selbst gehandelt hatte.<< [379] Servet war Spanier und Gegner des Christentums, egal ob in roemisch-katholischer oder protestantischer Form. Schaff bezeichnet ihn als >>rastlosen Fanatiker, pantheistischen Pseudo-Reformator, der dreisteste und auch gotteslaesterlichste Irrlehrer des sechzehnten Jahrhunderts.<< [380] Schaff weist auch darauf hin, dass Servet ein >>stolzer Abweichler war, streit- und rachsuechtig und respektlos in seiner Sprache, hinterlistig und verlogen. Servet warf das schimpfliche Papsttum und die Reformatoren in denselben Topf.<< [381] Bullinger sagte, selbst wenn Satan aus der Hoelle kaeme, koennte er die Dreieinigkeit nicht gotteslaesterlicher beschimpfen als der Spanier. Der Katholik Bolsec nennt Servet in einer Arbeit ueber Calvin einen >>sehr arroganten und unverschaemten Menschen. ... ein monstroeser Irrlehrer<<, der den Tod verdient habe. Servet floh aus Vienne in Frankreich nach Genf. Noch waehrend der Prozess gegen ihn in Gange war, erhielt der Rat eine Nachricht aus Vienne: Die katholischen Richter uebersandten ihm eine Kopie des unterzeichneten Todesurteils, das Servet sich schon dort zugezogen hatte, und baten den Rat, ihnen Servet wieder auszuliefern, damit sie das Todesurteil an ihm vollstrecken koennten, wie sie es in effigie und an seinen Buechern schon vollzogen hatten. Der Rat lehnte das Ansuchen zwar ab, versprach jedoch, der Gerechtigkeit Genuege zu tun. Servet zog es vor, in Genf vor Gericht gestellt zu werden, da er in Vienne nur den Scheiterhaufen zu erwarten hatte. Vielleicht hatte die Nachricht aus Vienne den Rat die Orthodoxie noch eifernder verfechten machen: Man wollte in dieser Hinsicht der roemischen Kirche in nichts nachstehen. Bevor Servet nach Genf ging, hatte er Calvin durch eine Reihe von Briefen auf sich aufmerksam gemacht. Eine Zeitlang antwortete Calvin diesen Briefen auch recht ausfuehrlich, doch als er sah, dass seine Ermahnungen nicht zum beabsichtigten Ziel fuehrten, stellte er die Korrespondenz ein. Servet richtete seine Briefe indessen weiter an Calvin, allerdings wurden seine Schreiben immer arroganter und manchmal auch beleidigend. Er bezeichnete Calvin als den Papst des Protestantismus, den zu bekehren oder zu stuerzen er sich berufen sah. Zu der Zeit, als Servet nach Genf kam, war die Partei der Libertinisten an der Regierung. Die Libertinisten standen in Opposition zu Calvin. Servet plante, der Partei beizutreten und Calvin mit ihrer Hilfe zu vertreiben. Calvin spuerte die Gefahr, die ihm da drohte, war aber nicht geneigt, Servet seine Irrtuemer verbreiten zu lassen. Er erachtete es als seine Pflicht, einen so gefaehrlichen Mann unschaedlich zu machen und beschloss, ihn zum Widerruf zu bringen oder ihn der gerechten Strafe zuzufuehren. Servet wurde eingesperrt und vor Gericht gestellt. Calvin uebernahm den theologischen Teil des Prozesses; Servet wurde der Verbreitung fundamentaler Irrlehren und der Gotteslaesterung ueberfuehrt. Waehrend des langen Gerichtsprozesses steigerte sich Servets Stolz noch und er begann, Calvin mit primitivsten Mitteln des Missbrauchs zu zeihen. [382] Die Richter verurteilten Servet zum Tod durch Feuer. Calvin plaedierte vergeblich, die Strafe anstelle des Feuers durch das Schwert zu vollstrecken; die Verantwortung fuer die Todesart liegt daher allein auf dem Rat. Dr. Emile Doumergue, der Autor von "Jean Calvin", dem ausfuehrlichsten und wichtigsten Werk ueber Johannes Calvin, das je publiziert wurde, sagt ueber den Tod Servets folgendes: >>Calvin liess Servet bei dessen Ankunft in Genf verhaften und trat als Anklaeger gegen ihn auf. Er wollte zwar, dass Servet zum Tod verurteilt wird, wenn er auch nicht den Feuertod wollte. Am 20. August 1553 schrieb Calvin an Farel: >Ich hoffe, dass Servet zum Tode verurteilt wird, doch moechte ich ihm gerne die Todesqualen ersparen.< -- Damit meinte er das Feuer. Farel antwortete ihm am 8. September: >Deine Milde teile ich nicht gerne.< Er warnte Calvin vor zuviel Nachsichtigkeit: >Darin, dass du Servet diese Grausamkeit ersparen moechtest, erweist du dich ihm gegenueber als Freund, der doch dein groesster Feind ist. Ich ermahne dich aber, zu bedenken, dass in Zukunft niemand mehr die Frechheit besitzen soll, solche Irrlehren zu verbreiten und bei Straffreiheit solche Muehe darauf verwenden kann, wie dieser Mann es getan hat.< ... Calvin aenderte auf diesen Brief Farels zwar seine Meinung nicht, konnte das Urteil aber dennoch nicht verhindern. Am 26. Oktober schrieb er an Farel: >Morgen wird Servet hingerichtet. Wir haben vergeblich unser Bestes getan, das Urteil abzumildern. Wenn wir uns das naechste mal treffen, erzaehle ich dir, weshalb wir keinen Erfolg hatten.<<< [383] >>Der Tadel, der Calvin zumeist trifft -- Servet verbrannt zu haben -- trifft ihn zu zu Unrecht, da er gerade gegen eine Verbrennung Servets gewesen war. Er tat, was er konnte, Servet den Scheiterhaufen zu ersparen. Welch Schimpf und Schande hat der Tod Servets Calvin aber eingebracht! Tatsache ist, dass man von der Hinrichtung Servets, waere sie ohne Feuer geschehen, wohl kaum solche Notiz genommen haette.<< Doumergue berichtet weiters, dass der Tod Servets >>der Fehler seiner Zeit war, ein Fehler, an dem Calvin keinen Anteil hatte. Die Todesstrafe selbst wurde erst aufgrund des Urteils der Schweizer Kirchen ausgesprochen, darunter einige waren, die Calvin ganz und gar nicht gut gesinnt waren (obgleich sie sich in dieser Sache einig waren). ... Darueber hinaus stammte das Urteil von einem Rat von Maennern, deren Mehrzahl Freidenker und erklaerte Feinde Calvins waren.<< [384] Dass Calvin jede Verantwortung zurueckwies, ist aus seinen spaeteren Schriften ersichtlich. >>Wie alle ehrbaren Maenner zugeben werden, habe ich seit der Ueberfuehrung Servets, Irrlehren zu verbreiten, kein einziges Wort ueber seine Strafe gesagt<<, schrieb er einmal. [385] In einer spaeteren Antwort gegen einen Angriff auf ihn erklaerte er: >>Ich bin sehr besorgt, wegen meiner Grausamkeit angeklagt zu werden. Den Grund dafuer kenne ich nicht, doch meine ich, es ist wegen des Todes eures grossen Meisters, Servets. Doch dass ich selbst mich dafuer eingesetzt habe, dass Servet ein solcher Tod erspart werde, dessen sind die Richter Zeugen. Darunter befinden sich derzeit auch zwei erklaerte Freunde und Verteidiger Servets.<< [386] Vor der Verhaftung Servets und waehrend der Fruehphase des Prozesses sprach sich Calvin noch fuer die Todesstrafe aus; hauptsaechlich begruendete er diese Ansicht auf das mosaische Gesetz, das da lautet: >>Wer des HERRN Namen laestert, der soll des Todes sterben<< (3 Mo 24,16). Calvin war der Ansicht, dieses Gebot sei so bindend wie der Dekalog selbst und auch im Falle der Laesterung zu befolgen. Er ueberliess das Urteil jedoch ganz dem Rat. Dieser hielt Servet fuer den groessten Feind der Reformation und hielt es fuer Recht und Pflicht des Staates, jedermann zu bestrafen, der dermassen gegen die Kirche vorging. Er fuehlte sich verantwortlich, die Kirche von aller Korruption zu reinigen, und bis zum Tag von Servets Tod aenderte er weder seine Meinung, noch bedauerte der Rat sein Urteil gegen Servet. Dr. Abraham Kuyper, hollaendischer Staatsmann und Theologe, aeusserte vor einigen Jahren vor einem amerikanischen Publikum ein paar Gedanken, die der Erwaehnung wert sind: >>Die Pflicht der Regierung, jede Form von falschem Glauben und Goetzendienst auszurotten, war keine calvinistische Idee, sondern datiert sich zurueck auf ein Urteil Konstantins des Grossen. Sie verstand sich als Reaktion auf die grausamen Verfolgungen seiner Vorgaenger auf dem Kaiserthron, die diese gegen die Sekte des Nazareners angestiftet hatten. Seit diesen Tagen ist diese Ansicht von allen roemisch-katholischen Theologen verteidigt und von allen christlichen Fuersten befolgt worden. Zu Zeiten Luthers und Calvins war man allgemein davon ueberzeugt, dass dies die richtige Vorgehensweise sei. Jeder renommierte Theologie jener Zeit -- allen voran Melanchthon -- befuerwortete den Feuertod Servets; das Schafott etwa, das die Lutheraner fuer Kreel, einen Vollblut-Calvinisten, aufgerichtet hatten, ist vom protestantischen Standpunkt weit verwerflicher. ... Waehrend zur Zeit der Reformation die Calvinisten zu Zehntausenden ihr Leben am Schafott und am Scheiterhaufen lassen mussten (der Lutheraner und Katholiken waren es so wenige, dass sie im Vergleich dazu kaum zu erwaehnen sind), hat sich die Geschichtsschreibung einer kapitalen Ungerechtigkeit schuldig gemacht, jenen einen Feuertod des Servet als crimen nefandum [387] hinzustellen. ... Ich bedaure nichtsdestotrotz jenen einen Fall nicht nur, sondern missbillige ihn unbedingt, aber nicht etwa als Aus- druck calvinistischer Vorgehensweise, sondern im Gegenteil als schreckliche Nachwirkung eines Systems aus einer grauen Zeit, die der Calvinismus so vorgefunden hatte, in der er gross geworden ist und von der er sich nicht ganz hat loesen koennen. [388] Wenn wir diesen Fall also im Lichte des sechzehnten Jahrhunderts betrachten, jeden Aspekt fuer sich, etwa die Zustimmung der anderen Reformatoren, aber auch die allgemeine Zustimmung der Oeffentlichkeit, die jede Toleranz auch gegenueber religioesem Indifferentismus verabscheute und die die Todesstrafe fuer hartnaeckige Haeretiker und Gotteslaesterer forderte, den Aspekt, dass auch die roemisch-katholischen Autoritaeten der Vorgehensweise im Falle Servet zustimmten, dann aber auch den Charakter und die Haltung Servets gegenueber Calvin, seine Absicht, nach Genf zu ziehen, um dort fuer Unruhe zu sorgen, das Urteil der Todesstrafe, ausgesprochen von einem Rat, der nicht Calvins Kontrolle unterstand und Calvins Plaedoyer fuer eine mildere Strafe --, wenn wir diesen Fall also wie gesagt im Licht dieses sechzehnten Jahrhunderts betrachten, so kommen wir zum Schluss, dass Calvin, sofern er fuer jenes Ereignis verantwortlich ist, aus reinem Pflichtgefuehl gehandelt hat und dass seine Verantwortlichkeit weit geringer ist, als man gemeinhin annimmt. Darueber hinaus sind wir froh, sagen zu koennen, dass dieser Vorfall nicht nur der einzige ist, sondern auch der einzige Vorfall dieser Art, der mit Calvin in Verbindung gebracht wird. __________________________________________________________________ [357] Philip Schaff, The Swiss Reformation, S. 312. [358] Ebd., S. 322. [359] Ebd., S. 348. [360] Reed, Calvin Memorial Addresses, S. 34. [361] Ebd., S. 20. [362] Benjamin Breckinridge Warfield (Artikel), The Theology of Calvin, S. 1. [363] Philip Schaff, The Swiss Reformation, S. 330. [364] Warfield, Calvin and Calvinism, S. 8, 374. [365] Reed, Calvin Memorial Addresses, S. 22. [366] Zitiert aus James Orr, Calvin Memorial Addresses, S. 92. [367] Bordellkoenigin (A. d. Ue.). [368] Quelle nicht angegeben. [369] Bancroft, Miscellanies, S. 406. [370] Vie de ste. Francois de Sales, par son neveu, S. 20. [371] Quelle nicht angegeben. [372] Quelle nicht angegeben. [373] Schaff, The Swiss Reformation, S. 826. [374] Quelle nicht angegeben. [375] Die Toleranz der Moderne tolerierte die Person und verteidigte ihr Recht auf oeffentliche Meinungsaeusserung, selbst im Fall kontraerster Ansichten; die Postmoderne hat dieses Prinzip zugunsten eines relativistischen Wahrheitsbreis verkehrt: Hier toleriert man jede >>Wahrheit<<, nicht aber, dass jemand gegen eine solche >>Wahrheit<< opponiert (A. d. Ue.). [376] Quelle nicht angegeben. [377] Gemeint ist die Enzyklika Quanta Cura und dessen Anhang Syllabus Errorum, in welchem sich Pius IX im Besonderen gegen die Demokratie des 19. Jahrhunderts als Weltanschauung wendet. Es handelt sich bei jenem Syllabus um eine Liste von 80 Ansichten, die Papst Pius IX als Irrlehre verdammt (A. d. Ue.). [378] Philip Schaff, History of the Swiss Reformation, S. 669, 698. [379] Quelle nicht angegeben. [380] Philip Schaff, The Creeds of Christendom, Bd. 1., S. 464. [381] Philip Schaff, The Swiss Reformation, Bd. 2., S. 787. [382] Ebd., S. 778. [383] Opera, XIV, S. 590, 613-657. [384] Doumergue, Article, What Ought to be Known About Calvin?, Evangelical Quarterly, Jan. 1929. [385] Opera, VIII., p. 461. [386] Calvins Calvinism, S. 346. [387] Abscheuliches Verbrechen (A. d. Ue.). [388] Abraham Kuyper, Lectures on Calvinism, S. 129. __________________________________________________________________ 11) Schluss Wir haben den Calvinismus nun in beachtlichem Masse untersucht und seinen Einfluss auf die Kirche, den Staat, die Gesellschaft und die Bildung eindruecklich nachgewiesen. Wir haben uns auch mit den Einwaenden beschaeftigt, die allgemein gegen dieses Lehrgebaeude vorgebracht werden: Wir haben aber auch gesehen, welch praktische Wichtigkeit diese Lehren haben. Es bleiben noch einige wenige generelle Betrachtungen zu erwaehnen. Die Ueberpruefung von Individuen und Systemen kann mit Christi eigenen Worten erfolgen: >>An ihren Fruechten werdet ihr sie erkennen.<< Der Calvinismus und all seine Anhaenger werden sich einem solchen Test nur allzu gerne unterziehen. Leben und Einfluss derer, die sich zum Reformierten Glauben bekennen, sind wohl die besten und schluessigsten Argumente zu ihren Gunsten. Smith bezieht vom >>begnadet lebendigen und ueberbordenden Calvinismus, den Schoepfer der modernen Welt, die Mutter zahlloser Helden, Heiliger und Maertyrer, welchen die Geschichte als grossartigstes Glaubenssystem kroent, indem sie den Baum an seinen Fruechten beurteilt. [389] Die Geschichte ist hier ohne Vorurteil: Der Calvinismus formt den Charakter und verkuendet den Nationen die Freiheit -- darin ragt er unter allen religioesen Systemen der Welt hervor. Wenn wir die Liste der grossen Maenner unseres eigenen Landes ansehen, dann finden wir eine betraechtliche Anzahl an Praesidenten, Gesetzgebern, Juristen, Autoren, Herausgebern, Lehrern und Geschaeftsleuten, die dieser Kirche angehoeren. Jeder unparteiische Historiker wird zugeben, dass es die protestantische Revolte gegen Rom war, die der modernen Welt den ersten Vorgeschmack religioeser und ziviler Freiheit gegeben hat und dass all jene Nationen, die am meisten in den Genuss jener Freiheiten gekommen sind, auch jene sind, die am staerksten unter dem Einfluss des Calvinismus standen. Die Quelle ziviler und religioeser Freiheit, die sich dem Calvinismus verdankt, erreicht nun die breite Front der modernen Geschichte. Wenn wir Laender wie England, Schottland und Amerika mit Laendern wie Spanien und Italien vergleichen, die niemals unter den Einfluss des Calvinismus gekommen sind, treten die Unterschiede sehr klar zutage: Der oekonomische und auch moralische Druck der roemisch-katholischen Kirche hat das allgemeine Leben stagnieren lassen; auch ist die Geburtenrate ist so weit zurueckgegangen, dass diese Voelker kaum mehr Wachstum zu verzeichnen haben, waehrend die Bevoelkerungszahl in den anderen Laendern staendig gestiegen ist. Ein kurzer Blick auf die Kirchengeschichte oder besser auf die protestantischen Glaubensueberzeugungen zeigt, dass gerade jene Ueberzeugungen zur Reformation und deren Segen gefuehrt hatten, die heute unter dem Namen >>Calvinismus<< bekannt sind. Wer die Geschichte Europas und Amerikas kennt, wird der erstaunlichen Aussage Dr . Cunninghams gerne zustimmen: >>Nach Paulus hat Calvin wohl das meiste fuer die Welt getan.<< Dr. Smith hat sehr schoen gesagt: >>Wenn wir uns daran erinnern, dass wir unsere Freiheit, unseren protestantischen Glauben und unser christliches Zuhause der Muehe und dem Blut Maennern diesen Glaubens zu verdanken haben, sollte dies die Gegner des Calvinismus eigentlich zum Schweigen bringen. Der geneigte Leser wird wissen, dass diese drei Gueter den Grund der besten und groessten Errungenschaften unserer modernen Welt gelegt haben. Er wird vielleicht ueber den impliziten Anspruch erschrocken sein, dass unsere gegenwaertige christliche Zivilisation nichts als die Frucht des Calvinismus darstellt.<< [390] Ich wiederhole lediglich die klare Aussage der Geschichte, wenn ich behaupte, dass der Calvinismus der Glaube von Heiligen und Helden war. So sagt Froude: >>Zu jeder Zeit waren die Calvinisten die einzigen Protestanten, die fuer ihren Glauben gekaempft hatten. Sie waren es, die aus ihrem Glauben den Mut fassten, fuer die Reformation einzutreten; ohne sie waere die Reformation verloren gewesen.<< [391] Waehrend Jahrhunderte geistiger Tyrannei tausende Opfer einforderten, waehrend sich der Protestantismus Englands, Schottlands, Hollands und der Schweiz mit dem Schwert verteidigen musste, war einzig der Calvinismus in der Lage, mit der Grossmacht der roemischen Kirche fertig zu werden. Die ungleiche Zahl seiner Maertyrer zaehlt zu einer seiner herrlichsten Kronen. In einer Ansprache der methodistischen Konferenz gegenueber der Presbyterianischen Allianz von 1896 hiess es: >>Ihre Gemeinschaft ist in der Tat bemerkenswert und inspirierend: Nicht nur einzelne Helden, sondern ganze Generationen treuer Seelen waren bereit, um Christi und seiner Wahrheit willen freimuetig Gefaengnis und selbst Tod in Kauf zu nehmen. Diese seltene Ehre schaetzen sie mit vollem Recht als kostbarsten Teil ihres unbezahlbaren Erbes.<< [392] McFetridge bemerkt dazu: >>Kein anderes Glaubenssystem auf Erden kann so ausgezeichnete Maertyrer auflisten. ... Fast jeder, der die Flammen der Verleugnung seines Glaubens oder der Befleckung seines Gewissens vorzog, war nicht nur ein ergebener Nachfolger Christi, sondern auch ein Nachfolger jenes Dieners Gottes, der Genf zum Licht Europas gemacht hatte -- Johannes Calvins.<< [393] Die moderne Welt schuldet der geistlichen Vitalitaet und Fruchtbarkeit dieses Systems grossen Dank. Erst in den letzten Jahren ist man auf diese Tatsache aufmerksam geworden, doch wird man nicht dankbar genug sein koennen. Ich habe gesagt, dass die calvinistische Theologie freiheitsliebende Voelker hervorbringt. Wo der Calvinismus vorherrscht, verliert der Despotismus jegliche Grundlage. Der Calvinismus hat wie erwartet die Kirchenstruktur sehr bald schon revolutioniert: Nicht einzelne, ausgewaehlte Herrscher sollten die Kirche regieren, sondern ein Aeltestenrat, der sich aus der Wahl aller ergibt. So war die Religion unter den Menschen, nicht ueber ihnen. Ueber die Effizienz dieser >>Regierungsform<< sagt der katholische Erzbischof Hughes aus New York: >>Obgleich es meine Pflicht ist, die Autoritaet der Generalversammlung fuer eine Usurpation zu halten, muss ich doch dem allgemeinen Urteil ueber diese Organisation zustimmen: Nach politischem Ermessen steht die Fuehrungsqualitaet dieser Gemeinschaft der des Kongresses nur wenig nach. Sie strahlt vom Zentrum nach aussen; darin ist sie unter allen Denominationen des Landes einzigartig.<< [394] Von der Freiheit und der Verantwortlichkeit der Kirche zur Freiheit und Verantwortlichkeit des Staates war es nur ein kleiner Schritt; historisch gesehen sah der Freiheitsgrund niemals tapferere und entschlossenere Maenner als die Nachfolger Calvins. >>Der Calvinismus ist keine Traeumerei und kein theoretischer Glaube. Ganz gegen die Ansicht seiner Gegner fuehrt er nicht dazu, dass seine Anhaenger die Haende in fatalistischer Gleichgueltigkeit in den Schoss legen und die Noete ihrer Naechsten missachten. Auch fuehrt er nicht dazu, die schreienden Uebel zu ignorieren, die wie ein scheussliches Geschwuer auf der Gesellschaft liegen.<< [395] Wo immer der Calvinismus hinkam, folgten ihm wundersame moralische Veraenderungen. Reinheit, Maessigung, Fleiss, Mildtaetigkeit -- darin hat es den Calvinisten niemand gleichgetan. James Anthony Froude zaehlt zu den faehigsten Historikern und Schriftstellern Englands. Er lehrte einige Jahre in Oxford, Englands beruehmtester Universitaet. Er war kein Calvinist, sondern seine Schriften waren derart, dass man von ihm oft als von einem Gegner des Calvinismus gesprochen hat. Er pflegte allerdings keine Vorurteile, und die unqualifizierten Angriffe auf den Calvinismus, die in den letzten Jahren so populaer geworden sind, erregten in ihm jene Ungeduld, wie sie einem redlichen Gelehrten wohl ansteht. Er sagte einmal: >>Ich fordere alle heraus, einmal darueber nachzudenken: Wie hat es wohl dazu kommen koennen, dass dem Calvinismus gerade in dieser letzten Zeit einige der grossartigsten Maenner anhingen, die je gelebt haben, wenn er tatsaechlich jener harte und unvernuenftige Glaube ist, als der er von der modernen Aufklaerung geschildert wird? Wie kann es sein, dass jener Calvinismus, dem man solch fatale Moral nachsagt, weil er ja den freien Willen leugnet, wie kann es sein, frage ich, dass er bei seinem ersten Aufkommen immer gleich jeden Unterschied zwischen Suende und Verbrechen zu eliminieren trachtet und das moralische Gesetz nicht nur fuer Einzelpersonen, sondern auch fuer den Staat aufzurichten bestrebt ist? Wenn dieser Glaube angeblich zur Knechtschaft des Geistes fuehren soll, wie kann es dann sein, dass gerade er Maenner inspiriert hat, die heldenhaftesten Versuche zu unternehmen, jedes Joch ungerechter Herrschaft zu zerschlagen? Wenn alles vergeblich war, wenn der Patriotismus sein Angesicht in den Staub gebeugt hat und wenn aller menschlicher Mut gesunken ist, wenn der Verstand nichts mehr als >ein Laecheln oder ein Seufzen< (Gibbon) hervorbringt und nur mehr im Verborgenen philosophieren will und nach aussen hin nur Abgeschmacktes vertritt, wenn Sinn, Gefuehl und eine eingebildete Froemmigkeit zu Handlangern des Aberglaubens geworden sind und sich in einen Zustand hineingetraeumt haben, in dem man nicht mehr zwischen Wahrheit und Luege unterscheidet -- gerade dann kam jene sklavische Form des Glaubens, die man Calvinismus nennt, und errichtete eine unbeugsame Front gegen Sin- nestaeuschung und Verlogenheit. Lieber liess sich dieser Glaube zerreiben wie ein Feuerstein, als dass er sich der Gewalt beugte oder den zermuerbenden Versuchungen nachgab.<< [396] Zur Illustration erwaehnt Froude Willhelm den Schweiger, Luther, Calvin, Knox, Coligny, Cromwell, Milton und Bunyan. Ueber sie urteilt er: >>Diese Maenner besassen alle Eigenschaften, die die menschliche Natur auszeichnen koennen. Es waren Maenner aufrechter Lebensart und ehrlichen Verstandes, deren oeffentliches Ansehen nicht von Selbstsucht befleckt war; ihre Gerechtigkeit, obgleich von weiblicher Milde, hielt allen Anforderungen stand. Sie waren freimuetig, wahrhaftig, entgegenkommend, humorvoll und jeglichem Fanatismus abhold. Sie waren ganz einfach in der Lage, jene Seite anzuschlagen, die die Herzen aller Mutigen und Treuen Europas zum Schwingen brachte.<< [397] Wenden wir unsere Aufmerksamkeit nun dem Calvinismus als missionarischer Kraft zu. Es darf als allgemeiner Pruefstein fuer Glaubenslehren gelten, inwiefern ihre evangelistischen Bemuehungen im Vergleich mit anderen Systemen zum Erfolg gefuehrt haben. Es ist die Hauptaufgabe einer Kirche, Suender dieser Welt zur Rettung zu fuehren und sie zu praktischer Gottesfurcht zu bekehren. Ein System, das diesen Anspruechen nicht genuegen kann, hat hier keinen Platz, ganz egal, wie bemerkenswert es sonst sein mag. Die erste Erweckung, die dreitausend Menschen zur Umkehr fuehrte, ereignete sich waehrend einer Predigt des Petrus zu Jerusalem, der an die Menschen Worte wie diese richtete: >>Diesen, der nach Gottes festgesetztem Ratschluss und Vorsehung dahingegeben worden war, habt ihr genommen und durch die Haende der Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und getoetet<< (Apg 2,23). Als sich die Juenger etwas spaeter zum Gebet versammelten, beteten sie: >>Ja, wahrhaftig, gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, haben sich Herodes und Pontius Pilatus versammelt zusammen mit den Heiden und dem Volk Israel, um zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss vorher bestimmt hatte, dass es geschehen sollte<< (Apg 4,27f.). Das ist Calvinismus reinsten Wassers. Die naechste grosse Erweckung der Kirche, die im vierten Jahrhundert von Augustinus ausging, basierte auf den gleichen Lehren, wie jeder leicht nachpruefen kann, der sich mit der Literatur dieser Zeit beschaeftigt. Die Reformation, die allgemein als groesste Erweckung des wahren Glaubens seit neutestamentlicher Zeit gilt, naehrte sich von der gruendlich praedestinatianischen Predigtweise Luthers, Zwinglis und Calvins. Es ist Calvins und Admiral Colignys Verdienst, die erste protestantische Auslandsmission inspiriert zu haben -- die Expedition nach Brasilien im Jahr 1555. Es stimmt: Das Unternehmen erwies sich als erfolglos; auch verhinderten die Religionskriege Europas ein neuerliches Unternehmen in absehbarer Zeit. McFetridge hat uns einige interessante und vergleichsweise unbekannte Fakten ueber das Entstehen der Methodistenkirche hinterlassen. Er berichtet: >>Wenn wir ueber die Methodistische Kirche sprechen, dann sprechen wir von einer Erweckung. Nicht Wesley jedoch, sondern Whitefield, ein kompromissloser Calvinist, war ihr erster Leiter. Er war juenger als Wesley, doch er war es, der zuerst auf die Felder hinausging und grosse Volksmengen um sich versammelte. Er sammelte Gelder und baute Kapellen. Whitefield war es auch, der Wesley um Hilfe bat. Er hatte viel Ueberzeugungsarbeit zu leisten, bevor er die bestehenden Vorurteile gegen diese Bewegung ueberwinden konnte. Whitefield begann sein grosses Werk in Bristol und in Kingswood; seine Anhaengerschaft zaehlte nach Tausenden. Man war schon damit beschaeftigt, Gemeinden zu organisieren, als Wesley zu Hilfe gerufen wurde. Wesley war ein Mann grossen Eifers, in vieler Hinsicht ein grossartiger Geistlicher. Er glaubte an die Kindertaufe und verlangte, dass die >Dissenters< [398] sich erneut taufen liessen, bevor er ihnen den Eintritt in seine Gemeinde gewaehrte. Er konnte sich nicht vorstellen, wo anders als in einer Kirche zu predigen. Wie er es einmal ausgedrueckt hatte, hielt er die Errettung der Seelen beinahe fuer eine Suende, wenn sie nicht im Innern einer Kirche geschah. Als Whitefield Wesley einlud, in aller Oeffentlichkeit zu predigen, schreckte Wesley zunaechst davor zurueck. Spaeter aenderte er seinen Sinn, doch erst, nachdem er sich aufgrund eines Ereignisses dazu entschieden hatte, das viele als aberglaeubisch bezeichnen wuerden. Er und sein Bruder Charles oeffneten ihre Bibel an einer zufaelligen Stelle, um so zu einer Entscheidung zu gelangen. Doch die Texte wollten dazu keine Stellung nehmen. Daraufhin nahmen sie zu anderen Methoden Zuflucht: sie warfen Lose. Sie fielen zugunsten Whitefields. Dieser Art war der Anfang jenes Werkes, das so grossen Bekanntheitsgrad erlangte und seitdem ehrenvoll mit dem Namen Wesley verbunden ist. ... Die Methodistenbewegung verdankt Whitefield so viel, dass er auch >der calvinistische Gruender des Methodismus< [399] genannt wurde. Bis zum Ende seines Lebens galt daher auch Whitefield als der Repraesentant der Bewegung, zumindest unter den Gebildeten. In seinen >Letters< spricht Walpole nur einmal von Wesley, wenn er von der Gruendung des Methodismus handelt, von Whitefield dagegen unzaehlige Male. In seiner Lehrveranstaltung ueber den Methodismus nennt Mant diesen eine vollkommen calvinistische Angelegenheit. Weder die Prinzipien, noch die urspruengliche Kraft dieser Bewegung sei auf Wesley zurueckzufuehren. Die oeffentliche Predigt, die der Bewegung ihren unverkennbaren Stempel aufdrueckte und sie mit der notwendigen Kraft ausstattete, die im Kampf gegen ihre Feinde so siegreich sein sollte, war Whitefields Einfall, waehrend Wesley noch gehoerigen Widerwillen gegen diese Methode zeigte. Der damaligen Hoeflichkeit gemaess waren >Calvinismus< und >Methodismus< noch austauschbare Begriffe; die Methodisten wurden einfach fuer eine weitere Sekte der Presbyterianer gehalten. ... Es war der Calvinismus, nicht der Arminianismus, der die grossartige Glaubensbewegung in Gang gesetzt hatte, aus der spaeter die Methodistische Kirche erwuchs, soweit man ueberhaupt sagen kann, dass die Gruendung auf ein Glaubenssystem zurueckzufuehren ist. Waehrend Wesleys Werk innerhalb der neuen Bewegung geehrt und hochgehalten werden muss, sollte nicht vergessen werden, dass es der grosse Calvinist George Whitefield war, der der Kirche zu ihrer Entstehung und ihrem unverwechselbaren Charakter verhalf. Haette er laenger gelebt und waere er nicht davor zurueckgeschreckt, als Gruender einer Kirche gelten zu sollen, wie vieles haette sich anders entwickelt! Whitefield versammelte ganze Gemeinden, um es anderen zu ueberlassen, sie in Kirchstrukturen zu organisieren; er baute Versammlungsraeume, die andere nutzten, um darin zu predigen.<< [400] Wenn wir die Fremdenmission betrachten, wird sehr schnell klar, dass es dieses Glaubenssystem war, welches den groessten Einfluss in der Verbreitung des Evangeliums in heidnische Nationen ausuebte. Paulus, der von liberaleren Gegnern des Calvinismus als derjenige gehalten wird, der fuer die spezifisch calvinistische Theologie verantwortlich zeichnet, war ueberhaupt der groesste und einflussreichste Missionar. Wenn wir uns die Liste der heldenhaften protestantischen Missionare vor Augen fuehren, sehen wir, dass sie fast ausschliesslich Juenger Calvins aufzaehlt. Wir finden darauf Carey und Martyn in Indien, Livingstone und Moffat in Afrika, Morrison in China, Paton in der Suedsee und viele andere mehr. Diese Maenner bekannten keinen statischen, sondern einen dynamischen Calvinismus; der Calvinismus war nicht nur ihre Lehre, sondern auch ihr Leben. In Bezug auf die Fremdenmission sagt Dr. F. W. Loetscher einmal: >>Obwohl wir wie alle unsere Schwesterkirchen Grund genug haben, im Hinblick auf unsere noch nie da gewesenen Moeglichkeiten und im Hinblick auf die schreckliche Heillosigkeit heidnischer Laender zu bedauern, dass wir nicht viel mehr vollbracht haben, duerfen wir zumindest Gott dafuer danken, dass unsere geehrten Vorvaeter einen solch grossartigen Anfang in der Weltmission gesetzt haben; die calvinistischen Kirchen uebertreffen in dieser Hinsicht alle anderen christlichen Glaubensgemeinschaften. Insbesondere unsere Denomination hat die Ehre und das Vorrecht, sich in seiner weitreichenden Verantwortlichkeit von allen anderen nichtchristlichen Religionen absetzen zu koennen; sie hat das Evangelium auf mehreren Kontinenten, unter mehr Nationen, Voelkern und Sprachen gepredigt als jede andere evangelische Vereinigung der Welt.<< [401] Das mag einigen nach unangemessener Uebertreibung schmecken; ich dagegen zoegere nicht, zu behaupten: Ueber die Jahrhunderte war es der Calvinismus in seiner Furchtlosigkeit und in seinem Festhalten der gesunden Lehre, welcher die wahre Staerke der Gemeinde Christi gewesen ist. Die traditionell hohen Normen der calvinistischen Kirchen, was die Ausbildung und Kultivierung ihrer Diener anlangt, hat dazu gefuehrt, eine grosse Ernte zu Fuessen Jesu zu versammeln, und zwar nicht in voruebergehender Begeisterung, sondern als Fruechte des ewigen Bundes. An seinen Fruechten gemessen hat sich der Calvinismus als groesste evangelistische Kraft der Weltmission herausgestellt. Die Feinde des Calvinismus koennen das Zeugnis der Geschichte nicht anfechten. Dieses Glaubenssystem hat der modernen Geschichte ein ruehmliches Kapitel hinzugefuegt. Etwas Edleres hat die Geschichte nicht aufzuweisen. Henry Ward Beecher [402] schreibt: >>Den Liberalen ist es seit jeher wie ein Mysterium vorgekommen, wie gerade die Calvinisten, denen ja Starrheit und Unnachgiebigkeit der Lehre nachgesagt wird, die groessten Verfechter der Freiheit gewesen seien. Das Freiheitsstreben derer, die die calvinistischen Prinzipien angenommen hatten, musste ihnen raetselhaft erscheinen. Die Wahrheit liegt aber darin, dass der Calvinismus getan hat, was keine Denomination vor ihm geschafft hat: Er stellte der Menschheit das hoechste Ideal der Menschlichkeit vor Augen und bekaempft den Weg zur Verdammnis mit den staerksten Waffen, die man sich denken kann. ... Beispiellos betont er die Individualitaet des Menschen und zeigt ueberzeugend und in klarstem Licht, in welcher Verantwortung der Mensch gegenueber Gott und in welcher Beziehung er zur Ewigkeit steht. Er zeigt den Menschen als ein Geschoepf, das mit dem Eintritt ins Leben eine gewaltige Verantwortung uebernimmt und der auf dem Wege zu seinem Grabe nur einen einzigen Trost erlangen kann: den Himmel zu erlangen und der Hoelle zu entfliehen. ... Der Calvinismus sieht den Menschen von den staerksten Maechten belastet und bedraengt. Der Mensch ist auf dem Wege in die Ewigkeit, bald wird er entweder im Himmel gekroent oder muss in der Gluthoelle der ewigen Verdammnis verschmachten -- dies ist seine Ewigkeit. Wer darf da den Menschen binden? Finger weg vom Menschen! Lass ihn gehen, oder du hinderst ihn unter Lebensgefahr deiner eigene Seele! Lass ihn seine Suche nach Gott in Freiheit durchfuehren. Misch dich nicht in sein Leben oder in seine Rechte ein. Lass ihn seine Erloesung bewirken, wie er es zu tun findet. Keine Hand darf sich erdrueckend auf ein Geschoepf dieser Menschheit legen, einer Menschheit, deren Ziel entweder ewige Herrlichkeit oder ewige Verdammnis ist.<< [403] Um einen anderen eloquenten Artikel anzufuehren: >>Dieser Baum mag dem voreingenommenen Auge knorrig und rau erscheinen, ein Baum, dessen Aeste sich gnadenlos in seltsamste Gebilde verdrehen. Aber man bedenke: Dieser Baum ist keine Weidenrute, die erst kuerzlich aus der Erde geschossen ist. Die Aeste dieses Baumes haben den Stuermen eines ganzen Jahrtausends getrotzt; sein Stamm traegt die Spuren von Blitz und Donner und seine Rinde die Narben von Streitaxt und Geschoss. Ja, dieser alten Eiche fehlt die seidenweiche Anmut und Biegsamkeit eines Treibhausgewaechses, doch ihre Majestaet steht ueber dieser Anmut, ihre Groesse jenseits blosser Schoenheit. Ihre Wurzeln moegen seltsam verdreht erscheinen, doch einige haben das Blut glorreicher Schlachtfelder getrunken; manche davon ranken sich um die Scheiterhaufen ihrer Maertyrer, einige winden sich, zeigen die Einsamkeit der Bibliotheken, in denen tiefe Denker gegruebelt und gebetet haben wie Johannes auf Patmos; seine grosse Hauptwurzel dagegen windet sich in lebendiger und liebevoller Umarmung um das Kreuz von Golgatha. Seine Aeste moegen knorrig sein, doch sie sind bekleidet mit dem Staerksten und Reichsten, was die Geschichte der Zivilisation und der Christenheit zu bieten hat.<< [404] Dies ist keine leere Lobrede auf den Calvinismus. Jeder unparteiische und gebildete Beobachter der Geschichte wird die oben geschilderten Tatsachen zugeben muessen. Der Autor dieses Buches fuegt die Worte Dr. E. W. Smiths hinzu, der am Ende des Kapitels ueber die Fruechte dieses Bekenntnisses in seinem Buch "The Creed of Presbyterians" gesagt hat, jene Tatsachen und Beobachtungen seien >>nicht dazu da, die Eitelkeit der Konfessionen zu befoerdern, sondern unsere Herzen mit Dankbarkeit gegenueber Gott zu erfuellen fuer all das, was geschehen ist und was uns jetzt vor Augen steht; ein Umstand, der Grund genug fuer edle Gesinnung gibt und vor allem unsere Herzen in Brand setzen soll fuer jenes grossartige Bekenntnis, das mit Gottes Hilfe den Grundstein Amerikas und der modernen Welt gelegt hat.<< Abschliessend darf ich sagen, dass der Leser mit einer sehr >altmodischen< Theologie in Beruehrung gekommen ist, einer Theologie, die so alt ist wie die Bibel selber, ja aelter selbst als die Welt, da doch der Plan zur Erloesung seit jeher im ewigen Ratschluss Gottes verborgen ist. Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, dass die Lehren, die hier verfochten und verteidigen werden, erschreckend sind -- und doch sind sie auch wunderbar. Ihre Kraft reicht aus, den schlafenden Suender zu wecken, der sein ganzes Leben lang waehnt, er koenne die Sache mit Gott so lange vor sich herschieben, wie er nur will. Ihre Kraft reicht auch aus, den schlafenden >>Heiligen<< zu erschrecken, der sich der Taeuschung seiner eigenen, fleischlichen Religion mit toedlicher Gelassenheit hingegeben hat. Warum auch sollten sie kein Erstaunen erregen? Wimmelt die Natur nicht von Wundern? Warum denn nicht auch die Offenbarung? Es bedarf nur geringer Bildung, um zu sehen, welch erstaunliche Fakten die Wissenschaft ueber die Natur zu berichten hat, die der Ungebildete nur schwer begreift oder sie gar fuer unmoeglich haelt. Warum sollte es sich bei der Wahrheit der Offenbarung und beim geistlich Ungebildeten anders verhalten? Wenn das Evangelium einen Menschen nicht aufschreckt, verbluefft und entsetzt, dann ist es nicht das wahre Evangelium. Wer ist je von den Lehren des Arminianismus in Erstaunen versetzt worden, dessen Lehren behaupten, dass der Mensch selbst ueber sein Schicksal entscheidet? Es wird nicht ausreichen, diese Lehren einfach zu ignorieren oder sie zu verspotten, wie viele es tun. Die Frage ist: Sind diese Lehren wahr? Wenn ja, weshalb dann der Spott? Wenn sie aber falsch sind, dann soll man das beweisen. Wir schliessen mit dem Satz, dass jenes grosse Glaubenssystem, das Calvins Namen traegt, nichts weniger ist als die Hoffnung der ganzen Welt. __________________________________________________________________ [389] Smith, The Creed of Presbyterians, S. 7. [390] Ebd., S. 74. [391] Quelle nicht angegeben. [392] Quelle nicht angegeben. [393] McFetridge, Calvinism in History, S. 113. [394] Presbyterians and the Revolution, S. 140. [395] Warburton, Calvinism, S. 78. [396] Froude, Calvinism, S. 7. [397] Ebd., S. 8. [398] Zu den "Dissenters" zaehlten Andersdenkende, die sich ihrer abweichenden Meinung wegen von der Amtskirche getrennt hatten. Dazu zaehlten u. a. John Bunyan, John Knox, Daniel Defoe, Matthew Henry und Joseph Priestly (A. d. Ue.). [399] Der Methodismus stellt heutzutage vielfach eine Heiligungsbewegung dar, die sich als Arminianismus in klarer Abgenzung zum Calvinismus versteht (A. d. Ue.). [400] Calvinism in History, S. 151-153. [401] Ansprache vor der Generalversammlung der Presbyterianischen Kirche in den USA, 1929. [402] Ein amerikanischer Prediger und Bruder Harriet Beecher-Stowe's, der Autorin von Onkel Toms Huette (A. d. Ue.). [403] Plymouth Pulpit, Article, Calvinism. [404] Power and Claims of a Calvinistic Literature, S. 35, Zitiert aus Smith, The Creed of Presbyterians, S. 105. __________________________________________________________________ __________________________________________________________________ This document is from the Christian Classics Ethereal Library at Calvin College, http://www.ccel.org, generated on demand from ThML source. References 1. http://www.betanien.de/ 2. http://www.desiringgod.org/Search/?search=TULIP&x=0&y=0 3. http://www.heiligenlexikon.de/Literatur/Martin_Luther_unfreier_Willen.htm 4. http://www.the-highway.com/calvin's_calvinism_index.html 5. http://www.Calvinismus.de/